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Gefühle wahrnehmen: Wie eine Therapie Rolf hilft, nicht mehr auszurasten

Rolf schreit seine Kinder an und zockt abends lieber mit einem Bier am PC, statt sich mit seiner Frau zu unterhalten. Erst eine Therapie führt ihn zur Wurzel des Problems – tief vergraben in seiner Familiengeschichte.

Dass er seine Kinder anschreit, kam früher fast nie vor. Auch nicht, dass er bei der Arbeit montags schon das Wochenende herbeisehnt. Oder am Abend am liebsten mit einem Bier am PC zockt, statt mit Martina über den Tag zu reden.

Doch in Rolfs Leben hat sich in den vergangenen Jahren viel verändert: das neue Haus, das die Bank zu 80 Prozent finanziert hat; seine Beförderung zum Teamleiter, der nun Verantwortung für zwölf Kollegen trägt und direkt an die Geschäftsführung berichtet; seine Eltern, die im Ruhestand zunehmend seine Hilfe brauchen; und seine Ehrenämter in der Kirchengemeinde und im Klimaschutz, die während der Pandemie deutlich aufwendiger wurden.

Widerwillig geht Rolf zur offenen Männergruppe

Wenn Martina, mit der Rolf seit 14 Jahren verheiratet ist und die Kinder Robin (11) und Clara (9) hat, ihn auf seine gereizte und abweisende Art anspricht, winkt der 42-Jährige nur ab. Es sei halt „aktuell alles ein bisschen viel“, aber nach dem Sommer werde es besser, wenn in der Firma die Umstrukturierung abgeschlossen sei und in der Klimaschutzinitiative andere Ehrenamtliche ihm Aufgaben abnähmen. Und überhaupt, was sie immer gleich habe.

Als nach dem Sommer nichts besser ist und Martina zunehmend bemerkt, dass Rolf nur noch unruhig schläft und vermehrt Alkohol trinkt, drängt die Erzieherin darauf, dass ihr Mann sich helfen lässt. Eher widerwillig besucht er meine offene Männergruppe, ist dann aber beeindruckt von der Offenheit, mit der sich Männer hier zeigen, den Themen der Männer, die ihn alle an ihn selbst erinnern, und der Klarheit, mit der ich die Gruppe führe.

Gespräche galten als „vertane Zeit“

Nach dem Abend spricht mich Rolf an und vereinbart einen Termin mit mir für ein Einzelgespräch. Auch hier kommt er sich zunächst wieder komisch vor, weil sich „hier ja alles um mich dreht“. Schnell wird klar, dass das dritte von vier Geschwistern mit Sätzen wie „Nimm dich nicht so wichtig!“ oder „Stell dich nicht so an!“ in einem kleinen Handwerksbetrieb aufgewachsen ist.

Zeit war immer knapp, die Kunden gingen vor und Gespräche galten als „vertane Zeit“. „Eigentlich habe ich immer nur funktioniert und geschaut, dass ich keinen Ärger mache und keinen Ärger kriege“, fasst Rolf diese Kindheit zusammen. Ich spiegele ihm, dass all diese Sätze aus dem Elternhaus Imperative waren, also Aufforderungen in Befehlsform. So habe er verinnerlicht, sich selbst herumzukommandieren.

Gefühle nicht wahrgenommen

Und ohne Gesprächskultur habe er auch nicht gelernt, zu reflektieren, in sich hineinzuhören und seine Befindlichkeiten und Gefühle wahrzunehmen und zu spüren. Denn unsere Gehirne sind sehr intelligent organisiert und lernen schnell: Wenn Gefühle dauerhaft ignoriert werden, meldet sie unser Gehirn nicht mehr unserem System, sondern schiebt sie in unser Unterbewusstsein, wo sie sich unserer Kontrolle entziehen.

Rolf bestätigt, dass er oft nichts fühlt und deshalb auch seine Befindlichkeiten nicht artikuliert. Ich widerspreche. Er fühle sehr wohl, nehme das aber nicht mehr wahr, weil er sich – bzw. sein Gehirn ihm – das abtrainiert habe.

„Deine Trauer und deine Tränen sind willkommen“

Nun schweigt der 42-Jährige lange, seine Haltung verändert sich und seine Mimik zeigt Trauer. Als ich das ausspreche, kommen Rolf die Tränen. Und sofort meldet sich auch seine Scham, indem er die Tränen wegwischt und versucht, einen Witz zu machen, mit dem er seine Situation ins Lächerliche ziehen will.

Ich halte dagegen: „Deine Trauer und deine Tränen sind willkommen, Rolf, du machst gute Arbeit.“ Und gemeinsam sitzen wir da, schweigen und jegliche Macher-Allüren fallen von dem Familienvater ab.

„Was treibt dich an, Rolf?“

Beim nächsten Termin wirkt Rolf schon gelöster. Er habe sich auf den Termin gar gefreut. Er sei gespannt, was er heute über sich erfahre, und macht auch gleich ein Angebot: In seinem christlich geprägten Elternhaus sei immer klar gewesen, dass man „nicht für sich selbst lebt, sondern für den Dienst am Nächsten“. Nun nehme er wahr, dass ihn dieser Anspruch überfordere, weil er gelegentlich einfach zu erschöpft sei, für das Gemeindefest Helfer zu gewinnen und einzuteilen oder in seiner Klimaschutzinitiative noch Unterlagen zu lesen, Protokolle zu schreiben und ein Pressegespräch vorzubereiten.

„Was treibt dich an, Rolf?“, frage ich den Ingenieur, und er scheint fast in seinem Korbsessel zu versinken, ehe zögerlich seine Antwort kommt: „Ich möchte halt niemanden vor den Kopf stoßen.“ Und als ich weiterfrage, kommen Variationen dieser Aussage. Schließlich biete ich ihm eine Antwort an: „Rolf, kann es sein, dass du geliebt werden möchtest?“ Und wieder verrät seine Mimik viel Trauer und wir schweigen gemeinsam.

Im Wettbewerb um die Gunst von Vater oder Mutter

Nun erzählt der Macher aus seiner Kindheit. Wie er um die Anerkennung der Eltern buhlen musste. Wie die Geschwister im Wettbewerb um die Gunst von Vater oder Mutter standen, denen nahezu nie ein Lob über die Lippen kam, nach dem alten schwäbischen Motto: „Nicht geschumpfen ist Lob genug.“

Rolf erinnert sich, dass im elterlichen Betrieb Geld offenbar immer wieder mal knapp war, weil Kunden insolvent gingen und Rechnungen nicht bezahlten oder der Vater zu viele Leistungen zu preisgünstig erbrachte. Rolf muss lachen, als ich ihm die Parallele aufzeige, dass offenbar auch sein Vater von jedermann geliebt werden wollte.

Immer besser kommt der Familienvater nun in seine Gefühle und kann sie benennen: Trauer, dass zu Hause so wenig Raum für Gespräche und Reflexion war. Wut, dass ihm niemand beigebracht hat, seine Bedürfnisse zu spüren und sie äußern zu dürfen. Aber auch Freude, dass er jetzt bei mir sitzt, das neue Verhalten trainiert und damit neue Erfahrungen sammelt bei der Arbeit, in der Familie und in seinen Ehrenämtern.

Rückfall löst Panik aus

Nun verlängert er die Abstände, in denen er in die Therapie kommt. Stößt ihm im Alltag etwas unangenehm auf, dann muss er nicht mehr sofort heftig reagieren, sondern begnügt sich mit dem Wahrnehmen, dass jetzt offenbar gerade wieder etwas schiefläuft. Dann nimmt Rolf bewusst Geschwindigkeit aus der Situation oder stoppt sogar ganz, um innezuhalten, wahrzunehmen und zu atmen. Gelegentlich muss er sogar innerlich lächeln, weil er sich dabei auf die Schliche kommt, in sein altes Muster zu rutschen.

