Vom Beruf zur Berufung

Berufung ist immer individuell. Mathias Morgenthaler rät daher Suchenden: „Hören Sie auf Bauch und Herz.“

Leben Sie Ihre Berufung?
(lacht) Ich versuche es. Seine Berufung zu finden, ist eine lebenslange Annäherung und Suche. Ja, ich lebe meine Berufung mit den Themen und Menschen, die mir wichtig sind. Ich stelle mir aber auch alle paar Wochen wieder die Frage: Was will ich weglassen? Was will ich Neues tun? Es bleibt eine lebenslange Entwicklungs- und Entdeckungsreise.

Es gibt zahlreiche Ratgeber mit Methoden und Konzepten, um seine Berufung zu finden …
Ratschläge sind immer auch Schläge. Menschen mögen schnelle Rezepte. Bei Kochsendungen mag das funktionieren, aber bei „Berufung-leben-in-sieben- Schritten-und-dann-wird-es-gut“ werde ich misstrauisch. Berufung ist immer individuell. Das gibt’s nicht von der Stange. Ratgeber verkaufen sich gut, aber deren Wirksamkeit bezweifle ich.

Ist Berufung nicht ein Luxusproblem der westlichen Welt?
Ja, mit Blick auf den chinesischen Wanderarbeiter oder den afrikanischen Bauern ist es eine Luxusfrage. Aber gerade weil wir in Europa privilegiert sind, sollten wir die Zeit nicht damit vergeuden, einen Job zu machen, der uns überhaupt nicht erfüllt. Richtig ist aber auch: Armut ist ein starker Antrieb für unternehmerische Initiative. Wer im Luxus lebt, muss sich nicht bewegen, wird eher träge. Wir in der Schweiz sind deshalb Versicherungsweltmeister …

Die Frage nach der eigenen Berufung bewegt viele Männer, aber sie haben keine Zeit, sie anzupacken …
Das ist ein Totschlagargument. Wir haben alle 24 Stunden Zeit pro Tag. Für das, was mir wichtig ist, sollte ich mir Zeit nehmen. Sonst denke ich erst am Lebensende darüber nach, was mir eigentlich wichtig gewesen wäre. Und ärgere mich, nicht mein eigenes Leben gelebt zu haben.

Wie erlange ich die Freiheit, zu Lebzeiten das zu tun, was mir wichtig ist?
Es gibt zwei starke Kräfte, die uns in Bewegung bringen: Leidensdruck und Sehnsucht. Die erste wirkt unmittelbarer, die zweite nachhaltiger. Viele Leute können zwar sagen, was sie nicht mehr möchten, aber die wenigsten wissen oder trauen sich überhaupt zu fragen, was sie wirklich von ganzem Herzen wollen. Diese Frage ist nie dringlich, aber sie ist wichtig wie keine andere, weil die Antwort darüber entscheidet, wie bewusst wir unsere Lebenszeit nutzen. Oft hilft es, sich „Inseln“ zu suchen, um der Antwort näher zu kommen.

„Inseln“?
Auszeiten vom hektischen Alltag. Das können Spaziergänge sein, Meditationen, Zeiten der Stille oder Coaching-Gespräche.

Worin sehen Sie die größte Schwierigkeit bei diesem Unterfangen?
Die Frage „Was will ich wirklich?“ ist keine banale Frage. Wer sie sich ernsthaft stellt, kann die Verantwortung für das, was in seinem Leben passiert, nicht länger auf andere schieben. Er weiß, dass er in der Pflicht ist, dass die Zeit der Ausreden vorbei ist. Das ist erst einmal sehr anstrengend, aber später auch sehr beglückend.

Ist der Weg immer von Erfolg gekrönt?
Nein! Auch das Scheitern gehört dazu, und das ist weniger schlimm, als wir meinen. Dank dem eindrücklichen Buch „5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen“ wissen wir, dass es weniger schlimm ist, mit Herzensprojekten zu scheitern, als etwas gar nicht zu wagen, obwohl es uns wichtig wäre. Erfolg ist, wenn man die richtigen Dinge tut, auch wenn man nicht in der Hand hat, was draus wird.

