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95 Prozent aller Gefängnisinsassen sind männlich – daran liegt es

Männer müssen lernen, ihre Emotionen wahrzunehmen, meint der Sozialpädagoge Rüdiger Jähne. Das senke unter anderem die Kriminalitätsrate.

Hallo Rüdiger, Männer haben Lösungen, keine Probleme. Was sagst du dazu?

Ja, das stimmt. Männer versachlichen häufig Dinge und versuchen, sie zu lösen. Es gibt aber im Leben Situationen, da gibt es keine Lösungen. Wenn ein uns wichtiger Mensch stirbt, dann ist er weg. Ich kann nichts dagegen tun, es gibt keine Lösung. Das muss ich anerkennen. Wir können vieles in unserem Leben gestalten, manchmal haben diese Spielräume jedoch ein Ende.

„Ich habe Freunde, die wissen nicht, wann sie das letzte Mal geweint haben“

95 Prozent aller Gefängnisinsassen und 70 Prozent aller Obdachlosen sind männlich. Männer begehen dreimal so oft Suizid wie Frauen. Männer stellen über 80 Prozent der Alkohol- und Drogentoten. Was ist die Wurzel allen Übels?

Männer lernen häufig nicht, ihre Gefühle wahrzunehmen und zu schauen, welche Bedürfnisse dahinterstecken. Der Satz „Männer weinen nicht“ klingt überholt, wirkt aber immer noch nach. Ich habe Freunde, die wissen nicht, wann sie das letzte Mal geweint haben.

Jeder kennt die Situation: Was hast du denn? – Nichts. Und alle spüren, dass da was ist. Von diesem „Nichts“ wegzukommen und anzuerkennen, dass eben doch etwas ist, und dem auf die Spur zu gehen, ist zentral für viele Krisen im Leben.

„Es gibt keine negativen oder positiven Emotionen“

Wie sieht ein guter Umgang mit Gefühlen aus?

Erst mal gilt es innezuhalten, die Gefühle zu spüren und herauszufinden, ob ich jetzt traurig oder verärgert bin – ohne sie direkt abzuwehren. Und wir sollten Gefühle nicht bewerten. Es gibt keine negativen oder positiven Emotionen. Das ist eine Falle – Gefühle sind ein Kompass für unsere Bedürfnisse.

Nehmen wir zum Beispiel die Einsamkeit. Im besten Fall merke ich, dass ich einsam bin und nehme Kontakt mit Freunden auf. Oder ich kann sagen: Ich bin einsam, da schütte ich jetzt mal sechs Bier drauf. Kann ich auch machen, dann spüre ich die Einsamkeit nicht mehr. Aber ich spüre dann auch nichts anderes mehr.

„Es ist normal, Krisen und Probleme zu haben“

Warum braucht es spezielle Beratungsangebote für Männer?

Durch die direkte Ansprache von Männern wollen wir sie dafür sensibilisieren, dass es normal ist, Krisen und Probleme zu haben. Außerdem arbeiten bei uns Männer. Das macht es leichter anzudocken, gerade wenn es um Gefühle geht.

Kommen die Männer aus eigenem Antrieb oder werden sie von ihren Frauen geschickt?

Ich sage immer, die kommen alle eigenständig. Manche wissen es nur nicht. (lacht) Männer erzählen oft von anderen: ihrer Frau, ihren Kindern oder ihrem Chef. Dann gilt es, ganz klar zu sagen: Ja, aber weder Ihr Chef, noch Ihre Frau oder Ihre Kinder sind jetzt hier, sondern Sie! Was wollen SIE denn?

„Wir betreiben Friedensarbeit“

Was würdest du dir für die Zukunft wünschen?

Es wäre schön, wenn wir als Gesellschaft erkennen, dass unsere Gefühle unser Leben lebenswert machen – und nicht, wie viel Geld wir auf dem Konto haben. Ich finde, am Ende geht es darum, Freunde im Leben zu haben, mit Glück noch eine Partnerin, und den Tag mit Dingen zu verbringen, die ich selbst für sinnvoll erachte.

Ich bin davon überzeugt: Wenn Männer ihre Bedürfnisse wahrnehmen, kommunizieren und diese auch verstanden werden, dann trinken sie weniger, begehen weniger Straftaten und sind weniger gewalttätig. In dieser Hinsicht betreiben wir Friedensarbeit.

Die Fragen stellte MOVO-Volontär Pascal Alius.

Rüdiger Jähne ist Sozialpädagoge. Er arbeitet als Referent für Jungen- und Männerarbeit beim Sozialdienst katholischer Männer (SKM).

