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Markus Walther (Foto: Maria Majaniemi)

Missbraucht, geschlagen, ausgebeutet: Markus ist trotzdem dankbar

Markus Walther wird im Kinderheim missbraucht und auf einem Bauernhof als „Verdingkind“ ausgebeutet. Heute sagt er: „Ich kann den Menschen Danke sagen, die es nicht gut gemeint haben.“

Guten Tag, Herr Walther. Haben Sie eine schöne Erinnerung an Ihren Vater?

Markus Walther: Als kleiner Junge durfte ich mit meinem Vater mitgehen auf die Tour zum Messerschleifen. Wir waren unterwegs von Haustür zu Haustür mit einem fahrbaren Schleifstein. Ich bekam da immer Süßigkeiten zugesteckt. Wunderbar.

Mit vier Jahren gab Ihr Vater Sie ins Heim. Warum?

Als ich dreieinhalb Jahre alt war, starb meine Mutter. Mein Vater war mit uns drei Kindern und seinem Beruf als Scherenschleifer überfordert. Er gab uns ins Heim.

Im Heim sexuell missbraucht

Fühlten Sie sich im Heim gut aufgehoben?

Nein! (lacht) Nein, definitiv nicht! Ich war mit Abstand der Kleinste in dieser Einrichtung. Es gab zwar keine Prügel, aber psychische Gewalt war an der Tagesordnung. Ich wurde dort von einem jugendlichen Mitbewohner sexuell missbraucht. (Schweigen)

Als Sie sieben Jahre alt waren, wurde das Heim geschlossen. Sie landeten als „Verdingkind“ auf einem Bauernhof. Was ist ein „Verdingkind“?

Als „Verdingkind“ bezeichnet man in der Schweiz Kinder und Jugendliche, die infolge einer Zwangsplatzierung durch Behörden oder Kommunen bis in die 1980er-Jahre in fremde Familien kamen. Als „Verdingkind“ auf einem Bauernhof warst du eigentlich ein Sklave. Es galt, hart zu arbeiten.

„Es gab nur Arbeit“

Wie sah Ihr Alltag auf dem Hof aus? Wie viel Platz war dort für Romantik à la Heidi?

(lacht) Es gab nur Arbeit von morgens früh bis abends spät. Sicher gab es auch schöne Momente, wie ein Fußballspiel nach getaner Arbeit, wenn ich mit dem Traktor fahren durfte oder mir die Nachbarin Comics und Brot schenkte. Das Essen war hervorragend.

Was war dann schwierig?

(Pause) Aus dem Nichts geschlagen zu werden. Immer wieder zu sehen, wie andere Kinder gut behandelt wurden und ich nicht. Zudem war ich Ministrant. Ich bekam das, was mir der Priester über Nächstenliebe erzählte, nicht mit dem zusammen, wie ich von dieser katholischen Familie behandelt wurde. Außerdem war ich Bettnässer. Ich hatte Horror vor jedem Morgen. War das Bett nass, wurde ich trotz meines Flehens „Bitte nicht!“ regelmäßig verprügelt.

„Mein Schädel war 15-mal gebrochen“

Sie erlebten auf dem Bauernhof ein Wunder. Wie sah das aus?

Bei der Arbeit ist mir der Nachbar mit dem Hinterrad seines Traktors über den Kopf gefahren. Mein Schädel war 15-mal gebrochen. Ich wurde 18 ½ Stunden operiert. 30 Tage nach diesem Horrorunfall wurde ich kerngesund ohne Nachfolgeschäden aus dem Spital entlassen.

Sie schilderten Ihrem Vater Ihren Alltag als „Verdingkind“. Der will Ihnen erst nicht glauben, holt Sie dann doch ab. Ende gut, alles gut?

Ja, für zweieinhalb Jahre. Dann ging der Mist von vorne los. Mein Vater heiratete wieder. Es kam ein viertes Geschwisterchen auf die Welt, das leider sieben Stunden nach der Geburt starb. Doch dann erkrankte auch die zweite Frau an Krebs. In dieser Not steckte mich mein Vater vorübergehend wieder ins Heim. Das war dann für immer.

Bauernfamilie zu vergeben noch nicht möglich

Wie gehen Sie mit dem erlebten Kindheitstrauma heute um?

Gar nicht, weil es mir heute damit sehr gut geht. Ich habe keine Mühe mehr mit diesem Leben. Ich bin der, der ich bin, weil ich erlebt habe, was ich erlebt habe. Das Gute und das Schlechte gehören dazu. Ich kann heute auch den Menschen Danke sagen, die es nicht gut gemeint haben. Im Fall der Bauernfamilie bekomme ich dies leider noch nicht hin …

Haben Sie die Bauernfamilie, die Sie ausgebeutet hat, nochmals besucht, zur Rede gestellt?

Als 18-Jähriger bin ich mit zwei Freunden hingefahren. Wir hatten Baseballschläger dabei. Wir wollten ein bisschen Kleinholz machen. Ich bin nach drinnen gegangen, habe ein paar Worte in den Raum geworfen. Die Anwesenden sahen dies aber anders. Ich hatte urplötzlich den Eindruck: Die sind es nicht wert, dass ich mein Leben jetzt ruiniere.

Das letzte Mal war ich dort, mit meinem Mitautor des Buches. Ich hatte ihm vorgeschlagen, all die Orte, die in meinem Buch vorkommen, nochmals zu besuchen. Vor dem Bauernhof lief der Mann herum, der mich am meisten drangsaliert hat. Ich war nicht fähig, näher ranzugehen. Was mir allerdings eingefahren ist: Ich sah den Mann völlig geknickt laufen. Er tat mir plötzlich leid, weil ich sah, dass ihm das Leben offensichtlich jetzt auch etwas aufgeladen hat. Ich habe für ihn gebetet.

„Nach jedem Regen scheint die Sonne“

Welchen Tipp geben Sie Menschen, die ähnliche Kindheitsverletzungen erlebt haben?

Seid euch nicht zu schade für Therapie! Ich habe fünf Jahre gebraucht, um mich aus dem Schlamassel rauszuarbeiten. Und es gibt ein Naturgesetz – das besagt: Nach jedem Regen scheint die Sonne. Immer. Die Sonne hat auch geschienen nach der Sintflut.

Was heißt das für mich? Gott wird dafür sorgen, dass du wieder in der Sonne stehst. Vielleicht nicht heute, vielleicht nicht morgen, aber sie wird scheinen. Bei mir hat dies zwanzig Jahre gedauert. Wenn du knüppeldick in der Scheiße steckst, nimmst du vielleicht gar nicht wahr, dass es Menschen gibt, die es um dich herum gut mit dir meinen. Auch wenn es dir schlecht geht, behalte deine Augen, dein Herzen offen, halte dich an diese Menschen.

Ist Ihnen Gerechtigkeit widerfahren?

In der Schweiz gab es eine Volksabstimmung. Diese Petition wurde von dem Unternehmer und ehemaligen „Verdingkind“ Guido Fluri angestoßen. Es wurden 300 Millionen Schweizer Franken zurückgestellt, um eine finanzielle Wiedergutmachung für die rund fünfstellige Zahl an „Verdingkindern“ zu bewerkstelligen. Mehrmals im Jahr gibt es zusätzlich für diese Betroffenen Ausflüge und Coachingangebote.

Das Leben meinte es an vielen Stellen nicht gut mit Ihnen. Warum bilanzieren Sie trotzdem: Gott meinte es gut mit mir?

Ich bin der, der ich bin, weil ich erlebt habe, was ich erlebt habe. Wie Josef in 1. Mose 50,20 kann ich sagen: „Menschen meinten es schlecht mit mir, Gott hat daraus Gutes werden lassen.“ Im Nachhinein kann ich durch meinen Glauben sagen: Ich war nie allein. Als ich zum christlichen Glauben kam, lief in mir eine Art Film ab. Ich sah, dass an den Stellen meines Lebens, wo es mir nicht gut ging, hilfreiche und beschützende Menschen standen. Gott hatte in all dem Übel seine Finger im Spiel.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

Die Fragen stellte Rüdiger Jope.

Sven Hannawald springt Ski vor der Kulisse der Zugspitze. (Foto: Christof Stache)

Sven Hannawald: Skisprungheld stürzt vom Siegerpodest in die Depression

Nach seinem Triumph bei der Vierschanzentournee 2002 holt ein Burnout samt Depression den Skispringer Sven Hannawald ein. Wenn er nicht rechtzeitig in eine Klinik gegangen wäre, würde er heute nicht mehr leben, ist Hannawald überzeugt.

Hallo Sven, nach dem Absprung fliegt ein Skispringer etwa drei Sekunden durch die Luft. Beim Skifliegen sind es sogar acht Sekunden. Wie fühlt sich das an?

Beim Fliegen ist das Schwerelose so besonders. Als Skispringer lebt man den Traum des Menschen, fliegen zu können – ohne Motor. Wir spielen mit den Lüften, das ist unheimlich toll und speziell. Ich wollte immer so weit fliegen wie möglich.

Warst du glücklich, nachdem dein Kindheitstraum in Erfüllung ging und du alle vier Springen der Vierschanzentournee 2002 gewonnen hattest? Vor dir war das noch keinem anderen Skispringer gelungen.

Ich habe jahrelang auf das Ziel, die Tournee zu gewinnen, hingearbeitet. Es war erlösend und befreiend, es geschafft zu haben. Als Erster einen Vierfachsieg zu holen, war unglaublich. Schon als kleiner Junge hatte ich den Traum, die Tournee zu gewinnen. Im Nachhinein habe ich aber auch gemerkt, was ich dafür meinem Körper antun musste. Nachträglich würde ich trotzdem nichts ändern. Der Gewinn war mir wichtiger als eventuelle körperliche Probleme.

„Nach dem großen Erfolg war mir alles zu viel“

Zwei Jahre nach dem Gewinn der Vierschanzentournee und einer Goldmedaille bei den Olympischen Spielen in Salt Lake City 2002 hast du die Diagnose Burnout mit mittelschwerer Depression bekommen. Nach einer Behandlung in einer Spezialklinik hast du 2005 deine Karriere als Skispringer beendet. Wie kam es zu deinem Burnout und der Depression?

Ich bin sehr perfektionistisch und ehrgeizig. Nach einem Springen oder dem Krafttraining habe ich meinem Körper zwar physische Pausen gegeben, aber keine psychischen. Ich habe immer ans nächste Springen gedacht. Das war wichtig, um zu gewinnen, aber es gab keine Balance in meinem Leben. Nach dem großen Erfolg war mir alles zu viel und ich habe mich unheimlich schwergetan, weiter dranzubleiben. Mein Körper hatte dem Erfolg zu viel Tribut gezollt.

Mit welchen Symptomen haben sich der Burnout und die Depression geäußert?

Es hat mit Müdigkeit angefangen. Normalerweise schläft man und geht in den Urlaub, um sich zu erholen. Ich habe mich nach zwei Wochen Urlaub aber immer noch so gefühlt, wie zu dem Zeitpunkt, als ich in den Flieger gestiegen und hingeflogen bin.

Früher hatte ich schon zwei Tage nach Saisonende wieder ein inneres Feuer, mit dem Training anzufangen – um mir einen Vorsprung zu erarbeiten. Von Saison zu Saison wurde der Zeitraum immer größer, bis ich wieder das innere grüne Licht bekommen habe. Da war ich dann in einer mir selbst auferlegten Bringschuld: Eigentlich müsste ich mit dem Training anfangen, aber ich hatte noch gar keine Lust.

Mein „Ich muss jetzt trotzdem trainieren“-Anspruch hat eine Unruhe in mich reingebracht. Ich war komplett überfordert, weil die Unruhe und Abgeschlagenheit sich nicht zurückzogen. Wenn ich nach oder vor einem Wettbewerb in meinem gewünschten Einzelzimmer war und eigentlich meine Ruhe hatte, kam ich mit der inneren Unruhe nicht klar.

„Ich habe anderthalb Jahre lang alle möglichen Ärzte aufgesucht“

Wie bist du mit dieser Unruhe umgegangen?

Ich wurde kirre im Kopf, weil ich nicht wusste, was ich tun sollte, damit es mir endlich besser ging. Egal, was ich gemacht habe, es wurde nicht besser. Ich hatte gar nicht die Ruhe, mich auszuruhen. Stattdessen bin ich der Unruhe gefolgt und habe eher wieder mehr gemacht, um das Gefühl der Unruhe zu übergehen.

