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Andrea Zogg (links) und Marco Schädler in Stefan Zweigs "Die Auferstehung des Georg Friedrich Händel". (Foto: profile productions)

„Was hab‘ ich Angst gehabt“: Plötzlich fürchtet Tatort-Kommissar Andrea Zogg um seine Karriere

Mit Anfang 50 kann Andrea Zogg immer schlechter Texte auswendig lernen. In seiner Verzweiflung hilft ihm der Komponist Georg Friedrich Händel.

Manchmal sind es bis zu 12 Millionen Leute, die sonntagabends „Tatort“ gucken. Spielte die Folge in Bern, war Andrea Zogg der Kommissar. Im „Tatort“ aus Zürich ist er mal der Bösewicht, mal der Retter. Die Staffeln der Serie „Zürich-Krimi“ heißen immer „Borchert und …“, Andrea Zogg hat darin mehr als zehnmal mitgespielt, 2011 war er für den Schweizer Filmpreis als „Bester Darsteller“ nominiert, 2020 als „Beste Nebenrolle“ im Film über den Schweizer Reformator Ulrich Zwingli und, ja, einmal gab’s sogar einen Oscar für den besten ausländischen Film. Im aktuellen Kino-Blockbuster „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ steht Andrea Zogg an der Hotelrezeption.

Auf der Bühne, am Konzertflügel, sitzt Georg Friedrich Händel (1685–1759) mit Perücke und Schnallenschuhen. Am Schreibtisch steht Schriftsteller Stefan Zweig (1881–1942) und erzählt, wie Händel tödlich erkrankt zu Boden fällt – ein Schlaganfall? Ein Herzinfarkt? Und der Notarzt sagt: „Er wird nie mehr komponieren können.“

Tatort-Kommissar singt Kirchenlieder

Schauspieler Andrea Zogg weiß, wie man mit sonorer Sprechstimme und wenigen ausdrucksstarken Gesten das Publikum auf die vorderen Stuhlkanten lockt. 70 spannende Minuten lang rezitiert er auswendig, wie G.F. Händel aus Halle in Sachsen überraschend gesund wird, sich 1741 in seiner Londoner Wohnung einschließt und in nur 23 Tagen sein berühmtestes Werk schreibt: „Der Messias.“ Seit 250 Jahren wird es von vielen Chören und Orchestern der Welt aufgeführt, meist zu Ostern, und selbst religionsferne Tatort-Gucker würden etliche Melodien daraus wiedererkennen.

Den Zuschauern stockt der Atem: Andrea Zogg kann Teile aus Händels „Messias“ richtig gut singen! In einer Art szenischer Popversion, während Pianist Marco Schädler ein furioses Medley inklusive „Stairway to heaven“ oder „Crazy Diamond“ von Pink Floyd drunterlegt. Und dann setzt er noch einen drauf: Das „Große Halleluja“ singen die Zuschauer begeistert mit.

Ein Schauspieler, der Texte vergisst

„Das war meine Auferstehung“, erzählt Andrea ganz untheatralisch nach der Show, „ich war Anfang 50 und konnte immer schlechter Texte behalten. Katastrophal für einen Schauspieler: Du bist nicht gut im Auswendiglernen?! Was hab‘ ich Angst gehabt am Filmset, was hab‘ ich mich durchgemogelt! Kleine Zettel in die Möbel oder in die Kostüme gesteckt, genuschelt, geschummelt – und dann wurde ich auch noch krank. Irgendein Virus. Da las ich Stefan Zweigs ‚Die Auferstehung des Georg Friedrich Händel‘ und dachte: Das muss man mal aufführen! Meine Frau sagte: ‚Das schaffst du nicht mehr. Eine Stunde Text? Solo?'“

Andrea Zoggs Elternhaus in einem Graubündner Dorf war nominell evangelisch, aber nicht religiös. „Meine Oma gab mir eine Kinderbibel, da fand ich nur die Bilder mit Schlangen und wilden Tieren interessant. Dann flog ich von der Schule wegen schlechtem Betragen, kam auf ein Internat und ging in den Schulchor, Händels ‚Messias‘, ein Jahr lang geprobt. Wir waren so geflasht von der Wucht der Texte und der Musik, das haben wir noch nachts in der Kneipe gesungen.“

„Nach 16 Jahren mit einem behinderten Kind waren unsere Batterien einfach leer“

Er fällt an der Schauspielschule durch die Prüfung, studiert Geschichte und Germanistik auf Lehramt, seine Schwester wird Theatermalerin an der Landesbühne Hannover und der Berliner Schaubühne. Durch ihre Vermittlung wird er doch noch angestellt, macht Karriere am renommierten Frankfurter Theater am Turm, am Schauspielhaus Wien, am Theater St. Gallen, wird fürs Fernsehen und Kino entdeckt, heiratet, bekommt drei Söhne und – zieht mit seiner Familie in jenes Schweizer Bergdorf zurück, „wo die Betreuung unseres autistisch-epileptischen Jungen besser gewährleistet ist. Nach 16 Jahren mit einem behinderten Kind waren unsere Batterien einfach leer.“

Andrea Zogg macht eine Pause. Was er und seine Frau durchgestanden haben, ist vorstellbar. Harte Medikamente, heftige Nebenwirkungen, Unfälle im Haushalt, kaum gesundheitliche Fortschritte. „Unser mittlerer Sohn ist jetzt 33 und lebt im betreuten Wohnen auf einem Bauernhof, es geht ihm gut. Der ältere und der jüngste sind beruflich bei Filmproduktionsfirmen gelandet.“

Gedächtnisprobleme verschwinden

Jetzt grinst Andrea wieder: „Ich las von Georg Friedrich Händel am Tiefpunkt seines Lebens, wie er von der Auferstehung des Jesus Christus singt und musiziert. Und dabei seine eigene körperliche, mentale und künstlerische Auferstehung in nur drei Wochen erlebt. Ich lernte den Text von Stefan Zweig und – es ging plötzlich! Ich hab‘ seither keine Gedächtnisprobleme mehr beim Drehen. Als meine Mutter mit 95 Jahren starb, bot ich dem Pfarrer an, das Stück an ihrer Trauerfeier vorzutragen. Es war die erste Aufführung, die Marco Schädler und ich in einer Kirche machten. Meine Auferstehung, wenn du so willst.“

Andreas Malessa (66) wurde bekannt als Teil des Gesangsduos „Arno & Andreas“ und gab rund 1.400 Konzerte im In- und Ausland. Nach Abitur und Theologiestudium in Hamburg zog der „überzeugte Norddeutsche“ als Wahl-Schwabe in die Nähe von Stuttgart, ist seit mehr als einem Vierteljahrhundert verheiratet, hat zwei fast erwachsene Töchter, liebt Fernreisen, gute Romane, Rotwein und kritisch mitdenkende Zuhörer.

Symbolbild: enigma_images / E+ / Getty Images

Traumjob gesucht: Jetzt ist der Moment, um neu anzufangen

Die Angst vor dem Scheitern hindert viele Männer daran, beruflich neu anzufangen. Coach Bernhard Fanger weiß, was es braucht, damit Träume wahr werden.

Mal vorweg gefragt: Sind eher Männer oder Frauen unzufrieden mit ihrem Job?

Bernhard Fanger: Dazu gibt es Studien, die mal das eine und mal das andere sagen. Angeblich sind es tendenziell eher Frauen, die unzufrieden sind. Ich glaube nicht, dass das so geschlechtsspezifisch ist, sondern vielmehr aus der persönlichen Lebenssituation entsteht.

Ich finde, dass Frauen nach wie vor nicht immer die berufliche Anerkennung bekommen, die sie verdienen. Vielleicht deshalb die eher höhere Unzufriedenheit. Männer halten oft Situationen aus, eine toxische Arbeitsumgebung wird da eher als „normal“ gesehen, weil „Mann“ es halt nicht anders kennt.

