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Ob Tod, Umzug oder Jobwechsel: Warum Abschiednehmen so wichtig ist

Wenn wir Lebensabschnitte nicht angemessen beenden, kann uns das dauerhaft emotional belasten, sagt der Berater Rainer Wälde. Dabei reicht zum Loslassen oft schon ein Brief.

„Es gibt drei wichtige Regeln beim Filmemachen: Du sollst nicht langweilen, du sollst nicht langweilen, und du sollst nicht langweilen!“ Dieses Zitat stammt von Billy Wilder. Er hat das Drehbuch für etliche Filmklassiker geschrieben und oft auch die Regie geführt: „Emil und die Detektive“, „Eins, Zwei, Drei“ und „Manche mögen’s heiß“. Was mich an seiner Biografie besonders fasziniert: Billy Wilder empfiehlt, die Hälfte der Energie und Aufmerksamkeit in das Ende zu stecken – getreu dem Motto „Ende gut, alles gut“. Auch in der Biografie-Arbeit finde ich dies einen wichtigen Ansatz: Nach Möglichkeit sollten wir in Beziehungen und Projekten versuchen, ein stimmiges Ende zu finden. Doch in der Lebenspraxis fällt genau dieser Abschluss vielen Menschen besonders schwer. Hier spielen unsere Emotionen eine zentrale Rolle: Enttäuschungen führen dazu, dass unsere Seele Achterbahn fährt und wir Mühe haben, aus diesem Auf und Ab der Gefühle an der nächsten Haltestelle wieder gesund auszusteigen.

Die Frau von Heinz Rühmann antwortet – die eigene Nachbarin nicht

Dazu zwei kurze Beispiele aus meinem Leben: Unser Nachbar starb, gerne erinnern wir uns an den letzten gemeinsamen Abend auf der Terrasse. Am nächsten Tag schreibe ich einen ausführlichen Kondolenzbrief und erinnere die Hinterbliebenen an die gemeinsamen Erlebnisse. Ich drücke empathisch unsere Trauer aus. Doch leider bekomme ich keine Reaktion. Keine kurze Karte, kein Wort – Funkstille. Ich kann den Schmerz und die Trauer verstehen, doch ohne Rückmeldung bleibt etwas offen zwischen uns, eine emotionale Verbindung unbeantwortet.

Beispiel Zwei: Kurz vor seinem Tod bin ich einer der letzten Journalisten, der Heinz Rühmann in seinem Haus am Starnberger See interviewen darf. Es ist eine sehr berührende Begegnung. Der bekannte Schauspieler wirkt in unserem Gespräch ausgesprochen introvertiert und bescheiden, ganz anders, als ich ihn von der Leinwand her kenne. Als ich Monate später von seinem Tod erfahre, schreibe ich seiner Witwe einen persönlichen Brief und bedanke mich für die letzte Begegnung. Niemals hätte ich erwartet, dass seine Frau Hertha Droemer antwortet. Bei hunderten von Briefen habe ich dafür vollstes Verständnis. Doch einige Wochen später schreibt sie mir sehr bewegend eine Karte per Hand und dankt für die Anteilnahme.

Eine Freundschaft, die keine ist

Seinen letzten Film „In weiter Ferne, so nah!“ drehte Heinz Rühmann ein Jahr vor seinem Tod. Und dieser Titel passt sehr gut zu den Beziehungen, die durch Umzug oder Trennung abbrechen. Auch sie bleiben emotional in der Luft hängen, bis sie aktiv beendet werden. Doch genau dies ist der kritische Punkt: Aus meiner eigenen Biografie kann ich von zahlreichen Beispielen erzählen, die über Jahre offenblieben. Einer meiner besten Freunde trennte sich von seiner Frau, wechselte die Arbeitsstelle und zog weg. Durch unsere langjährige Freundschaft konnte ich mich in seinen Schmerz einfühlen und auch die Scham spüren, die seine gescheiterte Ehe bei ihm auslöste. Immer wieder suchte ich das Gespräch, besuchte ihn in seinem neuen Zuhause, doch die Scham überwog. Der Austausch war nicht mehr frei, wurde immer mehr zum Smalltalk, sein Herz war blockiert. Er versprach, mich zu besuchen, doch kam nie. Über Jahre hinweg startete ich etliche Versuche. Ich wusste, dass er regelmäßig an unserer Wohnung vorbeifuhr, wenn er seine Eltern besuchte. Doch er hielt nie an.

