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Die Gründer von Feuerwear, Martin und Robert Klüsener. (Foto: Feuerwear)

Upcyling von Feuerwehrschläuchen: „Es geht um das Überleben der Menschheit“

Die Brüder Martin und Robert Klüsener vom Kölner Modelabel Feuerwear hauchen gebrauchten Feuerwehrschläuchen neues Leben ein. Für die beiden geht es bei Nachhaltigkeit um Leben und Tod.

Feuer! Blaulicht. Sirenen heulen. Die Rauchwolke ist weithin sichtbar. Feuerwehrleute springen aus dem Löschgruppenfahrzeug. Beißender Rauchgeruch liegt in der Luft. Das Feuer knistert schon lange nicht mehr – es brüllt. Jetzt heißt es: Überblick verschaffen und Wasserversorgung sicherstellen.

Die Feuerwehrleute rollen Feuerwehrschläuche über den Asphalt und setzen ein Standrohr am nächstgelegenen Hydranten. Kein Wasser! Beim nächsten Hydranten: gleiches Problem. Das Wasser aus dem Tanklöschfahrzeug ist schon längst leer. Das Feuer breitet sich weiter aus. Geschafft: Beim dritten Hydranten kommt endlich Wasser. Der Feuerwehrschlauch dehnt sich aus und die Löscharbeiten können beginnen. So erging es der Feuerwache 2 in Bochum beim Dachbrand einer Turnhalle – zum Glück waren Ferien.

Alte Feuerwehrschläuche werden verbrannt

Damit das Wasser sicher vom Hydranten zum Feuer kommt, werden die Schläuche nach jedem Einsatz kontrolliert. Bei undichten Stellen oder wenn die vorgeschriebene Gebrauchszeit überschritten ist, werden sie aussortiert – meist nach acht bis zwölf Jahren. Die Reparatur ist teurer als die Entsorgung, weshalb die Schläuche normalerweise verbrannt werden. Manche haben das Glück, dieser Ironie des Schicksals zu entgehen.

Diese Feuerwehrschläuche landen im Kölner Nordosten beim Modelabel Feuerwear. In einem kleinen, gelben, unscheinbaren Gebäude schenken die Brüder Martin und Robert Klüsener diesen ausgemusterten Feuerwehrschläuchen ein zweites Leben. Aus ihnen entstehen seit 2005 Rucksäcke, Geldbeutel und (Fahrrad-)Taschen. Pro Jahr verarbeitet Feuerwear 15 Tonnen und 30 Kilometer an Schlauch – aneinandergereiht reicht das für die Strecke von Köln bis nach Bonn.

Es ist auf den ersten Blick erkennbar, dass Martin und Robert Brüder sind. Beide haben rötliches Haar sowie einen rötlichen Bart, tragen eine Brille und legere Kleidung. Seit 2008 arbeiten die beiden zusammen und genießen es: „Es ist halt dein Bruder. Der verzeiht dir auch mal, wenn du ‘nen schlechten Tag hast. Der weiß, wie er das einzuordnen hat, weil er dich schon länger kennt“, meint Robert. Er ist fürs Marketing zuständig und Martin für die Produktentwicklung.

„Mir hat Martin immer die Hosen gekürzt“

Martin experimentierte schon als Schüler mit der Nähmaschine seiner Eltern. „Mir hat Martin immer die Hosen gekürzt. Macht er heute nicht mehr!“, sagt sein Bruder Robert lachend. „Heute kostet es zehn Euro beim Änderungsschneider.“ Er sei schon immer mehr Praktiker als Theoretiker gewesen.

In seiner Diplomarbeit beschäftigte Martin sich mit dem Thema Upcycling und Mode. Anfangs dienten alte Windsurfsegel als Material – die waren jedoch schwer zu beschaffen und kamen oft aus aller Welt, was dem CO2-Fußabdruck wenig dienlich war. Schnell wechselte Martin auf ausrangierte Feuerwehrschläuche und fand darin das perfekte Ausgangsmaterial: robust, nachhaltig und einzigartig. Seine Mission: Zeigen, dass umweltbewusste Mode auch stylisch sein kann.

Material von Feuerwehrschläuchen untrennbar miteinander verbunden

Martin und Robert bekommen die alten Feuerwehrschläuche in großen Gitterboxen angeliefert – direkt aus einer der 98 Feuerwachen, mit denen sie zusammenarbeiten. Ein Feuerwehrschlauch besteht aus einem inneren Gummischlauch, Festkleber und einem gewobenen Mantel aus Polyesterfasern. Die Materialien werden untrennbar miteinander verbunden. Der Mantel verhindert, dass der innere Schlauch platzt.

Je nach Größe müssen die Schläuche einen Prüfdruck von 25 bar aushalten. Die meisten schaffen auch einen Wasserdruck von 50 bar, ohne zu platzen – 50 bar Druck herrschen in einer Wassertiefe von 500 Metern. Außerdem ist ein Feuerwehrschlauch 15-mal reißfester als ein Gartenschlauch: Mit ihm kann ein 15 Tonnen schwerer Feuerwehreinsatzwagen abgeschleppt werden.

Probieren geht über Studieren

Ein Jahr vergeht, bis Feuerwear ein neues Produkt ins Sortiment aufnimmt. In dieser Zeit wird „poliert, poliert, poliert“, wie Martin es nennt. Neben ihm ist vor allem Philomena dafür zuständig, Prototypen zu entwickeln. Direkt nach Abschluss ihres Studiums 2017 fing sie an, bei Feuerwear zu arbeiten. Während Philomena erzählt, steht sie an einem großen Holztisch. Darauf verteilt liegen verschieden große Stücke Feuerwehrschlauch sowie eine Fahrradtasche, an der sie gerade arbeitet. Rechts von ihr stehen zwei Nähmaschinen.

Philomena zeichnet kaum Entwürfe am Computer. Sie näht einfach drauflos und probiert aus. Bei einem so besonderen Material wie Feuerwehrschläuchen gehe das nicht anders, meint sie: „Man wird immer wieder überrascht. Sachen klappen nicht, wo man denkt, das sollte funktionieren. Es gibt immer wieder neue Herausforderungen. Langweilig wird es nie.”

„Ich hatte ein bisschen Angst, dass er piept“

Vor Kurzem sollte Philomena eine Meldertasche entwickeln und musste erst mal recherchieren, welche Melder genutzt werden. Melder sind kleine Geräte, die Feuerwehrleute von der Freiwilligen Feuerwehr am Gürtel tragen und über die sie im Brandfall alarmiert werden.

Ein Feuerwehrmann aus der Geräteprüfung der Feuerwache 4 in Köln erklärte ihr die gängigsten Melder: von Tetra Pager über Quattro S. Außerdem lieh er ihr einen Melder für zwei Stunden aus. „Ich hatte ein bisschen Angst, dass er piept. Ist aber nix passiert“, meint Philomena lachend. Anhand des Melders formte sie ein Modell der Meldetasche.

Gewichte scheuern mehrere tausend Mal über Produkte

Steht der Prototyp, kommt er ins Labor. Dort scheuern Gewichte mehrere tausend Male über ihn. „100.000 Scheuertouren nach Martindale halten unsere Produkte aus“, sagt Philomena. Sie nutzt die Produkte von Feuerwear auch selbst im Alltag. „Der Vorteil der Produktentwicklung ist natürlich, dass man die Produkte als Erstes testen muss“, meint sie lachend.

Ihr Lieblingsprodukt ist die Bauchtasche „Ollie“. Die bestehe im Vergleich zu anderen Produkten aus mehr Gewebe und weniger Schlauch. Oder in Martins Worten: Sie ist nicht so komplett „schlauchig“.

Über 500 Gitterboxen mit etwa 15.000 aussortierten Schläuchen

Hat der Prototyp die Testphase erfolgreich bestanden, beginnt die Produktion. Damit aus einem Feuerwehrschlauch ein Rucksack wird, muss er erst einmal in Stücke geschnitten werden. Dafür kommt der Schlauch in die Werkstatt für beeinträchtigte Menschen der Sozial-Betriebe-Köln (SBK). Dort stehen aktuell über 500 Gitterboxen mit etwa 15.000 aussortierten Schläuchen.

Ein Feuerwehrschlauch wird im Laufe seines Lebens durch jede Menge Dreck gezogen, deshalb reinigt die SBK die Schlauchstücke mit umweltverträglichen Waschmitteln aus nachwachsenden Rohstoffen. Die Industriewaschmaschinen sitzen in einem speziellen Betonsockel, der in den Hallenboden eingelassen ist, um die Wucht des Schleuderwaschgangs abfangen zu können.

Ist Upcycling nachhaltig?

