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Die Freiwilligen des TuS Ennepetal transportierten mit fünf Sprintern Hilfsgüter nach Polen. (Foto: Eckhard Stolz)

Hilfstransport für die Ukraine: „Ich habe 34 Stunden nicht geschlafen“

Eckhard Stolz fuhr 2.600 Kilometer in zwei Tagen, um Hilfsgüter für geflüchtete Ukrainer zu liefern – mit dem Transporter seines Arbeitgebers. Seinen Chef hatte er nicht um Erlaubnis gefragt.

Eckhard, andere legen nach einer harten Arbeitswoche die Füße hoch. Du bist dagegen 2.600 Kilometer bis zur polnisch-belarussischen Grenze gefahren, um Hilfsgüter abzuliefern. Warum?

Den Krieg in der Ukraine habe ich im Fernsehen verfolgt. Schrecklich. Mir war klar: Ich möchte helfen. Große Reden sind nicht mein Ding, ich muss immer etwas machen – was sinnvoll ist, wo den Menschen geholfen wird …

Und wie kam es dann zu dieser Hilfsgüterfahrt?

Der TuS Ennepetal [ein Fußballverein im Ruhrgebiet / Anmerkung der Redaktion] hat Kontakt zu einem ehemaligen Spieler, der an der polnisch-belarussischen Grenze wohnt und sich jetzt für die Flüchtenden einsetzt. Der Verein hatte entschieden, Hilfsgüter dorthin zu schicken. Ich wollte eigentlich nur als Unterstützung Kartons von meinem Arbeitgeber vorbeibringen, habe dann aber drei Tage beim Packen mitgeholfen.

Am vergangenen Freitagabend gegen 19 Uhr haben die mich dann gefragt: „Eckes, du kommst doch immer mit dem Sprinter?! Uns ist einer ausgefallen. Hast du Lust, in sechs Stunden zur polnisch-belarussischen Grenze aufzubrechen? Wir fahren um zwei Uhr nachts los.“ Naja, und da ich für dieses Wochenende keine Schalke-Karten hatte, war die Sache für mich klar. [lacht]

„Gefragt habe ich nicht wirklich“

Was hat deine Frau dazu gesagt, dass du spontan nach Polen fährst?

Sie fand die Aktion super! Meine Familie stand voll dahinter. Wir haben noch eine zweite Wohnung, die wir bereitstellen würden, falls Geflüchtete nach Nordrhein-Westfalen kommen.

Du bist mit dem Sprinter deines Arbeitgebers gefahren … Wie hat dein Chef darauf reagiert?

Nachdem wir den Wagen mit Hygieneartikeln und etwas Kleidung vollgepackt hatten, habe ich ihm ein Foto davon geschickt. Gefragt habe ich nicht wirklich. [lacht] Ich habe nur gesagt, dass ich dieses Wochenende nach Polen fahre. Nicht dass der denkt: Wo ist der Stolz das ganze Wochenende mit dem Auto? Aber er fand es dann auch eine klasse Idee.

„Es hat richtig Spaß gemacht“

Wie verlief die Fahrt?

Wir haben uns um zwei Uhr nachts am Vereinsheim des TuS Ennepetal getroffen, Zwischenstopps ausgemacht und dann ging es auch schon los. Fünf Sprinter mit je zwei Personen. Wir haben uns viel unterhalten und laut Musik gehört. Jeder hatte Cola und Energy-Drinks dabei, Schokolade und all so‛n Mist. Es hat richtig Spaß gemacht.

Wer war außer dir dabei?

Alles Freiwillige aus dem Sportverein. Typen, die wirklich gerne helfen. Das hast du denen abgespürt. Da hat sich jeder auf die Tour gefreut. Einer suchte noch einen Mitfahrer und hat einen Freund angerufen. Der kam dann extra aus Bremen, hat also weit über 3.000 Kilometer an dem Wochenende zurückgelegt.

Zwischendurch hat man übrigens total viele andere Kleintransporter mit deutschem Kennzeichen gesehen.

