Pater Nikodemus Schnabel, Foto: adeo, Pascal Nowak

5 Fragen an einen Mönch, die Sie nie stellen würden

Über 1 Million Aufrufe hat das YouTube-Video, in dem Pater Nikodemus Schnabel Fragen zum Mönchsein beantwortet. Hier stellt er sich fünf weiteren.

1. Hattest du schon einmal Zweifel an deiner Entscheidung, ins Kloster zu gehen?

Oh ja, selbstverständlich. Wenn Leute niemals Zweifel haben (auch diejenigen, die in einer Beziehung sind oder in anderen Lebenssituationen), dann würd ich sagen: Leute, denkt mal mehr nach über euer Leben und über das, was ihr tut. Ich glaube, so eine gewisse Unsicherheit, so ein Tasten, Ringen und eben Zweifeln gehört für mich zum Menschsein dazu. Wenn Menschen sich ihrer Sache 120-prozentig sicher sind, wird mir immer ein bisschen mulmig. Ich denke, es ist wichtig, auch mal zu irren, zu scheitern, zu suchen, zu fallen, sich selbst infrage zu stellen. Erst dann wächst man auch als Persönlichkeit. Und ja, Zweifel in jeder Form gehören dazu — selbstverständlich.

2. Bist du schon mal im Gottesdienst eingeschlafen?

Oft steh ich ja dem Gottesdienst vor und müsste umgekehrt fragen: Hab ich die Leute schon dazu gebracht, einzuschlafen? Ja, gesunder Kirchenschlaf ist ja sogar biblisch. Das ist nichts Schlechtes und heißt im Gegenteil, dass man Vertrauen hat, dass man sich wohlfühlt. Trotzdem: Ich kann mich nicht erinnern, dass ich mal eingeschlafen wäre … Aber ein anderes Problem ist mir durchaus bekannt: wenn im Gottesdienst die Blase drückt. Das ist furchtbar! Meine schlimmste, gewissermaßen traumatischste Erfahrung hatte ich als Ministrant im Fuldaer Dom. Weihnachten, erster Weihnachtsfeiertag. Der Domchor hat gesungen, ich habe die Mitra des Bischofs gehalten — ein großes Pontifikalamt. Direkt hinter mir war eine Weihnachtskrippe mit einem Wasserfall. Die ganze Zeit hab ich dieses Plätschern gehört, und ab dem Kyrie — also relativ am Anfang — hab ich gemerkt: Ich muss zur Toilette! Für mich war das ein Gottesdienst, bei dem ich wirklich durchgelitten habe. Ständig habe ich mich gefragt: Wie weit sind wir? Wann kann ich endlich zur Toilette? Grauenvoll!

Deswegen habe ich bis heute eine große Abneigung, wenn ich in Kirchen gehe und sehe irgendwelche Brunnen, Wasserfälle oder sonstige Wasserspiele … also ehrlich, das gehört verboten! Später haben mir alle gesagt, ich hätte doch einfach rausgehen können. Aber ich war eben noch jung. Da will man natürlich eine gute Figur machen und denkt, alle kriegen es mit, wenn man rausgeht. Heute wäre ich da cooler. Übrigens musste ich auch als Priester in der Osternacht mal auf die Toilette. Da hab ich dann während eines Liedes einfach signalisiert, dass ich rausmuss. Ist ja nur menschlich!

3. Ist eine Reform dahingehend, dass Mönche und Priester Familie haben können – also Abschaffung oder zumindest Überdenken des Zölibats -, sinnvoll und überfällig?

Na ja, den Zölibat für Mönche abzuschaffen, das wäre ja Quatsch. Er gehört zu unserem Wesen — ebenso wie für Nonnen. Auch buddhistische Mönche heiraten nicht. Das Unverheiratetsein gehört nun mal zum Mönchsein. Es abzuschaffen, wäre praktisch die Auslöschung meiner Lebensform. Deshalb wäre ich — sozusagen im Sinne des „Artenschutzes“ und auch im ganz persönlichen Hinblick darauf, dass mein Leben glücklich ist — massiv dagegen. Bitte lasst uns Mönche, wie wir sind. Wir haben eine so große Vielfalt in der heutigen Gesellschaft: Man darf heute lieben, wen, was und so viel man will. Also bitte lasst uns auch das Refugium derer, die so leben wollen wie wir. Wenn es dagegen um das Zölibat für die Diözesanpriester geht — also Weltpriester, die nicht Mönche sind —, dann denke ich, kann man sicher darüber diskutieren. Hier würde ich persönlich das Modell der Ostkirchen befürworten, von dem ich als Ostkirchenkundler ziemlich überzeugt bin: Wenn jemand Priester werden will, sollte er entweder Mönch sein, so wie ich, oder weltlicher Priester werden und heiraten dürfen.

4. Ist es anstrengend, ein Mönch zu sein?

Ja, finde ich schon. Aber ich will gar nicht klagen. Sicherlich gibt es sowohl Menschen, die ein härteres Leben haben, als auch solche, die ein leichteres Leben haben. Grundsätzlich ist es dennoch nicht so einfach, wie man vielleicht denkt. Unser Tagesablauf ist von großer Disziplin geprägt. Arbeit, Gebet, Studium … all das ist sehr strukturiert. Und das Gemeinschaftsleben: So schön es ist, so anstrengend ist es auch. Man kann sich das vorstellen wie eine Großfamilie, in der aber niemand ineinander verliebt ist, sondern wir sind alle Geschwister. Wir nennen uns ja auch „Bruder“. Die Geschwisterbeziehung ist ja im Allgemeinen die längste und gleichzeitig komplexeste Beziehung im Leben eines Menschen. Auch wir sind wie Geschwister, die wir uns nicht ausgesucht haben, die nun aber aufeinanderhängen und miteinander klarkommen müssen. Da gibt es viel Reibungsverlust.

5. Warum sind viele Mönche so dick?

Tendenziell vielleicht … es gibt auch superdünne. Wobei ich da ein schlechtes Beispiel bin, ich bin tatsächlich dick. Aber das ist natürlich auch das Bild in der Werbung, in gewisser Weise stehen wir ja dafür. Um es mal theologisch zu sagen: Christus spricht vom „Leben in Fülle“ — und wir sind eben dem Genuss nicht abgeneigt. Wahrscheinlich sind wir in der heutigen Zeit sogar die Letzten, bei denen Genuss noch wirklich erlaubt ist. Diese ganzen „Anleitungen zur Selbstgeißelung“ … jeder versucht unter größten Anstrengungen, sich und seinen Körper möglichst zu optimieren. Ich dagegen sage: Ich bin von Gott geliebt und von Gott erlöst. Er zählt nicht meine Kalorien und stellt mich nicht jeden Tag auf die Waage. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es Gott egal ist, ob ich ein kleines Bäuchlein hab oder nicht.

Diese und 95 weitere Fragen sind zuerst im Buch „#FragEinenMönch“ (adeo) erschienen. Die Fragen entstanden in Zusammenarbeit mit Sascha Hellen. 

Symbolbild: Getty Images / E+ / damircudic

Gute Vorsätze: Coach erklärt, wie Männer Ziele erfolgreich umsetzen können

Sei es die gesunde Ernährung oder der Sport: Vorhaben landen oft auf der langen Bank. Dabei braucht es für Erfolg nicht viel, meint Coach Stefan Schmid.

„Die guten Vorsätze!“ – Erinnern Sie sich noch an Ihre Vorsätze, die Sie Anfang des Jahres gefasst haben? Bei mir war es über Jahre hinweg nur ein einziger und immer derselbe: „Ich möchte bis Ostern nicht geblitzt werden.“ Bei rund 60.000 km Fahrleistung pro Jahr war das jedes Mal ein sportliches Vorhaben.

Jahrelang schaffte ich es bis ca. Ende Februar, ohne geblitzt zu werden. Doch ich bekam es nicht gebacken, mein Vorhaben tatsächlich bis Ostern durchzuhalten. Im vergangenen Jahr erreichte ich mein Ziel dann aber doch. Das hatte aber weniger mit meinem disziplinierten Fahrstil als mit Corona und dem ersten Lockdown zu tun. Mein erstes Knöllchen flatterte erst Mitte Juli ins Haus. Wow!