In den Anfangszeiten von Feuerwear war noch nicht bekannt, wie nachhaltig Upcycling von Feuerwehrschläuchen wirklich ist. Es gab keinerlei Studien. Deshalb erstellte der TÜV Rheinland 2012 eine Ökobilanz für Feuerwear. „Wir waren ganz erleichtert, als wir gesehen haben, dass die Theorie stimmt und wir sogar ‘ne ganze Menge an CO2 einsparen. Das war gar nicht so klar am Anfang“, sagt Robert. Trotzdem versuchen sie, noch nachhaltiger zu werden.

Es gibt mehrere Möglichkeiten, den ökologischen Fußabdruck zu reduzieren. Der größte Hebel sei die Bausubstanz eines Hauses und die Energie, meint Robert. Demnächst wird die Feuerwear-Zentrale umgebaut, dann besteht dort die Chance auf nachhaltige Veränderung. Strom und Gas bezieht die Firma von Green Energy, einem Greenpeace-Tochterunternehmen.

Produkte sollen noch nachhaltiger werden

Ein weiterer Hebel, um die Ökobilanz von Feuerwear zu verbessern, sind die Zusatzmaterialien des Rucksacks: PVC-Planen, Gurtbänder, Schnallen. „Unser Ziel ist es, möglichst viele Bestandteile unserer Produkte aus nachhaltig gefertigten und recycelten Rohmaterialien herzustellen – angefangen bei den Materialien mit dem größten Einfluss auf die Ökobilanz“, sagt Robert.

Es sei wichtiger, erst mal recycelte PVC-Plane für die Rückseite des Rucksacks zu finden, als nach nachhaltigem Nähgarn Ausschau zu halten. Die PVC-Plane und die Gurtbänder kommen aus der Autoindustrie.

Zu faul zum Autofahren

Die Zusatzmaterialien werden zusammen mit den Schlauchstücken zu den Nähereien nach Serbien geliefert. In Deutschland gibt es keine Nähereien mehr, die mit handgeführten Nähmaschinen arbeiten. Da Feuerwehrschläuche besonders robust sind, ist das aber nötig. CO2-Emissionen, die durch Transport und Versand entstehen, gleicht Feuerwear über Klimaprojekte aus.

Privat setzen Martin und Robert beim Transport ebenfalls voll auf Nachhaltigkeit: Beide fahren mit dem Fahrrad zur Arbeit. „Ganz ehrlich, ich bin eigentlich nur zu faul, in der Stadt mit dem Auto zu fahren“, erzählt Robert. Den Dienstwagen seines vorherigen Arbeitgebers hat er damals freiwillig zurückgegeben. Auf der Suche nach einem Parkplatz ist Robert zwei Wochen lang jeden Abend eine halbe Stunde um den Block gefahren – und nachher trotzdem im Halteverbot gelandet. Das wurde ihm zu teuer.

Klimaschutz: „An den süßen Robbenbabys, da sind wir schon lang dran vorbeigeschrammt“

Aus den Nähereien in Serbien kommen die fertigen Rucksäcke ins Zentrallager und dann zum Kunden. Ein großer Teil der Käufer hat selbst häufig mit Feuerwehrschläuchen zu tun: Sie sind Mitglieder von Freiwilligen Feuerwehren. „Das ist ein Typ Mensch, der sich echt für andere reinhängt“, sagt Robert.

Reinhängen ist seiner Meinung nach auch beim Klimaschutz nötig. Für Robert ist es eine Frage von Gerechtigkeit, in welchem Zustand er die Welt seinen Kindern hinterlässt. „Das ist das Gleiche, wie wenn ich jemandem meinen Mist in den Vorgarten kippe“, sagt er. Die Politik muss reagieren, findet er. Nachhaltigkeit ist für ihn und seinen Bruder Martin eine Frage von Leben und Tod: „Ganz ehrlich: An den süßen Robbenbabys, da sind wir schon lang dran vorbeigeschrammt. Es geht um das Überleben der Menschheit.“

Roy Gerber mit seinen Hunden. (Foto: Reto Schlatter)

Roy schmeißt sein Millionärs-Dasein hin – und wird Therapiehundeführer

Roy Gerber besitzt einen BMW, eine Yacht und drei Firmen. Durch seine Golden Retriever-Hündin Ziba verliert er alles – und ist glücklicher als zuvor.

Als Inhaber von drei gutgehenden US-Firmen fährt er einen 7er-BMW, wohnt an der südkalifornischen Pazifikküste, lebt aber meist auf seiner Yacht in Huntington Beach. Er hat den Pilotenschein, besucht gern Pferderennen und lässt bei Frauen nichts anbrennen. Seine Chauffeur-Agentur „Private Driver“ ist in Hollywood beliebt und so feiert Roy Gerber bisweilen mit Sandra Bullock, Cameron Diaz oder den Spielerstars der Baseball- und Football-Szene. Bis er zufällig eines Samstagnachmittags einer alten Dame hilft, Heliumgas-Flaschen in ihren Kofferraum zu wuchten.

Im zweiten Anlauf schafft Gerber das Therapiehundeführer-Zertifikat

„Mit dem Helium blasen wir Luftballons auf. Unsere Gemeinde feiert eine Geburtstagsparty für sexuell missbrauchte Kinder. Kommen Sie doch mit“, sagt die Oma. Als Roy dort seine junge Golden Retriever-Hündin Ziba aus dem Auto springen lässt, ist sie bei den Kindern sofort der Star des Nachmittags.

Ein Hundetrainer fragt, ob er das Tier auf seine Eignung als Therapiehund testen dürfe. Roy ist einverstanden, nimmt an der Prüfung teil. Ergebnis: „Ziba könnten wir sofort gebrauchen. Sie nicht.“ Der ehrgeizige Unternehmer und gebürtige Schweizer nimmt das als Kampfansage. Im zweiten Anlauf macht er das Therapiehundeführer-Zertifikat.

Er lernt Leute der „Mariners Church“ kennen, im Gottesdienst singt ein Gospelchor, der Pastor predigt über Ehekrach und Vergebung. Roy Gerber hat eine geplatzte Verlobung hinter sich und wurde vor Kurzem von seiner neuen Freundin verlassen. „Meine Tränen flossen nur so und doch war ich dabei zutiefst glücklich. Der Gesang des Chores ließ eine geistliche Atmosphäre entstehen, die mich ins Herz traf und meine Sehnsucht nach Gott weckte.“

„Versprichst du mir, dass du dich um Kinder wie mich kümmerst?“

Auf einer Sommerfreizeit für sexuell missbrauchte Kinder im Schulalter – organisiert vom Verein „Ministry Dogs“ der „Mariners Church“, die Mitarbeitenden sind Kinderärzte, Traumatherapeutinnen, ein ehemaliger Undercover-Ermittler des FBI und viele Ehrenamtliche – dürfen die Kinder und Teenies „Briefe an Ziba“ schreiben und die Umschläge offen lassen oder zukleben. In zugeklebten Umschlägen liest sie niemand, auch nach der Freizeit nicht.

Die Briefe in den offenen Kuverts darf Roy Ziba „vorlesen“. Was da an Elend und Schmerz, Demütigungen und sexuellem Sadismus angedeutet wird oder zu lesen ist, reißt ihn endgültig heraus „aus dem ganzen Unternehmer-Tralala und Karriere-Bling-Bling“. Am Abfahrtstag des Sommerlagers – keins der Kinder will nach Hause – steckt ein Mädchen eine rote Feder in Zibas Halsband und sagt zu Roy: „Versprichst du mir, dass du dich um Kinder wie mich kümmerst?“ Es ist sein Berufungserlebnis. „I promise, I promise!“, ruft er heulend dem abfahrenden Bus hinterher.

Vom Millionär zum Tellerwäscher

Roy und sein Hund werden bei Überlebenden kalifornischer Waldbrände, in der Notfallseelsorge der Verkehrspolizei, in Altersheimen und Krankenhäusern therapeutisch eingesetzt. Was für ihn mehr Sinn macht, als Luftfilteranlagen und orthopädische Betten zu importieren oder Promis durch L.A. kutschieren zu lassen.

Mister Gerber verschenkt seine Betten-Importfirma und die „Private Driver“-Agentur an seine Mitarbeiter, weil er weiß: Der Verkauf der Luftfilter-Firma wird ihm Millionen bringen. Doch obwohl seine Anwälte und Banker wasserdichte Kaufverträge ausarbeiten, wird „Air Cleaning Solutions“ nach vier Jahren Rechtsstreit ein Raub mexikanischer Wirtschaftskrimineller.

„Ich hatte als 23-Jähriger in der Schweiz manchmal 35.000 Franken im Monat verdient. Jetzt, mit 39, waren die Millionen futsch und ich ganz unten angekommen.“ Er jobbt bei einer Cateringfirma, studiert Theologie, wird zum „Chaplain“ seiner Gemeinde ordiniert – „Krankenbesuche kannte ich ja, aber Trauungen und Beerdigungen musste ich erst lernen“ – und gründet das „Chili Mobile“ für Obdachlose und Drogenabhängige, eine fahrende Essensausgabe.