„Wir haben die enorme Hilfsbereitschaft der Polen erlebt!“

Was habt ihr am Zielort erlebt?

Am Samstagnachmittag gegen 17 Uhr sind wir an der Lagerhalle im polnisch-belarussischen Grenzgebiet angekommen. Geflüchtete haben wir nicht gesehen, weil es schon spät war und die Lagerhalle außerhalb der Stadt liegt. Wir haben aber die enorme Hilfsbereitschaft der Polen erlebt! Es waren bestimmt 10, 15 Leute da, die kamen und uns beim Ausladen geholfen haben.

Wir haben dann eine Kleinigkeit gegessen, ab aufs Klo und nach einer Stunde sind wir zurückgefahren. Um kurz vor zehn am Sonntagmorgen waren wir wieder in Ennepetal. Ich bin direkt in den Gottesdienst gegangen und danach ins Bett gefallen. Von der Predigt habe ich nicht wirklich viel mitbekommen, denn ich hatte 34 Stunden nicht geschlafen. [lacht]

Habt ihr mit der einen Fuhre schon alle gesammelten Hilfsgüter hingebracht?

Nein, wir hatten nur zwei bis drei Paletten pro Auto dabei. Vier große Lastwagen sind später mit den restlichen 120 Paletten rübergefahren. So viel wurde gesammelt. Die Leute sind echt hilfsbereit, das ist großartig!

Danke für das Gespräch, Eckhard.

Die Fragen stellte Pascal Alius.

Romanautor Titus Müller (Foto: Debora Kuder)

Überwachung war allgegenwärtig: Titus Müller profitiert für seine Spionage-Romane von eigenen Erlebnissen

Titus Müllers neuestes Buch handelt von einer Spionin zur Zeit des Mauerbaus – ein Thema, das ihn persönlich betrifft. Er erinnert sich an beklemmende Momente aus seiner DDR-Kindheit.

Kurz nach neun holt mich Titus Müller am Bahnhof in Landshut ab. Es sind Ferien. Trotzdem ist er seit sechs Uhr wach – wie jeden Morgen, seit er vor sieben Jahren Vater geworden ist. Titus Müller ist Autor. 14 Romane hat er bisher veröffentlicht und etwa nochmal so viele Erzählungen und Sachbücher. Es gefällt ihm, zwischen christlichem und säkularem Markt hin- und herzuwechseln. Im Juni kamen zwei Bücher parallel heraus: Ein Spionageroman und C.S. Lewis’ Briefe auf Deutsch.

„Und das gilt als Beruf!“

Auch nach zwanzig Jahren freut er sich noch darüber, dass er sich monatelang mit spannenden Themen beschäftigen darf: „Und das gilt als Beruf!“ In seinen Romanen widmet er sich meist historischen Personen oder Ereignissen. Detailreich und mit viel Hintergrundwissen schreibt er über das Leben im Mittelalter, das Erdbeben in Lissabon im Jahr 1755, die Märzunruhen 1848, den Untergang der Titanic, einen Hochstapler in den Zwanzigerjahren oder Geheimdienstaktivitäten während des Zweiten Weltkriegs. „Geschichte in Geschichten zu erzählen, ist Titus Müllers großes Talent“, heißt es im Radiosender Bayern 2 über ihn. Seine Geschichten bestechen dadurch, seine Leser in andere Welten und Zeiten zu entführen.

Zu Fuß machen wir uns auf den Weg in sein Büro, an einer schönen Spazierstrecke entlang. Ein kleiner Zufluss der Isar schlängelt sich hier, umsäumt von einer wilden, regennassen Wiese. Titus Müller ist ein Stadtmensch und kann sich drinnen stundenlang in Bücher aller Art vertiefen. Draußen kommt eine andere Seite zum Vorschein – die des Staunenden, der in der Natur verborgene Schätze entdeckt. Raureif, zarte Vogelfedern, knisternde Ameisenbeinchen.

