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Gesundheit: So senken Sie Ihren Blutdruck ohne Medikamente

Ein gesunder Lebensstil senkt den Blutdruck. Arzt Jonathan Häußer weiß, welche kleinen Schritte einen großen Unterschied machen.

Große Verhaltensänderungen fallen uns oft schwer. Und wie viel Einfluss haben wir wirklich auf unsere Gesundheit? Mehr als wir denken! Greifen wir das Beispiel Bluthochdruck heraus. Bluthochdruck ist weit verbreitet. Etwa 20 bis 30 Millionen Deutsche sind davon betroffen. Und es ist keineswegs eine Erkrankung, die nur alte Menschen betrifft.

Wie viel wir mit unserem Lebensstil ausrichten können, spiegelt sich auch in den offiziellen Empfehlungen wider. Wenn Bluthochdruck festgestellt wird, soll dieser erst mal nicht mit Medikamenten behandelt werden. Am Anfang – und auch danach – sind Lebensstilveränderungen der wichtigste Baustein. Doch was gehört alles dazu?

Schon Spaziergänge und die Fahrradfahrt zur Arbeit helfen

Genug Bewegung ist der erste Baustein. Wer regelmäßig körperlich aktiv ist, kann allein dadurch schon seinen Blutdruck senken. Dabei muss es noch nicht einmal Sport im engeren Sinne sein. Schon Alltagsaktivitäten wie ein zügiger Spaziergang und Fahrradfahren zur Arbeit helfen. Dabei können es auch einfache Dinge sein, wie die Treppen statt den Fahrstuhl zu nehmen und bei der Busfahrt schon eine Station früher auszusteigen.

Die zweite wichtige Komponente bei der körperlichen Aktivität ist das Krafttraining. Es ist wissenschaftlich belegt, dass Krafttraining auch unabhängig von Ausdauertraining einen Nutzen bei Bluthochdruck hat. Das gilt auch für verschiedene andere Erkrankungen wie Diabetes oder Herzinfarkte und Schlaganfälle.

Viel Obst und Gemüse sind nie falsch

Genauso hilft gesundes Essen, den Blutdruck zu senken. Hier hat sich eine mediterrane Ernährung als nützlich erwiesen. Dazu gehören viel Obst und Gemüse, Olivenöl und Fisch, dafür aber wenig Fleisch und Wurst.

Zudem kann weniger Kochsalz den Blutdruck senken. Auch bei anderen Krankheiten hilft eine gesunde Ernährung, die genauen Empfehlungen können etwas variieren. Aber mit viel Obst und Gemüse kann man grundsätzlich nichts falsch machen.

Schlaf ist unersetzlich

Im Gegensatz zu einer gesunden Ernährung treibt Stress den Blutdruck eher nach oben. Daher können auch Entspannungsverfahren helfen, den Blutdruck zu senken. Ähnlich sieht es beim Schlaf aus. Schlaf ist unersetzlich. In der Nacht regenerieren wir und unser Gehirn gönnt sich mal eine Ruhepause.

Beim Schlafen kommt es nicht nur auf die Dauer, sondern auch auf die Qualität an. Generell werden sieben bis neuen Stunden Schlaf pro Nacht empfohlen. Wer weniger als acht Stunden pro Nacht schläft, hat ein erhöhtes Blutdruckrisiko.

Mit kleinen Schritten anfangen

Wie kannst du dir aber einen gesunden Lebensstil aneignen? Es ist wichtig, klein anzufangen. Mache kleine Schritte, anstatt gleich den ersten Schritt zu groß zu wählen. Wenn du beim ersten Schritt scheiterst, ist das demotivierend.

Besser ist, wenn du auf der Erfolgstreppe eine Stufe nimmst. Gehe immer nur eine Sache an, sonst bist du schnell überfordert. Und du darfst Erfolge feiern! Belohne dich, wenn du deine Ziele erreicht hast.

Messbare Ziele wählen

Dafür ist es gut, wenn deine Ziele nicht nur erreichbar, sondern auch messbar sind. Anstatt als Ziel „Ich möchte mich mehr bewegen“ zu wählen, ist das Erreichen eines Zieles wie „Ich möchte zweimal pro Woche 30 Minuten spazieren gehen“ viel konkreter und besser überprüfbar. Es hilft, wenn du dich für einen solchen Spaziergang mit jemandem verabredest oder möglichst vielen anderen davon erzählst. Dann fühlst du dich auch deinem Ziel mehr verpflichtet.

Scheitern ist normal. Niemand ist perfekt. Aber gib nicht auf! Aufstehen und Krone richten! Es ist erlaubt, andere um Hilfe zu bitten, wenn du es allein nicht schaffst. Stell dir vor, wie schön es ist, wenn du dein Ziel erreicht hast! Große Veränderungen beginnen mit einem ersten kleinen Schritt.

Jonathan Häußer ist Arzt und Sportwissenschaftler und fühlt sich vor allem in der Sport- und Ernährungsmedizin zu Hause. In seiner Freizeit ist er auch selbst sehr aktiv. Wenn er nicht gerade bei der Arbeit ist oder durch den Wald läuft, ist er häufig im ICF Hamburg zu finden.

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Gefühle wahrnehmen: Wie eine Therapie Rolf hilft, nicht mehr auszurasten

Rolf schreit seine Kinder an und zockt abends lieber mit einem Bier am PC, statt sich mit seiner Frau zu unterhalten. Erst eine Therapie führt ihn zur Wurzel des Problems – tief vergraben in seiner Familiengeschichte.

Dass er seine Kinder anschreit, kam früher fast nie vor. Auch nicht, dass er bei der Arbeit montags schon das Wochenende herbeisehnt. Oder am Abend am liebsten mit einem Bier am PC zockt, statt mit Martina über den Tag zu reden.

Doch in Rolfs Leben hat sich in den vergangenen Jahren viel verändert: das neue Haus, das die Bank zu 80 Prozent finanziert hat; seine Beförderung zum Teamleiter, der nun Verantwortung für zwölf Kollegen trägt und direkt an die Geschäftsführung berichtet; seine Eltern, die im Ruhestand zunehmend seine Hilfe brauchen; und seine Ehrenämter in der Kirchengemeinde und im Klimaschutz, die während der Pandemie deutlich aufwendiger wurden.

Widerwillig geht Rolf zur offenen Männergruppe

Wenn Martina, mit der Rolf seit 14 Jahren verheiratet ist und die Kinder Robin (11) und Clara (9) hat, ihn auf seine gereizte und abweisende Art anspricht, winkt der 42-Jährige nur ab. Es sei halt „aktuell alles ein bisschen viel“, aber nach dem Sommer werde es besser, wenn in der Firma die Umstrukturierung abgeschlossen sei und in der Klimaschutzinitiative andere Ehrenamtliche ihm Aufgaben abnähmen. Und überhaupt, was sie immer gleich habe.

Als nach dem Sommer nichts besser ist und Martina zunehmend bemerkt, dass Rolf nur noch unruhig schläft und vermehrt Alkohol trinkt, drängt die Erzieherin darauf, dass ihr Mann sich helfen lässt. Eher widerwillig besucht er meine offene Männergruppe, ist dann aber beeindruckt von der Offenheit, mit der sich Männer hier zeigen, den Themen der Männer, die ihn alle an ihn selbst erinnern, und der Klarheit, mit der ich die Gruppe führe.

Gespräche galten als „vertane Zeit“

Nach dem Abend spricht mich Rolf an und vereinbart einen Termin mit mir für ein Einzelgespräch. Auch hier kommt er sich zunächst wieder komisch vor, weil sich „hier ja alles um mich dreht“. Schnell wird klar, dass das dritte von vier Geschwistern mit Sätzen wie „Nimm dich nicht so wichtig!“ oder „Stell dich nicht so an!“ in einem kleinen Handwerksbetrieb aufgewachsen ist.

Zeit war immer knapp, die Kunden gingen vor und Gespräche galten als „vertane Zeit“. „Eigentlich habe ich immer nur funktioniert und geschaut, dass ich keinen Ärger mache und keinen Ärger kriege“, fasst Rolf diese Kindheit zusammen. Ich spiegele ihm, dass all diese Sätze aus dem Elternhaus Imperative waren, also Aufforderungen in Befehlsform. So habe er verinnerlicht, sich selbst herumzukommandieren.

Gefühle nicht wahrgenommen

Und ohne Gesprächskultur habe er auch nicht gelernt, zu reflektieren, in sich hineinzuhören und seine Befindlichkeiten und Gefühle wahrzunehmen und zu spüren. Denn unsere Gehirne sind sehr intelligent organisiert und lernen schnell: Wenn Gefühle dauerhaft ignoriert werden, meldet sie unser Gehirn nicht mehr unserem System, sondern schiebt sie in unser Unterbewusstsein, wo sie sich unserer Kontrolle entziehen.

Rolf bestätigt, dass er oft nichts fühlt und deshalb auch seine Befindlichkeiten nicht artikuliert. Ich widerspreche. Er fühle sehr wohl, nehme das aber nicht mehr wahr, weil er sich – bzw. sein Gehirn ihm – das abtrainiert habe.

„Deine Trauer und deine Tränen sind willkommen“

Nun schweigt der 42-Jährige lange, seine Haltung verändert sich und seine Mimik zeigt Trauer. Als ich das ausspreche, kommen Rolf die Tränen. Und sofort meldet sich auch seine Scham, indem er die Tränen wegwischt und versucht, einen Witz zu machen, mit dem er seine Situation ins Lächerliche ziehen will.

Ich halte dagegen: „Deine Trauer und deine Tränen sind willkommen, Rolf, du machst gute Arbeit.“ Und gemeinsam sitzen wir da, schweigen und jegliche Macher-Allüren fallen von dem Familienvater ab.

„Was treibt dich an, Rolf?“

Beim nächsten Termin wirkt Rolf schon gelöster. Er habe sich auf den Termin gar gefreut. Er sei gespannt, was er heute über sich erfahre, und macht auch gleich ein Angebot: In seinem christlich geprägten Elternhaus sei immer klar gewesen, dass man „nicht für sich selbst lebt, sondern für den Dienst am Nächsten“. Nun nehme er wahr, dass ihn dieser Anspruch überfordere, weil er gelegentlich einfach zu erschöpft sei, für das Gemeindefest Helfer zu gewinnen und einzuteilen oder in seiner Klimaschutzinitiative noch Unterlagen zu lesen, Protokolle zu schreiben und ein Pressegespräch vorzubereiten.

„Was treibt dich an, Rolf?“, frage ich den Ingenieur, und er scheint fast in seinem Korbsessel zu versinken, ehe zögerlich seine Antwort kommt: „Ich möchte halt niemanden vor den Kopf stoßen.“ Und als ich weiterfrage, kommen Variationen dieser Aussage. Schließlich biete ich ihm eine Antwort an: „Rolf, kann es sein, dass du geliebt werden möchtest?“ Und wieder verrät seine Mimik viel Trauer und wir schweigen gemeinsam.

Im Wettbewerb um die Gunst von Vater oder Mutter

Nun erzählt der Macher aus seiner Kindheit. Wie er um die Anerkennung der Eltern buhlen musste. Wie die Geschwister im Wettbewerb um die Gunst von Vater oder Mutter standen, denen nahezu nie ein Lob über die Lippen kam, nach dem alten schwäbischen Motto: „Nicht geschumpfen ist Lob genug.“

Rolf erinnert sich, dass im elterlichen Betrieb Geld offenbar immer wieder mal knapp war, weil Kunden insolvent gingen und Rechnungen nicht bezahlten oder der Vater zu viele Leistungen zu preisgünstig erbrachte. Rolf muss lachen, als ich ihm die Parallele aufzeige, dass offenbar auch sein Vater von jedermann geliebt werden wollte.

