Totgeburt: „Mein Kind ist in den Himmel geboren“
Ein verstummtes Herz lässt das Familienleben stillstehen. Wo war Gott in diesem Moment?
Es ist an einem 17. als meine schwangere Frau mich auf der Arbeit anruft und mir sagt, dass ihr unwohl ist und sie zur Kontrolle gerne ins Krankenhaus fahren möchte. Es sind nur noch zwei Tage bis zum Geburtstermin. Die Anspannung steigt. Alles ist perfekt durchgeplant, wir sind voller Vorfreude auf unser „Krümelchen“. Sie würde unser drittes Kind werden. Das war schon immer unser Wunsch. Es scheint aufzugehen. Perfekte Kinder, perfekter Abstand. Sogar die Geburtstage passen. Unsere ersten beiden Kinder wurden jeweils an einem 17. geboren, wir heirateten an einem 17. und jetzt sind wir wieder an einem 17. auf dem Weg ins Krankenhaus. Juhu! Gott hat echt Humor.
Alles unter Kontrolle
An diesem 17. ist meine Frau allerdings beunruhigt. Auf dem Weg ins Krankenhaus beruhige ich sie im Auto: „…es wird schon alles gut sein.“ Doch irgendetwas lässt auch bei mir Zweifel und Unruhe aufkommen. Aber ich will die Kontrolle behalten. Ich bin ja schließlich der starke Mann.
Der CTG Sensor hält erst nicht richtig. Doch die Krankenschwester findet kein Signal. Die Minuten vergehen gefühlt immer langsamer. Ich zittere leicht. Sie probiert es an einer anderen Stelle. Ebenfalls kein Signal. Plötzlich liegt eine Anspannung in der Luft. Sie bringt uns in ein anderes Zimmer mit präziserer Technik. Fragen beginnen sich in meinem Kopf zu überschlagen. Eine Ärztin kommt hinzu und macht Ultraschallaufnahmen.
Doch es bleibt still. Im Raum. Auf dem Monitor. Wir schauen auf den Bildschirm und können sie sehen. Unsere Tochter, unser Krümelchen. So wunderschön ist dieser Anblick. Doch nichts bewegt sich. Kein Herzschlag. Gar nichts. Unser Krümelchen ist tot. Auf Schlag ist auch Stillstand bei uns. Ich fühle gar nichts mehr. Millisekunden des Unglaubens und Wahrwerdens ziehen sich wie Kaugummi unendlich in die Länge. In die Stille hinein flüstert die Ärztin die unumstößliche Diagnose. „Das Herz ihres Kindes hat leider aufgehört zu schlagen …“ Meine Frau schreit. Mir versagen die Knie. Ich muss mich hinsetzen, habe keine Kraft mehr, meiner Frau stärkend zu Seite zu stehen. Alles gleitet mir durch die Finger. Sie weint und schreit. Ich halte mir abwechselnd die Ohren zu, greife mir an den Kopf. Ich versuche, Halt zu finden. Ich versuche, zu begreifen, zu fassen, was gerade passiert. Schaffe es aber nicht. Tränen laufen mir übers Gesicht. Ich klage. „Gott, wo bist du?“ Alles läuft aus dem Ruder. Unfassbarer Schmerz setzt sich auf mein Herz. Es tut so weh. Unsere Tochter ist tot. Meine Frau leidet.
Wir wechseln in den Kreißsaal. Alle bereiten in liebevoller Anteilnahme und Ruhe die Geburt vor. Zuspruch und Mitgefühl helfen, die Situation für den Moment anzunehmen. Immer wieder weinen wir und halten uns ganz fest im Arm. Wir ermutigen uns und ich versuche, meiner Frau eine Stütze zu sein.
Das Wunder bleibt aus
Kurz vor Mitternacht an einem 17. wird unsere Rahel geboren. Ich bin stolz. Auf meine Frau, meine Tochter. Sie sieht so unfassbar schön aus. „Ach, wie gerne würde ich dich schreien hören“. Stille, auch jetzt. Das Wunder bleibt aus. Wir feiern und beweinen sie gleichzeitig. Wir genießen es, sie in den Armen zu halten. Noch bis zum nächsten Tag darf Rahel bei uns bleiben. Der wenige Schlaf vermischt sich mit heilsamen Tränen.
Wo war Gott als Rahel starb? Die Frage ist uns nicht wichtig. Wir leben nun mal in einer Welt voller Fragezeichen, Leid und Not. Wir wurden getragen von der Familie und Freunden. Sie haben für uns gebetet, geglaubt, geweint und geklagt. Ich erlebte heilsame Momente draußen in Gottes wunderbarer Schöpfung und bei einem Männerwochenende im Kloster. Gott begegnet mir. Ich spüre: Er weinte und trauerte mit mir und er lehrte mich: Das Leben auf dieser Erde atmet etwas vorläufiges. Rahel ist jetzt „Himmelsbürgerin“ und mich trägt die Hoffnung, dass wir uns dort wiedersehen und in die Arme schließen werden.
Torsten Kötteritzsch (43) lebt in Burgstädt (Sachsen). Er engagiert sich nach dem Job in der Kirche und arbeitet als Entwicklungsingenieur und Berater.