Übrigens, kürzlich gab mir die beste und klügste aller Ehefrauen einen grandiosen Tipp. Wir waren gemeinsam unterwegs, als ich mal wieder zu schnell fuhr. Am Straßenrand entdeckte ich im letzten Augenblick einen Blitzer und bremste souverän ab. Etwas stolz und gleichzeitig erleichtert wandte ich mich ihr mit den Worten zu: „Das ist gerade noch mal gut gegangen!“ Worauf sie nur meinte: „Erspare dir doch den Stress und halte dich an die vorgegebene Geschwindigkeit.“ Wie recht sie doch hatte!

Übernimm Verantwortung!

Was nehmen Sie sich regelmäßig vor, bekommen es aber nicht gebacken? Eigentlich ist das mit dem Backen doch gar nicht so schwer. Wenn ich mal meine auf Pfannkuchen zum Mittagessen begrenzte Backkunst spielen lasse, dann orientiere ich mich an folgenden zwei Worten: „Man(n) nehme …!“ Für den Alltag würde ich diesen Hinweis gerne um einen weiteren Begriff ergänzen, nämlich: „Man(n) übernehme Verantwortung!“ Wie geht es Ihnen damit, Verantwortung für Ihr Verhalten zu übernehmen? Seit Monaten geht das Thema Resilienz durch die Decke. Es ist das Thema, mit dem ich entweder online oder auch nach und nach wieder bei Präsenzveranstaltungen am häufigsten im Einsatz bin. Eine der „sieben Schlüsselfaktoren der Resilienz“ besteht darin, die Opferrolle zu verlassen und Verantwortung zu übernehmen.

Wenn es am Straßenrand blitzt, kann ich nicht das Ordnungsamt dafür verantwortlich machen. Es liegt einzig und allein an meinem Fahrstil. Ich muss mich nicht darüber ärgern, dass irgendeiner mal wieder einen Blitzer aufgestellt hat, ohne mich vorher darüber zu informieren. Es muss mich nicht nerven, dass ich mal wieder 15 Euro zahlen muss, die ich mir hätte sparen können. So sind nun mal die Spielregeln! Und wer sich nicht daran hält, muss mit entsprechenden Konsequenzen rechnen. Die Verantwortung liegt dabei einzig und allein beim Fahrer. Wo ducken Sie sich gerne als armes Opfer weg? Wo schieben Sie die Schuld auf alle anderen, nehmen aber Ihre eigene Verantwortung nicht wahr?

Es sind nicht immer die anderen schuld

Klar, an vielem – wenn nicht sogar an allem – trug in den zurückliegenden Wochen und Monaten Corona die Schuld. Daran, dass wir Dinge nicht erledigen konnten, dass wir uns nicht mit Menschen treffen konnten, dass wir Projekte nicht zum Abschluss bringen konnten, dass die Internetverbindung im Home-Office oder Homeschooling mal wieder zusammenbrach, dass wir nicht reisen konnten, sondern zu Hause festsaßen, dass … Und wenn es nicht die Umstände waren, dann eben Menschen, die an unserer Situation schuld waren: die unverständige Ehefrau, die nörgelnden Kinder, der fordernde Chef, die lauten Nachbarn, die schwierigen Kollegen, die anstrengende Schwiegermutter, … Oder Frau Merkel und die Virologen. Und wenn es weder äußere Umstände noch Menschen sind, auf die wir die Verantwortung abwälzen können, dann muss unsere Prägung, Erziehung oder DNA herhalten. „Ich habe nie gelernt, Verantwortung zu übernehmen!“ „Das liegt an meiner Veranlagung!“ „Ich bin halt der gemütliche Typ Mensch!“ „Ich kann mich halt schlecht entscheiden!“ Wie wäre es damit, Ihr Mindset, Ihre Denkweise zu überdenken? Warum treiben Sie keinen Sport, obwohl Sie genau wissen, wie gut Ihnen das tun würde? Warum ernähren Sie sich weiterhin ungesund, obwohl Sie genau wissen, wie Sie Ihrem Körper damit schaden?

Einfach heute starten

Anfang des Jahres plante ich, mich dieses Jahr in der Zeit zwischen Aschermittwoch und Ostersonntag mal wieder an der Aktion „7 Wochen Ohne“ zu beteiligen. Gerade wollte ich mich innerlich gemütlich zurücklehnen, als ich den Impuls hatte: Warte doch nicht bis Aschermittwoch, sondern fange jetzt damit an! Und so entschied ich mich am 4. Januar für meine persönliche „7 Wochen Ohne“-Aktion. Ich wollte sieben Wochen auf Zucker verzichten. Und so arbeitete ich an meinem Mindset und siehe da: Es war gar nicht so schwer! Ich brauchte den Aschermittwoch gar nicht als offiziellen Starttermin, sondern konnte selbst darüber entscheiden, dass das auch an jedem anderen Tag möglich war.

Zwischenzeitlich habe ich meine „7 Wochen ohne Zucker“-Aktion erfolgreich beendet. Und weil es richtig Spaß gemacht hat, bin ich gleich in die nächste Aktion gestartet. Täglich zehn Minuten Workout und das insgesamt 16 (!) Wochen lang. Nach erfolgreichen 3 ½ Wochen fängt es langsam an, zu einer täglichen Routine zu werden.

Was tun Sie Ihrem Körper gerade Gutes? Ich bin kein Workout-Freak, doch ich merke mit nun 52 Jahren, dass Fitness kein Selbstläufer mehr ist. Ich möchte an meinem Körper nicht nur keinen Raubbau betreiben, sondern ihm aktiv Gutes tun. Dazu gehören u.a. auch regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen. Oft reden gerade wir Männer uns ein, dafür keine Zeit zu haben, bis uns der Herzinfarkt dann die nötige Zeit beschert.

Ein Sparringspartner kann helfen

„Machen ist wie Wollen, nur krasser!“ Im Coaching begleite ich immer mehr Männer dabei, vom Wollen zum Tun zu gelangen.

Das kann so aussehen, dass mir eine Führungskraft täglich Bilder von ihrem Schreibtisch mailt. Sie leidet unter dem ständigen Chaos auf der Schreibtischoberfläche. Am liebsten würde sie morgens an einem aufgeräumten Schreibtisch in den neuen Arbeitstag starten. Und so haben wir eine Vereinbarung getroffen, die ihr hilft, Ordnung zu schaffen und Ordnung zu halten. Mit einem Sparringspartner an der Seite lässt sich neues Verhalten besser einüben.

Manchmal schlägt uns auch des „Teufels liebstes Möbelstück“ ein Schnippchen, nämlich die lange Bank. Laut einer Emnid-Umfrage sagen knapp 40 Prozent der Deutschen, dass ihnen durch Aufschieben bereits persönliche oder berufliche Nachteile entstanden sind. Aufschieberitis gehört demzufolge zu ihren schlechten Angewohnheiten. Die unangenehme Aufgabe wird so lange vertagt, bis diese wirklich dringend wird und somit inneren Stress hervorruft und massiven Druck erzeugt.

Aufschieberitis hat damit zu tun, Dinge perfekt erledigen zu wollen, mit schlechtem Zeitmanagement oder der eigenen Trägheit. Vielleicht haben aber auch gerade während Corona meine individuellen Zeitfresser wieder gnadenlos zugeschlagen. Es gibt nur einen einzigen Weg, um den „Aufschieberitis-Modus“ zu beenden, nämlich meine Trägheit zu überwinden und Verantwortung zu übernehmen.

Cheat Days einbauen

Übrigens: Meine „7 Wochen ohne Zucker“-Aktion wurde durch zwei oder drei Cheat Days („Schummeltage“) unterbrochen. Ich hielt es nicht konsequent durch. Doch es scheint mir, als würde genau das das echte Leben widerspiegeln. Wir sind nicht perfekt, nicht tadellos, sondern es schleicht sich immer wieder mal ein Cheat Day ein. Gerade dann gilt es, sich nicht hängenzulassen, sondern neu die Verantwortung zu übernehmen, denn morgen ist ein neuer Tag!