Fürs Schreiben ausquartiert

Müllers Schreibschmiede befindet sich in einem nüchternen Bürogebäude. Seit zu Hause Legobauten und Hot-Wheels-Bahnen dominieren, hat er sich fürs Schreiben ausquartiert und den Schreibtisch an seinen Sohn abgetreten, fürs Hausaufgabenmachen. Auf der Fensterbank liegen Papierstapel, in der Ecke stehen Hausschuhe. Computer, Drucker, ein Glas Leitungswasser. Mehr braucht Titus Müller nicht zum Schreiben. Ach ja, und eine Menge Bücher.

Zwei Reihen sind für die eigenen Bücher reserviert. Außerdem stehen in den Regalen Biografien über Erich Honecker und Willy Brandt, Sachbücher über den Mauerbau und die Spionageabwehr der DDR, ein Lexikon des DDR-Alltags. Darin steckt Titus Müller gerade gedanklich. Seine aktuelle Romantrilogie handelt von einer Sekretärin, die im DDR-Ministerium für Außenhandel und Innerdeutschen Handel als Informantin für den BND arbeitet. Am zweiten Band, der im Jahr 1973 spielt, arbeitet er gerade.

Talent kennt auch Zweifel

Ein bis anderthalb, manchmal auch zwei Jahre arbeitet Titus Müller an einem Roman von der ersten Idee bis zur Abgabe. „Zwei Jahre sind ungünstig fürs Kühlschrank-Füllen und Miete-Bezahlen. Ein Jahr ist besser“, meint er: „Ich könnte doppelt so schnell sein und zwei Romane im Jahr schreiben, wenn ich nicht so viel Zeit damit vergeuden würde, meine Selbstzweifel zum Schweigen zu bringen. Am Morgen, wenn ich mich an den Computer setze, fürchte ich anfangs immer: ‚Heute wird’s nichts'“, berichtet er.

Wenn sein innerer Kritiker zischt: „Du kriegst heute nichts hin“, stellt sich Titus Müller manchmal vor, wie ein Töpfer Ton auf die Drehscheibe klatscht. Der erste Entwurf für eine Romanszene muss nicht brillant sein, es genügt ein Klumpen Ton auf der Drehscheibe, aus dem später ein schöner Krug werden wird. Um Durchhänger zu überwinden, hat Müller viele Tricks auf Lager. Zum Beispiel hört er gern Filmmusik, um sich in die passende Stimmung zu bringen.

Über den Mauerbau wollte er schon länger schreiben

Buchideen hat Titus Müller genug. Er sammelt sie manchmal jahrelang. „Eine Idee stirbt auch mal nach drei Tagen“, sagt er: „Aber wenn es mich nach Wochen immer noch im Bauch kitzelt, weiß ich, dass sie spannend genug ist.“ Solche Ideen schlägt er vor und die verkaufsträchtigsten von ihnen darf er als Romane umsetzen. Über den Mauerbau wollte er schon lange schreiben: „Betrifft mich ja auch irgendwie“, meint er.

Geboren 1977 in Leipzig, hat er zwanzig Jahre in Berlin verbracht. Als Kind stand er vor der Mauer, starrte mit seinen Brüdern und seiner Mutter auf das Brandenburger Tor, die Grenzsoldaten und die Westseite Berlins: „Immer wieder fragten wir: ‚Könnten wir nicht mit einem Heißluftballon über die Mauer fliegen? Oder einen Tunnel graben?‘ Und meine Mutter sagte: ‚Das hat man alles schon probiert.'“

„Das wirft moralische Fragen auf“

Müller war davon fasziniert, wie es möglich gewesen war, die Öffentlichkeit über Nacht vor vollendete Tatsachen zu stellen. Doch erst in Verbindung mit der Spionage-Komponente gab der Verlag grünes Licht für das Thema. Bereits in dreien seiner Romane agieren Spione. Ich will wissen, warum.

