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Der Koloss von Prora - Hier wohnten die Zwangsarbeiter. (Foto: 3quarks / iStock / Getty Images Plus)

Leben als Staatsfeind: DDR sperrte Pazifisten als Zwangsarbeiter weg

Wer in der DDR den Wehrdienst verweigerte, musste als Zwangsarbeiter leiden. Schikaniert, angebrüllt, niedergemacht: Thomas Weigel erzählt, wie er diese Hölle überlebte.

Thomas, du bist Autor des Buches „Ausgangssperre – Bausoldat im Koloss von Prora“. Erklär mal jüngeren Lesern: Was ist ein Bausoldat? Was verbirgt sich hinter dem Koloss von Prora?

Der Dienst als Bausoldat war in der DDR die einzige Möglichkeit, den Dienst mit der Waffe in der Armee zu verweigern. Man arbeitete nach einer militärischen Grundausbildung auf Baustellen und in Betrieben. Der Koloss von Prora ist ein riesiges, 4,5 Kilometer langes Gebilde auf der Ostseeinsel Rügen. Es war gedacht als ein Urlaubsareal für 20.000 Menschen in der NS-Zeit. Der Koloss wird jetzt saniert, in Ferien- und Eigentumswohnungen umgewandelt. Zu DDR-Zeiten wurde der Komplex militärisch genutzt.

Du hast den Armeedienst mit der Waffe verweigert und kamst dafür von November 1986 bis April 1988 auf die wunderschöne Ostseeinsel Rügen. Wie viel Urlaub atmete diese Zeit?

Prora war berüchtigt. Bausoldaten, die von dort zurückkamen, haben den Spruch geprägt: „Drei Worte genügen: Nie wieder Rügen!“ Die Kaserne lag nur 100 Meter vom malerischen Strand entfernt. Allerdings war der Strand Grenzgebiet. Den durfte man nicht betreten. Klar gab es Möglichkeiten, die Insel im Sommer hier und dort zu erkunden, aber der hohe psychische Druck ließ kaum Erholung zu.

4:00 Uhr war Arbeitsbeginn

Wie sah der Alltag im Koloss von Prora aus?

Sehr schematisch, sehr gleichförmig, sehr eintönig. Im Sommer wurden wir um 4:00 Uhr geweckt. Um 6:00 Uhr marschierte der ganze Trupp zum LKW und wir wurden zur Baustelle gefahren. Gegen 18:30 Uhr waren wir wieder in der Kaserne. Abendessen. Mit Leuten reden. Um 21:00 Uhr hieß es Bettruhe. Das ging bei manchen von Montag bis Sonntag, bei anderen auch mal zwei Wochen durch. Sehr überschaubar von den Abläufen.

Gearbeitet hast du tagsüber auf der Baustelle Mukran. Was verbarg sich dahinter?

Mukran war damals die größte Baustelle der DDR. Der Hafen nach Klaipeda (damals Sowjetunion, heute Litauen) wurde als Fracht-, aber auch versteckter Militärhafen gebaut. Damit wollte man den Weg über das politisch unsicher gewordene Polen umschiffen.

DDR trennte Väter von ihren Kindern

Das Verhältnis zu den Vorgesetzten muss man sich wie vorstellen?

Ich und viele andere wurden als 26-jährige, bereits berufstätige Familienväter mit zwei, drei Kindern fern der Heimat eingezogen. Die Offiziere, denen wir dann Gehorsam leisten mussten, kamen z.T. aus einfachen Verhältnissen, waren 18, 19 oder 20 Jahre alt. Den Befehlen dieser „Grünschnäbel“ hatten wir Folge zu leisten. Befehlsverweigerung zog strenge Strafen nach sich.

Deinen eindrücklichen Schilderungen spürt man ab: Junge Menschen bekamen dort nichts geschenkt. Im Gegenteil: Sie wurden schikaniert, angebrüllt, niedergemacht, verletzt. Schildere mal eine typische Situation.

Täglich galt es, auf dem 120 Meter langen Gang anzutreten. Beim Raustreten wurde man vor allen beschimpft und angebrüllt. Wenn man in den Ausgang gehen wollte, wurde die Rasur aufs Peinlichste überprüft, und ob die Schuhe geputzt waren. Doch selbst, wenn alles perfekt war, suchten und fanden die Offiziere etwas zu bemängeln. Zudem gaben uns die Vorgesetzten permanent zu verstehen, dass wir Christen zu den Staatsfeinden gehörten.

Offiziere bestraften Einzelne hart

Die Hauptfigur deines Romans, Bernd, kommt selbstbewusst nach Rügen, wird dann aber durch Vorgesetzte gebrochen. Passierte dies tatsächlich?

Es wurden immer wieder Einzelne herausgezogen, die man dann hart bestraft hat. Dies diente als wirkungsvolles Exempel für uns alle.

Unter Bausoldaten gab es verhältnismäßig viele Christen. Schaffte das einen besonderen Zusammenhalt?

Die Gemeinschaft der Christen aus ganz unterschiedlichen Glaubensrichtungen war schon etwas Besonderes. Uns einte der gemeinsame Feind, der christliche Glaube, die Idee von einem Frieden ohne Waffen.

Nur einmal die Woche raus aus der Kaserne

Wurden Gottesdienste und Bibelrunden von den Vorgesetzten gefördert?

(lacht) Sie wurden verhindert. Es wurde ganz klar gesagt: Hier ist hoheitliches Staatsgebiet. Religion hat hier nichts zu suchen. Viele unserer Vorgänger haben für den Ausgang gekämpft. So durften wir einmal (!) die Woche abends und manchmal sonntags raus. Dies nutzten viele, um einen Gottesdienst oder Hauskreis zu besuchen. In der Kaserne waren Glaubenstreffen tabu, trotzdem haben wir uns heimlich zu Gottesdiensten und Bibelstunden verabredet.

Eine Schlüsselszene des Buches ist die, als Bernds Frau mit Tochter überraschend anreist, ihn aber nicht zu Gesicht bekommt, weil dieser von seinem Vorgesetzten absichtlich mit einer Ausgangssperre belegt wird, infolgedessen ausrastet und mit Arrest bestraft wird. Hast du Ähnliches erlebt?

Zum Glück nicht, aber ich hatte Leute in meiner Kompanie, die für Lappalien hart bestraft wurden, einer sogar mit Militärgefängnis. Es gab Fälle, in denen Besuch abgewiesen wurde. Hämisch wurde den Bausoldaten gesagt: Ihr Besuch wird Sie leider heute nicht empfangen.

„Ich habe die Tage runtergezählt“

Was waren Momente, die dir Tränen in die Augen trieben? Wo warst du nahe dran, aufzugeben?

(zögernd) Belastend war für mich die geschilderte Gleichförmigkeit, das Weggesperrt-Sein. Ich habe versucht, mit viel Lesen und dem Kennenlernen der Leute dagegenzuhalten. Doch in den letzten Monaten ging mir die Kraft aus. Ich saß nur noch im Fernsehraum und sah DDR 1 und 2. Ich habe die Tage runtergezählt. Das war etwas, was ich von mir gar nicht kannte. Ich war psychisch auf dem Nullpunkt.

Das Bausoldat-Sein war kein Pfadfinderlager. Was hat dir Kraft gegeben, diese schwere Zeit auszuhalten?

Mein Glaube, die Stille, das Gebet. Der Austausch mit anderen Christen wurde mir zur Kraftquelle.

Keine Wiedergutmachung erfahren

15.000 junge Männer entschieden sich zwischen 1964 und 1990 aus Überzeugung für diesen schweren Weg. Damit entschieden sie sich auch gegen ein Studium und die damit verbundene Karriere. Ist den Bausoldaten nach der Wende Gerechtigkeit oder Wiedergutmachung widerfahren?

Es gibt keine Rehabilitation in irgendeiner Weise. Da tun sich bei manchen im Rückblick auf den beruflichen Werdegang sicher auch schmerzliche Lücken auf. Trotz allem, die Zeit hat mich stark und fit gemacht fürs Leben. Das Bausoldaten-Sein hat auch Persönlichkeiten wie den Ministerpräsidenten von Sachsen-Anhalt, Reiner Haseloff, den mitteldeutschen Bischof Friedrich Kramer oder Ex-Minister Wolfgang Tiefensee hervorgebracht.

Ist von daher alles gut?

Sicher nicht! Ich kenne Bausoldaten, die in der Zeit zerbrochen sind, bis heute psychische Probleme haben.

Kann es sein, dass sich hinter der Zustimmung im Osten für die AfD, Pegida & Co. auch ein gewisser Prozentsatz an Frust verbirgt, nach dem Motto: Wir haben unseren Kopf hingehalten, aber den Reibach haben die Mitläufer oder sogar die gemacht, die damals das Sagen hatten?