Zurück in die Heimat

„Gott bläst einem ja nicht mit dem Alphorn ins Ohr. Er bevorzugt leise Töne“, sagt Roy, als er während einer Gebetszeit dem Impuls folgt, für „Pennerpfarrer“ Ernst Sieber in Zürich zu beten. In den 90er-Jahren ist das „Sozialwerk Ernst Sieber“ ein medienpräsent angesehenes Hilfswerk für Obdachlose, Prostituierte und Drogensüchtige in der Schweiz. Roy ruft ihn an. Einfach so. Und Sieber sagt: „Wir suchen einen Stellvertreter für mich. Komm rüber!“

Es wird das Ende einer bewegten US-Karriere, der Anfang eines neuen Lebens im alten Herkunftsland. Vier Jahre arbeitet Roy Gerber in der „Sonnenstube“ Zürich, hat aber in Gesprächen mit Hilfsbedürftigen oft das Gefühl, nur den Symptomen und nicht den Ursachen abzuhelfen. Der eigeninitiative Gründer in ihm, der Start-up-Unternehmer, scharrt innerlich mit den Hufen.

„Jährlich 50.000 Minderjährige in der Schweiz sexuell missbraucht“

Ihn irritiert, warum in der Schweiz das Thema sexueller Missbrauch so oft mit Schweigen belegt wird. Auch und gerade in christlichen Kreisen. „Laut Medicus Mundi-Studie werden hier jährlich rund 50.000 Minderjährige sexuell missbraucht, ins öffentliche Bewusstsein ploppt das erst, wenn wieder mal ein Kinderporno-Ring entdeckt wird. 55 Prozent der bipolaren Störungen, 80 Prozent der Borderline-Störungen, Magersucht, dissoziative Störungen, Lern- und Konzentrationsschwächen sind oft auf Missbrauch zurückzuführen.

Der wird aber erst vermutet, wenn physische Gewalt nachweisbar ist? Dann sollten die Opfer eine geschützte Gelegenheit bekommen, zu reden. Was sie nicht tun, solange ihre Angst bedrohlicher ist als ein Messer. Aber auch die Angst der Mitarbeitenden muss aufhören, in Kitas, Schulen, Vereinen und Kirchen verdächtige Beobachtungen zu melden. Es geht nicht um Generalverdacht, sondern um qualifizierte Hilfe für verstummte Opfer.“

„Wir sind Wegbereiter und Wegbegleiter, keine Ermittler, sondern Vermittler“

Roy Gerber, eine Kinderärztin, ein Staatsanwalt, drei Polizisten, zwei Sozialpädagoginnen, ein Treuhänder und etliche beratende Experten gründen 2012 den Verein „Be unlimited“ und dessen „Kummer-Nummer“, eine schweizweite Telefon-Hotline, anonym und kostenlos, täglich rund um die Uhr mit geschulten Zuhörenden besetzt. „Wir sehen keine Nummer auf unseren Displays, es wird nichts aufgezeichnet, wir geben keine Infos an die Polizei, weil das zunächst die Opfer gefährden könnte.

Wir sagen auch nie ’sexueller Missbrauch‘, sondern fragen nach ‚Kummer‘ und nach ‚Ermutigung‘. Wenn ein Kind oder Jugendlicher es wünscht, fahren wir auch hin. Immer zu zweit, immer mit Therapiehunden. Wir sind Wegbereiter und Wegbegleiter, keine Ermittler, sondern Vermittler. Kommt es zu polizeilicher Strafverfolgung, können wir helfen, Kinder in sicheren Pflegefamilien unterzubringen.“

Golden Retriever-Hündin Ziba stirbt

„Der 17. Dezember 2013 war einer der traurigsten Tage meines Lebens.“ Als Golden Retriever-Hündin Ziba stirbt, ist Roy Gerber todunglücklich. „Sie lag im Helikopter neben mir, wenn wir zu Waldbränden flogen. Sie begleitete mich zu Gefängnisbesuchen und Ferienlagern. Sie tröstete unzählige Kinder in Krankenhäusern und Heimen. Durch Ziba hatte ich meine Berufung gefunden. Jetzt musste ich sie gehen lassen.“ Das Mädchen vom Sommerlager in Kalifornien hat er nie wiedergesehen. Ihre rote Feder aus Zibas Halsband aber, die hat er immer noch.

Andreas Malessa ist Journalist. Aktuell von ihm erhältlich sind die Titel: „111 Bibeltexte, die man kennen muss“ (emons) und „Am Anfang war die Floskel“ (bene!).

Kummer-Nummer: Hast Du Kummer … und bist dir nicht sicher, wohin damit? Und schämst dich, darüber zu sprechen? Weil du unsicher bist, ob etwas, das du erlebt hast, normal ist? Wir können dir weiterhelfen: Tel: 0800 66 99 11; E-Mail: Help@kummernummer.org Anonym, diskret, kompetent, gratis, rund um die Uhr. www.kummernummer.org

Mehr zu Roy Gerber: „Mein Versprechen“ (Fontis)

Symbolbild: AzmanL / E+ / Getty Images

Eltern müssen Vorbild sein: So motivieren Sie Ihre Kinder zu mehr Sport

Kinder, die sich bewegen, sind: gesünder, intelligenter und stressresistenter. Doch Sport ist nicht nur Sache der Kinder, sagt Sportwissenschaftler Jonathan Häußer.

Die Vorteile regelmäßiger Bewegung sind meistens recht individuell. Sport macht fitter, es wird weniger wahrscheinlich, an Zivilisationskrankheiten wie Diabetes oder Übergewicht zu leiden und verlängert das Leben. Welche Auswirkungen hat Sport aber eigentlich auf das eigene Umfeld – konkret: auf die Kinder?

Gehirn profitiert von regelmäßiger Bewegung

Auch für Kinder ist regelmäßige Bewegung wichtig – eigentlich noch wichtiger als für uns. Das schlägt sich auch in den Empfehlungen der WHO (Weltgesundheitsorganisation) nieder: Kinder sollen sich mindestens eine Stunde am Tag bewegen – doppelt so viel wie Erwachsene. Zu wenig Bewegung kann die Entwicklung von Übergewicht und anderen Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen begünstigen. Früh werden also die Weichen für die Gesundheit im späteren Leben gestellt.

Auch das Gehirn profitiert sehr von regelmäßiger Bewegung. Das fängt schon bei dessen Entwicklung an. Kinder, die sich regelmäßig bewegen, können von besseren kognitiven Funktionen und einer erhöhten Widerstandsfähigkeit gegen Stress profitieren. „Kognitive Funktionen“ meint dabei alles, was mit der Verarbeitung von Informationen zu tun hat. Beispiele hierfür sind die Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, das Lernen und das Erinnerungsvermögen.

Sport macht psychisch gesund

Sport verbessert darüber hinaus die Lebensqualität von Kindern. Und auch im späteren Leben zahlt sich eine aktive Jugend aus. Wer in seiner Kindheit Sport treibt, kann sich über eine bessere psychische Gesundheit 20 Jahre später freuen, was wahrscheinlich auf die bessere Stressresistenz zurückzuführen ist.

Was hat die Aktivität von Kindern jetzt mit den Eltern zu tun und wie können Eltern ihre Kinder zu mehr Bewegung animieren? Hier gibt es einen interessanten Zusammenhang: Untersuchungen haben gezeigt, dass es eine Beziehung zwischen der Aktivität der Eltern und der Aktivität der Kinder gibt. Je mehr sich die Eltern bewegen, desto mehr tun das auch die Kinder. So hat eine Studie herausgefunden, dass sich Kinder fünf bis zehn Minuten mehr bewegen, wenn sich die Eltern 20 Minuten mehr bewegen. Und auch Geschwister sind hilfreich, um die Aktivität der Kinder zu steigern.

Eltern in der Pflicht

Interessanterweise ist vor allem das väterliche Aktivitätsniveau ein guter Prädiktor für das Bewegungsverhalten des Kindes im späteren Leben. Und das scheint besonders für Söhne zuzutreffen. Damit sich Töchter auch später noch regelmäßiger bewegen, ist die Mutter als Vorbild etwas entscheidender – aber das nimmt den Vater nicht aus der Pflicht.

Aber nicht nur die Aktivität der Eltern ist ansteckend, sondern auch deren Inaktivität. Bei Eltern, die sich wenig bewegen, ist auch die Wahrscheinlichkeit um das Sechsfache erhöht, dass sich die Kinder zu wenig bewegen! Ähnliches hat man für die sogenannte „Screen Time“ festgestellt. Das ist die Zeit, die man vor elektronischen Geräten wie Smartphones, Tablets, Computern und Fernsehern verbringt. Wenn die Eltern weniger vor dem Bildschirm hocken, tun es die Kinder auch weniger. Vielleicht liegt das auch daran, dass die Eltern dann mehr Zeit haben, etwas mit ihnen zusammen zu machen.