Sie waren Führungskraft und Vorstand in verschiedenen Technologieunternehmen, bevor Sie für sich einen anderen Weg wählten. Was war der entscheidende Moment, noch einmal neu anzufangen?

Ich war damals schon länger latent unzufrieden mit meiner beruflichen Situation. Sowohl unterfordert und frustriert, was Kompetenzen und Gestaltungsmöglichkeiten anging, als auch überfordert durch die schiere Anzahl von Aufgaben. Ich merkte, dass es so nicht mehr weitergehen konnte. Aber ich hatte anfänglich auch absolut keine klare Vorstellung, was stattdessen meine berufliche Zukunft sein könnte.

„Manche brauchen nur etwas Orientierung“

Sie coachen männliche Führungskräfte, die etwas Neues beginnen möchten. Was bewegt diese dazu?

Das ist so unterschiedlich wie die Menschen selbst. Da gibt es sowohl die Männer, die ihren langjährigen Traum umsetzen wollen, als auch diejenigen, die schlicht in ihrem jetzigen Umfeld frustriert und ausgebrannt sind.

Manche brauchen nur etwas Orientierung, einen kompetenten Gesprächspartner, unabhängiges Feedback. Andere sind einfach erschöpft und ohne Ideen, wie es weitergehen kann. Und dann gibt es diejenigen, die schon eine ganz genaue Vorstellung haben und vielleicht nur Bestätigung oder Ermutigung brauchen.

„Beim Formulieren von Wünschen wird mir selbst oft vieles klarer“

Was empfehlen Sie Männern, die herausfinden wollen, was wirklich in ihnen steckt? Die noch unschlüssig sind, wofür sie sich tatsächlich begeistern können?

Sich selbst kennenzulernen ist wichtig: Was will ich, was sind meine Stärken, wie komme ich in einen Flow? Ein weiterer wichtiger Faktor ist, mir selbst Zeit zu geben, mal eine Pause zu machen von der permanenten Geschäftigkeit.

Gut ist auch, mich auszutesten, etwas Neues auszuprobieren, gerade wenn ich noch nicht der Experte bin. Also mal vorher im Hotel arbeiten, wenn ich eines eröffnen will. Oder auch eine ehrenamtliche Aufgabe übernehmen, zum Beispiel wenn ich noch gar keine Ahnung habe, wo es hingehen soll. Es hilft auch sehr, sich auszutauschen mit anderen. Nicht nur um Tipps und Ideen zu bekommen – beim Formulieren meiner Wünsche und Ideen wird mir selbst oft vieles klarer.

„Riesige Angst vor Statusverlust“

Aus Ihrer Erfahrung: Was sind die größten Hürden für einen gelungenen Neustart? Mit welchen Ängsten kämpfen die Männer, die zu Ihnen kommen?

In der Regel werden fehlende Zeit, fehlendes Geld oder fehlende Ideen als Gründe genannt, mit einer Neuorientierung zu warten. Meiner Meinung nach liegen die Gründe tiefer. Es gibt gerade bei uns Männern eine riesige Angst vor Statusverlust und vor dem Scheitern. Wer sind wir, wenn wir nicht mehr die tollen Hechte im Berufsleben sind? Wie reagiert mein Umfeld, wenn es nicht klappt mit meiner neuen Idee? Das macht Angst!

Ein weiterer Faktor ist, dass wir wenig positive Vorbilder haben. Wir blicken auf zu Leuten wie Richard Branson oder Steve Jobs, aber die schweben in einer anderen Dimension, die haben eher die Aura von Popstars. Unerreichbar. Deshalb war es mir wichtig, für das Buch mit „ganz normalen“ Männern zu sprechen, die alle erst später in ihrer Karriere ihr eigenes Ding starteten.

„Es ist nie der exakt richtige Zeitpunkt“

Durch die Corona-Krise ist in der Wirtschaft eine große Unsicherheit zu spüren. Viele fürchten um ihren Arbeitsplatz. Ist jetzt wirklich der richtige Zeitpunkt für einen Neubeginn? Oder ist die Zeit des Umbruchs vielleicht sogar eine Chance?

Es ist nie der exakt richtige und nie der komplett falsche Zeitpunkt. Es hängt deutlich weniger von den äußeren Umständen ab und viel mehr davon, was ich selbst möchte und wie ich mich gestalte. Sonst hätte nach dem Zweiten Weltkrieg niemand ein Unternehmen gestartet – bei so viel Unsicherheit, so viel Zerstörung, so wenig Kaufkraft …

Vielleicht muss ja auch nicht gleich der komplette Wandel sein. Reicht nicht manchmal auch nur eine Kurskorrektur?

Das ist sogar in sehr vielen Fällen so. Es ist deshalb ganz wichtig, herauszufinden, ob meine Unzufriedenheit und Erschöpfung tatsächlich am Job liegen oder ganz andere Ursachen haben. Sonst gebe ich meinen Job auf und bin weiter unzufrieden. Bei Weitem nicht jeder muss sich auf neuen Pfaden selbst verwirklichen, aber jeder sollte wissen, was ihm guttut und was nicht.

„Ein Manager, der seine eigene Kaffeerösterei aufgebaut hat“

Können Sie uns ein paar Beispiele aus Ihrer Praxis nennen von Männern, die ihr Leben umgekrempelt haben? Gibt es die Geschichten vom unzufriedenen Topmanager, der jetzt glücklicher Weinbauer ist?

Die gibt es in der Tat, und mein Buch ist voll von diesen Geschichten: ein Manager, der seine eigene Kaffeerösterei aufgebaut hat. Eine Führungskraft, die ein Boutique-Hotel in denkmalgeschütztem Gemäuer gebaut hat. Ein Marketingleiter, der nachhaltiges Fertigessen produziert. Ein Weinbauer war nicht dabei, aber ein Weinhändler, der auch weiterhin seinen Job als Personalmanager gut ausfüllt.

Sie haben für Ihr Buch mit verschiedenen Männern über deren Neuorientierung gesprochen. War es schwierig, Ihre Gesprächspartner zu einem offenen Gespräch zu ermutigen?

Es war überraschend einfach. Vielleicht auch, weil meine Gesprächspartner alle voll hinter ihrer Idee stehen. Ich habe so viel Offenheit erfahren und auch sehr viel Ehrlichkeit. Gerade was die Ängste anbelangt, die Schwierigkeiten bei einem Neuanfang, die finanziellen Einbußen, die Zeitdauer, bis ein neues Projekt ins Laufen kommt, die Bedeutung des Partners dabei. Schön war, dass kaum einer meiner Protagonisten die Schuld „der Firma“, also ihrem vorherigen Arbeitgeber, gab. Vielmehr haben sie selbstverantwortlich nach dem besten Weg für sich gesucht.

„Verständnis ist auch schon Unterstützung“

Wer sollte Ihr Buch lesen? Vielleicht sogar die Ehefrau oder Partnerin, die ihren Mann beim „Spurwechsel“ unterstützen möchte?

Eine gute Frage. Ich habe erlebt, dass die Partnerin oft schon früher merkt, wenn mit ihrem Mann etwas nicht stimmt, wenn Frust und Unzufriedenheit überhandnehmen. Männer lassen diesen Frust dann gerne am persönlichen Umfeld, an der Familie und der Partnerin aus. Das ist nicht nur unfair, sondern auch in keiner Weise hilfreich. Vielleicht gibt es Frauen, die ihren Mann so unzufrieden erleben und ihm mit dem Buch ein paar Denkanstöße geben wollen.

Mein Buch hat zwar „Mann“ im Titel, aber die meisten Kapitel sind für Frauen genauso relevant und interessant. Vielleicht werden manche Frauen überrascht sein, mit welchen Themen und Ängsten sich ihre Männer herumschlagen. Und Verständnis ist auch schon Unterstützung.