Immer besser kommt der Familienvater nun in seine Gefühle und kann sie benennen: Trauer, dass zu Hause so wenig Raum für Gespräche und Reflexion war. Wut, dass ihm niemand beigebracht hat, seine Bedürfnisse zu spüren und sie äußern zu dürfen. Aber auch Freude, dass er jetzt bei mir sitzt, das neue Verhalten trainiert und damit neue Erfahrungen sammelt bei der Arbeit, in der Familie und in seinen Ehrenämtern.

Rückfall löst Panik aus

Nun verlängert er die Abstände, in denen er in die Therapie kommt. Stößt ihm im Alltag etwas unangenehm auf, dann muss er nicht mehr sofort heftig reagieren, sondern begnügt sich mit dem Wahrnehmen, dass jetzt offenbar gerade wieder etwas schiefläuft. Dann nimmt Rolf bewusst Geschwindigkeit aus der Situation oder stoppt sogar ganz, um innezuhalten, wahrzunehmen und zu atmen. Gelegentlich muss er sogar innerlich lächeln, weil er sich dabei auf die Schliche kommt, in sein altes Muster zu rutschen.

Einmal geschieht dies tatsächlich in seiner Kirchengemeinde und er pampt Mitstreiter an, weil sie ein wichtiges Detail vergessen haben. In seiner Panik ruft er mich an und sitzt bereits am nächsten Tag bei mir. Ich lasse ihn erzählen, wie es zu der Situation kam, und schon in seiner Schilderung nimmt er wahr, wie er „gelbe Warnschilder“ ignoriert hat. „Du warst dir zu sicher, mit deiner Veränderung ‚durch‘ zu sein“, spiegele ich ihm und frage ihn, wann er mal „etwas Wichtiges vergessen“ hat. Sofort fallen ihm drei Beispiele aus jüngster Zeit ein. Beim nächsten Treffen in seiner Gemeinde will Rolf seinen Mitstreitern von seinen Versäumnissen berichten und um Verzeihung für seinen Ausraster bitten. Dieser dient ihm nun vor allem dafür, dauerhaft mit sich selbst achtsam zu sein.

Leonhard Fromm (58) ist Gestalttherapeut und Männer-Coach. Der zweifache Vater lebt in Schorndorf bei Stuttgart und macht (Gruppen-)Angebote in Präsenz und online. derlebensberater.net

Andrea Zogg (links) und Marco Schädler in Stefan Zweigs "Die Auferstehung des Georg Friedrich Händel". (Foto: profile productions)

„Was hab‘ ich Angst gehabt“: Plötzlich fürchtet Tatort-Kommissar Andrea Zogg um seine Karriere

Mit Anfang 50 kann Andrea Zogg immer schlechter Texte auswendig lernen. In seiner Verzweiflung hilft ihm der Komponist Georg Friedrich Händel.

Manchmal sind es bis zu 12 Millionen Leute, die sonntagabends „Tatort“ gucken. Spielte die Folge in Bern, war Andrea Zogg der Kommissar. Im „Tatort“ aus Zürich ist er mal der Bösewicht, mal der Retter. Die Staffeln der Serie „Zürich-Krimi“ heißen immer „Borchert und …“, Andrea Zogg hat darin mehr als zehnmal mitgespielt, 2011 war er für den Schweizer Filmpreis als „Bester Darsteller“ nominiert, 2020 als „Beste Nebenrolle“ im Film über den Schweizer Reformator Ulrich Zwingli und, ja, einmal gab’s sogar einen Oscar für den besten ausländischen Film. Im aktuellen Kino-Blockbuster „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ steht Andrea Zogg an der Hotelrezeption.

Auf der Bühne, am Konzertflügel, sitzt Georg Friedrich Händel (1685–1759) mit Perücke und Schnallenschuhen. Am Schreibtisch steht Schriftsteller Stefan Zweig (1881–1942) und erzählt, wie Händel tödlich erkrankt zu Boden fällt – ein Schlaganfall? Ein Herzinfarkt? Und der Notarzt sagt: „Er wird nie mehr komponieren können.“

Tatort-Kommissar singt Kirchenlieder

Schauspieler Andrea Zogg weiß, wie man mit sonorer Sprechstimme und wenigen ausdrucksstarken Gesten das Publikum auf die vorderen Stuhlkanten lockt. 70 spannende Minuten lang rezitiert er auswendig, wie G.F. Händel aus Halle in Sachsen überraschend gesund wird, sich 1741 in seiner Londoner Wohnung einschließt und in nur 23 Tagen sein berühmtestes Werk schreibt: „Der Messias.“ Seit 250 Jahren wird es von vielen Chören und Orchestern der Welt aufgeführt, meist zu Ostern, und selbst religionsferne Tatort-Gucker würden etliche Melodien daraus wiedererkennen.

Den Zuschauern stockt der Atem: Andrea Zogg kann Teile aus Händels „Messias“ richtig gut singen! In einer Art szenischer Popversion, während Pianist Marco Schädler ein furioses Medley inklusive „Stairway to heaven“ oder „Crazy Diamond“ von Pink Floyd drunterlegt. Und dann setzt er noch einen drauf: Das „Große Halleluja“ singen die Zuschauer begeistert mit.

Ein Schauspieler, der Texte vergisst

„Das war meine Auferstehung“, erzählt Andrea ganz untheatralisch nach der Show, „ich war Anfang 50 und konnte immer schlechter Texte behalten. Katastrophal für einen Schauspieler: Du bist nicht gut im Auswendiglernen?! Was hab‘ ich Angst gehabt am Filmset, was hab‘ ich mich durchgemogelt! Kleine Zettel in die Möbel oder in die Kostüme gesteckt, genuschelt, geschummelt – und dann wurde ich auch noch krank. Irgendein Virus. Da las ich Stefan Zweigs ‚Die Auferstehung des Georg Friedrich Händel‘ und dachte: Das muss man mal aufführen! Meine Frau sagte: ‚Das schaffst du nicht mehr. Eine Stunde Text? Solo?'“

Andrea Zoggs Elternhaus in einem Graubündner Dorf war nominell evangelisch, aber nicht religiös. „Meine Oma gab mir eine Kinderbibel, da fand ich nur die Bilder mit Schlangen und wilden Tieren interessant. Dann flog ich von der Schule wegen schlechtem Betragen, kam auf ein Internat und ging in den Schulchor, Händels ‚Messias‘, ein Jahr lang geprobt. Wir waren so geflasht von der Wucht der Texte und der Musik, das haben wir noch nachts in der Kneipe gesungen.“

„Nach 16 Jahren mit einem behinderten Kind waren unsere Batterien einfach leer“

Er fällt an der Schauspielschule durch die Prüfung, studiert Geschichte und Germanistik auf Lehramt, seine Schwester wird Theatermalerin an der Landesbühne Hannover und der Berliner Schaubühne. Durch ihre Vermittlung wird er doch noch angestellt, macht Karriere am renommierten Frankfurter Theater am Turm, am Schauspielhaus Wien, am Theater St. Gallen, wird fürs Fernsehen und Kino entdeckt, heiratet, bekommt drei Söhne und – zieht mit seiner Familie in jenes Schweizer Bergdorf zurück, „wo die Betreuung unseres autistisch-epileptischen Jungen besser gewährleistet ist. Nach 16 Jahren mit einem behinderten Kind waren unsere Batterien einfach leer.“

Andrea Zogg macht eine Pause. Was er und seine Frau durchgestanden haben, ist vorstellbar. Harte Medikamente, heftige Nebenwirkungen, Unfälle im Haushalt, kaum gesundheitliche Fortschritte. „Unser mittlerer Sohn ist jetzt 33 und lebt im betreuten Wohnen auf einem Bauernhof, es geht ihm gut. Der ältere und der jüngste sind beruflich bei Filmproduktionsfirmen gelandet.“

Gedächtnisprobleme verschwinden

Jetzt grinst Andrea wieder: „Ich las von Georg Friedrich Händel am Tiefpunkt seines Lebens, wie er von der Auferstehung des Jesus Christus singt und musiziert. Und dabei seine eigene körperliche, mentale und künstlerische Auferstehung in nur drei Wochen erlebt. Ich lernte den Text von Stefan Zweig und – es ging plötzlich! Ich hab‘ seither keine Gedächtnisprobleme mehr beim Drehen. Als meine Mutter mit 95 Jahren starb, bot ich dem Pfarrer an, das Stück an ihrer Trauerfeier vorzutragen. Es war die erste Aufführung, die Marco Schädler und ich in einer Kirche machten. Meine Auferstehung, wenn du so willst.“

Andreas Malessa (66) wurde bekannt als Teil des Gesangsduos „Arno & Andreas“ und gab rund 1.400 Konzerte im In- und Ausland. Nach Abitur und Theologiestudium in Hamburg zog der „überzeugte Norddeutsche“ als Wahl-Schwabe in die Nähe von Stuttgart, ist seit mehr als einem Vierteljahrhundert verheiratet, hat zwei fast erwachsene Töchter, liebt Fernreisen, gute Romane, Rotwein und kritisch mitdenkende Zuhörer.

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Traumjob gesucht: Jetzt ist der Moment, um neu anzufangen

Die Angst vor dem Scheitern hindert viele Männer daran, beruflich neu anzufangen. Coach Bernhard Fanger weiß, was es braucht, damit Träume wahr werden.

Mal vorweg gefragt: Sind eher Männer oder Frauen unzufrieden mit ihrem Job?

Bernhard Fanger: Dazu gibt es Studien, die mal das eine und mal das andere sagen. Angeblich sind es tendenziell eher Frauen, die unzufrieden sind. Ich glaube nicht, dass das so geschlechtsspezifisch ist, sondern vielmehr aus der persönlichen Lebenssituation entsteht.

Ich finde, dass Frauen nach wie vor nicht immer die berufliche Anerkennung bekommen, die sie verdienen. Vielleicht deshalb die eher höhere Unzufriedenheit. Männer halten oft Situationen aus, eine toxische Arbeitsumgebung wird da eher als „normal“ gesehen, weil „Mann“ es halt nicht anders kennt.

Sie waren Führungskraft und Vorstand in verschiedenen Technologieunternehmen, bevor Sie für sich einen anderen Weg wählten. Was war der entscheidende Moment, noch einmal neu anzufangen?

Ich war damals schon länger latent unzufrieden mit meiner beruflichen Situation. Sowohl unterfordert und frustriert, was Kompetenzen und Gestaltungsmöglichkeiten anging, als auch überfordert durch die schiere Anzahl von Aufgaben. Ich merkte, dass es so nicht mehr weitergehen konnte. Aber ich hatte anfänglich auch absolut keine klare Vorstellung, was stattdessen meine berufliche Zukunft sein könnte.

„Manche brauchen nur etwas Orientierung“

Sie coachen männliche Führungskräfte, die etwas Neues beginnen möchten. Was bewegt diese dazu?

Das ist so unterschiedlich wie die Menschen selbst. Da gibt es sowohl die Männer, die ihren langjährigen Traum umsetzen wollen, als auch diejenigen, die schlicht in ihrem jetzigen Umfeld frustriert und ausgebrannt sind.