Bewegung steckt an

Ich kann mich noch gut an meine Kindheit erinnern. Dort habe ich auch die eine oder andere Joggingrunde mit meinem Vater gedreht, und die Begeisterung für das Laufen und Bewegung sind geblieben. Und immer, wenn ich zu Hause war und laufen ging, wollte meine viel jüngere Schwester auch mitkommen. Also zeigt nicht nur die Wissenschaft, sondern auch meine persönliche Erfahrung: Bewegung ist ansteckend. Und wenn Eltern sich mehr bewegen, tun sie nicht nur sich selbst etwas Gutes. Auch ihre Kinder bewegen sich mehr und profitieren davon. Es ist eine Win-win-Situation. Worauf warten Sie noch?

Jonathan Häußer ist Arzt und Sportwissenschaftler und fühlt sich vor allem in der Sport- und Ernährungsmedizin zu Hause. In seiner Freizeit ist er auch selbst sehr aktiv. Wenn er nicht gerade bei der Arbeit ist oder durch den Wald läuft, ist er häufig im ICF Hamburg zu finden.

Foto: g-stockstudio / iStock / Getty Images Plus

Wie Paare Gleichberechtigung leben: „Meine Frau verdient das Geld, ich trage es wieder fort“

Oliver ist Hausmann, während Heiko nicht an die Waschmaschine darf. Wir haben vier Paare gefragt, wie sie ihre Beziehung leben.

Was bedeutet für euch Gleichberechtigung?

Stefan: Nach dem Tod meiner ersten Frau sagten viele: Du brauchst jetzt aber dringend wieder eine Frau für deine vier Kinder. Ich habe über diesen Satz viel nachgedacht.

In der Generation meiner Eltern war es gar nicht denkbar, als Vater für vier kleine Kinder zuständig zu sein, den Haushalt zu managen. Meine erste Liebeserklärung an meine jetzige Frau Brigitte war: Ich brauch dich nicht, aber ich will dich! (allgemeine Heiterkeit)

Oliver: Ich lebe gerade den absoluten Rollentausch. Seit letztem Jahr verdient meine Frau als Sonderpädagogin das Geld und ich kümmere mich um Haushalt, Kinder und Küche.

Kathrin: Oliver war vorher täglich bis zu 14 Stunden als ITler außer Haus. Unsere Rollenteilung lebten wir zwölf Jahre klassisch. Nach vielen, vielen Gesprächen haben wir den Tausch gewagt.

Stefan: Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Punkt.

Axel: Richtig! Der Respekt gegenüber meiner Frau macht sich nicht im Sternchen fest, sondern im Handeln.

„Wir werden im Leben niemals fair und gleich behandelt“

Oliver: Das ist doch die Chance und Schwierigkeit unserer Zeit: Beide können arbeiten gehen, beide in Teilzeit arbeiten, der Mann kann zu Hause sein, die Frau darf arbeiten gehen. Dafür ist aber auch alles irgendwie im Fluss, muss ausdiskutiert, abgesprochen und organisiert werden.

Heiko: Ja, wir sind gleichberechtigt. Das Thema ist durch. Doch wir werden im Leben niemals fair und gleich behandelt. Wenn ich mich auf eine Stelle bewerbe, werde ich definitiv besser bezahlt.

Wenn sich eine Frau mit Kindern auf eine Stelle bewirbt, wird sie trotz Sternchen anders behandelt als ein Mann. Umgekehrt: Wenn du als Mann in der Wirtschaft für die Kinder kürzertrittst, kommst du hinterher auch nicht mehr in eine höhere Position.

Maja: Vielleicht müssten wir hier das Wort „gleichgerecht“ gebrauchen? Dann bekommt das Thema eine andere Würze.

„Warum ist das, was jemand zu Hause leistet, weniger wert?“

Wird die Arbeit zu Hause für die Kinder gleich wertgeschätzt wie die außer Haus?

Axel: Nein. Da passiert für mich von staatlicher Seite noch viel zu wenig. (alle nicken) Der, der zu Hause bleibt, hat hinterher die schmalere Rente. Frauen werden schlechter bezahlt und dann im klassischen Rollenmodell auch noch bestraft fürs Kümmern um die Kinder. Hier schlägt’s meinem Gerechtigkeitssinn das Zäpfle hoch!

Oliver: (leidenschaftlich) Genau daran muss sich aber etwas ändern. Warum ist das, was jemand zu Hause leistet, weniger wert, als wenn er den ganzen Tag im Büro rumsitzt?

Stefan: Da bin ich ganz bei dir. Es liegt auch an mir, wie ich diese Rolle ausfülle, präge, lebe. Die Diskussion, ob mit oder ohne Sternchen, geht an mir total vorbei. Ich sage meinen Kindern: Ihr merkt hoffentlich an meinem Verhalten, dass ich mit ganz großem Respekt mit allen Menschen umgehe. Es liegt doch an uns: Wie prägen wir die nächste Generation?

„Manchmal ist es für uns Männer daher einfacher, auf die Arbeit zu gehen, weil du Not und Elend zu Hause nicht siehst“

Ein „Glaubensbekenntnis“ unserer Tage ist: Kinder, Karriere und Beziehung sind miteinander scheinbar problemlos vereinbar. Stimmt das? Muss man Abstriche machen?

Maja: Diese drei Themen sind wie ein Dreieck. Jedes Thema bringt Emotionen und Herausforderungen mit. Es ist ein großes Spannungsfeld. Ja, es funktioniert, aber auf welche Kosten? Wo mache ich Abstriche? Was bleibt auf der Strecke?

Stefan: Als ich alleinerziehend war, stand für mich die Frage im Raum: Woher bekomme ich meinen Wert? Eine Frau aus meinem Umfeld fragte mich: Stefan, woraus beziehst du jetzt deine Anerkennung?

Wenn du für den Haushalt und die Kinder zuständig bist, kommst du maximal auf null, aber nie ins Plus. Das Geschirr, die Wäsche, die Wohnung werden wieder dreckig. Manchmal ist es für uns Männer daher einfacher, auf die Arbeit zu gehen, weil du Not und Elend zu Hause nicht siehst. (allgemeine Heiterkeit)

Axel: Hoffentlich liest das Jugendamt Reutlingen nicht diesen Artikel. (allgemeine Heiterkeit)

„Die wenigsten putzen mit Leidenschaft, sondern sehen darin wie ich das notwendige Übel“

Stefan: Kinder großzuziehen ist nicht jeden Tag die Quelle großer Freude. Und die wenigsten putzen mit Leidenschaft, sondern sehen darin wie ich das notwendige Übel. Wenn du für Geld arbeiten gehst, bekommst du Anerkennung aufs Konto. Die größte Herausforderung ist die: Wo bekommen wir unsere Anerkennung her?

Axel: Widerspruch: Unterschätze mal nicht den Jubelschrei einer 16-Jährigen, die den Schrank aufmacht und ihre Lieblingshose liegt frisch gewaschen darin.

Stefan: Sind das die 95 Prozent des Teenagerlebens in eurer Familie? (alle lachen) Das verstehe ich nicht. (lacht)

Nicole: Ich bin ja bereits acht Wochen nach der Geburt unserer Tochter wieder arbeiten gegangen, da Axel noch mit 50 Prozent studierte. Das kostete mich echt Überwindung, war schwer. Heute bin ich dankbar, dass wir uns diese Herausforderung geteilt haben, diese Vielfalt heute so möglich ist. Ich wäre mit der klassischen Rolle als „nur“ Hausfrau und Mutter nicht glücklich geworden.

„Wir dürfen nicht erst an uns denken, wenn alle To-dos erledigt sind“

Wo habt ihr Dinge miteinander erkämpfen müssen? Was waren Stolperfallen?

Heiko: Familien schultern ein echtes Pensum. Als Eltern sind wir gerade in den Belastungen herausgefordert: Wo bleibt die Liebesbeziehung? Wir können uns als Team super die Bälle zuspielen, doch wo bleibt die Zeit für ein Rendezvous? Wann hatten wir als Paar unser letztes Date?

Paare kneifen den Arsch zusammen, damit alles funktioniert, doch dabei bleibt das Schöne, das Romantische, das, was einem Kraft gibt, ein Lächeln aufs Gesicht zaubert, auf der Strecke. Wir dürfen nicht erst an uns denken, wenn alle To-dos erledigt sind. Dies passiert nämlich nie.

Wie bekommt ihr beide eine gesunde Balance hin?

Maja: Wir haben uns beide mit Mitte 30 und drei Kindern nochmal für ein Studium entschieden. Das war wirklich ein Rechen-Exempel. Der Mix aus Arbeiten, Studieren, Kinder und Haushalt funktionierte nur mit ganz, ganz viel Absprache. Wir haben finanziell alles zurückgeschraubt, um unseren Traum leben zu können, und wir haben einen Deal: Die Abende gehören in der Regel uns.

Heiko: Wir achten inzwischen sehr darauf, dass wir die privaten Termine, die uns guttun, nicht mehr hinten anstellen. Wir planen im Outlook-Kalender auch private Dinge. Wir müssen darauf achten, dass die Säulen unserer Beziehung stabil sind.

