Mehr Vatersein wagen – Kinderarzt startet ungewöhnliche Männergruppe

Ein Kinderarzt beobachtet wachsende Verunsicherung bei Eltern – und sieht vor allem ein Problem: Väter fehlen oft als klare Bezugsperson. Mit einer besonderen Gruppe will er das ändern – und stößt auf großen Bedarf.

„Vielen Kindern fehlt das klare männliche Pendant,“ begründet Dr. Ralf Brügel, weshalb er im März 2022 in Schorndorf eine Väter-Gruppe gegründet hat. In der Geburtsstadt von Gottlieb Daimler ist der 54-Jährige seit 2006 Kinderarzt in eigener Praxis. Mit seiner Kollegin beschäftigen die beiden drei angestellte Ärztinnen. Der Vater dreier erwachsene Töchter repräsentiert damit drei Kassensitze. Hatte der eingefleischte Fan des VfB Stuttgart 2006 noch 750 Kinder pro Quartal abgerechnet, sind es heute 4000.

Verunsicherte Eltern

Eltern seien heute oftmals verunsicherter als vor 20 Jahren, erklärt sich der Kinderarzt, der aktuell eine zweijährige Zusatzausbildung in Kinder- und Jugendpsychotherapie macht, die gestiegene Zahl. Auch, um den Eltern mehr Gelassenheit einerseits und Klarheit andererseits zu vermitteln, hält er die Väter-Gruppe für wichtig. „Anfangs hatten wir 30 Interessenten, aber das regulierte sich schnell auf maximal zehn Teilnehmer und ein gewisses Stammpublikum je Abend herunter,“ sagt Brügel. Denn wer teilnimmt, braucht Mut und Bereitschaft, bei sich selbst genau hinzuschauen, sich dem Urteil der Gruppe auszusetzen und den Fragen des Gestalttherapeuten, der die Gruppe von Anfang an mitleitet. Dabei setzen sich die Teilnehmer fast zwangsläufig mit dem eigenen Vater und der eigenen Kindheit auseinander und reflektieren die Werte, die sie ihren Kindern weitergeben möchten. Brügel: „Oft stellen die Männer fest, dass ihre Vorstellungen von Erziehung kaum deckungsgleich sind mit den Vorstellungen der Mütter.“ Das mache aber nichts, sondern sei gutes Material, um mit der Partnerin ins Gespräch zu kommen. Hier klärten sich oft Missverständnisse, die im Alltag zwischen den Eltern zuvor zu Machtkämpfen geführt hatten. Der Kinderarzt gibt ein Beispiel: „Was die Mütter bei den Vätern oft für Leichtsinn halten, ist in Wahrheit deren Verständnis davon, dem eigenen Nachwuchs mehr Selbstbewusstsein zu vermitteln und weniger korrigierend einzugreifen.“ Beides seien lohnenswerte Ziele.

Seiner Intuition folgen

In der Gruppe gewinnen die Väter mehr Sicherheit, ihrer männlichen Intuition zu folgen. Und sie korrigieren Glaubenssätze, dass bspw. ihre Frauen mehr Ahnung von Erziehung hätten als sie selbst. Der Kinderarzt, der einst über ein psychiatrisches Thema promoviert hat: „Auch viele Mütter erziehen eher aus der Vermeidung heraus, es eben nicht so zu machen, wie sie es in ihrer Kindheit erlebt haben.“ Das sei aber noch kein Plan und zu viel Fürsorge verhindere, dass das Kind wichtige Erfahrungen macht, die seinen Selbstwert prägen.

Der Arzt, der regelmäßig an Kindergärten und Schulen Vorträge hält zum Umgang mit Smartphone und Social Media, profitiert selbst von den Gesprächen in der Väter-Gruppe und der Gemeinschaft, die er hier erlebt. Manches aus dem privaten Alltag kläre sich schon beim Zuhören und Befindlichkeiten würden ihm bewusst, um wahrzunehmen, was ihn irritiert, ängstigt oder wütend macht. Ursprünglich hatte Brügel, der dem Vorstand des ortsgrößten Sportvereins angehört, Sportreporter oder Sozialarbeiter werden wollen. Doch dem Vater, einem selbstständigen Architekten, schienen beide Berufe nicht solide genug. Und nachdem der Sohn ein 1,0-Abitur gemacht hatte, spürte er die Erwartung seiner Eltern, etwas „Seriöses“ zu studieren und entschied sich für Medizin.

Konflikte wagen

„Aus heutiger Sicht ist mir bewusst, dass ich meinen Eltern gefallen wollte und den Konflikt scheute,“ lacht der Kinderarzt, der während des Studiums viermal ohnmächtig wurde, weil er kein Blut sehen konnte. Entsprechend wählte er die Fachrichtung, die auch Psychotherapie hätte werden können. „Den Teil hole ich jetzt mit meiner Weiterbildung und der Väter-Gruppe nach,“ resümiert der 54-Jährige, der seit der Pandemie jeden Freitag ein Video auf seiner Facebookseite veröffentlicht, in dem es um Kinder, Erziehung und Gesundheit geht. Von Tochter zu Tochter sei er übrigens selbst ein besserer Vater geworden, weil er souveräner wurde.

Diese Erfahrung gibt er heute den jungen Vätern und in seinen Videos weiter: Die Kinder mehr machen lassen, dem Leben vertrauen, sich selbst mehr zeigen. Auf seine im März 2022 initiierte Väter-Gruppe in Schorndorf gehen mittlerweile drei weitere Gründungen zurück, davon zwei im selben Rems-Murr-Landkreis sowie eine in Ludwigsburg, die jeweils einen kirchlichen oder sozialen Träger haben. Brügel: „Die haben alle gemerkt, dass der Bedarf groß ist und man mit dem Angebot Männer zwischen 26 und 42 Jahren erreicht, die sonst nie zu diesen Institutionen kämen.“

Leonhard Fromm leitet als Gestalttherapeut mehrere Männer- und Väter-Gruppen. Feste wie Geburtstag, Weihnachten, Ostern oder Silvester sind dort immer wieder Thema – und wie unbefriedigend diese ablaufen. der-lebensberater.net, kinderarztpraxis-schorndorf.de

Wenn Männer ausrasten – und was ihre Wut wirklich verrät! Ein Psychologe klärt auf

Bei Kleinigkeiten unkontrolliert ausflippen? Viele Männer reagieren genau so. Ein Psychologe erklärt, wie solche Wut entsteht und wie Männer lernen können, ruhig zu bleiben.

Warum fällt es vielen Männern so schwer, ihre Wut gesund auszudrücken, ohne sie zu unterdrücken oder unkontrolliert auszuleben?

Es ist wichtig zu unterscheiden, dass wir Männer, genau wie Frauen auch, eine angemessene Wut haben und eine unangemessene Wut. Eine angemessene Wut ist eine Wut, die zur Situation passt. Jedes Gefühl, jede Emotion hat eine Funktion. Wenn wir hilflos sind oder uns ohnmächtig fühlen, dann passt die Wut in der Regel zur Situation. Das heißt, wenn wir schon dreimal Nein gesagt haben und Menschen dies übergehen, dann kann es sein, dass wir wütend werden. Oder wir haben bereits eine halbe Stunde an einer Sache rumgefriemelt und dann fällt wieder alles auseinander, dann kann es sein, dass ich irgendwann genervt oder wütend werde. Das ist dann angemessene Wut.

Und was ist dann unangemessene Wut?

Das ist eine Wut, die eigentlich gar nicht aus der Situation stammt, sondern sie piekst eine Wunde bei mir an, die ich von früher habe. Wenn ich ausraste, weil die Partnerin einfach nur meine Lieblingsschokolade im Supermarkt vergessen hat oder ein Mitarbeiter einen Fehler gemacht hat, dann passt dies nicht zur Situation, dann könnte sich eine Kindheitswunde dahinter verbergen.

Wie sieht dann eine reife Reaktion auf die Wut? Wegatmen oder mit Techniken beruhigen?

Das ist eine kurzfristige, aber auf die Dauer unbefriedigende Lösung, denn auf die Dauer behandeln wir so nur die Symptome. Wenn wir Glück haben, erleichtert es den Moment, aber das Problem werden wir damit nicht los. Es ist wie mit einem Rückenleiden. Ich kann mir bei Schmerzen die Bandscheiben operieren lassen, doch wenn ich nicht genügend Muskeln, zu viel Übergewicht oder ’ne schlechte Haltung habe, dann ist das Risiko groß, dass die Beschwerden wiederkehren. Das Gleiche gilt auch für die Wut.

Plötzlich schwillt der Kamm an, kocht das Gemüt wieder über …

Richtig. Wir haben hier so eine Kurve. Und irgendwann, egal wie erwachsen ich im Kopf bin, wenn die Emotion zu hoch ist, schaltet die Ratio aus. Und dann wird dieses innere Stoppschild „Ah, ich will ruhig bleiben und ich wollte es doch mal anders machen“ überfahren. Es ist gut, wenn Menschen sich Hilfetechniken für die Akutsituationen aneignen, doch auf lange Sicht macht es Sinn, einfach das Risiko fürs unkontrollierte Explodieren zu senken.

Welche Erfahrungen oder Kindheitsprägungen begünstigen besonders, dass Männer später Schwierigkeiten mit unangemessener Wut haben?

Wenn die Wut der Signalgeber für eine Wunde ist. Eine Wunde könnte sein: Das, was du willst, ist immer egal. Es könnte aber auch sein, dass mir ständig gesagt wurde: Mach das so, lass das sein, ich habe dir doch gesagt, du kannst das nicht … Manche Menschen werden dadurch unterwürfig und sagen immer „Ja und Amen“. Andere kriegen dann Probleme mit Autoritäten. Das heißt, wenn ihnen dann heute jemand sagen will, was sie zu tun haben, rasten sie aus. Die Wut, die heute ausbricht, privat, aber auch im gesellschaftlichen Raum, hängt oft mit Wunden von früher zusammen.

Wie können Männer der Wut auf die Spur kommen?

(schmunzelt) Wenn jemand zu mir ins Coaching käme mit dem Thema, würde ich ihn bitten, mir die letzten 3, 4 oder 5 Situationen zu erzählen, wo die Person explodiert ist. Den Mustern kommt man am besten von außen auf die Spur, von außen kann man Menschen praktische Selbsthilfe geben.

Welche konkreten Schritte empfehlen Sie, um festgefahrene emotionale Muster bei sich selbst zu erkennen und im besten Fall aufzulösen?

Das kommt ein bisschen drauf an. Wenn ich in der Lage bin, die Dinge kognitiv einzuordnen, mir sagen kann, dieses oder jenes, was mir die Wut diktiert, ist doch eigentlich nicht so, dann habe ich schon viel gewonnen. Aber für einige Menschen ist dies noch kein Weg. Für sie wäre es hilfreich, den Weg durch die Kindheit noch zu durchschreiten.

Dafür empfehlen Sie einen Fünf-Schritte-Prozess …

(lacht) Sie haben sich eingelesen.

Ja!