Einmal geschieht dies tatsächlich in seiner Kirchengemeinde und er pampt Mitstreiter an, weil sie ein wichtiges Detail vergessen haben. In seiner Panik ruft er mich an und sitzt bereits am nächsten Tag bei mir. Ich lasse ihn erzählen, wie es zu der Situation kam, und schon in seiner Schilderung nimmt er wahr, wie er „gelbe Warnschilder“ ignoriert hat. „Du warst dir zu sicher, mit deiner Veränderung ‚durch‘ zu sein“, spiegele ich ihm und frage ihn, wann er mal „etwas Wichtiges vergessen“ hat. Sofort fallen ihm drei Beispiele aus jüngster Zeit ein. Beim nächsten Treffen in seiner Gemeinde will Rolf seinen Mitstreitern von seinen Versäumnissen berichten und um Verzeihung für seinen Ausraster bitten. Dieser dient ihm nun vor allem dafür, dauerhaft mit sich selbst achtsam zu sein.

Leonhard Fromm (58) ist Gestalttherapeut und Männer-Coach. Der zweifache Vater lebt in Schorndorf bei Stuttgart und macht (Gruppen-)Angebote in Präsenz und online. derlebensberater.net

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Traumjob gesucht: Jetzt ist der Moment, um neu anzufangen

Die Angst vor dem Scheitern hindert viele Männer daran, beruflich neu anzufangen. Coach Bernhard Fanger weiß, was es braucht, damit Träume wahr werden.

Mal vorweg gefragt: Sind eher Männer oder Frauen unzufrieden mit ihrem Job?

Bernhard Fanger: Dazu gibt es Studien, die mal das eine und mal das andere sagen. Angeblich sind es tendenziell eher Frauen, die unzufrieden sind. Ich glaube nicht, dass das so geschlechtsspezifisch ist, sondern vielmehr aus der persönlichen Lebenssituation entsteht.

Ich finde, dass Frauen nach wie vor nicht immer die berufliche Anerkennung bekommen, die sie verdienen. Vielleicht deshalb die eher höhere Unzufriedenheit. Männer halten oft Situationen aus, eine toxische Arbeitsumgebung wird da eher als „normal“ gesehen, weil „Mann“ es halt nicht anders kennt.

Sie waren Führungskraft und Vorstand in verschiedenen Technologieunternehmen, bevor Sie für sich einen anderen Weg wählten. Was war der entscheidende Moment, noch einmal neu anzufangen?

Ich war damals schon länger latent unzufrieden mit meiner beruflichen Situation. Sowohl unterfordert und frustriert, was Kompetenzen und Gestaltungsmöglichkeiten anging, als auch überfordert durch die schiere Anzahl von Aufgaben. Ich merkte, dass es so nicht mehr weitergehen konnte. Aber ich hatte anfänglich auch absolut keine klare Vorstellung, was stattdessen meine berufliche Zukunft sein könnte.

„Manche brauchen nur etwas Orientierung“

Sie coachen männliche Führungskräfte, die etwas Neues beginnen möchten. Was bewegt diese dazu?

Das ist so unterschiedlich wie die Menschen selbst. Da gibt es sowohl die Männer, die ihren langjährigen Traum umsetzen wollen, als auch diejenigen, die schlicht in ihrem jetzigen Umfeld frustriert und ausgebrannt sind.

Manche brauchen nur etwas Orientierung, einen kompetenten Gesprächspartner, unabhängiges Feedback. Andere sind einfach erschöpft und ohne Ideen, wie es weitergehen kann. Und dann gibt es diejenigen, die schon eine ganz genaue Vorstellung haben und vielleicht nur Bestätigung oder Ermutigung brauchen.

„Beim Formulieren von Wünschen wird mir selbst oft vieles klarer“

Was empfehlen Sie Männern, die herausfinden wollen, was wirklich in ihnen steckt? Die noch unschlüssig sind, wofür sie sich tatsächlich begeistern können?

Sich selbst kennenzulernen ist wichtig: Was will ich, was sind meine Stärken, wie komme ich in einen Flow? Ein weiterer wichtiger Faktor ist, mir selbst Zeit zu geben, mal eine Pause zu machen von der permanenten Geschäftigkeit.

Gut ist auch, mich auszutesten, etwas Neues auszuprobieren, gerade wenn ich noch nicht der Experte bin. Also mal vorher im Hotel arbeiten, wenn ich eines eröffnen will. Oder auch eine ehrenamtliche Aufgabe übernehmen, zum Beispiel wenn ich noch gar keine Ahnung habe, wo es hingehen soll. Es hilft auch sehr, sich auszutauschen mit anderen. Nicht nur um Tipps und Ideen zu bekommen – beim Formulieren meiner Wünsche und Ideen wird mir selbst oft vieles klarer.

„Riesige Angst vor Statusverlust“

Aus Ihrer Erfahrung: Was sind die größten Hürden für einen gelungenen Neustart? Mit welchen Ängsten kämpfen die Männer, die zu Ihnen kommen?

In der Regel werden fehlende Zeit, fehlendes Geld oder fehlende Ideen als Gründe genannt, mit einer Neuorientierung zu warten. Meiner Meinung nach liegen die Gründe tiefer. Es gibt gerade bei uns Männern eine riesige Angst vor Statusverlust und vor dem Scheitern. Wer sind wir, wenn wir nicht mehr die tollen Hechte im Berufsleben sind? Wie reagiert mein Umfeld, wenn es nicht klappt mit meiner neuen Idee? Das macht Angst!

Ein weiterer Faktor ist, dass wir wenig positive Vorbilder haben. Wir blicken auf zu Leuten wie Richard Branson oder Steve Jobs, aber die schweben in einer anderen Dimension, die haben eher die Aura von Popstars. Unerreichbar. Deshalb war es mir wichtig, für das Buch mit „ganz normalen“ Männern zu sprechen, die alle erst später in ihrer Karriere ihr eigenes Ding starteten.

„Es ist nie der exakt richtige Zeitpunkt“

Durch die Corona-Krise ist in der Wirtschaft eine große Unsicherheit zu spüren. Viele fürchten um ihren Arbeitsplatz. Ist jetzt wirklich der richtige Zeitpunkt für einen Neubeginn? Oder ist die Zeit des Umbruchs vielleicht sogar eine Chance?

Es ist nie der exakt richtige und nie der komplett falsche Zeitpunkt. Es hängt deutlich weniger von den äußeren Umständen ab und viel mehr davon, was ich selbst möchte und wie ich mich gestalte. Sonst hätte nach dem Zweiten Weltkrieg niemand ein Unternehmen gestartet – bei so viel Unsicherheit, so viel Zerstörung, so wenig Kaufkraft …

Vielleicht muss ja auch nicht gleich der komplette Wandel sein. Reicht nicht manchmal auch nur eine Kurskorrektur?

Das ist sogar in sehr vielen Fällen so. Es ist deshalb ganz wichtig, herauszufinden, ob meine Unzufriedenheit und Erschöpfung tatsächlich am Job liegen oder ganz andere Ursachen haben. Sonst gebe ich meinen Job auf und bin weiter unzufrieden. Bei Weitem nicht jeder muss sich auf neuen Pfaden selbst verwirklichen, aber jeder sollte wissen, was ihm guttut und was nicht.

„Ein Manager, der seine eigene Kaffeerösterei aufgebaut hat“

Können Sie uns ein paar Beispiele aus Ihrer Praxis nennen von Männern, die ihr Leben umgekrempelt haben? Gibt es die Geschichten vom unzufriedenen Topmanager, der jetzt glücklicher Weinbauer ist?

Die gibt es in der Tat, und mein Buch ist voll von diesen Geschichten: ein Manager, der seine eigene Kaffeerösterei aufgebaut hat. Eine Führungskraft, die ein Boutique-Hotel in denkmalgeschütztem Gemäuer gebaut hat. Ein Marketingleiter, der nachhaltiges Fertigessen produziert. Ein Weinbauer war nicht dabei, aber ein Weinhändler, der auch weiterhin seinen Job als Personalmanager gut ausfüllt.