Bernhard Fanger ging aus einer Konzernkarriere in die Selbstständigkeit und ist heute Mentor und Management-Coach. Als ehemaliger Geschäftsführer, Vorstand und Aufsichtsrat in mittelständischen Technologieunternehmen weiß er, wo vielen Männern der Schuh drückt. fanger.de

Der Kneipenpastor Titus Schlagowsky (Foto: Rüdiger Jope)

Morgens stehen zwei Steuerfahnder im Schlafzimmer: So wurde Titus vom Kriminellen zum Kneipenpastor

Titus Schlagowsky war Schläger, Säufer und Schwindler. Im Knast wollte er sich erhängen. Heute ist er Kneipenpfarrer.

So eine Geschichte kann man sich nicht ausdenken! Wir sind durch Nastätten gekurvt, einem kleinen Städtchen im westlichen Hintertaunus, 4.000 Einwohner. Jetzt stehen wir in der kleinen Kneipe des Ortes. Früher Abend, gedämpftes Licht, Stimmengemurmel. Wimpel der Biermarke Astra und von Borussia Dortmund hängen wild verteilt herum. Es ist noch leer, fünf, sechs Leute stehen um den Tresen. Sie fußballfachsimpeln, frotzeln, lachen, rauchen.

Hinterm Tresen steht Titus Schlagowsky. Der Wirt, ein großer kräftiger Typ, auf dem Kopf fast kahl, Vollbart, zieht genüsslich am Zigarillo. Er trägt ein schwarzes T-Shirt, eine Lederweste und sein Herz auf der Zunge, wie sich in den nächsten Stunden zeigen wird.

Seit ein paar Monaten ist er über seine Kneipe und Nastätten hinaus bekannter geworden: als „Kneipenpastor“. Früher wollte er mal nach Island auswandern, hat mehrere gescheiterte Beziehungen und Insolvenzen hinter sich, im Knast gesessen … Und ist heute Pastor? In einer Kneipe? Es ist viel passiert, bis wir an diesem Abend im Oktober 2021 beim Bier zusammensitzen.

„Keine Schlägerei ohne mich!“

Titus Schlagowsky ist Sachse, 1969 geboren, aufgewachsen in einem Vorort von Crimmitschau, in einer christlichen Familie. „Ich war nicht staatlich ‚jugendgeweiht'“, erzählt er. Seine Kindheit und frühen Jugendjahre hat er in guter Erinnerung, „die Kirche hat mir Rückhalt gegeben“. Es machte ihn aber auch zum Außenseiter, der von Mitschülern gemobbt wurde, nachdem die Familie in die Stadt umgezogen war. Eines Tages wehrt er sich, schlägt mehrere seiner Mitschüler nieder. Von da an war sein Motto: „Keine Schlägerei ohne mich!“

Zu den Prügeleien kommt der Alkohol. Nach der Schule lernt er Schreiner und säuft so viel, dass er am nächsten Tag oft „nicht mehr weiß, was oben und unten ist“. Auch in Sachen Glauben macht er jetzt sein „eigenes Ding“, wird ein „typischer U-Boot-Christ“, wie er das nennt: „An Weihnachten auftauchen, wieder abtauchen, Ostern auftauchen, wieder abtauchen … Das war’s.“ Auch von der DDR hat er die Nase voll. Gleich nach der Wende 1989 verschwindet er mit seiner damaligen Freundin in den Westen, landet über Verwandte, die in Bad Nauheim leben, in Nastätten.

Dicke Autos und große Häuser

In den nächsten Jahren wird’s richtig wild. Titus Schlagowsky hangelt, mogelt und schummelt sich durch, eckt an. In seinem neuen Schreinerbetrieb belegt er einen Meisterkurs, wird kurz vor der Prüfung gefeuert, erklärt sich aber wie ein Hochstapler schon mal („mit wohlwollendem Blick auf die Zukunft“) zum Schreinermeister.

Als er den Meisterbrief endlich in den Händen hält, lebt er auf viel zu großem Fuß: dicke Autos, große Häuser, er betankt Firmenfahrzeuge mit billigem Heizöl statt Diesel, wird erwischt; muss bald Insolvenz anmelden. Obendrein drängt er seine neue Lebenspartnerin, die unter einer Bulimie-Essstörung leidet und ein Kind von ihm erwartet, zur Abtreibung; sie verlässt ihn …

In Haft wegen Steuerhinterziehung

Schlagowsky will auswandern, nach Island: sein Traumland. Da lernt er seine heutige Frau Andrea kennen. Das Paar wagt einen Neuanfang, ackert ohne Finanzpolster, bringt mit Freunden und gesammelten Einrichtungsgegenständen aus aufgegebenen Bäckereien quer durchs Land ihr neues Café mit Kneipe auf Vordermann – und dann stehen eines Morgens um fünf Uhr zwei Steuerfahnder im Schlafzimmer … Zum Verhängnis wird Titus Schlagowsky, dass er bei seinem Neuanfang Privat- und alten Firmenbesitz beim Verkauf vermischt und Löhne, Überstunden unter Umgehung der Lohnsteuer bar aus der Kasse bezahlt, auch Einkäufe bei Lieferanten ohne Rechnung begleicht.

Nach jahrelangen Ermittlungen wird im März 2012 der Haftbefehl gegen ihn vollstreckt. Verurteilt zu drei Jahren und drei Monaten wegen Steuerhinterziehung, landet er im Knast, Haftnummer 39 812. Im Juli ist er fertig. Die Zelle ohne Fenster, 24 Stunden künstliches Licht, „Lebensüberwachung“ alle 20 Minuten. Er will sich umbringen.

Suizidversuch im Knast

Der Strick, eine in Streifen geschnittene Jogginghose, ist gedreht, sein Abschiedsbrief geschrieben, als der Kuli unters Bett rollt. Er kniet davor und denkt sich: „Jetzt kannste auch noch ’ne Runde beten.“ Es wird das längste Gebet seines Lebens, er heult Rotz und Wasser, und merkt, dass „auf einmal alles anders“ geworden ist, er „eine andere Einstellung zum Leben“ gewonnen hat. Und er vernimmt Gottes Reden: „Ich hab noch was vor mit dir.“

Noch im Knast wird er zum „Müllschlucker“: Andere Knackis, die von seiner Veränderung gehört haben, kippen in Gesprächen ihren Müll bei ihm ab. Er wechselt bald ins Freigängerhaus und wird Ende November 2013 vorzeitig entlassen, allerdings mit vier Jahren Bewährung. Wieder „draußen“, macht er eine Prädikantenausbildung, ist seit 2016 Laienprediger der evangelischen Kirche und hat in den folgenden dreieinhalb Jahren 265 Predigten gehalten. Demnächst will er noch seine kirchliche Diakonen-Ausbildung abschließen.

BILD-Schlagzeile in einer Predigt

Jetzt, bei unserem Besuch im Oktober, steht er abends in seiner Kneipe, hat T-Shirt und Weste gegen ein schwarzes Kollarhemd mit grüner Stola getauscht. Die Musik aus dem Radio ist abgedreht, Gäste hocken am Tresen und in den Bänken, gut 30 Leute insgesamt, es ist eng. An einem Tisch proben Gabi Braun am Akkordeon und Heiner Keltsch auf dem E-Piano ein paar Takte, ein Elektrotechniker aus der Nachbarschaft hat Licht und Kameras aufgebaut, um die Kneipen-Andacht, die hier gleich abläuft, aufzuzeichnen. Sie wird später auf YouTube zu sehen sein.

Titus startet mit einem Wochenrückblick, macht eine launige Bemerkung zu einer BILD-Schlagzeile. Dann geht es schnell zur Sache. Grit, eine Mitarbeiterin, liest aus Psalm 32 und Titus holt den Bibeltext in die Kneipen-Atmosphäre, spricht von Krankheit, Leid und Dankbarkeit. Er kennt die Leute hier, spricht sie direkt an: „Ute, Rudi – was denkt ihr?“

„In der Kneipe predige ich nicht!“

Mittendrin zapft Chantal am Tresen still ein Bier. Zum Ende lädt Titus seine kleine Gemeinde ein: „Wenn ihr eine Krankheit überwunden habt, dann bedankt euch – und nehmt Gott beim Dank mit ins Boot! Denn nicht die Glücklichen sind dankbar, sondern die Dankbaren sind glücklich.“ Gabi und Heiner spielen noch ein Lied, einige murmeln das Vaterunser mit. Segen. Ein paar Gäste bekreuzigen sich.