Im ersten Schritt gilt es herauszufinden, welche Prägung habe ich eigentlich mitbekommen. Aus meiner Sicht gibt es elf verschiedene Kindheitsprägungen. Das ist dann wie beim Arzt, ich muss erst mal rausfinden, was kaputt ist. Ist es das Knie, die Sehne, der Knochen. In einem zweiten Schritt will ich die Ursprungssituationen für meine Prägungen finden, denn wenn ich weiß, was ich damals aufgesammelt habe, kann ich es auch heute loslassen. Im dritten Schritt geht es darum, die Ursprungssituation zu entmachten. Entmachten heißt, ich weiß noch, dass es passiert ist, aber es wiegt emotional nicht mehr so schwer, ich lasse es los. Viertens braucht es dann eine Arbeit an den inneren Glaubenssätzen. Als fünftes folgt die Verhaltensänderung. Erst, wenn ich mich anders verhalte, dann werde ich auch ein anderes, heileres Leben leben können.

Gibt es typische Warnsignale im Alltag oder im Berufsleben, an denen Männer merken können, dass ihre Wut nicht von heute stammt?

Wenn Männer das Gefühl haben, alle um sie herum sind wahnsinnig, dann sollten sie einmal schauen, ob sie nicht vielleicht doch einen Anteil haben, weil die Wahrscheinlichkeit klein ist, dass alle am Rad drehen. Das heißt nicht, dass sie sich gleich schlecht oder gar schuldig fühlen müssen. Und doch kann es gut sein, sich die Frage zu stellen: Was ist mein Anteil? Ansonsten realisieren viele Menschen aus meiner Sicht sehr schnell: ‚Oh Mann, jetzt bin ich wieder ausgerastet und ich wollte es doch eigentlich nicht und das ist doch eigentlich auch nicht notwendig.‘

Wie könnten Partnerschaften, Familien oder Kollegen profitieren, wenn Männer lernen, gesünder mit ihrer Wut umzugehen?

Wenn sie das hinbekommen, dann haben Kollegen und Mitarbeiter weniger Stress, weil sie weniger unter diesen starken Gefühlsausbrüchen leiden, dann haben Ehepartner oder Kinder weniger Angst vor den unangemessenen Ausbrüchen. Wenn Männer sich der Herkunft ihrer Wut stellen, zahlt sich das für alles aus.

Wenn Sie Männern einen einzigen praktischen Tipp geben könnten, um heute besser mit ihrer Wut umzugehen, welcher wäre das?

Wenn ich nichts anderes sagen darf, dann sage ich: Schlaft so gut wie möglich!

Warum?

Wenn ich zusätzlich zu meinen Prägungen auch noch schlecht geschlafen habe, dann senkt der Schlafmangel meine Emotionsregulationsfähigkeit. Alle Emotionen verstärken sich, werden schlimmer, wenn ich nicht geschlafen habe. Genügend Schlaf ist ein riesiger Hebel. Schlafe ich besser, dann habe ich weniger Risiko unkontrolliert auszuflippen.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Die Fragen stellte Rüdiger Jope, Chef-Redakteur des Männermagazins MOVO.

Ramón Schlemmbach ist klinischer Psychologe (M.Sc.) und einer der führenden Experten für emotionale Kindheitsprägungen im deutschsprachigen Raum. Über 700.000 Menschen folgen ihm auf seinen verschiedenen Social Media-Kanälen, seine Expertise ist in Podcasts und TV-Sendungen gefragt.
ramon-schlemmbach.de

Männer, lasst euch feiern! Weil wir es uns wert sein dürfen

Warum tun sich viele Männer so schwer, ihren Geburtstag zu feiern? Denn eigentlich lohnt es sich!

Alle Jahre wieder – das bekannte Weihnachtslied und der wiederkehrende Rhythmus: Da ist er wieder. Mein Geburtstag. Will ich ihn feiern? Oder lieber nicht? Wenn ja, wen will ich einladen? Und Geschenke. Ich habe doch alles. Wie will ich eigentlich den Tag gestalten? Eine Kiste Bier, Fleisch auf dem Grill – reicht. Verdammt, jetzt soll ich mich entscheiden: Wie um alles in der Welt will ich meinen Geburtstag feiern? Jedes Jahr die gleichen Fragen.

Ein verdrängtes Kracherthema

Ich bin seit Jahren Leiter einer Gruppe „DIE Männerreise – Abenteuer Identität“. Innerhalb der Mitarbeiterrunde brachte ich die Idee ein: Lasst uns mal über unsere Geburtstage und wie ich diese feiern will, sprechen. Die Mitarbeiter waren skeptisch, ob das ein lohnenswertes Thema sei. Wir wurden alle überrascht. Das Thema wurde der Kracher. Warum? Wir stellten fest, dass 80 % der anwesenden Männer in irgendeiner Art Mühe mit der eigenen Geburtstagfeier hatten. Die ganzen Fragen von oben waren da dabei. Und es gab noch viel mehr. Warum tun wir Männer uns mit dem Feiern so schwer?

Ich tat mich viele Jahre mit dem Feiern schwer, weil ich nie gefeiert wurde. Ich habe Entwertung und auch leider Gewalt in meiner Familie erlebt. Das bedeutete, dass ich viele Jahre meines Lebens die Frage in mir trug: Bin ich es wert? Bin ich es wert, beschenkt zu werden? Bin ich es wert, dass wegen mir andere Menschen zu meinem Geburtstag kommen? Zu mir, wegen mir? Ein anderes Thema war für mich auch: Das, was ich mir wünsche, ist nicht so wichtig. Immer wieder bekam ich Schlafanzüge. Ätzend. Das machte mich zu einem überzeugten Festemuffel. Zudem konnte ich mir nur schwer etwas schenken lassen.

Irgendwann mit Mitte 40 bekam ich einen Anflug. Ich sagte mir: Nicht ausweichen Karsten! Ich fing an, mir drei Monate vor meinem Geburtstag Gedanken zu machen: Wie will ich feiern? Mit wem? Wie an diesem Tag? Was wünsche ich mir? Wie soll der Tag ablaufen? Das plötzliche Thema für mich war: Ich will (klingt das komisch?) mich würdigen! Ich möchte das Leben und mich feiern (lassen). Denn – man glaube es kaum: Ich bin es wert! Die Sache bekam Füße und wurde ein richtiger Erfolg, für mich und meine Beziehungen.

Vom Feiervermeider zum Festgenießer

Und seitdem feiere ich jedes Jahr anders, mal groß oder mal klein. Diesmal lag mein Geburtstag in den Ferien. Die Freunde waren alle im Urlaub. Dann geht’s auch eine Nummer kleiner. Meine Familie weiß: Ich liebe Frühstück. Ich wünschte mir von meiner Frau, meinen Kindern und der Schwiegertochter ein üppiges Buffet. Leute, es wurde lecker. Und ich formulierte vorher einen Wunsch an jeden: Bereite dich bitte darauf vor, von dir persönlich zu erzählen. „Was habe ich in den letzten Monaten erlebt? Was waren meine Highlights und was waren wirkliche Herausforderungen für mich?“ Dafür haben wir uns gegen Ende des Frühstücks ausführlich Zeit genommen. Ihr könnt euch vorstellen: Das brauchte Zeit, aber es war wunderbar zu erleben, wie Tiefe an einer solchen Feier entsteht. Für den Nachmittag hatte ich mir von jedem 1,5 Stunde Pause fürs Schlafen und Zeit für mich haben gewünscht. Als Highlight reservierte ich abends einen Tisch für uns fünf in einem israelischen Restaurant. Meiner Frau sagte ich mit einem Augenzwinkern: Schau bitte nicht auf die Preise, es ist mein Geburtstag. Wir haben gelacht, das feine Essen genossen. Ich war glücklich. Mein Geburtstag und das Feiern hat einfach nur Spaß gemacht. Meine Feiertipps für dich:

  • Mach dir keinen Stress. Feiern ist keine Verpflichtung. Vielleicht fängst du klein an – mit einer Änderung – oder überhaupt mal wieder mit 2 oder 3 Leuten. Du darfst dich wichtig nehmen. Du darfst den Tag nach deinem Geschmack gestalten.
  • Beginne rechtzeitig mit der Planung. Mach es konkret und nimm dir Zeit dafür. Frage dich: Wie genau will ich feiern? Mit wem? Was würde ich gerne machen? Was wünsche ich mir als Geschenk? Wie soll der Tag ablaufen? Will ich vielleicht gar nicht Sitzen, sondern mich mit den Freunden bei einer Rad-, Wander-, oder Kanutour bewegen?
  • Klär die Magenfrage. Kochst du mit deinen Gästen? Stellst du einen Grill oder eine Feuerschale in den Garten? Wird es eine Mitbringparty – das kann sehr entstressen – oder lässt du dir etwas aus der Metzgerei um die Ecke liefern?
  • Du hast keinen Bock auf Smalltalk? Dann halte eine kleine Rede oder jeder darf dir etwas sagen, was er an dir schätzt. Du kannst den Spieß auch rumdrehen: du würdigst jeden Gast, erzählst, was dich mit ihm verbindet, was dich an ihm begeistert. Alternativ kannst du den Gästen auch Fragen bei der Anmeldung zukommen lassen: Was macht dich lebendig? Was sind deine Träume? Was war ein Highlight, ein Tiefpunkt in deinem letzten Jahr?
  • Die leidige Geschenkefrage. Wie wäre es, wenn du deine Freunde bittest, dass sie dir bei einem Bauprojekt im Haus oder Garten helfen. Ein Mann in unserer Männerreise lässt sich verteilt übers Jahr monatlich eine intensive Begegnungszeit mit einem Mann schenken. Oder du sammelst Geldgeschenke für ein Hilfsprojekt in der Ukraine, dem Libanon oder dem Sudan.

Während ich als Autor diesen Artikel schreibe, fallen mir noch viele Ideen und Gedanken ein. Es ist ein lebendiges Thema. Es lohnt sich, als Mann das (Geburtstag-)Feiern wiederzuentdecken oder gar zum ersten Mal ins Leben zu bringen. Nur Mut! Das Leben ist schön und du bist einzigartig. Das gilt es zu feiern. „Lechaim“, auf das Leben! Der nächste Geburtstag kommt bestimmt.

Karsten Sewing ist verheiratet und Vater von zwei Kindern.

Mit Köpfchen zum Kontoplus: So gelingt der Einstieg in die Geldanlage

Altersvorsorge ohne Risiko? Warum diese Rechnung nicht mehr aufgeht – und welche Einsteiger-Regeln und Anlageformen wirklich dabei helfen, klug Vermögen aufzubauen.

Wer sein Geld im Aktienmarkt investiert, ist ein Kapitalist. Dieses Vorurteil hören viele Kinder und Jugendliche von ihren Eltern. Dabei ist die „German Angst“ vor dem Unbekannten mittlerweile gefährlich. Denn: Die gesetzliche Rente reicht längst nicht mehr zur Altersvorsorge. Deshalb will ich dir Einsteigertipps geben und aufzeigen, welche Anlageformen sinnvoll sind – und welche riskant. Zum Einstieg ein wichtiger Disclaimer: Alle Inhalte stellen keine Anlage- oder Steuerberatung dar. Verzichte niemals auf eine eigene Recherche und kaufe keine Finanzprodukte ausschließlich aufgrund von Empfehlungen.