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Wie Paare Gleichberechtigung leben: „Meine Frau verdient das Geld, ich trage es wieder fort“

Oliver ist Hausmann, während Heiko nicht an die Waschmaschine darf. Wir haben vier Paare gefragt, wie sie ihre Beziehung leben.

Was bedeutet für euch Gleichberechtigung?

Stefan: Nach dem Tod meiner ersten Frau sagten viele: Du brauchst jetzt aber dringend wieder eine Frau für deine vier Kinder. Ich habe über diesen Satz viel nachgedacht.

In der Generation meiner Eltern war es gar nicht denkbar, als Vater für vier kleine Kinder zuständig zu sein, den Haushalt zu managen. Meine erste Liebeserklärung an meine jetzige Frau Brigitte war: Ich brauch dich nicht, aber ich will dich! (allgemeine Heiterkeit)

Oliver: Ich lebe gerade den absoluten Rollentausch. Seit letztem Jahr verdient meine Frau als Sonderpädagogin das Geld und ich kümmere mich um Haushalt, Kinder und Küche.

Kathrin: Oliver war vorher täglich bis zu 14 Stunden als ITler außer Haus. Unsere Rollenteilung lebten wir zwölf Jahre klassisch. Nach vielen, vielen Gesprächen haben wir den Tausch gewagt.

Stefan: Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Punkt.

Axel: Richtig! Der Respekt gegenüber meiner Frau macht sich nicht im Sternchen fest, sondern im Handeln.

„Wir werden im Leben niemals fair und gleich behandelt“

Oliver: Das ist doch die Chance und Schwierigkeit unserer Zeit: Beide können arbeiten gehen, beide in Teilzeit arbeiten, der Mann kann zu Hause sein, die Frau darf arbeiten gehen. Dafür ist aber auch alles irgendwie im Fluss, muss ausdiskutiert, abgesprochen und organisiert werden.

Heiko: Ja, wir sind gleichberechtigt. Das Thema ist durch. Doch wir werden im Leben niemals fair und gleich behandelt. Wenn ich mich auf eine Stelle bewerbe, werde ich definitiv besser bezahlt.

Wenn sich eine Frau mit Kindern auf eine Stelle bewirbt, wird sie trotz Sternchen anders behandelt als ein Mann. Umgekehrt: Wenn du als Mann in der Wirtschaft für die Kinder kürzertrittst, kommst du hinterher auch nicht mehr in eine höhere Position.

Maja: Vielleicht müssten wir hier das Wort „gleichgerecht“ gebrauchen? Dann bekommt das Thema eine andere Würze.

„Warum ist das, was jemand zu Hause leistet, weniger wert?“

Wird die Arbeit zu Hause für die Kinder gleich wertgeschätzt wie die außer Haus?

Axel: Nein. Da passiert für mich von staatlicher Seite noch viel zu wenig. (alle nicken) Der, der zu Hause bleibt, hat hinterher die schmalere Rente. Frauen werden schlechter bezahlt und dann im klassischen Rollenmodell auch noch bestraft fürs Kümmern um die Kinder. Hier schlägt’s meinem Gerechtigkeitssinn das Zäpfle hoch!

Oliver: (leidenschaftlich) Genau daran muss sich aber etwas ändern. Warum ist das, was jemand zu Hause leistet, weniger wert, als wenn er den ganzen Tag im Büro rumsitzt?

Stefan: Da bin ich ganz bei dir. Es liegt auch an mir, wie ich diese Rolle ausfülle, präge, lebe. Die Diskussion, ob mit oder ohne Sternchen, geht an mir total vorbei. Ich sage meinen Kindern: Ihr merkt hoffentlich an meinem Verhalten, dass ich mit ganz großem Respekt mit allen Menschen umgehe. Es liegt doch an uns: Wie prägen wir die nächste Generation?

„Manchmal ist es für uns Männer daher einfacher, auf die Arbeit zu gehen, weil du Not und Elend zu Hause nicht siehst“

Ein „Glaubensbekenntnis“ unserer Tage ist: Kinder, Karriere und Beziehung sind miteinander scheinbar problemlos vereinbar. Stimmt das? Muss man Abstriche machen?

Maja: Diese drei Themen sind wie ein Dreieck. Jedes Thema bringt Emotionen und Herausforderungen mit. Es ist ein großes Spannungsfeld. Ja, es funktioniert, aber auf welche Kosten? Wo mache ich Abstriche? Was bleibt auf der Strecke?

Stefan: Als ich alleinerziehend war, stand für mich die Frage im Raum: Woher bekomme ich meinen Wert? Eine Frau aus meinem Umfeld fragte mich: Stefan, woraus beziehst du jetzt deine Anerkennung?