„Geheimdienste täuschen und hintergehen, um ein vermeintlich höheres Gut zu erreichen. Das wirft moralische Fragen auf, ideal für die Erkundung in einem Roman. Und mich interessiert der Alltag der kleinen Leute, aber eben auch das Leben von denen, die am großen Rad gedreht haben. Wenn ich die Aktionen des BND, des KGB und der Staatssicherheit schildere, kann ich Erich Honecker, Alexander Schalck-Golodkowski und Reinhard Gehlen ins Scheinwerferlicht rücken.“

Mordmethoden eines KGB-Killers verstehen

Ein Großteil seiner Zeit fließt in die Recherche: Müller interviewt Zeitzeugen und Experten, reist an Orte des Geschehens, durchsucht Archive. Für „Die fremde Spionin“ wälzte er dicke Bände aus der Münchner Staatsbibliothek über die Kommerzielle Koordinierung und vertiefte sich in rechtsmedizinische Schriften, um die komplexen Mordmethoden eines KGB-Killers zu verstehen.

Nicht immer verläuft die Recherche nach Plan: „Bei meinem Roman ‚Nachtauge‘ wusste ich, dass die Frau, auf der meine Heldin beruhte, Kinder gehabt hatte – sie mussten noch leben.“ Er suchte tagelang nach ihnen, befragte vor Ort Lokalhistoriker – keiner wusste etwas. Schließlich wurde eine Recherchespezialistin fündig, die er beauftragt hatte – leider allerdings erst, als das Buch fertig war.

Pakete kamen aufgerissen daheim an

An seine eigene Kindheit hat Müller viele schöne Erinnerungen: „Mit meinen beiden Brüdern habe ich viel gelacht. Wir sind Schlitten gefahren und durch den Park getobt. Manches habe ich auch nicht mitbekommen – zum Beispiel, dass es zu Hause Stasi-Besuch gab.“ Überwachung an sich war aber allgegenwärtig. Pakete kamen aufgerissen daheim an und bei größeren Veranstaltungen saß stets jemand zur Überwachung im Publikum. „Wenn es beim Telefonieren in der Leitung knackte, sagten wir manchmal: ‚Willkommen in unserem Gespräch'“, erinnert er sich.

Beklemmende Momente erlebte er auch in der Schulzeit: In der Politikdiskussion ignorierte ihn die Lehrerin einfach. Beim Fahnenappell stach er als Einziger ohne Pionier-Hemd heraus „wie ein Farbklecks in der Meute“. Einmal wurde sogar sein Schulranzen durchsucht: „Mein Freund Mathias, der Pionierleiter war, kam mit zwei starken Jungs, als fürchte er, ich könnte mich wehren, und entschuldigte sich mit ernstem Gesicht, bevor er zur Tat schritt. Wir waren danach weiter befreundet; ich wusste ja, er tat nur, was von ihm erwartet wurde. Aber wir sprachen nie darüber.“

In der DDR wäre er Bäcker geworden

Vor allem war klar, dass er als Sohn eines Adventisten-Pastors in der DDR nicht hätte studieren können: „Nach der zehnten Klasse wäre Schluss gewesen und ich wäre dann Bäcker geworden. Mein Beruf als Autor erfüllt mich. Das Schreiben und Veröffentlichen-Dürfen macht mir so einen Spaß. Wäre die DDR weitergegangen, hätte es das für mich nicht gegeben.“ Inzwischen gehört Müller mit seiner Familie zu einer Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde.

Ich will wissen, ob er immer noch samstags den Griffel ruhen lässt. „Ich weiß nicht, ob es Gott wichtig ist, welcher Tag es ist“, meint er. „Aber ich glaube, es ist ihm wichtig, dass man sich einen Tag ausruht.“ Seine Wochenenden sind oft voll mit Lesungen, Schreibwerkstätten oder Literaturgottesdiensten. „Und mein Impuls ist immer, an den Geschichten weiterzumachen“, gibt er zu: „Aber es tut mir gut, darin auch mal gebremst zu werden und einfach mal durchzuatmen.“