Die deutsche Anlagestrategie: Sicherheit vor Rendite

Eines der bekanntesten Vorurteile gegenüber Deutschen ist, dass wir sehr sicherheitsbedürftig sind. Unüberlegte Entscheidungen? Gibt es in Deutschland selten – so die weit verbreitete Annahme. Und wenn wir einen Blick auf das Anlageverhalten der Deutschen werfen, stellen wir fest: Vorsicht ist besser als Nachsicht. Eine Umfrage des Verbands der privaten Bausparkassen mit dem Meinungsforschungsinstitut Statista ist im Mai 2025 der Frage nachgegangen: Wie legen die Deutschen ihr Geld an? Demnach ist die beliebteste Anlageform das „Sparen auf dem Girokonto“ (41 Prozent) – obwohl dort in der Regel überhaupt keine Verzinsung stattfindet. Auf dem zweiten Platz folgt das Sparbuch mit 35 Prozent. Aktien (26 Prozent) und festverzinste Wertpapiere (12 Prozent) liegen abgeschlagen auf dem drittletzten beziehungsweise letzten Platz.

Die goldenen Regeln der Geldanlage

Soweit der Status quo. Bevor wir tiefer in die Materie einsteigen, wollen wir dir einige Tipps und Verhaltensweisen mit an die Hand geben, die dir dabei helfen, dass du auch in anspruchsvollen Zeiten – zum Beispiel bei sinkenden Aktienkursen – einen kühlen Kopf bewahrst.

1. Investiere nur Geld, das du nicht benötigst

Ob es eine zeitgebundene Festgeldanlage ist oder ein Investment an der Börse: Du solltest nur das Geld investieren, auf das du in den kommenden Monaten und Jahren verzichten kannst. Das heißt: Wenn du weißt, dass eine größere Anschaffung ansteht – zum Beispiel ein Autokauf – solltest du dein Geld nicht in einem Festgeld für zwei Jahre binden – egal wie attraktiv die Zinsen sind.

2. Lege einen Notgroschen an

Der sogenannte Notgroschen ist deine finanzielle Reserve. Dahinter versteckt sich das Geld, das du unter keinen Umständen anrührst, weil es für unvorhergesehene Notfälle gedacht ist. Wenn zum Beispiel ein Elternteil verstirbt und du eine Beerdigung finanzieren musst, kannst du auf deinen Notgroschen zurückgreifen. Wie hoch dein Notgroschen ist, hängt von deinem persönlichen Sicherheitsbedürfnis ab. Je nach Experten, mit dem du sprichst, werden drei bis sechs Netto-Monatsgehälter empfohlen. Wenn du Kinder hast oder einen Kredit abbezahlst, solltest du deine Rücklage entsprechend anpassen.

3. Investiere nur in Finanzprodukte, die du verstehst

Zehn Prozent Rendite in drei Monaten mit fadenscheinigen Immobilien-Investments? Aktien im Cent-Bereich, die garantiert steigen? Die neue Bitcoin-Alternative, die noch besser ist? Wenn du derartige Versprechen hörst, solltest du vorsichtig sein. Damit du dich mit deiner Geldanlage wohl fühlst, ist es essenziell, dass du ein Finanzprodukt vollumfänglich verstehst. Welche Chancen gibt es? Welche Risiken gibt es? Welche Möglichkeiten hast du, um im Notfall an dein Geld zu kommen? Diese Fragen solltest du beantworten können, bevor du ein Investment tätigst.

Deine Investment-Strategie festlegen

Was möchtest du mit deinem Investment erreichen? Möchtest du Geld für das Alter sparen oder möchtest du in kurzer Zeit hohe Renditen erzielen? Die Antwort auf diese Frage hilft dir dabei das passende Finanzprodukt zu finden. Eine Übersicht:

  • Girokonto: Dein Girokonto ist eigentlich keine Anlagestrategie. Du brauchst ein Girokonto, um deine täglichen Ausgaben zu tätigen und dein Leben zu bewerkstelligen. Dein Gehalt fließt dort ein und deine Miete wird dort abgezogen. Eine Verzinsung findet nur im Ausnahmefall statt.
  • Tagesgeld: Ein Tagesgeldkonto bietet dir niedrige Zinsen und hohe Flexibilität. Du kannst tagesaktuell auf dein Geld zugreifen, wenn du es benötigst und erhältst zugleich regelmäßige Gutschriften. Die Höhe der Tagesgeldzinsen kann variieren – je nach der Zinspolitik der europäischen Zentralbank.
  • Festgeld: Bei einer Festgeldanlage legst du eine bestimmte Summe Geld – zum Beispiel 5.000 Euro – für einen festgelegten Zeitraum – zum Beispiel 48 Monate – für einen vorher festgelegten Zinssatz – zum Beispiel 2,5 Prozent – an. Du bekommst von deiner Bank die Zinsen garantiert, hast allerdings im Anlagezeitraum auch keinen Zugriff darauf.
  • Aktien und ETFs: Aktien sind Firmenanteile, die an der Börse gehandelt werden. Du kannst gezielt in Firmen – zum Beispiel Coca-Cola – investieren, von denen du überzeugst bist. Vereinfacht gesagt, hoffst du darauf, dass eine Firma steigende Gewinne erwirtschaftet, und der Aktienkurs und die Ausschüttungen wachsen, sodass sich dein investiertes Geld vermehrt.

Ein World-ETF als Anstieg an der Börse

Wenn du einen ersten Schritt am Börsenparkett wagen möchtest, ist ein ETF eine interessante Option. Ein ETF ist ein Indexfonds, der die Wertentwicklung eines Index – wie zum Beispiel des deutschen Aktienindex DAX – nachbildet, ohne dass du dabei Geld für Fondsmanager ausgibst. Zu den beliebtesten Indizes gehört der sogenannte MSCI World Index. Er setzt sich aus 1.400 börsennotierten Unternehmen aus 23 Industrieländern zusammen. Dazu gehören unter anderem die USA, Japan, Großbritannien, Kanada, Frankreich, die Schweiz und auch Deutschland. Indem du als Anleger einen Sparplan auf einen MSCI World-ETF anlegst, deckst du eine große Bandbreite der international wichtigsten Unternehmen ab. Du erhältst quasi ein Komplettpaket aus Aktien, ohne, dass du dich mit einzelnen Unternehmen und deren Bilanzen beschäftigen musst.

Historische Entwicklung und Schwankungen

Seit der Gründung im Jahr 1969 hat der MSCI World Index eine durchschnittliche jährliche Rendite von 6,5 Prozent erzielt. Das liegt deutlich über dem Niveau von Tagesgeldern und Festgeldern. Bevor du allerdings überstürzt ein Depot eröffnest, solltest du dir zwei Dinge bewusst machen.

  • Erstens: Die historische Entwicklung eines Kurses lässt keine Rückschlüsse auf die Zukunft zu, weil niemand die Zukunft vorhersagen kann. Trotzdem zeigen die vergangenen 55 Jahre, dass der MSCI World Index bislang immer wieder neue Höchststände erreicht hat.
  • Zweitens: Es geht nicht immer aufwärts. Die historische durchschnittliche Performance ist geprägt von Crashs (zum Beispiel: Corona-Crash im März 2020), schlechten und sehr guten Jahren. Im Jahr 2022 lag die Jahresperformance bei -12,78 Prozent. Dafür lag die Jahresperformance im Jahr 2019 bei plus 30,02 Prozent.

Ruhe bewahren und Strategie verfolgen

Insbesondere in Krisenzeiten ist es wichtig, dass du ruhig bleibst. Verluste an der Börse sind normal – auch bei einem vermeintlich sicheren Index wie dem MSCI World Index. Wer panisch wird und vorschnell verkauft, macht Verluste und schlechte Erfahrungen. Was gibt in unruhigen Zeiten Sicherheit? Wenn du weißt, welche Investment-Strategie du verfolgst, warum du in welches Produkt investierst und wann du verkaufen möchtest. Als Einstieg in die Aktienwelt ist ein ETF-Sparplan auf den MSCI World eine überlegenswerte Option. Ebenso gut und richtig ist es, wenn du ein Tagesgeldkonto für deinen Notgroschen eröffnest oder dein Geld zu festen Zinsen in einem Festgeld anlegst. Es gibt nicht die eine richtige Investment-Strategie. Nur wenn du dein Geld auf deinem Girokonto versauern lässt, wird dein Geld über lange Zeit von der Inflation aufgefressen. Deshalb: Sei neugierig und befasse dich mit den Möglichkeiten der Geldanlage.

Christian Erxleben arbeitet in der Öffentlichkeitsarbeit des Diakoniewerks Martha-Maria und ist dort als Redakteur unter anderem für die Website und den Pflege-Podcast „gut gepflegt“ verantwortlich. Neben seiner Arbeit bei Martha-Maria ist er für Finanz- und Technologie-Magazine als freier Autor tätig.

Tatkraft statt Apokalypse: So gelingt positive Kommunikation am Arbeitsplatz

Ist nicht geschimpft genug gelobt? Nein, sagt Kommunikationsexperte Michael Stief und betont, wie groß die Macht der Worte ist.

„People leave managers, not companies”, Menschen kündigen nicht der Firma, sondern den Managern, die dem Unternehmen eine Stimme geben. Das stellten Forscher am Gallup-Institut fest, zusammen mit einer stetigen Zunahme innerer Kündigungen und der Abnahme des Engagements. Wir verbringen ein Drittel unseres Lebens mit Arbeit. Was wir dort erleben – gerade vom Chef – hat immensen Einfluss auf unser Glück, auf Gesundheit und Tatkraft. Aber liegt das nur an den Führungskräften? Ein Teilnehmer in einem Teamtraining nannte eine andere Ursache: „Es liegt immer an der Kommunikation!“ Schon in der Bibel wird das angesprochen. Der Jakobusbriefe drückt es sogar noch drastischer aus: „So ist auch die Zunge ein kleines Glied … Siehe, ein kleines Feuer, welch einen Wald zündet’s an!“ (Jakobus 3,5).

Gelingende Führung & Teamwork durch Positive Kommunikation

Führen und Teamarbeit bedeuten: „Durch Kommunikation gemeinsame Ziele erreichen.“ Ihre Rolle verleiht daher Chefs einen immensen Hebel für die Kommunikation. Nun „rutschen“ viele Chefs in ihre Rolle hinein; ohne Führungstraining, durch Kompetenz, Engagement oder aus Not heraus. Diese sprechen dann so, wie sie es vielleicht von der eigenen Führungskraft, oder in Elternhaus, Kindergarten, Schule oder Freizeit gelernt haben. Ob diese Sprache hilfreich ist oder nicht: Gerade in Stressmomenten setzt sie sich durch – just dann, wenn es zählt.

Den Ausweg aus diesem Dilemma liefert die „Positive Kommunikation“. Dieser Zweig der Positiven Psychologie bietet zahlreiche fundierte Ansätze, wie Kommunikation für Führungskräfte, Team und Unternehmen positive Effekte bewirken. Die beiden wichtigsten Leitsätze dafür lauten:

  • Sprich die eigenen Gedanken, Emotionen, Bedürfnisse, Werte und Ziele klar, unverzerrt und authentisch an.
  • Sprich so, dass es die Bedürfnisse von Einzelnen und Team, deren physisches, soziales und mentales Wohlbefinden, deren Stärken und Aufblühen fördert.