Wenn du für den Haushalt und die Kinder zuständig bist, kommst du maximal auf null, aber nie ins Plus. Das Geschirr, die Wäsche, die Wohnung werden wieder dreckig. Manchmal ist es für uns Männer daher einfacher, auf die Arbeit zu gehen, weil du Not und Elend zu Hause nicht siehst. (allgemeine Heiterkeit)

Axel: Hoffentlich liest das Jugendamt Reutlingen nicht diesen Artikel. (allgemeine Heiterkeit)

„Die wenigsten putzen mit Leidenschaft, sondern sehen darin wie ich das notwendige Übel“

Stefan: Kinder großzuziehen ist nicht jeden Tag die Quelle großer Freude. Und die wenigsten putzen mit Leidenschaft, sondern sehen darin wie ich das notwendige Übel. Wenn du für Geld arbeiten gehst, bekommst du Anerkennung aufs Konto. Die größte Herausforderung ist die: Wo bekommen wir unsere Anerkennung her?

Axel: Widerspruch: Unterschätze mal nicht den Jubelschrei einer 16-Jährigen, die den Schrank aufmacht und ihre Lieblingshose liegt frisch gewaschen darin.

Stefan: Sind das die 95 Prozent des Teenagerlebens in eurer Familie? (alle lachen) Das verstehe ich nicht. (lacht)

Nicole: Ich bin ja bereits acht Wochen nach der Geburt unserer Tochter wieder arbeiten gegangen, da Axel noch mit 50 Prozent studierte. Das kostete mich echt Überwindung, war schwer. Heute bin ich dankbar, dass wir uns diese Herausforderung geteilt haben, diese Vielfalt heute so möglich ist. Ich wäre mit der klassischen Rolle als „nur“ Hausfrau und Mutter nicht glücklich geworden.

„Wir dürfen nicht erst an uns denken, wenn alle To-dos erledigt sind“

Wo habt ihr Dinge miteinander erkämpfen müssen? Was waren Stolperfallen?

Heiko: Familien schultern ein echtes Pensum. Als Eltern sind wir gerade in den Belastungen herausgefordert: Wo bleibt die Liebesbeziehung? Wir können uns als Team super die Bälle zuspielen, doch wo bleibt die Zeit für ein Rendezvous? Wann hatten wir als Paar unser letztes Date?

Paare kneifen den Arsch zusammen, damit alles funktioniert, doch dabei bleibt das Schöne, das Romantische, das, was einem Kraft gibt, ein Lächeln aufs Gesicht zaubert, auf der Strecke. Wir dürfen nicht erst an uns denken, wenn alle To-dos erledigt sind. Dies passiert nämlich nie.

Wie bekommt ihr beide eine gesunde Balance hin?

Maja: Wir haben uns beide mit Mitte 30 und drei Kindern nochmal für ein Studium entschieden. Das war wirklich ein Rechen-Exempel. Der Mix aus Arbeiten, Studieren, Kinder und Haushalt funktionierte nur mit ganz, ganz viel Absprache. Wir haben finanziell alles zurückgeschraubt, um unseren Traum leben zu können, und wir haben einen Deal: Die Abende gehören in der Regel uns.

Heiko: Wir achten inzwischen sehr darauf, dass wir die privaten Termine, die uns guttun, nicht mehr hinten anstellen. Wir planen im Outlook-Kalender auch private Dinge. Wir müssen darauf achten, dass die Säulen unserer Beziehung stabil sind.

Brigitte: Als Team Balance zu halten, ist eine echte Herkulesaufgabe.

Nicole: Oder ein echter Drahtseilakt.

Kathrin: Die Zeit für uns als Paar kommt auch immer zu kurz. Doch wir schöpfen auch unglaubliche Kraft aus dem Zusammensein mit den Kindern. Da passiert so viel Wesentliches.

„Ohne Humor hätten wir einander erschossen“

Axel: Vor ein paar Monaten hatten wir den Eindruck: Wir sollten ein paar Kilo verlieren. Doch wie passt dies in den vollen Alltag? Wir haben uns für einen Lauf über neuen Kilometer angemeldet. Damit hatten wir ein Ziel, mussten trainieren. Das hat dann dazu geführt, dass wir zweimal die Woche auch mal nach 21 Uhr die Tür hinter uns zumachten und gemeinsam stramm spazieren gingen.