Unsere tiefe Freundschaft hatte sich in eine Einbahnstraße verwandelt und mein Schmerz blieb. Ich sah mich in einer emotionalen Sackgasse und suchte nach einer Lösung. Ich hatte immer noch diese offene Beziehung wie einen Strang in der Hand. Um neue Beziehungen eingehen zu können, musste ich dieses lose Ende loswerden und zu einem guten Ende bringen. Beim Überlegen kam mir das Symbol eines Gedenksteines in den Sinn: Warum nicht einen schönen Kieselstein auswählen, den ich im Garten ablege und der mich an unsere vergangene Beziehung erinnert? Wie bei einem Grabstein markiert er das Ende unserer Freundschaft. Gleichzeitig bin ich frei, ihm jederzeit wieder offen zu begegnen.

Wo hängen Beziehungen in der Luft?

An dieser Stelle möchte ich Sie ermutigen, die ungeklärten Enden in Ihrer Biografie anzuschauen. Wo hängen bei Ihnen Beziehungen in der Luft und verhindern damit einen Neubeginn? Nehmen Sie sich etwas Zeit und ziehen Sie sich an einen ruhigen Ort zurück. Schreiben Sie einmal die Namen derer auf, wo noch eine „Beziehung offen“ ist. Hören Sie in sich hinein und überlegen Sie, was für Sie ein gutes Abschluss-Ritual sein könnte. Vielleicht brauchen Sie noch ein letztes Gespräch oder einen Brief, in dem Sie Ihre Dankbarkeit für die gemeinsame Zeit ausdrücken. Ich bin mir sicher, dass Sie im Herzen spüren, welche Form angemessen ist.

Es kann aber auch sein, dass Sie ohne eine Erklärung die Beziehung einseitig beenden und für sich ein passendes Abschluss-Ritual finden, ohne den anderen darüber zu informieren. Diese Entscheidung bringt Ihnen auch Klarheit, wie Sie bei einer weiteren Begegnung frei und offen mit diesem Menschen umgehen. Bei meinem langjährigen Freund gab es nach 16 Jahren Funkstille dann wieder den ein oder anderen Kontakt. Er wollte gerne mit mir beruflich zusammenarbeiten und versuchte auf unterschiedlichen Kanälen, das zu erreichen. Durch meine vorher getroffene Entscheidung war ich innerlich jedoch ganz klar und lehnte freundlich, aber bestimmt ab.

Trauer ist da, aber nicht dominant

Ich habe sowohl meine Mutter als auch meine erste Frau sehr früh verloren. Beide starben jung an Krebs. Heute bin ich 59 und es gibt sehr viele Gründe für mich, das täglich zu feiern. Ich weiß, dass diese positive Haltung zum Leben nicht allen Menschen beschieden ist, die früh und oft mit der emotionalen Wucht der Trauer konfrontiert worden sind. Und deshalb bin ich nicht nur dankbar dafür, dass ich lebe, sondern auch dafür, dass ich dieses Leben genießen kann. Die Angst, wieder einen geliebten Menschen leiden sehen zu müssen und wieder einer so immensen Trauer ausgesetzt zu sein, ist durchaus präsent in meinem Leben. Sie ist die begleitende Bassnote. Diese Sorge dominiert mich aber nicht. Ich lebe im Hier und Heute und atme und freue mich, dass es mir gut geht und ich kreativ sein kann. Ich bin glücklich darüber, mit vielen Menschen zu tun zu haben und Tag für Tag viele neue interessante Menschen kennenzulernen. Was mich immer wieder durch die Tiefen der Trauer trägt, sind andere Menschen – Menschen, die keine guten Ratschläge geben, sondern einfach nur für mich da sind. Die mir zuhören, an deren Schulter ich weinen kann und die mich in den Arm nehmen. Das Zusammensein mit ihnen bietet mir einen geschützten Raum für Phasen, in denen ich trauere oder in denen ich unter hoher Belastung stehe.