Wie würden Sie Karriere definieren?
Das Wort „Karriere“ verwende ich ungern. Es ist für mich zu sehr an einen Status gekoppelt. Von außen gesehen mag jemand ganz oben angekommen sein. Er hat Karriere gemacht, aber er ist zutiefst unglücklich in seinem Job. Karriere beinhaltet nicht automatisch Lebensqualität.

Füllen Sie es mal positiv …
Eine gute Karriere ist für mich, wenn man das macht, was einen ausfüllt; dass man etwas bewegen, seine Gaben und Fähigkeiten ausleben kann.

Von Ihnen stammt der Satz „Es bringt nichts, den Platz im Gefängnis zu optimieren“. Was wollen Sie damit ausdrücken?
Oft kommen Menschen zu mir ins Coaching, die erfolgreich die Karriereleiter hochgeklettert sind. Plötzlich stellen sie fest: Ich habe viel Geld, viel Anerkennung, viel Verantwortung, aber mein Leben ist irgendwie leer, ich sehe keinen Sinn in meiner Tätigkeit. Da bringt es wenig, in einer anderen Firma das Gleiche zu tun. Da hilft manchmal nur der Sprung „out of the box“, der Ausbruch aus dem goldenen Gefängnis.

Die Arbeitswelt und das Männerleben bestehen nun nicht nur aus Unternehmern und Führungskräften. Was kann Berufung für LKW-Fahrer, Bäcker oder Maschinenschlosser bedeuten?
(Stille) Sehr gute Frage. Die Ware pünktlich zu liefern, ausgezeichnete Brötchen zu backen oder auch Maschinenteile für einen Fahrstuhl zu bauen, kann doch eine wunderbare Berufung sein. Berufung ist nicht nur ein Thema für Künstler und Manager.

So ganz bin ich noch nicht zufrieden. Stellen Sie sich vor, es kommt ein Gartenbauer zu Ihnen, der sagt: Helfen Sie mir, meine Lebensberufung zu finden. Was sagen Sie dem?
Ich würde ihn fragen: Was von dem, was du lebst, ist stimmig, und wo musst du dich verbiegen? Entscheidend ist doch die Frage: Mache ich diese Aufgabe, weil ich Spaß dran habe und gerne in der Natur bin, oder weil meine Eltern unbedingt wollten, dass ich genau diesen Job mache, oder weil ich nach der Schule einfach eine schnelle, zufällige Entscheidung getroffen habe?

Muss ich immer gleich aussteigen?
Nein, oft bewähren sich auch sanfte Übergänge. Pensum reduzieren, Freizeitaktivitäten mehr Gewicht geben, ein zweites Standbein aufbauen. Man kann gut ein Projekt, eine kleine Veränderung anstoßen, ohne gleich den sicheren Job zu kündigen.

Was ist der erste Schritt, wenn ich sage: Ja, ich will meine Berufung leben?
Schauen und spüren Sie nach innen. Gerade Männer sind es gewohnt, rational zu entscheiden, sich auf die Vernunft zu stützen. Das hilft, wenn man Probleme in seinem Projekt lösen muss, aber es hilft mir nicht dabei, herauszufinden, was gut für mich ist. Und es bringt mich nicht in Bewegung. Um seine Berufung zu finden, braucht es Bauch und Herz. Horchen Sie in sich hinein: Was sind da für Ängste, welche Träume? Was berührt Sie? Wonach sehnen Sie sich? Seine Berufung zu finden, ist nicht in erster Linie eine Denkarbeit. Im Zentrum stehen Intuition, Mut und Offenheit.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

Rüdiger Jope ist Chefredakteur des Männermagazins MOVO.

Mathias Morgenthaler hat in den letzten 20 Jahren über 1.000 Interviews mit bekannten und unbekannten Unternehmerpersönlichkeiten zum Thema Beruf und Berufung geführt. Seine Porträts erscheinen wöchentlich in vier Schweizer Zeitungen und erreichen gut 2 Millionen Leserinnen und Leser. Er ist Autor der Bestseller „Out of the Box“, „Aussteigen – Umsteigen“ und „Beruf und Berufung“. Morgenthaler ist ein gefragter Referent, Moderator und Interviewpartner in den Themenbereichen: Berufung finden, berufliche Neuorientierung, Arbeitswelt der Zukunft, Motivation am Arbeitsplatz, Strategien erfolgreicher Unternehmer, Umgang mit Medien. www.beruf-berufung.ch