Wie heißt es so schön: Fett schwimmt oben! Das ist auch meine Erfahrung. Menschen, die im SED-Staat Karriere gemacht haben, haben diese in die Deutsche Einheit hinübergerettet. Ob das der AfD zugutekommt, kann ich nicht beurteilen.

Dankbar für kleine Freiheiten

Hier und dort wurde den fiesen Vorgesetzten ein Schnippchen geschlagen. Welche Aktion lässt dich heute noch schmunzeln?

(lacht) Ich freue mich heute noch darüber, dass es mir heimlich gelang, Kontakte zur evangelischen Jugend und einem Schachverein auf Rügen zu knüpfen. Dadurch war es mir möglich, Zivilklamotten außerhalb der Kaserne zu platzieren. Wenn ich Ausgang hatte, konnte ich in deren Wohnung die Uniform ausziehen, mich anschließend frei und zivil bewegen. Ich bin dankbar, dass diese „kleine Freiheit“ nie entdeckt wurde, ich nicht wie andere in Polizeikontrollen geriet und anschließend bestraft wurde.

Die Bausoldaten sind seit 31 Jahren nur noch ein Wimpernschlag der Geschichte. Warum ist es wichtig, ihre Geschichte 2021 noch zu erzählen?

Zum einen, weil erzählte Geschichte bildet und dankbar werden lässt. Zum anderen, weil diese Geschichten Mut machen, sich nicht mit Gegebenheiten abzufinden, sondern zum Aufstehen bewegen und dazu, für unsere Demokratie und die Glaubensfreiheit einzutreten. Bausoldaten waren sehr engagiert, als es um die Wende ging. Sie waren wichtig dafür, dass die neuen Länder in der Bundesrepublik ankamen

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Thomas Weigel ist Geschäftsführer vom netzwerk-m. Die Organisation verbindet christliche Jugend-, Sozial- und Missionswerke und Kirchen und begleitet jährlich über 800 junge Menschen in Freiwilligendiensten. Er lebt mit seiner Familie bei Kassel. Weigel ist Autor des Buchs „Ausgangssperre – Bausoldaten im Koloss von Prora“ (Concepcion Seidel).

Die Fragen stellte Rüdiger Jope.

Oberfeldwebel Gideon Schmalzhaf (Foto: Bundeswehr / Claas Gärtner)

Es roch nach verbrannten Menschen: Soldat berichtet von Corona-Einsatz in Indien

Oberfeldwebel Gideon Schmalzhaf rettete im indischen Krisengebiet Corona-Patienten vor dem Ersticken. Was er dort erlebte, veränderte ihn für immer.

Herr Schmalzhaf, was ist Ihre Funktion bei der Bundeswehr?
Ich bin Oberfeldwebel im Bereich Informationstechnik. Ich bin dafür zuständig, Netzwerke zu prüfen und eine Schwachstellen-Analyse von Bundeswehrnetzen zu erstellen. Dort bin ich allerdings noch relativ frisch, begonnen habe ich in der IT im Bereich der Sanität. Dadurch bin ich auch in die Corona-Mission der Bundeswehr reingekommen.

Sie waren im Frühjahr auf Corona-Missionen in Indien dabei. Wie kam es dazu?
Die Bundesregierung hatte beschlossen, dass wir kurzfristig eine Corona-Hilfe machen in den Krisengebieten. Für Indien hatte ich zwei Tage Vorbereitung.

Wie haben Sie sich in diesen zwei Tagen auf Indien vorbereitet?
Es standen für mich Fragen im Raum wie: Was muss ich anziehen in diesem sehr, sehr heißen Land? Unsere Uniform lässt nicht viel Spielraum. Dann: Was nehme ich mit, wie lange steht die Chance, dass wir bleiben? Wie packe ich da bei begrenztem Gepäck? Wir konnten dort außerdem nicht unsere standardmäßigen Kommunikationsmittel benutzen, also musste ich ein Satelliten-Telefon organisieren. Dann musste ich herausfinden, wer alles mitgeht, wie viele Computer ich brauche. Was für Netzwerke ich aufstellen muss, wie wir die Kommunikation nach Hause sicherstellen und auch in Indien selbst.

„Ich hatte Angst“

Was war Ihre Aufgabe in Indien?
Wir haben eine Sauerstofferzeugungsanlage aufgebaut, die medizinischen Sauerstoff für Krankenhäuser erzeugt und gleichzeitig auch abfüllbar ist in Flaschen, die man theoretisch den Patienten mitgeben könnte.

Mit welchen Erwartungen oder mit welchem Gefühl sind Sie dann nach Indien geflogen?
Wir haben gehört, dass praktisch überall Menschen verbrannt werden, dass die ganze Stadt im Dunstnebel versinkt von den Scheiterhaufen, die überall aufgebaut sind. Und ich muss ehrlich sagen, ich hatte richtig Respekt und manchmal würde ich sogar sagen: Ich hatte Angst, dass es so krass wird – man wird stark mit dem Tod konfrontiert.

War es dann auch so wie angekündigt?
Wir waren in einem Hotel innerhalb der Botschaftsviertel untergebracht und da war es eher aufgeräumt. Aber sobald man den Bereich verlassen hat, hat man das schon gerochen. Es waren nicht überall Scheiterhaufen, so wie man es sich vorgestellt hat, sondern abgesperrte Bereiche, in denen ganz groß mit Schildern angekündigt wurde: Hier ist ein Krematorium. Da sind ständig Fahrzeuge reingefahren, es war eine richtige Massenabfertigung an Verbrennung von Menschen. Das war schon sehr seltsam.

Sauerstoff war wertvoller als Gold

Wo war dann Ihr Arbeitsbereich?
Wir hatten einen Platz an der inneren Grenze von Neu-Delhi. Dort hatte das indische Militär schon ein provisorisches Krankenhaus gebaut, wo Menschen hinkommen konnten, die kein Geld für ein normales Krankenhaus haben. Zu der Zeit konnten dort 1.000 Menschen gleichzeitig behandelt werden. Wir haben dann neben diesem Krankenhaus die Anlage aufgebaut und zusätzlichen Sauerstoff erzeugt, der dann zu weiteren Stellen transportiert wurde.

Haben sich die Einsätze angefühlt wie der sprichwörtliche Tropfen auf den heißen Stein?
Auf dem Papier betrachtet war es nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Wir haben eine große Anlage aufgebaut, aber im Vergleich dazu, wie viele Menschen dort leben, ist das nur was Kleines. Die Kapazität konnte, während wir dort waren, auf 2.500 Patienten erhöht werden, aber vor den Toren standen immer noch riesige Schlangen und der Abtransport der Toten war ein stetiger Fluss. Viele von unseren Soldaten hatten teils das Gefühl, dass wir nichts bewirken, aber für mich war es wichtig zu sehen: Wir retten hier Menschenleben, selbst wenn es nur ein einziges ist. Jede Sache, die wir tun, ist unbezahlbar. Ich will auch als Christ sagen, dass jedes Menschenleben wertvoll ist, und dann ist für mich egal, wie viel wir helfen konnten, weil jede Hilfe großartig war.

Im Hotel kam mal jemand auf uns zu, der vor Freude über unsere Hilfe geweint hat und sich bedankt hat, dass wir sie retten. Die Inder haben ja selbst medizinische Versorgung, aber brauchten eben den Sauerstoff, der teilweise wertvoller war als Gold. Für sie hängt sowieso viel an der Gesundheit, weil es dort viele Tagelöhner gibt. Und wer krank ist, kann nicht arbeiten, was bedeutet, dass die Familie zu Hause kein Geld mehr hat und eventuell Hunger leiden muss.

Corona bedeutet für arme Menschen den sicheren Tod

Haben Sie generell von den Menschen dort noch etwas gehört, wie sie die Pandemie bisher erlebt haben, was ihre Lebensrealität in der Zeit war?
In Indien gab es nicht die gleichen Maßnahmen und Einschränkungen, die wir in Deutschland hatten, weil es teilweise auch nicht umgesetzt werden konnte. Für die gehobenen Schichten, die Geld haben, ging die Zeit ähnlich vorüber wie für uns in Deutschland. Aber für die ärmeren Schichten, die darauf angewiesen sind, jeden Tag Arbeit zu haben, und die sich keine Masken leisten konnten, hat eine Ansteckung mit Corona eigentlich den sicheren Tod bedeutet. Da herrschte eine sehr große Angst der Menschen, sich zu infizieren, weil sie gleichzeitig nicht wussten, wie sie sich schützen sollen. Wir haben ihnen am Anfang gezeigt, wie sie sich mit den Mitteln, die sie haben, relativ einfach schützen können.