Durch schlimme Phasen der Trauer hindurch trug mich aber auch meine Wut und Aggression. Gerade nach dem Tod meiner ersten Frau haderte ich mit Gott. Ich klagte und schrie ihn an, wollte nichts mehr mit ihm zu tun haben. Irgendwann später merkte ich jedoch: Gott hatte sich davon nicht beeindrucken lassen. Er war immer noch da. Er hatte meine Klagen und Schreie ausgehalten. Gott ist keiner, der auf nette Worte angewiesen wäre, den man schonen muss. Er erträgt einen zornigen Christen. Auch das trägt mich immer wieder durch Phasen des Leidens.

Feiern gehört zum Abschied dazu

Es klingt paradox, ist für mich aber eine der wichtigsten Erfahrungen: Zur Kunst des Abschiednehmens gehört auch die Kunst des Feierns. Heute habe ich oft das Gefühl, dass Feste für viele Menschen keine Bedeutung mehr haben, dass sie sie nicht bewusst begehen. Meine zweite Frau Ilona und ich kommen aus Süddeutschland – dort wird gerne groß gefeiert. Feste sind dort im Leben der Menschen stark verankert und man lässt sie sich auch etwas kosten. Unsere Hochzeit feierten wir auf einem Schiff – dieses Schiff war für uns ein Symbol dafür, dass wir von nun an gemeinsam unterwegs sein würden, aber auch ankommen wollten (zum Beispiel in der Kirche, in der wir getraut wurden). Viele Freunde waren mit dabei und natürlich unsere Familien. Mir als Witwer war es besonders wichtig, für unseren Neuanfang einen ungewöhnlichen Rahmen zu finden, einen neuen Akzent zu setzen und nicht einfach irgendwo in einem Restaurant zu feiern.

Auch meine Geburtstage feiere ich ganz bewusst. Ich lade jedes Jahr Freunde dazu ein – und zwar jedes Jahr andere. Besonders reizvoll finde ich es, Menschen bei mir zu Gast zu haben, die sich nicht kennen. Dabei ist mir immer auch bewusst, dass es gut sein kann, dass wir uns zum letzten Mal sehen. In einem Jahr lud ich Freunde aus der Fernsehbranche ein: einen Regisseur, einen Kameramann, einen Produktionsleiter und zwei Redakteure. Jeder Gast hatte die Aufgabe, seine Lieblingsszene aus seinem Lieblingsfilm mitzubringen, sie zu zeigen und anschließend zu erklären, was ihm an diesem Film und dieser Szene so gut gefällt. Wir hatten einen dramatischen Spannungsbogen an jenem Abend: Von der Untergangsszene aus dem Film „Titanic“ bis zu einer Szene aus der Comedy „Calendar Girls“ war alles dabei. Ich kann Ihnen versichern: Es war einer der schönsten Geburtstage, die ich je erlebt habe. Denn wir lernten uns alle von einer ganz anderen und ungewohnten Seite kennen.

Mit den Mitarbeitern unserer Akademie feiern wir ebenfalls regelmäßig ein Fest, meist zu Beginn eines neuen Jahres. Wir laden dann alle zu einem guten Essen ein, schauen zurück auf das, was gut gelaufen ist im vergangenen Jahr, und sprechen über das, was im neuen Jahr wohl alles auf uns zukommt und uns herausfordern wird. Diese Feste sorgen dafür, dass wir uns nicht nur als Kollegen und Kolleginnen wahrnehmen, sondern uns auch als Menschen nicht aus dem Blick verlieren. Auf diesen Festen spüren wir, dass wir miteinander verbunden sind und uns aufeinander verlassen können. Sie tragen uns durch das Jahr, doch diese Feste markieren immer auch ein Abschiednehmen: vom alten Jahr, auch von dem, was nicht gelungen ist. Erst im gelungenen Abschied entsteht die Kraft für einen mutigen Neuanfang.

Ein Neuanfang kann gelingen

Zum Abschluss noch zwei Beispiele aus dem beruflichen Kontext: Vor Jahren hat mich der Bericht eines Mitarbeiters berührt. Er beschrieb, wie ihm sein Chef nach der Kündigung einen ausführlichen Brief geschrieben und sich die Zeit genommen hat, ihm persönlich für die Jahre der Zusammenarbeit zu danken. Dies war für ihn so bemerkenswert, weil dies in den meisten Firmen unüblich ist und schlichtweg vergessen wird. Am Anfang investiert das Unternehmen sehr viele Ressourcen, um den Mitarbeiter zu gewinnen, am Ende läuft der Abschied dann häufig sehr geringschätzig ab. Im Gespräch mit Handwerkern und kleinen Unternehmern ermutige ich die Chefs, für ein „gesegnetes Ende“ zu sorgen, selbst dann, wenn man sehr unglücklich über die Verabschiedung des Mitarbeiters ist. Mitunter erleichtert dies auch den Neubeginn.