Dann habe ich mich einen Moment gut gefühlt, weil ich was gemacht habe. Der Frust war für kurze Zeit weg, aber ich war dann noch müder. Das war ein Kreislauf, der stetig nach unten ging. Ich habe dann anderthalb Jahre lang alle möglichen Ärzte aufgesucht und keiner hat was gefunden.

Nach dem Ärztemarathon bist du in einer Klinik gelandet. Den Komiker Torsten Sträter hat es viel Überwindung gekostet, sich in Therapie zu begeben. Bei dir scheint das nicht der Fall gewesen zu sein. Warum?

Das lag daran, dass ich aus dem Einzelsport komme. Ich wusste dementsprechend, dass ich zu 140 Prozent fit sein muss oder keine Chance auf einen Sieg habe. Meine damalige Verfassung hat nicht mal für den Continental Cup, also die zweite Liga, gereicht. Ich war 30 und mir war klar, dass ich noch maximal bis 33 Skispringen kann und mir somit die Zeit davonläuft. Deshalb wollte ich keine Zeit verschwenden und das Problem direkt lösen.

„Es war tränenreich“

Wie war es in der Klinik?

Viele sagen: „Oh, bloß keine Klinik! Ich hab ja keinen an der Klatsche!“ Aber ich habe das gleich so gesehen, dass die Klinik wirklich eine neutrale Oase ist, wo ich wieder den Boden unter die Füße bekommen kann. Ich hatte dort viele gute Gespräche, wo auch meine Gefühlsebene zur Sprache kam, die ich in meiner Skisprungkarriere lange wegdrücken musste.

In der Klinik konnte ich meinem Körper und meiner Seele das geben, was sie gebraucht haben – ohne Leistungsdenken. Es war tränenreich, aber hat sich unglaublich gut angefühlt. Nach fünf Wochen war ich wieder bereit für die große weite Welt. Ich habe mich wieder gespürt und Lust gehabt, etwas zu unternehmen. Es war neues, frisches Leben in mir.

Welchen Wert misst du Freundschaften im Kampf gegen Depressionen bei?

Es ist unheimlich wichtig, Vertrauenspersonen wie Freunde und Familie zu haben, denen man sich öffnen kann. Man hat oft das Gefühl, ein Verlierer des Lebens zu sein, was aber überhaupt nicht so ist. Dementsprechend sind enge Vertraute wichtig, die einem Rückhalt geben. Meistens ist das Umfeld aber überfordert damit, alles aufzufangen und in die richtige Richtung zu arbeiten. Da gilt es dann, professionelle Hilfe zu suchen.

„Das kann nur jemand nachvollziehen, der eine Depression erlebt hat“

Der Fußball-Torwart Robert Enke nahm sich 2009 das Leben. Er hatte seit 2002 immer wieder Depressionen – hervorgerufen durch Versagensängste und Selbstzweifel. Hätte es bei dir ebenfalls so enden können?

Ja. Definitiv. Wenn ich 2004 noch mal sechs Jahre mit Skispringen weitergemacht hätte, dann wäre ich mit Sicherheit an diesen Punkt gekommen. Das kann nur jemand nachvollziehen, der eine Depression erlebt hat. Man will das ganze Psychische, was in einem rumfliegt, einfach nur loswerden. Bei mir war es nur eine kurze Zeit, wo ich das so extrem gemerkt habe. Ich bin dann zum Glück dem Rat meiner Ärzte gefolgt und in eine Klinik gegangen.

Nachdem du aus der Klinik raus warst, bist du noch einige Jahre in Therapie gegangen. Wann hast du dich wieder gesund gefühlt?

Mir hat es geholfen, mit dem Rennsport wieder eine Aufgabe zu finden. Skispringen konnte ich nicht mehr, weil mein Körper jedes Mal in der Nähe einer Schanze Stresssignale ausgesandt hat. Der Rennsport war das letzte Puzzleteil, um mich wieder glücklich zu fühlen.

Ich habe eine Aufgabe gebraucht. Davor hatte ich nichts, wo ich gemerkt habe, dass ich für etwas geschaffen bin. Ich bin morgens aufgestanden, habe den Tag genossen, gegessen und bin wieder ins Bett. Ohne Aufgabe ist es für einen Menschen einfach schwierig zu leben.

„Zeit mit meiner Familie hat Priorität“

In deinem Buch „Mein Höhenflug, mein Absturz, meine Landung im Leben“ schreibst du, dass du jetzt auf einem soliden Fundament stehst. Was ist dein Fundament?

Meine Familie. Meine Frau und meine beiden Kinder, die ich als meine Oase ansehe. Darauf baue ich jetzt alles auf. Zeit mit meiner Familie hat Priorität. Wenn Termine mit Familienzeit oder Urlaub kollidieren, sage ich sie ab oder verschiebe sie.

In einem Welt-Interview hast du gesagt, dass du gläubig bist. Welche Rolle hat der Glaube in deinem Heilungsprozess gespielt?

Und wie wichtig ist er für dich heute? Ich bin in Ostdeutschland aufgewachsen, da war Kirche kein großes Thema. Trotzdem glaube ich, dass jemand auf mich aufpasst, mir so ein bisschen auf der Schulter sitzt und gewisse Dinge zulässt oder auch nicht. Das gibt mir das Gefühl, nicht allein zu sein, sondern meinen Weg gemeinsam mit jemand anderem zu gehen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Die Fragen stellte MOVO-Volontär Pascal Alius.

 

Anlaufstellen bei Depressionen:

Grundsätzlich ist der Hausarzt der erste Ansprechpartner für die Diagnostik und Behandlung von Depressionen. Bei Bedarf überweist er an einen Facharzt bzw. psychologischen Psychotherapeuten. In Notfällen, z. B. bei drängenden und konkreten Suizidgedanken, bitte an die nächste psychiatrische Klinik oder den Notarzt unter der Telefonnummer 112 wenden. Der Sozialpsychiatrische Dienst bietet Beratung und Hilfe für Menschen mit psychischen Erkrankungen und deren Angehörige an.

www.deutsche-depressionshilfe.de
www.143.ch
www.depression.at

Foto: traveler1116 / iStock / Getty Images Plus / gettyimages.de

Geschichtsstunde: Wie ein spanischer Mönch Menschenrechte für Indios erkämpfte

Der Mönch Bartolomé de Las Casas ist Militärgeistlicher der spanischen Eroberer Südamerikas. Als er ein Massaker an den Indios miterlebt, bricht Las Casas mit seinem bisherigen Leben.

„Sie wetteten darauf, wer einen Menschen mit einem einzigen Schwertstreich durchschlagen könne. Die Christen entrissen den Indianern ihre Weiber, bedienten sich ihrer und misshandelten sie. Neugeborene packten sie von den Brüsten ihrer Mütter und schleuderten sie gegen die Felsen. Sie bauten breite Galgen, an die sie zu Ehren des Erlösers und seiner zwölf Apostel immer dreizehn Indianer aufhingen und bei lebendigem Leib verbrannten. Dies habe ich mit eigenen Augen gesehen.“

In Mutters Bäckerei in Sevilla herrscht helle Aufregung, als Papa Pedro und Onkel Francesco im Juni 1496 zurückkehren. Von Christoph Kolumbus‘ zweiter Seereise. Sie waren dabei! In „Hispaniola“, dem heutigen Haiti, hatte Kolumbus 550 versklavte Einheimische an Bord geladen, die Hälfte starb bei der Überfahrt. Jetzt schenkt der berühmte Kapitän der Familie Las Casas einen 14-jährigen „Indianer“. Der Junge ist gleich alt wie Bartolomé. Die beiden freunden sich an.

Zur Strafe Hände abhacken

1502 reist Bartolomé selbst nach Haiti, weil jungen Siedlern dort Landbesitz und Goldfunde versprochen werden. Entsetzt sieht er mit an, wie lokalen Scouts, die ohne Gold aus den Bergen zurückkehren, die Hände abgehackt werden. Statt Bergbau und Landwirtschaft betreibt Bartolomé lieber Theologie und wird 1507 zum Priester geweiht.

Als Feldkaplan spanischer Truppen nimmt er an der Eroberung Kubas teil und hört 1511, wie ein Missionar dem zum Tode verurteilten Indio-Häuptling Hatuey anbietet, noch auf dem Scheiterhaufen getauft zu werden. „Komme ich dann in den Himmel?“, fragt der Todgeweihte. „Ja.“ „Zu den anderen derartig grausamen Christen? Nein, dann will ich lieber in die Hölle.“

Schlimmes Massaker sorgt für Sinneswandel

Als Bartolomé de Las Casas eins der schlimmsten Massaker am Volk der Taínos miterlebt, hört er am ersten Adventssonntag 1511 den Dominikanermönch Antonio de Montesinos predigen. „Mit welchem Recht haltet ihr die Indios in einer so grausamen Knechtschaft? Mit welcher Befugnis habt ihr dieses Volk in ungezählter Menge gemartert und gemordet?“ Der Militärgeistliche der spanischen Eroberer ist tief getroffen.

Bei der Vorbereitung einer eigenen Predigt zu Pfingsten 1514 liest Bartolomé einen Vers aus dem Buch Jesus Sirach 34,25-27: „Kärgliches Brot ist das Leben der Armen und wer es ihnen raubt, ist ein Blutsauger. Den Nächsten mordet, wer ihm den Lebensunterhalt entzieht und Blut vergießt, wer ihm den Lohn raubt.“ Ab jetzt ist ihm klar: Er wird als Priester niemandem die Beichte abnehmen und die Sündenvergebung zusprechen, der Sklaven hält. Die Konquistadoren und Plantagenbesitzer sind empört.

Für Rechte von Sklaven kämpfen

Las Casas „schenkt“ seine eigenen Sklaven dem Gouverneur von Kuba, reist 1515 nach Spanien zurück und erwirkt in einem Gespräch mit König Ferdinand ein neues Gesetz, das ausreichende Ernährung und medizinische Versorgung für die Indios vorschreibt. Ferdinands Thronfolger Kaiser Karl V. ernennt ihn 1516 zum „Prokurator aller Indios in Westindien“.

Karl V. übereignet Las Casas 1520 per Vertrag „das Festland südlich der Inseln“ – was mangels geografischer Kenntnisse so gut wie ganz Südamerika wäre. Als Bartolomé 1521 an der Küste von „Klein Venedig“ (Venezuela) ankommt, haben aufständische Indios nicht nur viele Siedler und Sklavenfänger, sondern auch alle Mönche ermordet. Sein Plan einer friedlichen Missionierung und Koexistenz der Völker ist gescheitert.

Großen Erfolg feiern

Die einzige Kopie des Bordbuchs von Christoph Kolumbus‘ Seereise 1492 besitzt – Bartolomé de Las Casas! Er beginnt, die verharmlosenden Berichte des gefeierten „Entdeckers“ zu kommentieren und eine „Geschichte der indigenen Völker Neuspaniens“ zu schreiben. 1521 zerstört Hernán Cortés das Aztekenreich, 1532 unterwirft Francisco Pizarro die Inkas in Peru.

Bartolomé kennt beide Völkermörder persönlich, reist nach Tenochtitlan und Machu Picchu und plädiert in seiner Schrift „Kurzgefasster Bericht von der Verwüstung der westindischen Länder“ für vieles, was wir heute „Menschenrechte“ nennen. Endlich: 1542 erlässt Kaiser Karl V. das gesetzliche Verbot, Einheimische zu versklaven, und ernennt 1543 Las Casas zum „Bischof von Chiapas“ in Mexiko. Damit ist er zwar hochgeehrt, aber auch politisch kaltgestellt.

1546 kehrt er nach Spanien zurück, erwirkt ein gesetzliches Ende aller Eroberungsfeldzüge in Südamerika und stirbt am 18. Juli 1566 in Atocha bei Madrid. Als Chronist des Völkermords und erster Historiker und Theologe, der Sklaverei als Sünde und Verbrechen brandmarkte, wurde der „Apostel der Indios“ noch bis in die 60er-Jahre des 20. Jahrhunderts von spanischen Rechten als „größenwahnsinniger Paranoiker und Beleidigung Spaniens“ bezeichnet.