Brigitte: Als Team Balance zu halten, ist eine echte Herkulesaufgabe.

Nicole: Oder ein echter Drahtseilakt.

Kathrin: Die Zeit für uns als Paar kommt auch immer zu kurz. Doch wir schöpfen auch unglaubliche Kraft aus dem Zusammensein mit den Kindern. Da passiert so viel Wesentliches.

„Ohne Humor hätten wir einander erschossen“

Axel: Vor ein paar Monaten hatten wir den Eindruck: Wir sollten ein paar Kilo verlieren. Doch wie passt dies in den vollen Alltag? Wir haben uns für einen Lauf über neuen Kilometer angemeldet. Damit hatten wir ein Ziel, mussten trainieren. Das hat dann dazu geführt, dass wir zweimal die Woche auch mal nach 21 Uhr die Tür hinter uns zumachten und gemeinsam stramm spazieren gingen.

Wir sind miteinander gegangen bei Wind und Wetter. Wir hatten plötzlich 90 Minuten, in denen uns keiner reinquatschte. Mir ging es dann schon so: Hey, ich würde gerne mit dir mal was besprechen, wann gehen wir laufen? Jetzt ist leider der Lauf vorbei …

Stefan: (lacht) Ich empfehle euch als Paar einen Schrittzähler. Wir finden es auch sehr hilfreich, miteinander Erwartungen zu klären. Uns ist zum Beispiel das Thema Geld nicht so wichtig. Geld ist schön zu haben, aber hat nicht die Priorität in unserer Beziehung. Wir brauchen nicht den Urlaub auf den Malediven, sondern genießen den abendlichen Spaziergang, eine gemeinsame Tasse Kaffee.

Brigitte: Und wir teilen einen großen Humor.

Stefan: Sehr richtig! Ohne diesen hätten wir einander schon erschossen. (alle prusten vor Lachen los)

„Ich habe von meiner Frau ein Waschverbot bekommen“

Ihr habt euch scheinbar aus den Stereotypen rausgewagt. Welchen Wandel findet ihr gut? Wo denkt ihr, war es früher vielleicht angenehmer?

Brigitte: Ich finde es toll, dass Stefan einkauft. Er liebt es.

Stefan: Meine Frau verdient das Geld, ich trage es wieder fort. Das ist doch ein guter Wandel. Vor allem kommen jetzt vernünftige Sachen ins Haus. (allgemeine Heiterkeit)

Heiko: Ich habe von meiner Frau ein Waschverbot bekommen. (alle lachen) Ich glaube immer noch, dass ich sehr gut waschen kann (vehement), aber um des lieben Friedens willen bin ich hier einen Schritt zurückgetreten.

Maja: Wir streiten wirklich wenig, doch beim Thema Waschen hat es schon zweimal heftig geknallt: Wie erkläre ich meinem Mann zum wiederholten Male, dass man dunkle und helle Wäsche trennt oder dies oder jenes Kleidungsstück nicht in den Trockner stecken sollte?

Ich habe es ihm erklärt, ein Bild hingehängt … Und er macht es trotzdem. Das Thema Waschen ist eines der wenigen Reizthemen bei uns.

„In puncto Stereotypen haben wir beide eine 180-Grad-Wendung hingelegt“

Heiko: Ich gehe wie Stefan einkaufen. Ein hilfreiches Tool für uns als Paar ist Outsourcing. Allerdings hat meine Frau gesagt: Heiko, du kannst alles outsourcen, das Putzen, das Hemdenbügeln, nur nicht unsere Beziehung.

Oliver: Als ich die Aufwärmfragen „Wer macht was?“ fürs Interview las – einkaufen, waschen, kochen, Kinder für die Schule fertig machen, die defekte LED-Leuchte auswechseln… –, dachte ich mir: Was macht Kathrin eigentlich noch? (alle lachen) Steuererklärung macht Kathrin immer noch nicht.

Das Auto entkrümeln steht auch auf meiner To-do-Liste. Lohnt sich aber nicht, da es nach einer halben Stunde Autofahrt wieder aussieht wie vorher. (zustimmendes Nicken der Männer) Bügeln mache ich nicht, finde ich totale Zeitverschwendung. (Stefan klatscht Beifall)

In puncto Stereotypen haben wir beide eine 180-Grad-Wendung hingelegt. Dieser Wandel funktioniert aber nur in einer tragfähigen Beziehung, indem man Dinge gemeinsam priorisiert und die Bereitschaft mitbringt, sich anzupassen, zurückzunehmen, Solidarität zu leben.

Nach zwölf Jahren voll im Job war es für mich dran: Wenn nicht jetzt, wann dann? Der Wechsel hat für uns als Paar und die Kinder die Chance eröffnet, die Rollen von Mann und Frau nochmal ganz anders und neu wahrzunehmen.

„Wer ist der fremde Mann im Wohnzimmer?“

Jetzt musst du aber ohne die Anerkennung der Kollegen und Kolleginnen auskommen …

Oliver: Mein Höhepunkt der letzten Woche war ein Besuch mit allen vier Kindern beim Ohrenarzt. Als die Ärztin mich sah und sagte: „Respekt, ich habe zwei Kinder, sie kümmern sich um vier!“ – Das hat mir dann doch etwas gegeben!

Stefan: Ich koche immer bei der Aussage: Mein Mann ist IT-ler, ich bin nur Hausfrau. Ich habe das nie gesagt. Ich habe mich immer so vorgestellt: Ich leite ein mittelständisches Familienunternehmen.

Die Frage, die wir uns als Paar, als Gesellschaft stellen müssen, ist doch die: Welchen Wert messen wir den Kindern, den Aufgaben zu Hause bei? Zudem müssen wir uns fragen: Bin ich glücklich? Habe ich eine erfüllende Beziehung? Kennen meine Kinder mich noch aus dem Alltag oder fragen sie: Wer ist der fremde Mann im Wohnzimmer?

„Männer und Frauen, die sich selbst um die Kinder kümmern, werden stigmatisiert“

Heiko: Und wir brauchen als Gesellschaft ein neues Modell. Wie wäre es, wenn die Person, die zu Hause bleibt, auch ein adäquates Gehalt bezieht für die Leistung, die sie für die Gesellschaft erbringt? (Applaus aus vier Städten) Hier läuft meiner Überzeugung nach manches falsch. Da liegt der Hase doch im Pfeffer.

Männer und Frauen, die sich selbst um die Kinder kümmern, werden stigmatisiert nach dem Motto: Die arbeiten nicht bzw. wir müssen als Wirtschaft und Politik dafür sorgen, dass endlich beide Elternteile in Arbeit kommen.

Brigitte: Gerade Männern, die sich noch stark über Arbeit definieren, signalisiert man damit: Haushalt und Kinder sind keine Arbeit.

Stefan: Bin ich nicht! (allgemeine Heiterkeit) Ganz im Ernst. Ich führe Trauergespräche vor Beerdigungen. Da ziehen Leute Bilanz. Wenn mir eine Frau über ihren verstorbenen Mann sagt, er aß gerne Süßigkeiten, dann ist das doch eine dürftige Bilanz eines Männerlebens. Als Männer und Frauen sollten wir uns fragen: Was ist wertvoll? Und dann von dieser Maxime aus unser Leben gestalten.

„In einem Arbeitszeugnis würde man schreiben: Hat sich stets bemüht!“

Die Erziehungswissenschaftlerin Margrit Stamm provozierte kürzlich im SPIEGEL mit dieser Aussage: Etwa jede dritte Mutter wehrt sich gegen zu viel männliches Engagement. Sie nörgelt, wie er sich mit dem Kind beschäftigt, oder gibt ihm vor, was er im Haushalt wie zu erledigen hat. Steckt in dieser Aussage ein Körnchen Wahrheit?

Heiko: Ich habe damit kein Problem, nur meine Frau. (alle lachen)

Nicole: Wenn ich von der Schicht komme, hilft es mir, erst mal tief durchzuatmen. (Axel schlägt die Hände vors Gesicht – allgemeine Heiterkeit)

Axel: In einem Arbeitszeugnis würde man schreiben: Hat sich stets bemüht! (alle lachen)

Kathrin: Bevor ich aus der Familienarbeit „ausgestiegen“ bin, habe ich mir dazu erstaunlich viele Gedanken gemacht. Doch dann konnte ich sehr schnell loslassen. Oliver macht das auch gut!

„Verantwortung abzugeben, ist abgegebene Verantwortung“

Oliver: Nur beim Thema Schule mischt sie sich als Lehrerin doch immer wieder ein. (allgemeine Heiterkeit) Jeder hat seine Art, die Dinge zu tun. Wir müssen uns davon lösen, den anderen zu erziehen, wie wir ihn gerne hätten. Es geht in die Hose, wenn ich dem anderen meinen Stil überstülpe. Verantwortung abzugeben, ist abgegebene Verantwortung.