Vor wenigen Tagen erzählte mir die Chefin eines großen Unternehmens, wie traurig sie war, einen ihrer LKW-Fahrer zu verlieren. Zumal sie mit ihm sehr zufrieden war. Doch eine andere Firma bot ihm mehr Gehalt, und weg war er. Sie zögerte einen kurzen Moment, dann strahlte sie mich an: Bei der neuen Stelle hat es ihm nicht gefallen, er hat sich an die guten Zeiten im vorherigen Betrieb erinnert und gefragt, ob er zurückkommen kann. Na klar, sagte sie. Der Neuanfang gelang.

Rainer Wälde hat das Abschiednehmen früh erlebt: Mit 11 Jahren starb seine Mutter an Krebs, mit 37 Jahren seine erste Frau. Heute leitet er mit seiner zweiten Frau Ilona die Gutshof Akademie bei Kassel. Sein Herz schlägt für Sinnstifter, die ihre Lebenserfahrung der nächsten Generation weitergeben. rainerwaelde.de

Männer, redet!

Was sind die Klippen des Alterns? Sterben Männer anders als Frauen? Warum tut sich das „starke Geschlecht“ so schwer mit dem Vertrauen? Im Gespräch mit dem Altenheimpfarrer und Zukunftsforscher Dr. Markus Müller.

Sie arbeiten in der Begleitung von alten Menschen. Was begeistert Sie an Ihrer Aufgabe? Was ist schwierig?
Ich bin täglich unter Leuten mit einem enormen Erfahrungspotenzial. 80-, 90- und 100-jährige Menschen, die ihre Hoffnungen hatten. Menschen, die enttäuscht wurden. Menschen, die etwas wollten und die auf eine ganz bestimmte Art Dinge verarbeiten. Meine Aufgabe ist ja eigentlich nichts anderes, als ein bisschen danebenzustehen und zu helfen, das ein oder andere einzuordnen. Ich empfinde es als sehr bereichernd, vor allem da, wo es gelingt, jemandem dort zu begegnen, wo er wirklich ist. Es ist eine Generation, die wenig über sich nachgedacht hat, wenig gefragt hat:

Wer sind wir eigentlich? Eine Generation, die sich wenig reflektiert hat?
Ja! Selbstreflexion ist für diese Generation ein Fremdwort. Ich schätze es, den Menschen dabei zu helfen, sich zu fragen: Was empfinde ich eigentlich? Ein schwieriger Bereich ist das Phänomen Verbitterung. Da komme ich mit den Gewohnheiten, die sich über Jahre, manchmal Jahrzehnte aufgebaut haben, auch an Grenzen.

Das klingt spannend. Welche Rolle spielen alte Geschichten, Prägungen und Lebensverletzungen am Ende?
Die Herkunftsfamilie spielt eine wesentliche Rolle.

Im Sterben?
Absolut! Die Geschichte der Herkunftsfamilie ist einer der Hauptfaktoren, die bestimmen, wie ich älter werde und wie ich sterbe.

Sterben Männer anders als Frauen?
Ja! Ein bekannter Altersforscher hat mal gesagt, Frauen sterben sozialer als Männer. Das deckt sich mit meinen Erfahrungen. Wenn Frauen nicht sterben können, dann ist der Grund meistens, dass sie sich Sorgen machen um noch lebende Männer oder Kinder. Bei Männern erlebe ich selten die Sorge um andere Menschen. Bei Männern erlebe ich mehr den Kampf des Lebens. Ich habe jemanden begleiten dürfen, der war Trainer von Olympia-Medaillen-Gewinnern. Der konnte nicht sterben, weil er das durchbeißen und durchhalten wollte. Er hatte verinnerlicht: „Vielleicht schaffe ich es noch, diesen Tod zu bewältigen.“ (lacht) Frauen fragen mich manchmal im Sterben: „Wie geht es Ihnen?“ Diese Frage habe ich von einem Mann noch nie gehört. Ein Mann fragt: „Was kommt jetzt?“ (lacht)