Sie haben für Ihr Buch mit verschiedenen Männern über deren Neuorientierung gesprochen. War es schwierig, Ihre Gesprächspartner zu einem offenen Gespräch zu ermutigen?

Es war überraschend einfach. Vielleicht auch, weil meine Gesprächspartner alle voll hinter ihrer Idee stehen. Ich habe so viel Offenheit erfahren und auch sehr viel Ehrlichkeit. Gerade was die Ängste anbelangt, die Schwierigkeiten bei einem Neuanfang, die finanziellen Einbußen, die Zeitdauer, bis ein neues Projekt ins Laufen kommt, die Bedeutung des Partners dabei. Schön war, dass kaum einer meiner Protagonisten die Schuld „der Firma“, also ihrem vorherigen Arbeitgeber, gab. Vielmehr haben sie selbstverantwortlich nach dem besten Weg für sich gesucht.

„Verständnis ist auch schon Unterstützung“

Wer sollte Ihr Buch lesen? Vielleicht sogar die Ehefrau oder Partnerin, die ihren Mann beim „Spurwechsel“ unterstützen möchte?

Eine gute Frage. Ich habe erlebt, dass die Partnerin oft schon früher merkt, wenn mit ihrem Mann etwas nicht stimmt, wenn Frust und Unzufriedenheit überhandnehmen. Männer lassen diesen Frust dann gerne am persönlichen Umfeld, an der Familie und der Partnerin aus. Das ist nicht nur unfair, sondern auch in keiner Weise hilfreich. Vielleicht gibt es Frauen, die ihren Mann so unzufrieden erleben und ihm mit dem Buch ein paar Denkanstöße geben wollen.

Mein Buch hat zwar „Mann“ im Titel, aber die meisten Kapitel sind für Frauen genauso relevant und interessant. Vielleicht werden manche Frauen überrascht sein, mit welchen Themen und Ängsten sich ihre Männer herumschlagen. Und Verständnis ist auch schon Unterstützung.

Bernhard Fanger ging aus einer Konzernkarriere in die Selbstständigkeit und ist heute Mentor und Management-Coach. Als ehemaliger Geschäftsführer, Vorstand und Aufsichtsrat in mittelständischen Technologieunternehmen weiß er, wo vielen Männern der Schuh drückt. fanger.de

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Wissenschaftlich nachgewiesen: Mit diesen drei einfachen Übungen werden Sie glücklicher!

Glücklichsein lässt sich trainieren. Coach Michael Stief erklärt, wie ein Happiness-Workout zu dauerhaftem Glück führen kann.

Glück ist keine Glückssache: Wie beim Tanzen, Singen oder Musizieren braucht es Übung, um das Geschick und die Fitness aufzubauen. Erst dann stellt sich die Freude ein, die diese Tätigkeiten schenken können. Im Fall des Glücks braucht es den Aufbau von mentaler Fitness, um die Wege zum Glück mit voller Energie gehen zu können. Drei Übungen haben sich dabei als besonders wirksam erwiesen. 

1. Die Dankbarkeits-Übung hilft Gutes erkennen 

Die Dankbarkeitsübung hilft das Glück, das Sie erfahren, auch tatsächlich zu registrieren und anzuerkennen. Menschen, die an einen personalen Gott glauben, wie Juden, Muslime, Christen oder andere, tun sich leichter, dankbar zu sein. Häufig gehören überlieferte Dankgebete schon zur religiösen Praxis. Außerdem können sie ihrem Gott für das erlebte Gute danken, statt einem abstrakten Zufall gegenüber dankbar zu sein. Aber selbst gläubige Menschen müssen wie alle anderen über die Schwelle der Selbstverständlichkeit treten und das Gute anerkennen, das da ist.  

Das warme Bett, in dem man aufwacht, das Dach über dem Kopf, der Kaffee, den man beim Frühstück trinkt, das Essen im Kühlschrank und das gute Wetter vor der Haustür: All das ist im Quervergleich mit acht Milliarden Menschen keineswegs der Standard. Dankbarkeit ist somit der bewusste Akt anzuerkennen, dass etwas nicht selbstverständlich ist, sondern etwas Gutes, und das lässt sich üben. 

Viele Glaubensrichtungen und Religionen kennen das Dankgebet. Die positive Psychologie hat genau dieses Dankgebet in eine neutrale Übung verpackt: 

So einfach ist die Dankbarkeits-Übung 

  • Über einen Zeitraum von einer Woche schreiben Sie täglich abends drei gute Dinge auf, die an diesem Tag geschehen sind.  
  • Geben Sie jedem positiven Ereignis einen Titel. 
  • Beschreiben Sie die Begebenheit in ein paar Zeilen etwas detaillierter.  
  • Halten Sie fest, was Sie selbst dazu beigetragen haben. 

Zum Beispiel könnten Sie für ein gutes Essen danken, weil Sie statt in die nächstgelegene Pommesbude bis zum etwas weiter entfernten Biomarkt gegangen sind. Es spielt dabei keine Rolle, ob Sie diese Dinge von Hand in ein Tagebuch schreiben oder am Computer oder Mobiltelefon notieren. Wichtig ist nur, dass Sie es wirklich eine Woche lang machen oder auch länger. 

Entscheidend ist aber: Wie wirkt diese Übung? Martin Seligman und Kollegen haben diese im Vergleich mit unstrukturiertem Tagesbuchführen getestet und den Effekt auf die Psyche untersucht. Diese Dankbarkeitsübung sorgt auch bei einmaliger wöchentlicher Anwendung über einen Zeitraum von sechs Monaten für einen nachweisbaren stimmungsaufhellenden Effekt, der der niedrigschwelligen Gabe von Anti-Depressiva entspricht. 

2. Der Selbst-Empathie-Brief federt Frust ab 

Der Selbst-Empathie-Brief hilft, die Hindernisse und Belastungen, die das Glück mindern, anzuerkennen und emotional zu verarbeiten, statt sie zu ignorieren oder zu verdrängen. 

In schwierigen Phasen von Stress oder Druck sowie bei Konflikten ist es mitunter das Beste, einem Freund oder einer Freundin sein Herz auszuschütten. Und dabei allen Frust und alle Angst, Wut und Trauer auszudrücken. Im besten Fall erfahren Sie in diesem Gespräch Annahme, Verständnis und Trost. Nur ist ein solcher emphatischer Freund, dem Sie all Ihr Leid klagen können, nicht immer verfügbar. 

Was sehr wohl verfügbar ist und in ähnlicher Weise wirksam, sind Stift, Papier und die Bereitschaft, die eigenen Gefühle und Gedanken auszudrücken und zu reflektieren, anstatt sie zu verdrängen. Eine wirksame Form, dies zu tun, ist der sogenannte Selbst-Empathie-Brief (Self-Compassion-Letter). Die Psychologin Kristin Neff hat diese Strategie entwickelt und deren Wirksamkeit nachgewiesen. 

So verfassen Sie einen Selbst-Empathie-Brief 

  • Fokussieren Sie sich auf eine konkrete Situation in Ihrem Leben, die Sie belastet.  
  • Es spielt keine Rolle, ob diese Situation innere oder äußere Konflikte betrifft.  
  • Nehmen Sie sich gezielt eine Viertelstunde und schreiben Sie in dieser Zeit alle Gedanken und Gefühle auf, die Sie bewegen.  
  • Optional: Nehmen Sie dabei die Position eines wohlwollenden Freundes ein, der Ihre Situation ohne Beurteilung, aber mit Empathie und Verständnis kommentiert. 
  • Schreiben Sie auch weiter, wenn Ihre Gedanken stocken, sich wiederholen oder abschweifen.  
  • Wiederholen Sie diese Übung vier Tage lang. 

3. Das positive Zukunftsbild

Dankbarkeit und Selbst-Empathie helfen uns in einen positiven Zustand zu kommen, indem sie den Fokus auf das legen, was ohnehin bereits gut läuft, beziehungsweise indem sie helfen, unsere Gefühle zu bewältigen. 