Hat Ihr Glaube Ihnen geholfen, annehmen zu können, dass der Tod ein unkontrollierbarer Teil der Einsätze ist?
Ja, schon. Zu Hause bin ich jemand, der dem Thema Tod gerne aus dem Weg geht, weil es eben sehr belastend ist. Ich habe mir dann dort die Frage gestellt: Was ist wichtiger: Trauere ich um die vielen Toten oder tue ich das, was ich am besten kann, und helfe und sorge mit dafür, dass jeder, der eben nicht sterben muss, nicht sterben muss? Das war immer omnipräsent: Wenn wir nichts tun, sterben mehr Menschen.

„Wir leben im reinen Luxus!“

Wie blicken Sie nach der Zeit in Indien auf das deutsche Pandemie-Management? 
Ich verstehe jeden, der sagt, ich habe keinen Bock mehr auf eine Maske. Aber manchmal muss ich mich innerlich echt zusammenreißen, dass ich nicht irgendwas Schlimmes sage, weil ich denke: Leute, uns geht es so gut, wir leben im reinen Luxus! Nur weil wir einmal abends nicht essen gehen können oder, als wir die Ausgangssperre hatten, um 21:00 Uhr zu Hause sein sollten … Das ist nichts dagegen, dass viele andere Menschen sterben! Bei uns war es nicht wie in Indien, wo wir vorm Krankenhaus Schlange stehen mussten und gehofft haben, dass der vor uns stirbt, damit wir einen Platz bekommen, sondern wir haben im Luxus gelebt. Ich glaube, wenn jeder Deutsche einmal auf eine Corona-Intensivstation bei uns ginge, dann wäre der eine oder andere geheilt von seinem Luxusproblem.

Viele Deutsche wissen nicht zu schätzen, was wir haben, weder den Luxus mit unserem Gesundheitssystem, dass jeder zum Arzt gehen kann und sich keinerlei Sorgen um Bezahlung machen muss, noch das Sozialsystem, dass wir einfach mal über ein Jahr die Wirtschaft stilllegen und deswegen keiner von uns Hunger leiden oder auf der Straße leben muss. Welches Land kann das tun? Und dafür sind wir, glaube ich, viel zu wenig dankbar.

Haben die dortigen Erlebnisse etwas mit Ihrem Verständnis vom Mannsein gemacht?
Die Begegnung mit einem Mann hat mich da ins Nachdenken gebracht. Er hat mir erzählt, dass er jeden Tag Angst davor hat, krank zu sein, weil er seine Familie dann nicht mehr versorgen kann. Und dass quasi alle Männer, sobald sie arbeiten können – Jungen ab 16 –, in die große Stadt gehen und dort arbeiten. Ihre ganze Familie ist davon abhängig, dass sie dort Arbeit haben. Und dann habe ich an unsere typisch biblischen Rollenbilder gedacht, wo der Mann für die Versorgung der Familie zuständig ist. Und natürlich leben wir in einer Zeit, in der es nicht notwendig ist, dass unbedingt die Männer arbeiten gehen oder wo beide einen Job haben. Aber wir Männer lehnen uns auch gerne zufrieden zurück und sagen: Ich hab meine Frau, ich hab meine Arbeit, mein Haus – ich setz mich aufs Sofa, guck abends meinen Fußball mit einem Bier in der Hand und meine, ich bin der ultimative Mann.

Ich habe dort gelernt, dass eigentlich so viel mehr dazugehört. Eben, nicht nur mit dem zufrieden zu sein, sondern dass dann eigentlich erst die Aufgabe anfängt, weil da Menschen sind, die auf meine Arbeit, meine Hilfe und mein Dasein zählen. Und dann darf ich auch nicht feige sein und, weil mir etwas nicht passt oder nicht so ist, wie ich das gerne hätte, aufhören, meine Rolle einzunehmen. Das hat mir dahingehend Ehrfurcht gegeben, dass ich dachte: Krass, ich bin noch so weit weg von dem Bild, was ich denke, was ein „echter Mann“ ist, und ich weiß nicht, ob ich dem jemals gerecht werden kann.

Gideon Schmalzhaf ist Oberfeldwebel bei der Bundeswehr und in Ulm stationiert.

Die Fragen stellte Liesa Dieckhoff.

Ingmar Krimmer, Foto: Rüdiger Jope

Besuch beim Bäcker: So choreografiert entstehen preisgekrönte Biobrötchen

Die Backstube von Ingmar Krimmer ist mehrfach ausgezeichnet. Doch damit Qualität entsteht, braucht es vom Team viel Disziplin und Zeit.

Es ist 3:02 Uhr. Noch ist es stockdunkel in Untermünkheim. Fast. Aus einer offenen Stahltür tritt Licht. Bäckermeister Ingmar Krimmer lädt mich ein in seine Welt, die sich der Genussfreude verschrieben hat. Der Pausenraum ist übervoll, eng, chaotisch. „Den Pulli kannst du auslassen, bei uns ist es warm“, lacht der Meister und reicht mir ein Haarnetz. Eine Kreidetafel verkündet: Nachtschicht! Na dann mal los!

Heiß und eng

Über einen verwinkelten Gang geht es in die Backstube. Es ist heiß. Bleche scheppern. Ein Rührgerät summt. „Vorsicht!“ Ich suche mir eine Nische – gefühlte 100-mal in den sechs Stunden. Ein Wagen mit Blechen rumpelt an mir vorbei. Es ist eng, sehr eng. Ein Azubi bemehlt die Arbeitsfläche, packt einen großen Berg Teig drauf und beginnt, diesen zu portionieren. Die Klingel schrillt. Eine der zehn Ofentüren wird aufgeklappt. 229 Grad zeigt das Thermometer. „20 Quadratmeter Backfläche. Das Gas heizt das Wasser. Dieses läuft sozusagen drumherum und sorgt für ein optimales Backklima“, erklärt mir Ingmar nahe am Ohr. Mit großen Schiebern angelt der Geselle nach den knusprigen Vollkornbroten. Sie werden mit feinem Wasserdampf besprüht, „damit der Glanz bleibt“. Der Meister packt sie auf lange Holzbretter. Ich lese die digitale Anzeige: „Laugenbrötchen Rest 8 min“, „Brezeln Rest 7 min“, „Baguettes Soll 24 min“ … „Vorsicht!“ Bin schon weg! Der Geselle fegt mit einem langstieligen Besen den Ofen aus.

Aus dem Pfarrerskind wird ein Bäcker

Zusammen mit zwei Kollegen knetet und formt der 33-jährige Krimmer beidhändig (!) Kartoffelbrote, platziert diese dann in Gärkörben. „Wie wird man Bäcker?“, frage ich. Lachen. „Ich stamme aus einer Pfarrersfamilie. Wir waren zehn Geschwister. Da musste man sich seine Nische suchen, um nicht unterzugehen.“ Mit 15 ½ Jahren ist Ingmar zu jung für den eigentlich anvisierten sozialen Beruf. Er lernt erst mal was Solides, „ebbes rechts“. Dabei stellt er fest: Mit Backen macht man Menschen glücklich! Er setzt seinen Meister drauf, „bäckt sich“ seine Traumfrau, lächelnd: „Hat sich so ergebe.“ Er heiratet Tanja, seine erste Auszubildende. Es folgen gemeinsame Lern- und Wanderjahre …

„Vorsicht!“ Ich verschwinde hinter einem Stapel mannshoher leerer Eimer. Eine Mitarbeiterin walzt Teigplatten für Croissants. Es klingelt. Der Ofenmann braucht Unterstützung. Frische Baguettebrötchen fallen rasselnd in Körbe. So muss es im Paradies gerochen und geschmeckt haben! Zwei Frauen sortieren die reifen Leckerbissen in Körbe und Tüten für die Auslieferung. Meister Krimmer formt jetzt filigran die „Seelen“, eine Art langgestrecktes Weißbrotgebäck aus Dinkel.

Ehrliches Handwerk statt Industriebetrieb

2014 hauchte Ingmar zusammen mit Tanja einem alten Bäckerladen eine neue Seele ein. Die Bäckerdynastie hatte nach sechs Generationen keinen Nachfolger mehr vorzuweisen, zum Backstuben-Jünger wird nun der 25-Jährige aus der Pfarrerdynastie. Mit sechs Mitarbeitern starten sie durch, heute wirbeln rund um die Uhr an sechs Tagen die Woche 40 Leute durch Backstube und Laden im Drei-Schicht-System. „Industriebetrieb?“, frage ich. „Nein“, wehrt der Meister mit aufgerissenen Augen ab, „ehrliches Handwerk, mit Sinn für Qualität und Geschmack.“

Die Laugenweckle fliegen förmlich aus den Händen auf lange Schiebebretter mit integriertem Förderband. Diese werden von vier kräftigen Armen schwungvoll an den geöffneten Ofen angesetzt. Behänd wird das umlaufende Stoffband surrend nach hinten geschoben, die Teiglinge landen sanft für 21 Minuten auf dem heißen Stein.