Sprich an, was Sache ist

„Schlechtes ist stärker als Gutes“, zu diesem traurigen Fazit kommt die Forschung in zahlreichen Lebensbereichen. Auch in der Kommunikation braucht es drei bis fünf positive Aussagen, um ein „Beziehungskonto“ auszugleichen. Angst, Wut oder Verachtung ziehen es ins Minus, Interesse und Humor füllen es wieder auf. Gerade unter Druck wallen die Emotionen auf, sind Bewertungen, Übertreibungen oder Schuldzuweisungen schnell gesagt, daher: Äußere nicht jeden kruden Gedanken und jedes aufwallende Gefühl. Sage stattdessen klar, unverzerrt und authentisch, was Sache ist:

  • Sag, was geschehen ist – ohne Verzerrungen, Generalisierungen oder Auslassungen.
  • Benenne authentisch deine eigene Gefühlslage, ohne Auszuagieren.
  • Nenne Bedürfnisse und Werte, die erfüllt sind oder leiden und:
  • Sag, was du konkret in der Zukunft gerne hättest.

Sprich stärkende Worte

Der Verzicht auf „giftige Worte“ und ein klarer Selbstausdruck machen noch keine „Positive Kommunikation“. „Redet, was gut ist, was erbaut und was notwendig ist, damit es Gnade bringe denen, die es hören“ (Epheser 4,29) mahnt der Apostel Paulus und die moderne Wissenschaft bestätigt: Zu einem positiven Dialog am Arbeitsplatz gehört ein Gespräch über menschliche Grundbedürfnisse, über körperliche wie Sicherheitsbedürfnisse, soziale und individuelle sowie Selbstverwirklichung und Transzendenz. Genauso darüber, was die einzelnen glücklich macht und aufblühen lässt. Der „Glücksforscher“ Martin Seligman fasst dazu fünf weitere „Bedürfnisse“ unter dem Kürzel „PERMA“ zusammen. Ihre Erfüllung fördert Glück bei der Arbeit, „subjektives Wohlbefinden“ im Team und bessere wirtschaftliche Ergebnisse:

  • Das Erleben positiver Gefühle („[P]ositive Emotions“)
  • Flow-Erleben durch Einsatz von Stärken („[E]ngagement“)
  • Positive Beziehungen („[R]elationships“)
  • Sinnerleben („[M]eaning“)Erfolgserlebnisse („[A]ccomplishment“)

Daraus ergeben sich fünf Maximen für Positive Kommunikation am Arbeitsplatz und weitere Leitsätze:

Sprich so, dass du mehr positive Gefühle weckst als negative!

  • Signalisiere Unterstützung und psychologische Sicherheit – gerade bei Fehlern, Problemen oder Dissens.
  • Äußere Dankbarkeit – für Erreichtes, für die Person und schon dann, wenn jemand Aufgaben annimmt.
  • Gib Feedback sachbezogen und zukunftsorientiert: Was soll beibehalten, was gestoppt werden und was könnte ausprobiert werden?
  • Sprich freundlich ohne Ironie, Sarkasmus oder einen giftigen Ton.
  • Und nein, nicht geschimpft ist nicht Lob genug.

Frage nach den Stärken im Team und gib dafür die Erlaubnis und den Freiraum

  • Höre im Gespräch darauf, wobei Menschen bei der Arbeit aufblühen.
  • Kommuniziere klare und unzweideutige Ziele, um Fokussieren zu ermöglichen.
  • Sprich Konflikte aktiv und konstruktiv an, damit diese keine mentale Energie verbrauchen.
  • Verzichte auf Mikro-Management und Monologe, um Raum für den Einsatz von Stärken zu schaffen.

Stärke die Beziehungen im Team

  • Höre den Menschen im Team zu.
  • Sprich regelmäßig über Arbeit, Team, Privates und deren Befindlichkeit.
  • Drücke Mitgefühl aus in schwierigen Situationen und feiere Erfolge aktiv.
  • Kommuniziere als Vorbild nur Erwartungen, die du selbst einhältst.
  • Stoppe „Machtspiele“ oder Gerüchte und betone Respekt.
  • Sprich im Konflikt lösungsorientiert, ohne Schuldzuweisung oder Bewertung.
  • Sanktioniere unsoziales Verhalten in Wort und Tat unmittelbar und klar.
  • Vermeide negative Sprachmuster (Negativszenarien, Ärger, Abwertung, Sarkasmus).

Unterstreiche regelmäßig den Sinn von Aufgaben, Projekten und Zielen

  • Verzichte auf Befehl-und-Gehorsams-Rhetorik wie „Ich will das so“, „das haben wir immer schon so gemacht“ oder „da kann man nichts machen“.
  • Erkläre regelmäßig den Beitrag von Aufgaben oder Projekten zum großen Ganzen.
  • Betone den Nutzen für das Team, das Unternehmen und die Gesellschaft.
  • Lass kritische Rückfragen zu.

Feiere Erreichtes, Fortschritte und Bemühen ebenso wie Erfolge und Zielerreichung

  • Feiere Erreichtes und Erfolge verbal und mit kleinen Gesten.
  • Lobe Ergebnisse und Bemühen konkret anstatt die Person.
  • Bedanke dich für Anstrengung ebenso wie für Fortschritte oder Erfolge.
  • Kommuniziere Fortschritte und Erfolge regelmäßig.
  • Verzichte darauf, Erreichtes als selbstverständlich abzutun.
  • Verabschiede dich von dem Motto „Nicht geschimpft ist Lob genug“.

Sprache schafft Wirklichkeit

Ohne positive Kommunikation gelingen weder Führung noch Teamarbeit. Denn „Sprache schafft Wirklichkeit“. Die Frage ist nur: Schaffen wir eine Wirklichkeit voller Katastrophenszenarien oder voll Verbundenheit und Tatkraft. Ein starkes Beispiel finden wir in der Bibel: Nach dem Verrat klagt Jesus den Petrus nicht an, sondern fragt dreimal: „Liebst du mich?“ (Johannes 21,15-17) und beauftragt ihn: „Weide meine Schafe.“ Aus solchen Worten zieht Petrus ein Vertrauen, das die Welt verändert hat. „Im Anfang war das Wort und … Alles ist durch das Wort geworden …“ So beschreibt Johannes die schöpferische Kraft von Gottes Wort. Eine solche schöpferische Kraft liegt auch in unseren Worten: Nutzen wir sie, um eine menschenfreundliche Wirklichkeit zu schaffen – auch am Arbeitsplatz.

Michael Stief (62) ist Berater für Positive Kommunikation in Führung, Teamentwicklung und Strategie. Er unterstützt Unternehmen und Einzelpersonen produktiv, gesund und glücklich zu arbeiten und zu leben. positive-hr.de

Kommunikationsexperte verrät: So führst du deinen Chef

Erfolgreich führen heißt nicht nur, ein Team zu führen. Man muss auch seinen Vorgesetzten managen. Wie das geht, verrät Kommunikationsexperte Stefan Häseli.

Verantwortungsträger bekommen allerhand Tipps und werden mit illustrer Literatur und unzähligen Ratgebern eingedeckt. In erster Linie geht es dabei um die Kommunikation, den Umgang mit Menschen und die Führung eines Teams. Die Frage allerdings, wie man als Leitender mit dem eigenen Vorgesetzten umgehen soll, wird in der Regel ausgeklammert. Hier kommen die fünf besten Tipps für das mittlere Management, um in der sogenannten Sandwich-Position nicht zerquetscht zu werden.

Nach unten treten, nach oben buckeln

Ob Teamleiter oder Bereichschef: Wer träumt als einfacher Angestellter nicht ab und zu davon, zu einer vorgesetzten Person befördert zu werden? Im ersten Moment obsiegt das gute Gefühl, einen Schritt auf der Karriereleiter weitergekommen zu sein. Oft ist das eine Anerkennung für einen unter Umständen jahrelangen Einsatz. Nach oben streben, nach unten treten: Dieser jahrhundertealte Verhaltensmechanismus steht dann auch heute noch hoch im Kurs. Entgegen allen Erkenntnissen und anders lautenden Beteuerungen wird er im modernen Business nach wie vor gerne und erfolgreich praktiziert. Besonders häufig ist er im mittleren Management anzutreffen. Für viele in der sogenannten Sandwich-Position scheint es der einfachste Weg zu sein, seinen eigenen Aufstieg in der Hierarchie voranzutreiben. Dem Vorgesetzten wird gehuldigt, während die unterstellten Mitarbeiter oft missachtet und entsprechend schlecht geführt werden. Obwohl es auch das Gegenteil gibt: Man fühlt sich dem eigenen Team so nahe, dass man dort recht großzügig ist, und bekämpft dann eher „das Oben“.

Der Grund liegt in beiden Fällen vor allem auch in einer gewissen Hilflosigkeit, weil sich Betroffene förmlich eingekeilt erleben – zwischen den Erwartungen von oben genau wie von unten. Sie empfinden ihre eigene Position wie die Füllung eines Burgers: das eingeklemmte Gehackte. Dabei bietet gerade die Sandwich-Position große Entfaltungsmöglichkeiten in beide Richtungen. Doch aufgepasst: Chef bleibt Chef! An dieser Tatsache kommt keiner vorbei. Wird sie akzeptiert, kann es für beide Seiten sehr lohnend sein, seinen Vorgesetzten zu managen und von unten zu führen – nicht zu verwechseln mit manipulieren.

So gelingt Führung von unten

Bei der Führung von unten geht es um die gezielte, transparente Einflussnahme von Mitarbeitern auf das Denken und Handeln von Vorgesetzten, um die Zielsetzungen unter Berücksichtigung der Mitarbeiter-Interessen im Business zu erreichen. Es geht also um Situationen, in denen keine Möglichkeit per Macht oder Weisungsbefugnis besteht, etwas in eine bestimmte Richtung zu lenken. Insofern ist die Frage, wie Fachwissen, gute Ideen und neue Denkansätze durch „Führung von unten“ eine hohe Akzeptanz schaffen und wie es gelingen kann, den Nutzen für das Gegenüber bzw. den Höhergestellten in den Vordergrund zu rücken.

Die meisten Führungskräfte haben selbst einen Vorgesetzten. Obwohl sie Chef eines Teams, eines Büros, einer Abteilung, eines Werks oder einer Sparte im Unternehmen sind, haben auch sie in der Hierarchie einen ranghöheren Chef über sich. Selbst der Vorstandsvorsitzende eines großen Konzerns ist dem Aufsichtsrat gegenüber verantwortlich. Auf dieser Struktur der klaren Definierung von Hierarchien und Führungsschichten in Unternehmen beruht die klassische Managementausbildung.

Beziehungen nach oben brauchen andere Qualitäten

Gedacht wird von oben nach unten. Der ideale Vorgesetzte soll unter anderem seine Mitarbeiter befähigen, zu Höchstleistungen anspornen und ihnen ein positives Vorbild sein. Die Frage, wie man aber als Führungskraft mit dem eigenen Vorgesetzten umgehen soll, wird dabei ausgeklammert. In der Praxis kommt es dann genau an diesem Punkt oft zu Schwierigkeiten. Während die Führung der Mitarbeiter notfalls auch per Weisung nach unten durchgesetzt werden kann, erfordert die Beziehung nach oben völlig andere Qualitäten. Um auf Dauer erfolgreich zu sein, hängt von einer guten Arbeitsbeziehung zum Vorgesetzten mindestens genauso viel ab, wie von den Resultaten des selbst geführten Verantwortungsbereichs.