Manche brauchen nur etwas Orientierung, einen kompetenten Gesprächspartner, unabhängiges Feedback. Andere sind einfach erschöpft und ohne Ideen, wie es weitergehen kann. Und dann gibt es diejenigen, die schon eine ganz genaue Vorstellung haben und vielleicht nur Bestätigung oder Ermutigung brauchen.

„Beim Formulieren von Wünschen wird mir selbst oft vieles klarer“

Was empfehlen Sie Männern, die herausfinden wollen, was wirklich in ihnen steckt? Die noch unschlüssig sind, wofür sie sich tatsächlich begeistern können?

Sich selbst kennenzulernen ist wichtig: Was will ich, was sind meine Stärken, wie komme ich in einen Flow? Ein weiterer wichtiger Faktor ist, mir selbst Zeit zu geben, mal eine Pause zu machen von der permanenten Geschäftigkeit.

Gut ist auch, mich auszutesten, etwas Neues auszuprobieren, gerade wenn ich noch nicht der Experte bin. Also mal vorher im Hotel arbeiten, wenn ich eines eröffnen will. Oder auch eine ehrenamtliche Aufgabe übernehmen, zum Beispiel wenn ich noch gar keine Ahnung habe, wo es hingehen soll. Es hilft auch sehr, sich auszutauschen mit anderen. Nicht nur um Tipps und Ideen zu bekommen – beim Formulieren meiner Wünsche und Ideen wird mir selbst oft vieles klarer.

„Riesige Angst vor Statusverlust“

Aus Ihrer Erfahrung: Was sind die größten Hürden für einen gelungenen Neustart? Mit welchen Ängsten kämpfen die Männer, die zu Ihnen kommen?

In der Regel werden fehlende Zeit, fehlendes Geld oder fehlende Ideen als Gründe genannt, mit einer Neuorientierung zu warten. Meiner Meinung nach liegen die Gründe tiefer. Es gibt gerade bei uns Männern eine riesige Angst vor Statusverlust und vor dem Scheitern. Wer sind wir, wenn wir nicht mehr die tollen Hechte im Berufsleben sind? Wie reagiert mein Umfeld, wenn es nicht klappt mit meiner neuen Idee? Das macht Angst!

Ein weiterer Faktor ist, dass wir wenig positive Vorbilder haben. Wir blicken auf zu Leuten wie Richard Branson oder Steve Jobs, aber die schweben in einer anderen Dimension, die haben eher die Aura von Popstars. Unerreichbar. Deshalb war es mir wichtig, für das Buch mit „ganz normalen“ Männern zu sprechen, die alle erst später in ihrer Karriere ihr eigenes Ding starteten.

„Es ist nie der exakt richtige Zeitpunkt“

Durch die Corona-Krise ist in der Wirtschaft eine große Unsicherheit zu spüren. Viele fürchten um ihren Arbeitsplatz. Ist jetzt wirklich der richtige Zeitpunkt für einen Neubeginn? Oder ist die Zeit des Umbruchs vielleicht sogar eine Chance?

Es ist nie der exakt richtige und nie der komplett falsche Zeitpunkt. Es hängt deutlich weniger von den äußeren Umständen ab und viel mehr davon, was ich selbst möchte und wie ich mich gestalte. Sonst hätte nach dem Zweiten Weltkrieg niemand ein Unternehmen gestartet – bei so viel Unsicherheit, so viel Zerstörung, so wenig Kaufkraft …

Vielleicht muss ja auch nicht gleich der komplette Wandel sein. Reicht nicht manchmal auch nur eine Kurskorrektur?

Das ist sogar in sehr vielen Fällen so. Es ist deshalb ganz wichtig, herauszufinden, ob meine Unzufriedenheit und Erschöpfung tatsächlich am Job liegen oder ganz andere Ursachen haben. Sonst gebe ich meinen Job auf und bin weiter unzufrieden. Bei Weitem nicht jeder muss sich auf neuen Pfaden selbst verwirklichen, aber jeder sollte wissen, was ihm guttut und was nicht.

„Ein Manager, der seine eigene Kaffeerösterei aufgebaut hat“

Können Sie uns ein paar Beispiele aus Ihrer Praxis nennen von Männern, die ihr Leben umgekrempelt haben? Gibt es die Geschichten vom unzufriedenen Topmanager, der jetzt glücklicher Weinbauer ist?

Die gibt es in der Tat, und mein Buch ist voll von diesen Geschichten: ein Manager, der seine eigene Kaffeerösterei aufgebaut hat. Eine Führungskraft, die ein Boutique-Hotel in denkmalgeschütztem Gemäuer gebaut hat. Ein Marketingleiter, der nachhaltiges Fertigessen produziert. Ein Weinbauer war nicht dabei, aber ein Weinhändler, der auch weiterhin seinen Job als Personalmanager gut ausfüllt.

Sie haben für Ihr Buch mit verschiedenen Männern über deren Neuorientierung gesprochen. War es schwierig, Ihre Gesprächspartner zu einem offenen Gespräch zu ermutigen?

Es war überraschend einfach. Vielleicht auch, weil meine Gesprächspartner alle voll hinter ihrer Idee stehen. Ich habe so viel Offenheit erfahren und auch sehr viel Ehrlichkeit. Gerade was die Ängste anbelangt, die Schwierigkeiten bei einem Neuanfang, die finanziellen Einbußen, die Zeitdauer, bis ein neues Projekt ins Laufen kommt, die Bedeutung des Partners dabei. Schön war, dass kaum einer meiner Protagonisten die Schuld „der Firma“, also ihrem vorherigen Arbeitgeber, gab. Vielmehr haben sie selbstverantwortlich nach dem besten Weg für sich gesucht.

„Verständnis ist auch schon Unterstützung“

Wer sollte Ihr Buch lesen? Vielleicht sogar die Ehefrau oder Partnerin, die ihren Mann beim „Spurwechsel“ unterstützen möchte?

Eine gute Frage. Ich habe erlebt, dass die Partnerin oft schon früher merkt, wenn mit ihrem Mann etwas nicht stimmt, wenn Frust und Unzufriedenheit überhandnehmen. Männer lassen diesen Frust dann gerne am persönlichen Umfeld, an der Familie und der Partnerin aus. Das ist nicht nur unfair, sondern auch in keiner Weise hilfreich. Vielleicht gibt es Frauen, die ihren Mann so unzufrieden erleben und ihm mit dem Buch ein paar Denkanstöße geben wollen.

Mein Buch hat zwar „Mann“ im Titel, aber die meisten Kapitel sind für Frauen genauso relevant und interessant. Vielleicht werden manche Frauen überrascht sein, mit welchen Themen und Ängsten sich ihre Männer herumschlagen. Und Verständnis ist auch schon Unterstützung.

Bernhard Fanger ging aus einer Konzernkarriere in die Selbstständigkeit und ist heute Mentor und Management-Coach. Als ehemaliger Geschäftsführer, Vorstand und Aufsichtsrat in mittelständischen Technologieunternehmen weiß er, wo vielen Männern der Schuh drückt. fanger.de

Opernsänger John Treleaven. (Foto: Lawrence Richards)

John Treleaven singt sich vom Fischerdorf auf die Opernbühne – dann zerstört der Alkohol beinahe seinen Traum

Für den britischen Opernsänger John Treleaven zählt nur die Kunst. Wenn es ihm zu viel wird, trinkt er ein paar Bier – bis er mit 40 lebensgefährlich erkrankt.

„Ich habe nicht gewusst, wie sehr das unter die Haut gehen würde! Aber es war eine wunderschöne Zeit!“, sagt John Treleaven im Rückblick auf die knapp vier Wochen, die er zusammen mit seinem Sohn Lawrence im Sommer 2018 in Cornwall verbracht hat. Als Sohn eines Fischers kam er in dem winzigen Dorf Porthleven vor 71 Jahren auf die Welt. Dass er eines Tages in London Gesang studieren und danach auf den großen Opernbühnen der Welt zu Gast sein würde, konnte damals keiner ahnen.

Dieser Lebensweg und der tiefe Glaube an Gott durch alle Krisen hindurch faszinierten Sohn Lawrence schon immer. Seit er angefangen hatte, Film zu studieren, stand für ihn fest: „So eine Heldengeschichte funktioniert auch im Kino. Eines Tages mache ich einen Film über meinen Vater!“ Von da an begleitete er seinen Vater immer wieder zu besonderen Auftritten, filmte Backstage, befragte Opernkollegen und Vorgesetzte.

Der rote Faden fehlt

Jede Menge Filmmaterial kam zusammen. Aber der „rote Faden“ für die Handlung fehlte ihm und es gab noch ein „Problem“, erinnert sich der heute 40-Jährige: „Mein Vater war damals noch so tief in seiner Berufswelt, dass er nicht bereit war, sich als Privatperson zu präsentieren, und er hätte aufpassen müssen, dass er nicht über gewisse Sachen spricht, die ihm hätten schaden können.“

Aber der richtige Zeitpunkt würde kommen, da war er sicher. Weil er mit seiner Produktionsfirma „indievisuals“ so ein Projekt nicht alleine stemmen konnte, holte er sich Unterstützung bei den Kollegen von MAPP Media GmbH. Zusammen mit der Dramaturgin Rebecca – die heute seine Frau und Mutter seines Sohnes ist – entwickelte er ein stimmiges Konzept.

Einzelzimmer gab es aus Kostengründen nicht

Das Kernstück des Films sollte eine gemeinsame Reise von Vater und Sohn nach Cornwall sein. Die finanziellen Mittel kamen durch die Filmförderung von Hessenfilm, die Kulturförderung Rheinland-Pfalz und eine aufwendige Crowdfunding-Aktion zusammen.

Im Juli 2018 ging die Reise los. Vater und Sohn fuhren aber nicht alleine nach Cornwall, sondern zusammen mit einer dreiköpfigen Filmcrew. Das Budget war knapp und so reisten sie zu fünft im Multivan, der bis auf den Dachgepäckträger mit Technik und Filmequipment vollgepackt war. Einzelzimmer gab es aus Kostengründen nicht.

Sohn über Vater: „Er ist supercool geblieben“

Lawrence lernte seinen Vater von einer neuen Seite kennen: „Er ist supercool geblieben, die ganze Zeit. Obwohl es sauanstrengend war. Und es war krass, wie positiv mein Vater immer geblieben ist! Wir waren auf engstem Raum zusammen. Da gab es immer mal wieder Stress im Team. Aber wenn mein Vater kam, war es nicht ein einziges Mal stressig. Er hat alle so positiv beeinflusst am Set!“ Auch Vater John entdeckt bisher Unbekanntes am Sohn: „Ich konnte ihn als Profi beobachten! Das war für mich ein neues Erlebnis. Er war ziemlich schweigsam bei der Arbeit. Wir haben ihn ‚One-Word-Lawrence‘ genannt. Ich konnte täglich sehen und erleben, wie er funktioniert!“

Lawrence stand während des Drehs mächtig unter Druck. Viele Leute hatten Geld gespendet für den Film „Son of Cornwall“, da musste er liefern. Außerdem war er Produzent, Regisseur, manchmal sogar Kameramann und immer zweitwichtigste Person vor der Kamera.