14 Leute arbeiten im Takt

5:18 Uhr. Hochbetrieb. Die Backstube atmet jetzt etwas von einem Ameisenhaufen. 14 Leute wirbeln umher. Ingmar jongliert lange Bretter mit Broten nach vorne in den Laden. Zwei Frauen belegen Brötchen mit Schinken, Käse, Gurken, Tomaten. Ein kalter Luftzug umweht die Beine. Aus der Kühlung werden Wagen mit Kleingebäck die Alurampe hochgewuchtet. Laugenspeckschnecken, Osterhasen, Nusshörnchen werden belegt, bestrichen, bestreut. Eine Helferin schält Äpfel. Zwei Konditorinnen rühren, mischen, mixen. Ich habe mir einen Kaffee erbeutet. „Vorsicht!“ Nur wohin? Vor mir setzt ein Geselle den Teig für das Weizen-Kürbis-Vollkornbrot für den nächsten Tag an. „Wo ist der Teig für das italienische Weißbrot?“ Schlechte Stimmung? Chaos? Mitnichten! Sieht nur für Laien wie mich so aus. Jeder weiß hier, was zu tun ist. Ein sechsseitiger Produktionsplan gibt den Takt vor, zeigt, was nach der Nacht in welcher Stückzahl in der Theke und in den Tüten landen soll. „What’s love got to do with it?“ schmettert Tina Turner aus dem zugestaubten Lautsprecher in das leidenschaftliche Gelingen.

1.800 Laugenbrezeln täglich

6:12 Uhr. Wo ist der Meister? Steht mit zwei Kollegen an einer hölzernen Arbeitsfläche. Zwei weitere Mitarbeiter reichen ihnen aus einer Formmaschine längliche Teigrollen. Zwei strahlende, stolze Augen zeigen mir: Inklusion wird hier gelebt. Die Teigstücke werden links und rechts gerollt. Fix sind die original schwäbischen Laugenbrezeln gezwirbelt und geschnürt. 1.800 Stück landen hier täglich handgefertigt (!) auf dem Blech, flitzen durch die Laugendusche und werden mit Salz bestreut. „Samstags werden es auch mal 2.200, dann aber in der halben Zeit, da wir nur sechs Stunden geöffnet haben“, ruft mir Ingmar zu. „Vorsicht!“ Auf der Flucht vor den vollgepackten Blechen trete ich durchs Fliegengitter in den Hof nach draußen.

Die ersten Kunden stehen in der Morgensonne Schlange. 13 Minuten später orgelt der Backofen im Fertig-Alarm-Modus, spuckt braungebrannte Brezeln aus. Im Gang zwischen Backstube und Laden ist eine Frau dabei, die Laugenbrezeln an einer Art Kasten mit Gabel aufzuspießen. Der Meister sieht mein Fragezeichen. Lächelnd erklärt er mir: „Wir Schwaben mögen doch Butterbrezeln. Dieses Gerät hat uns ein Maschinenbauer ausgetüftelt. Per Knopfdruck landet der Aufstrich durch die dünnen Spitzen mit den Düsen im Gebäck.“ Jetzt grinse ich: Aufschneiden gespart mittels schwäbischem Tüftlergeist.

Was macht ein gutes Brötchen aus?

7:20 Uhr. Zeit für ein Süßstückchen und ein belegtes Baguettebrötchen. Ingmar sitzt mir im Büro gegenüber. „Kannst du Brötchen eigentlich noch sehen?“, frage ich. „Na klar! Das Backen ist für mich ein Abenteuerspielplatz. Die Selbstständigkeit gibt mir unglaublich viel.“ Den Spaß spürt man ihm beim Arbeiten und im Umgang mit seinen Mitarbeitern ab. Wir reden über Qualität. Das ist sein Leib- und Magenthema.

„Was macht ein gutes Brot, ein gutes Brötchen zu einem Qualitätsprodukt?“ Der 33-Jährige kommt ins Plaudern. „Es ist die Summe vieler Kleinigkeiten. Ein Teig braucht vor allem Zeit. Die Ruhezeit ist ein Gut, das sich kein Discounter leistet.“ Ein durchschnittliches Brötchen braucht in Krimmers Backstube drei Tage, um auf dem Frühstücksteller zu landen. Der angemachte Vorteig wird einen Tag später zum Hauptteig verarbeitet. „In den 24 Stunden Fermentierung werden die Giftstoffe abgebaut. Heraus kommt ein gereiftes, bekömmliches Produkt.“ Immer wieder geben Ernährungsberater Menschen mit der „Unverträglichkeits-Diagnose“ den Tipp: „Geh doch mal zu Krimmers!“

Backen braucht Zeit, Zeit, Zeit

8:27 Uhr. Ingmar prüft den Teig für den Nachschub an Vollkornbrötchen. „Nein, der Teig ist noch zu jung.“ Die Maschinen des Vorgängers wurden aussortiert, weil „ich mit der Hand das Grundprodukt, die Reife spüren will“. Seit einigen Jahren ist die Bäckerei als Biobetrieb zertifiziert. Backmischungen haben hier Hausverbot. Der leidenschaftliche Bäcker und sein Team setzen auf Transparenz und Regionalität bei Mehl und Eiern. Preise wie der „Top-Gründerpreis im Handwerk“ oder der „KfW-Gründerpreis“ ermutigen ihn auf dem eingeschlagenen Weg: „Menschen suchen gute Lebensmittel.“ Der Handwerksbetrieb mit seinem Jahresumsatz von 1,8 Millionen platzt aus allen Nähten. Der im Pfarrhaus eingeübte Glauben hilft ihm, mit dem Druck, den vielen Erwartungen und Wünschen klarzukommen, bei der Wahrheit zu bleiben. „Mein christlicher Glaube ist meine Basis. Er hilft mir, alles hier immer wieder ins richtige Verhältnis zu setzen, mich nicht zu wichtig zu nehmen. Wir lehnen immer mal wieder Aufträge, eine Filialisierung ab, weil Wachstum nicht alles ist, obwohl das Unternehmerherz in mir hier und dort auch mal zusammenzuckt.“

„Vorsicht!“ Drei Kuchen fliegen an mir vorüber. Krimmer springt einem Kollegen bei, der Hasen bepinselt. Der Backofen nervt schon wieder. Eine Schüssel wird gespült. Der 33-Jährige nimmt einen Besen in die Hand. „Bäckerei gelingt nur im Team. Jeder hilft hier jedem.“

Ausufernde Bürokratie

9:13 Uhr. Feierabend. Fast. Übergabe an den Tagschichtleiter. Jetzt gibt’s gleich Frühstück mit der Familie. Danach geht’s für zwei Stunden ins Bett, um sich dann den Kindern (0, 4 und 8), dem Häuslebau, dem Laufen und dem Podcast zum Thema „Backen“ zu widmen. Vor den vollgepackten Ladenregalen hake ich nach: Was ist die größte Herausforderung? „Jedenfalls nicht das Backen!“ Wir lachen. „Die ausufernde Bürokratie. Der Familie gerecht zu werden, man selbst zu bleiben, ein gutes Verhältnis zu den Mitarbeitern zu haben. Leute mitzunehmen, ihnen zum Blühen zu verhelfen, delegieren zu lernen, nicht auf regelmäßiges Coaching zu verzichten.“

19:45 Uhr. Es dämmert. Ich räume den Abendbrottisch ab. Der leer gefutterte Brotkorb zaubert mir ein Grinsen ins Gesicht. Ich ahne: Der Volksmund „Pfarrers Kinder, Müllers Vieh geraten selten oder nie“ hat noch nie die Theke von Krimmers Backstube geplündert.

Rüdiger Jope ist Chef-Redakteur des Männermagazins MOVO. Nach dem Geschmackserlebnis bedauern seine Familie und die Nachbarn, dass Krimmers Backstube 415 km entfernt liegt.

Die Backstube ist im Netz unter krimmers-backstub.de zu finden. 