Wer seinen Chef nicht erdulden will, der muss ihn managen! Nicht selten wechseln (hoch-)motivierte Mitarbeiter frustriert die Stelle, weil sie mit ihrem Vorgesetzten nicht klarkommen. Und gelangen dabei womöglich vom Regen in die Traufe. Denn auch bei der neuen Position gibt es einen Vorgesetzten. Einen anderen zwar, aber nicht unbedingt einen (für sie) besseren. Auch der neue Chef hat Ecken und Kanten, die der Mitarbeiter nicht ignorieren kann, sondern akzeptieren muss. Besser als den idealen Chef zu suchen, ist es, sich mit seinem (unvollkommenen) Chef auseinanderzusetzen:

  • Was für ein Mensch ist er?
  • Welche speziellen Eigenarten pflegt er?
  • Favorisiert er Details oder Zusammenfassungen?
  • Wünscht er Zwischenberichte oder Endergebnisse?
  • Hört er gerne zu oder redet er lieber selbst?
  • Liest er gerne E-Mails oder telefoniert er lieber?
  • Bevorzugt er wenige längere oder mehrere kurze Besprechungen?
  • Was bedeuten ihm zwischenmenschliche Beziehungen und Gesprächsthemen?

Wissen, wie der Chef tickt

Nur wer weiß, wie der andere tickt, kann sich darauf einstellen und damit Reibungspunkte umgehen. Um konstruktiv mit seinem Vorgesetzten zusammenzuarbeiten, muss man ihn nicht lieben, sondern lediglich managen. Einfache Vorgehensweisen helfen, den Chef positiv zu beeinflussen. Hier die fünf besten Tipps:

Chefs brauchen Erfolge! Wer seinem Vorgesetzten dazu verhilft, wird geschätzt. Es lohnt sich also herauszufinden, wo die Stärken des Chefs liegen. Denn damit – und nicht mit seinen vorhandenen Schwächen – werden Erfolge erzielt.

Eine gute Vorbereitung ist die halbe Miete. Zeitmangel kennzeichnet die Situation vieler Vorgesetzter. Umso wichtiger ist es, Zeit nicht zu vergeuden. Nur gut vorbereitet lassen sich effektive Gespräche führen.

Bloß keine Überraschungen! Taucht ein Problem auf, muss der Chef sofort informiert werden. Lieferanten, die nicht spuren oder Kunden, die nicht zahlen – der Vorgesetzte sollte es frühzeitig erfahren, damit er entscheiden kann, ob er eingreifen muss oder nicht.

Vorgesetzte sind keine Hellseher. Sie sind auf die Informationen ihrer Mitarbeiter angewiesen und diese haben die Pflicht, sie zu erbringen. Das gilt sowohl für sachliche Zusammenhänge als auch für persönliche Belange, die das Arbeitsverhältnis beeinflussen. Selbst im Zeitalter der Kommunikation ist dies nicht immer selbstverständlich. Zwar wird eine Flut an Informationen hin- und hergeschickt, aber nicht unbedingt ein Kreislauf geschlossen. Wichtig ist ein regelmäßiges Feedback an den Vorgesetzten. So wird der aktuelle Stand laufender Arbeiten oder Projekte für alle Beteiligten sichtbar.

Fachkompetenz und Lösungskreativität beeindrucken auch den beharrlichsten Chef. Selbst wenn Vorgesetzte vehement über die Notwendigkeit von Veränderungen sprechen: Viele Chefs beharren eigentümlich stur darauf, dass alles so bleibt, wie es ist. Dann liegt es an den Mitarbeitern: raus aus der Rolle des Ausführenden, rein in die Rolle des Mitdenkenden.

Stefan Häseli ist Experte für glaubwürdige Kommunikation, Keynote-Speaker, Moderator und Autor mehrerer Bücher. Als ausgebildeter Schauspieler mit jahrelanger Bühnenerfahrung schreibt er ganze Abendprogramme selbst. Dazu kommen Engagements in Kinofilmen, TV-Serien, TV-Werbespots und Schulungsfilmen. Er betreibt ein Trainingsunternehmen in der Schweiz. stefan-haeseli.com

Glücklich arbeiten statt ausbrennen – Psychotherapeut erklärt, wie das geht

„Die Arbeit hat mich krank gemacht“ – diesen Satz hört der Psychotherapeut Prof. Claas Lahmann häufig. Er erklärt, wie Arbeit gesund gelebt werden kann – und wann es sinnvoll ist, einen neuen Arbeitsplatz zu suchen.

Professor Lahmann, welche Faktoren tragen dazu bei, dass Menschen Glück und Sinn in ihrer Arbeit finden?

Es beginnt damit, dass sich die Menschen am Arbeitsplatz gesehen und wertgeschätzt fühlen. Mitarbeiter fühlen sich gesehen, wenn ihre Führungskraft sie kennt. Das muss nicht tiefgehend sein, aber echtes Interesse macht viel aus. Auch kleine Rückmeldungen helfen. Sinnhaftigkeit und Transparenz spielen ebenfalls eine große Rolle. Wenn klar ist, warum eine Aufgabe sinnvoll und wichtig ist, steigt die Motivation. Viele wissen gar nicht, welchen Beitrag sie im großen Ganzen leisten. Ein weiterer Faktor ist die Verlässlichkeit. Heißt: Die Bedingungen sollten berechenbar sein. Manche Leute kommen mit einem raueren Klima klar – solange es kon- stant ist. Wenn es sich allerdings ständig ändert, stresst das die Menschen enorm.

Hinhören und ernst nehmen

Gibt es Warnzeichen, die auf eine zu hohe Belastung hinweisen?

Es gibt einige Frühwarnzeichen. Dazu gehören Schlafstörungen, sexuelle Funktionsstörungen, Stimmungsveränderungen und sozialer Rückzug. Süchtiges Verhalten gehört auch dazu. Das zeigt sich beispielsweise darin, dass man mehr trinkt oder raucht oder vielleicht sogar wieder damit anfängt. Natürlich gibt es auch andere Gründe für diese Beschwerden – das sehen wir in der Praxis immer wieder. Wenn aber das Bauchgefühl klar sagt: „Das kommt hauptsächlich vom Job“, dann sollte man hinhören und das ernst nehmen.

Welche Verhaltensweisen halten Menschen davon ab, ihre Arbeitssituation zu verbessern?

Das wird in der Psychologie als „erlernte Hilflosigkeit“ bezeichnet. Wenn Menschen über längere Zeit das Gefühl haben, dass sie nichts verändern können, entsteht eine gleichgültige Haltung. Das kann dann zu einer Frustration oder Abstumpfung führen. Uns Männern wird häufig nachgesagt, dass wir nicht so gut auf uns selbst achten, nicht so sehr auf unsere Gefühle hören. Aber wer sich regelmäßig fragt, wo gerade die innere Ampel steht, kann da frühzeitig gegensteuern. Alternativ lässt sich das spielerisch angehen – wie mit einem inneren Wetterbericht: Wie ist das Wetter in mir heute? Zieht eine Regenfront auf? Wer lernt, sich selbst wahrzunehmen, erkennt Belastungen früher und kann besser darauf reagieren.

Arbeitsplatz oder Eigenanteil?

Bleiben wir in dem Wetterbild: Wenn sich die Arbeit dauerhaft wie drückende, schwüle Luft anfühlt – was raten Sie der betroffenen Person, die nicht sofort kündigen kann?

Diese Frage wird mir sehr häufig gestellt. Diese Menschen erleben eine festgefahrene Situation. Sie sehen zwar, dass ihre Arbeit sie belastet, haben aber das Gefühl, kaum Handlungsspielraum zu haben. Häufig stehen praktische Gründe im Vordergrund: Sie brauchen das Einkommen, können nicht einfach umziehen, leben vielleicht in einer strukturschwachen Region oder haben familiäre Verpflichtungen. In solchen Situationen arbeite ich mit verschiedenen Ansätzen. Einer davon ist, gemeinsam mit den Betroffenen differ-enziert zu schauen, wie viel von dem erlebten Stress tatsächlich vom Arbeitsplatz ausgeht – und wie viel sie selbst mitbringen. Wir haben mittlerweile Sprechstunden eingerichtet, über die Firmen ihren Mitarbeitenden schneller psychotherapeutische Unterstützung ermöglichen können. Es kam bereits vor, dass ich mehrere Mitarbeitende aus derselben Firma begleitet habe. Dabei war eine Person stressfrei, während die andere mit identischen Aufgaben deutlich überlastet und gestresst war. Da wurde mir klar, wie stark die persönliche Haltung und der Umgang mit Belastung eine Rolle spielen. Es gibt allerdings Arbeitsplätze, die ganz klar gesundheitsschädigend sind.

Ein stabiles Wertesystem

In welchen Fällen raten Sie, den Job zu kündigen?

Ob man bleiben sollte oder nicht, hängt stark vom eigenen Empfinden ab – davon, wie belastbar man sich selbst einschätzt. Ein klares Warnsignal ist, wenn man den Eindruck hat, dass eine vorgesetzte Person gezielt schikaniert. Es gibt leider toxische Führungskräfte, die andere kleinmachen, um sich selbst zu erhöhen. Weitere Dinge sind Beschimpfungen und auch körperliche Gewalt. In solchen Fällen spreche ich mit den Betroffenen offen darüber, warum sie sich das noch antun. Es gibt Fälle, in denen ein Wechsel nicht sofort möglich ist. Dann arbeite ich mit ihnen daran, wie sie sich vorübergehend stabilisieren und schützen können, bis sich eine Alternative ergibt.

Spielt der persönliche Glaube eine Rolle, wenn es darum geht, gesund und zufrieden im Arbeitsleben zu bleiben?

Ja, auf jeden Fall. Wenn man es etwas abstrakter betrachtet, spielt ein stabiles Wertesystem eine große Rolle. Menschen, die so ein inneres Koordinatensystem haben, sind insgesamt zufriedener – das wissen wir aus der Palliativmedizin, aus der Psychotherapie und auch aus der Arbeitspsychologie. Dieses Wertesystem kann unterschiedlich aussehen: Für manche ist es religiös geprägt, für andere eher spirituell oder philosophisch. Aber wer solche inneren Fixpunkte hat, kann mit Belastungen oft besser umgehen und zeigt mehr Resilienz. Vor Kurzem war ich beim Verband evangelischer Kindertagesstätten in Bayern. Dort habe ich sofort gemerkt: Hier ist etwas anders. Ich spürte die Grundhaltung und Werteorientierung. Es war beeindruckend, wie sehr das die Atmosphäre prägte. Das war für mich ein spannender Kontrast zu anderen großen Arbeitgebern, beispielsweise im Gesundheitswesen, und hat mich sehr beeindruckt.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Tim Bergen.

Prof. Dr. med. Claas Lahmann ist ärztlicher Direktor der Klinik für psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Universitätsklinikum Freiburg. Neben seiner klinischen Arbeit forscht er zu stressbedingten Erkrankungen und somatoformen Störungen. Er hat ein Buch mit dem Titel „Wie Arbeit glücklich macht“ (Rowohlt Verlag) geschrieben.