Schlagowskys „Karriere“ als „Kneipenpastor“ begann erst vor gut einem Jahr: An einem Abend wollte er sich kurz zurückziehen, um im Bierkeller seine nächste Predigt nochmal laut zu proben. „Das kannst du doch auch hier machen“, meint ein Gast. „Klar, ich predige hier in der Kneipe – so einen Scheiß mach ich nicht!“, wehrt Titus mit gewohnt großer Klappe ab. Als aber noch andere Gäste ihn auffordern, hält er tatsächlich seine erste Kneipenpredigt.

Kirche bei einem Glas Bier

Inzwischen lädt er zweimal im Monat zu Gottesdiensten ein. Und landet oft bei dem Gedanken: „Jeder Mensch hat eine zweite Chance, so wie ich“, vor allem beim „Chef“, wie er Gott nennt. Seinen Gästen gefällt’s. „Ich habe wie Titus am Boden gelegen. Der labert nicht nur vom Leben, sondern der weiß, wie es ist. Mit seinen Predigten spricht er mir aus der Seele“, bekennt Axel (59).

Neben ihm sagt Frank (61): „Ich bin aus der Kirche ausgetreten, weil sie mir nichts zu sagen hatte. Die Pfarrer sind so weit weg vom Leben! Hier verstehe ich die Bibel.“ Kevin (45) ist richtig begeistert: „Kirche nicht altbacken, sondern an meinem Leben dran. Und das bei einem Glas Bier. Wo gibt’s denn sowas!“

Würde Jesus heute in die Kneipe gehen? Titus lacht. „Ja, da bin ich mir sicher. Der hat sich zu allen gesellt.“ Auch Pfarrerinnen und Pastoren, Christen überhaupt sollten ruhig öfter mal in die Kneipe gehen.

Harte Kritik an der Kirche

„Ich glaube, das ist eine Aufgabe“ – um mit den Menschen zu reden, sich ihre Fragen anzuhören, findet er: „Ich gehe teilweise hart ins Gericht mit meiner Kirche, weil der Bezug zu den Leuten immer weiter verloren geht. Das tut mir in der Seele leid.“ Er selbst hat im Treppenhaus hinter der Kneipe einen Stuhl stehen. Dahin zieht er sich mit Gästen zurück, wenn einer von ihnen mal reden will: „Es landet alles bei dir: Ehekrisen, Alkoholprobleme, Kinderärger, Altersfrust …“

Die Worte des Kneipenpastors bleiben nicht ohne Wirkung. Gabi, die Akkordeonspielerin, sagt nachdenklich: „Jahrzehnte hat Gott für mich keine Rolle gespielt, ich bin aus der Kirche ausgetreten. Titus hat mit seinen Gottesdiensten etwas in mir zum Klingen gebracht. Ich bin Gott nähergekommen. Vielleicht trete ich bald wieder ein.“

Jörg Podworny ist Redakteur des Magazins „lebenslust“.

Lesetipp und mehr: Der Kneipenpastor. Wie Gott mein Versagen gebraucht, um Herzen zu verändern (SCM Hänssler)

Foto: Privat

Vor dem Nichts: Wie ein Fotograf in der Krise den Livestream entdeckte

Im Lockdown stand der Fotograf Frank Wiedemeier vor dem Nichts. Doch die Krise half ihm, einen ganz neuen Berufszweig für sich zu entdecken.

Innerhalb eines Jahres hat sich mein berufliches Leben komplett verändert. Noch im März 2020 sah alles rosig aus. Der alljährliche Skiurlaub in den Alpen mit guten Freunden begann am Frühstückstisch zwar immer mit einem Blick auf die aktuelle Viruslage, aber schnell waren wir bei den Wetteraussichten für den Tag, parlierten über Temperaturen, Sonnenstunden und Abfahrtsrouten. Doch plötzlich, als hätte jemand den Zeitraffer angestellt, ging es Schlag auf Schlag. Und während auf der österreichischen Seite die Pisten geschlossen wurden, war auf der Schweizer Seite noch die Rede von reduzierten Liftpreisen, weil man ja nun nur in der Hälfte des Skigebiets unterwegs sein könne. Doch der Wunsch nach Schweizer Virus-Neutralität hielt nicht lange. Am 13. März 2020 wurden alle Pisten der Silvretta Arena geschlossen und die Gäste zur geordneten Rückreise aufgefordert. Genossen wir vor drei Tagen noch Pulverschnee und Après-Ski, so wurden wir bei der Einreise nach Deutschland dazu aufgefordert, freiwillig für 14 Tage in Quarantäne zu gehen. Willkommen in der Realität.

Absage folgt auf Absage

Die Folgen für mich als freiberuflicher Fotograf kamen in rasender Geschwindigkeit. Veranstaltungen, die ich dokumentieren sollte, wurden ebenso wie gebuchte Workshops und Seminare abgesagt. Mein noch im Frühjahr 2020 neu eingerichtetes Fotostudio, das ich nach einem erfrischenden Urlaub richtig beleben wollte, konnte ich wieder verschließen. Es hagelte Jobabsage auf Jobabsage. Was also tun, wenn das Geplante überhaupt nicht mehr funktioniert? Wenn die Haushaltsplanung zur Makulatur wird, wenn Kosten weiterlaufen, der nächste Erste schneller da ist, als man schauen kann, wenn angesparte finanzielle Reserven wie Schnee in der Frühjahrssonne dahinschmelzen? Eines war mir schnell sonnenklar: Es galt, das Ruder binnen kürzester Zeit herumzureißen. Aber auf welchen Kurs?

Alles begann mit einer schlichten Bestandsaufnahme. Was kann ich? Was habe ich? Was könnte gebraucht werden? Was kann ich anbieten, um eine neue berufliche Perspektive zu gewinnen? So sonderbar es aus heutiger Sicht auch klingen mag, aber mir schoss damals der Gedanke „Livestreaming“ durch den Kopf. Möglicherweise auch, weil sich unsere Kirchengemeinde mit der Aufgabe konfrontiert sah, eine Möglichkeit zu suchen, um im Lockdown Menschen einen sonntäglichen Gottesdienst bieten zu können. Alles, was ich zum Streaming benötigte, hatte ich bereits in meinem Studio. Licht, Kameras, Stative, Computer, Glasfaseranschluss. So begann der erste Gedanke, konkrete Formen anzunehmen. Wie ein trockener Schwamm sog ich jede Information zum Thema Livestreaming auf, die ich finden konnte.

Langsam wächst das Wissen

YouTube-Videos zu Hard- und Software, unzählige Anwenderberichte füllten meinen Alltag. Kürzel wie RTP, RTSP, WebRTC, SRT, NDI, DVE, LUT, BT.709 oder 12G-SDI zogen in meinem Kopf ein und erschlossen sich mir nach und nach. Doch grau ist alle Theorie. Praxis musste her, und zwar schnell. Bereits im ersten Monat mit meinem neuen Arbeitsgebiet begann ich mit der Übertragung des sonntäglichen Gottesdienstes. Zunächst mit einer Kamera, dann – man will den Zuschauern ja etwas bieten – mit einer zweiten Kamera. Mit jedem dieser Livestreams nahm die Erfahrung zu, wuchs das Verständnis: Ton über XLR ist schneller als das Videosignal über HDMI, die Latenz zwischen der Aufnahme vor Ort und dem Stream auf der Webseite liegt schon mal bei 30 Sekunden, ein Kamerawechsel sollte nicht mitten im Satz erfolgen und, und, und.

