Beiträge

Romanautor Titus Müller (Foto: Debora Kuder)

Überwachung war allgegenwärtig: Titus Müller profitiert für seine Spionage-Romane von eigenen Erlebnissen

Titus Müllers neuestes Buch handelt von einer Spionin zur Zeit des Mauerbaus – ein Thema, das ihn persönlich betrifft. Er erinnert sich an beklemmende Momente aus seiner DDR-Kindheit.

Kurz nach neun holt mich Titus Müller am Bahnhof in Landshut ab. Es sind Ferien. Trotzdem ist er seit sechs Uhr wach – wie jeden Morgen, seit er vor sieben Jahren Vater geworden ist. Titus Müller ist Autor. 14 Romane hat er bisher veröffentlicht und etwa nochmal so viele Erzählungen und Sachbücher. Es gefällt ihm, zwischen christlichem und säkularem Markt hin- und herzuwechseln. Im Juni kamen zwei Bücher parallel heraus: Ein Spionageroman und C.S. Lewis’ Briefe auf Deutsch.

„Und das gilt als Beruf!“

Auch nach zwanzig Jahren freut er sich noch darüber, dass er sich monatelang mit spannenden Themen beschäftigen darf: „Und das gilt als Beruf!“ In seinen Romanen widmet er sich meist historischen Personen oder Ereignissen. Detailreich und mit viel Hintergrundwissen schreibt er über das Leben im Mittelalter, das Erdbeben in Lissabon im Jahr 1755, die Märzunruhen 1848, den Untergang der Titanic, einen Hochstapler in den Zwanzigerjahren oder Geheimdienstaktivitäten während des Zweiten Weltkriegs. „Geschichte in Geschichten zu erzählen, ist Titus Müllers großes Talent“, heißt es im Radiosender Bayern 2 über ihn. Seine Geschichten bestechen dadurch, seine Leser in andere Welten und Zeiten zu entführen.

Zu Fuß machen wir uns auf den Weg in sein Büro, an einer schönen Spazierstrecke entlang. Ein kleiner Zufluss der Isar schlängelt sich hier, umsäumt von einer wilden, regennassen Wiese. Titus Müller ist ein Stadtmensch und kann sich drinnen stundenlang in Bücher aller Art vertiefen. Draußen kommt eine andere Seite zum Vorschein – die des Staunenden, der in der Natur verborgene Schätze entdeckt. Raureif, zarte Vogelfedern, knisternde Ameisenbeinchen.

Fürs Schreiben ausquartiert

Müllers Schreibschmiede befindet sich in einem nüchternen Bürogebäude. Seit zu Hause Legobauten und Hot-Wheels-Bahnen dominieren, hat er sich fürs Schreiben ausquartiert und den Schreibtisch an seinen Sohn abgetreten, fürs Hausaufgabenmachen. Auf der Fensterbank liegen Papierstapel, in der Ecke stehen Hausschuhe. Computer, Drucker, ein Glas Leitungswasser. Mehr braucht Titus Müller nicht zum Schreiben. Ach ja, und eine Menge Bücher.

Zwei Reihen sind für die eigenen Bücher reserviert. Außerdem stehen in den Regalen Biografien über Erich Honecker und Willy Brandt, Sachbücher über den Mauerbau und die Spionageabwehr der DDR, ein Lexikon des DDR-Alltags. Darin steckt Titus Müller gerade gedanklich. Seine aktuelle Romantrilogie handelt von einer Sekretärin, die im DDR-Ministerium für Außenhandel und Innerdeutschen Handel als Informantin für den BND arbeitet. Am zweiten Band, der im Jahr 1973 spielt, arbeitet er gerade.