Andreas Malessa ist Hörfunkjournalist in der ARD, Theologe, Buchautor satirischer Kurzgeschichten, Referent und Moderator auf Veranstaltungen mit religiös-kulturellen, kirchlichen und sozialethischen Themen. Aktuell sind von ihm erhältlich die Titel „111 Bibeltexte, die man kennen muss“ (emons) und „Am Anfang war die Floskel“ (bene!).

Symbolbild: Getty Images / E+ / VioletaStoimenova

Arzt ist überzeugt: Ein Ruhetag die Woche verbessert die Intimität in Beziehungen

In der heutigen Leistungsgesellschaft ist kein Platz mehr für Ruhe. Der Arzt Jonathan Häußer bedauert das, denn: Ein Tag ohne Arbeit verbessert Gesundheit wie Partnerschaft.

Du sollst aus dem Ruhetag keine Wissenschaft machen. So oder so ähnlich heißt es doch im dritten der Zehn Gebote. Okay, vielleicht war es auch „Gedenke an den Ruhetag und heilige ihn!“. Aber warum eigentlich? Manche behaupten ja, es sei das Gebot, das am meisten missachtet wird. Wir scheinen dem also als Gesellschaft keinen so großen Stellenwert beizumessen. Zwar sind am Sonntag viele Geschäfte geschlossen, aber so richtig Ruhe? Wer braucht das schon?

Aber seien wir mal ehrlich. Irgendwann müssen wir uns erholen. Und zumindest ich bin davon überzeugt, dass Gottes Gebote nicht dazu da sind, um uns zu drangsalieren. Am Ende geht es uns besser, wenn wir uns daran halten. Trifft das auch auf den Ruhetag zu? Ist es sogar gut für unsere Gesundheit? Vielleicht müssen wir doch aus dem Ruhetag eine Wissenschaft machen. Wir schauen uns zumindest mal an, was die Forschung dazu zu sagen hat.

Es gibt einige interessante Untersuchungen. Ein Ruhetag scheint dabei viele Bereiche zu berühren. Er wirkt sich sowohl physisch als auch psychologisch, sozial, kulturell und auf unsere Umwelt aus.

Ruhetag verbessert unser Wohlbefinden

Ein Ruhetag hilft uns, uns auf das zu fokussieren, was wirklich wichtig ist im Leben. Wer sagt schon am Ende seines Lebens: „Hätte ich mal mehr gearbeitet“? Also können wir uns die Arbeit an einem Tag guten Gewissens sparen. Meistens sind es andere Dinge, die zu kurz kommen.

Wer einen Ruhetag einhält, hat tendenziell eine bessere psychische Gesundheit. Aber Sie sollten das aus eigenem Antrieb tun und nicht, weil man es von Ihnen erwartet. Wenn man andere damit zufriedenstellen möchte, hat es eher negative Auswirkungen auf die Psyche.

Beziehungen leben auf

Ein Ruhetag bietet uns eine Gelegenheit, Beziehungen zu priorisieren und wieder mit unseren Familien und Freunden Kontakt aufzunehmen. Interessanterweise berichten auch Verheiratete, die einen Tag ruhen, von einer größeren Intimität in ihrer Beziehung. Zudem bietet so ein freier Tag Zeit, um anderen zu helfen.

Eine positive Einstellung gegenüber dem Ruhen ist mit einer besseren körperlichen Gesundheit und besserem Schlaf verbunden. Allerdings hat man z. B. bei orthodoxen Juden festgestellt, dass die Kalorienaufnahme insbesondere bei Übergewichtigen am Sabbat höher war.

Bei Adventisten, wo ein gesunder Lebensstil eine hohe Priorität hat, kann es hingegen dazu führen, dass man selbst diesen gesunden Lebensstil mehr und mehr annimmt. Bei der körperlichen Gesundheit kann ein Ruhetag also sowohl positive als auch negative Auswirkungen haben.

Rest der Woche positiv beeinflussen

Halten wir fest: Ein Ruhetag kann das psychische Wohlbefinden verbessern und Beziehungen bereichern. Zudem berichten viele davon, dass ein Ruhetag einen positiven Einfluss auf den Rest der Woche hat. Da die meiste Forschung aber an religiösen Menschen durchgeführt wurde, bleibt unklar, wie die Auswirkungen bei säkularen Menschen sind.

Ich habe erst vor Kurzem angefangen, bewusst einen Tag zu ruhen. Vorher hatte ich neben der Arbeit noch einige zusätzliche Projekte am Laufen und das Ganze hat sehr viel Zeit eingenommen. Auch Beziehungen sind in dieser Zeit zu kurz gekommen. Also habe ich aufgehört, sonntags zu arbeiten.

Gemeinschaft viel mehr genießen

Es fiel mir anfangs zwar schwer und ich hatte erst befürchtet, ich würde mich langweilen. Aber mittlerweile – eigentlich schon von Anfang an – gefällt es mir sehr gut. Einfach mal entspannt nach dem Gottesdienst zusammensitzen, ohne im Hinterkopf zu haben, dass man noch irgendwas erledigen muss. Ich konnte die Gemeinschaft viel mehr genießen. Und was erledigt werden muss, das muss ich dann entweder am Tag davor tun oder eben erst am Montag.

Wie Sie Ihren Ruhetag gestalten, hängt ganz von Ihnen ab. Für mich ist es zum Beispiel in Ordnung, auch am Ruhetag Dienste in der Kirche zu übernehmen. Ob ich das auch langfristig so handhaben werde, weiß ich noch nicht. Mir war es wichtig, erst mal anzufangen und ein bisschen Erfahrung zu sammeln.

Mit der zusätzlichen Zeit kann man in sich gehen und sich Gedanken machen, wie man den Ruhetag dann in Zukunft gestalten will. Ich kann Sie nur ermutigen, dem Ruhen auch in Ihrem Leben Platz zu geben. Am Ende wird es nicht nur Ihnen, sondern auch den Menschen um Sie herum guttun.

Jonathan Häußer ist Arzt und Sportwissenschaftler und fühlt sich vor allem in der Sport- und Ernährungsmedizin zu Hause. In seiner Freizeit ist er auch selbst sehr aktiv. Wenn er nicht gerade bei der Arbeit ist oder durch den Wald läuft, ist er häufig in der Gemeinde ICF Hamburg zu finden.

Roy Gerber mit seinen Hunden. (Foto: Reto Schlatter)

Roy schmeißt sein Millionärs-Dasein hin – und wird Therapiehundeführer

Roy Gerber besitzt einen BMW, eine Yacht und drei Firmen. Durch seine Golden Retriever-Hündin Ziba verliert er alles – und ist glücklicher als zuvor.

Als Inhaber von drei gutgehenden US-Firmen fährt er einen 7er-BMW, wohnt an der südkalifornischen Pazifikküste, lebt aber meist auf seiner Yacht in Huntington Beach. Er hat den Pilotenschein, besucht gern Pferderennen und lässt bei Frauen nichts anbrennen. Seine Chauffeur-Agentur „Private Driver“ ist in Hollywood beliebt und so feiert Roy Gerber bisweilen mit Sandra Bullock, Cameron Diaz oder den Spielerstars der Baseball- und Football-Szene. Bis er zufällig eines Samstagnachmittags einer alten Dame hilft, Heliumgas-Flaschen in ihren Kofferraum zu wuchten.

Im zweiten Anlauf schafft Gerber das Therapiehundeführer-Zertifikat

„Mit dem Helium blasen wir Luftballons auf. Unsere Gemeinde feiert eine Geburtstagsparty für sexuell missbrauchte Kinder. Kommen Sie doch mit“, sagt die Oma. Als Roy dort seine junge Golden Retriever-Hündin Ziba aus dem Auto springen lässt, ist sie bei den Kindern sofort der Star des Nachmittags.

Ein Hundetrainer fragt, ob er das Tier auf seine Eignung als Therapiehund testen dürfe. Roy ist einverstanden, nimmt an der Prüfung teil. Ergebnis: „Ziba könnten wir sofort gebrauchen. Sie nicht.“ Der ehrgeizige Unternehmer und gebürtige Schweizer nimmt das als Kampfansage. Im zweiten Anlauf macht er das Therapiehundeführer-Zertifikat.

Er lernt Leute der „Mariners Church“ kennen, im Gottesdienst singt ein Gospelchor, der Pastor predigt über Ehekrach und Vergebung. Roy Gerber hat eine geplatzte Verlobung hinter sich und wurde vor Kurzem von seiner neuen Freundin verlassen. „Meine Tränen flossen nur so und doch war ich dabei zutiefst glücklich. Der Gesang des Chores ließ eine geistliche Atmosphäre entstehen, die mich ins Herz traf und meine Sehnsucht nach Gott weckte.“

„Versprichst du mir, dass du dich um Kinder wie mich kümmerst?“

Auf einer Sommerfreizeit für sexuell missbrauchte Kinder im Schulalter – organisiert vom Verein „Ministry Dogs“ der „Mariners Church“, die Mitarbeitenden sind Kinderärzte, Traumatherapeutinnen, ein ehemaliger Undercover-Ermittler des FBI und viele Ehrenamtliche – dürfen die Kinder und Teenies „Briefe an Ziba“ schreiben und die Umschläge offen lassen oder zukleben. In zugeklebten Umschlägen liest sie niemand, auch nach der Freizeit nicht.

Die Briefe in den offenen Kuverts darf Roy Ziba „vorlesen“. Was da an Elend und Schmerz, Demütigungen und sexuellem Sadismus angedeutet wird oder zu lesen ist, reißt ihn endgültig heraus „aus dem ganzen Unternehmer-Tralala und Karriere-Bling-Bling“. Am Abfahrtstag des Sommerlagers – keins der Kinder will nach Hause – steckt ein Mädchen eine rote Feder in Zibas Halsband und sagt zu Roy: „Versprichst du mir, dass du dich um Kinder wie mich kümmerst?“ Es ist sein Berufungserlebnis. „I promise, I promise!“, ruft er heulend dem abfahrenden Bus hinterher.

Vom Millionär zum Tellerwäscher

Roy und sein Hund werden bei Überlebenden kalifornischer Waldbrände, in der Notfallseelsorge der Verkehrspolizei, in Altersheimen und Krankenhäusern therapeutisch eingesetzt. Was für ihn mehr Sinn macht, als Luftfilteranlagen und orthopädische Betten zu importieren oder Promis durch L.A. kutschieren zu lassen.

Mister Gerber verschenkt seine Betten-Importfirma und die „Private Driver“-Agentur an seine Mitarbeiter, weil er weiß: Der Verkauf der Luftfilter-Firma wird ihm Millionen bringen. Doch obwohl seine Anwälte und Banker wasserdichte Kaufverträge ausarbeiten, wird „Air Cleaning Solutions“ nach vier Jahren Rechtsstreit ein Raub mexikanischer Wirtschaftskrimineller.

„Ich hatte als 23-Jähriger in der Schweiz manchmal 35.000 Franken im Monat verdient. Jetzt, mit 39, waren die Millionen futsch und ich ganz unten angekommen.“ Er jobbt bei einer Cateringfirma, studiert Theologie, wird zum „Chaplain“ seiner Gemeinde ordiniert – „Krankenbesuche kannte ich ja, aber Trauungen und Beerdigungen musste ich erst lernen“ – und gründet das „Chili Mobile“ für Obdachlose und Drogenabhängige, eine fahrende Essensausgabe.

Zurück in die Heimat

„Gott bläst einem ja nicht mit dem Alphorn ins Ohr. Er bevorzugt leise Töne“, sagt Roy, als er während einer Gebetszeit dem Impuls folgt, für „Pennerpfarrer“ Ernst Sieber in Zürich zu beten. In den 90er-Jahren ist das „Sozialwerk Ernst Sieber“ ein medienpräsent angesehenes Hilfswerk für Obdachlose, Prostituierte und Drogensüchtige in der Schweiz. Roy ruft ihn an. Einfach so. Und Sieber sagt: „Wir suchen einen Stellvertreter für mich. Komm rüber!“

Es wird das Ende einer bewegten US-Karriere, der Anfang eines neuen Lebens im alten Herkunftsland. Vier Jahre arbeitet Roy Gerber in der „Sonnenstube“ Zürich, hat aber in Gesprächen mit Hilfsbedürftigen oft das Gefühl, nur den Symptomen und nicht den Ursachen abzuhelfen. Der eigeninitiative Gründer in ihm, der Start-up-Unternehmer, scharrt innerlich mit den Hufen.