Was können Männer in der Lebensmitte heute schon fürs Ende tun?
Einem 20-Jährigen würde ich die Frage stellen: „Lebst du aus Dankbarkeit oder müssen immer noch die anderen für dich sorgen?“ Mit 30 steht die Frage an: „Will ich allein oder mit Menschen durchs Leben gehen?“ Damit meine ich nicht das Heiraten, sondern die Frage: „Lasse ich mich auf andere ein oder sind andere für mich nur Mittel zum Zweck?“ Mit 40 spielen die Fragen der Gegenwartsoptimierung oder Zukunftsgestaltung eine große Rolle. Da geht es darum, die Begrenzungen des Lebens zu bejahen und trotzdem die Gestaltung der Zukunft in die Hand zu nehmen. Bei 50-Jährigen geht es darum: „Kann ich versöhnt sein oder muss ich immer Recht haben?“ Mit 60 sollten wir uns der Frage stellen: „Welche Rolle spielt Schwäche und Begrenzung? Ist Schwäche nur ein Feind oder ist es auch eine Chance?“

»MÄNNER REDEN ÜBER ALLES, NUR NICHT ÜBER SICH SELBST.«

Nochmal konkret zur Lebensmitte.
Da gibt’s die gefürchtete Midlife-Crisis. Dies ist eine ausgesprochen schwierige Angelegenheit. Wenn Männer diese zweite Pubertät nicht aktiv durchleben und anpacken, bleiben sie Kinder. Die Vierziger sind also eine große Gelegenheit, zum reifen Mann zu werden.

Was prägt die heute 30-Jährigen und was werden sie in 60 Jahren immer noch mit sich rumschleppen?
(lacht) Ich glaube, der 30-jährige Mensch steht vor der Herausforderung: Sind die anderen für mich nur Mittel zum Zweck oder gehe ich wirklich mit anderen durchs Leben, auch mit meiner Begrenzung, auch mit meiner Ergänzungsbedürftigkeit? Wer das mit 30 Jahren nicht schafft, der wird mit 80 genau an der Frage zu arbeiten haben oder dann eben nur noch aus dem Anspruch leben können. Manchmal frage ich Sterbende: Wie war das eigentlich mit 10, mit 20, mit 30 Jahren? Und dann erlebe ich: 90-Jährige kauen noch immer an ihren Kindheits- und Jugendprägungen. Da wir mir dann gesagt: „Ich musste immer um meinen Platz kämpfen“, „Es war immer mühsam mit meinem großen Bruder“ oder „Mein Vater hat auch mit 30 nie akzeptiert, dass ich jetzt diesen Beruf ausübe“. Nach meinem Dafürhalten ist die entscheidende Frage eigentlich die nach der Identität des Mannes. Ein Mann, der mit 30 nicht weiß, wer er ist, wird es auch mit 90 schwer haben, gelassen zu sein und zu sagen: Ich bin, der ich bin. Und deshalb würde ich einem 30-Jährigen die Frage stellen: Wer bist du?

Wie können wir „alt und weise“ werden? Gibt es einen Königsweg?
Weisheit heißt für mich, die großen Linien sehen zu können und die Dinge des Lebens in die großen Linien einzuordnen. Das wäre aus meiner Sicht Weisheit. Ich glaube, wir können nie früh genug miteinander lernen, Grundfragen zu stellen. Bei Männern sehe ich folgende Gefahr: Die hinterfragen alles, nur sich selbst nicht. Sie reden über alles, nur nicht über sich selbst.

„Tod“ und „Sterben“ sind brisante Themen. Wie ist es möglich, mit Männern darüber zu sprechen?
Spannende Frage. Mit 90-Jährigen ist das leicht. Da atmet das Sterben schon etwas von Verheißung. Die 60-Jährigen tun sich da extrem schwer, wobei es schwieriger ist, über das Älterwerden zu reden als über das Sterben und den Tod. Sterben und Tod kommen automatisch, aber Älterwerden, da bin ich längerfristig betroffen. Es gibt ein Buch von Silvia Aeschbach, „Älterwerden für Anfängerinnen: „Willkommen im Klub“, und ein zweites Buch „Älterwerden für Anfänger: Willkommen im Klub zum Zweiten“. Sie sagt, dass es viel einfacher ist, mit Frauen über das Älterwerden zu reden als mit Männern, weil der Körper eine ganz andere Funktion hat. Bei der Frau ist der Körper sozusagen das Kernmerkmal ihres Wesens. Der Mann sagt, der Körper ist meine Ressource – damit ich was tun kann, muss er funktionieren. Der Mann redet erst über den Körper und – so glaube ich – auch über das Älterwerden, wenn es Einbrüche gibt.