Geläutert: Gestern Tankstellenräuber, heute Tankwart

Martin Weimer überfiel eine Tankstelle und landete hinter Gittern. Nach der Haft machte er eine Lehre zum Tankwart. Mit seiner fahrenden Werkstatt ist er der einzige mobile Tankwart Deutschlands.

Der eiskalte Fahrtwind fühlt sich an wie 1.000 stechende Nadeln. Es ist elf Uhr vormittags und minus zwei Grad kalt – gefühlt sind es minus zehn. Zum Glück ist es nicht glatt. Der Nebel hängt wie ein Bühnenvorhang in den Straßen Osnabrücks und lässt nur erahnen, was nach der nächsten Ampel kommt. Durch meinen Helm zieht der Wind durch und schlägt mir ins Gesicht. Ich sitze als Beifahrer auf einem Roller und halte mich an Martin fest, der sicher und routiniert die Strecke fährt. Ihn begleite ich heute bei seinem Job. Martin ist 41 Jahre alt. Er hat kurze, schwarze Haare und ein sicheres Auftreten. Er ist eigentlich ein ruhiger Typ, aber trotzdem nicht auf den Mund gefallen und hat einen trockenen Humor. Diese Fahrt ist Teil seiner Arbeit, denn Martin ist mobiler Tankwart – der Einzige in Deutschland.

Er steht nicht hinter der Kasse und fragt nach der Zapfsäulennummer, sondern ist selbstständig. Er fährt zu den Kunden hin und sucht mit seinem Roller im Straßenverkehr nach Aufträgen, ganz nach dem Motto: Wenn der Prophet nicht zum Berg kommt, muss der Berg zum Propheten kommen. Durch den Nebel sind die Lichter der Autos etwas matt, aber er zeigt mir während der Fahrt einige Autos mit defekten Lampen. Für mögliche Kunden hat Martin ein sehr wachsames Auge und stets einen Koffer mit Lampen und Werkzeug parat. Vor der Fahrt hat mir Martin seine Lebensgeschichte erzählt.

Der Tankstellenraub

Ich kann es mir kaum vorstellen, aber der ruhige Mann vor mir saß vor 21 Jahren im Gefängnis – wegen eines Tankstellenraubs. Dafür musste er drei Jahre in Haft. Martin hatte damals Schulden und wusste nicht, wie er sie begleichen sollte. So kamen er und seine damaligen Freunde auf die Idee, die Tankstelle in der Nähe „plattzumachen“. Nach seiner Haftzeit und vielen Jobs bei Zeitarbeitsfirmen machte er schließlich eine Ausbildung zum Tankwart. Auf die Idee kam er durch eine Pizza, die er ausliefern musste: „In der Tankstelle hing ein Zettel mit der Aufschrift ‚Lehrling gesucht‘. Da dachte ich mir: Gut, ich habe eh nichts zu tun, dann mache ich das mal.“ Seine Geschichte ist tragisch – mit einer Prise Humor. Martin ist dankbar für seinen Lebensweg: „Ich bin froh, dass ich direkt beim ersten Mal erwischt wurde. Vielleicht hätte ich sonst noch etwas Schlimmeres gemacht.“

Von den deutschen Gefängnissen ist er jedoch nicht sehr überzeugt. Er findet, dass die Häftlinge dort keine Perspektive bekommen und einander eher zu kriminellen Handlungen ermutigen: „Ich habe im Knast gelernt, wie man Alarmanlagen kurzschließt, Fenster geräuschlos öffnet und andere krumme Dinge. Es ist wie eine kriminelle Community, die sich austauscht – über Verbrechen und wie man Verbrechen begeht. Viel sinnvoller wäre es, einen offenen Vollzug mit Therapien anzubieten.“

Vom Spiegel bis zur Autobatterie

Wir kommen beim Auto-Teilehändler an und steigen ab. Martin trägt eine helle Warnweste mit dem Logo seiner Firma. Die hat er vor ein paar Jahren gegründet. Nach seiner Ausbildung hat er lange als Angestellter gearbeitet. Nach einem Pächterwechsel wurde er gekündigt und kam schnell auf die Idee, sich selbstständig zu machen. Da die Frist für einen Förderungsantrag ablief, trug er sich kurzerhand als „mobiler Tankwart“ ein – ein Konzept, das er selbst vorher nicht kannte … Martin braucht beim Händler neue Teile für eine Reparatur: „Heute bestelle ich zwei Spiegel, bei einem Kunden wurden beide Spiegel abgefahren.“ Wie konnte das denn passieren? „Ein LKW hat den linken Spiegel abgefahren. Dann ist der Kunde vor Schreck zu weit nach rechts gegen die Leitplanke gefahren und der andere Spiegel ist dadurch demoliert worden.“

Wir gehen in den Laden. Der Verkäufer am Tresen erkennt Martin und sie unterhalten sich ein wenig. Er bestellt die Spiegel und kauft sich noch einen Werkzeugkoffer. Die Spiegel sind ein gutes Beispiel dafür, was Martin als mobiler Tankwart reparieren darf und was nicht. Vereinfacht gesagt darf er Kraftfahrzeuge pflegen, warten und kleinere Reparaturen wie diese durchführen. Er erklärt es mir so: „Nehmen wir einmal an, ein Kunde kommt zu mir mit einem PKW, der eine Beule in der Tür hat. Ich dürfte die Schadstelle ausbeulen. Wenn ich aber für diese Arbeit die Tür ausbauen müsste, dürfte ich das nicht. An die Bremsen darf ich beispielsweise auch nicht gehen.“ Wir gehen aus dem Laden. Die Sonne zeigt sich und es ist nicht mehr ganz so neblig.

„Vorher war er fast obdachlos, jetzt ist er ein Unternehmer“

Wir schwingen uns wieder auf den Roller und fahren zu einer Tankstelle ganz in der Nähe. Dort sind wir mit einem Kunden verabredet. Heute ist die Innen- und Außenreinigung eines Wagens dran. Wir kommen auf dem Hinterhof der Tankstelle an. Diesmal ist der Fahrtwind nicht so stechend, vor einer Stunde war es definitiv kälter. Ich frage ihn, ob er bei jedem Wetter unterwegs ist. Jetzt im Januar könnte es ja auch schneien. Kein Problem für Martin: „Wenn es schneit, fahre ich einfach langsamer. Wenn es mir zu kalt wird, fahre ich nach Hause. Das ist meistens um die Mittagszeit, dann werden die Finger aufgewärmt und es geht weiter.“ Warum noch mal mit dem Roller? Wäre ein Auto nicht wärmer und schneller? Er hat sich bewusst für den Roller entschieden: „Wenn ein Auto zwei oder drei Reihen vor mir an der Ampel ist, würde ich als Autofahrer viel zu lange brauchen, um das Fahrzeug zu erreichen. Mit dem Roller kann ich direkt ranfahren, klopfen und meine Dienste anbieten. Das ist eine Flexibilität, die der Roller mir gibt, die ich mit dem zweispurigen Fahrzeug niemals hätte.“

Wir treffen den Kunden. Es ist Martins ehemaliger Pastor. Die beiden verstehen sich sehr gut und tauschen sich erst mal über die letzten Wochen aus. Dann beginnt Martin mit der Außenreinigung, und ich komme mit Fidan ins Gespräch. Dabei sprechen wir auch über Martins Lebensgeschichte. Dazu meint er: „Martins Geschichte zeigt, dass Gott Humor hat. Vorher war er arbeitslos und fast obdachlos, jetzt ist er ein Unternehmer.“ In einer Gemeinde haben sie sich näher kennengelernt. Martin ist nach seiner Haftzeit und einem mehrjährigen Aufenthalt bei einer Gefährdetenhilfe Christ geworden. Auch das Fisch-Symbol auf seiner Jacke zeigt deutlich, woran Martin glaubt. Der Fisch und die gesamte Jacke sind allerdings bei der Wäsche etwas dreckig geworden – kein Problem, etwas abputzen und fertig. Martin ist mit der Außenwäsche fertig. Er feilscht zum Spaß mit Fidan um den Arbeitspreis. Unter viel Gelächter einigen sie sich beim „Schnick, Schnack, Schnuck“. Wir fahren zu einer Halle, die Martin gemietet hat. Dort steht die Innenreinigung von Fidans Wagen an. Der Vermieter der Halle gehört zu Martins Stammkunden, die er sich über die Zeit aufgebaut hat. Damit es schneller geht, fahre ich diesmal bei Fidan mit.

War er nach dem Überfall nochmal dort?

An der Halle angekommen, sehe ich am Straßenrand das Auto mit den abgefahrenen Spiegeln. Martin inspiziert den Schaden noch mal und zeigt mir, was er in ein paar Tagen genau austauschen und reparieren wird. Wir gehen in die Halle. Hier gibt es alles, was das Schrauber-Herz begehrt: eine Werkbank mit Werkzeugen, Schrauben und sehr viel Platz. Jetzt ist die Innenreinigung dran. Die passenden Geräte dafür hat Martin natürlich parat. Er reinigt das Auto von innen und poliert die Armaturen. Das frisch gereinigte Auto glänzt jetzt von außen, und von innen sieht es wieder aus wie neu. Ein Licht scheint kaputt zu sein. Er fährt den Wagen aus der Halle und prüft noch mal alle Lampen. Doch alles in Ordnung. Nach einem gemeinsamen Mittagessen fahren wir zu Martins Wohnung, wo wir uns verabschieden.

Eine Frage bleibt noch: War Martin jemals wieder bei der Tankstelle, die er überfallen hat? Nach seiner Haftzeit war er nicht dort – bis vor ein paar Monaten. Da hat ihn ein Fernsehteam bei seiner Arbeit begleitet, und sie sind dorthin gefahren. Die Tankstelle sieht heute völlig anders aus, weil es einen Besitzerwechsel gab. Dadurch, dass bei Tankstellen auch das Personal sehr häufig wechselt, hat er auch nicht die Person angetroffen, die er damals bedroht hatte. Von außen und von innen hat sich sehr viel verändert. Im Grunde ist es eine neue Tankstelle. Martin hat sich in den 21 Jahren auch sehr verändert. Nun ist er als mobiler Tankwart unterwegs und tauscht vielleicht in diesem Moment eine defekte Birne aus – oder eine Batterie.

Tim Bergen arbeitet im SCM Bundes-Verlag bei der Zeitschrift MOVO. 

Er schwamm zur Goldmedaille – ohne Arme und Kniegelenke

Der Para-Schwimmer Josia Topf gewann bei den Paralympics in Paris 2024 Gold, Silber und Bronze. Er möchte Menschen mit körperlichen Einschränkungen eine Stimme geben.

Wasser plätschert und schwappt über den Beckenrand. Es riecht nach Chlor. Frauen und Männer ziehen entspannt ihre Morgenrunden im Erlanger Röthelheimbad. Die Atmosphäre auf und neben Bahn 1 atmet nichts von diesem Gemütlichkeitsfaktor. Gnadenlos springt der rote Zeiger der großen Wettkampfuhr von Sekunde zu Sekunde. Meter um Meter tigert Trainer Christian Thiel am Beckenrand über die Fliesen mit. In seiner Hand: die Stoppuhr. In seinem Blickwinkel: Josia Topf, dreifacher Paralympics-Medaillengewinner von Paris 2024.