Symbolbild: Getty Images / E+ / Oleh_Slobodeniuk

Ob Tod, Umzug oder Jobwechsel: Warum Abschiednehmen so wichtig ist

Wenn wir Lebensabschnitte nicht angemessen beenden, kann uns das dauerhaft emotional belasten, sagt der Berater Rainer Wälde. Dabei reicht zum Loslassen oft schon ein Brief.

„Es gibt drei wichtige Regeln beim Filmemachen: Du sollst nicht langweilen, du sollst nicht langweilen, und du sollst nicht langweilen!“ Dieses Zitat stammt von Billy Wilder. Er hat das Drehbuch für etliche Filmklassiker geschrieben und oft auch die Regie geführt: „Emil und die Detektive“, „Eins, Zwei, Drei“ und „Manche mögen’s heiß“. Was mich an seiner Biografie besonders fasziniert: Billy Wilder empfiehlt, die Hälfte der Energie und Aufmerksamkeit in das Ende zu stecken – getreu dem Motto „Ende gut, alles gut“. Auch in der Biografie-Arbeit finde ich dies einen wichtigen Ansatz: Nach Möglichkeit sollten wir in Beziehungen und Projekten versuchen, ein stimmiges Ende zu finden. Doch in der Lebenspraxis fällt genau dieser Abschluss vielen Menschen besonders schwer. Hier spielen unsere Emotionen eine zentrale Rolle: Enttäuschungen führen dazu, dass unsere Seele Achterbahn fährt und wir Mühe haben, aus diesem Auf und Ab der Gefühle an der nächsten Haltestelle wieder gesund auszusteigen.

Die Frau von Heinz Rühmann antwortet – die eigene Nachbarin nicht

Dazu zwei kurze Beispiele aus meinem Leben: Unser Nachbar starb, gerne erinnern wir uns an den letzten gemeinsamen Abend auf der Terrasse. Am nächsten Tag schreibe ich einen ausführlichen Kondolenzbrief und erinnere die Hinterbliebenen an die gemeinsamen Erlebnisse. Ich drücke empathisch unsere Trauer aus. Doch leider bekomme ich keine Reaktion. Keine kurze Karte, kein Wort – Funkstille. Ich kann den Schmerz und die Trauer verstehen, doch ohne Rückmeldung bleibt etwas offen zwischen uns, eine emotionale Verbindung unbeantwortet.

Beispiel Zwei: Kurz vor seinem Tod bin ich einer der letzten Journalisten, der Heinz Rühmann in seinem Haus am Starnberger See interviewen darf. Es ist eine sehr berührende Begegnung. Der bekannte Schauspieler wirkt in unserem Gespräch ausgesprochen introvertiert und bescheiden, ganz anders, als ich ihn von der Leinwand her kenne. Als ich Monate später von seinem Tod erfahre, schreibe ich seiner Witwe einen persönlichen Brief und bedanke mich für die letzte Begegnung. Niemals hätte ich erwartet, dass seine Frau Hertha Droemer antwortet. Bei hunderten von Briefen habe ich dafür vollstes Verständnis. Doch einige Wochen später schreibt sie mir sehr bewegend eine Karte per Hand und dankt für die Anteilnahme.

Eine Freundschaft, die keine ist

Seinen letzten Film „In weiter Ferne, so nah!“ drehte Heinz Rühmann ein Jahr vor seinem Tod. Und dieser Titel passt sehr gut zu den Beziehungen, die durch Umzug oder Trennung abbrechen. Auch sie bleiben emotional in der Luft hängen, bis sie aktiv beendet werden. Doch genau dies ist der kritische Punkt: Aus meiner eigenen Biografie kann ich von zahlreichen Beispielen erzählen, die über Jahre offenblieben. Einer meiner besten Freunde trennte sich von seiner Frau, wechselte die Arbeitsstelle und zog weg. Durch unsere langjährige Freundschaft konnte ich mich in seinen Schmerz einfühlen und auch die Scham spüren, die seine gescheiterte Ehe bei ihm auslöste. Immer wieder suchte ich das Gespräch, besuchte ihn in seinem neuen Zuhause, doch die Scham überwog. Der Austausch war nicht mehr frei, wurde immer mehr zum Smalltalk, sein Herz war blockiert. Er versprach, mich zu besuchen, doch kam nie. Über Jahre hinweg startete ich etliche Versuche. Ich wusste, dass er regelmäßig an unserer Wohnung vorbeifuhr, wenn er seine Eltern besuchte. Doch er hielt nie an.

Unsere tiefe Freundschaft hatte sich in eine Einbahnstraße verwandelt und mein Schmerz blieb. Ich sah mich in einer emotionalen Sackgasse und suchte nach einer Lösung. Ich hatte immer noch diese offene Beziehung wie einen Strang in der Hand. Um neue Beziehungen eingehen zu können, musste ich dieses lose Ende loswerden und zu einem guten Ende bringen. Beim Überlegen kam mir das Symbol eines Gedenksteines in den Sinn: Warum nicht einen schönen Kieselstein auswählen, den ich im Garten ablege und der mich an unsere vergangene Beziehung erinnert? Wie bei einem Grabstein markiert er das Ende unserer Freundschaft. Gleichzeitig bin ich frei, ihm jederzeit wieder offen zu begegnen.

Wo hängen Beziehungen in der Luft?

An dieser Stelle möchte ich Sie ermutigen, die ungeklärten Enden in Ihrer Biografie anzuschauen. Wo hängen bei Ihnen Beziehungen in der Luft und verhindern damit einen Neubeginn? Nehmen Sie sich etwas Zeit und ziehen Sie sich an einen ruhigen Ort zurück. Schreiben Sie einmal die Namen derer auf, wo noch eine „Beziehung offen“ ist. Hören Sie in sich hinein und überlegen Sie, was für Sie ein gutes Abschluss-Ritual sein könnte. Vielleicht brauchen Sie noch ein letztes Gespräch oder einen Brief, in dem Sie Ihre Dankbarkeit für die gemeinsame Zeit ausdrücken. Ich bin mir sicher, dass Sie im Herzen spüren, welche Form angemessen ist.

Es kann aber auch sein, dass Sie ohne eine Erklärung die Beziehung einseitig beenden und für sich ein passendes Abschluss-Ritual finden, ohne den anderen darüber zu informieren. Diese Entscheidung bringt Ihnen auch Klarheit, wie Sie bei einer weiteren Begegnung frei und offen mit diesem Menschen umgehen. Bei meinem langjährigen Freund gab es nach 16 Jahren Funkstille dann wieder den ein oder anderen Kontakt. Er wollte gerne mit mir beruflich zusammenarbeiten und versuchte auf unterschiedlichen Kanälen, das zu erreichen. Durch meine vorher getroffene Entscheidung war ich innerlich jedoch ganz klar und lehnte freundlich, aber bestimmt ab.

Trauer ist da, aber nicht dominant

Ich habe sowohl meine Mutter als auch meine erste Frau sehr früh verloren. Beide starben jung an Krebs. Heute bin ich 59 und es gibt sehr viele Gründe für mich, das täglich zu feiern. Ich weiß, dass diese positive Haltung zum Leben nicht allen Menschen beschieden ist, die früh und oft mit der emotionalen Wucht der Trauer konfrontiert worden sind. Und deshalb bin ich nicht nur dankbar dafür, dass ich lebe, sondern auch dafür, dass ich dieses Leben genießen kann. Die Angst, wieder einen geliebten Menschen leiden sehen zu müssen und wieder einer so immensen Trauer ausgesetzt zu sein, ist durchaus präsent in meinem Leben. Sie ist die begleitende Bassnote. Diese Sorge dominiert mich aber nicht. Ich lebe im Hier und Heute und atme und freue mich, dass es mir gut geht und ich kreativ sein kann. Ich bin glücklich darüber, mit vielen Menschen zu tun zu haben und Tag für Tag viele neue interessante Menschen kennenzulernen. Was mich immer wieder durch die Tiefen der Trauer trägt, sind andere Menschen – Menschen, die keine guten Ratschläge geben, sondern einfach nur für mich da sind. Die mir zuhören, an deren Schulter ich weinen kann und die mich in den Arm nehmen. Das Zusammensein mit ihnen bietet mir einen geschützten Raum für Phasen, in denen ich trauere oder in denen ich unter hoher Belastung stehe.

Durch schlimme Phasen der Trauer hindurch trug mich aber auch meine Wut und Aggression. Gerade nach dem Tod meiner ersten Frau haderte ich mit Gott. Ich klagte und schrie ihn an, wollte nichts mehr mit ihm zu tun haben. Irgendwann später merkte ich jedoch: Gott hatte sich davon nicht beeindrucken lassen. Er war immer noch da. Er hatte meine Klagen und Schreie ausgehalten. Gott ist keiner, der auf nette Worte angewiesen wäre, den man schonen muss. Er erträgt einen zornigen Christen. Auch das trägt mich immer wieder durch Phasen des Leidens.