Stefan Schmid ist Resilienz-Coach und „Go For It“-Trainer. Er hat sich spezialisiert auf Stressmanagement und Burnout-Prävention (stefanschmid-coaching.de). Er ist verheiratet mit Cornelia und Vater von zwei erwachsenen Töchtern.

Foto: Privat

Vor dem Nichts: Wie ein Fotograf in der Krise den Livestream entdeckte

Im Lockdown stand der Fotograf Frank Wiedemeier vor dem Nichts. Doch die Krise half ihm, einen ganz neuen Berufszweig für sich zu entdecken.

Innerhalb eines Jahres hat sich mein berufliches Leben komplett verändert. Noch im März 2020 sah alles rosig aus. Der alljährliche Skiurlaub in den Alpen mit guten Freunden begann am Frühstückstisch zwar immer mit einem Blick auf die aktuelle Viruslage, aber schnell waren wir bei den Wetteraussichten für den Tag, parlierten über Temperaturen, Sonnenstunden und Abfahrtsrouten. Doch plötzlich, als hätte jemand den Zeitraffer angestellt, ging es Schlag auf Schlag. Und während auf der österreichischen Seite die Pisten geschlossen wurden, war auf der Schweizer Seite noch die Rede von reduzierten Liftpreisen, weil man ja nun nur in der Hälfte des Skigebiets unterwegs sein könne. Doch der Wunsch nach Schweizer Virus-Neutralität hielt nicht lange. Am 13. März 2020 wurden alle Pisten der Silvretta Arena geschlossen und die Gäste zur geordneten Rückreise aufgefordert. Genossen wir vor drei Tagen noch Pulverschnee und Après-Ski, so wurden wir bei der Einreise nach Deutschland dazu aufgefordert, freiwillig für 14 Tage in Quarantäne zu gehen. Willkommen in der Realität.

Absage folgt auf Absage

Die Folgen für mich als freiberuflicher Fotograf kamen in rasender Geschwindigkeit. Veranstaltungen, die ich dokumentieren sollte, wurden ebenso wie gebuchte Workshops und Seminare abgesagt. Mein noch im Frühjahr 2020 neu eingerichtetes Fotostudio, das ich nach einem erfrischenden Urlaub richtig beleben wollte, konnte ich wieder verschließen. Es hagelte Jobabsage auf Jobabsage. Was also tun, wenn das Geplante überhaupt nicht mehr funktioniert? Wenn die Haushaltsplanung zur Makulatur wird, wenn Kosten weiterlaufen, der nächste Erste schneller da ist, als man schauen kann, wenn angesparte finanzielle Reserven wie Schnee in der Frühjahrssonne dahinschmelzen? Eines war mir schnell sonnenklar: Es galt, das Ruder binnen kürzester Zeit herumzureißen. Aber auf welchen Kurs?

Alles begann mit einer schlichten Bestandsaufnahme. Was kann ich? Was habe ich? Was könnte gebraucht werden? Was kann ich anbieten, um eine neue berufliche Perspektive zu gewinnen? So sonderbar es aus heutiger Sicht auch klingen mag, aber mir schoss damals der Gedanke „Livestreaming“ durch den Kopf. Möglicherweise auch, weil sich unsere Kirchengemeinde mit der Aufgabe konfrontiert sah, eine Möglichkeit zu suchen, um im Lockdown Menschen einen sonntäglichen Gottesdienst bieten zu können. Alles, was ich zum Streaming benötigte, hatte ich bereits in meinem Studio. Licht, Kameras, Stative, Computer, Glasfaseranschluss. So begann der erste Gedanke, konkrete Formen anzunehmen. Wie ein trockener Schwamm sog ich jede Information zum Thema Livestreaming auf, die ich finden konnte.

Langsam wächst das Wissen

YouTube-Videos zu Hard- und Software, unzählige Anwenderberichte füllten meinen Alltag. Kürzel wie RTP, RTSP, WebRTC, SRT, NDI, DVE, LUT, BT.709 oder 12G-SDI zogen in meinem Kopf ein und erschlossen sich mir nach und nach. Doch grau ist alle Theorie. Praxis musste her, und zwar schnell. Bereits im ersten Monat mit meinem neuen Arbeitsgebiet begann ich mit der Übertragung des sonntäglichen Gottesdienstes. Zunächst mit einer Kamera, dann – man will den Zuschauern ja etwas bieten – mit einer zweiten Kamera. Mit jedem dieser Livestreams nahm die Erfahrung zu, wuchs das Verständnis: Ton über XLR ist schneller als das Videosignal über HDMI, die Latenz zwischen der Aufnahme vor Ort und dem Stream auf der Webseite liegt schon mal bei 30 Sekunden, ein Kamerawechsel sollte nicht mitten im Satz erfolgen und, und, und.

Auf diese Weise erprobt und autodidaktisch fortgebildet bin ich auf meine Kunden zugegangen, habe mein neues Angebot vorgestellt und stieß auf offene Türen. Denn auch ihnen war schnell klar geworden, dass diese „neue Zeit“ neue Wege der Kommunikation erfordern würde. Wurden Plattformen wie ZOOM, MS Teams oder GoTo-Meeting zu Beginn des vergangenen Jahres kaum wahrgenommen, so schossen deren Nutzerzahlen ab Frühjahr 2020 in die Höhe. Mehr und mehr wurden Events von analog auf digital umgestellt – und ich wollte dabei sein.

Plötzlich Remote-Stream

Nach und nach nahm das Ganze Fahrt auf. Zu den ersten Streams gehörte beispielsweise der eines Landesministeriums. Minister und alle Hauptabteilungsleiter gingen zu einem definierten Termin pünktlich auf Sendung und erreichten eine große Zuschauerschaft. Ein anderer Stream bildete einen siebenstündigen Event ab. Zwei Bühnen, Referenten vor Ort sowie zugeschaltet über ZOOM. Dazu Einspieler und Chats. Spannend war auch der erste reine Remotestream. Per Tablet-Kamera wurde die Moderatorin aus Gelsenkirchen mit zwei Musikern aus Wuppertal, die ihrerseits mit zwei Smartphones aufgenommen wurden, live im Studio in Jüchen-Wey zusammengeschnitten und von dort aus gestreamt. Dabei erfolgte die Steuerung der zugeschalteten Tablet- und Smartphonekameras direkt aus dem Studio.

70 Streams und gewachsene Ansprüche

Heute, exakt ein Jahr später, kann ich auf über 70 Streams zurückblicken. Mit jedem wächst die Erfahrung, mit jedem weiß ich mehr um die Tücken, die oftmals im Detail liegen. Jeder Stream hat seine völlig eigenen Anforderungen. Um hier die Fehlerquote möglichst gering zu halten, habe ich begonnen, im Team zu arbeiten, mit einem Ton- und einem Kameramann. Auch dies ist eine neue Erfahrung für mich, denn als Fotograf bin ich immer alleine unterwegs. Gemeinsam checken wir jeden Job vorab durch. Navy Streamer eben. Jeder Handgriff muss sitzen, auch bei Dunkelheit.

Mit der Zeit wuchsen aber auch die Erwartungen der Kunden sowie meine eigenen. Welche Kameras wollen wir beim nächsten Mal anders kombinieren? Wie optimieren wir Makros, um Abläufe automatischer zu gestalten? Wie vereinfachen wir die Zuschaltung für externe Referent:innen noch weiter? Wie können wir das gesprochene Wort live als Text einblenden? Aber auch klassische Fragen nach Kostenoptimierung stehen auf dem Programm. Wie optimieren wir Kabelwege? Wie reduzieren wir Rüstzeiten? Wie können wir schneller aufbauen? Was brauchen wir an Technik, um noch besser zu werden? Im Ergebnis sind alte Kameras verkauft und neue erworben worden. Das erste Mischpult wurde bereits durch den dritten Nachfolger ersetzt. Die ersten Lichtquellen, einfache LED-Panels, sind gegen leistungsfähige LED-Strahler getauscht. Die Streaming-Hardware ist ebenfalls in dritter Generation im Einsatz. Papierbahnen mit Sprechertexten, die direkt vor der Kamera aufgehängt wurden, sind durch einen professionellen Teleprompter ersetzt worden. Von Kabeln und Adaptern will ich gar nicht sprechen. Das Studio gleicht einem kleinen Foto- und Videofachgeschäft.