Ohne Arme wie ein Delfin

Josia Topf hat das sogenannte TAR-Syndrom. Er kam ohne Arme, ohne Kniegelenke und mit unterschiedlich langen Beinen zur Welt. Der Prognose „Dieses oder jenes wird Josia nie können“ lebt er selbstbewusst und fröhlich ein „Geht nicht, gibt’s nicht!“ im Wasser und an Land entgegen. Die Wende absolviert er flüssig tauchend wie ein Delfin. Anschließend rattert er mechanisch wie die Nähmaschine meiner Großmutter 4 x 100 m durchs Nass. Josia ist schnell, aber für seinen Geschmack nicht schnell genug. Prustend parkt er neben seinem Trainer. „Sieht flüssig aus. Deine Konstanz ist gut“, sagt ihm dieser. Josia spuckt einen Schwall Wasser aus. „Konstanz ist scheiße!“ Christian lacht. „Hey, du bist noch jung, wir müssen dich langsam aufbauen!“ Der 21-Jährige atmet tief durch. Seine Augen blitzen. „Ich habe doch fast keine Jahre mehr!“, entfährt es ihm entrüstet. Die beiden schauen sich an, die Spannung entlädt sich in einem Lachen. Josia zieht sich die Brille zurecht. Der Trainer zählt runter: 5, 4, 3, 2, 1 … Und schon pflügt Josia wieder los. Auf der Jagd nach Bestzeiten, Olympiasiegen und persönlichen Quantensprüngen. Es gilt, die ideale Körperhaltung im Wasser zu finden, die Renneinteilung zu optimieren, Hundertstelsekunden herauszuholen, um auch bei der WM in Singapur im September 2025 ganz oben zu stehen. Ich sehe: Geht nicht, gibt’s nicht!

Auf Bahn 2 lärmen inzwischen Fünftklässler. Die Lehrerin weist sie an, einander mit Schwimmnudeln durchs Wasser zu ziehen. Doch deren Aufmerksamkeit gilt der Bahn nebendran. „Da trainiert Josia Topf. Der hat keine Arme und Beine und schwimmt trotzdem schneller als wir!“ Ein Leben lang braucht Josia helfende Hände. Beim Duschen, Haareföhnen, Hose-Anziehen. Beim Zähneputzen, auf die Toilette gehen, um einen Text aufzuschreiben, die Scherben eines heruntergefallenen Glases aufzukehren. Doch Josia ist ehrgeizig. „Seit einer Woche kann ich selbstständig meinen Pullover anziehen!“ Im Wasser blüht Josia auf. Hier kommt er ohne Hilfe klar. Kraft holt er sich aus dem Rumpf: „Ich kann Purzelbäume und Salti machen, mich frei bewegen. Im Wasser bin ich unabhängig, tanke Optimismus und Selbstbewusstsein.“ Das Element Wasser schenkt ihm Freiheit. Er macht die Erfahrung: Das Wasser trägt ihn.

Er fährt selbst ein Auto?

8:34 Uhr. Josia steigt aus dem Becken. Das erste von acht Schwimmtrainings in dieser Woche ist absolviert. Mutter Wiebke übernimmt. Sie ist Josias Managerin, Mutmacherin und Ermöglicherin. Seine Eltern entscheiden sich in der Schwangerschaft trotz der niederschmetternden Diagnose für seine Geburt. Bewusst wählten sie den Namen Josia. „Das bedeutet im Hebräischen: Gott heilt, Gott unterstützt.“ Sie lieben und unterstützen ihn. Sie nehmen sehr viel auf sich in finanzieller und zeitlicher Hinsicht, um ihren Sohn zu fördern und voranzubringen. Ich ahne die Kraft der Elternliebe hinter „Geht nicht, gibt’s nicht!“.

„Bist du mit dem Auto da?“, fragt mich der frisch geföhnte Schwimmprofi. „Nein, ich bin mit der Bahn gefahren.“ „Dann kannst du gerne bei mir einsteigen“, sagt der 21-Jährige fröhlich. Selbstbewusst steuert er auf einen BMW zu. Von Mutter Wiebke als Fahrerin keine Spur. Im Armstumpf klemmt ein Schlüssel. „Echt jetzt?“, schießt es mir durch den Kopf. Schwups sitzt der junge Mann hinter dem Lenkrad. „Willst du noch ein Bild machen? Von der Beifahrerseite aus ist die Steuerung nicht sichtbar …“ Ich laufe ums Auto herum. Spüre ich da in mir ein Zögern? Kaum habe ich mich angeschnallt, höre ich Josia sagen: „Startknopf betätigen. Blinker setzen, links!“ Wie von Geisterhand bewegt, dreht sich das Lenkrad, ohne dass Josia es berührt. Seine Hände sind dafür viel zu kurz. Das Auto rollt los. Ich bin völlig verwundert. Der Schwimmer lacht mich unbekümmert an. Sekunden später drückt mich die Beschleunigung in den Sitz. Er fährt, wie er schwimmt: Vollgas!

Josia erzählt mir den steinigen Weg zu seinem Führerschein. Mit zwei Joysticks steuert er das Fahrzeug: Links lenkt er, rechts beschleunigt und bremst er. Den Blinker setzt er per Sprachsteuerung. „Blinker rechts!“ Er weiht mich in die technischen Details seines Wunderautos ein. Wir haben uns an der Ampel falsch eingespurt. „Macht nix!“ Es wird grün. „Blinker links!“ Warum gehen meine feuchten Hände plötzlich Richtung Armaturenbrett? Warum tritt mein Fuß auf die nicht vorhandene Bremse? Josia spürt meine Verunsicherung. Er lacht auf. „Beug dich mal nach vorne.“ Ich sehe auf „Restfinger“ an der linken Schulter. Diese bedienen einen Joystick in Mario-Kart-Manier. Die Freiheit feiernd. Und ich erlebe auf dem Beifahrersitz: „Geht nicht, gibt’s nicht!“

Jurastudium und Hantelbank

Wir sitzen im Wohnzimmer. Josia kaut einen Energieriegel. Er wirkt zufrieden. Wir reden über die Mühe und den Schmerz. „Wenn ich nicht bereit bin, an meine Grenzen zu gehen, dann brauche ich auch nicht diese Art von Leistungssport zu betreiben. Der Sport lebt davon, dass man seine Grenzen verschiebt, sie austestet, sie überwindet.“ Das Gefühl „Da geht noch was“ gibt ihm Kraft, treibt ihn an. „Mich befriedigt es, mich abends im Spiegel anzuschauen und mir zuzusprechen: Heute hast du alles gegeben!“, so der Schwimmer. „Man braucht 10.000 Übungsstunden, bis man ein Instrument gut bis sehr gut beherrscht. So ist es auch mit der Technik beim Schwimmen. Ich habe noch keine 10.000 Stunden im Becken verbracht. Ich kann mir daher noch ein bisschen Zeit geben“, erklärt er lachend. Weniger spaßig ist für ihn das Thema Anschlagen im Ziel. Da er keine Arme hat, kracht Josias Kopf mit Vollgas gegen den Beckenrand, um den Sensor in der Anschlagmatte auszulösen und die Uhr zu stoppen. Das zieht massive Kopfschmerzen, Schwindelgefühle und auch mal Gedächtnislücken nach sich. Er stöhnt: „Manchmal sind da für mich richtige schwarze Löcher.“ Der Antrag, die Badekappe oder die Anschlagswand zu polstern, wurde bisher abgelehnt. Offizielle Begründung: Die Körpergröße würde künstlich erhöht, die Chancengleichheit für die anderen dadurch herabgesetzt. „Wir kämpfen weiter für eine Regeländerung beim Weltverband, auch wenn es ein mühsamer Weg ist“, schiebt Josia nach. Der Ärger ist ihm abzuspüren, aber auch eine anwaltliche Hartnäckigkeit, denn „Geht nicht, gibt’s nicht!“.

Eine Hantelbank im Zimmer nebenan. Hier warten Gewichte auf die nun folgende schweißtreibende Trainingsrunde, bevor er am Nachmittag mit seinen Kommilitonen im Hörsaal der Vorlesung in Jura lauscht. Aus der Kiste holt Josia die Olympiamedaille in Gold über 150 m Lagen. Sie ist ihm Mutmacher in den Niederungen des Trainings- und Lebensalltags, aber „am Ende des Tages möchte ich damit auch nicht angeben. Nicht erst die Medaillen machen mich zu einem wertvollen oder gar wichtigen Menschen.“ Der Student ist dankbar für seinen Glauben. Römer 8,31 gibt ihm Kraft in guten und in schlechten Zeiten. „Wenn Gott für mich ist, wer kann dann gegen mich sein?“ Dieses Wissen verleiht ihm Wert, Stabilität und Ruhe, gibt ihm aber auch Energie in seinem Kampf für gelingende Inklusion. Josia saugt seine gewachsene Popularität nicht nur für sich selbst auf. Er verleiht auch denen eine Stimme, „die nicht das Privileg haben, so eine Aufmerksamkeit zu erlangen“. Er drückt mir seine Medaille in die Hand. „Ich würde mich freuen, wenn Menschen mit körperlichen Einschränkungen von meiner Goldmedaille in Paris profitieren und wir nachhaltig etwas für alle Beteiligten verändern können.“

Rüdiger Jope ist Chef-Redakteur des Männermagazins MOVO. 

Politiker aus Moskau bald auf der Anklagebank?

Oberstaatsanwalt Klaus Hoffmann dokumentiert Kriegsverbrechen im Ukrainekrieg. Im Interview berichtet er, wie er den Opfern eine Stimme gibt. Er ist überzeugt: Die Verantwortlichen werden irgendwann vor Gericht stehen.

Herr Hoffmann, wie sind Sie aus dem beschaulichen Freiburg zu dieser Aufgabe in Kiew gekommen?
Ich habe einige Jahre als Staatsanwalt beim Jugoslawien-Tribunal in Den Haag mitgearbeitet. Direkt nach dem Beginn der Invasion der russischen Streitkräfte in die Ukraine kam ein ehemaliger Kollege auf mich zu und fragte mich, ob ich bereit wäre, die Erfahrungen und Erkenntnisse von damals in die Beratung der ukrainischen Kolleginnen und Kollegen einzubringen.

Sie arbeiten als Generalstaatsanwalt in der Ukraine und dröseln die Schrecken des Krieges auf. Wie muss man sich Ihren Arbeitsalltag vorstellen?
Wir sind ein Team von internationalen Ermittlern, Militärexperten und Staatsanwälten. Wir stehen der dortigen Generalstaatsanwaltschaft beratend zur Seite. Zu unseren Aufgaben gehört die juristische Beratung. Wir trainieren die Kolleginnen und Kollegen in den Grundlagen von Völkerstraftaten. Wir klären mit ihnen Fragen wie: Was sind Kriegsverbrechen? Was ist ein Völkermord? Was sind Tatbestandsnachweise? Wir zeigen den Frauen und Männern, wie man Ermittlungen korrekt durchführt, wie man Zeugen von Verbrechen, aber auch Opfer von sexueller Gewalt vernimmt, ohne sie zu retraumatisieren.