Feiern gehört zum Abschied dazu

Es klingt paradox, ist für mich aber eine der wichtigsten Erfahrungen: Zur Kunst des Abschiednehmens gehört auch die Kunst des Feierns. Heute habe ich oft das Gefühl, dass Feste für viele Menschen keine Bedeutung mehr haben, dass sie sie nicht bewusst begehen. Meine zweite Frau Ilona und ich kommen aus Süddeutschland – dort wird gerne groß gefeiert. Feste sind dort im Leben der Menschen stark verankert und man lässt sie sich auch etwas kosten. Unsere Hochzeit feierten wir auf einem Schiff – dieses Schiff war für uns ein Symbol dafür, dass wir von nun an gemeinsam unterwegs sein würden, aber auch ankommen wollten (zum Beispiel in der Kirche, in der wir getraut wurden). Viele Freunde waren mit dabei und natürlich unsere Familien. Mir als Witwer war es besonders wichtig, für unseren Neuanfang einen ungewöhnlichen Rahmen zu finden, einen neuen Akzent zu setzen und nicht einfach irgendwo in einem Restaurant zu feiern.

Auch meine Geburtstage feiere ich ganz bewusst. Ich lade jedes Jahr Freunde dazu ein – und zwar jedes Jahr andere. Besonders reizvoll finde ich es, Menschen bei mir zu Gast zu haben, die sich nicht kennen. Dabei ist mir immer auch bewusst, dass es gut sein kann, dass wir uns zum letzten Mal sehen. In einem Jahr lud ich Freunde aus der Fernsehbranche ein: einen Regisseur, einen Kameramann, einen Produktionsleiter und zwei Redakteure. Jeder Gast hatte die Aufgabe, seine Lieblingsszene aus seinem Lieblingsfilm mitzubringen, sie zu zeigen und anschließend zu erklären, was ihm an diesem Film und dieser Szene so gut gefällt. Wir hatten einen dramatischen Spannungsbogen an jenem Abend: Von der Untergangsszene aus dem Film „Titanic“ bis zu einer Szene aus der Comedy „Calendar Girls“ war alles dabei. Ich kann Ihnen versichern: Es war einer der schönsten Geburtstage, die ich je erlebt habe. Denn wir lernten uns alle von einer ganz anderen und ungewohnten Seite kennen.

Mit den Mitarbeitern unserer Akademie feiern wir ebenfalls regelmäßig ein Fest, meist zu Beginn eines neuen Jahres. Wir laden dann alle zu einem guten Essen ein, schauen zurück auf das, was gut gelaufen ist im vergangenen Jahr, und sprechen über das, was im neuen Jahr wohl alles auf uns zukommt und uns herausfordern wird. Diese Feste sorgen dafür, dass wir uns nicht nur als Kollegen und Kolleginnen wahrnehmen, sondern uns auch als Menschen nicht aus dem Blick verlieren. Auf diesen Festen spüren wir, dass wir miteinander verbunden sind und uns aufeinander verlassen können. Sie tragen uns durch das Jahr, doch diese Feste markieren immer auch ein Abschiednehmen: vom alten Jahr, auch von dem, was nicht gelungen ist. Erst im gelungenen Abschied entsteht die Kraft für einen mutigen Neuanfang.

Ein Neuanfang kann gelingen

Zum Abschluss noch zwei Beispiele aus dem beruflichen Kontext: Vor Jahren hat mich der Bericht eines Mitarbeiters berührt. Er beschrieb, wie ihm sein Chef nach der Kündigung einen ausführlichen Brief geschrieben und sich die Zeit genommen hat, ihm persönlich für die Jahre der Zusammenarbeit zu danken. Dies war für ihn so bemerkenswert, weil dies in den meisten Firmen unüblich ist und schlichtweg vergessen wird. Am Anfang investiert das Unternehmen sehr viele Ressourcen, um den Mitarbeiter zu gewinnen, am Ende läuft der Abschied dann häufig sehr geringschätzig ab. Im Gespräch mit Handwerkern und kleinen Unternehmern ermutige ich die Chefs, für ein „gesegnetes Ende“ zu sorgen, selbst dann, wenn man sehr unglücklich über die Verabschiedung des Mitarbeiters ist. Mitunter erleichtert dies auch den Neubeginn.

Vor wenigen Tagen erzählte mir die Chefin eines großen Unternehmens, wie traurig sie war, einen ihrer LKW-Fahrer zu verlieren. Zumal sie mit ihm sehr zufrieden war. Doch eine andere Firma bot ihm mehr Gehalt, und weg war er. Sie zögerte einen kurzen Moment, dann strahlte sie mich an: Bei der neuen Stelle hat es ihm nicht gefallen, er hat sich an die guten Zeiten im vorherigen Betrieb erinnert und gefragt, ob er zurückkommen kann. Na klar, sagte sie. Der Neuanfang gelang.

Rainer Wälde hat das Abschiednehmen früh erlebt: Mit 11 Jahren starb seine Mutter an Krebs, mit 37 Jahren seine erste Frau. Heute leitet er mit seiner zweiten Frau Ilona die Gutshof Akademie bei Kassel. Sein Herz schlägt für Sinnstifter, die ihre Lebenserfahrung der nächsten Generation weitergeben. rainerwaelde.de

Ein Hühnchen rupfen

Wie man Konflikte konstruktiv meistert

Konflikte an sich sind nicht schlecht. Sie sind weder im Beruf noch in der Familie, im Sportverein oder der Kirchengemeinde schändlich, wohl aber oft schädlich. Natürlich immer nur bis zu einem gewissen Grad. Wer zu Hause handgreiflich zum Schläger mutiert, hat definitiv einige Grenzen überschritten. Die Grenze zwischen dem, wo der Spaß wirklich aufhört, und dem, wo sich ruhig mal auseinandergesetzt werden darf, ist manchmal gar nicht so genau zu betiteln – das ist ein höchst persönliches Empfinden. Hauen und Stechen ist für viele im Berufsleben üblich. Nicht (!) in einen notwendigen Konflikt zu gehen, ist feige Konfliktvermeidung und kein Indiz für einen besonders reifen Umgang mit Aggressionen. Wie geht man aber nun konstruktiv mit Konflikten um?

VON HEISSEN UND KALTEN KONFLIKTEN
Zunächst ist es interessant, wer den „Konflikt“ überhaupt als solchen empfindet. Es gibt Menschen, die empfinden etwas als eine „Debatte“, vielleicht auch als „hitzige Auseinandersetzung“, aber noch nicht als Konflikt. Andere hingegen werden schon bei dem kleinsten Anzeichen von Disharmonie nervös und würden am liebsten weglaufen. Menschen reagieren sehr unterschiedlich darauf und bilden eine entsprechende „Kultur“ aus: Entweder sie ziehen sich beleidigt in ihr gekränktes Schneckenhaus zurück (kalter Konflikt) oder sie gehen wie Raubtiere aufeinander los (heißer Konflikt). Beide „Konflikttypen“ sind herausgefordert, in „sauberen“ Beziehungen zu leben. Wie kann das gehen?

KONFLIKTE ERHITZEN ODER ABKÜHLEN
Sind Konflikte kalt und haben sich auch die Beziehungen untereinander stark abgekühlt, müssen versierte Coaches von außen (man selbst kann das dann nicht mehr) den Konflikt erhitzen und beispielsweise ein Arbeitsteam zu ehrlichen Aussagen zwingen, welche die echten Ansichten klar zum Ausdruck bringen. Damit kann man dann arbeiten. Das, was totgeschwiegen oder verdrängt wurde, wird endlich ausgesprochen. Menschen und Organisationen werden krank, wenn sie Konflikte runterschlucken oder bagatellisieren. Sind Konflikte jedoch heiß, ist es notwendig, die erhitzten Gemüter versiert wieder zur Räson zu bringen und vielleicht auch mal „einzufrieren“. Später kann man sich dann wieder „rational“ und emotional an einen Tisch setzen – oder sein Bett teilen.