„Leser merken genau, ob ein Autor sie belehren will“

Müllers Glaube taucht auch in seinen Büchern auf. In manchen nehmen christliche Themen einen zentralen Platz ein, in anderen sind sie flüchtige Streiflichter. Aufdringlich missionieren möchte er aber nicht: „Leser merken genau, ob ein Autor sie belehren will. Wenn es aber authentisch ist und die Bücher von interessanten Menschen erzählen, dürfen auch tiefere Fragen vorkommen“, findet er: „In meiner Kindheit gab es das Prinzip der Schluckimpfung. Ich würde gern als Unterhaltungsautor gute Zuckerwürfel herstellen mit etwas Medizin darauf. Ich freue mich, wenn ein Roman so viel Tiefgang hat, dass am Ende etwas zum Nachdenken bleibt.“

Auf die Frage, wie sich sein eigener Glaube entwickelt hat, meint er: „Ich weiß weniger. Früher war mir alles sicherer und klarer. Aber ich nehme mehr Anregungen auf aus allen Richtungen. Gottes Spuren und Impulse auf dieser Welt zu erkennen, ist ein spannender Prozess, der hoffentlich für mich weitergeht, bis ich alt und grau bin.“ Eine geistliche Konstante ist für ihn bis heute C.S. Lewis.

„Vom ersten Buch an hat er mich gepackt“

Entdeckt hat er ihn mit 15 Jahren: „Vom ersten Buch an hat er mich gepackt mit seinem Tiefgang, seinem breiten Horizont, seiner Herzenswärme und seiner Klugheit. Vor allem damit, wie er an das Thema Glauben herangeht – ohne Angst vor schwierigen Fragen. Irgendwann hatte ich alles von ihm gelesen.“ Mit seinen Briefen hatte er noch einmal mehrere tausend Seiten Material. Diese auf Deutsch herauszugeben, hat ihm viel bedeutet: „Dadurch bin ich dem Menschen C.S. Lewis nähergekommen, mit allen seinen Brüchen.“

Titus Müller begleitet mich zurück zum Bahnhof. Er selbst fährt mit dem Fahrrad zurück nach Hause. Seine Frau Lena ist mit den Jungs ausgeflogen, er kann den Rest des Tages von daheim aus weiterschreiben. Ein Mensch mit viel Tiefgang. Mir bleibt auch über den Heimweg hinaus noch viel zum Nachdenken.

Debora Kuder arbeitet als freie Journalistin und lebt mit ihrer Familie in München.

Willkommen in deinem Leben!

Wie ein Bergwerk Männerherzen in Bewegung bringt

Es hatte etwas von Henkersmahlzeit und Abschied, als die 180 Männer ihre letzten Instruktionen und Ausrüstungsgegenstände erhielten. Sie standen Anfang November spätabends auf einer Wiese, von Fackeln beleuchtet, geografisch irgendwo zwischen dem Vogtland und dem Erzgebirge, nicht wissend, was sie die nächsten drei Tage erwartet. Schnell wurden die Essenspakete, Kocher und GPS-Geräte den zehn Mann starken Teams zugeteilt. Dann hieß es „Rucksack auf und los“! Alles musste schnell passieren, denn nun sollte das Abenteuer endlich losgehen – das „Charakterwochenende Sachsen 2017 ‚Der 4te Musketier‘“.

ANKOMMEN BEI SICH SELBST
Der Tross setzt sich in Bewegung, Teilnehmer wie Mitarbeiter. Ich sehe die Männer auf dem Marsch in die Dunkelheit des Waldes und lausche ihren Stimmen. Ihre Aufregung entlädt sich in dem Versuch, die zentralen Fragen dieses ersten Abends zu klären: Wie lange werden wir jetzt wohl wandern? Hoffentlich hält die nächsten drei Tage die Funktionsunterhose ihr Versprechen! Und immer wieder: Wer hat den Größten? – Rucksack natürlich. Männer eben! Nach der Hälfte der Strecke dann ein Gebot: „Ab jetzt Ruhe, Männer!“ Einkehr in die Stille. Ankommen bei sich selbst. Kilometerlang kein Wort. Nur noch Atmen, Nachdenken, Schritte und das kratzende Stöckeln einiger Trekkingstöcke. Die Begegnung mit Gott hat begonnen. Ziel des Abends: ein stillgelegtes Bergwerk. Alle gehen rein – in dunkle, teils niedrige und feuchtkalte Gänge. Die Enge wirkt bedrückend. „Willkommen in deinem Leben“, erschallt die Stimme eines Sprechers. Ich fühle mich ertappt. Denn mein Leben verbirgt sich manchmal auch unter der Oberfläche, ist dunkel, muffig, eng und gleicht einem Versteck. Will ich so weitermachen? Mich beschäftigt auf dem Weg nach draußen der Gedanke, Gott Klartext reden zu lassen, und ich meine, ihn auch in den Gesichtern vieler anderer Männer erkennen zu können. Der Ausstieg ähnelt jetzt einem Aufbruch, raus aus der stickigen Enge in die offene Frische des Waldes. Ein Chor von Männerstimmen erklingt. Der Gesang durchbricht die Stille und führt Herzen in die Weite.