Wir sind miteinander gegangen bei Wind und Wetter. Wir hatten plötzlich 90 Minuten, in denen uns keiner reinquatschte. Mir ging es dann schon so: Hey, ich würde gerne mit dir mal was besprechen, wann gehen wir laufen? Jetzt ist leider der Lauf vorbei …

Stefan: (lacht) Ich empfehle euch als Paar einen Schrittzähler. Wir finden es auch sehr hilfreich, miteinander Erwartungen zu klären. Uns ist zum Beispiel das Thema Geld nicht so wichtig. Geld ist schön zu haben, aber hat nicht die Priorität in unserer Beziehung. Wir brauchen nicht den Urlaub auf den Malediven, sondern genießen den abendlichen Spaziergang, eine gemeinsame Tasse Kaffee.

Brigitte: Und wir teilen einen großen Humor.

Stefan: Sehr richtig! Ohne diesen hätten wir einander schon erschossen. (alle prusten vor Lachen los)

„Ich habe von meiner Frau ein Waschverbot bekommen“

Ihr habt euch scheinbar aus den Stereotypen rausgewagt. Welchen Wandel findet ihr gut? Wo denkt ihr, war es früher vielleicht angenehmer?

Brigitte: Ich finde es toll, dass Stefan einkauft. Er liebt es.

Stefan: Meine Frau verdient das Geld, ich trage es wieder fort. Das ist doch ein guter Wandel. Vor allem kommen jetzt vernünftige Sachen ins Haus. (allgemeine Heiterkeit)

Heiko: Ich habe von meiner Frau ein Waschverbot bekommen. (alle lachen) Ich glaube immer noch, dass ich sehr gut waschen kann (vehement), aber um des lieben Friedens willen bin ich hier einen Schritt zurückgetreten.

Maja: Wir streiten wirklich wenig, doch beim Thema Waschen hat es schon zweimal heftig geknallt: Wie erkläre ich meinem Mann zum wiederholten Male, dass man dunkle und helle Wäsche trennt oder dies oder jenes Kleidungsstück nicht in den Trockner stecken sollte?

Ich habe es ihm erklärt, ein Bild hingehängt … Und er macht es trotzdem. Das Thema Waschen ist eines der wenigen Reizthemen bei uns.

„In puncto Stereotypen haben wir beide eine 180-Grad-Wendung hingelegt“

Heiko: Ich gehe wie Stefan einkaufen. Ein hilfreiches Tool für uns als Paar ist Outsourcing. Allerdings hat meine Frau gesagt: Heiko, du kannst alles outsourcen, das Putzen, das Hemdenbügeln, nur nicht unsere Beziehung.

Oliver: Als ich die Aufwärmfragen „Wer macht was?“ fürs Interview las – einkaufen, waschen, kochen, Kinder für die Schule fertig machen, die defekte LED-Leuchte auswechseln… –, dachte ich mir: Was macht Kathrin eigentlich noch? (alle lachen) Steuererklärung macht Kathrin immer noch nicht.

Das Auto entkrümeln steht auch auf meiner To-do-Liste. Lohnt sich aber nicht, da es nach einer halben Stunde Autofahrt wieder aussieht wie vorher. (zustimmendes Nicken der Männer) Bügeln mache ich nicht, finde ich totale Zeitverschwendung. (Stefan klatscht Beifall)

In puncto Stereotypen haben wir beide eine 180-Grad-Wendung hingelegt. Dieser Wandel funktioniert aber nur in einer tragfähigen Beziehung, indem man Dinge gemeinsam priorisiert und die Bereitschaft mitbringt, sich anzupassen, zurückzunehmen, Solidarität zu leben.

Nach zwölf Jahren voll im Job war es für mich dran: Wenn nicht jetzt, wann dann? Der Wechsel hat für uns als Paar und die Kinder die Chance eröffnet, die Rollen von Mann und Frau nochmal ganz anders und neu wahrzunehmen.

„Wer ist der fremde Mann im Wohnzimmer?“

Jetzt musst du aber ohne die Anerkennung der Kollegen und Kolleginnen auskommen …

Oliver: Mein Höhepunkt der letzten Woche war ein Besuch mit allen vier Kindern beim Ohrenarzt. Als die Ärztin mich sah und sagte: „Respekt, ich habe zwei Kinder, sie kümmern sich um vier!“ – Das hat mir dann doch etwas gegeben!

Stefan: Ich koche immer bei der Aussage: Mein Mann ist IT-ler, ich bin nur Hausfrau. Ich habe das nie gesagt. Ich habe mich immer so vorgestellt: Ich leite ein mittelständisches Familienunternehmen.