Auf dieser Basis können wir positive Zukunftsvorstellungen leichter entwickeln: Belastende Emotionen oder Stress verengen unseren Fokus. Positive Zustände erweitern unsere Perspektive und erleichtern den Zugang zu Ressourcen wie Kreativität oder Flexibilität. Das positive Zukunftsbild hilft, sich das Glück konkret auszumalen, das durch eigenes Zutun, fremde Unterstützung und günstige Entwicklungen entstehen könnte. 

Schreibübung hilft weiter 

Es wird nun nicht mehr überraschen, dass wir auch solche positiven Zukunftsbilder trainieren können und das wiederum durch eine entsprechende Schreibübung. Sie wurde unter der Bezeichnung „My Best Self“ von den Psychologen King, Burton und Sin entwickelt und im Vergleich zu reinen Tagebuchnotizen ausgewertet. 

Die Testpersonen sollten an mehreren aufeinanderfolgenden Tagen über eine festgelegte Zeit lang aufschreiben, wie sich ihr Leben in einem konkreten Bereich bis zu einem konkreten Zeitpunkt in der Zukunft positiv aus der aktuellen Situation heraus entwickeln könnte. Wichtiger war dabei, im Schreibfluss und damit in der Haltung einer positiven Vorstellung zu bleiben, als einen perfekten Plan zu entwickeln. Diese Übungen hatten zum Ergebnis, dass die Testpersonen sich deutlich besser fühlten.  

Es fällt auf, dass diese Übung bereits die wesentlichen Kriterien der effektiven Zielsetzung nach der SMART-Formel beinhaltet: Diese Schreibübung führt zu spezifischen, attraktiven und terminierten Zukunftsbildern, die zu messbaren und realistischen Zielen weiterentwickelt werden können 

So geht’s  

  • Reservieren Sie sich 20 Minuten Zeit. 
  • Optimal an vier aufeinanderfolgenden Tagen. 
  • Wählen Sie einen Lebensbereich aus dem Arbeits- oder Privatleben. 
  • Legen Sie einen Zeitraum fest (eins, fünf oder zehn Jahre). 
  • Versetzen Sie sich in Gedanken konkret an einen bestimmten Ort und Zeitpunkt in der Zukunft. 
  • Vergegenwärtigen Sie sich diese Situation mit allen Sinnen.  
  • Und stellen Sie sich dann vor, dass sich der gewählte Lebensbereich optimal, bestmöglich entwickelt hat, durch den Einsatz Ihrer persönlichen Stärken, die Nutzung von Chancen, durch die Unterstützung Ihres Umfeldes und das nötige Quäntchen (Zufalls-)Glück. 
  • Schreiben Sie dann 15 bis 20 Minuten auf, was sich alles positiv entwickelt hat und wie Sie sich fühlen. 
  • Wenn Ihnen gerade nichts einfällt, dann schreiben Sie trotzdem weiter und drücken aus, was Ihnen an Fragen oder Gedanken oder Gefühlen durch den Kopf geht. 
  • Nach dem Schreiben legen Sie ihre Notizen weg. 
  • Wiederholen Sie diese Übung an den drei folgenden Tagen mit anderen Lebensbereichen. 

So funktioniert das Happiness-Workout praktisch 

Wie man sieht, ist keine der vorgestellten Übungen „Raketen-Wissenschaft“. Dennoch sind jede einzelne und auch die gemeinsame Grundidee des expressiven Schreibens wissenschaftlich fundiert und getestet. 

Es ist sinnvoll, diese drei Übungen zu einem einzigen Workout zusammenzufassen, das Dankbarkeit, Emotionsbewältigung und Hoffnung nacheinander trainiert. Pro Übung sind zwanzig Minuten empfehlenswert. 

Folgende drei einfachen Schlüsselfragen bringen die Übungen auf den Punkt: 

  • Wofür bin ich dankbar? 
  • Worüber verspüre ich in Trauer, Angst, Wut oder Ablehnung? 
  • Wie würde eine Zukunft aussehen, in der ich wirklich glücklich bin? 

Es ist sinnvoll, sich diese Fragen entweder ganz allgemein zu stellen oder eben bezogen auf bestimmte Themen. Das können etwa die verschiedenen Lebensbereiche wie Arbeit und Privates sein, ebenso unterschiedliche Beziehungen zu sich selbst, Familie und Freunden oder auch Facetten des Glücks wie Sinn und Erfolge. 

Michael Stief (58) ist Experte für Positive Kommunikation, Teamwork & Führung und Gründer des Beratungsnetzwerks POSITIVE HR. MANAGEMENT (positive-hr.de)

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Arbeiten bis zum Umfallen: Sind Sie in Gefahr, arbeitssüchtig zu werden?

Anhand welcher Symptome erkennen Sie Ihre Arbeitssucht? Erste Anzeichen und fünf Tipps, um der Arbeitsfalle zu entkommen.

Erfüllung, Entfaltung und Lebensgrundlage auf der einen Seite. Überforderung, Burnout und Workaholismus auf der anderen: Arbeit hat nicht nur zahlreiche Formen und Facetten, sondern auch vielfältige Ausprägungen und Konsequenzen. Doch was, wenn aus dem, was eigentlich die Existenz sichert, eine Sucht wird? Woran merkt man, ob man betroffen ist? Oder noch besser: Was kann jeder tun, um diesen Zustand rechtzeitig zu vermeiden? Die Bedeutung von Arbeit hat im persönlichen Wertesystem jedes Individuums unterschiedliche Gewichtung: So arbeiten die einen, um zu leben, also den Lebensunterhalt zu finanzieren. Andere wiederum leben, um zu arbeiten.

Das ist alles per se weder gut noch schlecht und auch nicht in jedem Fall selbstbestimmt gewählt. Für jeden Menschen hat Arbeit daher eine andere Sinnhaftigkeit. Arbeit ist etwas Gutes, viel arbeiten ist in unserer Gesellschaft ebenfalls und größtenteils positiv besetzt. Nicht zwingend geht das mit Überforderung oder sogar einem möglichen Burnout einher. Wer oft und viel tätig ist, kann das durchaus lustvoll tun und erfährt dadurch Erfüllung. Selbst wenn die Gefahr von Workaholismus bei denen lauert, die überdurchschnittlich viel tun, ist dieser Begriff eher positiv konnotiert. Erst die Steigerung dessen führt zur eigentlichen Arbeitssucht und die Grenze zu einer Erkrankung rückt näher. Was kennzeichnet Arbeitssüchtige? Es sind Menschen, die typisches Suchtverhalten zeigen, also immer mehr von einer Sache brauchen, um über den Tag zu kommen. So sind sie in der damit verbundenen Dauerschleife gefangen: Ihr gesamtes Selbstwertgefühl fußt auf ihrer Arbeit, daher sind sie nicht mehr in der Lage, sich von ihr abzugrenzen, arbeiten zwanghaft und leben einen ausgeprägten Perfektionismus.

Wo lauert der Workaholismus?

Die Menschen in der modernen Gesellschaft arbeiten viel mehr als die Generationen davor in früheren Jahrhunderten. Mit der Aufklärung kam ein modernes Versprechen auf, das sich über die industrielle hin zur digitalen Revolution bis zur Globalisierung erstreckte: Die Menschen werden von der Arbeit befreit. Bis heute ist es eine Zusicherung geblieben. Tatsächlich wurden zwischenzeitlich grobe, manuelle oder repetitive Arbeiten an Maschinen oder in die IT-Welt ausgelagert. Erstaunlich allerdings bleibt, dass sich der Mensch – kaum hat er sich der körperlich schweren Arbeit entledigt – die Unfreiheit mit Arbeitssucht wieder zurückholt.