DEINE EINSTELLUNG SOLLTE OKAY SEIN
Unsere innere Einstellung entscheidet mit, wie wir uns tatsächlich verhalten: Feindselig oder friedlich. Wenn wir den anderen als Bedrohung empfinden (auch wenn das eine Fantasie sein kann), werden wir eher vorsichtig („Der andere könnte zubeißen!“) oder konfrontativ („Angriff ist die beste Verteidigung!“) agieren oder reagieren. Wenn wir den anderen erst mal ohne Vorurteil-Kopfkino betrachten, verhalten wir uns eher freundlich, neutral oder fürsorglich. Ist der andere wirklich okay? Finde ich mich selbst eigentlich okay? Die eigene Sicht auf sich kann hier schon Konflikte produzieren – wenn nicht äußerlich, dann innerlich: Betrachtet man sich selbst als „nicht okay“, empfindet man andere Menschen leichter als Bedrohung. Findet man sich selbst angemessen „okay“, gehen Menschen viel offener und selbstsicherer mit andersartigen Menschen um. Der Umgang mit anderen Menschen und wie wir sie empfinden, sagt im Grunde genommen mehr über uns selbst aus, als über den Menschen, den wir da bewerten und verurteilen.

DIE NEUN STUFEN BIS ZUM GEGENSEITIGEN K. O.
Der Konfliktforscher Friedrich Glasl hat Konflikte untersucht: zwischen Staaten, in Unternehmen, zwischen Gruppen und in Familien. Er hat neun Stufen identifiziert, wie Konflikte sich von der ersten Auseinandersetzung allmählich verhärten, schlimmer werden bis zum gemeinsamen Tod. Diese neun Stufen sind deshalb so interessant, weil man sehr genau verorten kann, wo die einzelnen Streithähne stehen. Wie man dann vom Konflikt aus in konstruktive Zusammenarbeit zurückfindet, wird kreative und sozialkompetente Aufgabe weiterer Konfliktarbeit sein. Die neun Stufen sind:

 

Win-Win

VERHÄRTUNG
Die Meinungen und Standpunkte verhärten sich, aber es haben sich noch keine starren Lager gebildet.
DEBATTE/POLEMIK
Es findet eine Polarisation im Denken, Fühlen und Handeln statt, ebenso langatmige Debatten und taktische Verhaltensweisen. Die Standpunkte verhärten sich zunehmend.
TATEN STATT WORTE
Keine Partei will nachgeben, beharrt auf den eigenen Standpunkt und erwartet, dass das Gegenüber die Meinung übernimmt.

 

Win-Lose

IMAGES UND KOALITIONEN
Der Gegner wird zum Feind und die „Lager“ spalten sich.
GESICHTSVERLUST
Der Gegner wird öffentlich bloßgestellt und diffamiert.
DROHSTRATEGIEN
Drohungen werden gegenseitig ausgesprochen, sogenannte „Stolperfallen“ gelegt.

 

Lose-Lose

BEGRENZTE VERNICHTUNGSSCHLÄGE
Der Gegner/Feind wird zur „Sache“ erklärt. Er ist kein Subjekt/Mensch mehr, sondern ein Objekt/eine Sache.
ZERSPLITTERUNG
Ziel ist es, den Gegner zu „vernichten“ und das feindliche System zu zerbrechen.
GEMEINSAM IN DEN ABGRUND
Vernichtung des Gegners um jeden Preis, auch wenn dies die Selbstvernichtung bedeutet.

 

DIE DREI GROSSEN TENDENZEN VON „WIN“ UND „LOSE“
Bei den neun Stufen gibt es noch drei übergeordnete Stufen, die das Verhältnis der Konfliktparteien zueinander kennzeichnen. „Win-win“ bedeutet hierbei, dass beide Konfliktparteien noch gewinnen können. Das bedeutet, jede Partei kann das bekommen, was sie fordert oder braucht. Einen Verlust muss in dieser Phase keine Partei hinnehmen. Anders in der nächsten Gruppe von „win-lose“: Hier gewinnt eine Partei, die andere verliert. Absolut deprimierend ist die letzte grobe Phase, wenn beide Parteien verlieren („lose-lose“). Hier sagen sich beide, dass sie der anderen Partei nichts gönnen und dann eben selbst auch auf den Gewinn verzichten. Hier muss schon sehr viel an Zerstörung passiert sein, um an diesen Punkt zu gelangen.

WEITERKOMMEN
Überleg dir, welchen Konflikt du angehen solltest. Mit wem hast du noch ein „Hühnchen zu rupfen“ – vielleicht auch mit dir selbst? Mit wem solltest du einen kalten Konflikt erhitzen, damit er sich klären kann? Was kannst du in heißen Konflikten dazu beitragen, selbst zum Friedensstifter zu werden? Wo deckst du unnötig und zu viel mit dem Deckmäntelchen der „Nächstenliebe“ zu und erstickst Ansätze der Klärung? Wo wirst du zum „Rambo“ und solltest mehr zu „Jesus“ werden?

 

Tobias Illig (43) arbeitet als Business Coach und Organisationsentwickler. Er ist verheiratet, Vater von vier Kindern und wohnt in Neustadt an der Weinstraße.
www.tobiasillig.com

 

TIPPS ZUM GESUNDEN KONFLIKTMANAGEMENT

Behalte die „Contenance“. Denk in okay, statt in k. o.

Manage deine Gefühle: Warum greift dich ein anderer Mensch so an? Wieso nervt dich der andere? Welche Werte verletzt dieser Mensch? Was macht dich dabei so aggressiv?

Wende dich dem anderen zu, nicht von ihm ab: körpersprachlich zuwenden, freundliche Worte verwenden, Brücken bauen, Kooperation statt Konkurrenzdenken etc. – auch, wenn das gegen deinen Willen geht. Schlage neue Wege ein. Du musst etwas anders machen, damit es besser wird.

Achte auf deinen Selbstwert. Wenn du dich „unterlegen“ fühlst, stimmt dein Selbstwert vielleicht noch nicht und du wirst leicht angreifbar – und reagierst unangemessen. Wenn du dich selbst abwertest, weil dein Gegenüber „besser“ scheint, hinterfrage deine Selbstachtung. Mit einem Minderwertigkeitskomplex wirst du entweder zum Duckmäuser und löst gar nichts – du bringst auch keine eigenen Standpunkte vor und kannst nicht du selbst werden –, oder du wirst zum Konfliktsucher, weil es dir „Macht“ verleiht, über andere zu bestimmen. Oder aber du fühlst dich dadurch besser, dass du andere dominieren kannst, und „brauchst“ diese Selbstbestätigung.

Besuche Konfliktseminare, lies Bücher oder schaue YouTube-Videos an und lerne „Gewaltfreie Kommunikation“. Dann wirst du zumindest für das Thema sensibilisiert. Ob du die Veränderung alleine hinbekommst, ist dann etwas anderes. Sei dir nicht zu fein, auch Hilfe von außen zu holen.

Frank H. Berndt: Ausgelutscht

Ein Kennzeichen unserer Arbeitswelt ist die totale Erschöpfung. Doch Burn-out ist kein unvermeidbares Schicksal.

Michael S. (46) (Name geändert), ist kaufmännischer Leiter in der IT-Branche. Er ist ein Macher. Was er anpackt, hat Hand und Fuß. Genau das, was das stark expandierende Unternehmen brauchte. Unter seiner Ägide wurde aus GmbH eine AG. Die Gründer zogen sich zurück. Vorstände und Geschäftsführer wurden eingesetzt. Doch dann kam es in der Unternehmensführung zum Streit. Und Michael zwischen die Fronten. Er schien niemandem mehr etwas recht machen zu können. Manche seiner Berichte wurden zerpflückt, andere instrumentalisiert, um dem gegnerischen Lager eines auszuwischen. Bei Michael wuchs die Anspannung. Um Fehler und weitere Kritik zu vermeiden, arbeitete er noch akribischer und entsprechend länger. Er stand unter „Strom“.

Schließlich wurde der Machtkampf entschieden. Einer der Geschäftsführer verließ das Unternehmen. Und weil dessen Posten nicht nachbesetzt wurde, ging ein guter Teil seiner Aufgaben an Michael über. Eigentlich war es zu viel. Aber nach alledem, was vorgefallen war, traute sich Michael nicht, „nein“ zu sagen. Gleichzeitig suchte nun der verbliebene Geschäftsführer wieder den Schulterschluss zu Michael – zu ihm, seiner „treuen Seele“, seinem „zuverlässigen Arbeiter“, der „Stütze des Unternehmens“. Michael bekam nun wieder die Anerkennung, die er sich so sehr wünschte. Und als unternehmensintern eine neue Software zur Kostenabrechnung und Personaldisposition eingeführt wurde, war klar, wer sich für die Projektleitung meldete: Michael S.

WANN IST „ZU VIEL“ ZU VIEL?