Die Frage, die wir uns als Paar, als Gesellschaft stellen müssen, ist doch die: Welchen Wert messen wir den Kindern, den Aufgaben zu Hause bei? Zudem müssen wir uns fragen: Bin ich glücklich? Habe ich eine erfüllende Beziehung? Kennen meine Kinder mich noch aus dem Alltag oder fragen sie: Wer ist der fremde Mann im Wohnzimmer?

„Männer und Frauen, die sich selbst um die Kinder kümmern, werden stigmatisiert“

Heiko: Und wir brauchen als Gesellschaft ein neues Modell. Wie wäre es, wenn die Person, die zu Hause bleibt, auch ein adäquates Gehalt bezieht für die Leistung, die sie für die Gesellschaft erbringt? (Applaus aus vier Städten) Hier läuft meiner Überzeugung nach manches falsch. Da liegt der Hase doch im Pfeffer.

Männer und Frauen, die sich selbst um die Kinder kümmern, werden stigmatisiert nach dem Motto: Die arbeiten nicht bzw. wir müssen als Wirtschaft und Politik dafür sorgen, dass endlich beide Elternteile in Arbeit kommen.

Brigitte: Gerade Männern, die sich noch stark über Arbeit definieren, signalisiert man damit: Haushalt und Kinder sind keine Arbeit.

Stefan: Bin ich nicht! (allgemeine Heiterkeit) Ganz im Ernst. Ich führe Trauergespräche vor Beerdigungen. Da ziehen Leute Bilanz. Wenn mir eine Frau über ihren verstorbenen Mann sagt, er aß gerne Süßigkeiten, dann ist das doch eine dürftige Bilanz eines Männerlebens. Als Männer und Frauen sollten wir uns fragen: Was ist wertvoll? Und dann von dieser Maxime aus unser Leben gestalten.

„In einem Arbeitszeugnis würde man schreiben: Hat sich stets bemüht!“

Die Erziehungswissenschaftlerin Margrit Stamm provozierte kürzlich im SPIEGEL mit dieser Aussage: Etwa jede dritte Mutter wehrt sich gegen zu viel männliches Engagement. Sie nörgelt, wie er sich mit dem Kind beschäftigt, oder gibt ihm vor, was er im Haushalt wie zu erledigen hat. Steckt in dieser Aussage ein Körnchen Wahrheit?

Heiko: Ich habe damit kein Problem, nur meine Frau. (alle lachen)

Nicole: Wenn ich von der Schicht komme, hilft es mir, erst mal tief durchzuatmen. (Axel schlägt die Hände vors Gesicht – allgemeine Heiterkeit)

Axel: In einem Arbeitszeugnis würde man schreiben: Hat sich stets bemüht! (alle lachen)

Kathrin: Bevor ich aus der Familienarbeit „ausgestiegen“ bin, habe ich mir dazu erstaunlich viele Gedanken gemacht. Doch dann konnte ich sehr schnell loslassen. Oliver macht das auch gut!

„Verantwortung abzugeben, ist abgegebene Verantwortung“

Oliver: Nur beim Thema Schule mischt sie sich als Lehrerin doch immer wieder ein. (allgemeine Heiterkeit) Jeder hat seine Art, die Dinge zu tun. Wir müssen uns davon lösen, den anderen zu erziehen, wie wir ihn gerne hätten. Es geht in die Hose, wenn ich dem anderen meinen Stil überstülpe. Verantwortung abzugeben, ist abgegebene Verantwortung.

Stefan: Brigitte legt Wert auf Ordnung in der Küche. Das ist mir schon auch wichtig. (alle lachen) (gespielt energisch:) Ja, vielleicht nicht ganz so ausgeprägt. Ein paar Mal hat sie dann schon zum Lappen gegriffen, bevor sie ihre Jacke überhaupt aus hatte. Ich hatte einen dicken Hals. Ich habe dann meine Verletzung zur Sprache gebracht, dass wenigstens meine Bemühungen gesehen werden. (Kathrin lacht)

„Kommunikation ist der Schlüssel“

Euer Kompromiss sieht jetzt wie folgt aus?

Stefan: Sie nimmt nicht den Lappen, wenn sie zur Tür reinkommt, sondern wischt, wenn überhaupt nötig, nach, wenn ich draußen bin. (alle lachen) Zudem schreibt sie mir jetzt, wann sie da ist. Dann ist der Espresso fertig und die Küche tipptopp.

Maja: Ich würde das gerne unterstreichen. Kommunikation ist der Schlüssel, um die Andersartigkeit des anderen lieben zu lernen. Eine nörgelnde Frau, ein nörgelnder Mann bringt keine Veränderung hervor.