Arbeitssucht ist eine Form von Abhängigkeit. Man kann nicht mehr ohne Arbeit sein und entwickelt ein hohes Verlangen nach der Tätigkeit und der entsprechenden Anerkennung dadurch. Leistungssucht ist ein Teil dessen, man will sich selbst etwas beweisen. Workaholismus wird als ein exzessives Bedürfnis nach Arbeit beschrieben. In diesem Zustand verlieren wichtige, andere Lebensbereiche an Bedeutung. So brechen allmählich soziale Kontakte ab und der Zwang, sich über die Arbeit zu definieren, steigt weiter. Die Spirale setzt sich in Gang und wie bei jeder Sucht muss zur Befriedigung die Dosis ständig erhöht werden. Das kann schlussendlich in Krankheiten münden. Wer permanent mehr als 50 Stunden pro Woche arbeitet, kommt dem Workaholismus bereits sehr nahe.

Führungskräfte und Selbstständige besonders betroffen

Die Ursachen für Arbeitssucht sind oft in übertriebenem Engagement zu finden. Häufig betroffen sind vor allem Führungskräfte und Selbstständige, die sich derart ins Zeug legen und anhand von Erfolgen und Ergebnissen, Zuspruch und weiteren Aufträgen oder Projekten eine hohe Befriedigung erleben. Bleibt das eine vorübergehende Phase und findet man einen entsprechenden Ausgleich, ist das durchaus positiv zu sehen.

Risikoreich wird es allerdings dann, wenn dieses hohe Engagement eng mit dem persönlichen Wertesystem und der Manifestation des Selbstwertgefühls verknüpft ist. Wer seinen eigenen Wert an die Arbeitsleistung koppelt, ist schneller von Arbeitssucht betroffen. Aus dem Zwang, alles perfekt machen zu wollen, um sich selbst und anderen gegenüber wertvoll zu erscheinen, geht die Fähigkeit verloren, Wesentliches vom Unwesentlichen zu trennen. Um überhaupt noch alles zu erledigen, gibt es Sonderschichten in der Nacht und Mehrarbeit am Wochenende. Dass jemand überhaupt zu so einer Form der Sucht neigt, erklären Therapeuten anhand von Erziehung, Vererbung, der persönlichen Lebensgeschichte und der sozialen Umstände, auch Einflüsse der Gesellschaft spielen eine Rolle. Doch anhand welcher Symptome erkennen Sie Arbeitssucht?

Drei Symptome von Arbeitssucht

Sie denken immer mehr, auch außerhalb der Arbeitszeit, an Ihre Arbeit. Sie überlegen sich, wo Sie noch mehr Zeit für Ihre Arbeit beschaffen können, und opfern dafür Freizeit, Hobby und soziale Kontakte. Sie entwickeln einen hohen Grad an Perfektionismus und verlieren die Fähigkeit, Prioritäten zu setzen. Sie spüren, dass Sie im Grunde zu viel arbeiten.

Sie machen eine saubere Planung und stellen fest, dass Sie immer mehr Zeit mit Arbeiten verbringen, als Sie es sich vorgenommen haben. Aus Zeitgründen schieben Sie übergeordnete Aufgaben vor sich her, was Sie noch mehr unter Druck setzt.
Sie vergessen Termine und können sich das nicht erklären. Sie ärgern sich über Ihre Umstände und erleben Schuldgefühle oder erste Anzeichen von Depression.

Sie entwickeln körperliche Entzugssymptome, wenn Sie sich nicht der Arbeit widmen können (WLAN-freie Zonen, Krankheit, Urlaub mit der Familie usw.). Sie haben Schwierigkeiten, Entscheidungen zu treffen, und erhöhen das Arbeitspensum, um allem und allen gerecht zu werden. Sie verfolgen verbissen Ziele oder Pläne, die Sie um jeden Preis durchsetzen wollen.

Fünf Tipps, um der Arbeitssucht zu entgehen

Wenn Sie erkennen wollen, ob Sie gefährdet sind, dann braucht es im ersten Schritt Ehrlichkeit sich selbst gegenüber. Zeigen sich regelmäßig erste Symptome? Es ist ein Unterschied, ob Sie in einem Projekt vier Wochen fast rund um die Uhr arbeiten oder ob Sie über einen Zeitraum von mehreren Monaten oder Jahren die entsprechenden Verhaltensweisen an den Tag legen. Beginnen Sie mit einer verbindlichen Arbeitsplanung für sich selbst:

  1. Weihen Sie Freunde und Familie ein und erlauben Sie, explizit darauf angesprochen zu werden, wenn Sie zu viel arbeiten.
  2. Seien Sie sehr rigide mit Freizeitterminen, also nehmen Sie den Fußballabend mit Ihren Freunden und die Geburtstagsfeier Ihres Kindes genauso pflichtbewusst wahr wie Ihre Geschäftstermine.
  3. Schalten Sie mobile Geräte am Abend aus und schaffen Sie sich Zeitinseln, in denen Sie nicht arbeiten.
  4. Lernen Sie, Vertrauen zu anderen zu haben – das schafft die Möglichkeit, zu delegieren.
  5. Lernen Sie, Ihr Selbstwertgefühl nicht ausschließlich von der Arbeit abhängig zu machen.

Stefan Häseli ist Kommunikationstrainer, Keynote-Speaker, Moderator und Autor mehrerer Bücher. Er betreibt ein Trainingsunternehmen in der Schweiz (www.stefan-haeseli.com). Als Kommunikationsexperte begleitet er seit Jahren zahlreiche Unternehmen bis in die höchsten Vorstände von multinationalen Konzernen.

Vater und Sohn laufen zusammen neben einer grünen Hecke

Berater ist überzeugt: Mit diesen 3 Schritten bekommen Sie Ihre Gefühle in den Griff

Wer seine Emotionen beherrscht, kommt im Leben voran, sagt Eduard Friesen. Drei Schritte, wie Männer Angst und Zorn zu ihrem Vorteil nutzen können.

„Jungs weinen nicht.“
„Indianer kennen keinen Schmerz.“
„Jetzt sei doch kein Mädchen.“
Solche stereotypen Aussagen prägen ein Bild von Männern, das das Vorhandensein oder das Ausdrücken von Gefühlen ablehnt. Dies hat sich in der Neuzeit wesentlich gebessert. Dennoch: Die Tendenz, Gefühle zu verdrängen, ist für Männer trotzdem Alltag. Dabei ist aber das Verdrängen gefährlich. Denn Gefühle offenbaren unser Denken und unseren Charakter. Genauso verändern sie unser Denken und Handeln. Und wenn wir diese inneren Antreiber nicht offenlegen und reflektieren, werden wir von Gefühlen hin- und hergerissen. Wir wissen dann zum Teil gar nicht, was mit uns los ist. Wir verlieren unsere emotionale Stabilität. So kann zum Beispiel die Angst vor einer staatlichen Kontrolle zu einer radikalen Verweigerung gegenüber Corona-Maßnahmen führen. Die Angst vor einer Erkrankung kann zu einer Weigerung, in die Öffentlichkeit zu gehen, oder zur vehementen Verurteilung Andersdenkender führen. Gefühle machen etwas mit uns. Daher ist es hilfreich, diese anzuschauen und offenzulegen, um sich so stabilisieren zu können.

Gefühle zu reflektieren lohnt sich

Manchmal braucht es Zeit, um sich seiner Gefühle bewusst und klar zu werden. Das Schreiben, die Natur und Ruhe können dazu beitragen, Gefühle benennen zu können. Es lohnt sich seine Gefühle zu reflektieren und eine Umgangsweise festzulegen. Für mich gibt es drei Schritte auf dem Weg, die eigenen Gefühle besser kennenzulernen:

1. Sage „STOPP!“

Damit schenkt man sich einen Moment, um innezuhalten. Das kann man sich auch laut sagen und, wenn notwendig, dafür den Raum verlassen. Hier wäre zu fragen, was genau ich fühle, wie das Gefühl heißt und was der Auslöser für dieses Gefühl war. Hilfreich ist auch, wenn man es aufschreibt. Wichtig ist, sich nicht hinreißen zu lassen, in den Katastrophenfilm der Gefühle einzusteigen, sondern erst sachlich zu analysieren.