„Jährlich 50.000 Minderjährige in der Schweiz sexuell missbraucht“

Ihn irritiert, warum in der Schweiz das Thema sexueller Missbrauch so oft mit Schweigen belegt wird. Auch und gerade in christlichen Kreisen. „Laut Medicus Mundi-Studie werden hier jährlich rund 50.000 Minderjährige sexuell missbraucht, ins öffentliche Bewusstsein ploppt das erst, wenn wieder mal ein Kinderporno-Ring entdeckt wird. 55 Prozent der bipolaren Störungen, 80 Prozent der Borderline-Störungen, Magersucht, dissoziative Störungen, Lern- und Konzentrationsschwächen sind oft auf Missbrauch zurückzuführen.

Der wird aber erst vermutet, wenn physische Gewalt nachweisbar ist? Dann sollten die Opfer eine geschützte Gelegenheit bekommen, zu reden. Was sie nicht tun, solange ihre Angst bedrohlicher ist als ein Messer. Aber auch die Angst der Mitarbeitenden muss aufhören, in Kitas, Schulen, Vereinen und Kirchen verdächtige Beobachtungen zu melden. Es geht nicht um Generalverdacht, sondern um qualifizierte Hilfe für verstummte Opfer.“

„Wir sind Wegbereiter und Wegbegleiter, keine Ermittler, sondern Vermittler“

Roy Gerber, eine Kinderärztin, ein Staatsanwalt, drei Polizisten, zwei Sozialpädagoginnen, ein Treuhänder und etliche beratende Experten gründen 2012 den Verein „Be unlimited“ und dessen „Kummer-Nummer“, eine schweizweite Telefon-Hotline, anonym und kostenlos, täglich rund um die Uhr mit geschulten Zuhörenden besetzt. „Wir sehen keine Nummer auf unseren Displays, es wird nichts aufgezeichnet, wir geben keine Infos an die Polizei, weil das zunächst die Opfer gefährden könnte.

Wir sagen auch nie ’sexueller Missbrauch‘, sondern fragen nach ‚Kummer‘ und nach ‚Ermutigung‘. Wenn ein Kind oder Jugendlicher es wünscht, fahren wir auch hin. Immer zu zweit, immer mit Therapiehunden. Wir sind Wegbereiter und Wegbegleiter, keine Ermittler, sondern Vermittler. Kommt es zu polizeilicher Strafverfolgung, können wir helfen, Kinder in sicheren Pflegefamilien unterzubringen.“

Golden Retriever-Hündin Ziba stirbt

„Der 17. Dezember 2013 war einer der traurigsten Tage meines Lebens.“ Als Golden Retriever-Hündin Ziba stirbt, ist Roy Gerber todunglücklich. „Sie lag im Helikopter neben mir, wenn wir zu Waldbränden flogen. Sie begleitete mich zu Gefängnisbesuchen und Ferienlagern. Sie tröstete unzählige Kinder in Krankenhäusern und Heimen. Durch Ziba hatte ich meine Berufung gefunden. Jetzt musste ich sie gehen lassen.“ Das Mädchen vom Sommerlager in Kalifornien hat er nie wiedergesehen. Ihre rote Feder aus Zibas Halsband aber, die hat er immer noch.

Andreas Malessa ist Journalist. Aktuell von ihm erhältlich sind die Titel: „111 Bibeltexte, die man kennen muss“ (emons) und „Am Anfang war die Floskel“ (bene!).

Kummer-Nummer: Hast Du Kummer … und bist dir nicht sicher, wohin damit? Und schämst dich, darüber zu sprechen? Weil du unsicher bist, ob etwas, das du erlebt hast, normal ist? Wir können dir weiterhelfen: Tel: 0800 66 99 11; E-Mail: Help@kummernummer.org Anonym, diskret, kompetent, gratis, rund um die Uhr. www.kummernummer.org

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Andrea Zogg (links) und Marco Schädler in Stefan Zweigs "Die Auferstehung des Georg Friedrich Händel". (Foto: profile productions)

„Was hab‘ ich Angst gehabt“: Plötzlich fürchtet Tatort-Kommissar Andrea Zogg um seine Karriere

Mit Anfang 50 kann Andrea Zogg immer schlechter Texte auswendig lernen. In seiner Verzweiflung hilft ihm der Komponist Georg Friedrich Händel.

Manchmal sind es bis zu 12 Millionen Leute, die sonntagabends „Tatort“ gucken. Spielte die Folge in Bern, war Andrea Zogg der Kommissar. Im „Tatort“ aus Zürich ist er mal der Bösewicht, mal der Retter. Die Staffeln der Serie „Zürich-Krimi“ heißen immer „Borchert und …“, Andrea Zogg hat darin mehr als zehnmal mitgespielt, 2011 war er für den Schweizer Filmpreis als „Bester Darsteller“ nominiert, 2020 als „Beste Nebenrolle“ im Film über den Schweizer Reformator Ulrich Zwingli und, ja, einmal gab’s sogar einen Oscar für den besten ausländischen Film. Im aktuellen Kino-Blockbuster „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ steht Andrea Zogg an der Hotelrezeption.

Auf der Bühne, am Konzertflügel, sitzt Georg Friedrich Händel (1685–1759) mit Perücke und Schnallenschuhen. Am Schreibtisch steht Schriftsteller Stefan Zweig (1881–1942) und erzählt, wie Händel tödlich erkrankt zu Boden fällt – ein Schlaganfall? Ein Herzinfarkt? Und der Notarzt sagt: „Er wird nie mehr komponieren können.“

Tatort-Kommissar singt Kirchenlieder

Schauspieler Andrea Zogg weiß, wie man mit sonorer Sprechstimme und wenigen ausdrucksstarken Gesten das Publikum auf die vorderen Stuhlkanten lockt. 70 spannende Minuten lang rezitiert er auswendig, wie G.F. Händel aus Halle in Sachsen überraschend gesund wird, sich 1741 in seiner Londoner Wohnung einschließt und in nur 23 Tagen sein berühmtestes Werk schreibt: „Der Messias.“ Seit 250 Jahren wird es von vielen Chören und Orchestern der Welt aufgeführt, meist zu Ostern, und selbst religionsferne Tatort-Gucker würden etliche Melodien daraus wiedererkennen.

Den Zuschauern stockt der Atem: Andrea Zogg kann Teile aus Händels „Messias“ richtig gut singen! In einer Art szenischer Popversion, während Pianist Marco Schädler ein furioses Medley inklusive „Stairway to heaven“ oder „Crazy Diamond“ von Pink Floyd drunterlegt. Und dann setzt er noch einen drauf: Das „Große Halleluja“ singen die Zuschauer begeistert mit.

Ein Schauspieler, der Texte vergisst

„Das war meine Auferstehung“, erzählt Andrea ganz untheatralisch nach der Show, „ich war Anfang 50 und konnte immer schlechter Texte behalten. Katastrophal für einen Schauspieler: Du bist nicht gut im Auswendiglernen?! Was hab‘ ich Angst gehabt am Filmset, was hab‘ ich mich durchgemogelt! Kleine Zettel in die Möbel oder in die Kostüme gesteckt, genuschelt, geschummelt – und dann wurde ich auch noch krank. Irgendein Virus. Da las ich Stefan Zweigs ‚Die Auferstehung des Georg Friedrich Händel‘ und dachte: Das muss man mal aufführen! Meine Frau sagte: ‚Das schaffst du nicht mehr. Eine Stunde Text? Solo?'“

Andrea Zoggs Elternhaus in einem Graubündner Dorf war nominell evangelisch, aber nicht religiös. „Meine Oma gab mir eine Kinderbibel, da fand ich nur die Bilder mit Schlangen und wilden Tieren interessant. Dann flog ich von der Schule wegen schlechtem Betragen, kam auf ein Internat und ging in den Schulchor, Händels ‚Messias‘, ein Jahr lang geprobt. Wir waren so geflasht von der Wucht der Texte und der Musik, das haben wir noch nachts in der Kneipe gesungen.“

„Nach 16 Jahren mit einem behinderten Kind waren unsere Batterien einfach leer“

Er fällt an der Schauspielschule durch die Prüfung, studiert Geschichte und Germanistik auf Lehramt, seine Schwester wird Theatermalerin an der Landesbühne Hannover und der Berliner Schaubühne. Durch ihre Vermittlung wird er doch noch angestellt, macht Karriere am renommierten Frankfurter Theater am Turm, am Schauspielhaus Wien, am Theater St. Gallen, wird fürs Fernsehen und Kino entdeckt, heiratet, bekommt drei Söhne und – zieht mit seiner Familie in jenes Schweizer Bergdorf zurück, „wo die Betreuung unseres autistisch-epileptischen Jungen besser gewährleistet ist. Nach 16 Jahren mit einem behinderten Kind waren unsere Batterien einfach leer.“

Andrea Zogg macht eine Pause. Was er und seine Frau durchgestanden haben, ist vorstellbar. Harte Medikamente, heftige Nebenwirkungen, Unfälle im Haushalt, kaum gesundheitliche Fortschritte. „Unser mittlerer Sohn ist jetzt 33 und lebt im betreuten Wohnen auf einem Bauernhof, es geht ihm gut. Der ältere und der jüngste sind beruflich bei Filmproduktionsfirmen gelandet.“

Gedächtnisprobleme verschwinden

Jetzt grinst Andrea wieder: „Ich las von Georg Friedrich Händel am Tiefpunkt seines Lebens, wie er von der Auferstehung des Jesus Christus singt und musiziert. Und dabei seine eigene körperliche, mentale und künstlerische Auferstehung in nur drei Wochen erlebt. Ich lernte den Text von Stefan Zweig und – es ging plötzlich! Ich hab‘ seither keine Gedächtnisprobleme mehr beim Drehen. Als meine Mutter mit 95 Jahren starb, bot ich dem Pfarrer an, das Stück an ihrer Trauerfeier vorzutragen. Es war die erste Aufführung, die Marco Schädler und ich in einer Kirche machten. Meine Auferstehung, wenn du so willst.“

Andreas Malessa (66) wurde bekannt als Teil des Gesangsduos „Arno & Andreas“ und gab rund 1.400 Konzerte im In- und Ausland. Nach Abitur und Theologiestudium in Hamburg zog der „überzeugte Norddeutsche“ als Wahl-Schwabe in die Nähe von Stuttgart, ist seit mehr als einem Vierteljahrhundert verheiratet, hat zwei fast erwachsene Töchter, liebt Fernreisen, gute Romane, Rotwein und kritisch mitdenkende Zuhörer.

Opernsänger John Treleaven. (Foto: Lawrence Richards)

John Treleaven singt sich vom Fischerdorf auf die Opernbühne – dann zerstört der Alkohol beinahe seinen Traum

Für den britischen Opernsänger John Treleaven zählt nur die Kunst. Wenn es ihm zu viel wird, trinkt er ein paar Bier – bis er mit 40 lebensgefährlich erkrankt.

„Ich habe nicht gewusst, wie sehr das unter die Haut gehen würde! Aber es war eine wunderschöne Zeit!“, sagt John Treleaven im Rückblick auf die knapp vier Wochen, die er zusammen mit seinem Sohn Lawrence im Sommer 2018 in Cornwall verbracht hat. Als Sohn eines Fischers kam er in dem winzigen Dorf Porthleven vor 71 Jahren auf die Welt. Dass er eines Tages in London Gesang studieren und danach auf den großen Opernbühnen der Welt zu Gast sein würde, konnte damals keiner ahnen.

Dieser Lebensweg und der tiefe Glaube an Gott durch alle Krisen hindurch faszinierten Sohn Lawrence schon immer. Seit er angefangen hatte, Film zu studieren, stand für ihn fest: „So eine Heldengeschichte funktioniert auch im Kino. Eines Tages mache ich einen Film über meinen Vater!“ Von da an begleitete er seinen Vater immer wieder zu besonderen Auftritten, filmte Backstage, befragte Opernkollegen und Vorgesetzte.