Dann doch eher schweigen und abwarten?
Nein! Ich erlebe, dass es einem 60-Jährigen sehr guttut, über das Älterwerden zu reden, aber das braucht ein bestimmtes Mittel. Es gibt eine Außendimension und eine Innendimension. Der Apostel Paulus redet vom äußeren Menschen, der verfällt, und vom inneren Menschen, der von Tag zu Tag erneuert wird. Deshalb frage ich gelegentlich Männer in meinem Alter: „Du, wie geht’s eigentlich deinem inneren Menschen?“ Dann ist natürlich Staunen vorprogrammiert: „Was meinst du mit innerem Menschen?“ Dankbarkeit, Ja sagen zu Begrenzungen, mit seinen Grenzen richtig umgehen. Und dann führe ich mit Männern hochinteressante Gespräche.

Wie ist es um das Vertrauen in Zeiten von „Fake News“ bestellt? Worauf können wir noch vertrauen?
Wir Männer müssen weniger das Sachvertrauen trainieren als das Beziehungsvertrauen. Wir haben ein großes Defizit im Beziehungsvertrauen, also darin, dem Menschen zu vertrauen, der mir real begegnet, Gott zu vertrauen, mir selber zu vertrauen. Durch gelebte Beziehungen komme ich nämlich mit Fake News besser zurecht. Ich sage: Männer, redet über das Leben, redet darüber, was ihr glaubt! Und Männer, die sich darüber austauschen, was sie eigentlich glauben, sind entspannter gegenüber den Nachrichten, wenn wieder irgendetwas komisch daherkommt.

Wie kann ein Mann zu einem gesunden Selbstvertrauen finden?
Gesundes Selbstvertrauen hängt wesentlich vom Zutrauen ab, das ihm durch andere gegeben wird.

Und wenn er das noch nie erlebt hat?
Männer, denen nie etwas zugetraut worden ist, haben ein extrem dürftiges Selbstvertrauen. Sie kaschieren es oft durch Leistung, Ansehen und Erfolg. Ich glaube, die Identitätsfrage ist schon im Neuen Testament wichtig und sehr offensichtlich, als Gott selber zu seinem Sohn sagt: „Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen.“ Das scheint mir das Schlüsselthema zu sein. Ich frage Männer gelegentlich: Was ist dir eigentlich schon zugesprochen worden? Frauen, vor allem ältere, erinnern sich gut an ihren Konfirmationsspruch. Männer interessanterweise seltener. Ich frage dann manchmal: „Wenn ich dir jetzt zuspreche, du bist ein Geliebter, was macht das mit dir?“ Ich spreche es ihm erst dann zu und nicht, wie wir es in der christlichen Szene oft sehr schnell und rituell machen, nach dem Motto: Wir sprechen dir das jetzt zu und dann ist die Sache erledigt. Manchmal befürchte ich, dass daraus nicht sehr viel wächst. Ich glaube, ein Mann braucht diese Reflexion und diesen Zuspruch, und ich glaube, dass das der Weg ist zu einem gesunden und mündigen Selbstvertrauen.

Herzlichen Dank, das war richtig starker Stoff!

Die Fragen stellten MOVO-Redakteur Rüdiger Jope und Ulrich Mang, Theologiestudent aus Halle/Saale.

Dr. Markus Müller studierte Heilpädagogik, Erziehungswissenschaft und Anthropologie. Drei Jahre arbeitete er am Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München. 1986 promovierte er in Behindertenpädagogik an der Philosophischen Fakultät in Fribourg/Schweiz. Von 2001 bis 2012 war er Direktor der Pilgermission St. Chrischona. Er ist verheiratet mit Doris. Die beiden haben vier Kinder. Seit 2012 arbeitet er als Heimpfarrer der Heimstätte Rämismühle bei Winterthur/CH. Sein neustes Buch trägt den Titel: „Lebensplanung für Fortgeschrittene“ (SCM Hänssler).