2. Analysiere: Ist mein Gefühl angemessen oder verzerrt?

Wer sich zu Hause ignoriert und missverstanden fühlt, wird auf Drängler im Berufsverkehr anders reagieren als jemand, der Wertschätzung erfahren hat und entspannt ist. „Ich bin wütend, weil ich gerade zu Hause keine Beachtung fand und der jetzt einen draufsetzt“, ist eine wichtige Erkenntnis.

3. Überlege: Was tue ich als Nächstes?

Die leitenden Fragen wären hier: Welche Handlung bringt mich weiter? Was ist angemessen? Wie komme ich voran?

Angst einzugestehen ist männlich

Nehmen wir zum Beispiel das Gefühl der Angst. Im ersten Schritt sagen wir „Stopp“, halten inne und benennen das Gefühl. Wir geben zu, dass wir Angst haben. Angst um unsere Beziehungen, um die berufliche Sicherheit, Angst um sich und Angehörige, um die Börse, um die Rentenabsicherung. Angst lähmt das Denken, nimmt die Freude und Hoffnung, raubt die Gelassenheit. Der Magen zieht sich zusammen. Unsicherheit macht sich breit. Oft startet auch das Kopfkino: Was ist, wenn das Worst-Case-Szenario eintritt? Hirnforscher haben herausgefunden, dass Angst die Denkleistung des Gehirns gehörig reduziert. Je größer die Panik, desto größer die Denkblockade. Kreativ sein und eigene Pläne schmieden: fast unmöglich.

Angst greift auch den Körper an und erhöht z. B. das Stresshormon Cortisol im Blut. Angst zu fühlen ist okay. Auch für uns Männer. Es wäre mutig und männ(sch)lich, sich einzugestehen, dass man Angst hat. Ergänze doch mal folgenden Satz: „Ich habe gerade voll Angst, dass … passiert.“ Was würdest du einsetzen? Ich muss mir oft einen Ruck geben, vor meiner Frau zu sagen: „Das macht mir Angst.“ Oft verniedlichen wir Männer Angst mit dem Wort „Respekt“. Indem ich die Angst klar benenne, schaffe ich es, mich im Kopf von diesem Gefühl ein paar Zentimeter zu distanzieren und die Vogelperspektive zu erlangen, um zu analysieren.

Welche Bedürfnisse sind nicht gestillt?

Der zweite Schritt ist die Analyse: Wo kommt diese Angst her? Gab es früher schon ähnliche Ängste? Sind vielleicht Bedürfnisse nicht gestillt? Mein Bedürfnis, die Übersicht und Kontrolle zu haben. Oder mein Bedürfnis nach Sicherheit und Geborgenheit. Oder mein Bedürfnis, als Mit-Versorger für meine Familie meinen „Mann“ zu stehen. Habe ich Angst davor, durch einen Jobverlust in die Bedeutungslosigkeit zu sinken? Dann niemand mehr zu sein, mich wertlos zu fühlen? Ist meine Angst realistisch, angemessen, rational? Oder ist meine Angst übertrieben und womöglich ein Worst-Case-Szenario? Haben sich solche Ängste in der Vergangenheit bewahrheitet? Angst kann uns aber auch vor Dummheiten bewahren. Angst gehört zu unserer Ausstattung, zum Prozess des Lernens aus Fehlern, nach dem Motto: „Wer sich einmal die Finger an einer Herdplatte verbrannt hat …“ Wer keine Angst hat, bei dem stimmt was nicht. Aber wenn die Angst unangemessen groß wird, wenn sie lähmt, dann führt diese Angst zu Panik und zu unreflektiertem Handeln.

Im dritten Schritt entscheide ich, was zu tun ist. Welche Elemente der Angst sind rational und bewahren mich vor Fehlern? Welche Ängste dürfen zur Seite gelegt werden? Durch das Sortieren kann ich mich von der Lähmung freimachen. Welche konkreten Schritte kann ich jetzt nach der Analyse gehen? Es wird sich immer noch nach Angst anfühlen, aber mit jedem Schritt mache ich eine Erfahrung mehr, die mir Sicherheit gibt. Auf lange Sicht führt mich das in eine neue Freiheit.

Zorn ist eine Warnleuchte

Ein anderes Beispiel wäre das Gefühl des Zorns. Im ersten Schritt sagen wir „Stopp“: Auch hier hilft es, innezuhalten und das Gefühl zu benennen: „Ich bin gerade richtig sauer, weil …“, oder: „Ich ärgere mich gerade, dass ich noch nicht mal …“ Das Benennen hilft dabei, die Distanz aufzubauen, die wir für eine kurze Analyse brauchen.

Im zweiten Schritt analysieren wir: Wo kommt dieser Zorn her? Aus psychologischer Sicht entsteht Ärger meist da, wo unsere Ziele oder Werte von außen verhindert werden. Wo uns Grenzen gesetzt werden, die wir nicht sprengen können. Zorn kann also eine Warnleuchte sein, wie im Auto. Da ist nicht die Warnleuchte das Problem, sondern das, was es anzeigt, z. B. das Öl oder ein Steuergerät. So auch bei uns. Zorn sollte nicht einfach unterdrückt werden. Vielmehr ist es wichtig, herauszufinden, was ihn getriggert hat, was er uns sagen will und was wir nach ruhiger Überlegung rational damit anfangen sollen.

Sind meine Werte verletzt?

Welches Ziel wurde gerade durchkreuzt? Wie wichtig ist mir dieses Ziel? Gibt es Alternativen? Es ist interessant zu wissen, dass Zorn auch entstehen kann, weil unser Grundbedürfnis, etwas zu tun, zu gestalten, autonom, frei und eigenwirksam zu sein, nicht erfüllt wird. Oder weil unsere Werte verletzt sind: Zum Beispiel der Zorn auf den Chef, der einen Mitarbeiter mobbt. Wenn ich also langsam erkenne, wo der Zorn herkommt, verstehe ich auch, was er als Warnleuchte anzeigt. Ist ein Bedürfnis unerfüllt, ein Wert verletzt, werden Ziele blockiert?

Danach frage ich, was er mit mir macht. Angenommen: Ich hege diesen Zorn, schlucke ihn runter, nähre ihn, tue aber nichts. Was passiert dann mit mir? Mediziner sagen, dass dies körperliche Schäden herbeiführen kann, von Bluthochdruck zu Magengeschwüren und vielem mehr. Problematisch ist, dass sich unser inneres Wetter, die Stimmung langfristig eintrübt, wir das auf andere übertragen, aber selbst dabei passiv bleiben. Das Gute am Zorn ist, dass er eigentlich zur Aktion anregt. Er ist ein starker Impuls zur Reaktion, im Zorn schreit man oder haut auf den Tisch und würde am liebsten …

Wie kann ich den Zorn überwinden?

Im dritten Schritt entwickeln wir eine konkrete Strategie: Wie kann ich Ziele trotzdem verfolgen, ohne gegen eine Wand zu rennen? Welche Handlungen führen zu guten und konstruktiven Ergebnissen? Wie kann ich den gemobbten Kollegen unterstützen, ohne ein grantiger, zorniger, missmutiger Miesepeter zu werden?

Gefühle sind menschlich und männlich. Sie zu leugnen und zu verdrängen führt nur dazu, dass man von Gefühlen gesteuert wird, die man selbst nicht versteht. Wir müssen unsere Gefühle reflektieren, analysieren und Verantwortung für die nächsten Schritte übernehmen. So können wir emotional stabil werden und anderen Halt bieten.

Eduard Friesen (50) ist verheiratet und Vater von fünf Töchtern und einem Sohn. Er liest gerne und genießt spannende Serien. Er unterrichtet leidenschaftlich gerne junge Menschen am Bibelseminar Bonn und engagiert sich ehrenamtlich als Redner und Berater.

Symbolbild: Getty Images / E+ / FatCamera

Beruflich gescheitert: Nach einem Jahr merkt Axel, dass er Hilfe braucht

Ein Jahr versucht Axel, sich gegen seine neue Chefin zu behaupten. Dann merkt er: Auch Männer dürfen scheitern.