Der rote Faden fehlt

Jede Menge Filmmaterial kam zusammen. Aber der „rote Faden“ für die Handlung fehlte ihm und es gab noch ein „Problem“, erinnert sich der heute 40-Jährige: „Mein Vater war damals noch so tief in seiner Berufswelt, dass er nicht bereit war, sich als Privatperson zu präsentieren, und er hätte aufpassen müssen, dass er nicht über gewisse Sachen spricht, die ihm hätten schaden können.“

Aber der richtige Zeitpunkt würde kommen, da war er sicher. Weil er mit seiner Produktionsfirma „indievisuals“ so ein Projekt nicht alleine stemmen konnte, holte er sich Unterstützung bei den Kollegen von MAPP Media GmbH. Zusammen mit der Dramaturgin Rebecca – die heute seine Frau und Mutter seines Sohnes ist – entwickelte er ein stimmiges Konzept.

Einzelzimmer gab es aus Kostengründen nicht

Das Kernstück des Films sollte eine gemeinsame Reise von Vater und Sohn nach Cornwall sein. Die finanziellen Mittel kamen durch die Filmförderung von Hessenfilm, die Kulturförderung Rheinland-Pfalz und eine aufwendige Crowdfunding-Aktion zusammen.

Im Juli 2018 ging die Reise los. Vater und Sohn fuhren aber nicht alleine nach Cornwall, sondern zusammen mit einer dreiköpfigen Filmcrew. Das Budget war knapp und so reisten sie zu fünft im Multivan, der bis auf den Dachgepäckträger mit Technik und Filmequipment vollgepackt war. Einzelzimmer gab es aus Kostengründen nicht.

Sohn über Vater: „Er ist supercool geblieben“

Lawrence lernte seinen Vater von einer neuen Seite kennen: „Er ist supercool geblieben, die ganze Zeit. Obwohl es sauanstrengend war. Und es war krass, wie positiv mein Vater immer geblieben ist! Wir waren auf engstem Raum zusammen. Da gab es immer mal wieder Stress im Team. Aber wenn mein Vater kam, war es nicht ein einziges Mal stressig. Er hat alle so positiv beeinflusst am Set!“ Auch Vater John entdeckt bisher Unbekanntes am Sohn: „Ich konnte ihn als Profi beobachten! Das war für mich ein neues Erlebnis. Er war ziemlich schweigsam bei der Arbeit. Wir haben ihn ‚One-Word-Lawrence‘ genannt. Ich konnte täglich sehen und erleben, wie er funktioniert!“

Lawrence stand während des Drehs mächtig unter Druck. Viele Leute hatten Geld gespendet für den Film „Son of Cornwall“, da musste er liefern. Außerdem war er Produzent, Regisseur, manchmal sogar Kameramann und immer zweitwichtigste Person vor der Kamera.

„Ohne Gott wäre ich heute wahrscheinlich tot“

Wie bei einer Dokumentation üblich, gab es kein Drehbuch, sondern die Drehorte gaben das Thema vor. Diese Rechnung ging in einem besonderen Fall nicht auf, erinnert sich Lawrence: „Als wir in der Kirche in Porthleven zusammengesessen haben, wollte ich natürlich mit ihm über seinen Glauben reden. Also fragte ich ihn: ‚Wieso glaubst du so stark?‘ Dann hat er gesagt: ‚Ohne Gott wäre ich heute wahrscheinlich tot.‘ Unter Tränen hat er über seine Alkoholsucht gesprochen! Das wollten wir eigentlich erst später in der Kneipe thematisieren. Aber in diesem Moment habe ich verstanden, wie sehr der Glaube meinem Vater aus der Sucht herausgeholfen hat.“

Alkohol war für John Treleaven seit Teenagerzeiten ein „treuer Begleiter“. Es war ganz normal, mit seinem Vater in der Kneipe von Porthleven ein Bier zu trinken. Während des Gesangsstudiums und später als gefeierter Operntenor griff er auch oft zur Flasche. „Wenn es irgendwie eng wurde, wenn es mir zu viel wurde, trank ich ein paar Bier, Whiskey, egal was, und dann war das Leben für mich wieder leichter zu handhaben!“, so bringt er es heute auf den Punkt.

Mit vierzig lebensgefährlich erkrankt

Wenn ein Arzt ihm vor Augen hielt, dass der Alkohol ihm massiv schade, dann suchte er sich einen anderen. Für ihn zählte nur die Kunst. Bis er mit vierzig lebensgefährlich erkrankte. Zusammen mit seiner Frau Roxane beschloss er, einen Entzug zu machen.

Erst als sein Vater für einige Wochen in der Klinik war, verstand der damals neunjährige Lawrence, dass sein Vater alkoholkrank war. Das Familienleben war immer harmonisch verlaufen, der Alkohol hatte John immer lockerer gemacht, aber nie aggressiv. Als der Vater nach dem Entzug nach Hause kam, hatte er sich verändert. „Ich habe gesagt: ‚Papa, du warst viel lustiger, als du noch getrunken hast!‘ Da hat er mit mir geschimpft und ich fand das doof“, erinnert sich Lawrence.

„Ich kam an einen Punkt, da konnte ich gar nicht mehr anders als trinken“

John Treleaven holte sich Unterstützung in einer Selbsthilfegruppe. Er betete intensiv. Trotzdem hatte er immer wieder Rückfälle. Er sprach mit mehreren Pfarrern darüber, hoffte, dass sie ihm Hilfe anbieten könnten. Die Sätze, die er damals oft hörte, sind ihm noch in guter Erinnerung: „‚John, du bist Künstler, das ist bei denen eben so!‘ Und so habe ich meinen zerstörerischen Weg fortgesetzt. Ich kam an einen Punkt, da konnte ich gar nicht mehr anders als trinken. Manche sagen vielleicht, Gott hätte doch eingreifen und sagen können: ‚Hey John, du liebst mich doch! Hör auf damit!‘ Aber so handelt der liebende Gott nicht! Jeder hat die Freiheit, selbst zu entscheiden! Gott war immer bei mir. Ich habe ihn aber weggeschoben!“

Nicht zu trinken, war für ihn über Jahrzehnte ein täglicher Kampf. Heute ist er glücklich, dass er seit acht Jahren trocken ist. Für den pensionierten Opernsänger steht fest: „Dafür ist Gott verantwortlich. Jesus hat mich am Kreuz gerettet. Er ist für mich gestorben!“ Ähnliche Worte sprudelten aus John Treleaven vor laufender Kamera heraus, als er mit seinem Sohn in der alten Kirche in Porthleven war.

„Hoffnung geben“

Hat das Heldenbild, das Lawrence von seinem Vater hatte, nicht heftige Kratzer bekommen? „Nein, im Gegenteil! Durch die Reise ist er noch mehr zu meinem Helden geworden! Auf einer menschlichen Ebene“, erklärt Lawrence. Das hatte auch Auswirkungen auf die Kernaussage des Films. „Ursprünglich war meine Intention: Dem Zuschauer Hoffnung und Mut zu machen, seinem Traum zu folgen, weil ich mir immer gesagt habe: Wenn mein Vater es in diese Liga schaffen kann aus den Verhältnissen, aus denen er stammt, dann kann jeder seinen Traum erfüllen! Aber je mehr ich in diesen Film hineingestiegen bin, umso mehr merkte ich: Es ist ein Film, der den Glauben in den Vordergrund rückt und Menschen, die auch in schwierigen Situationen stecken, die vielleicht selber alkoholkrank sind, Hoffnung geben kann, dass sie es mit Gottes Kraft schaffen können.“

Die gemeinsame Reise nach Cornwall hat John Treleaven und Lawrence Richards noch enger zueinander finden lassen. Aus Vater und Sohn wurden Vertraute, die sich auf Augenhöhe begegnen und stolz aufeinander sind.

Sabine Langenbach ist kein Opernfan. John Treleaven hätte sie aber gerne mal live auf der Bühne erlebt. Die Journalistin, Speakerin und „Dankbarkeitsbotschafterin“ lebt mit ihrer Familie in Altena/Westfalen (sabine-langenbach.de).

Foto: Rüdiger Jope

Mehr als Obst und Gemüse: Auf Frühschicht im Lebensmittelgroßhandel

Stefan Lindner beliefert Schulen, Restaurants und Altenheime mit Lebensmitteln. Ob der Apfel aus Deutschland oder der aus Neuseeland eine bessere Umweltbilanz hat, ist dabei nur ein Problem unter vielen.

Es ist 5:08 Uhr. Ganz Deutschland schlummert dem Tag noch entgegen. Ganz Deutschland? Nein! Im modernsten Frischezentrum Deutschlands direkt an der A5 in Frankfurt am Main wird rund um die Uhr gearbeitet. LKWs stehen wie aufgefädelte Perlen an einer Rampe. Gabelstapler brummen. Rollwagen werden scheppernd in Laderäume bugsiert.

Besuch im Königreich der Vitamine

Kistenweise stapeln sich gemüsige und fruchtige Köstlichkeiten aus der ganzen Welt. Ihre Farbenpracht lässt mich die Dunkelheit vergessen. Ich erklimme eine Alutreppe. Lindnerfood. „Alles frisch.“ An der Tür begrüßt mich Lebensmittelgroßhändler Stefan Lindner (34). Er bittet mich in sein Königreich der Vitamine. Ich lerne an diesem Tag: Nachtschichten sind nicht nur furchtbar, sondern auch fruchtbar.

Eine heiße Kaffeetasse wärmt meine kalten Hände. „Wir machen mehr als Obst und Gemüse“, erklärt mir der jugendlich-drahtige Obstprofi, während er die fertigen Auslieferungszettel am PC kontrolliert. Ein Mitarbeiter ruft: Haben wir bei Tour eins an die zweieinhalb Kilogramm Kartoffelstifte für die Kita gedacht? Sind bei der Tour sieben für das Hotel die Kisten mit dem grünen Spargel dabei? Telefone klingeln. Mitarbeiter nehmen Bestellungen auf. Es ist hektisch. Doch Lindner agiert gelassen.

Vom Kartoffelschäler zum Großhändler

Großvater Lindner besaß eine kleine Landwirtschaft. Nach dem Krieg fing er an, Kartoffeln zu schälen. Doch wie liefert man die geschälten Rohlinge an die Amerikaner, in Krankenhäuser, ohne, dass die Stärke sie schwarz färbt? Bald darauf schwammen die Kartoffeln in Wasserbottichen zu den Kunden. Diese fragten nach: Könntest du uns nicht noch dieses oder jenes frisch mitliefern?

Irgendwann wurde der Kartoffelschälbetrieb eingestellt und ein Einzelhandelsgeschäft gegründet. Dabei waren auch ein paar Gastrokunden. Der Sohn stieg mit ein. Ihm fiel auf: Der Gastwirt muss nach oder vor der Kneipenöffnung auf den Großmarkt losziehen, um sich mit frischer Ware für die Küche einzudecken.

Ein Geschäftsmodell wird geboren: Sag mir, welche Produkte du brauchst, welchen Anspruch an Qualität du hast – und ich besorge sie dir. Ich arbeite für dich, während du schläfst. „Wir gehen mit den Augen unserer Kunden durch den Großmarkt“, erklärt mir Stefan, während er den Packen Kommissionsscheine in die Ablagen platziert. Mit einem LKW ging es los, inzwischen rollen täglich 15 vom Hof, über 115 Angestellte bestücken Altenheime, Großküchen, Restaurants, Schulen und Gastronomen mit nahrhaften Produkten.

110 Großhändler versorgen fünf Millionen Menschen

Wir streifen uns die Jacken über. Wenige Momente später stehen wir im Herzen des Frankfurter Frischezentrums. 110 Großhändler versorgen von hier aus täglich vier bis fünf Millionen Menschen mit frischem Obst und Gemüse. Auf 23.000 m2 wird mit allem gehandelt, was die Magenfrage sättigt. Am 800 m2 großen Stand von Lindner stehen Karotten in den Farben orange, orange-violett, gelb, weiß bereit. Mangos. Orangen. Weintrauben. Rosenkohl. Mangold. Litschis. Peperoni.

Lindnerfood kauft die Ware weltweit, aber vor allem regional ein. Ab Mitternacht startet der Direktverkauf. Bis in die frühen Morgenstunden holen Stammkunden hier frische Ware ab. Eine einsame Eidechse (Elektrokarre) hupt sich an uns vorbei. Es ist kurz nach sieben Uhr. „Das ist die Ruhe nach dem Sturm, jetzt wird aufgeräumt, die Flohmarkthändler sind auf Schnäppchenjagd“, so der Juniorchef.