Vom One-Man-Fotografen zum Team-Player-Livestreamer

Nach dem ersten Schock und der bangen Frage nach dem, wie meine berufliche Zukunft aussehen würde, habe ich zeitnah auf Aktion umgestellt. Als Unternehmer muss ich auf veränderte Rahmenbedingungen reagieren und mein Angebot entsprechend anpassen. Dies konnte aber auch nur gelingen, weil ich Kunden habe, die sich darauf eingelassen und es mir ermöglicht haben, diesen Weg wirtschaftlich zu gehen.

Durch Covid-19 hat sich mir ein neuer Arbeitsbereich eröffnet. Aus einem One-Man-Fotografen wurde ein Team-Player-Livestreamer. Bin ich ein Pandemie-Gewinner? Bin ich Covid-19 gar dankbar? Nein, weder noch. Ich habe nach einem Weg gesucht, um trotz der vielen Einschränkungen wirtschaftlich zu überleben. Den habe ich für mich gefunden. Dankbar bin ich denen, die mir die Chance gegeben haben, diesen Weg zu gehen.

Frank Wiedemeier ist freier Fotograf mit dem Themenschwerpunkt Wirtschaft (streamboxstudio.de).

Symbolbild: Getty Images / E+ / urbazon

5 einfache Tipps: So gelingt Ihr erstes Whisky-Tasting mit Freunden

Eine gemeinsame Whisky-Verkostung ist ein echtes Event. Mit dieser Anleitung werden selbst Laien zum Genuss-Experten.

„Wow – das hätte ich echt nicht gedacht, dass ein und dasselbe Getränk so ganz unterschiedlich schmecken kann!“ Ein Freund ist sehr angetan von der gemeinsamen Whisky-Verkostung, die ich für die Männergruppe unserer Gemeinde vorbereitet habe. Und in der Tat, es gibt wohl kaum ein anderes Getränk wie Whisky. Einerseits wird die Definition, was echter Single Malt Scotch Whisky ist, sehr eng gefasst; und andererseits können zwischen zwei Sorten desselben Getränks geschmacklich Welten – ja Universen – liegen. Selbst dann, wenn man sich wie ich fast ausschließlich auf Schottland bezieht (das mache ich auch in diesem Artikel – Liebhaber von irischem Whisky oder amerikanischem Bourbon mögen mir das verzeihen). Um diese Fülle der unterschiedlichen Aromen, Geschmäcker, Mundgefühle zu erforschen, lohnt es sich, Whisky nicht einfach zu trinken. Nein, er muss verkostet werden und ein solches Tasting bedarf einiger Vorbereitung. Eine kurze, pragmatische Anleitung zu einer solchen Vorbereitung will ich hier liefern.

Whiskygenuss ist kein Alkoholismus

Aber zunächst ein Wort vorneweg. Denn immer wieder begegnet mir, wenn das Gespräch mit unerfahrenen Gesprächspartnern auf Whisky kommt, schnell das Vorurteil: „Whiskygenuss hat doch mit Alkoholismus zu tun.“ Ich will keineswegs die Gefahren des Alkohols kleinreden. Es geht immer um einen maßvollen und verantwortungsvollen Umgang. Mit einer kleinen Rechenaufgabe lassen sich die Ängste jedoch sehr schnell zerstreuen: Wenn bei einem Whisky-Tasting vier Drams (20 ml) Whisky (40%vol) verkostet werden – und mehr würde ich niemals verkosten, da die Geschmacksnerven dann ohnehin nicht mehr frisch sind –, so entspricht dies einer Menge von 25,6 g reinem Alkohol. Nur zum Vergleich: Ein Glas Rotwein (13%vol) mit 250 ml enthält bereits 26 g reinen Alkohol.

Die Ausstattung: Aufs Glas kommt es an

Natürlich ist es jedem freigestellt, seinen Whisky auf seine Art zu genießen. Anstelle von einem klobigen Tumbler-Glas und Eiswürfeln empfiehlt es sich aber doch, einige Dinge zu beachten: Zunächst ist die Raumtemperatur ideal, um die größtmögliche Aromen- und Geschmacksvielfalt im Whisky zu riechen und zu schmecken. Eis oder Kältesteine sind daher nicht nötig. Als Glas empfiehlt sich ein bauchiges Glas, welches sich nach oben hin stark „verjüngt“, also enger wird. So können sich im Bauch des Glases die Aromen entfalten, entweichen aber nicht zu schnell. Ideal sind sogenannte Glencairn-Gläser oder Tasting-Gläser mit Stiel. Aber wer diese Investition scheut, für den tut auch ein kleines Weißweinglas seinen Dienst.

Die Planung: Regionen beachten

Warten die Gläser auf ihren Einsatz, gilt es, das Whisky-Tasting zu planen. Der besondere Reiz einer Verkostung kann aus meiner Sicht vor allem auf zwei Wegen gestaltet werden: Entweder verkoste ich mehrere unterschiedliche Whiskyabfüllungen einer Brennerei (oder Region) oder aber ich widme mich einer möglichst vielfältigen Reise durch unterschiedliche Regionen Schottlands.

Für Einsteiger eignet sich meiner Meinung nach eher der zweite Ansatz, da hier die aromatischen und geschmacklichen Unterschiede deutlicher ausfallen. So sind sie auch für unerfahrene Nasen bzw. Geschmacksknospen deutlich voneinander zu unterscheiden.

Grob lässt sich Schottland in vier bis fünf Whisky-Regionen einteilen: die Lowlands, die Highlands, Speyside und die Inseln (evtl. könnte man auch die Insel Islay als eigene Region bezeichnen). Jede dieser Regionen hat traditionell ihre eigenen Besonderheiten bei der Herstellung des Whiskys, sodass sie sich geschmacklich deutlich voneinander unterscheiden (auch wenn es immer wieder Ausnahmen gibt). Für ein erstes Whisky-Tasting würde ich daher empfehlen, mit drei bis vier Whiskys – je einem pro Region – zu planen. Auch andere Besonderheiten, wie rauchige Noten durch die Verwendung von getorftem Malz oder der Einfluss besonderer Fässer, können bei der Auswahl von Unterschieden berücksichtigt werden.

Jung kommt vor alt, mild vor intensiv

Sind die Whiskys ausgewählt – konkrete Vorschläge folgen unten –, ist es wichtig, sich Gedanken über die Reihenfolge der Whiskys im Tasting zu machen. Dabei sind vor allem zwei Gesichtspunkte maßgeblich: Zum einen das Alter des Whiskys – das Tasting sollte grundsätzlich von jung zu alt erfolgen –, zum anderen spielen intensive Aromen wie Rauch oder Sherry eine entscheidende Rolle, wobei darauf zu achten ist, von mild hin zu intensiv zu verkosten. Wer einen Whisky vor dem Tasting noch nicht kennt, sollte sich unbedingt in Datenbanken im Internet über diesen informieren. Dann kann er besser nach den oben genannten Kriterien eingeordnet werden.

Im Zweifelsfall ist aus meiner Sicht immer das stärkere Aroma wichtiger als das Alter. Konkret heißt das: Auch ein 14-jähriger Whisky kann sinnvollerweise vor einem 10-jährigen verkostet werden, wenn der jüngere Whisky starke Aromen wie Torfrauch oder Sherry enthält.