„Ich bin doch kein Typ für die Couch – das ist was für die anderen, aber nicht für mich!“, dachte ich. Bis ich mich im Sommer 2017 im Büro einer Psychotherapeutin wiederfand und froh war, endlich mal alles rauslassen zu können bei einer Person, bei der ich nicht die Sorge haben musste, dass mein Dilemma sie noch zusätzlich belasten würde.

Ein Jahr zuvor hatte ich eine neue Vorgesetzte bekommen. Bis dahin hatte ich sehr viel Wertschätzung erfahren für meine Arbeit, für meine Ideen und mein Engagement. Doch plötzlich war das alles nichts mehr wert – im Grunde von heute auf morgen. Offenbar hatte ich den Test nicht bestanden, den mir meine neue Chefin mit folgender Aussage präsentierte: „Ich bilde mir meine Meinung über Menschen in den ersten fünf Sekunden, und diese Meinung steht dann.“

Tiefschlag folgt auf Tiefschlag

Anfangs wollte ich das nicht glauben und begann zunächst mit dem Versuch, sie von meinem Können zu überzeugen. Ich legte mich ins Zeug, meldete mich freiwillig für die Jobs, die keiner wollte, und versuchte so, ihre Anerkennung zu gewinnen. Immerhin war ich schon zehn Jahre da, sie erst ein paar Monate – ich investierte all meine Kraft und hatte wirklich Hoffnung, dass das gelingen könnte. Doch das Gegenteil war der Fall: Immer mehr Steine wurden mir in den Weg gelegt, bewusst und mit Ansage genau die Dinge entzogen, die meine Arbeit für mich besonders machten. Also begann ich, mich zu wehren und zu kämpfen – nicht nur für mich, sondern auch für das Team, das fast ausnahmslos genauso litt wie ich. Ich versuchte den Weg über die Vorgesetzten meiner Chefin – und wurde als Bauernopfer ans Kreuz genagelt.

Tiefschlag folgte auf Tiefschlag – und trotzdem konnte und wollte ich nicht sehen, dass ich mich der Frage stellen musste, ob meine Zeit an dieser Wirkungsstätte einfach vorbei sein konnte. Das war einfach keine Option, denn es hätte bedeutet, als Verlierer mit eingekniffenem Schwanz das Feld zu räumen – und sowas kratzt enorm an der Männlichkeit. Mit alldem setzten auch die psychosomatischen Beschwerden wie Kopf- und Nackenschmerzen ein – es lastete einfach zu viel auf meinen Schultern. Dies bekam besonders meine Familie zu spüren – ein paar unordentlich abgestellte Teenager-Schuhe brachten mich schon beim Heimkommen direkt aus der Fasson und zum Lospoltern.

Der Anfang kostet Überwindung

Nun sind wir Männer ja häufig so gestrickt, dass wir unsere Probleme mit uns selbst ausmachen und ungern Hilfe annehmen; aber für mich war – auch nach einem sehr wertvollen Gespräch mit meiner wunderbaren Frau – klar: Du brauchst professionelle Hilfe, um damit umzugehen und deinen Weg zu finden. Es kostete mich anfangs Überwindung, den ersten Anruf zu tätigen, doch von Treffen zu Treffen wurde die Sicht für mich klarer und nach fünf Sitzungen konnte ich die entscheidende Frage meiner Therapeutin für mich beantworten: Wie viel Sinn macht es, neunzig Prozent der Kraft in etwas zu investieren, für das es eine bestenfalls zehnprozentige Wahrscheinlichkeit gibt? Also begann ich, über den Zaun zu schauen und nachzusehen, ob die Wiese da drüben nicht vielleicht genauso grün ist.

Anfang 2018 riss ich mir dann bei einem dummen kleinen Unfall meine rechte Oberschenkelsehne, was mir eine dreimonatige Auszeit aus der Gesamtsituation bescherte. Nicht ein einziger Anruf meiner Chefin, keine aufmunternde Mail des gesamten Führungsteams während der ganzen Zeit – das ließ mich erkennen, dass es keine Niederlage sein würde, wenn ich dort weggehe, sondern ein Gewinn für mich und meine neue Arbeitsstelle, wenn ich mich dort mit Freude und all meiner Kraft wieder einbringen darf.

Der Tag meiner Kündigung war eine solche Befreiung für mich! Die letzten Monate im alten Job fühlten sich derart leicht an, dass ich manchmal sogar ein wenig zu zweifeln begann, ob ich mich wirklich richtig entschieden hatte. Doch heute, mehr als drei Jahre später, ist rückblickend alles gut – ich bin glücklich mit meiner Arbeit (auch wenn es oft stressig und manchmal sogar chaotisch ist), und vor allem: Ich genieße die Wertschätzung, die mir so lange gefehlt hat und die mir nun in hohem Maß entgegengebracht wird.

Axel Hudak (48) lebt mit seiner Frau und drei Kindern in Karlsruhe. Neben seinem Hauptberuf als Pflegepädagoge arbeitet er als Erlebnispädagoge und ermutigt bei dieser Arbeit Frauen und Männer jeden Alters darin, sich ihren Aufgaben und Fragestellungen auf aktive und souveräne Weise zu stellen und Lösungswege zu erleben und zu finden. faszinationerleben.de

Der Tritt in den Hintern

Warum wir Männer manchmal Nathan-Kritik nötig haben

Beim Arzt: „Wenn Sie weiterrauchen, dann gute Nacht.“ In der Männerumkleide: „Alter, du hast ganz schön zugelegt. Hab dich kaum wiedererkannt!“ Jahresgespräch in der Firma: „Sie haben die Zielzahlen nicht erreicht, wie erklären Sie sich das?“ Kritik tut weh. Manche ist haltlos, manche trifft genau ins Schwarze. So ging es König David in der Bibel, der einer schönen Frau beim Baden zusah. Ein erster Blick und es ist um ihn geschehen. David kann sich an Batseba nicht sattsehen. Ein zweiter Blick und er lässt sie zu sich holen. Neun Monate später wird Batseba ein Kind auf dem Arm halten, das David verblüffend ähnlich sieht. Ihre Kleidung wird schwarz sein, denn ihr Mann ist gestorben. Er wurde umgebracht – von David.

KRITIK: VON GOTT GESCHENKT
Nathans Kritik lässt in 2. Samuel 12 nicht auf sich warten. Als Nathan den König konfrontiert, hält er ihm einen Spiegel vor: „Ein Mann mit vielen Schafen hat einem Armen sein einziges Schaf weggenommen!“ David ist empört. Was für ein Unrecht in seinem Land! Doch als David nachfragt, von wem er denn rede, trifft ihn die Antwort wie ein Schlag: „Du bist der Mann!“ Nathans Kritik tut weh, aber es macht „Klick“. Er bereut zutiefst und Gott vergibt.

Wie fast alle Namen in der Bibel, hat auch der Name Nathan seine Bedeutung: „Nathan“ heißt „von Gott gegeben“ oder auch „von Gott geschenkt“. Nathans Kritik war für David ein Geschenk. Kein Geschenk, das man begeistert auspackt, aber eine Kritik, die einem Einsichten beschert, für die man in einem Coaching sehr viel Geld zahlen müsste. Ein VIP-Coaching Gottes, und das auch noch gratis.

Könnte es sein, dass auch uns immer wieder Nathan-Kritik erreicht? Kritik, die Gott uns schenkt? Da sagt ein Freund: „Wie du dich neulich verhalten hast, fand ich echt unter aller Sau.“ Ob das Nathan-Kritik sein könnte? „Da bist du auf dem Holzweg“, warnt die Stimme. Ob diese Stimme von Gott kommt?

Wenn der Hautarzt sagt: „Das Muttermal an ihrem Hals sieht verdächtig aus, das sollten wir näher untersuchen“, sagt er nicht: „Haha, was haben Sie denn da am Hals?“. Er ist um unsere Gesundheit besorgt. Nathan-Kritik will uns nicht schikanieren. Sie gleicht einem Hustensaft. Hustensaft schmeckt bitter, aber er hilft. Kritik tut weh, aber sie heilt.