GOTTES GNADE ERFAHREN
Am nächsten Morgen sind es Dudelsackklänge, die die Männer aus ihren Zelten locken. Anschließend geht’s auf die viele Kilometer lange Route. Die Gesprächsinhalte verändern sich. Auch weil während der langen Wanderung durch traumhaft herbstliche Wälder und entlang stiller Seen weitere kurze Inputs über Gott, Jesus und das Mannsein dies intensivieren. In mir wird ein Prozess angestoßen, doch am meisten bewegt mich, wie in den nächsten Stunden Männer, Kerle „wie Baumstämme“, von der Liebe Gottes wahrhaft geschüttelt und überwältigt werden und echte Männertränen vergießen. Mir wird klar: Gottes Gnade kennt kein Maß!
Zeitsprung: Es ist Sonntagvormittag. Wieder eine Wiese. Auf ihr sehe ich 180 Männer, erschöpft, aber glücklich, von denen manche unterwegs am liebsten abgebrochen hätten, nicht nur, weil die Blasen an den Füßen nervten. Doch etwas Grandioses ist passiert: Sie haben den Wert eines aufrichtigen Lebens erkannt. Und jetzt feiern sie gemeinsam Gottesdienst. Laut und ehrlich. Und ich sehe Männer, für die das eigentliche Abenteuer erst jetzt richtig losgeht, weil sie ihren Frauen wieder liebevoll begegnen, für ihre Kinder verantwortungsvoll da sein oder den eigenen Vater in den Arm nehmen wollen.

 

Jörg Helmrich (52) ist verheiratet und lebt mit seiner Frau und den vier gemeinsamen Kindern in Duisburg. Er arbeitet bei der Berufsfeuerwehr Duisburg seit 1994 als Feuerwehrmann und leitet dort die IT-Abteilung. Seit 2015 ist er ehrenamtlicher Mitarbeiter der Bewegung „Der 4te Musketier“.

 

Das nächste Charakterwochenende für Männer veranstaltet die Bewegung „Der 4te Musketier“ vom 26. bis 29. April 2018 in den schottischen Highlands. Mehr Infos: www.der4temusketier.de

Immer nach oben

Für 72 Stunden verlässt Tom Mayer sein Büro. Er kämpft sich mit anderen Männern durch die die nächtliche Kälte und auf die Berge. Dabei begegnet er sich und Gott.

Smartphone, Uhr und Geld sind in eine wasserdichte Tüte gepackt und für die nächsten drei Tage versiegelt. Wir sind soeben aus dem Postbus gestiegen. Es ist dunkel geworden über den Bergen des Schweizer Kantons Tessin. Ein kalter, herbstlicher Wind bläst uns entgegen. Der Alltag ist weit weg, geografisch wie in Gedanken. Drei Tage „Charakterwochenende“ stehen vor mir, gemeinsam mit 90 anderen Männern aus der Schweiz und Deutschland.