Stefan: Brigitte legt Wert auf Ordnung in der Küche. Das ist mir schon auch wichtig. (alle lachen) (gespielt energisch:) Ja, vielleicht nicht ganz so ausgeprägt. Ein paar Mal hat sie dann schon zum Lappen gegriffen, bevor sie ihre Jacke überhaupt aus hatte. Ich hatte einen dicken Hals. Ich habe dann meine Verletzung zur Sprache gebracht, dass wenigstens meine Bemühungen gesehen werden. (Kathrin lacht)

„Kommunikation ist der Schlüssel“

Euer Kompromiss sieht jetzt wie folgt aus?

Stefan: Sie nimmt nicht den Lappen, wenn sie zur Tür reinkommt, sondern wischt, wenn überhaupt nötig, nach, wenn ich draußen bin. (alle lachen) Zudem schreibt sie mir jetzt, wann sie da ist. Dann ist der Espresso fertig und die Küche tipptopp.

Maja: Ich würde das gerne unterstreichen. Kommunikation ist der Schlüssel, um die Andersartigkeit des anderen lieben zu lernen. Eine nörgelnde Frau, ein nörgelnder Mann bringt keine Veränderung hervor.

„Ohne meine Frau wäre unsere Ehe unerträglich“

Was beglückt euch im Miteinander?

Heiko: Unsere Liebessprache ist es, Zeit miteinander zu haben, zusammen zu lachen, eine gute Flasche Wein, Zeit im Schlafzimmer.

Stefan: Meine Lieblingspostkarte trägt die Aufschrift: „Ohne meine Frau wäre unsere Ehe unerträglich.“ (allgemeine Heiterkeit) Humor gehört unbedingt dazu!

Nicole: Kleine glückliche Momente im Alltag und dass wir die Chance haben, aus der Vergebung heraus immer wieder neu miteinander anfangen zu dürfen.

Kathrin: Gespräch, Gespräch und nochmals Gespräch, und dass wir uns zu 100 Prozent aufeinander verlassen können.

Herzlichen Dank für eure Offenheit und die humorvollen 1 ½ Stunden!

Rüdiger Jope ist Chef-Redakteur des Männermagazins MOVO.

Lokführer Martin Mallek sitzt im Cockpit seines ICE. (Foto: Rüdiger Jope)

Alltag eines Lokführers: „Man kann sich nicht erlauben, mal wegzuträumen“

Martin Mallek wollte schon als kleines Kind Lokführer werden. So geht er damit um, für einen ICE mit tausend Menschen verantwortlich zu sein.

Wenn wir als Kinder draußen spielten und das rhythmische Stampfen der Lokomotive vom nahen Bahnhof an unsere Ohren drang, gab es nur einen Weg: raus durch das kleine, rostbraune Gartentor und rauf auf die Brücke. Wenn dann die Dampflok rauchend und zischend um die Ecke schnaufte, der Lokführer unser Winken mit einem Signaltongruß erwiderte, verschwanden wir Momente später jauchzend und hüpfend in einer gigantischen Rauchwolke.

Hbf Dortmund, 9:08 Uhr. 45 Jahre später stehe ich einem meiner Kindheitsidole gegenüber: Martin Mallek (61). Lokführer. Er strahlt mich an. Soeben ist der Intercity-Express „Passau“ in den Dortmunder Hauptbahnhof aus Aachen eingefahren. Pünktlich.

Zahlreiche Lampen blinken

Mit der Corona-Faust verabschiedet der Eisenbahner seinen Kollegen. Mit einem Schlüssel öffnet er eine Glastür. Dann stehen wir in Martin Malleks Reich. Ein Cockpit zieht sich über die ganze Breite des Fensters. Das Hauptsignal steht bereits auf Grün. Während ich auf einem Klappsitz Platz nehme, über die verwirrend vielen Lämpchen, Hebel und Schalter staune, setzen sich die 900 Tonnen mit 9.000 PS um 9:09 Uhr Richtung Berlin in Bewegung.

„Nur keine Scheu.“ Martin Mallek winkt mich neben sich. Engagiert erklärt er mir seine Werkbank. Die kennt er im Schlaf. Über das Display erhält er wichtige technische Informationen zum gesamten Zug und kann verschiedene Schaltungen vornehmen. Der Bildschirm zeigt ihm seinen Fahrplan oder auch technische Vorgänge im Zug an. Zahlreiche Lampen blinken.

Doppelte Geschwindigkeit bedeutet vierfacher Bremsweg

Er erklärt: Durch das unterschiedliche Aufleuchten der Leuchtmelder erhält er Informationen über die Zugbeeinflussungssysteme an der Strecke. Er sieht die Fragezeichen auf meinem Gesicht. Schmunzelnd erklärt er mir: Bei Verdopplung der Geschwindigkeit vervierfacht sich der Bremsweg. Mit den normalen Signalabständen würde das rechtzeitige Bremsen nicht funktionieren, daher braucht es ein System, was die Fahrt beeinflusst.

Das ist „die Linienzugbeeinflussung (LZB)“, so Mallek. Der Sender im Gleis und unter der Lok zeigt ihm, wie die Strecke auf den nächsten Kilometern aussieht. Die Sender kommunizieren mit dem Stellwerk, den Computern auf der Strecke, dem Lokführer. Martin Mallek verweist auf einen roten Leuchtmelder. Blinkt dieser, ist die Geschwindigkeit zu hoch.

Führerloser Zug im Vollsprint ist ein Hirngespinst

Der Bahner redet sich in einen Fluss. Dabei fressen wir bei 160 km/h förmlich die Schienen. Freie Fahrt. Neben uns stehen die Autos auf der A1 Stoßstange an Stoßstange. Der Lokführer betätigt in regelmäßigen Abständen das Fußpedal unter dem Führertisch. Vergäße er dies, würde der ICE eine Zwangsbremsung einleiten. Durch das Pedal wird sichergestellt, dass der Lokführer arbeitsfähig und wachsam ist. Wie beruhigend. Ein führerloser Zug im Vollsprint ist nur ein Hirngespinst von Hollywood & Co.

Noch 15 Minuten bis Hamm. Alles begann mit einem Kindheitstraum. Martin stand auf der Brücke, wollte unbedingt in den Rauch der Lokomotive … Nach der Schule erlernte er einen normalen Beruf, damals noch eine Voraussetzung, um überhaupt Lokführer werden zu können. Doch 1980 herrscht Lokführermangel wie 2021. Ein Mitbewohner aus dem Haus sahnt eine Vermittlungsprämie von 50 D-Mark ab, vermittelt den frischgebackenen Kfz-Mechaniker an die Bahn.

Kindliche Begeisterung nicht verloren

Er schraubt ein halbes Jahr im Lokschuppen, fuchst sich in die Lokomotiven der Baureihe 110, 111, 141, die Güterzugloks der Serie 150, 151 und die Dampfloks ein. „Diese Berufsentscheidung habe ich bis heute nicht bereut.“ Diese Überzeugung spüre ich ihm an diesem Morgen ab. Hier hat einer seine kindliche Begeisterung nicht verloren.

Während er sich an seinem Tablet zu schaffen macht, hake ich nach. „Was macht für dich die ‚Faszination Lokführer‘ aus?“ Ohne zu zögern schießt es mir entgegen: „Die Freiheit. Ich bin allein. Ich mach meine Tür zu und habe Ruhe. Wenn es läuft, wird man den ganzen Tag nicht gestört.“ Zwischen Dortmund und Berlin läuft es aber derzeit nicht ganz planmäßig. Denn eine Baustelle folgt auf die nächste. Gleise werden neu verlegt, Weichen ausgetauscht, Brücken erneuert. Nach Jahren, in denen mehr in die Straße investiert wurde als in die umweltfreundliche Bahn.