Chips nein, dunkle Schokolade schon

Für meinen Geschmack genauso entscheidend wie die Whiskys selbst, ist die richtige Gestaltung des Rahmens bei einem Tasting. Für einen schönen Tasting-Abend mit Freunden – alleine macht es nicht nur weniger Spaß, sondern ist auch für den Geldbeutel deutlich belastender (bei ca. 30-40 € pro Einsteigerflasche) – sollte unbedingt ausreichend Zeit zur Verfügung stehen. Snacks wie Chips oder Erdnüsse gehören für mein Empfinden nicht zu einer Whisky-Verkostung, denn sie schmälern die Fähigkeit, Aromen und Geschmacksnuancen wahrzunehmen, doch beträchtlich. Was schon eher geht, ist dunkle Schokolade, aber auch da scheiden sich die Geister. Was auch bei Puristen nicht fehlen sollte, ist ein stilles, möglichst geschmacksneutrales Wasser. Dieses kann zwischen den Whiskys getrunken werden und dient außerdem zum Verdünnen, falls ein Whisky deutlich mehr als 40%vol Alkohol enthält.

Recherche ist das i-Tüpfelchen

Außerdem bereite ich mich auf jeden Whisky auch inhaltlich vor: Ich recherchiere Hintergrundinformationen zur Brennerei und ihrer Region, zur Form der Brennblasen (denn die beeinflussen das Aroma erheblich) und schaue mir eventuell Verkostungsvideos auf YouTube an. So habe ich nicht nur den nötigen Background zum entsprechenden Whisky, sondern die Verkostung selbst wird zu einer Art Kultur- und Bildungsevent.

Beispiel-Tasting für Einsteiger

Zum Schluss ein konkreter Vorschlag für ein Tasting mit drei Whiskys für Einsteiger – dabei kann bei jedem Schritt der Verkostung zwischen zwei Whiskys ausgewählt werden:

Milder Start: 
Auchentoshan 12y (Lowlands, dreifach destilliert, sehr mild) Glenkinchie 12y (Lowlands, mild, grasig-frisch, ein idealer Sommerwhisky)

Fruchtige Mitte: 
Glenfarclas 10y (Speyside, fruchtig-würziger Whisky mit Sherrynoten) Aberlour 12y (Speyside, eine Geschmacksexplosion mit viel Sherry)

Rauchiger Abschluss
Bowmore 12y (Islay, rauchig, süß mit Sherry) Caol Ila 12y (Islay, stark rauchig, medizinisch in der Nase, aber süß im Geschmack)

Für deine eigenen Erfahrungen bei einem Whisky-Tasting mit Freunden wünsche ich „slàinte mhath“ (gute Gesundheit).

Michael Born (35) ist verheiratet mit Regine und hat zwei Söhne. Er ist Pfarrer in Laufenburg und Mitglied im Leitungsteam von churchconvention.

Symbolbild: Getty Images / E+ / Oleh_Slobodeniuk

Ob Tod, Umzug oder Jobwechsel: Warum Abschiednehmen so wichtig ist

Wenn wir Lebensabschnitte nicht angemessen beenden, kann uns das dauerhaft emotional belasten, sagt der Berater Rainer Wälde. Dabei reicht zum Loslassen oft schon ein Brief.

„Es gibt drei wichtige Regeln beim Filmemachen: Du sollst nicht langweilen, du sollst nicht langweilen, und du sollst nicht langweilen!“ Dieses Zitat stammt von Billy Wilder. Er hat das Drehbuch für etliche Filmklassiker geschrieben und oft auch die Regie geführt: „Emil und die Detektive“, „Eins, Zwei, Drei“ und „Manche mögen’s heiß“. Was mich an seiner Biografie besonders fasziniert: Billy Wilder empfiehlt, die Hälfte der Energie und Aufmerksamkeit in das Ende zu stecken – getreu dem Motto „Ende gut, alles gut“. Auch in der Biografie-Arbeit finde ich dies einen wichtigen Ansatz: Nach Möglichkeit sollten wir in Beziehungen und Projekten versuchen, ein stimmiges Ende zu finden. Doch in der Lebenspraxis fällt genau dieser Abschluss vielen Menschen besonders schwer. Hier spielen unsere Emotionen eine zentrale Rolle: Enttäuschungen führen dazu, dass unsere Seele Achterbahn fährt und wir Mühe haben, aus diesem Auf und Ab der Gefühle an der nächsten Haltestelle wieder gesund auszusteigen.

Die Frau von Heinz Rühmann antwortet – die eigene Nachbarin nicht

Dazu zwei kurze Beispiele aus meinem Leben: Unser Nachbar starb, gerne erinnern wir uns an den letzten gemeinsamen Abend auf der Terrasse. Am nächsten Tag schreibe ich einen ausführlichen Kondolenzbrief und erinnere die Hinterbliebenen an die gemeinsamen Erlebnisse. Ich drücke empathisch unsere Trauer aus. Doch leider bekomme ich keine Reaktion. Keine kurze Karte, kein Wort – Funkstille. Ich kann den Schmerz und die Trauer verstehen, doch ohne Rückmeldung bleibt etwas offen zwischen uns, eine emotionale Verbindung unbeantwortet.

Beispiel Zwei: Kurz vor seinem Tod bin ich einer der letzten Journalisten, der Heinz Rühmann in seinem Haus am Starnberger See interviewen darf. Es ist eine sehr berührende Begegnung. Der bekannte Schauspieler wirkt in unserem Gespräch ausgesprochen introvertiert und bescheiden, ganz anders, als ich ihn von der Leinwand her kenne. Als ich Monate später von seinem Tod erfahre, schreibe ich seiner Witwe einen persönlichen Brief und bedanke mich für die letzte Begegnung. Niemals hätte ich erwartet, dass seine Frau Hertha Droemer antwortet. Bei hunderten von Briefen habe ich dafür vollstes Verständnis. Doch einige Wochen später schreibt sie mir sehr bewegend eine Karte per Hand und dankt für die Anteilnahme.

Eine Freundschaft, die keine ist

Seinen letzten Film „In weiter Ferne, so nah!“ drehte Heinz Rühmann ein Jahr vor seinem Tod. Und dieser Titel passt sehr gut zu den Beziehungen, die durch Umzug oder Trennung abbrechen. Auch sie bleiben emotional in der Luft hängen, bis sie aktiv beendet werden. Doch genau dies ist der kritische Punkt: Aus meiner eigenen Biografie kann ich von zahlreichen Beispielen erzählen, die über Jahre offenblieben. Einer meiner besten Freunde trennte sich von seiner Frau, wechselte die Arbeitsstelle und zog weg. Durch unsere langjährige Freundschaft konnte ich mich in seinen Schmerz einfühlen und auch die Scham spüren, die seine gescheiterte Ehe bei ihm auslöste. Immer wieder suchte ich das Gespräch, besuchte ihn in seinem neuen Zuhause, doch die Scham überwog. Der Austausch war nicht mehr frei, wurde immer mehr zum Smalltalk, sein Herz war blockiert. Er versprach, mich zu besuchen, doch kam nie. Über Jahre hinweg startete ich etliche Versuche. Ich wusste, dass er regelmäßig an unserer Wohnung vorbeifuhr, wenn er seine Eltern besuchte. Doch er hielt nie an.

Unsere tiefe Freundschaft hatte sich in eine Einbahnstraße verwandelt und mein Schmerz blieb. Ich sah mich in einer emotionalen Sackgasse und suchte nach einer Lösung. Ich hatte immer noch diese offene Beziehung wie einen Strang in der Hand. Um neue Beziehungen eingehen zu können, musste ich dieses lose Ende loswerden und zu einem guten Ende bringen. Beim Überlegen kam mir das Symbol eines Gedenksteines in den Sinn: Warum nicht einen schönen Kieselstein auswählen, den ich im Garten ablege und der mich an unsere vergangene Beziehung erinnert? Wie bei einem Grabstein markiert er das Ende unserer Freundschaft. Gleichzeitig bin ich frei, ihm jederzeit wieder offen zu begegnen.

Wo hängen Beziehungen in der Luft?