Talent kennt auch Zweifel

Ein bis anderthalb, manchmal auch zwei Jahre arbeitet Titus Müller an einem Roman von der ersten Idee bis zur Abgabe. „Zwei Jahre sind ungünstig fürs Kühlschrank-Füllen und Miete-Bezahlen. Ein Jahr ist besser“, meint er: „Ich könnte doppelt so schnell sein und zwei Romane im Jahr schreiben, wenn ich nicht so viel Zeit damit vergeuden würde, meine Selbstzweifel zum Schweigen zu bringen. Am Morgen, wenn ich mich an den Computer setze, fürchte ich anfangs immer: ‚Heute wird’s nichts'“, berichtet er.

Wenn sein innerer Kritiker zischt: „Du kriegst heute nichts hin“, stellt sich Titus Müller manchmal vor, wie ein Töpfer Ton auf die Drehscheibe klatscht. Der erste Entwurf für eine Romanszene muss nicht brillant sein, es genügt ein Klumpen Ton auf der Drehscheibe, aus dem später ein schöner Krug werden wird. Um Durchhänger zu überwinden, hat Müller viele Tricks auf Lager. Zum Beispiel hört er gern Filmmusik, um sich in die passende Stimmung zu bringen.

Über den Mauerbau wollte er schon länger schreiben

Buchideen hat Titus Müller genug. Er sammelt sie manchmal jahrelang. „Eine Idee stirbt auch mal nach drei Tagen“, sagt er: „Aber wenn es mich nach Wochen immer noch im Bauch kitzelt, weiß ich, dass sie spannend genug ist.“ Solche Ideen schlägt er vor und die verkaufsträchtigsten von ihnen darf er als Romane umsetzen. Über den Mauerbau wollte er schon lange schreiben: „Betrifft mich ja auch irgendwie“, meint er.

Geboren 1977 in Leipzig, hat er zwanzig Jahre in Berlin verbracht. Als Kind stand er vor der Mauer, starrte mit seinen Brüdern und seiner Mutter auf das Brandenburger Tor, die Grenzsoldaten und die Westseite Berlins: „Immer wieder fragten wir: ‚Könnten wir nicht mit einem Heißluftballon über die Mauer fliegen? Oder einen Tunnel graben?‘ Und meine Mutter sagte: ‚Das hat man alles schon probiert.'“

„Das wirft moralische Fragen auf“

Müller war davon fasziniert, wie es möglich gewesen war, die Öffentlichkeit über Nacht vor vollendete Tatsachen zu stellen. Doch erst in Verbindung mit der Spionage-Komponente gab der Verlag grünes Licht für das Thema. Bereits in dreien seiner Romane agieren Spione. Ich will wissen, warum.

„Geheimdienste täuschen und hintergehen, um ein vermeintlich höheres Gut zu erreichen. Das wirft moralische Fragen auf, ideal für die Erkundung in einem Roman. Und mich interessiert der Alltag der kleinen Leute, aber eben auch das Leben von denen, die am großen Rad gedreht haben. Wenn ich die Aktionen des BND, des KGB und der Staatssicherheit schildere, kann ich Erich Honecker, Alexander Schalck-Golodkowski und Reinhard Gehlen ins Scheinwerferlicht rücken.“

Mordmethoden eines KGB-Killers verstehen

Ein Großteil seiner Zeit fließt in die Recherche: Müller interviewt Zeitzeugen und Experten, reist an Orte des Geschehens, durchsucht Archive. Für „Die fremde Spionin“ wälzte er dicke Bände aus der Münchner Staatsbibliothek über die Kommerzielle Koordinierung und vertiefte sich in rechtsmedizinische Schriften, um die komplexen Mordmethoden eines KGB-Killers zu verstehen.

Nicht immer verläuft die Recherche nach Plan: „Bei meinem Roman ‚Nachtauge‘ wusste ich, dass die Frau, auf der meine Heldin beruhte, Kinder gehabt hatte – sie mussten noch leben.“ Er suchte tagelang nach ihnen, befragte vor Ort Lokalhistoriker – keiner wusste etwas. Schließlich wurde eine Recherchespezialistin fündig, die er beauftragt hatte – leider allerdings erst, als das Buch fertig war.