„Ohne meine Frau wäre unsere Ehe unerträglich“

Was beglückt euch im Miteinander?

Heiko: Unsere Liebessprache ist es, Zeit miteinander zu haben, zusammen zu lachen, eine gute Flasche Wein, Zeit im Schlafzimmer.

Stefan: Meine Lieblingspostkarte trägt die Aufschrift: „Ohne meine Frau wäre unsere Ehe unerträglich.“ (allgemeine Heiterkeit) Humor gehört unbedingt dazu!

Nicole: Kleine glückliche Momente im Alltag und dass wir die Chance haben, aus der Vergebung heraus immer wieder neu miteinander anfangen zu dürfen.

Kathrin: Gespräch, Gespräch und nochmals Gespräch, und dass wir uns zu 100 Prozent aufeinander verlassen können.

Herzlichen Dank für eure Offenheit und die humorvollen 1 ½ Stunden!

Rüdiger Jope ist Chef-Redakteur des Männermagazins MOVO.

Das „alte Spiel“ durchbrechen

Miteinander reden am Arbeitsplatz oder im privaten Umfeld ist keine einfache Disziplin. René Meier zeigt mit dem „EIGER-Modell“, wie Gespräche gelingen können.

Sitzt man als Pfarrer und Moderator so vielen schwierigen Menschen gegenüber, dass man zum Spezialisten für schwierige Gespräche wird?
Man hat nicht primär mit schwierigen Menschen zu tun, sondern mit Spannungen. Das beginnt im persönlichen, familiären Umfeld: Sehen Sie, dort draußen steht ein mächtiger Baum – im Garten unseres Nachbarn. Dieser Baum wirft viel Schatten auf unser Grundstück. Wie spreche ich dieses Problem an, ohne die sonst gute Beziehung zu gefährden?

Warum werden manchmal banale Ereignisse im Alltag zum Auslöser von schwierigen Gesprächssituationen?
Es sind weniger die eigentlichen Sachprobleme, die zu Spannungen führen. Es hat in erster Linie mit uns selber zu tun. In Sekundenschnelle deute ich das, was der andere sagt. Und diese Interpretation ist oft ein fertiger Mist! An dieser Stelle entgleisen viele Gespräche und Situationen.

Haben Sie ein Beispiel?
Der Comic-Held Charlie sieht, wie zwei Mädchen plaudern. Den Inhalt ihres Gesprächs kennt er nicht. Er vermutet aber, dass sie Negatives über ihn reden. Er interpretiert, was er sieht, und schon bekommt er schlechte Laune. So oder ähnlich geschieht es im Alltag häufig. Viele Situationen könnten entspannt werden, wenn wir unserem Gegenüber Empathie entgegenbringen und Fragen stellen würden.

Sie zitieren den Seelsorger Ernst Gassmann, der sagt, dass es weder Eheprobleme noch Probleme am Arbeitsplatz gebe, sondern nur persönliche Probleme. Heißt das, ich selber bin in allen schwierigen Gesprächssituationen „das Problem“?
Mein Beitrag in schwierigen Situationen liegt bei 50 Prozent, aber für diese 50 Prozent trage ich 100 Prozent Verantwortung. Ich habe die Freiheit, anders zu reagieren, als ich es impulsiv tun würde. Nur mit Nachfragen treffe ich auf die verborgenen Gefühle, Beweggründe, Wünsche und Ängste des Gegenübers. Gelingt es mir, mich auf den anderen einzulassen, dann zeigt es sich unter Umständen, dass ich mich getäuscht oder einen Faktor nicht bedacht habe.

Wie kann ich alte Muster überwinden, die mich im Miteinander immer wieder zum Stolpern bringen?
Grundsätzlich ist das eine lebenslange Aufgabe. Oft nehmen wir die Muster nicht wahr, sie tarnen sich und sind so sehr verflochten mit unserer Persönlichkeit. Konflikte tragen die Chance in sich, dass wir die Signale erkennen, die uns unsere „Grundmuster“ senden. Letztlich geht es darum, ungesunde innere Antreiber und Festlegungssätze zu überwinden.

Sie haben als Leitfaden für die Kommunikation das „EIGER-Modell“ entwickelt.
„EIGER“ steht für: Ereignis, Interpretation, Gefühle, Empathie, Reaktion. Die ersten drei Schritte durchlaufen wir oft rasend schnell. Beim Punkt Empathie können wir innehalten, eine Pause machen, Luft holen. So verhindern wir, dass wir uns mit unserer Reaktion in eine unglückliche Situation manövrieren. Wir müssen das „alte Spiel“ durchbrechen und können lernen, nicht mehr fahrplanmäßig ungeschickt zu reagieren. Aber Achtung: Prägungen sind hartnäckig!