„Ohne Gott wäre ich heute wahrscheinlich tot“

Wie bei einer Dokumentation üblich, gab es kein Drehbuch, sondern die Drehorte gaben das Thema vor. Diese Rechnung ging in einem besonderen Fall nicht auf, erinnert sich Lawrence: „Als wir in der Kirche in Porthleven zusammengesessen haben, wollte ich natürlich mit ihm über seinen Glauben reden. Also fragte ich ihn: ‚Wieso glaubst du so stark?‘ Dann hat er gesagt: ‚Ohne Gott wäre ich heute wahrscheinlich tot.‘ Unter Tränen hat er über seine Alkoholsucht gesprochen! Das wollten wir eigentlich erst später in der Kneipe thematisieren. Aber in diesem Moment habe ich verstanden, wie sehr der Glaube meinem Vater aus der Sucht herausgeholfen hat.“

Alkohol war für John Treleaven seit Teenagerzeiten ein „treuer Begleiter“. Es war ganz normal, mit seinem Vater in der Kneipe von Porthleven ein Bier zu trinken. Während des Gesangsstudiums und später als gefeierter Operntenor griff er auch oft zur Flasche. „Wenn es irgendwie eng wurde, wenn es mir zu viel wurde, trank ich ein paar Bier, Whiskey, egal was, und dann war das Leben für mich wieder leichter zu handhaben!“, so bringt er es heute auf den Punkt.

Mit vierzig lebensgefährlich erkrankt

Wenn ein Arzt ihm vor Augen hielt, dass der Alkohol ihm massiv schade, dann suchte er sich einen anderen. Für ihn zählte nur die Kunst. Bis er mit vierzig lebensgefährlich erkrankte. Zusammen mit seiner Frau Roxane beschloss er, einen Entzug zu machen.

Erst als sein Vater für einige Wochen in der Klinik war, verstand der damals neunjährige Lawrence, dass sein Vater alkoholkrank war. Das Familienleben war immer harmonisch verlaufen, der Alkohol hatte John immer lockerer gemacht, aber nie aggressiv. Als der Vater nach dem Entzug nach Hause kam, hatte er sich verändert. „Ich habe gesagt: ‚Papa, du warst viel lustiger, als du noch getrunken hast!‘ Da hat er mit mir geschimpft und ich fand das doof“, erinnert sich Lawrence.

„Ich kam an einen Punkt, da konnte ich gar nicht mehr anders als trinken“

John Treleaven holte sich Unterstützung in einer Selbsthilfegruppe. Er betete intensiv. Trotzdem hatte er immer wieder Rückfälle. Er sprach mit mehreren Pfarrern darüber, hoffte, dass sie ihm Hilfe anbieten könnten. Die Sätze, die er damals oft hörte, sind ihm noch in guter Erinnerung: „‚John, du bist Künstler, das ist bei denen eben so!‘ Und so habe ich meinen zerstörerischen Weg fortgesetzt. Ich kam an einen Punkt, da konnte ich gar nicht mehr anders als trinken. Manche sagen vielleicht, Gott hätte doch eingreifen und sagen können: ‚Hey John, du liebst mich doch! Hör auf damit!‘ Aber so handelt der liebende Gott nicht! Jeder hat die Freiheit, selbst zu entscheiden! Gott war immer bei mir. Ich habe ihn aber weggeschoben!“

Nicht zu trinken, war für ihn über Jahrzehnte ein täglicher Kampf. Heute ist er glücklich, dass er seit acht Jahren trocken ist. Für den pensionierten Opernsänger steht fest: „Dafür ist Gott verantwortlich. Jesus hat mich am Kreuz gerettet. Er ist für mich gestorben!“ Ähnliche Worte sprudelten aus John Treleaven vor laufender Kamera heraus, als er mit seinem Sohn in der alten Kirche in Porthleven war.

„Hoffnung geben“

Hat das Heldenbild, das Lawrence von seinem Vater hatte, nicht heftige Kratzer bekommen? „Nein, im Gegenteil! Durch die Reise ist er noch mehr zu meinem Helden geworden! Auf einer menschlichen Ebene“, erklärt Lawrence. Das hatte auch Auswirkungen auf die Kernaussage des Films. „Ursprünglich war meine Intention: Dem Zuschauer Hoffnung und Mut zu machen, seinem Traum zu folgen, weil ich mir immer gesagt habe: Wenn mein Vater es in diese Liga schaffen kann aus den Verhältnissen, aus denen er stammt, dann kann jeder seinen Traum erfüllen! Aber je mehr ich in diesen Film hineingestiegen bin, umso mehr merkte ich: Es ist ein Film, der den Glauben in den Vordergrund rückt und Menschen, die auch in schwierigen Situationen stecken, die vielleicht selber alkoholkrank sind, Hoffnung geben kann, dass sie es mit Gottes Kraft schaffen können.“

Die gemeinsame Reise nach Cornwall hat John Treleaven und Lawrence Richards noch enger zueinander finden lassen. Aus Vater und Sohn wurden Vertraute, die sich auf Augenhöhe begegnen und stolz aufeinander sind.

Sabine Langenbach ist kein Opernfan. John Treleaven hätte sie aber gerne mal live auf der Bühne erlebt. Die Journalistin, Speakerin und „Dankbarkeitsbotschafterin“ lebt mit ihrer Familie in Altena/Westfalen (sabine-langenbach.de).

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Mehr als Obst und Gemüse: Auf Frühschicht im Lebensmittelgroßhandel

Stefan Lindner beliefert Schulen, Restaurants und Altenheime mit Lebensmitteln. Ob der Apfel aus Deutschland oder der aus Neuseeland eine bessere Umweltbilanz hat, ist dabei nur ein Problem unter vielen.

Es ist 5:08 Uhr. Ganz Deutschland schlummert dem Tag noch entgegen. Ganz Deutschland? Nein! Im modernsten Frischezentrum Deutschlands direkt an der A5 in Frankfurt am Main wird rund um die Uhr gearbeitet. LKWs stehen wie aufgefädelte Perlen an einer Rampe. Gabelstapler brummen. Rollwagen werden scheppernd in Laderäume bugsiert.

Besuch im Königreich der Vitamine

Kistenweise stapeln sich gemüsige und fruchtige Köstlichkeiten aus der ganzen Welt. Ihre Farbenpracht lässt mich die Dunkelheit vergessen. Ich erklimme eine Alutreppe. Lindnerfood. „Alles frisch.“ An der Tür begrüßt mich Lebensmittelgroßhändler Stefan Lindner (34). Er bittet mich in sein Königreich der Vitamine. Ich lerne an diesem Tag: Nachtschichten sind nicht nur furchtbar, sondern auch fruchtbar.

Eine heiße Kaffeetasse wärmt meine kalten Hände. „Wir machen mehr als Obst und Gemüse“, erklärt mir der jugendlich-drahtige Obstprofi, während er die fertigen Auslieferungszettel am PC kontrolliert. Ein Mitarbeiter ruft: Haben wir bei Tour eins an die zweieinhalb Kilogramm Kartoffelstifte für die Kita gedacht? Sind bei der Tour sieben für das Hotel die Kisten mit dem grünen Spargel dabei? Telefone klingeln. Mitarbeiter nehmen Bestellungen auf. Es ist hektisch. Doch Lindner agiert gelassen.

Vom Kartoffelschäler zum Großhändler

Großvater Lindner besaß eine kleine Landwirtschaft. Nach dem Krieg fing er an, Kartoffeln zu schälen. Doch wie liefert man die geschälten Rohlinge an die Amerikaner, in Krankenhäuser, ohne, dass die Stärke sie schwarz färbt? Bald darauf schwammen die Kartoffeln in Wasserbottichen zu den Kunden. Diese fragten nach: Könntest du uns nicht noch dieses oder jenes frisch mitliefern?

Irgendwann wurde der Kartoffelschälbetrieb eingestellt und ein Einzelhandelsgeschäft gegründet. Dabei waren auch ein paar Gastrokunden. Der Sohn stieg mit ein. Ihm fiel auf: Der Gastwirt muss nach oder vor der Kneipenöffnung auf den Großmarkt losziehen, um sich mit frischer Ware für die Küche einzudecken.

Ein Geschäftsmodell wird geboren: Sag mir, welche Produkte du brauchst, welchen Anspruch an Qualität du hast – und ich besorge sie dir. Ich arbeite für dich, während du schläfst. „Wir gehen mit den Augen unserer Kunden durch den Großmarkt“, erklärt mir Stefan, während er den Packen Kommissionsscheine in die Ablagen platziert. Mit einem LKW ging es los, inzwischen rollen täglich 15 vom Hof, über 115 Angestellte bestücken Altenheime, Großküchen, Restaurants, Schulen und Gastronomen mit nahrhaften Produkten.

110 Großhändler versorgen fünf Millionen Menschen

Wir streifen uns die Jacken über. Wenige Momente später stehen wir im Herzen des Frankfurter Frischezentrums. 110 Großhändler versorgen von hier aus täglich vier bis fünf Millionen Menschen mit frischem Obst und Gemüse. Auf 23.000 m2 wird mit allem gehandelt, was die Magenfrage sättigt. Am 800 m2 großen Stand von Lindner stehen Karotten in den Farben orange, orange-violett, gelb, weiß bereit. Mangos. Orangen. Weintrauben. Rosenkohl. Mangold. Litschis. Peperoni.

Lindnerfood kauft die Ware weltweit, aber vor allem regional ein. Ab Mitternacht startet der Direktverkauf. Bis in die frühen Morgenstunden holen Stammkunden hier frische Ware ab. Eine einsame Eidechse (Elektrokarre) hupt sich an uns vorbei. Es ist kurz nach sieben Uhr. „Das ist die Ruhe nach dem Sturm, jetzt wird aufgeräumt, die Flohmarkthändler sind auf Schnäppchenjagd“, so der Juniorchef.

„Was macht ihr mit der Ware, die ihr nicht verkauft?“

Stefan schaut über die Reste. Befühlt die Avocados, lässt mich ein Stück Ingwer probieren. Fruchtig-scharf. Er macht sich Notizen, bespricht sich mit einem Mitarbeiter. „Was macht ihr mit der Ware, die ihr nicht verkauft?“, frage ich. Lindner lächelt. „Das kommt zum Glück selten vor und wenn, dann spenden wir es der Arche oder der Frankfurter Tafel.“ Für den Einkauf und den Verkauf ist Fingerspitzengefühl nötig. Die Spekulationsfrist bei Obst und Gemüse ist kurz. Das Angebot und die Nachfrage regeln den Preis.

Lindner zeigt auf wenige Melonen. „Im Sommer ist das der Renner. Wir bestellen große Mengen. Plötzlich schlägt bei uns die Hitze in Regenwetter um. Wir bleiben auf dem Produkt sitzen, der Preis fällt. Umgekehrt: Es regnet in Spanien. Hier ist es heiß, Melonen werden uns zu hohen Preisen aus den Händen gerissen.“ Marktwirtschaft in Reinform.

Wir treten durch eine Art Plexiglastür. Vier Grad. Mich fröstelt. Im Salatkühlhaus lagern Lollo rosso, Lollo bionda, Eichblattsalat, Feldsalat, Pilze, Küchenkräuter wie Kerbel, Kresse, Petersilie, Sauerampfer, Schnittlauch. Stefan zieht einen Keimling raus, lässt ihn mich schmecken. „Nussig?“ Lachen. Das ist der Trend für Snacks auf dem kalten Buffet 2022.

Schon als Kind Bestellungen aufgenommen

Bei einem Frankfurter Würstchen und einem zweiten heißen Kaffee schütteln wir uns die Kälte an einem Imbissstand im Großmarkt aus den Gliedern. War seine Karriere vorgezeichnet? „Überhaupt nicht“, entfährt es Stefan. Er grinst.