Auf diese Weise erprobt und autodidaktisch fortgebildet bin ich auf meine Kunden zugegangen, habe mein neues Angebot vorgestellt und stieß auf offene Türen. Denn auch ihnen war schnell klar geworden, dass diese „neue Zeit“ neue Wege der Kommunikation erfordern würde. Wurden Plattformen wie ZOOM, MS Teams oder GoTo-Meeting zu Beginn des vergangenen Jahres kaum wahrgenommen, so schossen deren Nutzerzahlen ab Frühjahr 2020 in die Höhe. Mehr und mehr wurden Events von analog auf digital umgestellt – und ich wollte dabei sein.

Plötzlich Remote-Stream

Nach und nach nahm das Ganze Fahrt auf. Zu den ersten Streams gehörte beispielsweise der eines Landesministeriums. Minister und alle Hauptabteilungsleiter gingen zu einem definierten Termin pünktlich auf Sendung und erreichten eine große Zuschauerschaft. Ein anderer Stream bildete einen siebenstündigen Event ab. Zwei Bühnen, Referenten vor Ort sowie zugeschaltet über ZOOM. Dazu Einspieler und Chats. Spannend war auch der erste reine Remotestream. Per Tablet-Kamera wurde die Moderatorin aus Gelsenkirchen mit zwei Musikern aus Wuppertal, die ihrerseits mit zwei Smartphones aufgenommen wurden, live im Studio in Jüchen-Wey zusammengeschnitten und von dort aus gestreamt. Dabei erfolgte die Steuerung der zugeschalteten Tablet- und Smartphonekameras direkt aus dem Studio.

70 Streams und gewachsene Ansprüche

Heute, exakt ein Jahr später, kann ich auf über 70 Streams zurückblicken. Mit jedem wächst die Erfahrung, mit jedem weiß ich mehr um die Tücken, die oftmals im Detail liegen. Jeder Stream hat seine völlig eigenen Anforderungen. Um hier die Fehlerquote möglichst gering zu halten, habe ich begonnen, im Team zu arbeiten, mit einem Ton- und einem Kameramann. Auch dies ist eine neue Erfahrung für mich, denn als Fotograf bin ich immer alleine unterwegs. Gemeinsam checken wir jeden Job vorab durch. Navy Streamer eben. Jeder Handgriff muss sitzen, auch bei Dunkelheit.

Mit der Zeit wuchsen aber auch die Erwartungen der Kunden sowie meine eigenen. Welche Kameras wollen wir beim nächsten Mal anders kombinieren? Wie optimieren wir Makros, um Abläufe automatischer zu gestalten? Wie vereinfachen wir die Zuschaltung für externe Referent:innen noch weiter? Wie können wir das gesprochene Wort live als Text einblenden? Aber auch klassische Fragen nach Kostenoptimierung stehen auf dem Programm. Wie optimieren wir Kabelwege? Wie reduzieren wir Rüstzeiten? Wie können wir schneller aufbauen? Was brauchen wir an Technik, um noch besser zu werden? Im Ergebnis sind alte Kameras verkauft und neue erworben worden. Das erste Mischpult wurde bereits durch den dritten Nachfolger ersetzt. Die ersten Lichtquellen, einfache LED-Panels, sind gegen leistungsfähige LED-Strahler getauscht. Die Streaming-Hardware ist ebenfalls in dritter Generation im Einsatz. Papierbahnen mit Sprechertexten, die direkt vor der Kamera aufgehängt wurden, sind durch einen professionellen Teleprompter ersetzt worden. Von Kabeln und Adaptern will ich gar nicht sprechen. Das Studio gleicht einem kleinen Foto- und Videofachgeschäft.

Vom One-Man-Fotografen zum Team-Player-Livestreamer

Nach dem ersten Schock und der bangen Frage nach dem, wie meine berufliche Zukunft aussehen würde, habe ich zeitnah auf Aktion umgestellt. Als Unternehmer muss ich auf veränderte Rahmenbedingungen reagieren und mein Angebot entsprechend anpassen. Dies konnte aber auch nur gelingen, weil ich Kunden habe, die sich darauf eingelassen und es mir ermöglicht haben, diesen Weg wirtschaftlich zu gehen.

Durch Covid-19 hat sich mir ein neuer Arbeitsbereich eröffnet. Aus einem One-Man-Fotografen wurde ein Team-Player-Livestreamer. Bin ich ein Pandemie-Gewinner? Bin ich Covid-19 gar dankbar? Nein, weder noch. Ich habe nach einem Weg gesucht, um trotz der vielen Einschränkungen wirtschaftlich zu überleben. Den habe ich für mich gefunden. Dankbar bin ich denen, die mir die Chance gegeben haben, diesen Weg zu gehen.

Frank Wiedemeier ist freier Fotograf mit dem Themenschwerpunkt Wirtschaft (streamboxstudio.de).

Symbolbild: Getty Images / E+ / FatCamera

Beruflich gescheitert: Nach einem Jahr merkt Axel, dass er Hilfe braucht

Ein Jahr versucht Axel, sich gegen seine neue Chefin zu behaupten. Dann merkt er: Auch Männer dürfen scheitern.

„Ich bin doch kein Typ für die Couch – das ist was für die anderen, aber nicht für mich!“, dachte ich. Bis ich mich im Sommer 2017 im Büro einer Psychotherapeutin wiederfand und froh war, endlich mal alles rauslassen zu können bei einer Person, bei der ich nicht die Sorge haben musste, dass mein Dilemma sie noch zusätzlich belasten würde.

Ein Jahr zuvor hatte ich eine neue Vorgesetzte bekommen. Bis dahin hatte ich sehr viel Wertschätzung erfahren für meine Arbeit, für meine Ideen und mein Engagement. Doch plötzlich war das alles nichts mehr wert – im Grunde von heute auf morgen. Offenbar hatte ich den Test nicht bestanden, den mir meine neue Chefin mit folgender Aussage präsentierte: „Ich bilde mir meine Meinung über Menschen in den ersten fünf Sekunden, und diese Meinung steht dann.“

Tiefschlag folgt auf Tiefschlag

Anfangs wollte ich das nicht glauben und begann zunächst mit dem Versuch, sie von meinem Können zu überzeugen. Ich legte mich ins Zeug, meldete mich freiwillig für die Jobs, die keiner wollte, und versuchte so, ihre Anerkennung zu gewinnen. Immerhin war ich schon zehn Jahre da, sie erst ein paar Monate – ich investierte all meine Kraft und hatte wirklich Hoffnung, dass das gelingen könnte. Doch das Gegenteil war der Fall: Immer mehr Steine wurden mir in den Weg gelegt, bewusst und mit Ansage genau die Dinge entzogen, die meine Arbeit für mich besonders machten. Also begann ich, mich zu wehren und zu kämpfen – nicht nur für mich, sondern auch für das Team, das fast ausnahmslos genauso litt wie ich. Ich versuchte den Weg über die Vorgesetzten meiner Chefin – und wurde als Bauernopfer ans Kreuz genagelt.

Tiefschlag folgte auf Tiefschlag – und trotzdem konnte und wollte ich nicht sehen, dass ich mich der Frage stellen musste, ob meine Zeit an dieser Wirkungsstätte einfach vorbei sein konnte. Das war einfach keine Option, denn es hätte bedeutet, als Verlierer mit eingekniffenem Schwanz das Feld zu räumen – und sowas kratzt enorm an der Männlichkeit. Mit alldem setzten auch die psychosomatischen Beschwerden wie Kopf- und Nackenschmerzen ein – es lastete einfach zu viel auf meinen Schultern. Dies bekam besonders meine Familie zu spüren – ein paar unordentlich abgestellte Teenager-Schuhe brachten mich schon beim Heimkommen direkt aus der Fasson und zum Lospoltern.