Sie zitieren in Ihrem Buch Seminarteilnehmer, die fragen: „Muss ich denn wirklich jedes Wort in Zuckerwatte einpacken?“
Kommunikation ist wirklich anstrengend. Und ehrlich gesagt: Sie macht nicht immer Spaß. Aber zu Ihrer Frage: Nein, man muss nicht alles in Zuckerwatte einpacken. Manchmal müssen wir Klartext reden. Problematisch ist, dass solche Ansagen häufig heftig und als Beschimpfung daherkommen. So kann ein Gespräch schnell eskalieren. Andererseits kann es lieblos und unsozial sein, Konflikte im Miteinander überhaupt nicht anzusprechen.

Gerade Vorgesetzte kommen nicht drum herum, auch schwierige Dinge anzusprechen. Wie soll man dabei vorgehen?
Nehmen wir das Beispiel, dass jemand seine Aufgaben immer wieder unzuverlässig erledigt. Diese Tatsache muss beim Namen genannt werden. Im Buch spreche ich von „ska“, was „schnell, klar, angemessen“ bedeutet. Schnell: nicht auf die lange Bank schieben. Klar: Fakten ohne Umschweife auf den Tisch legen. Angemessen: der Situation und der Person Rechnung tragen. Wir tendieren manchmal dazu, unsere schwierigen Umstände zu beklagen, anstatt entsprechend zu reagieren.

Haben schwierige Gespräche auch positive Aspekte?
Unbedingt! Konflikte enthalten das Samenkorn für etwas Neues, etwas Besseres. Sie bieten auch die Chance, gemeinsam kreative Lösungen für Probleme zu finden. Und zum anderen bieten sie mir persönlich die Möglichkeit, zu wachsen, zu reifen und tragfähiger zu werden. Ich glaube, das ist Gottes Idee, dass wir uns dank Schwierigkeiten weiterentwickeln.

Helena Gysin ist freischaffende Autorin. Sie lebt in der Schweiz, ist verheiratet und Mutter von drei erwachsenen Kindern.

René Meier (1957) ist verheiratet und Vater von zwei erwachsenen Söhnen. Er moderierte im Schweizer Fernsehen 11 Jahre lang die Sendung „Fenster zum Sonntag“. Im Rahmen seiner Firma „redens-art“ hält er Seminare und Referate. Er schult und berät Unternehmen, soziale Institutionen und Kirchen in Kommunikation und sozialer Kompetenz. René Meier ist zudem in einer Teilzeitstelle als Pfarrer einer Freikirche in Lyss (Schweiz) aktiv. Seine Hobbys sind Lesen, Reisen und Bewegen in der Natur. www.redens-art.ch

Hey Boss, ich brauch mehr Geld!

Gehaltsgespräche erfolgreich angehen. Nachgefragt bei Jochen Mai.

 

Wann ist der beste Zeitpunkt, um dem Chef die Bitte um eine Gehaltserhöhung unter die Nase zu reiben?
Kurz vor dem Abschluss eines erfolgreichen Projektes oder beim Jahres- oder Mitarbeitergespräch. Allein mit dem Satz „Hey Boss, ich brauch mehr Geld!“ kommen Sie nicht weit. Nutzen Sie den taktischen Moment.

Was ist für Sie Gehalt?
Gehalt ist der Gegenwert meiner Arbeitsleistung. Ich tausche Arbeit gegen Geld, das ist die Grundregel für eine Gehaltserhöhung. Sprechen Sie lieber von Gehaltsanpassung statt von Gehaltserhöhung.

Warum?
Das mag kleinlich klingen, kann aber einen wesentlichen Unterschied machen. Eine Gehaltserhöhung klingt latent nach „mehr Geld bezahlen“ – nach einer Erhöhung ohne Grund. Bei der Gehaltsanpassung schwingt mit, dass etwas bisher nicht korrekt war und deshalb angepasst werden sollte, und dafür gibt es einen Grund.

Warum tut Mann sich mit der Forderung nach mehr Geld so schwer?
Meine Erfahrung ist: Dies ist kein spezifisches Männer-Frauen-Thema. Es ist Männern und Frauen peinlich, für sich selbst einzutreten. Ihnen ist nicht bewusst, wie viel sie ihrem Chef, ihrem Arbeitgeber wert sind. Der Arbeitgeber ist nicht die Arbeiterwohlfahrt. Wenn ich also mehr Leistung bringe, einen Mehrwert erschaffe, kann ich auch mehr Geld verlangen.