Die telefonische Privatnummer der Familie war anfänglich auch die Geschäftsnummer. Stefan erinnert sich: Das Telefon klingelte. Er hob ab. Sein Gesprächspartner am anderen Ende sprudelte los: eine Kiste Tomaten, zwei Kisten Gurken! Er legte den Hörer auf und vertiefte sich wieder ins Spiel.

„Das hat Spaß gemacht!“

Die Mutter entdeckte den Zettel mit der Kinderschrift. Welcher Kunde war es? Für welchen Tag hat er bestellt? Keine Ahnung! Lachen. „Wir Kinder konnten noch nicht lesen, haben aber die Rechnungen der Lieferanten schon nach Logos sortiert“, so Lindner.

In den Ferien besserte er sein Taschengeld mit dem Kommissionieren der Ware und dem Fegen der Halle auf. „Das hat Spaß gemacht!“ Ich nehme es ihm ab. Nach dem Abitur studierte er BWL, stieg in eine Unternehmensberatung ein. Irgendwann fragte der Vater: Wie sieht es aus? Wir wollen planen. Mit dir oder ohne dich? Stefan sagt in aller Freiheit: Plant mit mir!

Was bedeutet Qualität?

Das Smartphone klingelt. Vier leitende Angestellte einer Warenhauskette lassen sich an diesem Morgen Betrieb und Produkte zeigen. Ich laufe mit und lerne viel über Anbau, Ernte, Handel: Die Ananas reift von unten nach oben. Sie ist keine nachreifende Frucht! Von der Pflanzung bis zur Ernte braucht sie anderthalb Jahre. Unten schmeckt besser als oben.

Mangos werden von Hand zu Hand gereicht. Lindner stellt die drei Kategorien vor: 1. Unreif geerntet – unreif im Verkauf. 2. Unreif geerntet – und nachgereift (wie Bananen). 3. Baumgereift. Umfragen sagen: Leute kaufen zu 100 Prozent nach Qualität ein. Doch was meint Qualität? Haltbarkeit? Geschmack?

Der Vitaminprofi doziert: Je niedriger der Zuckergehalt, umso haltbarer und unreifer ist das Obst und das Gemüse. Das birgt wenig Risiko für den Transport, die Lagerung. Ich verstehe. „Da kann ich einen guten Preis machen, weil ich wenig Verluste habe. Wenn ich jetzt aber auf Geschmack setze, dann ist die Haltbarkeit extrem beschränkt“, sagt’s und schneidet uns mit einem Taschenmesser eine rotgelbe Mango auf. Ein Feuerwerk der Geschmackssinne. Lecker. Süß. „Der Verbraucher muss sich daher die Frage stellen: Was ist eigentlich das Kriterium, nach dem ich einkaufe? Haltbarkeit, Geschmack, Regionalität?“, so der Juniorchef.

„Wir sind Problemlöser für den Kunden“

Wir laufen einmal quer über den Hof. Meine Frage, für was Lindnerfood steht, beantwortet sich hinter den großen Alutüren. „Alles frisch!“ In den gekühlten Hallen ziehe ich den Reißverschluss meiner Jacke zu. Aufgetürmte Eimer mit Kartoffelsalat, vorgekochte Eier, brühfertige Maultaschen, Paletten mit Joghurts warten auf Abholung.

Lindner erklärt: „Wir sind Vollsortimenter!“ Bei belegten Brötchen und einem dritten Kaffee wird er später fortsetzen: „Wir sind Problemlöser für den Kunden. Solange wir es besser machen, kauft er bei uns.“ Das überzeugt nicht nur mich, sondern auch die, die an diesem Tag bei Lindnerfood reinschnuppern.

Ein Mitarbeiter kommt auf Stefan zu. Eine Palette mit grünem Spargel ist übrig. Zu welchem Preis wird diese „verschleudert“, damit sie nicht verdirbt, aber eben doch noch was abwirft? Aufmerksam wendet sich Lindner der Frage zu, sortiert im nächsten Atemzug einen angefaulten Apfel aus.

„Ehrlich zu sein, zahlt sich langfristig aus“

Vor den Bananenkisten kommen wir zum Stehen. „Nicht die Firma zahlt das Gehalt, sondern der Kunde! Damit man einen Verdienst hat, muss man erst mal dienen!“ Dass dies keine leeren Worte sind, erlebe ich in dieser Frühschicht hautnah.

Wir reden über Werte. Bei Lindnerfood läuft nichts an der Steuer vorbei. „Ehrlich zu sein, zahlt sich langfristig aus.“ Die losgeschickte Ware in Spanien war top – die Ware kommt hier an, sieht schlecht aus: „Jetzt kann ich reklamieren. Doch stimmt das? Wenn ich heute Fotos von der Ware mache, kann ich ja auch Fotos von der Ware von letzter Woche schicken. Aber eigentlich habe ich mich verkalkuliert. Ein Mitarbeiter war in der Versuchung. Nein, wir stehen zu unseren Fehlern. Wir sind ehrlich.“

Kein Gegensatz zwischen Leben und Arbeiten

Seit zwei Jahren ist Stefan einer der drei Teilhaber. Jetzt muss er nicht mehr um ein Uhr nachts ran, sondern gehört mit sieben Uhr zu den Spätaufstehern der Firma. Was ihn glücklich macht? „Wenn ich positives Feedback von Lieferanten und Kunden bekomme, die Umsätze und Deckungsbeiträge stimmen, ich merke, dass es vorwärts geht.“ Den Ansatz von Work-Life-Balance hält er für verfehlt. Er impliziere: Es gibt einen Gegensatz zwischen Leben und Arbeiten.

Für Stefan ist die Arbeit integraler Bestandteil des Lebens. „Ich muss die Entscheidung treffen: Welchen Platz will ich der Arbeit in meinem Leben geben? Ich entscheide mich für die Priorität. Das verändert sich doch im Laufe des Lebens, den unterschiedlichen Lebensphasen.“ Arbeit ist für ihn nicht Übel, sondern Erfüllung.

„Flug, in Zeiten von Nachhaltigkeit?“

Wir stehen vor den Beeren. Trendobst 2022. Heidelbeeren, Brombeeren, Himbeeren, Erdbeeren. Was sollte der MOVO-Leser einmal probieren? „Stinkfrucht!“ „In echt?“ „Nein“, lacht Stefan. „Eine reife Flugmango.“ „Flug, in Zeiten von Nachhaltigkeit?“ Stefan erteilt mir Nachhilfe. „Früchte aus Südamerika? Ist das nicht sündig?“ Ich lerne: Die Ware wird in der Regel im Frachtraum eines Passagierflugzeugs mitgeliefert.

Die Mango landet hier, weil es einen internationalen Touristik- und Geschäftsbetrieb gibt, der macht das eigentlich erst möglich. „Ist das jetzt schlecht, dabei Ware mitzunehmen?“ Stefan greift nach einem Apfel. Boskoop. Wann wird dieser geerntet? Im Herbst. Was passiert mit den Äpfeln vom Herbst bis zum Frühjahr? In gekühlten Hallen wird ihnen der Sauerstoff entzogen und Stickstoff hinzugegeben.

Dadurch wird der Reifungsprozess gestoppt. „Doch was bedeutet dies für die CO2-Bilanz für so einen regionalen Apfel? Die ist, je nach Zeitpunkt, möglicherweise schlechter als die des Apfels, der aus Neuseeland importiert wird!“, so der Betriebswirt. Ich ahne: Die Frage nach Gut und Böse im Lebensmittelbereich, nach fairer Bezahlung, nach Qualität ist vielschichtiger, komplizierter, nicht auf den sprichwörtlichen Bierdeckel zu packen. Alles hängt mit allem zusammen. Es ist komplex.

„Christsein ist nicht geschäftsschädigend“

Stefan ist Christ. Evangelisch. Prädikant. Welche Rolle spielt der Glaube im Kühlhaus, am Verkaufsstand? „Das Gebot der Nächstenliebe spornt mich an, das Beste für den Kunden zu wollen.“ Lachend fügt er an: „Christsein ist nicht geschäftsschädigend.“

Ich hake nach: Redet dir Jesus in die Firma rein? „Im Optimalfall ja! Jesus war ein Mensch der klaren Worte. Aber eben auch jemand, der unglaublich viel Wertschätzung rübergebracht hat. Beides brauchen wir im Betrieb.“ Deswegen setzt man bei Lindnerfood auch auf Fehlerkultur. Hier wird niemandem der Kopf abgerissen, jeder bekommt bei Einsichtigkeit eine zweite Chance.

Der Wind spielt mit einer leeren Papiertüte an der verlassenen Rampe. Ich will ins Auto, Stefan wird nachher mit dem Rennrad eine Runde durch den Taunus drehen und nachmittags in der Fernsehsendung „Hallo Hessen“ den Obst- und Gemüseerklärer geben. Wie bestellt bricht die Sonne durch den Himmel, bescheint die Früchte in meiner Tüte, Slogan: Here comes the sun.

Rüdiger Jope liebt Bananen, kann aber auch Zucchini, Mangold und Pommes Frites etwas abgewinnen.

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Eltern müssen Vorbild sein: So motivieren Sie Ihre Kinder zu mehr Sport

Kinder, die sich bewegen, sind: gesünder, intelligenter und stressresistenter. Doch Sport ist nicht nur Sache der Kinder, sagt Sportwissenschaftler Jonathan Häußer.

Die Vorteile regelmäßiger Bewegung sind meistens recht individuell. Sport macht fitter, es wird weniger wahrscheinlich, an Zivilisationskrankheiten wie Diabetes oder Übergewicht zu leiden und verlängert das Leben. Welche Auswirkungen hat Sport aber eigentlich auf das eigene Umfeld – konkret: auf die Kinder?

Gehirn profitiert von regelmäßiger Bewegung

Auch für Kinder ist regelmäßige Bewegung wichtig – eigentlich noch wichtiger als für uns. Das schlägt sich auch in den Empfehlungen der WHO (Weltgesundheitsorganisation) nieder: Kinder sollen sich mindestens eine Stunde am Tag bewegen – doppelt so viel wie Erwachsene. Zu wenig Bewegung kann die Entwicklung von Übergewicht und anderen Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen begünstigen. Früh werden also die Weichen für die Gesundheit im späteren Leben gestellt.

Auch das Gehirn profitiert sehr von regelmäßiger Bewegung. Das fängt schon bei dessen Entwicklung an. Kinder, die sich regelmäßig bewegen, können von besseren kognitiven Funktionen und einer erhöhten Widerstandsfähigkeit gegen Stress profitieren. „Kognitive Funktionen“ meint dabei alles, was mit der Verarbeitung von Informationen zu tun hat. Beispiele hierfür sind die Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, das Lernen und das Erinnerungsvermögen.

Sport macht psychisch gesund

Sport verbessert darüber hinaus die Lebensqualität von Kindern. Und auch im späteren Leben zahlt sich eine aktive Jugend aus. Wer in seiner Kindheit Sport treibt, kann sich über eine bessere psychische Gesundheit 20 Jahre später freuen, was wahrscheinlich auf die bessere Stressresistenz zurückzuführen ist.

Was hat die Aktivität von Kindern jetzt mit den Eltern zu tun und wie können Eltern ihre Kinder zu mehr Bewegung animieren? Hier gibt es einen interessanten Zusammenhang: Untersuchungen haben gezeigt, dass es eine Beziehung zwischen der Aktivität der Eltern und der Aktivität der Kinder gibt. Je mehr sich die Eltern bewegen, desto mehr tun das auch die Kinder. So hat eine Studie herausgefunden, dass sich Kinder fünf bis zehn Minuten mehr bewegen, wenn sich die Eltern 20 Minuten mehr bewegen. Und auch Geschwister sind hilfreich, um die Aktivität der Kinder zu steigern.