„Was macht ihr mit der Ware, die ihr nicht verkauft?“

Stefan schaut über die Reste. Befühlt die Avocados, lässt mich ein Stück Ingwer probieren. Fruchtig-scharf. Er macht sich Notizen, bespricht sich mit einem Mitarbeiter. „Was macht ihr mit der Ware, die ihr nicht verkauft?“, frage ich. Lindner lächelt. „Das kommt zum Glück selten vor und wenn, dann spenden wir es der Arche oder der Frankfurter Tafel.“ Für den Einkauf und den Verkauf ist Fingerspitzengefühl nötig. Die Spekulationsfrist bei Obst und Gemüse ist kurz. Das Angebot und die Nachfrage regeln den Preis.

Lindner zeigt auf wenige Melonen. „Im Sommer ist das der Renner. Wir bestellen große Mengen. Plötzlich schlägt bei uns die Hitze in Regenwetter um. Wir bleiben auf dem Produkt sitzen, der Preis fällt. Umgekehrt: Es regnet in Spanien. Hier ist es heiß, Melonen werden uns zu hohen Preisen aus den Händen gerissen.“ Marktwirtschaft in Reinform.

Wir treten durch eine Art Plexiglastür. Vier Grad. Mich fröstelt. Im Salatkühlhaus lagern Lollo rosso, Lollo bionda, Eichblattsalat, Feldsalat, Pilze, Küchenkräuter wie Kerbel, Kresse, Petersilie, Sauerampfer, Schnittlauch. Stefan zieht einen Keimling raus, lässt ihn mich schmecken. „Nussig?“ Lachen. Das ist der Trend für Snacks auf dem kalten Buffet 2022.

Schon als Kind Bestellungen aufgenommen

Bei einem Frankfurter Würstchen und einem zweiten heißen Kaffee schütteln wir uns die Kälte an einem Imbissstand im Großmarkt aus den Gliedern. War seine Karriere vorgezeichnet? „Überhaupt nicht“, entfährt es Stefan. Er grinst.

Die telefonische Privatnummer der Familie war anfänglich auch die Geschäftsnummer. Stefan erinnert sich: Das Telefon klingelte. Er hob ab. Sein Gesprächspartner am anderen Ende sprudelte los: eine Kiste Tomaten, zwei Kisten Gurken! Er legte den Hörer auf und vertiefte sich wieder ins Spiel.

„Das hat Spaß gemacht!“

Die Mutter entdeckte den Zettel mit der Kinderschrift. Welcher Kunde war es? Für welchen Tag hat er bestellt? Keine Ahnung! Lachen. „Wir Kinder konnten noch nicht lesen, haben aber die Rechnungen der Lieferanten schon nach Logos sortiert“, so Lindner.

In den Ferien besserte er sein Taschengeld mit dem Kommissionieren der Ware und dem Fegen der Halle auf. „Das hat Spaß gemacht!“ Ich nehme es ihm ab. Nach dem Abitur studierte er BWL, stieg in eine Unternehmensberatung ein. Irgendwann fragte der Vater: Wie sieht es aus? Wir wollen planen. Mit dir oder ohne dich? Stefan sagt in aller Freiheit: Plant mit mir!

Was bedeutet Qualität?

Das Smartphone klingelt. Vier leitende Angestellte einer Warenhauskette lassen sich an diesem Morgen Betrieb und Produkte zeigen. Ich laufe mit und lerne viel über Anbau, Ernte, Handel: Die Ananas reift von unten nach oben. Sie ist keine nachreifende Frucht! Von der Pflanzung bis zur Ernte braucht sie anderthalb Jahre. Unten schmeckt besser als oben.

Mangos werden von Hand zu Hand gereicht. Lindner stellt die drei Kategorien vor: 1. Unreif geerntet – unreif im Verkauf. 2. Unreif geerntet – und nachgereift (wie Bananen). 3. Baumgereift. Umfragen sagen: Leute kaufen zu 100 Prozent nach Qualität ein. Doch was meint Qualität? Haltbarkeit? Geschmack?

Der Vitaminprofi doziert: Je niedriger der Zuckergehalt, umso haltbarer und unreifer ist das Obst und das Gemüse. Das birgt wenig Risiko für den Transport, die Lagerung. Ich verstehe. „Da kann ich einen guten Preis machen, weil ich wenig Verluste habe. Wenn ich jetzt aber auf Geschmack setze, dann ist die Haltbarkeit extrem beschränkt“, sagt’s und schneidet uns mit einem Taschenmesser eine rotgelbe Mango auf. Ein Feuerwerk der Geschmackssinne. Lecker. Süß. „Der Verbraucher muss sich daher die Frage stellen: Was ist eigentlich das Kriterium, nach dem ich einkaufe? Haltbarkeit, Geschmack, Regionalität?“, so der Juniorchef.

„Wir sind Problemlöser für den Kunden“

Wir laufen einmal quer über den Hof. Meine Frage, für was Lindnerfood steht, beantwortet sich hinter den großen Alutüren. „Alles frisch!“ In den gekühlten Hallen ziehe ich den Reißverschluss meiner Jacke zu. Aufgetürmte Eimer mit Kartoffelsalat, vorgekochte Eier, brühfertige Maultaschen, Paletten mit Joghurts warten auf Abholung.

Lindner erklärt: „Wir sind Vollsortimenter!“ Bei belegten Brötchen und einem dritten Kaffee wird er später fortsetzen: „Wir sind Problemlöser für den Kunden. Solange wir es besser machen, kauft er bei uns.“ Das überzeugt nicht nur mich, sondern auch die, die an diesem Tag bei Lindnerfood reinschnuppern.

Ein Mitarbeiter kommt auf Stefan zu. Eine Palette mit grünem Spargel ist übrig. Zu welchem Preis wird diese „verschleudert“, damit sie nicht verdirbt, aber eben doch noch was abwirft? Aufmerksam wendet sich Lindner der Frage zu, sortiert im nächsten Atemzug einen angefaulten Apfel aus.

„Ehrlich zu sein, zahlt sich langfristig aus“

Vor den Bananenkisten kommen wir zum Stehen. „Nicht die Firma zahlt das Gehalt, sondern der Kunde! Damit man einen Verdienst hat, muss man erst mal dienen!“ Dass dies keine leeren Worte sind, erlebe ich in dieser Frühschicht hautnah.

Wir reden über Werte. Bei Lindnerfood läuft nichts an der Steuer vorbei. „Ehrlich zu sein, zahlt sich langfristig aus.“ Die losgeschickte Ware in Spanien war top – die Ware kommt hier an, sieht schlecht aus: „Jetzt kann ich reklamieren. Doch stimmt das? Wenn ich heute Fotos von der Ware mache, kann ich ja auch Fotos von der Ware von letzter Woche schicken. Aber eigentlich habe ich mich verkalkuliert. Ein Mitarbeiter war in der Versuchung. Nein, wir stehen zu unseren Fehlern. Wir sind ehrlich.“

Kein Gegensatz zwischen Leben und Arbeiten

Seit zwei Jahren ist Stefan einer der drei Teilhaber. Jetzt muss er nicht mehr um ein Uhr nachts ran, sondern gehört mit sieben Uhr zu den Spätaufstehern der Firma. Was ihn glücklich macht? „Wenn ich positives Feedback von Lieferanten und Kunden bekomme, die Umsätze und Deckungsbeiträge stimmen, ich merke, dass es vorwärts geht.“ Den Ansatz von Work-Life-Balance hält er für verfehlt. Er impliziere: Es gibt einen Gegensatz zwischen Leben und Arbeiten.

Für Stefan ist die Arbeit integraler Bestandteil des Lebens. „Ich muss die Entscheidung treffen: Welchen Platz will ich der Arbeit in meinem Leben geben? Ich entscheide mich für die Priorität. Das verändert sich doch im Laufe des Lebens, den unterschiedlichen Lebensphasen.“ Arbeit ist für ihn nicht Übel, sondern Erfüllung.

„Flug, in Zeiten von Nachhaltigkeit?“

Wir stehen vor den Beeren. Trendobst 2022. Heidelbeeren, Brombeeren, Himbeeren, Erdbeeren. Was sollte der MOVO-Leser einmal probieren? „Stinkfrucht!“ „In echt?“ „Nein“, lacht Stefan. „Eine reife Flugmango.“ „Flug, in Zeiten von Nachhaltigkeit?“ Stefan erteilt mir Nachhilfe. „Früchte aus Südamerika? Ist das nicht sündig?“ Ich lerne: Die Ware wird in der Regel im Frachtraum eines Passagierflugzeugs mitgeliefert.

Die Mango landet hier, weil es einen internationalen Touristik- und Geschäftsbetrieb gibt, der macht das eigentlich erst möglich. „Ist das jetzt schlecht, dabei Ware mitzunehmen?“ Stefan greift nach einem Apfel. Boskoop. Wann wird dieser geerntet? Im Herbst. Was passiert mit den Äpfeln vom Herbst bis zum Frühjahr? In gekühlten Hallen wird ihnen der Sauerstoff entzogen und Stickstoff hinzugegeben.

Dadurch wird der Reifungsprozess gestoppt. „Doch was bedeutet dies für die CO2-Bilanz für so einen regionalen Apfel? Die ist, je nach Zeitpunkt, möglicherweise schlechter als die des Apfels, der aus Neuseeland importiert wird!“, so der Betriebswirt. Ich ahne: Die Frage nach Gut und Böse im Lebensmittelbereich, nach fairer Bezahlung, nach Qualität ist vielschichtiger, komplizierter, nicht auf den sprichwörtlichen Bierdeckel zu packen. Alles hängt mit allem zusammen. Es ist komplex.

„Christsein ist nicht geschäftsschädigend“

Stefan ist Christ. Evangelisch. Prädikant. Welche Rolle spielt der Glaube im Kühlhaus, am Verkaufsstand? „Das Gebot der Nächstenliebe spornt mich an, das Beste für den Kunden zu wollen.“ Lachend fügt er an: „Christsein ist nicht geschäftsschädigend.“

Ich hake nach: Redet dir Jesus in die Firma rein? „Im Optimalfall ja! Jesus war ein Mensch der klaren Worte. Aber eben auch jemand, der unglaublich viel Wertschätzung rübergebracht hat. Beides brauchen wir im Betrieb.“ Deswegen setzt man bei Lindnerfood auch auf Fehlerkultur. Hier wird niemandem der Kopf abgerissen, jeder bekommt bei Einsichtigkeit eine zweite Chance.

Der Wind spielt mit einer leeren Papiertüte an der verlassenen Rampe. Ich will ins Auto, Stefan wird nachher mit dem Rennrad eine Runde durch den Taunus drehen und nachmittags in der Fernsehsendung „Hallo Hessen“ den Obst- und Gemüseerklärer geben. Wie bestellt bricht die Sonne durch den Himmel, bescheint die Früchte in meiner Tüte, Slogan: Here comes the sun.

Rüdiger Jope liebt Bananen, kann aber auch Zucchini, Mangold und Pommes Frites etwas abgewinnen.

Lokführer Martin Mallek sitzt im Cockpit seines ICE. (Foto: Rüdiger Jope)

Alltag eines Lokführers: „Man kann sich nicht erlauben, mal wegzuträumen“

Martin Mallek wollte schon als kleines Kind Lokführer werden. So geht er damit um, für einen ICE mit tausend Menschen verantwortlich zu sein.

Wenn wir als Kinder draußen spielten und das rhythmische Stampfen der Lokomotive vom nahen Bahnhof an unsere Ohren drang, gab es nur einen Weg: raus durch das kleine, rostbraune Gartentor und rauf auf die Brücke. Wenn dann die Dampflok rauchend und zischend um die Ecke schnaufte, der Lokführer unser Winken mit einem Signaltongruß erwiderte, verschwanden wir Momente später jauchzend und hüpfend in einer gigantischen Rauchwolke.

Hbf Dortmund, 9:08 Uhr. 45 Jahre später stehe ich einem meiner Kindheitsidole gegenüber: Martin Mallek (61). Lokführer. Er strahlt mich an. Soeben ist der Intercity-Express „Passau“ in den Dortmunder Hauptbahnhof aus Aachen eingefahren. Pünktlich.