Nun stehe ich in meiner kleinen Gruppe von zehn Männern also irgendwo über Lugano und warte auf den Abmarsch. Null Ahnung über Zeitplan, Wegstrecke,Programmpunkte. Der ausgeliehene Trekkingrucksack ist nach vorgegebener Liste gepackt. Diverse Kleider, ein warmer Schlafsack, Kocher, Zelt. Die Verantwortlichen verteilen das Essen. Der Inhalt des Supermarkt-Papiersackes soll drei Tage für zehn Männer langen? Bin mir nicht so sicher … Wir verteilen die Müsli-Packungen, Landjägerwürste und das Outdoor-Trockenfood. Kaum sind die Getränkevorräte aufgefüllt, wandern wir los in die Nacht. Stundenlang. Irgendwohin. Immer nach oben. Dabei geht das Zeitgefühl verloren. Irritierend, aber gut!

Drei Tage kämpfen wir uns nach Norden. Wir übernachten unter freiem Himmel. Das Frischwasser kommt direkt aus einer Quelle. Die Fleckchen Erde, die wir auf der Tour entdecken, sind atemberaubend. Wir schlafen wenig, die Nacht gehört zum Programm.

Mitten in der Nacht raus aus den Zelten

Am Ende des zweiten Tages sinke ich erschöpft in den Schlafsack. Es war ein schöner Tag, aber ich bin kaputt. Wenige Momente später bin ich eingeschlafen. Stinksauer reagiere ich, als wir – ich habe vielleicht eine Stunde geschlafen? – mitten in der Nacht alle aus den Zelten geholt werden. Im Zusammenhang mit einer Nacht-Kletterei gibt‘s eine Aufgabe zu erledigen: Über Steine kraxeln wir einer Bergspitze entgegen. Eiskalter Wind. Fackeln zeigen den Weg. Die Männer, die sie halten, zitieren Bibelverse. Oben stehen wir eng zusammen und feiern einen unvergesslichen Männer-Gottesdienst. Gott sei Dank hab ich mich aufgerafft. Gott hat den Gruppendruck gebraucht. Er begegnet mir außerhalb der Komfortzone oben am Gipfelkreuz.

Die körperliche und mentale Überwindung bringt mich Bürositzer zum Wesentlichen. Da kommen Sachen hoch, die sonst vergraben bleiben. Warum falle ich immer wieder in alte Muster zurück? Warum stehe ich nicht meinen Mann in Job und Familie? Warum schiebe ich in der Familie das Unangenehme auf oder unter den Teppich? Warum bleibe ich an der nackten Haut auf dem Bildschirm hängen? In den drei Tagen erlebe ich heilige und heilende Momente zwischen mir und Gott.

Während der 72 Stunden gibt es jeweils nach ein paar Stunden des Wanderns einen „Speakers Point“. Einer vom Team fordert uns zu einem bestimmten Thema heraus. Kurz, auf den Punkt, ohne Füllmaterial. Zum Beispiel beim Thema Familie. Ben hat seine Familienfotos immer bei sich, er zeigt uns seine laminierte Prints. Wie wertvoll! Ich werde es ihm nachmachen. Bei anderen „Speakers Points“ müssen wir eine Aufgabe erledigen. Etwas machen, was enorme Überwindung benötigt. Ich habe an diesem Spätnachmittag Veränderung erlebt. Nicht nur zuhörend oder in einem Workshop, sondern eben draußen. Direkt, pur, unmittelbar. Auch der Abschluss der drei Tage – das Fest am Abend und der Gottesdienst am Sonntagmorgen – hat es in sich. Er geht durch Mark und Bein, Herz und Magen.

Ein Meilenstein im Unterwegssein mit Gott

Jetzt hat mich der Büroalltag wieder. Ein Stück abgebrannte Fackel liegt auf meinem Bürotisch. Sie erinnert mich an einen großen Meilenstein in meinem Unterwegssein mit Gott. Sie erinnert mich, wenn nackte Haut auf meinem Mac im Büro auftaucht, dass ich im Dienst für den König stehe, den inneren bösen Wolf verhungern lassen und den guten Wolf füttern will. Das gelingt mir als 4ter Musketier mal besser und mal schlechter.

Tom Mayer (44) lebt in CH-Belp. Er ist verheirate mit Barbara und Vater von Julia und Lea. Er ist selbständiger Medienmacher (www.citrusmedia.ch), fährt gerne Rennrad, macht Langlauf und liebt das Meer.