Mit welchem Ziel?
Um später einmal vor Gericht Täter, aber eben auch die Kommando-Ebene sauber anklagen und rechtsstaatlich verurteilen zu können.

Von wie vielen russischen Kriegsverbrechen gehen Sie derzeit aus?
Stand Juni 2024 sind rund 130.000 einzelne Ermittlungsverfahren registriert worden.

Das ist eine wirklich große Anzahl.
Die ukrainischen Kollegen werden im Augenblick von der Masse der Fälle förmlich erschlagen. Da ist ein systematisches Herangehen gefragt. Da müssen Schwerpunkte gesetzt und Fälle zusammengeführt werden.

Was ist Ihre Motivation für diese Sisyphusarbeit?
Es ist eine Antwort auf meine gefühlte Hilflosigkeit und Ohnmacht. Ich war am 22. Februar 2024 geschockt von diesem Angriff mitten in Europa. Es wollte nicht in meinen Kopf, dass so etwas fast 80 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges von einem Land verbrochen wird, welches selbst 24 Millionen Menschen in den Schrecken des Krieges verloren hat. Dass ich jetzt der ukrainischen Staatsanwaltschaft mit meinem Knowhow zur Seite stehe, gibt den Kollegen dort moralischen Beistand. Sie spüren und erleben: Wir stehen mit dieser Herausforderung nicht alleine da.

Den Opfern ihre Würde zurückgeben

Wem wollen Sie eine Stimme verleihen?
Ganz klar den Opfern dieser völkerrechtswidrigen Annexion. Wir wollen die Geschichten der Opfer erzählen, ihnen ihre Würde und Rechte zurückgeben.

Bestehen da Aussichten auf Erfolg?
Derzeit ist nicht absehbar, welche Täter irgendwann mal vor Gericht stehen werden. Umso wichtiger ist es jetzt, die Taten akribisch festzuhalten, stichfest zu ermitteln, damit die Beweise möglicherweise in späteren Gerichtsverfahren verwendet werden können.

Was sind Ihrer Einschätzung nach die schlimmsten Kriegsverbrechen bislang?
Jedes einzelne Kriegsverbrechen ist schlimm und eines zu viel. Auch wenn man solche Verbrechen nicht miteinander vergleichen kann, so stechen doch vor allem die Verbrechen gegen Kinder (Deportation und planmäßige, langjährige Indoktrination), die systematische sexuelle Gewalt und Folter gegen Zivilisten sowie seit Oktober 2022 die massive und landesweite Zerstörung der zivilen Infrastruktur mit massiven Folgen für die gesamte Zivilbevölkerung heraus.

In Deutschland hat die Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht eine Kontroverse ausgelöst, indem sie behauptete, die UN-Menschenrechtskommissarin hätte „immer wieder darauf hingewiesen, auch in diesem Krieg: Kriegsverbrechen werden von beiden Seiten begangen.“ Wie beurteilen Sie das?
Es kommt dabei immer auf den Kontext und die Perspektive an. Auch wenn es in der Ukraine sehr vereinzelt Vorwürfe gegen ukrainische Soldaten gibt, ist doch zu betonen, dass diese Tatvorwürfe in keiner Relation zu den massiven und planmäßigen Kriegsverbrechen der russischen Föderation stehen. Das genannte Zitat kann nur als Relativierung, ja schon fast als Entschuldigung für die russischen Kriegsverbrechen verstanden werden. Das ist aus meiner Sicht nicht akzeptabel und negiert vollkommen die Geltung des Internationalen Humanitären Völkerrechts.

Beschränkt sich Ihre Arbeit nur auf den Schreibtisch, das Anlegen von Akten – oder begeben Sie sich auch an die Tatorte?
Tatsächlich beschränkt sich meine primäre Arbeit auf die am Schreibtisch, auf das Gespräch mit den ukrainischen Kolleginnen und Kollegen, das Veranstalten von Trainingskursen, Schulungsreisen und den Erfahrungsaustausch. Persönlich war ich aber auch schon an den Tatorten in Irpin und Butscha. Im Letzteren wurden nach der Rückeroberung durch die ukrainische Armee 458 Leichen gefunden. 419 der Toten trugen Anzeichen, dass sie erschossen, gefoltert oder erschlagen worden waren.

Putin vor dem UN-Kriegsverbrechertribunal?

Wie bewerten Sie es, dass der Internationale Strafgerichtshof (englische Abkürzung: ICC) Haftbefehl gegen Putin wegen mutmaßlicher Kriegsverbrechen in der Ukraine erlassen hat?
Das ist ein echter Meilenstein. Erstmals ist nun ein Haftbefehl gegen einen amtierenden Präsidenten einer der fünf UN-Vetomächte ergangen. Dieser Haftbefehl ist nicht nur ein Appell an die Mitgliedsstaaten des ICC, sondern an die gesamte Welt, weitere Kriegsverbrechen effektiv zu unterbinden und die Täter der strafrechtlichen Verantwortung zuzuführen.

Russland ist jedoch kein Mitglied des Strafgerichtshofes, muss daher dessen Urteile nicht fürchten …
Das ist richtig, aber man darf das politische Zeichen dieser Anklage nicht unterschätzen. 124 Länder dieser Erde signalisieren damit: So nicht, Putin! Und wie wir sehen, schränkt es ja Putin in seiner Reisefreiheit gewaltig ein. Er hätte sicher gerne am BRICS-Gipfel 2023 in Südafrika teilgenommen. Doch da ihm dort die Verhaftung drohte, reiste er nicht an.

Werden wir Putin jemals auf der Anklagebank in Den Haag sehen?
Im Moment ist das nicht absehbar, doch ich sage den Ukrainern mit meiner Erfahrung durch die Aufarbeitung des Jugoslawienkrieges: 1993 hätte auch niemand gedacht, dass einmal der serbische General Ratko Mladić angeklagt und zu lebenslanger Haft verurteilt wird, Politiker wie Radovan Karadžić oder Slobodan Milošević sich für ihre Taten vor Gericht verantworten müssen. In zehn, fünfzehn Jahren kann sich der politische Wind auch drehen.

Sie hoffen auf einen „Wind of change“?
(leidenschaftlich) Ja! Das wäre ja nicht das erste Mal in der Weltgeschichte.

Sie wühlen in den Abgründen des Menschseins. Was macht das Elend mit Ihnen als Mann?
(Schweigen) Dieser Frage darf ich mich nicht jeden Tag stellen. Da würde ich verzweifeln. Es ist manchmal schon schwer zu verkraften, wozu Menschen in der Lage sind. Ja, es gibt Verbrechen, die mich als Staatsanwalt an der Menschheit verzweifeln lassen, doch die entscheidende Frage ist: Lasse ich mich von dem Bösen besiegen oder setze ich dieser Entmenschlichung Gutes entgegen? Ich will mich nicht davon abbringen lassen, mich für Gerechtigkeit, Wahrheit, Menschenwürde, Rechtsstaatlichkeit und Frieden einzusetzen.

Wie gehen Sie mit Emotionen um? Müssen Wut und Trauer außen vor bleiben, hinter den trockenen Paragrafen verschwinden? Schießen Ihnen auch mal Tränen in die Augen?
Ich bin Ehemann, Vater, Mensch. Auch mich packt manchmal das Entsetzen, der Schmerz, die Trauer. Vor Kurzem sah ich mir den mit einem Oscar ausgezeichneten Dokumentarfilm „20 Tage in Mariupol“ an. Dieser Film lässt mich nicht kalt, da musste ich schlucken, mir standen Tränen in den Augen. Das Entscheidende für uns Juristen ist jedoch: Es gilt, sich im Blick auf die Verbrechen den eigenen Emotionen zu stellen, aber dann doch professionell zu handeln. Dazu gehört es dann auch, einen russischen Soldaten als Jurist freizusprechen, wenn diesem die Taten nicht nachgewiesen werden können.

Wo der Glaube an Grenzen stößt

Die Gewalttaten, in denen Sie ermitteln, sind zu wie viel Prozent männlich?Nahezu 100 Prozent. Es wäre in der Tat spannend zu sehen, was passieren würde, wenn mehr Frauen unter den Streitkräften oder auch in den politischen Führungspositionen wären. Ich könnte mir vorstellen, dass Auseinandersetzungen da nochmals einen anderen Weg nähmen.

Was gibt Ihnen Kraft und was hilft Ihnen, im ständigen Umgang mit dem Grausamen positiv zu bleiben, die Lebensfreude zu behalten?
Ganz klar der Kontakt mit den ukrainischen Kollegen. Sie melden mir zurück: Deine Präsenz, deine Unterstützung hilft uns, nicht aufzugeben, zeigt uns, dass wir diesen Kampf nicht alleine führen müssen. Helfen tut mir aber auch das gelegentliche Zusammentreffen mit den Opfern. Da erlebe ich eine große Dankbarkeit, weil wir ihnen eine Stimme geben. Natürlich kann ich das erfahrene Leid nicht wiedergutmachen oder die toten Angehörigen zurückbringen. Doch ich kann sie ihre Geschichte erzählen lassen, die dann hoffentlich einmal vor Gericht die Täter auf die Anklagebank bringt. Gerade in der Aufarbeitung des Jugoslawienkrieges habe ich unheimlich starke Frauen erlebt, die es als unendlich befreiend erlebt haben, als die Täter auf der Anklagebank Platz nehmen mussten und sie der Weltöffentlichkeit ihre leidvollen, dokumentierten Geschichten erzählen konnten. Ansonsten wende ich mich auch schönen Dingen wie Sport und Kultur zu, genieße Zeiten mit der Familie, gehe in die Kirche.

Sie sind Christ, Prädikant in der Evangelischen Kirche. Bohrt in Ihnen nicht manchmal trotzdem auch die Frage nach dem Leid?
Auch mein Glaube stößt hier und dort an Grenzen. Es gibt viele Antworten auf die alte Frage: „Wie kann Gott das alles zulassen?“ Doch allesamt lassen sie mich unbefriedigt zurück. Ja, ich kenne das Bohren im Blick auf das Leid. Mir tut es gut, diese Not, die aufsteigende Wut an Gott abzugeben, ihm im Gebet zu sagen: Herr, erbarme dich!

Sie wollen nicht aufgeben. Wann hat sich die Arbeit von Oberstaatsanwalt Klaus Hoffmann gelohnt?
Ich freue mich über jeden kleinen Schritt hin zu mehr Gerechtigkeit. Bei der Arbeit, die ich jetzt tue, sind die Ergebnisse leider nicht so schnell sichtbar. Was ich jedoch bereits sehe, ist eine positive Veränderung der Kolleginnen und Kollegen in der Ukraine. Ich sehe, dass die Gespräche, Fortbildungen und Schulungen Früchte tragen. Und klar: Die Ermittlungsarbeiten basieren (noch) auf Hoffnung. Doch ich bin der festen Überzeugung: In einigen Jahren werden wir Generäle und vielleicht auch Politiker aus Moskau auf der Anklagebank sitzen haben.

Herzlichen Dank für das eindrückliche Gespräch!
Rüdiger Jope ist Chef-Redakteur des Männermagazins MOVO.