Der Anfang kostet Überwindung

Nun sind wir Männer ja häufig so gestrickt, dass wir unsere Probleme mit uns selbst ausmachen und ungern Hilfe annehmen; aber für mich war – auch nach einem sehr wertvollen Gespräch mit meiner wunderbaren Frau – klar: Du brauchst professionelle Hilfe, um damit umzugehen und deinen Weg zu finden. Es kostete mich anfangs Überwindung, den ersten Anruf zu tätigen, doch von Treffen zu Treffen wurde die Sicht für mich klarer und nach fünf Sitzungen konnte ich die entscheidende Frage meiner Therapeutin für mich beantworten: Wie viel Sinn macht es, neunzig Prozent der Kraft in etwas zu investieren, für das es eine bestenfalls zehnprozentige Wahrscheinlichkeit gibt? Also begann ich, über den Zaun zu schauen und nachzusehen, ob die Wiese da drüben nicht vielleicht genauso grün ist.

Anfang 2018 riss ich mir dann bei einem dummen kleinen Unfall meine rechte Oberschenkelsehne, was mir eine dreimonatige Auszeit aus der Gesamtsituation bescherte. Nicht ein einziger Anruf meiner Chefin, keine aufmunternde Mail des gesamten Führungsteams während der ganzen Zeit – das ließ mich erkennen, dass es keine Niederlage sein würde, wenn ich dort weggehe, sondern ein Gewinn für mich und meine neue Arbeitsstelle, wenn ich mich dort mit Freude und all meiner Kraft wieder einbringen darf.

Der Tag meiner Kündigung war eine solche Befreiung für mich! Die letzten Monate im alten Job fühlten sich derart leicht an, dass ich manchmal sogar ein wenig zu zweifeln begann, ob ich mich wirklich richtig entschieden hatte. Doch heute, mehr als drei Jahre später, ist rückblickend alles gut – ich bin glücklich mit meiner Arbeit (auch wenn es oft stressig und manchmal sogar chaotisch ist), und vor allem: Ich genieße die Wertschätzung, die mir so lange gefehlt hat und die mir nun in hohem Maß entgegengebracht wird.

Axel Hudak (48) lebt mit seiner Frau und drei Kindern in Karlsruhe. Neben seinem Hauptberuf als Pflegepädagoge arbeitet er als Erlebnispädagoge und ermutigt bei dieser Arbeit Frauen und Männer jeden Alters darin, sich ihren Aufgaben und Fragestellungen auf aktive und souveräne Weise zu stellen und Lösungswege zu erleben und zu finden. faszinationerleben.de

In den Sand gesetzt

Mutig Aufstehen

Andi Weiss besingt in seinem neuesten Album »Laufen Lernen« das Männerleben zwischen Wiege und Bahre. Grund genug, sich mit diesem Poeten einmal in einem Münchner Café zum Plaudern zu treffen.

Heute schon gelaufen?
(lacht) Ja, heute Mittag. Unser Söhnchen fand nicht in den Schlaf. Da habe ich ihn in den Wagen gepackt und 38 Mal ums Haus geschoben. Da spart man sich das Fitnessstudio.

Warum fordern Sie als jemand in der Lebensmitte Menschen auf, laufen zu lernen?
Vor zwei Jahren bin ich Vater geworden. Dabei entdeckte ich: Nicht nur Kinder, sondern auch Eltern müssen laufen lernen. Da erschließt sich einem ein ganz neues Universum. Das Leben fordert uns heraus, immer wieder ins Laufen zu kommen. Es gilt, neue Wegstrecken unter die Füße zu nehmen, sich neue Ziele zu setzen, sich bewusst zu sagen: Diesen Weg bin ich jetzt 38 Mal gelaufen, jetzt wird es aber Zeit, sich diese Strecke aus einer neuen Perspektive anzuschauen, oder aber einen anderen Weg einzuschlagen, um sich wieder herauszufordern.

Und warum tun wir Männer es dann nicht?
Weil uns Bequemlichkeit und Angst in die Quere kommen.

Mit dem Laufen verbinden viele Schweiß, Muskelkater, Atemlosigkeit. Sie gewinnen dem Laufen offensichtlich etwas Positives ab?
Ähm. Nächste Frage, bitte. Ein Freund von mir, der weiß, wie viel Sport ich treibe, sagte mir: Andi, der Titel der CD ist unglaubwürdig. (lacht herzhaft) Ehrlich: Ich bin nicht der sportliche Schwitzer. Mich interessiert aber der Lebensschweiß. Mir liegen Menschen am Herzen, die sich im Leben schon einmal eine blutige Nase geholt haben oder abends fix und fertig nach Hause kommen.

Ihre CD ist daher nicht nur ein Genuss für sportliche Männer?
Definitiv nicht.

Wie ein roter Faden zieht sich durch die Scheibe das Motto „Aufstehen nach dem Hinfallen“. Was wollen Sie damit ausdrücken?
Ich schreibe Lieder aus meinem Lebenskontext. Ich bin Familienvater, Ehemann, Vater, Freund, Nachbar, Diakon, Logotherapeut,… Und in diesem Sein scheitert man eben auch. Wir brauchen auch unter Männern, in unseren Beziehungen und in unseren Gemeinden eine Kultur des Scheiterns.

Sollen wir mehr zu unseren Schwächen und Fehlern stehen?
(leidenschaftlich) Unbedingt! Wir frönen nicht selten einer geistlichen Olympiade: „Mein Haus, mein Auto, mein Garten… Das bin ich, das kann ich, das habe ich erreicht, das ist meine Gebetserhörung.“ Gerade wir Männer sind großartig in dieser Disziplin. Und genau darin müssen wir fröhlich umdenken lernen: „Hey, es gehört auch zum Leben, dass ich Brüche und Wunden habe, dass ich begrenzt bin.“ Papst Franziskus sagt: Die Kirche soll ein Lazarett sein. Damit drückt er aus: Das Scheitern und Hinfallen gehört zum Leben, auch von uns Männern.

Sie singen in einem Refrain „Ich bring dich durch den Sturm“. Welche Botschaft verbirgt sich für Männer (und Frauen) dahinter, denen sprichwörtlich das Wasser bis zum Hals steht, deren Lebensboot am Absaufen ist?
Ein Mann kam zu mir und packte ehrlich aus, wie es um ihn steht. Er sagte: „Im Beruf, in der Familie, überall muss ich der starke Mann sein, aber keiner merkt, wie es um mich herum und in mir stürmt. Aus Stolz gegenüber meiner Frau, meiner Gemeinde, meinen Freunden und aus Angst, als Schwächling dazustehen, erzähle ich niemandem von den Wellen, die mich zu überspülen drohen.“ Genau aus diesem Grund liegt all meinen Liedern die Wahrheit aus Psalm 23 zugrunde: Und ob ich schon wanderte durchs dunkle Tal, du bist bei mir. Dein Stecken und Stab trösten mich.

Das habe ich vor 35 Jahren im Konfirmandenunterricht auch schon gehört …
Es mag billig klingen, weil es inzwischen auf jeder dritten Sonnenuntergangskarte steht, aber wenn wir über den Glauben reden und diesen Trost ins Spiel bringen, haben wir alles über unseren Glauben gesagt. Gottes Gegenwart zeigt sich nicht in der Gesundheit, im eigenen Häuschen, in dem ich 38 Kinder mit biblischen Vornamen habe und zwanzig Jobs in der Gemeinde ausfülle, sondern darin, dass ich nicht allein bin in den Dunkelheiten des Lebens.

Haben Sie eine Lieblingsstelle in der Bibel, in der es ums Laufen geht?
Ja, Philipper 3,12-14. Als Logotherapeut ist es mir wichtig, nicht nur nach vorne zu schauen. Um mich zu verstehen, muss ich wissen, woher ich komme, was mich geprägt hat. Biografiearbeit ist wichtig, aber es gibt eben auch den Moment in der Begleitung und im Leben, wo es heißt: Jetzt gilt, nicht mehr zurückzuschauen, sondern zum Gestalter des eigenen Lebens zu werden. Männer sollten nach dem Scheitern mutig aufstehen.

Ihre Botschaft an die, die sich noch nicht aufraffen können?
Hab keine Angst vor Menschen und vor Gott. Liebe dich selbst und gehe Risiken ein.