Arbeit wandert – und zwar immer dorthin, wo sie gemacht wird! Das ist erstaunlich. Geradezu ein Naturgesetz. Universal gültig. Im Beruf genauso wie im Ehrenamt. Es sind immer dieselben, die einen Großteil der Arbeit schultern. Es sind immer dieselben „üblichen Verdächtigen“, die gefragt werden, die sich zuständig fühlen, die „ja“ sagen, Verantwortung übernehmen, den „Laden“ am Laufen halten. Und so kommt es, dass Arbeit am Ende immer bei einigen Wenigen hängen bleibt – eben bei denjenigen, die sie machen! Doch wann ist „zu viel“ zu viel? Wann ist bei den Leistungs-Trägern die Belastungsgrenze erreicht? Wann droht den „Säulen“ einer Organisation der Zusammenbruch?
Seit fast fünfzehn Jahren berate und unterstütze ich Unternehmen, soziale Einrichtungen und Regierungsorganisationen in den Bereichen Burn-out-Prävention und Leistungsfähigkeiten ihrer Mitarbeiter. Die Nachfrage ist groß. Denn die psychische Gesundheit der Beschäftigten ist längst zu einem ernstzunehmenden Kostenfaktor und Wettbewerbsvorteil geworden – zumal es gerade die Engagierten sind, die ausbrennen; es sind die Verantwortungsbewussten, eben die „Leistungsträger“ und „Säulen“ eines Unternehmens. Und kein Unternehmen kann es sich dauerhaft leisten, seine besten Mitarbeiter, Know-how und Innovationskraft zu verlieren.

Den vollständigen Artikel finden Sie in der MOVO 1/2015. Jetzt bestellen.

Darius Götsch: Wenn der Chef nervt…

10 Tipps, um trotzdem zu überleben.

  • 1. Es ist normal, dass der Chef nervt

    Trösten Sie sich: Vielen geht es so. Und Sie selbst nerven ebenso. Da spreche ich aus Erfahrung! Bis ich einigermaßen wusste, worauf es bei Führung ankommt, sind meine Mitarbeiter fast an mir verzweifelt und ich schäme mich heute für meine Unfähigkeit. Damals allerdings fand ich mich super. Leider menschelt es auch bei christlichen Unternehmen und Vorgesetzten. Denn auch Christen suchen gerne nach Sandkörnern in den Augen der Anderen und lassen ihren Balken im eigenen Auge dort, wo er ist.

  • 2. Lernen Sie von ihm

    Auch ein schlechter Chef kann Recht haben. Ähnlich einer kaputten Uhr, die zwei Mal am Tag die richtige Uhrzeit zeigt, wird auch Ihr Vorgesetzter nicht nur Misst bauen. Und jeder ist als Lernvorbild nützlich – im schlimmsten Fall als Negativbeispiel. Ich habe viel aus Fehlern meiner Vorgesetzten gelernt. Ebenso gab es aber auch wundervolle Eigenschaften zu lernen, wie Hilfsbereitschaft, dienende Haltung, exzellente Sachkunde und liebevoller Umgang.

  • 3. Haben Sie Geduld

    Leider werden sehr selten Menschen mit Führungsqualitäten zum Vorgesetzten gemacht. Es zählen viel mehr die Beziehungen und Sachkunde in der bisherigen Aufgabe. Aber der beste Sacharbeiter wird in seltensten Fällen bester Vorgesetzter – die Menschenführung hat andere Anforderungen und diese muss man besonders erlernen. Und das geht nicht über Nacht. Gönnen Sie Ihrem Chef Zeit, die er unbedingt braucht!

  • 4. Sie sind mit dem Chef nicht verheiratet

    Und das bedeutet, ein Wechsel ist immer eine Option. Aber behalten Sie diesen Wunsch unbedingt für sich. Halten Sie die Augen nach einer Verbesserung offen. Doch tun Sie Ihrem Chef nicht den Gefallen, indem Sie kündigen, ohne eine Anschlussstelle zu haben! Wenn die jetzige Aufgabe Sie nicht erfüllt, suchen Sie weiter. Gott möchte Leben in Fülle für uns in diesem wichtigen Bereich. Bilden Sie sich fort, lassen Sie sich versetzen oder finden Sie eine neue Stelle mit spannenden Aufgaben und einem besseren Vorgesetzten.

  • 5. Nerven Sie selbst

    Zum Beispiel, indem Sie mehr Gehalt, bessere Ausstattung oder eine Beförderung fordern. Ich stand regelmäßig auf der Matte und zeigte meinen Nutzen für das Unternehmen (und den Chef). Ich war zwar sehr zufrieden mit meiner Aufgabe, aber durch die Zunahme der Verantwortung und Zuwachs der Kompetenzen war mal wieder eine Gehaltserhöhung nötig. Und ich habe sie meistens bekommen. Trauen Sie sich!

  • 6. Dienen Sie Ihrem Chef

    Immerhin ist er Ihr wichtigster Kunde. Ich habe hier einen Fehler gemacht. Als der neue, unerfahrene Sohn des Unternehmergründers die Firma übernahm, diente ich als Finanzverantwortlicher weiterhin dem Unternehmen und den Menschen darin, ohne ihn im Fokus zu haben. Der Firma ging es prächtig und mein Ansehen bei den Mitarbeitern wuchs und wuchs … nur ich wurde meinen Job los! Unerwartet und schmerzhaft. Ihre Aufgabe ist nicht nur, gute Arbeit zu leisten, sondern auch für den Chef nützlich zu sein. Gute Leistung zu erbringen ist toll und wichtig, aber nichts verbessert die Beziehung zu dem Chef mehr, als wenn man ihm mal aus der Patsche hilft.

  • 7. Loben Sie ihn und bedanken Sie sich bei ihm

    Es geht hier nicht um Schmeicheleien, die sind mir zuwider. Aber wenn Sie etwas Gutes gesehen oder erlebt haben, sagen Sie es unbedingt! So konkret wie möglich. Auch der Vorgesetzte ist ein Mensch und braucht Anerkennung! Die bekommt er genauso wie Sie in zu geringem Umfang. Ohne Anerkennung geht der Mensch wie eine Pflanze ohne Licht zugrunde.

  • 8. Kritik ist tabu

    Grundsätzlich werden Sie bei Ihrem Vorgesetzten, wie in allen anderen Bereichen des Lebens, mit Kritik nichts erreichen. Sie verärgern nur das Gegenüber. Inzwischen verzichte ich weitgehend auf Kritik und suche nach positiven Punkten – es ist auch besser für meine Einstellung (das merkt die Umgebung!) und so finde ich mehr Gelegenheiten zum Loben. Mit Lob und Ausbleiben von demselben erreichen Sie mehr als mit Kritik. Was gut funktioniert, ist eine persönliche Mitteilung (Ich-Botschaft): „Chef, Ihre Bemerkung von gestern hat mich verletzt. Ich sehe den Sachverhalt anders …“ Seien Sie grundsätzlich beherrscht und lassen Sie stets die Wahrheit sprechen – aber denken Sie dran: Nicht alles, was wahr ist, sollte auch gesagt werden.

  • 9. Schärfen Sie Ihre Säge

    Ein Waldarbeiter geht spazieren und begegnet einem Menschen, der hastig und mühselig damit beschäftigt ist, in seinem Garten einen bereits gefällten Baumstamm in kleine Teile zu zersägen. Der Waldarbeiter tritt näher heran, um zu sehen, warum der Holzfäller sich so abmüht, und sagt dann: „Entschuldigen Sie, aber Ihre Säge ist stumpf! Wollen Sie diese nicht einmal schärfen?“ Darauf stöhnt der Gartenbesitzer erschöpft: „Dafür habe ich keine Zeit – ich muss den Baum zersägen!“ Zeigen Sie Einsatz und Freude an Ihrer Aufgabe, machen Sie Überstunden, aber investieren Sie auch Zeit und Energie in sich selbst. Je besser Sie werden, desto wertvoller sind Sie für den Chef und das Unternehmen – und das stärkt die Beziehung ungeheuer. Fortbildungen und Selbststudium auch auf eigene Kosten sind unbedingt notwendig. Ich kam so richtig voran, als ich eine tägliche Fortbildungsstunde zu Hause einlegte, während der ich Management- und Führungsbücher las.

  • 10. Werden Sie selbst Chef

    Es lohnt sich aus zwei Gründen. Zum einem macht die Freiheit sehr viel Freude. Je höher man kommt, desto größer ist sie. Zum anderen hat man Zugang zu mehr Ressourcen, trifft interessante Menschen und kann viel bewegen. Eine Führungskraft hat aus meiner Sicht drei Aufgaben: Den Kunden glücklich machen, den Mitarbeiter glücklich zu machen und ein System zu entwickeln, in dem beide ersten Aufgaben erfüllt werden – und Menschen glücklich zu machen, macht richtig Spaß!!!