Zahlreiche Lampen blinken

Mit der Corona-Faust verabschiedet der Eisenbahner seinen Kollegen. Mit einem Schlüssel öffnet er eine Glastür. Dann stehen wir in Martin Malleks Reich. Ein Cockpit zieht sich über die ganze Breite des Fensters. Das Hauptsignal steht bereits auf Grün. Während ich auf einem Klappsitz Platz nehme, über die verwirrend vielen Lämpchen, Hebel und Schalter staune, setzen sich die 900 Tonnen mit 9.000 PS um 9:09 Uhr Richtung Berlin in Bewegung.

„Nur keine Scheu.“ Martin Mallek winkt mich neben sich. Engagiert erklärt er mir seine Werkbank. Die kennt er im Schlaf. Über das Display erhält er wichtige technische Informationen zum gesamten Zug und kann verschiedene Schaltungen vornehmen. Der Bildschirm zeigt ihm seinen Fahrplan oder auch technische Vorgänge im Zug an. Zahlreiche Lampen blinken.

Doppelte Geschwindigkeit bedeutet vierfacher Bremsweg

Er erklärt: Durch das unterschiedliche Aufleuchten der Leuchtmelder erhält er Informationen über die Zugbeeinflussungssysteme an der Strecke. Er sieht die Fragezeichen auf meinem Gesicht. Schmunzelnd erklärt er mir: Bei Verdopplung der Geschwindigkeit vervierfacht sich der Bremsweg. Mit den normalen Signalabständen würde das rechtzeitige Bremsen nicht funktionieren, daher braucht es ein System, was die Fahrt beeinflusst.

Das ist „die Linienzugbeeinflussung (LZB)“, so Mallek. Der Sender im Gleis und unter der Lok zeigt ihm, wie die Strecke auf den nächsten Kilometern aussieht. Die Sender kommunizieren mit dem Stellwerk, den Computern auf der Strecke, dem Lokführer. Martin Mallek verweist auf einen roten Leuchtmelder. Blinkt dieser, ist die Geschwindigkeit zu hoch.

Führerloser Zug im Vollsprint ist ein Hirngespinst

Der Bahner redet sich in einen Fluss. Dabei fressen wir bei 160 km/h förmlich die Schienen. Freie Fahrt. Neben uns stehen die Autos auf der A1 Stoßstange an Stoßstange. Der Lokführer betätigt in regelmäßigen Abständen das Fußpedal unter dem Führertisch. Vergäße er dies, würde der ICE eine Zwangsbremsung einleiten. Durch das Pedal wird sichergestellt, dass der Lokführer arbeitsfähig und wachsam ist. Wie beruhigend. Ein führerloser Zug im Vollsprint ist nur ein Hirngespinst von Hollywood & Co.

Noch 15 Minuten bis Hamm. Alles begann mit einem Kindheitstraum. Martin stand auf der Brücke, wollte unbedingt in den Rauch der Lokomotive … Nach der Schule erlernte er einen normalen Beruf, damals noch eine Voraussetzung, um überhaupt Lokführer werden zu können. Doch 1980 herrscht Lokführermangel wie 2021. Ein Mitbewohner aus dem Haus sahnt eine Vermittlungsprämie von 50 D-Mark ab, vermittelt den frischgebackenen Kfz-Mechaniker an die Bahn.

Kindliche Begeisterung nicht verloren

Er schraubt ein halbes Jahr im Lokschuppen, fuchst sich in die Lokomotiven der Baureihe 110, 111, 141, die Güterzugloks der Serie 150, 151 und die Dampfloks ein. „Diese Berufsentscheidung habe ich bis heute nicht bereut.“ Diese Überzeugung spüre ich ihm an diesem Morgen ab. Hier hat einer seine kindliche Begeisterung nicht verloren.

Während er sich an seinem Tablet zu schaffen macht, hake ich nach. „Was macht für dich die ‚Faszination Lokführer‘ aus?“ Ohne zu zögern schießt es mir entgegen: „Die Freiheit. Ich bin allein. Ich mach meine Tür zu und habe Ruhe. Wenn es läuft, wird man den ganzen Tag nicht gestört.“ Zwischen Dortmund und Berlin läuft es aber derzeit nicht ganz planmäßig. Denn eine Baustelle folgt auf die nächste. Gleise werden neu verlegt, Weichen ausgetauscht, Brücken erneuert. Nach Jahren, in denen mehr in die Straße investiert wurde als in die umweltfreundliche Bahn.

„Da sag mal einer, dass Männer nicht multitaskingfähig sind“

Mallek verweist mich auf sein Tablet. Dort werden ihm die tagesaktuellen, die Wochen-, Monats- und Jahresbaustellen, die Abweichungen zu seinem Bildschirm auf dem Cockpit angezeigt. Mir entfährt: „Da sag mal einer, dass Männer nicht multitaskingfähig sind.“ „Richtig!“, lacht Martin. „Neben der Schiene muss ich auch noch das Handy im Blick haben. Damit kommuniziere ich mit dem Zugführer.“ Ich ahne: Lokführer müssen ein hohes Maß an Konzentration mitbringen: Cockpit, Tablet, Handy, Schiene, Bahnhöfe…

Hbf Hamm, 9:32 Uhr. Pünktlich. Martin Mallek schaut aus dem Fenster. Menschen steigen ein und aus. Der Bildschirm im Cockpit zeigt ihm nur noch eine offene Tür, „die des Zugführers“. Im selben Moment piept sein Handy. Der Chef des Zuges, der Zugführer, gibt ihm grünes Licht. Martin Mallek bestätigt. Das Signal steht auf Grün. Er schiebt den Geschwindigkeitsregler nach vorne …

„Die Idylle muss man sich selbst basteln.“

Ich bohre weiter. „Wie viel Idylle von Lukas, dem Lokomotivführer, steckt noch im Job?“ Martin lacht auf. „Die Idylle muss man sich selbst basteln.“ Er braucht gefühlt keinen Fahrplan mehr, die Zeiten, Strecken und Bahnhöfe sind ihm in Fleisch und Blut übergegangen. Wenn er am Rhein entlangfährt, kann er die Schönheiten zwischen Mainz und Bonn, die „Freiheit der Fahrt auch genießen“. Verschmitzt schiebt er hinterher: „Neulinge in der Lok sind verspannter. Für mich gilt inzwischen: möglichst wenig arbeiten, trotzdem effektiv und sicher fahren!“

Herausfordernd bleiben die ständig wechselnden Dienstzeiten, Wochenenddienste, der Stand-by-Modus und die Verdichtung der Arbeit. Gab es früher noch die Möglichkeit zur Übernachtung und Stadtbesichtigung, heißt es heute an einem normalen Arbeitstag: Dienstauftrag aufs Tablet. 8:51 Uhr Dienstbeginn. 15:45 Uhr Berlin Hbf. Pause. Mit der S-Bahn rüber zum Ostbahnhof. Und dann den ICE nach Düsseldorf. Feierabend in Dortmund.

Keine Zeit für Ablenkung

Noch zwölf Minuten bis Gütersloh. Mallek erklärt mir die Bedeutung von Vor- und Hauptsignalen. „Man kann sich nicht erlauben, mal wegzuträumen.“ Trotzdem frage ich nach: Was macht man noch so nebenbei im Cockpit? Vehement entgegnet er mir: „Nichts! Da bleibt keine Zeit für anderes. Es gilt die Strecke zu beobachten.“ Dies tut er. Mit einem Grinsen. Stille.

„Doch was ist, wenn den Lokführer ein großes menschliches Problem befällt?“ Martin lacht. „Dann gilt es, mit Schweißperlen auf der Stirn in den nächsten Bahnhof zu kommen und dem Zugführer zu signalisieren: Du musst mir mal fünf Minuten Zeit geben.“ Zwei Anzeiger im Display liegen gleichauf: Wir liegen im Zeitplan. Martin lehnt sich entspannt zurück.

„Wie viel Spielraum hast du, um Verspätungen aufzuholen?“

„Ärgerst du dich über Verspätung?“ Das „Immer!“ folgt prompt. Mich interessiert, wodurch diese zustande kommen. „Durch Baustellen und die zu hohe Streckenauslastung. Immer mehr Züge auf immer den gleichen Gleisen. Wenn dann ein Zug langsamer ist, gar liegen bleibt, baut sich eine Störung auf.“

Ich hake nach: „Wie viel Spielraum hast du, um Verspätungen aufzuholen?“ Der Bahner erklärt: „Das kommt auf die Streckenverhältnisse, den Zug an. Bei Regenwetter kann ich die Kraft des Zuges nicht so auf die Schiene bringen. Mit meiner Erfahrung hole ich, wenn sie mich lassen und die langsameren Nahverkehrszüge aufs Überholgleis schicken, auch mal zehn Minuten raus.“ Sagt’s und rauscht an einer wartenden Regionalbahn vorbei.

Bahnhof ausgelassen

Noch fünf Minuten bis Gütersloh. „Hast du schon mal vergessen, an einem Bahnhof anzuhalten?“ „Ja, aber nicht in Wolfsburg!“ Lachen. „Sondern?“ „Es gibt öfters Abweichungen von den geplanten Zügen.“ Auf der Fahrt nach Magdeburg sollte er außerplanmäßig in Helmstedt halten. Er fuhr automatisch durch, weil es nicht im normalen Fahrplan stand. Lachend berichtete er: „Der Zugführer rief mich an und sagte mir: ‚Hey Martin, du hast einen Halt ausgelassen‘ …“

Hbf Gütersloh, 9:53 Uhr. Wir lassen heute Gütersloh nicht aus. Pünktlich. Ich verhalte mich still auf meinem Notsitz. Martin Malleks Finger betätigen scheinbar spielend, aber fokussiert Knöpfe und Hebel. Wieder schließen sich alle Türen, sein Handy piept. Er schiebt den Hebel nach vorne … Der ICE nimmt Fahrt auf. Keine 5 km später bremst uns ein gelbes Signal aus. Langsamfahrstelle. Brückenbauarbeiten.

„Sei freundlich zu den Kunden, sie bezahlen dein Gehalt!“

Wir reden über Verantwortung. Ein doppelter ICE transportiert locker mal tausend Menschen. „Das ist Verantwortung, da ist der Zug voll bis unter die Mütze und ich sage mir, heute musst du doppelt aufpassen.“ Martin Mallek erklärt mir seine Grundmotivation: Die Menschen sind das Wichtigste. Kunden gehen vor! Sein Vorgesetzter wird mir dies auf der Rückfahrt bestätigen: Mallek geht es immer um das Wohl der Menschen, oder wie er selbst sagte: Sei freundlich zu den Kunden, sie bezahlen dein Gehalt!

Seinen christlichen Glauben verschweigt der Eisenbahner nicht. „Ich bete vor jeder Zugfahrt, trotzdem kann mir alles passieren.“ Wenn Unregelmäßigkeiten auftreten, auf der Strecke, am Fahrzeug, muss Martin in Sekundenschnelle die richtige Entscheidung treffen. Ich ahne: An dem Job hängt viel dran.

Personen in den Gleisen

Noch 5 Minuten bis Bielefeld. Martin Mallek übernimmt den Gesprächsfaden. „Willst du nicht auch noch die Frage nach Personenschäden stellen?“ Ich zögere. „Personen in den Gleisen gehören dazu. Man darf nicht den Fehler machen, sich schuldig zu fühlen. Man ist unfreiwilliger Zuschauer“, erklärt der Bahner versöhnt, aufgeräumt, ja fast seelsorgerlich. Ich spüre: Hier ist einer im Reinen mit sich, seinem Beruf, mit Gott.

Er schiebt nach: „Als ich als Lehrling an einem Unfall vorbeifuhr, ploppte sie innerhalb weniger Momente in mir auf: die Sinnfrage. Was bleibt vom Leben?“ Zu Hause greift er nach der Bibel. Er stellt fest: Okay, ich verstehe Gott nicht in allem, will ihm aber vertrauen. Martin, der am Hebel für tausende Menschen sitzt, lässt Gott ans Steuer seines Lebens.

„Was macht ein Lokführer in seiner Freizeit?“

Noch 2 Minuten bis Bielefeld. Ein Baumarkt rechts ist für den Lokführer die Wegmarke. Hier muss er anfangen, die Bremsung einzuleiten. Tut er es nicht rechtzeitig, schiebt das Gewicht des Zuges ihn über den Bahnhof hinaus. Schnell frage ich noch: „Was macht ein Lokführer in seiner Freizeit? Fahrpläne auswendig lernen, an einer HO-Modellbahnplatte sitzen?“ Mallek lacht schallend.