KRITIK: VON FREUNDEN GELIEFERT
Hand aufs Herz: Wie offen sind wir für Kritik? Nathan-Kritik fällt nicht vom Himmel. Sie begegnet uns auf Augenhöhe – durch Menschen wie Nathan oder eben Timo, Stefan oder Max. Menschen aus unserer WhatsApp-Liste, unserem Freundeskreis, unserer Familie, von der Arbeit. Klar: Kritik muss geprüft werden. Manche trifft den Nagel auf den Kopf. Andere enthält nur ein Fünkchen Wahrheit. Doch manche Kritik erreicht uns, damit wir uns verändern; wir wären blöd, sie zu ignorieren! Kritik kann fertigmachen und niederdrücken. Aber manche Kritik ist eben Nathan-Kritik – Kritik, die Gott uns schenkt.

Oliver Helmers (37) lebt mit seiner Familie in Denkingen am Fuße der Schwäbischen Alb. Er ist Pfarrer der württembergischen Landeskirche.

Ein Indianer kennt doch Schmerz

Fast 139.000 Menschen wurden im Jahr 2017 Opfer häuslicher Gewalt, das ist bekannt. Weit weniger bekannt ist allerdings, dass knapp 17 Prozent davon, etwa 25.000 Menschen, Männer waren. Klaus Schmitz ist Berater beim Verein „SKM Köln – Sozialdienst Katholischer Männer“ und hilft ihnen, sich aus diesem Opferstatus zu befreien.

Das Büro von Klaus Schmitz, mitten in der Kölner Innenstadt, strahlt Gemütlichkeit aus. Ein Teppich sorgt für das nötige Wohnzimmerfeeling, eine IKEA-Leuchte taucht das Zimmer in warme Farben. Diese Wohlfühlatmosphäre ist Klaus Schmitz ausgesprochen wichtig, schließlich sollen seine Klienten sich ihm hier öffnen. Und das alleine fällt vielen schon schwer genug, ein kühles Interieur würde nur zusätzlich hemmen. In die Beratung des SKM kommen Männer mit den verschiedensten Problemen. Manche befinden sich in Krisen, andere sind selbst gewalttätig geworden. Doch auch für diejenigen hat der Berater ein offenes Ohr, die Opfer von Gewalt geworden sind.

MÄNNER HABEN STARK ZU SEIN
„Das ist ein absolut tabuisiertes Thema“, erklärt Schmitz. Der Mann sei schließlich von klein auf der, der sich durchsetzen müsse. Er sei der Problemlöser. Für schwache Männer habe die Gesellschaft kein Verständnis. Der Spruch „Ein Indianer kennt keinen Schmerz“ sei nach wie vor in den Köpfen verankert – mal bewusst, mal unterbewusst.

Ein aktuelles Beispiel aus dem Leben des gelernten Erziehers macht die derzeitige Situation deutlich: Bei einem Vortrag zeigte er dem Publikum ein Video, welches von Darstellern als soziales Projekt nachgestellt wurde. In dem Film ist eine Frau zu sehen, die von einem Mann öffentlich geschlagen wird. Wie zu erwarten eilen die Passanten im Film der Frau zur Hilfe. Dann werden die Rollen getauscht. Der Mann wird zum Opfer. Die Passanten zücken die Smartphones und machen Bilder, einige prügeln mit auf den Mann ein. Im Publikum vor Ort gab es ein Raunen. „Es wurde gelächelt, einige haben sogar gelacht. Es ist gar nicht im Bewusstsein, dass es so etwas geben kann“, so der Berater. Er habe das als enttäuschend empfunden.

Werden Männer misshandelt, fühlen sie sich oft, als hätten sie in ihrer Männlichkeit versagt. Sie schweigen. Das gehe mitunter so weit, dass die Opfer noch im Krankenhaus behaupteten, sie seien mit dem Fahrrad gestürzt, weiß Schmitz.

SOZIALE ABHÄNGIGKEIT
Meist beginnt das Leiden mit psychischer Gewalt. Die Partnerin oder der Partner beginnt mit Erpressung, Drohung oder Stalking. Soziale Interaktionen und Kontakte werden verboten, Mails kontrolliert. Jeder Kontakt nach außen weckt für den Täter Misstrauen. Das Opfer begibt sich in eine soziale
Abhängigkeit zum Gegenüber, die in einer Selbstaufgabe endet. Nach der psychischen kommt oft die physische Gewalt. „Die ist oft aber gar nicht im Bewusstsein. Eine Ohrfeige wird nicht als Gewalt angesehen“, so der 41-Jährige. Der Mann hält aus, hofft, dass es vorübergeht.

Den Weg zu Klaus Schmitz nehmen die Betroffenen oft erst, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist. Bei ihm geht es dann in erster Linie darum, die Gefühle der Betroffenen wieder zu wecken. „Einige Männer haben sich im jungen Alter manche Emotionen abgewöhnt. Sie denken, nur wenn sie diese Gefühle nicht mehr zulassen, sind sie handlungsfähig.“ Diese versteckten Emotionen neu zu entdecken, ist das Ziel des sogenannten „empathischen Begleitens“. Wichtig ist dem Männerberater dabei, nicht einfach Lösungen vorzugeben. Schließlich täten die Männer sonst nur das, was er gesagt habe. Viel wertvoller sei es für sie, selbst auf die Lösungen zu kommen.

Auch der Glaube ist in den Gesprächen immer wieder Thema. „Die Klienten fragen sich: Warum tut Gott mir das an?“ Die Aufgabe bestehe für den Berater dann darin, zu zeigen, dass sie mit dieser Frage nur Verantwortung abwälzten. Ein wichtiger Teil der Beratung sei es, Selbstverantwortung zu übernehmen.

33 Klienten betreut Schmitz derzeit. Davon sind 17 Männer Opfer von häuslicher und sexualisierter Gewalt. 20 weitere Männer befinden sich auf der Warteliste. Dass den Betroffenen ein Mann gegenübersitzt, hält der Berater für unglaublich wichtig. „Die Frau als Beraterin wird entweder als Täter oder Opfer gesehen, nicht als Beraterin.“ Von Mann zu Mann gebe es eine größere Akzeptanz.

RÜCKZUGSORTE FEHLEN
Schwierigkeiten gibt es noch, wenn es um die Begleitung der Männer über die Beratung hinaus geht. „Wir haben wenig Möglichkeiten, die Männer zu schützen“, weiß Schmitz um die Herausforderungen. Kämen die Männer nach einem Gespräch nach Hause, wüssten sie nicht, was sie dort erwarte, wie beispielsweise die Frau reagiere. Die einzige Handhabe gegen gewalttätige Partner sei derzeit das Gewaltschutzgesetz: Wird ein Partner handgreiflich, muss er für zehn Tage das Haus verlassen.

Eine größere Chance für die Opfer, Abstand zu gewinnen und ihr Selbstbewusstsein zu stärken, sieht der Männerberater in den Männerhäusern. „Ich halte es für ganz wichtig, dass Männer sich zurückziehen können.“ Doch genau hier liegt die Krux: 486 Frauenhäusern stehen in Deutschland gerade einmal vier Männerhäuser gegenüber. Hier besteht also Handlungsbedarf. Der SKM will diese Situation zumindest in Köln bald ändern. Hier werden derzeit zwei Schutzappartements für Männer eingerichtet. In Zukunft kann hier also ein Rückzugsort angeboten werden.

Von Nathanael Ullmann

KONTAKT ZUR BERATUNGSSTELLE:
Krisen- und Gewaltberatung für Männer
SKM – Sozialdienst Katholischer Männer e. V.
Ansprechpartner: Klaus Schmitz
Große Telegraphenstraße 31, 50676 Köln
Telefon: 0221/20 74-229
Mobil: 0176/15 06 76 23
klaus.schmitz@skm-koeln.de
www.skm-koeln.de/maennerberatung

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