An dieser Stelle möchte ich Sie ermutigen, die ungeklärten Enden in Ihrer Biografie anzuschauen. Wo hängen bei Ihnen Beziehungen in der Luft und verhindern damit einen Neubeginn? Nehmen Sie sich etwas Zeit und ziehen Sie sich an einen ruhigen Ort zurück. Schreiben Sie einmal die Namen derer auf, wo noch eine „Beziehung offen“ ist. Hören Sie in sich hinein und überlegen Sie, was für Sie ein gutes Abschluss-Ritual sein könnte. Vielleicht brauchen Sie noch ein letztes Gespräch oder einen Brief, in dem Sie Ihre Dankbarkeit für die gemeinsame Zeit ausdrücken. Ich bin mir sicher, dass Sie im Herzen spüren, welche Form angemessen ist.

Es kann aber auch sein, dass Sie ohne eine Erklärung die Beziehung einseitig beenden und für sich ein passendes Abschluss-Ritual finden, ohne den anderen darüber zu informieren. Diese Entscheidung bringt Ihnen auch Klarheit, wie Sie bei einer weiteren Begegnung frei und offen mit diesem Menschen umgehen. Bei meinem langjährigen Freund gab es nach 16 Jahren Funkstille dann wieder den ein oder anderen Kontakt. Er wollte gerne mit mir beruflich zusammenarbeiten und versuchte auf unterschiedlichen Kanälen, das zu erreichen. Durch meine vorher getroffene Entscheidung war ich innerlich jedoch ganz klar und lehnte freundlich, aber bestimmt ab.

Trauer ist da, aber nicht dominant

Ich habe sowohl meine Mutter als auch meine erste Frau sehr früh verloren. Beide starben jung an Krebs. Heute bin ich 59 und es gibt sehr viele Gründe für mich, das täglich zu feiern. Ich weiß, dass diese positive Haltung zum Leben nicht allen Menschen beschieden ist, die früh und oft mit der emotionalen Wucht der Trauer konfrontiert worden sind. Und deshalb bin ich nicht nur dankbar dafür, dass ich lebe, sondern auch dafür, dass ich dieses Leben genießen kann. Die Angst, wieder einen geliebten Menschen leiden sehen zu müssen und wieder einer so immensen Trauer ausgesetzt zu sein, ist durchaus präsent in meinem Leben. Sie ist die begleitende Bassnote. Diese Sorge dominiert mich aber nicht. Ich lebe im Hier und Heute und atme und freue mich, dass es mir gut geht und ich kreativ sein kann. Ich bin glücklich darüber, mit vielen Menschen zu tun zu haben und Tag für Tag viele neue interessante Menschen kennenzulernen. Was mich immer wieder durch die Tiefen der Trauer trägt, sind andere Menschen – Menschen, die keine guten Ratschläge geben, sondern einfach nur für mich da sind. Die mir zuhören, an deren Schulter ich weinen kann und die mich in den Arm nehmen. Das Zusammensein mit ihnen bietet mir einen geschützten Raum für Phasen, in denen ich trauere oder in denen ich unter hoher Belastung stehe.

Durch schlimme Phasen der Trauer hindurch trug mich aber auch meine Wut und Aggression. Gerade nach dem Tod meiner ersten Frau haderte ich mit Gott. Ich klagte und schrie ihn an, wollte nichts mehr mit ihm zu tun haben. Irgendwann später merkte ich jedoch: Gott hatte sich davon nicht beeindrucken lassen. Er war immer noch da. Er hatte meine Klagen und Schreie ausgehalten. Gott ist keiner, der auf nette Worte angewiesen wäre, den man schonen muss. Er erträgt einen zornigen Christen. Auch das trägt mich immer wieder durch Phasen des Leidens.

Feiern gehört zum Abschied dazu

Es klingt paradox, ist für mich aber eine der wichtigsten Erfahrungen: Zur Kunst des Abschiednehmens gehört auch die Kunst des Feierns. Heute habe ich oft das Gefühl, dass Feste für viele Menschen keine Bedeutung mehr haben, dass sie sie nicht bewusst begehen. Meine zweite Frau Ilona und ich kommen aus Süddeutschland – dort wird gerne groß gefeiert. Feste sind dort im Leben der Menschen stark verankert und man lässt sie sich auch etwas kosten. Unsere Hochzeit feierten wir auf einem Schiff – dieses Schiff war für uns ein Symbol dafür, dass wir von nun an gemeinsam unterwegs sein würden, aber auch ankommen wollten (zum Beispiel in der Kirche, in der wir getraut wurden). Viele Freunde waren mit dabei und natürlich unsere Familien. Mir als Witwer war es besonders wichtig, für unseren Neuanfang einen ungewöhnlichen Rahmen zu finden, einen neuen Akzent zu setzen und nicht einfach irgendwo in einem Restaurant zu feiern.

Auch meine Geburtstage feiere ich ganz bewusst. Ich lade jedes Jahr Freunde dazu ein – und zwar jedes Jahr andere. Besonders reizvoll finde ich es, Menschen bei mir zu Gast zu haben, die sich nicht kennen. Dabei ist mir immer auch bewusst, dass es gut sein kann, dass wir uns zum letzten Mal sehen. In einem Jahr lud ich Freunde aus der Fernsehbranche ein: einen Regisseur, einen Kameramann, einen Produktionsleiter und zwei Redakteure. Jeder Gast hatte die Aufgabe, seine Lieblingsszene aus seinem Lieblingsfilm mitzubringen, sie zu zeigen und anschließend zu erklären, was ihm an diesem Film und dieser Szene so gut gefällt. Wir hatten einen dramatischen Spannungsbogen an jenem Abend: Von der Untergangsszene aus dem Film „Titanic“ bis zu einer Szene aus der Comedy „Calendar Girls“ war alles dabei. Ich kann Ihnen versichern: Es war einer der schönsten Geburtstage, die ich je erlebt habe. Denn wir lernten uns alle von einer ganz anderen und ungewohnten Seite kennen.

Mit den Mitarbeitern unserer Akademie feiern wir ebenfalls regelmäßig ein Fest, meist zu Beginn eines neuen Jahres. Wir laden dann alle zu einem guten Essen ein, schauen zurück auf das, was gut gelaufen ist im vergangenen Jahr, und sprechen über das, was im neuen Jahr wohl alles auf uns zukommt und uns herausfordern wird. Diese Feste sorgen dafür, dass wir uns nicht nur als Kollegen und Kolleginnen wahrnehmen, sondern uns auch als Menschen nicht aus dem Blick verlieren. Auf diesen Festen spüren wir, dass wir miteinander verbunden sind und uns aufeinander verlassen können. Sie tragen uns durch das Jahr, doch diese Feste markieren immer auch ein Abschiednehmen: vom alten Jahr, auch von dem, was nicht gelungen ist. Erst im gelungenen Abschied entsteht die Kraft für einen mutigen Neuanfang.

Ein Neuanfang kann gelingen

Zum Abschluss noch zwei Beispiele aus dem beruflichen Kontext: Vor Jahren hat mich der Bericht eines Mitarbeiters berührt. Er beschrieb, wie ihm sein Chef nach der Kündigung einen ausführlichen Brief geschrieben und sich die Zeit genommen hat, ihm persönlich für die Jahre der Zusammenarbeit zu danken. Dies war für ihn so bemerkenswert, weil dies in den meisten Firmen unüblich ist und schlichtweg vergessen wird. Am Anfang investiert das Unternehmen sehr viele Ressourcen, um den Mitarbeiter zu gewinnen, am Ende läuft der Abschied dann häufig sehr geringschätzig ab. Im Gespräch mit Handwerkern und kleinen Unternehmern ermutige ich die Chefs, für ein „gesegnetes Ende“ zu sorgen, selbst dann, wenn man sehr unglücklich über die Verabschiedung des Mitarbeiters ist. Mitunter erleichtert dies auch den Neubeginn.