„Da sag mal einer, dass Männer nicht multitaskingfähig sind“

Mallek verweist mich auf sein Tablet. Dort werden ihm die tagesaktuellen, die Wochen-, Monats- und Jahresbaustellen, die Abweichungen zu seinem Bildschirm auf dem Cockpit angezeigt. Mir entfährt: „Da sag mal einer, dass Männer nicht multitaskingfähig sind.“ „Richtig!“, lacht Martin. „Neben der Schiene muss ich auch noch das Handy im Blick haben. Damit kommuniziere ich mit dem Zugführer.“ Ich ahne: Lokführer müssen ein hohes Maß an Konzentration mitbringen: Cockpit, Tablet, Handy, Schiene, Bahnhöfe…

Hbf Hamm, 9:32 Uhr. Pünktlich. Martin Mallek schaut aus dem Fenster. Menschen steigen ein und aus. Der Bildschirm im Cockpit zeigt ihm nur noch eine offene Tür, „die des Zugführers“. Im selben Moment piept sein Handy. Der Chef des Zuges, der Zugführer, gibt ihm grünes Licht. Martin Mallek bestätigt. Das Signal steht auf Grün. Er schiebt den Geschwindigkeitsregler nach vorne …

„Die Idylle muss man sich selbst basteln.“

Ich bohre weiter. „Wie viel Idylle von Lukas, dem Lokomotivführer, steckt noch im Job?“ Martin lacht auf. „Die Idylle muss man sich selbst basteln.“ Er braucht gefühlt keinen Fahrplan mehr, die Zeiten, Strecken und Bahnhöfe sind ihm in Fleisch und Blut übergegangen. Wenn er am Rhein entlangfährt, kann er die Schönheiten zwischen Mainz und Bonn, die „Freiheit der Fahrt auch genießen“. Verschmitzt schiebt er hinterher: „Neulinge in der Lok sind verspannter. Für mich gilt inzwischen: möglichst wenig arbeiten, trotzdem effektiv und sicher fahren!“

Herausfordernd bleiben die ständig wechselnden Dienstzeiten, Wochenenddienste, der Stand-by-Modus und die Verdichtung der Arbeit. Gab es früher noch die Möglichkeit zur Übernachtung und Stadtbesichtigung, heißt es heute an einem normalen Arbeitstag: Dienstauftrag aufs Tablet. 8:51 Uhr Dienstbeginn. 15:45 Uhr Berlin Hbf. Pause. Mit der S-Bahn rüber zum Ostbahnhof. Und dann den ICE nach Düsseldorf. Feierabend in Dortmund.

Keine Zeit für Ablenkung

Noch zwölf Minuten bis Gütersloh. Mallek erklärt mir die Bedeutung von Vor- und Hauptsignalen. „Man kann sich nicht erlauben, mal wegzuträumen.“ Trotzdem frage ich nach: Was macht man noch so nebenbei im Cockpit? Vehement entgegnet er mir: „Nichts! Da bleibt keine Zeit für anderes. Es gilt die Strecke zu beobachten.“ Dies tut er. Mit einem Grinsen. Stille.

„Doch was ist, wenn den Lokführer ein großes menschliches Problem befällt?“ Martin lacht. „Dann gilt es, mit Schweißperlen auf der Stirn in den nächsten Bahnhof zu kommen und dem Zugführer zu signalisieren: Du musst mir mal fünf Minuten Zeit geben.“ Zwei Anzeiger im Display liegen gleichauf: Wir liegen im Zeitplan. Martin lehnt sich entspannt zurück.

„Wie viel Spielraum hast du, um Verspätungen aufzuholen?“

„Ärgerst du dich über Verspätung?“ Das „Immer!“ folgt prompt. Mich interessiert, wodurch diese zustande kommen. „Durch Baustellen und die zu hohe Streckenauslastung. Immer mehr Züge auf immer den gleichen Gleisen. Wenn dann ein Zug langsamer ist, gar liegen bleibt, baut sich eine Störung auf.“

Ich hake nach: „Wie viel Spielraum hast du, um Verspätungen aufzuholen?“ Der Bahner erklärt: „Das kommt auf die Streckenverhältnisse, den Zug an. Bei Regenwetter kann ich die Kraft des Zuges nicht so auf die Schiene bringen. Mit meiner Erfahrung hole ich, wenn sie mich lassen und die langsameren Nahverkehrszüge aufs Überholgleis schicken, auch mal zehn Minuten raus.“ Sagt’s und rauscht an einer wartenden Regionalbahn vorbei.

Bahnhof ausgelassen

Noch fünf Minuten bis Gütersloh. „Hast du schon mal vergessen, an einem Bahnhof anzuhalten?“ „Ja, aber nicht in Wolfsburg!“ Lachen. „Sondern?“ „Es gibt öfters Abweichungen von den geplanten Zügen.“ Auf der Fahrt nach Magdeburg sollte er außerplanmäßig in Helmstedt halten. Er fuhr automatisch durch, weil es nicht im normalen Fahrplan stand. Lachend berichtete er: „Der Zugführer rief mich an und sagte mir: ‚Hey Martin, du hast einen Halt ausgelassen‘ …“

Hbf Gütersloh, 9:53 Uhr. Wir lassen heute Gütersloh nicht aus. Pünktlich. Ich verhalte mich still auf meinem Notsitz. Martin Malleks Finger betätigen scheinbar spielend, aber fokussiert Knöpfe und Hebel. Wieder schließen sich alle Türen, sein Handy piept. Er schiebt den Hebel nach vorne … Der ICE nimmt Fahrt auf. Keine 5 km später bremst uns ein gelbes Signal aus. Langsamfahrstelle. Brückenbauarbeiten.

„Sei freundlich zu den Kunden, sie bezahlen dein Gehalt!“

Wir reden über Verantwortung. Ein doppelter ICE transportiert locker mal tausend Menschen. „Das ist Verantwortung, da ist der Zug voll bis unter die Mütze und ich sage mir, heute musst du doppelt aufpassen.“ Martin Mallek erklärt mir seine Grundmotivation: Die Menschen sind das Wichtigste. Kunden gehen vor! Sein Vorgesetzter wird mir dies auf der Rückfahrt bestätigen: Mallek geht es immer um das Wohl der Menschen, oder wie er selbst sagte: Sei freundlich zu den Kunden, sie bezahlen dein Gehalt!

Seinen christlichen Glauben verschweigt der Eisenbahner nicht. „Ich bete vor jeder Zugfahrt, trotzdem kann mir alles passieren.“ Wenn Unregelmäßigkeiten auftreten, auf der Strecke, am Fahrzeug, muss Martin in Sekundenschnelle die richtige Entscheidung treffen. Ich ahne: An dem Job hängt viel dran.

Personen in den Gleisen

Noch 5 Minuten bis Bielefeld. Martin Mallek übernimmt den Gesprächsfaden. „Willst du nicht auch noch die Frage nach Personenschäden stellen?“ Ich zögere. „Personen in den Gleisen gehören dazu. Man darf nicht den Fehler machen, sich schuldig zu fühlen. Man ist unfreiwilliger Zuschauer“, erklärt der Bahner versöhnt, aufgeräumt, ja fast seelsorgerlich. Ich spüre: Hier ist einer im Reinen mit sich, seinem Beruf, mit Gott.

Er schiebt nach: „Als ich als Lehrling an einem Unfall vorbeifuhr, ploppte sie innerhalb weniger Momente in mir auf: die Sinnfrage. Was bleibt vom Leben?“ Zu Hause greift er nach der Bibel. Er stellt fest: Okay, ich verstehe Gott nicht in allem, will ihm aber vertrauen. Martin, der am Hebel für tausende Menschen sitzt, lässt Gott ans Steuer seines Lebens.

„Was macht ein Lokführer in seiner Freizeit?“

Noch 2 Minuten bis Bielefeld. Ein Baumarkt rechts ist für den Lokführer die Wegmarke. Hier muss er anfangen, die Bremsung einzuleiten. Tut er es nicht rechtzeitig, schiebt das Gewicht des Zuges ihn über den Bahnhof hinaus. Schnell frage ich noch: „Was macht ein Lokführer in seiner Freizeit? Fahrpläne auswendig lernen, an einer HO-Modellbahnplatte sitzen?“ Mallek lacht schallend.

„Freizeit?“ Pause. „Ich engagiere mich in einer Kirchengemeinde. Zudem schraube ich gerne. Die Leute stehen Schlange mit ihren defekten Rasenmähern, Mofas und Waschmaschinen. Die bringe ich repariert wieder aufs Gleis.“

Hbf Bielefeld, 10:04 Uhr. Pünktlich. Der Intercity-Express „Passau“ spuckt mich auf den Bahnsteig aus. Ich bin um zwei Erfahrungen reicher: Lokführersein ist mehr als ein Kinderspiel und die Stadt Bielefeld gibt’s in echt.

Rüdiger Jope ist Chef-Redakteur des Männermagazins MOVO. Er wuchs auf in Sichtweite der ersten deutschen Ferneisenbahnstrecke Leipzig-Dresden. Er lernte u.a. im ICE-Cockpit: Lokführer wie Martin Mallek können zu 99 Prozent nichts für die Verspätungen. Sie freuen sich, wenn Fahrgäste oder eine „ganze Mannschaft nach vorne kommen und sich mit Apfelsinen oder einem kühlen Getränk für die (hoffentlich) wunderbare und störungsfreie Zugfahrt bedanken“.

Symbolbild: Getty Images / E+ / damircudic

Gute Vorsätze: Coach erklärt, wie Männer Ziele erfolgreich umsetzen können

Sei es die gesunde Ernährung oder der Sport: Vorhaben landen oft auf der langen Bank. Dabei braucht es für Erfolg nicht viel, meint Coach Stefan Schmid.

„Die guten Vorsätze!“ – Erinnern Sie sich noch an Ihre Vorsätze, die Sie Anfang des Jahres gefasst haben? Bei mir war es über Jahre hinweg nur ein einziger und immer derselbe: „Ich möchte bis Ostern nicht geblitzt werden.“ Bei rund 60.000 km Fahrleistung pro Jahr war das jedes Mal ein sportliches Vorhaben.