„Freizeit?“ Pause. „Ich engagiere mich in einer Kirchengemeinde. Zudem schraube ich gerne. Die Leute stehen Schlange mit ihren defekten Rasenmähern, Mofas und Waschmaschinen. Die bringe ich repariert wieder aufs Gleis.“

Hbf Bielefeld, 10:04 Uhr. Pünktlich. Der Intercity-Express „Passau“ spuckt mich auf den Bahnsteig aus. Ich bin um zwei Erfahrungen reicher: Lokführersein ist mehr als ein Kinderspiel und die Stadt Bielefeld gibt’s in echt.

Rüdiger Jope ist Chef-Redakteur des Männermagazins MOVO. Er wuchs auf in Sichtweite der ersten deutschen Ferneisenbahnstrecke Leipzig-Dresden. Er lernte u.a. im ICE-Cockpit: Lokführer wie Martin Mallek können zu 99 Prozent nichts für die Verspätungen. Sie freuen sich, wenn Fahrgäste oder eine „ganze Mannschaft nach vorne kommen und sich mit Apfelsinen oder einem kühlen Getränk für die (hoffentlich) wunderbare und störungsfreie Zugfahrt bedanken“.

Der Kneipenpastor Titus Schlagowsky (Foto: Rüdiger Jope)

Morgens stehen zwei Steuerfahnder im Schlafzimmer: So wurde Titus vom Kriminellen zum Kneipenpastor

Titus Schlagowsky war Schläger, Säufer und Schwindler. Im Knast wollte er sich erhängen. Heute ist er Kneipenpfarrer.

So eine Geschichte kann man sich nicht ausdenken! Wir sind durch Nastätten gekurvt, einem kleinen Städtchen im westlichen Hintertaunus, 4.000 Einwohner. Jetzt stehen wir in der kleinen Kneipe des Ortes. Früher Abend, gedämpftes Licht, Stimmengemurmel. Wimpel der Biermarke Astra und von Borussia Dortmund hängen wild verteilt herum. Es ist noch leer, fünf, sechs Leute stehen um den Tresen. Sie fußballfachsimpeln, frotzeln, lachen, rauchen.

Hinterm Tresen steht Titus Schlagowsky. Der Wirt, ein großer kräftiger Typ, auf dem Kopf fast kahl, Vollbart, zieht genüsslich am Zigarillo. Er trägt ein schwarzes T-Shirt, eine Lederweste und sein Herz auf der Zunge, wie sich in den nächsten Stunden zeigen wird.

Seit ein paar Monaten ist er über seine Kneipe und Nastätten hinaus bekannter geworden: als „Kneipenpastor“. Früher wollte er mal nach Island auswandern, hat mehrere gescheiterte Beziehungen und Insolvenzen hinter sich, im Knast gesessen … Und ist heute Pastor? In einer Kneipe? Es ist viel passiert, bis wir an diesem Abend im Oktober 2021 beim Bier zusammensitzen.

„Keine Schlägerei ohne mich!“

Titus Schlagowsky ist Sachse, 1969 geboren, aufgewachsen in einem Vorort von Crimmitschau, in einer christlichen Familie. „Ich war nicht staatlich ‚jugendgeweiht'“, erzählt er. Seine Kindheit und frühen Jugendjahre hat er in guter Erinnerung, „die Kirche hat mir Rückhalt gegeben“. Es machte ihn aber auch zum Außenseiter, der von Mitschülern gemobbt wurde, nachdem die Familie in die Stadt umgezogen war. Eines Tages wehrt er sich, schlägt mehrere seiner Mitschüler nieder. Von da an war sein Motto: „Keine Schlägerei ohne mich!“

Zu den Prügeleien kommt der Alkohol. Nach der Schule lernt er Schreiner und säuft so viel, dass er am nächsten Tag oft „nicht mehr weiß, was oben und unten ist“. Auch in Sachen Glauben macht er jetzt sein „eigenes Ding“, wird ein „typischer U-Boot-Christ“, wie er das nennt: „An Weihnachten auftauchen, wieder abtauchen, Ostern auftauchen, wieder abtauchen … Das war’s.“ Auch von der DDR hat er die Nase voll. Gleich nach der Wende 1989 verschwindet er mit seiner damaligen Freundin in den Westen, landet über Verwandte, die in Bad Nauheim leben, in Nastätten.

Dicke Autos und große Häuser

In den nächsten Jahren wird’s richtig wild. Titus Schlagowsky hangelt, mogelt und schummelt sich durch, eckt an. In seinem neuen Schreinerbetrieb belegt er einen Meisterkurs, wird kurz vor der Prüfung gefeuert, erklärt sich aber wie ein Hochstapler schon mal („mit wohlwollendem Blick auf die Zukunft“) zum Schreinermeister.

Als er den Meisterbrief endlich in den Händen hält, lebt er auf viel zu großem Fuß: dicke Autos, große Häuser, er betankt Firmenfahrzeuge mit billigem Heizöl statt Diesel, wird erwischt; muss bald Insolvenz anmelden. Obendrein drängt er seine neue Lebenspartnerin, die unter einer Bulimie-Essstörung leidet und ein Kind von ihm erwartet, zur Abtreibung; sie verlässt ihn …

In Haft wegen Steuerhinterziehung

Schlagowsky will auswandern, nach Island: sein Traumland. Da lernt er seine heutige Frau Andrea kennen. Das Paar wagt einen Neuanfang, ackert ohne Finanzpolster, bringt mit Freunden und gesammelten Einrichtungsgegenständen aus aufgegebenen Bäckereien quer durchs Land ihr neues Café mit Kneipe auf Vordermann – und dann stehen eines Morgens um fünf Uhr zwei Steuerfahnder im Schlafzimmer … Zum Verhängnis wird Titus Schlagowsky, dass er bei seinem Neuanfang Privat- und alten Firmenbesitz beim Verkauf vermischt und Löhne, Überstunden unter Umgehung der Lohnsteuer bar aus der Kasse bezahlt, auch Einkäufe bei Lieferanten ohne Rechnung begleicht.

Nach jahrelangen Ermittlungen wird im März 2012 der Haftbefehl gegen ihn vollstreckt. Verurteilt zu drei Jahren und drei Monaten wegen Steuerhinterziehung, landet er im Knast, Haftnummer 39 812. Im Juli ist er fertig. Die Zelle ohne Fenster, 24 Stunden künstliches Licht, „Lebensüberwachung“ alle 20 Minuten. Er will sich umbringen.

Suizidversuch im Knast

Der Strick, eine in Streifen geschnittene Jogginghose, ist gedreht, sein Abschiedsbrief geschrieben, als der Kuli unters Bett rollt. Er kniet davor und denkt sich: „Jetzt kannste auch noch ’ne Runde beten.“ Es wird das längste Gebet seines Lebens, er heult Rotz und Wasser, und merkt, dass „auf einmal alles anders“ geworden ist, er „eine andere Einstellung zum Leben“ gewonnen hat. Und er vernimmt Gottes Reden: „Ich hab noch was vor mit dir.“

Noch im Knast wird er zum „Müllschlucker“: Andere Knackis, die von seiner Veränderung gehört haben, kippen in Gesprächen ihren Müll bei ihm ab. Er wechselt bald ins Freigängerhaus und wird Ende November 2013 vorzeitig entlassen, allerdings mit vier Jahren Bewährung. Wieder „draußen“, macht er eine Prädikantenausbildung, ist seit 2016 Laienprediger der evangelischen Kirche und hat in den folgenden dreieinhalb Jahren 265 Predigten gehalten. Demnächst will er noch seine kirchliche Diakonen-Ausbildung abschließen.

BILD-Schlagzeile in einer Predigt

Jetzt, bei unserem Besuch im Oktober, steht er abends in seiner Kneipe, hat T-Shirt und Weste gegen ein schwarzes Kollarhemd mit grüner Stola getauscht. Die Musik aus dem Radio ist abgedreht, Gäste hocken am Tresen und in den Bänken, gut 30 Leute insgesamt, es ist eng. An einem Tisch proben Gabi Braun am Akkordeon und Heiner Keltsch auf dem E-Piano ein paar Takte, ein Elektrotechniker aus der Nachbarschaft hat Licht und Kameras aufgebaut, um die Kneipen-Andacht, die hier gleich abläuft, aufzuzeichnen. Sie wird später auf YouTube zu sehen sein.

Titus startet mit einem Wochenrückblick, macht eine launige Bemerkung zu einer BILD-Schlagzeile. Dann geht es schnell zur Sache. Grit, eine Mitarbeiterin, liest aus Psalm 32 und Titus holt den Bibeltext in die Kneipen-Atmosphäre, spricht von Krankheit, Leid und Dankbarkeit. Er kennt die Leute hier, spricht sie direkt an: „Ute, Rudi – was denkt ihr?“

„In der Kneipe predige ich nicht!“

Mittendrin zapft Chantal am Tresen still ein Bier. Zum Ende lädt Titus seine kleine Gemeinde ein: „Wenn ihr eine Krankheit überwunden habt, dann bedankt euch – und nehmt Gott beim Dank mit ins Boot! Denn nicht die Glücklichen sind dankbar, sondern die Dankbaren sind glücklich.“ Gabi und Heiner spielen noch ein Lied, einige murmeln das Vaterunser mit. Segen. Ein paar Gäste bekreuzigen sich.

Schlagowskys „Karriere“ als „Kneipenpastor“ begann erst vor gut einem Jahr: An einem Abend wollte er sich kurz zurückziehen, um im Bierkeller seine nächste Predigt nochmal laut zu proben. „Das kannst du doch auch hier machen“, meint ein Gast. „Klar, ich predige hier in der Kneipe – so einen Scheiß mach ich nicht!“, wehrt Titus mit gewohnt großer Klappe ab. Als aber noch andere Gäste ihn auffordern, hält er tatsächlich seine erste Kneipenpredigt.

Kirche bei einem Glas Bier

Inzwischen lädt er zweimal im Monat zu Gottesdiensten ein. Und landet oft bei dem Gedanken: „Jeder Mensch hat eine zweite Chance, so wie ich“, vor allem beim „Chef“, wie er Gott nennt. Seinen Gästen gefällt’s. „Ich habe wie Titus am Boden gelegen. Der labert nicht nur vom Leben, sondern der weiß, wie es ist. Mit seinen Predigten spricht er mir aus der Seele“, bekennt Axel (59).

Neben ihm sagt Frank (61): „Ich bin aus der Kirche ausgetreten, weil sie mir nichts zu sagen hatte. Die Pfarrer sind so weit weg vom Leben! Hier verstehe ich die Bibel.“ Kevin (45) ist richtig begeistert: „Kirche nicht altbacken, sondern an meinem Leben dran. Und das bei einem Glas Bier. Wo gibt’s denn sowas!“

Würde Jesus heute in die Kneipe gehen? Titus lacht. „Ja, da bin ich mir sicher. Der hat sich zu allen gesellt.“ Auch Pfarrerinnen und Pastoren, Christen überhaupt sollten ruhig öfter mal in die Kneipe gehen.

Harte Kritik an der Kirche

„Ich glaube, das ist eine Aufgabe“ – um mit den Menschen zu reden, sich ihre Fragen anzuhören, findet er: „Ich gehe teilweise hart ins Gericht mit meiner Kirche, weil der Bezug zu den Leuten immer weiter verloren geht. Das tut mir in der Seele leid.“ Er selbst hat im Treppenhaus hinter der Kneipe einen Stuhl stehen. Dahin zieht er sich mit Gästen zurück, wenn einer von ihnen mal reden will: „Es landet alles bei dir: Ehekrisen, Alkoholprobleme, Kinderärger, Altersfrust …“

Die Worte des Kneipenpastors bleiben nicht ohne Wirkung. Gabi, die Akkordeonspielerin, sagt nachdenklich: „Jahrzehnte hat Gott für mich keine Rolle gespielt, ich bin aus der Kirche ausgetreten. Titus hat mit seinen Gottesdiensten etwas in mir zum Klingen gebracht. Ich bin Gott nähergekommen. Vielleicht trete ich bald wieder ein.“

Jörg Podworny ist Redakteur des Magazins „lebenslust“.

Lesetipp und mehr: Der Kneipenpastor. Wie Gott mein Versagen gebraucht, um Herzen zu verändern (SCM Hänssler)