Warum sollte ein Mann nicht allein laufen?
(stöhnt) Der Mann, der einsame Wolf. Das ist so ein typisches, aber eben auch trauriges und wahres Bild. Ich habe viele gute Freunde, die mir alle sagen: Eigentlich bin ich Einzelgänger. Obwohl ich viele Freunde habe, erlebe ich mich auch als Einzelgänger. Ich habe eine klasse Frau, die zugleich meine beste Freundin ist. Trotzdem scheint es typisch männlich zu sein, dass man denkt, du bekommst dies auch ohne Nachfragen und Navigation allein auf die Reihe. Wir Männer brauchen jemanden, der uns liebevoll und zugleich kritisch zurückmeldet, wo der Hammer hängt. Wir brauchen Menschen, die uns hinterfragen, alles andere ist billig. Ehrliche Männer und Frauen sind Gold wert, wenn man laufen lernen will.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

 

Rüdiger Jope

 

Mehr zu Andi Weiss und seinen Tourneedaten 2017 unter: www.andi-weiss.de

Von der Klippe gestoßen

Absturz im Beruf. Turbulenzen in der Familie. Zu müde zum Berge versetzen.

Der 17. Januar 2012. Ich kann mir diesen Tag besser merken als manchen Geburtstag. Es war der Tag, an dem ich als Geschäftsführer eines mittelständischen Unternehmens in die Zentrale der ausländischen Muttergesellschaft bestellt wurde. Kein Grund wurde genannt, es sollte sich wohl einfach um ein Jahresauftaktgespräch handeln. In dem gläsernen Büro meines Vorgesetzten wurde mir dann eröffnet, dass ich die Position des Geschäftsführers meiner Firma aufgeben müsse, um Platz zu machen für einen anderen. Ich fiel förmlich von einer Klippe.

ROTATION ALS GESCHÄFTSMODELL
Noch im Büro meines Vorgesetzten sitzend, wollte ich den Grund wissen, was zu der Entscheidung meiner Abberufung geführt habe. Die Aussage, es gäbe keinen spezifischen Grund, es sei nur mal eine „Rotation“ in der Führungsriege notwendig, sollte ausreichen. Man führte mich in einen Konferenzraum, in welchem mein Nachfolger auf mich wartete: Ein Kollege aus einem ausländischen Schwesterunternehmen, der selbst verunsichert war, mir gegenüberzutreten, kannten wir uns doch schon über viele Jahre.

Ich erinnere mich, dass ich auf dem Rückweg am Flughafen kulinarische Dinge kaufte, um damit zu Hause meiner Familie die neue Situation zu eröffnen, die doch „eigentlich“ gar nicht so schlecht sei. Eine besondere Art der Verdrängung, welche ich schon immer gut beherrschte: Bloß nichts hochkommen lassen.

Im März 2012 trat ich dann selbst vor die versammelte Belegschaft, um die Veränderung bekannt zu geben und unterstützte meinen Nachfolger nach bestem Wissen und Gewissen tatkräftig bei seinen Aufgaben. In meiner zurückgestuften Position kümmerte ich mich wieder ausschließlich um den Vertrieb und die geschäftliche Entwicklung des Unternehmens im Außenverhältnis.

Im selben Jahr entwickelte sich gerade ein Sturm in unserer Familie zu einem Orkan. Unser jüngstes von drei Kindern, das wir im Alter von zehn Monaten als Pflegekind aufgenommen hatten, suchte nach seinen Wurzeln und kam damit selbst nicht klar. Wenn wir uns telefonisch bei der Polizeistation im Nachbarort meldeten und um Hilfe baten, brauchten wir unseren Familiennamen nicht zu buchstabieren, man kannte uns bereits. Der Eklat gipfelte in einem Einsatz mit zwei Polizeistreifen, die sich anstrengten, eine unerlaubte und außer Kontrolle geratene Party unserer Jüngsten in unserem Haus zu beenden, während meine Frau und ich zum ersten Mal seit Langem versuchten, in einem 300 km entfernten Wellness-Hotel übers Wochenende etwas Kraft zu tanken.

Zuhause und in der Gemeinde versuchte meine Frau, alle Bälle in der Luft zu halten, um dann erst einen Hörsturz zu erleiden und anschließend in einem Burnout zu landen, welcher ihr einen mehrmonatigen Klinikaufenthalt bescherte.

DER STURM IN MIR
Und in mir? Da tobte ein Sturm, dem ich nicht erlaubte, herauszukommen. Ich suchte schließlich eine professionelle psychologische Beratung auf. Nach vielen Wochen erlaubte ich mir nach einer morgendlichen Sitzung, mich für den Rest des Tages krankzumelden. Bei einem Spaziergang in den Weinbergen ließ ich meinem Frust und meinen Tränen freien Lauf. Ich war zutiefst frustriert. Von Gott erwartete ich keine Antwort mehr. Nicht, dass ich ärgerlich auf ihn gewesen wäre – es war schlimmer: Es war eine geistliche Apathie, fast schon eine Agonie, und meine stetige Frage an Gott war: Wozu?

Anderthalb Jahre nach der ernüchternden Nachricht kündigte ich, um wieder ganz klein anzufangen. Meine neue Aufgabe besteht darin, eine Niederlassung für ein ausländisches Unternehmen im deutschsprachigen Raum aufzubauen. Eine neue Erfahrung, dass man nicht einfach den Mitarbeiter aus der IT-Abteilung anruft und ihn bittet, den neuen Rechner einzurichten. Oder ohne die Unterstützung der Human Ressources- Abteilung Stellenanzeigen zu formulieren und Mitarbeiter einzustellen. Als vor wenigen Wochen dann die Agenda des internationalen Sales-Meetings kam und ich unter keinem der genannten Punkte als Referent genannt war, merkte ich, dass es mir guttat. Ich durfte in die zweite Reihe treten und einfach nur zuhören. Noch wenige Jahre zuvor hätte mich das verletzt, dass man nicht an meinem Wissen und meiner Kompetenz interessiert wäre.

THERAPIE DES ZWEIFELNS
Während ich diese Zeilen schreibe, merke ich, wie es mir guttut und mein Computermonitor therapeutischen Charakter entwickelt. Weitere Fragen tun sich auf: Ist es erlaubt, sich zu freuen, dass meine damalige Firma seit dem Wechsel nur noch rote Zahlen schreibt und im Jahr meines Weggangs einen Verlust von fast 25 % aufweisen musste? Oder widerspricht das der christlichen Nächstenliebe und ich sollte mich schämen, solche Gedanken zu haben? Ich weiß es nicht.

Mein Glaubensleben hat sich verändert. Früher noch über jeden Zweifel erhaben, lasse ich sie zu und erlaube die Konfrontation mit ihnen. Früher sagte ich anderen, dass sie einfach glauben sollten, da Zweifel nicht in der Lage sind, Berge zu versetzen. Heute lasse ich die Frage zu, ob der Berg überhaupt versetzt werden soll. Dabei hat mir sehr geholfen, dass selbst Jesus Zweifel hatte und seinen Vater fragte, ob das mit der Kreuzigung sein müsse oder ob es auch einen anderen Weg gäbe (Lk 22,42). Scheitern und Zweifel gehören zum Leben, um daraus etwas Besseres entstehen zu lassen.

Dirk Hendrik Kneusels lebt in der Nähe von Darmstadt. Er hat drei erwachsene Kinder und ist Mitglied in der Evangelisch freikirchlichen Gemeinde Mühltal. Er leitet die Niederlassung eines italienischen Unternehmens.

Was haben Sie erlebt? Unter welchen „Abstürzen“ haben Sie gelitten? Was sind Ihre Scheiter- und Lernpunkte des Lebens? Erzählen Sie uns Ihre Geschichte: info@MOVO.net

Karriereabsturz

Er startet motiviert als Führungskraft. Heftige Turbulenzen zwingen ihn, als Mitarbeiter zu landen.