Jahrelang schaffte ich es bis ca. Ende Februar, ohne geblitzt zu werden. Doch ich bekam es nicht gebacken, mein Vorhaben tatsächlich bis Ostern durchzuhalten. Im vergangenen Jahr erreichte ich mein Ziel dann aber doch. Das hatte aber weniger mit meinem disziplinierten Fahrstil als mit Corona und dem ersten Lockdown zu tun. Mein erstes Knöllchen flatterte erst Mitte Juli ins Haus. Wow!

Übrigens, kürzlich gab mir die beste und klügste aller Ehefrauen einen grandiosen Tipp. Wir waren gemeinsam unterwegs, als ich mal wieder zu schnell fuhr. Am Straßenrand entdeckte ich im letzten Augenblick einen Blitzer und bremste souverän ab. Etwas stolz und gleichzeitig erleichtert wandte ich mich ihr mit den Worten zu: „Das ist gerade noch mal gut gegangen!“ Worauf sie nur meinte: „Erspare dir doch den Stress und halte dich an die vorgegebene Geschwindigkeit.“ Wie recht sie doch hatte!

Übernimm Verantwortung!

Was nehmen Sie sich regelmäßig vor, bekommen es aber nicht gebacken? Eigentlich ist das mit dem Backen doch gar nicht so schwer. Wenn ich mal meine auf Pfannkuchen zum Mittagessen begrenzte Backkunst spielen lasse, dann orientiere ich mich an folgenden zwei Worten: „Man(n) nehme …!“ Für den Alltag würde ich diesen Hinweis gerne um einen weiteren Begriff ergänzen, nämlich: „Man(n) übernehme Verantwortung!“ Wie geht es Ihnen damit, Verantwortung für Ihr Verhalten zu übernehmen? Seit Monaten geht das Thema Resilienz durch die Decke. Es ist das Thema, mit dem ich entweder online oder auch nach und nach wieder bei Präsenzveranstaltungen am häufigsten im Einsatz bin. Eine der „sieben Schlüsselfaktoren der Resilienz“ besteht darin, die Opferrolle zu verlassen und Verantwortung zu übernehmen.

Wenn es am Straßenrand blitzt, kann ich nicht das Ordnungsamt dafür verantwortlich machen. Es liegt einzig und allein an meinem Fahrstil. Ich muss mich nicht darüber ärgern, dass irgendeiner mal wieder einen Blitzer aufgestellt hat, ohne mich vorher darüber zu informieren. Es muss mich nicht nerven, dass ich mal wieder 15 Euro zahlen muss, die ich mir hätte sparen können. So sind nun mal die Spielregeln! Und wer sich nicht daran hält, muss mit entsprechenden Konsequenzen rechnen. Die Verantwortung liegt dabei einzig und allein beim Fahrer. Wo ducken Sie sich gerne als armes Opfer weg? Wo schieben Sie die Schuld auf alle anderen, nehmen aber Ihre eigene Verantwortung nicht wahr?

Es sind nicht immer die anderen schuld

Klar, an vielem – wenn nicht sogar an allem – trug in den zurückliegenden Wochen und Monaten Corona die Schuld. Daran, dass wir Dinge nicht erledigen konnten, dass wir uns nicht mit Menschen treffen konnten, dass wir Projekte nicht zum Abschluss bringen konnten, dass die Internetverbindung im Home-Office oder Homeschooling mal wieder zusammenbrach, dass wir nicht reisen konnten, sondern zu Hause festsaßen, dass … Und wenn es nicht die Umstände waren, dann eben Menschen, die an unserer Situation schuld waren: die unverständige Ehefrau, die nörgelnden Kinder, der fordernde Chef, die lauten Nachbarn, die schwierigen Kollegen, die anstrengende Schwiegermutter, … Oder Frau Merkel und die Virologen. Und wenn es weder äußere Umstände noch Menschen sind, auf die wir die Verantwortung abwälzen können, dann muss unsere Prägung, Erziehung oder DNA herhalten. „Ich habe nie gelernt, Verantwortung zu übernehmen!“ „Das liegt an meiner Veranlagung!“ „Ich bin halt der gemütliche Typ Mensch!“ „Ich kann mich halt schlecht entscheiden!“ Wie wäre es damit, Ihr Mindset, Ihre Denkweise zu überdenken? Warum treiben Sie keinen Sport, obwohl Sie genau wissen, wie gut Ihnen das tun würde? Warum ernähren Sie sich weiterhin ungesund, obwohl Sie genau wissen, wie Sie Ihrem Körper damit schaden?

Einfach heute starten

Anfang des Jahres plante ich, mich dieses Jahr in der Zeit zwischen Aschermittwoch und Ostersonntag mal wieder an der Aktion „7 Wochen Ohne“ zu beteiligen. Gerade wollte ich mich innerlich gemütlich zurücklehnen, als ich den Impuls hatte: Warte doch nicht bis Aschermittwoch, sondern fange jetzt damit an! Und so entschied ich mich am 4. Januar für meine persönliche „7 Wochen Ohne“-Aktion. Ich wollte sieben Wochen auf Zucker verzichten. Und so arbeitete ich an meinem Mindset und siehe da: Es war gar nicht so schwer! Ich brauchte den Aschermittwoch gar nicht als offiziellen Starttermin, sondern konnte selbst darüber entscheiden, dass das auch an jedem anderen Tag möglich war.

Zwischenzeitlich habe ich meine „7 Wochen ohne Zucker“-Aktion erfolgreich beendet. Und weil es richtig Spaß gemacht hat, bin ich gleich in die nächste Aktion gestartet. Täglich zehn Minuten Workout und das insgesamt 16 (!) Wochen lang. Nach erfolgreichen 3 ½ Wochen fängt es langsam an, zu einer täglichen Routine zu werden.

Was tun Sie Ihrem Körper gerade Gutes? Ich bin kein Workout-Freak, doch ich merke mit nun 52 Jahren, dass Fitness kein Selbstläufer mehr ist. Ich möchte an meinem Körper nicht nur keinen Raubbau betreiben, sondern ihm aktiv Gutes tun. Dazu gehören u.a. auch regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen. Oft reden gerade wir Männer uns ein, dafür keine Zeit zu haben, bis uns der Herzinfarkt dann die nötige Zeit beschert.

Ein Sparringspartner kann helfen

„Machen ist wie Wollen, nur krasser!“ Im Coaching begleite ich immer mehr Männer dabei, vom Wollen zum Tun zu gelangen.

Das kann so aussehen, dass mir eine Führungskraft täglich Bilder von ihrem Schreibtisch mailt. Sie leidet unter dem ständigen Chaos auf der Schreibtischoberfläche. Am liebsten würde sie morgens an einem aufgeräumten Schreibtisch in den neuen Arbeitstag starten. Und so haben wir eine Vereinbarung getroffen, die ihr hilft, Ordnung zu schaffen und Ordnung zu halten. Mit einem Sparringspartner an der Seite lässt sich neues Verhalten besser einüben.

Manchmal schlägt uns auch des „Teufels liebstes Möbelstück“ ein Schnippchen, nämlich die lange Bank. Laut einer Emnid-Umfrage sagen knapp 40 Prozent der Deutschen, dass ihnen durch Aufschieben bereits persönliche oder berufliche Nachteile entstanden sind. Aufschieberitis gehört demzufolge zu ihren schlechten Angewohnheiten. Die unangenehme Aufgabe wird so lange vertagt, bis diese wirklich dringend wird und somit inneren Stress hervorruft und massiven Druck erzeugt.

Aufschieberitis hat damit zu tun, Dinge perfekt erledigen zu wollen, mit schlechtem Zeitmanagement oder der eigenen Trägheit. Vielleicht haben aber auch gerade während Corona meine individuellen Zeitfresser wieder gnadenlos zugeschlagen. Es gibt nur einen einzigen Weg, um den „Aufschieberitis-Modus“ zu beenden, nämlich meine Trägheit zu überwinden und Verantwortung zu übernehmen.

Cheat Days einbauen

Übrigens: Meine „7 Wochen ohne Zucker“-Aktion wurde durch zwei oder drei Cheat Days („Schummeltage“) unterbrochen. Ich hielt es nicht konsequent durch. Doch es scheint mir, als würde genau das das echte Leben widerspiegeln. Wir sind nicht perfekt, nicht tadellos, sondern es schleicht sich immer wieder mal ein Cheat Day ein. Gerade dann gilt es, sich nicht hängenzulassen, sondern neu die Verantwortung zu übernehmen, denn morgen ist ein neuer Tag!

Stefan Schmid ist Resilienz-Coach und „Go For It“-Trainer. Er hat sich spezialisiert auf Stressmanagement und Burnout-Prävention (stefanschmid-coaching.de). Er ist verheiratet mit Cornelia und Vater von zwei erwachsenen Töchtern.

Vom Beruf zur Berufung