Eltern in der Pflicht

Interessanterweise ist vor allem das väterliche Aktivitätsniveau ein guter Prädiktor für das Bewegungsverhalten des Kindes im späteren Leben. Und das scheint besonders für Söhne zuzutreffen. Damit sich Töchter auch später noch regelmäßiger bewegen, ist die Mutter als Vorbild etwas entscheidender – aber das nimmt den Vater nicht aus der Pflicht.

Aber nicht nur die Aktivität der Eltern ist ansteckend, sondern auch deren Inaktivität. Bei Eltern, die sich wenig bewegen, ist auch die Wahrscheinlichkeit um das Sechsfache erhöht, dass sich die Kinder zu wenig bewegen! Ähnliches hat man für die sogenannte „Screen Time“ festgestellt. Das ist die Zeit, die man vor elektronischen Geräten wie Smartphones, Tablets, Computern und Fernsehern verbringt. Wenn die Eltern weniger vor dem Bildschirm hocken, tun es die Kinder auch weniger. Vielleicht liegt das auch daran, dass die Eltern dann mehr Zeit haben, etwas mit ihnen zusammen zu machen.

Bewegung steckt an

Ich kann mich noch gut an meine Kindheit erinnern. Dort habe ich auch die eine oder andere Joggingrunde mit meinem Vater gedreht, und die Begeisterung für das Laufen und Bewegung sind geblieben. Und immer, wenn ich zu Hause war und laufen ging, wollte meine viel jüngere Schwester auch mitkommen. Also zeigt nicht nur die Wissenschaft, sondern auch meine persönliche Erfahrung: Bewegung ist ansteckend. Und wenn Eltern sich mehr bewegen, tun sie nicht nur sich selbst etwas Gutes. Auch ihre Kinder bewegen sich mehr und profitieren davon. Es ist eine Win-win-Situation. Worauf warten Sie noch?

Jonathan Häußer ist Arzt und Sportwissenschaftler und fühlt sich vor allem in der Sport- und Ernährungsmedizin zu Hause. In seiner Freizeit ist er auch selbst sehr aktiv. Wenn er nicht gerade bei der Arbeit ist oder durch den Wald läuft, ist er häufig im ICF Hamburg zu finden.

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„PERMA-Modell“: Diese fünf Wege führen zu dauerhaftem Glück

Positive Gefühle, Flow-Erleben, gute Beziehungen, Sinn und Erfolgserlebnisse: Coach Michael Stief hat für jeden Weg einen Tipp parat.

Gibt es permanentes Glück oder ist das Science-Fiction? Ist Glücksstreben nicht Zynismus angesichts einer Welt in der Krise? Keineswegs! Gerade in Krisenzeiten gilt es, das Positive im Blick zu behalten, um mental fit und dadurch handlungsfähig zu bleiben. Wie aber finden Sie dauerhaftes Glück?

Fünf Wege zum Glück

Beim permanenten Glück geht es um das Glück des Augenblicks. Das beschreibt Glücksmomente, Gipfelerfahrungen oder in der Rückschau die Erkenntnis: „Ich bin glücklich.“ Intuitiv scheinen alle zu wissen: Glück ist etwas ganz Individuelles. Wirklich ganz individuell? Die Vielfalt menschlicher Genüsse, Dutzende von Eissorten, Pizzavariationen und Parfummarken legen die Vermutung nahe.

Im Gegensatz dazu hat der Psychologe Martin Seligman fünf universelle Wege identifiziert, wie Glück zu finden ist, nämlich durch positive Gefühle, Flow-Erleben, gute Beziehungen, Sinn und Erfolgserlebnisse. Zusammengenommen sind diese Wege die größtmögliche Annäherung an permanentes Glück. Dementsprechend nennt Seligman seine Glückformel das PERMA-Modell; nach den Anfangsbuchstaben der fünf englischen Entsprechungen Positive Emotions, Engagement, Relationships, Meaning und Accomplishment.

Eigenes Glück testen

Die fünf Wege zum Glück klingen nur vordergründig trivial. Sie sind wissenschaftlich gesichert und messbar. Die Psychologinnen Julie Butler und Margaret Kern haben dafür einen Test entwickelt (ippm.at/perma-profiler). Mit 23 Fragen gibt er Auskunft, welche dieser fünf Wege schon gut beschritten werden und wo noch Steigerung möglich ist.

Ähnlich wie ein Check-up beim Arzt gibt der Test Orientierung und hilft das Verhalten bewusster zu steuern. Dabei gibt es Raum für persönliche Vorlieben: So finden manche durch positive Gefühle und Erfolgserlebnisse zum Glück und die anderen im Flow sinnvollen Tuns.

Was macht wirklich glücklich?

Doch eines ist immer gleich: Das nachhaltige Glück fällt nicht in den Schoß wie ein Lottogewinn und selbst der macht nicht nachhaltig glücklich. Nach wenigen Monaten sind auch Lottogewinner nicht glücklicher als zuvor.

Wirklich glücklich macht nur eine große Zahl glücklicher Momente. Deswegen sollten Sie wie bei einem Sparbuch konsequent auf die fünf „Konten“ des permanenten Glücks „einzahlen“, um das Kapital an Glücksmomenten zu mehren.

Fünf Übungen für dauerhaftes Glück

Wie funktioniert das konkret? Wahrscheinlich hat jeder eine Liste von Dingen, die ihn im Alltag glücklich machen: die gute Tasse Kaffee am Morgen, der gemeinsame Spaziergang bei Sonnenuntergang oder eine „Bucket List“, was er noch erleben möchte. Letzteres ist hilfreich, wenn es ohne Zwang geschieht.

Darüber hinaus haben die Positiven Psychologen viele Übungen gefunden, die das Glücksempfinden steigern. Folgende fünf Übungen unterstützen jeweils einen Faktor des permanenten Glücks.

1. Positives sammeln

Manche werden aus der Zeit vor iPhone & Co. Fotoalben kennen. Darin konnte man auch an trüben Tagen in sommerlichen Erinnerungen schwelgen. Ähnlich funktioniert das Positive Portfolio. Dazu sammeln Sie Sprüche, Fotos, Musiktitel oder Filmsequenzen, die gezielt Freude oder Heiterkeit auslösen. Diese Sammlung ist dann parat, wenn Ihre Stimmung einen positiven Push braucht.

2. Stärken stärken

Flow-Erlebnisse entstehen, wenn Sie etwas tun, was Sie sehr gut können und was Sie gleichzeitig voll fordert. Dann brauchen Sie Ihren ganzen Fokus für diese eine Sache und gehen in dieser Tätigkeit auf. Die Voraussetzung ist, dass Sie Ihre Stärken kennen und sich gezielt Herausforderungen suchen. Neben praktischen Stärken verfügt jeder über Charakterstärken wie Fairness, Disziplin, Lernfähigkeit, Mut oder Menschlichkeit. Wenn Sie sich neue Gelegenheiten suchen, um Ihre Talente und Charakterstärken auszuleben, steigern Sie Ihr Glücksempfinden.

3. Gutes tun

Glücklich ist, wer Gutes tut. Überlegen Sie sich gezielt fünf positive Gesten für eine bestimmte Person. Es spielt keine Rolle, ob diese Gesten klein oder groß sind. Wichtig ist nur, dass diese frei und kreativ sind und nicht die Erwiderung eines Gefallens oder die Erfüllung einer längst geäußerten Bitte.

4. Sinn erleben

„Wer ein Warum zum Leben hat, erträgt fast jedes Wie“ war das Lebensmotto des Psychiaters und Holocaust-Überlebenden Viktor Frankl. Er machte den Sinn zur Grundlage seiner Logotherapie. Dementsprechend können Sie mit der großen Frage nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest starten oder ganz einfach für andere da sein. Denn verschiedene Studien zeigen: Schon die Sorge für eine Zimmerpflanze genügt, das Glücksempfinden (und die subjektive Gesundheit) zu steigern.

Eigene Antworten finden

Sie können Sinn erleben durch Engagement für die großen Menschheitsziele, durch den Trost der Philosophie oder die Hingabe an einen persönlichen Glauben. Oder Sie finden eigene Antworten auf die Frage nach dem Sinn:

  • Machen Sie sich klar, was für Sie persönlich wertvoll und wichtig ist.
  • Überlegen Sie, was Sie selbst dafür im Kleinen wie im Großen tun können.
  • Setzen Sie sich dementsprechend konkrete Ziele.

5. Erfolgserlebnisse ernten

Manchmal landen Sie einen Glückstreffer, doch sonst braucht es Ziele, wenn Sie Erfolge erleben wollen. Für manche hat der Begriff „Ziel“ einen unangenehmen Beigeschmack, denn im Berufsleben sind sie oft mit Zielvorgaben konfrontiert. Selbstgesetzte Ziele aber motivieren und machen persönliche Entwicklung und Erfolge sichtbar. Und je konkreter sie sind, desto wirkungsvoller sind sie auch:

  • Täglich 10.000 Schritte gehen.
  • Bis Jahresende eine neue Fähigkeit erlernen.
  • Regelmäßig Zeit für die besten Freunde nehmen.

Tag für Tag glücklicher werden

Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Und nicht zuletzt können Sie auch die fünf Wege zum Glück selbst als Grundlage für Ihre Ziele verwenden:

  • Täglich etwas unternehmen, das Ihre Laune hebt.
  • Regelmäßig etwas tun, was Sie in den Flow bringt.
  • Zeit in Beziehungen investieren.
  • Energie in sinnvolle Projekte stecken.
  • Neue, lohnenswerte und wertvolle Ziele verfolgen.

Auf diese Weise werden Sie vielleicht nicht sofort und endgültig glücklich, aber Tag für Tag ein bisschen glücklicher und das in jeder Beziehung.

Michael Stief (58) ist Experte für Positive Kommunikation, Teamwork & Führung und Gründer des Beratungsnetzwerks POSITIVE HR. MANAGEMENT (positive-hr.de)

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Wie Paare Gleichberechtigung leben: „Meine Frau verdient das Geld, ich trage es wieder fort“

Oliver ist Hausmann, während Heiko nicht an die Waschmaschine darf. Wir haben vier Paare gefragt, wie sie ihre Beziehung leben.

Was bedeutet für euch Gleichberechtigung?

Stefan: Nach dem Tod meiner ersten Frau sagten viele: Du brauchst jetzt aber dringend wieder eine Frau für deine vier Kinder. Ich habe über diesen Satz viel nachgedacht.

In der Generation meiner Eltern war es gar nicht denkbar, als Vater für vier kleine Kinder zuständig zu sein, den Haushalt zu managen. Meine erste Liebeserklärung an meine jetzige Frau Brigitte war: Ich brauch dich nicht, aber ich will dich! (allgemeine Heiterkeit)

Oliver: Ich lebe gerade den absoluten Rollentausch. Seit letztem Jahr verdient meine Frau als Sonderpädagogin das Geld und ich kümmere mich um Haushalt, Kinder und Küche.

Kathrin: Oliver war vorher täglich bis zu 14 Stunden als ITler außer Haus. Unsere Rollenteilung lebten wir zwölf Jahre klassisch. Nach vielen, vielen Gesprächen haben wir den Tausch gewagt.

Stefan: Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Punkt.