Er kam aus heiterem Himmel. Dieser Satz, den keine Führungskraft jemals hören will: „Ihre Abteilung wird aufgelöst!“ Ja klar, es gab auch organisatorische Gründe, in der Firma wurde „umgebaut“. Aber eben auch diesen einen Grund, den wir Männer so sehr fürchten: Die Abteilung hat nicht die erwarteten Ergebnisse gebracht. Der Abteilungsleiter ist seiner Aufgabe nicht gewachsen. Der Fisch stinkt vom Kopf. Ich hatte es nicht gepackt.

IN DIE MAGENGRUBE

Volle Breitseite! Treffer in die Magengrube! Du Versager! Rückblende. 1999 hatte ich in der Firma angefangen. Ich ging (meistens) gerne zur Arbeit und mochte die Kollegen, das Produkt und das Flair des Unternehmens. Ende 2011 stellte mich mein Chef vor die Entscheidung: Ich könnte zur Führungskraft für eine Handvoll Mitarbeiter werden oder meine Fachaufgaben ausbauen. Führungskraft zu werden klang gut. Ich entschied mich fürs Führen und mein Chef willigte ein. „Reizvoll“, dachte ich. „Das kann ich“, dachte ich.

Ich startete mit Zuversicht, erkannte in der neuen Aufgabe eine „logische“ persönliche Entwicklung und war überzeugt, auf Gottes Weg unterwegs zu sein. Doch je älter das Jahr 2012 wurde, umso schlechter ging es mir. Die Dinge liefen nicht so, wie ich mir das vorgestellt hatte. Ergebnisse blieben aus. Immer höher stapelten sich die Aufgaben auf meinem Tisch. „Selbermachen statt delegieren“ wurde im täglichen Handeln mein unbewusster Leitspruch. „Irgendwie“ musste es wieder besser werden, ich musste mich nur mehr anstrengen, noch hineinwachsen in die neue Aufgabe, strenger mit mir und meinen Mitarbeitern sein. Von heute aus gesehen ein echt dämlicher Ansatz: Aus dem Stress herauskommen, indem ich mich mehr anstrengte …

ANGST VOR DEM MONTAG

Es stellten sich Magenschmerzen und Schlafstörungen ein. Druck am Sonntag wegen des drohenden Montags. Ich zog mich innerlich zurück und hoffte, es würde von alleine aufhören. Meine Frau signalisierte, dass die Familie sich „mehr“ von mir wünschte. Aufgaben in Haus und Garten blieben liegen. Kleinlaut gelobte ich Besserung und schrieb hilflos To-Do-Listen – natürlich ohne nachhaltigen Erfolg.

Und dann kam dieser Donnerstag Anfang Oktober. Kurz vor Mittag war das erwähnte Gespräch, verbunden mit dem Angebot, als Fachkraft im Unternehmen zu bleiben. Es folgten die härtesten drei Monate meines Arbeitslebens. Hart für mich. Hart für meine Frau. Einerseits weiterarbeiten als wäre nichts, andererseits diese bohrenden Fragen: Wie soll es weitergehen? Bleiben oder Gehen? Ein Jobwechsel rückte ins Blickfeld. Sollte ich die Gelegenheit nutzen und „mich verändern“? Natürlich sollte es wieder eine Führungsaufgabe sein! Mein Tagebuch aus dieser Zeit erzählt, dass mein Emotionspendel heftig ausschlug: Von „Lasst mich weiterarbeiten – und wenn ich Pförtner werde“ bis zu „In dieser Firma kann ich nicht bleiben“. Manchmal von einem Tag auf den anderen. Jeder neue Gedanke barg die vage Hoffnung, endlich den entscheidenden Aspekt gefunden zu haben – bis zum nächsten Gedanken.

DIE NERVEN LAGEN BLANK

Meine Frau musste zusehen, wie sie dem Sturm meiner Gedanken standhielt und bei den schnellen Richtungswechseln mitkam. Unsere Nerven lagen blank. Wir stritten. Wir beteten. Wir rangen um Hoffnung und Mut. Meine Frau sprach mir zu: „In dieser Situation liegt eine Chance verborgen“. Ich bin ihr dankbar, dass sie diese Wochen an meiner Seite gestanden, zugehört und wichtige Fragen gestellt hat. Aus dieser Zeit stammen zahllose Gebete in meinem Tagebuch: „Herr, was hast du vor mit uns? Wo ist denn das Leben in Fülle, das du verheißt?“

Im Ringen um eine Entscheidung erkannte ich nach und nach, was eigentlich abging: Zum einen stand meine Glaubwürdigkeit zur Diskussion. Seit Jahren hatte ich an anderen Stellen geführt. Wurde jetzt deutlich, dass ich gar nicht leiten konnte? Alles nur Show? Nun erkennen die anderen, dass ich bloß aus Fassade bestehe! Ich war an einer Urangst des Mannes angekommen, irgendwann ist klar: „Du bist nur ein Schauspieler, ein Poser, mehr Schein als Sein.“ Zum anderen kam eine ebenso einfache wie ernüchternde Erkenntnis zu Tage: Ich kämpfte mit verletztem Stolz. Sollte ich nicht in der Lage sein, in der Firma Menschen zu führen? Wenn „die in der Firma“ nicht sehen wollten, was ich kann, „dann gehe ich eben und suche mir Leute, die meine Fähigkeiten zu schätzen wissen!“ Ist verletzter Stolz ein guter Grund, aufzugeben und viel Gutes zurückzulassen? Brauchte mein Ego den Chefsessel?

Ende 2012 kristallisierte sich endlich die Entscheidung heraus: Ich bleibe! Ich „brauche“ es nicht, im Job eine Führungsposition zu haben. Zu viel Kostbares würde ich opfern, wenn ich ginge. Gott sprach in dieser Zeit viel über meine Identität. Dass ich vergessen hatte, wer ich bin und was wirklich zählt. Dass er mich bewusst geschaffen und in diese Zeit gesetzt hat. Dass er mir Stärke gegeben hat. Und dass ich einen Auftrag habe.

DANKBARKEIT BLEIBT

Im Rückblick erkenne ich, dass es gut war, zu bleiben. Meine Fachaufgaben wandeln sich. Sie machen mir Spaß. Zudem empfinde ich es als große Erleichterung, nicht mehr den Druck der Führungskraft zu spüren. Ich schlafe wieder gut. Und auch die Magenschmerzen sind weg. Noch etwas empfinde ich: Dankbarkeit, dass ein anderer erkannt hat, dass ich der Aufgabe nicht gewachsen war. Das war der erste Anstoß für einen wichtigen Prozess und Auslöser für gute Fragen, denen ich mich stellen musste. Hätte er nicht die Notbremse gezogen – ich weiß nicht, wie lange ich noch gebraucht hätte, um meine Überforderung zu erkennen. Was bis dahin alles auf der Strecke geblieben wäre, kann ich nicht ermessen. Vielleicht kommt noch eine Zeit als Führungskraft. Aber wenn nicht, auch gut. Auch ohne sichtbare Karriere führe ich ein großartiges Leben, gefüllt mit Ehe, Familie, Arbeit und privatem Engagement. Auch diese Dinge fordern mich heraus und erfüllen mich. Und zuletzt: Über allem steht meine Identität. Die kann mir nichts und niemand nehmen. Sie hängt nicht an Leistung und Position, sondern an Gottes Bild von mir. Dieses Bild bleibt, auch wenn alle Abteilungen der Welt aufgelöst werden.

Jan-Hendrik Krause ist Informatiker und lebt mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen in Lübeck. Er gehört zum Leitungsteam von FreeatHeart Deutschland (www.freeatheart.de).

 

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JAHR DER DANKBARKEIT
Die überkonfessionelle Initiative „Jahr der Dankbarkeit“ will lebensbejahende, geistliche und ermutigende Akzente setzen gegen Gleichgültigkeit und das alltägliche Vergessen (www.jahr-der-dankbarkeit.net).