Vor wenigen Tagen erzählte mir die Chefin eines großen Unternehmens, wie traurig sie war, einen ihrer LKW-Fahrer zu verlieren. Zumal sie mit ihm sehr zufrieden war. Doch eine andere Firma bot ihm mehr Gehalt, und weg war er. Sie zögerte einen kurzen Moment, dann strahlte sie mich an: Bei der neuen Stelle hat es ihm nicht gefallen, er hat sich an die guten Zeiten im vorherigen Betrieb erinnert und gefragt, ob er zurückkommen kann. Na klar, sagte sie. Der Neuanfang gelang.

Rainer Wälde hat das Abschiednehmen früh erlebt: Mit 11 Jahren starb seine Mutter an Krebs, mit 37 Jahren seine erste Frau. Heute leitet er mit seiner zweiten Frau Ilona die Gutshof Akademie bei Kassel. Sein Herz schlägt für Sinnstifter, die ihre Lebenserfahrung der nächsten Generation weitergeben. rainerwaelde.de

Symbolbild: Getty Images / E+ / FatCamera

Beruflich gescheitert: Nach einem Jahr merkt Axel, dass er Hilfe braucht

Ein Jahr versucht Axel, sich gegen seine neue Chefin zu behaupten. Dann merkt er: Auch Männer dürfen scheitern.

„Ich bin doch kein Typ für die Couch – das ist was für die anderen, aber nicht für mich!“, dachte ich. Bis ich mich im Sommer 2017 im Büro einer Psychotherapeutin wiederfand und froh war, endlich mal alles rauslassen zu können bei einer Person, bei der ich nicht die Sorge haben musste, dass mein Dilemma sie noch zusätzlich belasten würde.

Ein Jahr zuvor hatte ich eine neue Vorgesetzte bekommen. Bis dahin hatte ich sehr viel Wertschätzung erfahren für meine Arbeit, für meine Ideen und mein Engagement. Doch plötzlich war das alles nichts mehr wert – im Grunde von heute auf morgen. Offenbar hatte ich den Test nicht bestanden, den mir meine neue Chefin mit folgender Aussage präsentierte: „Ich bilde mir meine Meinung über Menschen in den ersten fünf Sekunden, und diese Meinung steht dann.“

Tiefschlag folgt auf Tiefschlag

Anfangs wollte ich das nicht glauben und begann zunächst mit dem Versuch, sie von meinem Können zu überzeugen. Ich legte mich ins Zeug, meldete mich freiwillig für die Jobs, die keiner wollte, und versuchte so, ihre Anerkennung zu gewinnen. Immerhin war ich schon zehn Jahre da, sie erst ein paar Monate – ich investierte all meine Kraft und hatte wirklich Hoffnung, dass das gelingen könnte. Doch das Gegenteil war der Fall: Immer mehr Steine wurden mir in den Weg gelegt, bewusst und mit Ansage genau die Dinge entzogen, die meine Arbeit für mich besonders machten. Also begann ich, mich zu wehren und zu kämpfen – nicht nur für mich, sondern auch für das Team, das fast ausnahmslos genauso litt wie ich. Ich versuchte den Weg über die Vorgesetzten meiner Chefin – und wurde als Bauernopfer ans Kreuz genagelt.

Tiefschlag folgte auf Tiefschlag – und trotzdem konnte und wollte ich nicht sehen, dass ich mich der Frage stellen musste, ob meine Zeit an dieser Wirkungsstätte einfach vorbei sein konnte. Das war einfach keine Option, denn es hätte bedeutet, als Verlierer mit eingekniffenem Schwanz das Feld zu räumen – und sowas kratzt enorm an der Männlichkeit. Mit alldem setzten auch die psychosomatischen Beschwerden wie Kopf- und Nackenschmerzen ein – es lastete einfach zu viel auf meinen Schultern. Dies bekam besonders meine Familie zu spüren – ein paar unordentlich abgestellte Teenager-Schuhe brachten mich schon beim Heimkommen direkt aus der Fasson und zum Lospoltern.

Der Anfang kostet Überwindung

Nun sind wir Männer ja häufig so gestrickt, dass wir unsere Probleme mit uns selbst ausmachen und ungern Hilfe annehmen; aber für mich war – auch nach einem sehr wertvollen Gespräch mit meiner wunderbaren Frau – klar: Du brauchst professionelle Hilfe, um damit umzugehen und deinen Weg zu finden. Es kostete mich anfangs Überwindung, den ersten Anruf zu tätigen, doch von Treffen zu Treffen wurde die Sicht für mich klarer und nach fünf Sitzungen konnte ich die entscheidende Frage meiner Therapeutin für mich beantworten: Wie viel Sinn macht es, neunzig Prozent der Kraft in etwas zu investieren, für das es eine bestenfalls zehnprozentige Wahrscheinlichkeit gibt? Also begann ich, über den Zaun zu schauen und nachzusehen, ob die Wiese da drüben nicht vielleicht genauso grün ist.

Anfang 2018 riss ich mir dann bei einem dummen kleinen Unfall meine rechte Oberschenkelsehne, was mir eine dreimonatige Auszeit aus der Gesamtsituation bescherte. Nicht ein einziger Anruf meiner Chefin, keine aufmunternde Mail des gesamten Führungsteams während der ganzen Zeit – das ließ mich erkennen, dass es keine Niederlage sein würde, wenn ich dort weggehe, sondern ein Gewinn für mich und meine neue Arbeitsstelle, wenn ich mich dort mit Freude und all meiner Kraft wieder einbringen darf.

Der Tag meiner Kündigung war eine solche Befreiung für mich! Die letzten Monate im alten Job fühlten sich derart leicht an, dass ich manchmal sogar ein wenig zu zweifeln begann, ob ich mich wirklich richtig entschieden hatte. Doch heute, mehr als drei Jahre später, ist rückblickend alles gut – ich bin glücklich mit meiner Arbeit (auch wenn es oft stressig und manchmal sogar chaotisch ist), und vor allem: Ich genieße die Wertschätzung, die mir so lange gefehlt hat und die mir nun in hohem Maß entgegengebracht wird.

Axel Hudak (48) lebt mit seiner Frau und drei Kindern in Karlsruhe. Neben seinem Hauptberuf als Pflegepädagoge arbeitet er als Erlebnispädagoge und ermutigt bei dieser Arbeit Frauen und Männer jeden Alters darin, sich ihren Aufgaben und Fragestellungen auf aktive und souveräne Weise zu stellen und Lösungswege zu erleben und zu finden. faszinationerleben.de

Symbolbild: Pixabay / Michal Jarmoluk

0,7 Sekunden-Entscheidung

Mehr als 400 Spiele leitete Schiedsrichter Lutz Wagner im Profifußball. Heute ist er Lehrwart beim DFB und bildet die Spitzenschiedsrichter weiter. Per Telefon trafen wir uns zum Wortpass-Spiel.

Herr Wagner, geht es im Fußball gerecht zu?
Nein! (lacht) In allen Sportarten, die man nicht messen kann, kann es nicht 100 % gerecht zugehen, weil Bewertungen eines Schiedsrichters immer auch etwas Subjektives haben. Wenn der eine fünf und der andere sechs Meter springt, steht der Gewinner fest. Wenn der Schiedsrichter im Fußballspiel eine Aktion bewerten muss, kommt auch seine eigene Meinung, sein Empfinden hinzu.

Sie sagen, es gibt keine absolute Gerechtigkeit?
Richtig! Auch nicht durch den Videoschiedsrichter. Lediglich bei der Torerzielung funktioniert dies: drin oder nicht drin. Das ist heute technisch feststellbar.

Wer es allen recht machen will, legt eine Bauchlandung hin

Es sei denn, man schießt den Ball wie der Leverkusener Stürmer Stefan Kießling durch ein Loch im Netz von der Seite ins Tor …
Auch dies würde die Torlinientechnik heute melden.

Kann man es im Fußball und auch im Leben jedem recht machen?
Wenn man dies probiert, wagt man die Quadratur des Kreises. Da ist das Scheitern vorprogrammiert. Es gibt einen Unterschied zwischen „recht“ und „richtig“. Ich probiere immer, es richtig zu machen und damit hoffe ich, dass ich es vielen recht mache, aber wenn ich dran gehe, es jedem recht zu machen, lege ich eine Bauchlandung hin.