Axel: Richtig! Der Respekt gegenüber meiner Frau macht sich nicht im Sternchen fest, sondern im Handeln.

„Wir werden im Leben niemals fair und gleich behandelt“

Oliver: Das ist doch die Chance und Schwierigkeit unserer Zeit: Beide können arbeiten gehen, beide in Teilzeit arbeiten, der Mann kann zu Hause sein, die Frau darf arbeiten gehen. Dafür ist aber auch alles irgendwie im Fluss, muss ausdiskutiert, abgesprochen und organisiert werden.

Heiko: Ja, wir sind gleichberechtigt. Das Thema ist durch. Doch wir werden im Leben niemals fair und gleich behandelt. Wenn ich mich auf eine Stelle bewerbe, werde ich definitiv besser bezahlt.

Wenn sich eine Frau mit Kindern auf eine Stelle bewirbt, wird sie trotz Sternchen anders behandelt als ein Mann. Umgekehrt: Wenn du als Mann in der Wirtschaft für die Kinder kürzertrittst, kommst du hinterher auch nicht mehr in eine höhere Position.

Maja: Vielleicht müssten wir hier das Wort „gleichgerecht“ gebrauchen? Dann bekommt das Thema eine andere Würze.

„Warum ist das, was jemand zu Hause leistet, weniger wert?“

Wird die Arbeit zu Hause für die Kinder gleich wertgeschätzt wie die außer Haus?

Axel: Nein. Da passiert für mich von staatlicher Seite noch viel zu wenig. (alle nicken) Der, der zu Hause bleibt, hat hinterher die schmalere Rente. Frauen werden schlechter bezahlt und dann im klassischen Rollenmodell auch noch bestraft fürs Kümmern um die Kinder. Hier schlägt’s meinem Gerechtigkeitssinn das Zäpfle hoch!

Oliver: (leidenschaftlich) Genau daran muss sich aber etwas ändern. Warum ist das, was jemand zu Hause leistet, weniger wert, als wenn er den ganzen Tag im Büro rumsitzt?

Stefan: Da bin ich ganz bei dir. Es liegt auch an mir, wie ich diese Rolle ausfülle, präge, lebe. Die Diskussion, ob mit oder ohne Sternchen, geht an mir total vorbei. Ich sage meinen Kindern: Ihr merkt hoffentlich an meinem Verhalten, dass ich mit ganz großem Respekt mit allen Menschen umgehe. Es liegt doch an uns: Wie prägen wir die nächste Generation?

„Manchmal ist es für uns Männer daher einfacher, auf die Arbeit zu gehen, weil du Not und Elend zu Hause nicht siehst“

Ein „Glaubensbekenntnis“ unserer Tage ist: Kinder, Karriere und Beziehung sind miteinander scheinbar problemlos vereinbar. Stimmt das? Muss man Abstriche machen?

Maja: Diese drei Themen sind wie ein Dreieck. Jedes Thema bringt Emotionen und Herausforderungen mit. Es ist ein großes Spannungsfeld. Ja, es funktioniert, aber auf welche Kosten? Wo mache ich Abstriche? Was bleibt auf der Strecke?

Stefan: Als ich alleinerziehend war, stand für mich die Frage im Raum: Woher bekomme ich meinen Wert? Eine Frau aus meinem Umfeld fragte mich: Stefan, woraus beziehst du jetzt deine Anerkennung?

Wenn du für den Haushalt und die Kinder zuständig bist, kommst du maximal auf null, aber nie ins Plus. Das Geschirr, die Wäsche, die Wohnung werden wieder dreckig. Manchmal ist es für uns Männer daher einfacher, auf die Arbeit zu gehen, weil du Not und Elend zu Hause nicht siehst. (allgemeine Heiterkeit)

Axel: Hoffentlich liest das Jugendamt Reutlingen nicht diesen Artikel. (allgemeine Heiterkeit)

„Die wenigsten putzen mit Leidenschaft, sondern sehen darin wie ich das notwendige Übel“

Stefan: Kinder großzuziehen ist nicht jeden Tag die Quelle großer Freude. Und die wenigsten putzen mit Leidenschaft, sondern sehen darin wie ich das notwendige Übel. Wenn du für Geld arbeiten gehst, bekommst du Anerkennung aufs Konto. Die größte Herausforderung ist die: Wo bekommen wir unsere Anerkennung her?

Axel: Widerspruch: Unterschätze mal nicht den Jubelschrei einer 16-Jährigen, die den Schrank aufmacht und ihre Lieblingshose liegt frisch gewaschen darin.

Stefan: Sind das die 95 Prozent des Teenagerlebens in eurer Familie? (alle lachen) Das verstehe ich nicht. (lacht)

Nicole: Ich bin ja bereits acht Wochen nach der Geburt unserer Tochter wieder arbeiten gegangen, da Axel noch mit 50 Prozent studierte. Das kostete mich echt Überwindung, war schwer. Heute bin ich dankbar, dass wir uns diese Herausforderung geteilt haben, diese Vielfalt heute so möglich ist. Ich wäre mit der klassischen Rolle als „nur“ Hausfrau und Mutter nicht glücklich geworden.

„Wir dürfen nicht erst an uns denken, wenn alle To-dos erledigt sind“

Wo habt ihr Dinge miteinander erkämpfen müssen? Was waren Stolperfallen?

Heiko: Familien schultern ein echtes Pensum. Als Eltern sind wir gerade in den Belastungen herausgefordert: Wo bleibt die Liebesbeziehung? Wir können uns als Team super die Bälle zuspielen, doch wo bleibt die Zeit für ein Rendezvous? Wann hatten wir als Paar unser letztes Date?

Paare kneifen den Arsch zusammen, damit alles funktioniert, doch dabei bleibt das Schöne, das Romantische, das, was einem Kraft gibt, ein Lächeln aufs Gesicht zaubert, auf der Strecke. Wir dürfen nicht erst an uns denken, wenn alle To-dos erledigt sind. Dies passiert nämlich nie.

Wie bekommt ihr beide eine gesunde Balance hin?

Maja: Wir haben uns beide mit Mitte 30 und drei Kindern nochmal für ein Studium entschieden. Das war wirklich ein Rechen-Exempel. Der Mix aus Arbeiten, Studieren, Kinder und Haushalt funktionierte nur mit ganz, ganz viel Absprache. Wir haben finanziell alles zurückgeschraubt, um unseren Traum leben zu können, und wir haben einen Deal: Die Abende gehören in der Regel uns.

Heiko: Wir achten inzwischen sehr darauf, dass wir die privaten Termine, die uns guttun, nicht mehr hinten anstellen. Wir planen im Outlook-Kalender auch private Dinge. Wir müssen darauf achten, dass die Säulen unserer Beziehung stabil sind.

Brigitte: Als Team Balance zu halten, ist eine echte Herkulesaufgabe.

Nicole: Oder ein echter Drahtseilakt.

Kathrin: Die Zeit für uns als Paar kommt auch immer zu kurz. Doch wir schöpfen auch unglaubliche Kraft aus dem Zusammensein mit den Kindern. Da passiert so viel Wesentliches.

„Ohne Humor hätten wir einander erschossen“

Axel: Vor ein paar Monaten hatten wir den Eindruck: Wir sollten ein paar Kilo verlieren. Doch wie passt dies in den vollen Alltag? Wir haben uns für einen Lauf über neuen Kilometer angemeldet. Damit hatten wir ein Ziel, mussten trainieren. Das hat dann dazu geführt, dass wir zweimal die Woche auch mal nach 21 Uhr die Tür hinter uns zumachten und gemeinsam stramm spazieren gingen.

Wir sind miteinander gegangen bei Wind und Wetter. Wir hatten plötzlich 90 Minuten, in denen uns keiner reinquatschte. Mir ging es dann schon so: Hey, ich würde gerne mit dir mal was besprechen, wann gehen wir laufen? Jetzt ist leider der Lauf vorbei …

Stefan: (lacht) Ich empfehle euch als Paar einen Schrittzähler. Wir finden es auch sehr hilfreich, miteinander Erwartungen zu klären. Uns ist zum Beispiel das Thema Geld nicht so wichtig. Geld ist schön zu haben, aber hat nicht die Priorität in unserer Beziehung. Wir brauchen nicht den Urlaub auf den Malediven, sondern genießen den abendlichen Spaziergang, eine gemeinsame Tasse Kaffee.

Brigitte: Und wir teilen einen großen Humor.

Stefan: Sehr richtig! Ohne diesen hätten wir einander schon erschossen. (alle prusten vor Lachen los)

„Ich habe von meiner Frau ein Waschverbot bekommen“

Ihr habt euch scheinbar aus den Stereotypen rausgewagt. Welchen Wandel findet ihr gut? Wo denkt ihr, war es früher vielleicht angenehmer?

Brigitte: Ich finde es toll, dass Stefan einkauft. Er liebt es.

Stefan: Meine Frau verdient das Geld, ich trage es wieder fort. Das ist doch ein guter Wandel. Vor allem kommen jetzt vernünftige Sachen ins Haus. (allgemeine Heiterkeit)

Heiko: Ich habe von meiner Frau ein Waschverbot bekommen. (alle lachen) Ich glaube immer noch, dass ich sehr gut waschen kann (vehement), aber um des lieben Friedens willen bin ich hier einen Schritt zurückgetreten.

Maja: Wir streiten wirklich wenig, doch beim Thema Waschen hat es schon zweimal heftig geknallt: Wie erkläre ich meinem Mann zum wiederholten Male, dass man dunkle und helle Wäsche trennt oder dies oder jenes Kleidungsstück nicht in den Trockner stecken sollte?

Ich habe es ihm erklärt, ein Bild hingehängt … Und er macht es trotzdem. Das Thema Waschen ist eines der wenigen Reizthemen bei uns.

„In puncto Stereotypen haben wir beide eine 180-Grad-Wendung hingelegt“

Heiko: Ich gehe wie Stefan einkaufen. Ein hilfreiches Tool für uns als Paar ist Outsourcing. Allerdings hat meine Frau gesagt: Heiko, du kannst alles outsourcen, das Putzen, das Hemdenbügeln, nur nicht unsere Beziehung.

Oliver: Als ich die Aufwärmfragen „Wer macht was?“ fürs Interview las – einkaufen, waschen, kochen, Kinder für die Schule fertig machen, die defekte LED-Leuchte auswechseln… –, dachte ich mir: Was macht Kathrin eigentlich noch? (alle lachen) Steuererklärung macht Kathrin immer noch nicht.

Das Auto entkrümeln steht auch auf meiner To-do-Liste. Lohnt sich aber nicht, da es nach einer halben Stunde Autofahrt wieder aussieht wie vorher. (zustimmendes Nicken der Männer) Bügeln mache ich nicht, finde ich totale Zeitverschwendung. (Stefan klatscht Beifall)

In puncto Stereotypen haben wir beide eine 180-Grad-Wendung hingelegt. Dieser Wandel funktioniert aber nur in einer tragfähigen Beziehung, indem man Dinge gemeinsam priorisiert und die Bereitschaft mitbringt, sich anzupassen, zurückzunehmen, Solidarität zu leben.

Nach zwölf Jahren voll im Job war es für mich dran: Wenn nicht jetzt, wann dann? Der Wechsel hat für uns als Paar und die Kinder die Chance eröffnet, die Rollen von Mann und Frau nochmal ganz anders und neu wahrzunehmen.