Die folgenden Sätze sollte man Ihrer Überzeugung nach beim Gesprächseinstieg vermeiden: »Es ist mir eigentlich unangenehm, aber …«
Klingt wie die Position eines Bittstellers und schränkt daher ein. Der Satz drückt aus: Ich bin mir eigentlich nicht sicher, ob ich einen Anspruch darauf habe. Das ist ein völlig falscher Ansatz. Bitte unbedingt selbstbewusster auftreten und vorher seine Hausaufgaben machen. Es muss eigentlich dem Chef unangenehm sein, dass er nicht schon längst selbst auf die Idee der Gehaltsanpassung gekommen ist.

»Ich könnte mir so um die 100 Euro vorstellen …«
Viel zu ungenau. „Um die“ ist keine konkrete Zahl. Psychologisch ist es gut, eine konkrete Zahl zu nennen.

»Ich brauche …«
Nochmal: Das Unternehmen ist nicht die Arbeiterwohlfahrt. Die gestiegenen Kinderbetreuungskosten und die Raten fürs Haus sind nicht die Probleme Ihres Arbeitgebers. Sie werden nicht dafür bezahlt, dass Sie ein besseres Leben führen, sondern für Ihre geleistete Arbeit. Sagen Sie besser: Ich habe dies geleistet, werde dies oder jenes in Zukunft tun, daher fände ich es gut, wenn ich Summe X bekäme.

Angenommen, der Chef macht mir überraschenderweise sofort ein gutes Angebot …
Im Zweifelsfall ist da noch mehr drin. Hier spielt der Chef vielleicht auch mit dem Ankereffekt und versucht, Sie einzulullen. Unbedingt weiter verhandeln.

Wie reagiere ich, wenn mich das Angebot ärgert?
Gar nicht ärgern lassen. Gegenvorschlag machen. Gezielt nachhaken. Hart verhandeln. Eine Verhandlung darf man nicht persönlich nehmen. Wenn der Chef ein schlechtes Angebot macht, darf man sich davon nicht gefangen nehmen lassen. Einen klaren und kühlen Kopf bewahren und seine Forderung wiederholen.

Ist der Einwand »Woanders verdiene ich mehr« ein gutes Argument?
Auf keinen Fall. Das führt in eine Sackgasse. Das ist eine Tür, durch die man schlecht zurück kann. Besser wäre es, wenn Sie eine Marktrecherche machen. Was verdienen Menschen in meinem Beruf, meiner Position, meiner Qualifikation in dieser Region in Unternehmen ähnlicher Größe? Damit haben Sie handfeste Argumente in der Hand.

Wie reagiere ich, wenn der Chef schweigt?
Zurückschweigen! Lassen Sie sich bloß nicht zum Labern verführen. Gute Fragen stellen wie: Sehen Sie das anders? Wenn ja, warum?

Wie sieht ein Gewinn für beide Seiten aus?
Ganz klar: Der Chef hat einen zufriedenen Mitarbeiter, der mehr Leistungen bringt, und der Mitarbeiter ist mit seinem Gehalt zufrieden. Gute Verhandlungen laufen immer auf einen Kompromiss hinaus.

Sie haben mich überzeugt, ich schicke morgen meine Frau. Wie schaffe ich den ersten Schritt?
(lacht) Am besten die Eltern schicken. (lacht) Nein! Machen Sie Ihre Hausaufgaben, d. h. notieren Sie die Punkte, die für eine Gehaltserhöhung sprechen. Eine gute Vorbereitung ist das A und O. Dann vereinbaren Sie einen Termin mit dem Chef. Über das Gehalt verhandelt man nicht auf dem Flur.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

 

Rüdiger Jope

 

KARRIEREBIBEL
Der Kommunikationsberater, Autor und Blogger Jochen Mai leitete mehr als zehn Jahre das Ressort »Management + Erfolg« bei der WirtschaftsWoche und fungierte danach einige Jahre als Social Media Manager in der Wirtschaft. Bekannt wurde Mai vor allem als Gründer und Herausgeber von Karrierebibel.de, einem der renommiertesten deutschen Job- und Karriereportale mit rund 3 Millionen Lesern im Monat. Mai ist unter anderem Dozent an der Technischen Hochschule Köln, der Deutschen Presseakademie Berlin und der Zeppelin Universität Friedrichshafen sowie Experte für Content Marketing, Social Media Marketing und Spezialist bei der Entwicklung von Corporate Blogs. Als Keynote-Speaker spricht er regelmäßig auf Fachmessen, Kongressen und Firmenevents.