Wie viel Zeit haben die Schiedsrichter in der Bundesliga im Schnitt für eine Entscheidung?
0,7 Sekunden!

Das ist nicht viel. Kann dabei eine faire Entscheidung rauskommen?
Manchmal ist die Kürze der Zeit ein Vorteil. Wenn ich einen Spieler verwarnen muss, aber einen langen Weg zu ihm habe, kommen mir auf dem Weg alle möglichen Gedanken: Ob ich ihn sympathisch finde, was wir schon für Begegnungen hatten. Dadurch wird die Entscheidung nicht besser oder leichter, sondern plötzlich wird sie von ganz subjektiven Eindrücken geprägt, die nichts mehr mit der Tat zu tun haben. Deswegen sage ich: Je kürzer der Weg zum Delinquenten, desto besser die Entscheidung.

Persönliches hat auf dem Spielfeld keinen Platz

Hatten Sie eine Lieblingsmannschaft? Gab es ein Team, wo Sie mit Vorfreude hinfuhren, weil die netter waren?
(lacht) Diese Frage kann ich mit gutem Gewissen mit Nein beantworten. Es gibt keine Mannschaft, bei der nur die Netten spielen und keine, bei der nur die Unsympathischen spielen. Es ist immer ein Mix. Deshalb verliert ein Schiedsrichter schnell das Gefühl „Diese Mannschaft mag ich und die nicht“, sondern er wird einige Spieler haben, über die er sagt: „Der ist in Ordnung und den sehe ich nicht so gern.“ Das ist auch völlig menschlich, davon kann sich keiner freisprechen. Aber ein Schiedsrichter muss das während des Spiels ausblenden.

Hat das Schiedsrichtersein Ihnen den Glauben an Gerechtigkeit nähergebracht oder Sie sogar weiter davon entfernt?
Eher nähergebracht. Im Endeffekt passiert auf dem Fußballplatz nichts anderes als im normalen Leben, nur unter erschwerten Bedingungen, hier müssen Entscheidungen in einer relativ kurzen Zeit unter dem Druck der Öffentlichkeit getroffen werden. Wenn man es aber da gut hinbekommt, kann man vieles mit rübernehmen in den normalen Alltag.

Hat das Schiedsrichtersein den Menschen Lutz Wagner und seinen Charakter auch in irgendeiner Weise geprägt?
Mein Umfeld, meine Eltern und Personen, die mir nahestehen, haben mich wohl am meisten geprägt, aber natürlich habe ich auch im Fußball Dinge gelernt, positive wie negative, die ich gut in andere Lebensbereiche mitnehmen konnte, gerade in jungen Jahren. In der Ausübung dieser Tätigkeit habe ich Teamfähigkeit gelernt, geübt, mich mit Konflikten auseinanderzusetzen, das Ab- und Zugeben einstudiert, mir Demut, aber auch Durchsetzungsvermögen angeeignet. Das sind Eigenschaften, die man im Leben gut gebrauchen kann.

Heute heißt es „Drecksschiri“

Ist der Schiedsrichter heute im Vergleich zu früheren Jahren mehr gefährdet? Hat sich da aus Ihrer Sicht etwas verschoben?
Ja, ich denke schon, dass die Wertschätzung gegenüber dem Schiedsrichter nicht mehr so vorhanden ist, wie sie das noch vor einigen Jahren war. Hier stehen wir vor einem gesellschaftlichen Problem, das Polizisten, Sanitäter, Feuerwehrleute und andere täglich zu spüren bekommen. Es mangelt hier an Akzeptanz und Achtung. Früher waren es der „Herr Polizist“, der „Herr Schiedsrichter“. Heute sind es leider der „Bulle“ oder der „Drecksschiri“.

Was kann man tun, damit das Klima wieder freundlicher wird?
Bei Vorträgen im Bereich der Wirtschaft wage ich mit den Teilnehmern den Rollentausch. Dort, wo die Meckerer in die Rolle der Entscheider wechseln, merken sie in der Regel schnell, wie schräg und falsch sie mit ihrer Sichtweise liegen. Allgemein würde ich sagen: Jeder sollte nur vor der eigenen Haustür kehren. Einfach immer mal wieder für einen Moment innehalten und sich sagen: Mensch, ich mag doch den Fußball und will ja auch, dass es für uns alle die schönste Nebensache der Welt bleibt. Was kann ich in meinem Bereich dafür tun? Ich kann den anderen nicht ändern, sondern jeder kann das nur für sich selbst. Hier kommt auch wieder der Gerechtigkeitssinn ins Spiel, denn es ist auch eine Frage des Willens, einfach mal ein klares Foul-Spiel der eigenen Mannschaft, einen gemachten Fehler in der Firma zuzugeben.

Ist der Ehrliche im Fußball, im Job, im Leben nicht immer der Dumme?
Da ist leider etwas dran. Wenn einer im Fußball einen Strafstoß durch eine Schwalbe herausholt, dann gilt der nicht als Betrüger, sondern als clever. Wir müssen nicht nur im Fußball dahin zurückkommen, dass Ehrlichkeit ganz weit oben steht und nicht als Dummheit bezeichnet wird.

Auch Schiedsrichter machen Fehler

Wie ging der Schiedsrichter Lutz Wagner mit Fehlentscheidungen um? Gab es die überhaupt? Wie werden Sie die Last los?
An Fehlentscheidungen habe ich schon ziemlich rumgeknabbert. Gerade wenn ich einen zu Unrecht rausgestellt hatte oder durch meinen Fehler eine Mannschaft verloren hat. Ich wusste aber auch: Ich kann es nicht ändern, sondern beim nächsten Mal nur versuchen, es besser zu machen. Wesentlich finde ich: Wenn ich gefragt werde, rede ich nicht um den Fehler herum, sondern stehe dazu. Ehrlichkeit hat etwas Befreiendes. Zudem hört der andere auch auf, zu meckern, wenn er merkt: Mensch, der ist auch ein fehlerhafter Mensch.

Wenn Schiedsrichter Wagner nach einer Fehlentscheidung heimkam, …
… war er angefressen und ungenießbar.

Ein Pfiff, den Sie lieber gelassen hätten …
Da könnten wir jetzt noch bis heute Nachmittag sprechen. Um zehn Uhr muss ich allerdings nach Köln.

Ein Spiel, an dem Sie lange geknabbert haben …
Immer dann, wenn damit ein persönliches Schicksal verbunden war oder eine Mannschaft auf- oder abgestiegen ist.

Mehr Typen wie Miroslav Klose!

Eine Begegnung mit einem Fußballspieler, die Sie positiv verblüfft hat …
Wie locker und entspannt doch manche Spieler waren. Toni Polster (Anm. d. R.: österreicher Fußballspieler) konnte sich ungeheuer aufregen, aber eben auch unglaublich schnell runterfahren und sehr gelassen mit meiner Entscheidung umgehen. Ein unglaublich positiver Typ war auch Miroslav Klose. Bei dem wusste ich: Wenn der fällt, ist er gefoult worden. Und wenn ich mal zu Unrecht gepfiffen hätte, wäre er gekommen und hätte mir gesagt: Schiri, der Pfiff war falsch. Ich wünsche dem Fußball noch mehr solcher Typen!

Glauben Sie an den Fußballgott?
(lacht herzlich) Auf keinen Fall! Der wird ja oft beschworen, doch mir ist dies zu banal. Fußball ist und bleibt ein Spiel. Alle Beteiligten glauben hoffentlich an einen Gott, aber dass Gott die Zeit hat, sich um jedes Fußballspiel zu kümmern, wage ich anzuzweifeln. Ich glaube, dass es Gerechtigkeit gibt, einen Gott gibt, der für Gerechtigkeit sorgen wird, aber das er sich um jeden Abstoß und Einwurf kümmern wird, glaube ich nicht.

Herzlichen Dank für dieses erfrischende Doppelpass-Spielen am Telefon!

Rüdiger Jope ist MOVO-Chefredakteur. Samstags friert und fiebert er mit der E-Jugend des TuS Esborn.