„Wer ist der fremde Mann im Wohnzimmer?“

Jetzt musst du aber ohne die Anerkennung der Kollegen und Kolleginnen auskommen …

Oliver: Mein Höhepunkt der letzten Woche war ein Besuch mit allen vier Kindern beim Ohrenarzt. Als die Ärztin mich sah und sagte: „Respekt, ich habe zwei Kinder, sie kümmern sich um vier!“ – Das hat mir dann doch etwas gegeben!

Stefan: Ich koche immer bei der Aussage: Mein Mann ist IT-ler, ich bin nur Hausfrau. Ich habe das nie gesagt. Ich habe mich immer so vorgestellt: Ich leite ein mittelständisches Familienunternehmen.

Die Frage, die wir uns als Paar, als Gesellschaft stellen müssen, ist doch die: Welchen Wert messen wir den Kindern, den Aufgaben zu Hause bei? Zudem müssen wir uns fragen: Bin ich glücklich? Habe ich eine erfüllende Beziehung? Kennen meine Kinder mich noch aus dem Alltag oder fragen sie: Wer ist der fremde Mann im Wohnzimmer?

„Männer und Frauen, die sich selbst um die Kinder kümmern, werden stigmatisiert“

Heiko: Und wir brauchen als Gesellschaft ein neues Modell. Wie wäre es, wenn die Person, die zu Hause bleibt, auch ein adäquates Gehalt bezieht für die Leistung, die sie für die Gesellschaft erbringt? (Applaus aus vier Städten) Hier läuft meiner Überzeugung nach manches falsch. Da liegt der Hase doch im Pfeffer.

Männer und Frauen, die sich selbst um die Kinder kümmern, werden stigmatisiert nach dem Motto: Die arbeiten nicht bzw. wir müssen als Wirtschaft und Politik dafür sorgen, dass endlich beide Elternteile in Arbeit kommen.

Brigitte: Gerade Männern, die sich noch stark über Arbeit definieren, signalisiert man damit: Haushalt und Kinder sind keine Arbeit.

Stefan: Bin ich nicht! (allgemeine Heiterkeit) Ganz im Ernst. Ich führe Trauergespräche vor Beerdigungen. Da ziehen Leute Bilanz. Wenn mir eine Frau über ihren verstorbenen Mann sagt, er aß gerne Süßigkeiten, dann ist das doch eine dürftige Bilanz eines Männerlebens. Als Männer und Frauen sollten wir uns fragen: Was ist wertvoll? Und dann von dieser Maxime aus unser Leben gestalten.

„In einem Arbeitszeugnis würde man schreiben: Hat sich stets bemüht!“

Die Erziehungswissenschaftlerin Margrit Stamm provozierte kürzlich im SPIEGEL mit dieser Aussage: Etwa jede dritte Mutter wehrt sich gegen zu viel männliches Engagement. Sie nörgelt, wie er sich mit dem Kind beschäftigt, oder gibt ihm vor, was er im Haushalt wie zu erledigen hat. Steckt in dieser Aussage ein Körnchen Wahrheit?

Heiko: Ich habe damit kein Problem, nur meine Frau. (alle lachen)

Nicole: Wenn ich von der Schicht komme, hilft es mir, erst mal tief durchzuatmen. (Axel schlägt die Hände vors Gesicht – allgemeine Heiterkeit)

Axel: In einem Arbeitszeugnis würde man schreiben: Hat sich stets bemüht! (alle lachen)

Kathrin: Bevor ich aus der Familienarbeit „ausgestiegen“ bin, habe ich mir dazu erstaunlich viele Gedanken gemacht. Doch dann konnte ich sehr schnell loslassen. Oliver macht das auch gut!

„Verantwortung abzugeben, ist abgegebene Verantwortung“

Oliver: Nur beim Thema Schule mischt sie sich als Lehrerin doch immer wieder ein. (allgemeine Heiterkeit) Jeder hat seine Art, die Dinge zu tun. Wir müssen uns davon lösen, den anderen zu erziehen, wie wir ihn gerne hätten. Es geht in die Hose, wenn ich dem anderen meinen Stil überstülpe. Verantwortung abzugeben, ist abgegebene Verantwortung.

Stefan: Brigitte legt Wert auf Ordnung in der Küche. Das ist mir schon auch wichtig. (alle lachen) (gespielt energisch:) Ja, vielleicht nicht ganz so ausgeprägt. Ein paar Mal hat sie dann schon zum Lappen gegriffen, bevor sie ihre Jacke überhaupt aus hatte. Ich hatte einen dicken Hals. Ich habe dann meine Verletzung zur Sprache gebracht, dass wenigstens meine Bemühungen gesehen werden. (Kathrin lacht)

„Kommunikation ist der Schlüssel“

Euer Kompromiss sieht jetzt wie folgt aus?

Stefan: Sie nimmt nicht den Lappen, wenn sie zur Tür reinkommt, sondern wischt, wenn überhaupt nötig, nach, wenn ich draußen bin. (alle lachen) Zudem schreibt sie mir jetzt, wann sie da ist. Dann ist der Espresso fertig und die Küche tipptopp.

Maja: Ich würde das gerne unterstreichen. Kommunikation ist der Schlüssel, um die Andersartigkeit des anderen lieben zu lernen. Eine nörgelnde Frau, ein nörgelnder Mann bringt keine Veränderung hervor.

„Ohne meine Frau wäre unsere Ehe unerträglich“

Was beglückt euch im Miteinander?

Heiko: Unsere Liebessprache ist es, Zeit miteinander zu haben, zusammen zu lachen, eine gute Flasche Wein, Zeit im Schlafzimmer.

Stefan: Meine Lieblingspostkarte trägt die Aufschrift: „Ohne meine Frau wäre unsere Ehe unerträglich.“ (allgemeine Heiterkeit) Humor gehört unbedingt dazu!

Nicole: Kleine glückliche Momente im Alltag und dass wir die Chance haben, aus der Vergebung heraus immer wieder neu miteinander anfangen zu dürfen.

Kathrin: Gespräch, Gespräch und nochmals Gespräch, und dass wir uns zu 100 Prozent aufeinander verlassen können.

Herzlichen Dank für eure Offenheit und die humorvollen 1 ½ Stunden!

Rüdiger Jope ist Chef-Redakteur des Männermagazins MOVO.

Die Freiwilligen des TuS Ennepetal transportierten mit fünf Sprintern Hilfsgüter nach Polen. (Foto: Eckhard Stolz)

Hilfstransport für die Ukraine: „Ich habe 34 Stunden nicht geschlafen“

Eckhard Stolz fuhr 2.600 Kilometer in zwei Tagen, um Hilfsgüter für geflüchtete Ukrainer zu liefern – mit dem Transporter seines Arbeitgebers. Seinen Chef hatte er nicht um Erlaubnis gefragt.

Eckhard, andere legen nach einer harten Arbeitswoche die Füße hoch. Du bist dagegen 2.600 Kilometer bis zur polnisch-belarussischen Grenze gefahren, um Hilfsgüter abzuliefern. Warum?

Den Krieg in der Ukraine habe ich im Fernsehen verfolgt. Schrecklich. Mir war klar: Ich möchte helfen. Große Reden sind nicht mein Ding, ich muss immer etwas machen – was sinnvoll ist, wo den Menschen geholfen wird …

Und wie kam es dann zu dieser Hilfsgüterfahrt?

Der TuS Ennepetal [ein Fußballverein im Ruhrgebiet / Anmerkung der Redaktion] hat Kontakt zu einem ehemaligen Spieler, der an der polnisch-belarussischen Grenze wohnt und sich jetzt für die Flüchtenden einsetzt. Der Verein hatte entschieden, Hilfsgüter dorthin zu schicken. Ich wollte eigentlich nur als Unterstützung Kartons von meinem Arbeitgeber vorbeibringen, habe dann aber drei Tage beim Packen mitgeholfen.

Am vergangenen Freitagabend gegen 19 Uhr haben die mich dann gefragt: „Eckes, du kommst doch immer mit dem Sprinter?! Uns ist einer ausgefallen. Hast du Lust, in sechs Stunden zur polnisch-belarussischen Grenze aufzubrechen? Wir fahren um zwei Uhr nachts los.“ Naja, und da ich für dieses Wochenende keine Schalke-Karten hatte, war die Sache für mich klar. [lacht]

„Gefragt habe ich nicht wirklich“

Was hat deine Frau dazu gesagt, dass du spontan nach Polen fährst?

Sie fand die Aktion super! Meine Familie stand voll dahinter. Wir haben noch eine zweite Wohnung, die wir bereitstellen würden, falls Geflüchtete nach Nordrhein-Westfalen kommen.

Du bist mit dem Sprinter deines Arbeitgebers gefahren … Wie hat dein Chef darauf reagiert?

Nachdem wir den Wagen mit Hygieneartikeln und etwas Kleidung vollgepackt hatten, habe ich ihm ein Foto davon geschickt. Gefragt habe ich nicht wirklich. [lacht] Ich habe nur gesagt, dass ich dieses Wochenende nach Polen fahre. Nicht dass der denkt: Wo ist der Stolz das ganze Wochenende mit dem Auto? Aber er fand es dann auch eine klasse Idee.

„Es hat richtig Spaß gemacht“

Wie verlief die Fahrt?

Wir haben uns um zwei Uhr nachts am Vereinsheim des TuS Ennepetal getroffen, Zwischenstopps ausgemacht und dann ging es auch schon los. Fünf Sprinter mit je zwei Personen. Wir haben uns viel unterhalten und laut Musik gehört. Jeder hatte Cola und Energy-Drinks dabei, Schokolade und all so‛n Mist. Es hat richtig Spaß gemacht.

Wer war außer dir dabei?

Alles Freiwillige aus dem Sportverein. Typen, die wirklich gerne helfen. Das hast du denen abgespürt. Da hat sich jeder auf die Tour gefreut. Einer suchte noch einen Mitfahrer und hat einen Freund angerufen. Der kam dann extra aus Bremen, hat also weit über 3.000 Kilometer an dem Wochenende zurückgelegt.

Zwischendurch hat man übrigens total viele andere Kleintransporter mit deutschem Kennzeichen gesehen.

„Wir haben die enorme Hilfsbereitschaft der Polen erlebt!“

Was habt ihr am Zielort erlebt?

Am Samstagnachmittag gegen 17 Uhr sind wir an der Lagerhalle im polnisch-belarussischen Grenzgebiet angekommen. Geflüchtete haben wir nicht gesehen, weil es schon spät war und die Lagerhalle außerhalb der Stadt liegt. Wir haben aber die enorme Hilfsbereitschaft der Polen erlebt! Es waren bestimmt 10, 15 Leute da, die kamen und uns beim Ausladen geholfen haben.

Wir haben dann eine Kleinigkeit gegessen, ab aufs Klo und nach einer Stunde sind wir zurückgefahren. Um kurz vor zehn am Sonntagmorgen waren wir wieder in Ennepetal. Ich bin direkt in den Gottesdienst gegangen und danach ins Bett gefallen. Von der Predigt habe ich nicht wirklich viel mitbekommen, denn ich hatte 34 Stunden nicht geschlafen. [lacht]

Habt ihr mit der einen Fuhre schon alle gesammelten Hilfsgüter hingebracht?

Nein, wir hatten nur zwei bis drei Paletten pro Auto dabei. Vier große Lastwagen sind später mit den restlichen 120 Paletten rübergefahren. So viel wurde gesammelt. Die Leute sind echt hilfsbereit, das ist großartig!

Danke für das Gespräch, Eckhard.

Die Fragen stellte Pascal Alius.