Pakete kamen aufgerissen daheim an

An seine eigene Kindheit hat Müller viele schöne Erinnerungen: „Mit meinen beiden Brüdern habe ich viel gelacht. Wir sind Schlitten gefahren und durch den Park getobt. Manches habe ich auch nicht mitbekommen – zum Beispiel, dass es zu Hause Stasi-Besuch gab.“ Überwachung an sich war aber allgegenwärtig. Pakete kamen aufgerissen daheim an und bei größeren Veranstaltungen saß stets jemand zur Überwachung im Publikum. „Wenn es beim Telefonieren in der Leitung knackte, sagten wir manchmal: ‚Willkommen in unserem Gespräch'“, erinnert er sich.

Beklemmende Momente erlebte er auch in der Schulzeit: In der Politikdiskussion ignorierte ihn die Lehrerin einfach. Beim Fahnenappell stach er als Einziger ohne Pionier-Hemd heraus „wie ein Farbklecks in der Meute“. Einmal wurde sogar sein Schulranzen durchsucht: „Mein Freund Mathias, der Pionierleiter war, kam mit zwei starken Jungs, als fürchte er, ich könnte mich wehren, und entschuldigte sich mit ernstem Gesicht, bevor er zur Tat schritt. Wir waren danach weiter befreundet; ich wusste ja, er tat nur, was von ihm erwartet wurde. Aber wir sprachen nie darüber.“

In der DDR wäre er Bäcker geworden

Vor allem war klar, dass er als Sohn eines Adventisten-Pastors in der DDR nicht hätte studieren können: „Nach der zehnten Klasse wäre Schluss gewesen und ich wäre dann Bäcker geworden. Mein Beruf als Autor erfüllt mich. Das Schreiben und Veröffentlichen-Dürfen macht mir so einen Spaß. Wäre die DDR weitergegangen, hätte es das für mich nicht gegeben.“ Inzwischen gehört Müller mit seiner Familie zu einer Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde.

Ich will wissen, ob er immer noch samstags den Griffel ruhen lässt. „Ich weiß nicht, ob es Gott wichtig ist, welcher Tag es ist“, meint er. „Aber ich glaube, es ist ihm wichtig, dass man sich einen Tag ausruht.“ Seine Wochenenden sind oft voll mit Lesungen, Schreibwerkstätten oder Literaturgottesdiensten. „Und mein Impuls ist immer, an den Geschichten weiterzumachen“, gibt er zu: „Aber es tut mir gut, darin auch mal gebremst zu werden und einfach mal durchzuatmen.“

„Leser merken genau, ob ein Autor sie belehren will“

Müllers Glaube taucht auch in seinen Büchern auf. In manchen nehmen christliche Themen einen zentralen Platz ein, in anderen sind sie flüchtige Streiflichter. Aufdringlich missionieren möchte er aber nicht: „Leser merken genau, ob ein Autor sie belehren will. Wenn es aber authentisch ist und die Bücher von interessanten Menschen erzählen, dürfen auch tiefere Fragen vorkommen“, findet er: „In meiner Kindheit gab es das Prinzip der Schluckimpfung. Ich würde gern als Unterhaltungsautor gute Zuckerwürfel herstellen mit etwas Medizin darauf. Ich freue mich, wenn ein Roman so viel Tiefgang hat, dass am Ende etwas zum Nachdenken bleibt.“

Auf die Frage, wie sich sein eigener Glaube entwickelt hat, meint er: „Ich weiß weniger. Früher war mir alles sicherer und klarer. Aber ich nehme mehr Anregungen auf aus allen Richtungen. Gottes Spuren und Impulse auf dieser Welt zu erkennen, ist ein spannender Prozess, der hoffentlich für mich weitergeht, bis ich alt und grau bin.“ Eine geistliche Konstante ist für ihn bis heute C.S. Lewis.

„Vom ersten Buch an hat er mich gepackt“

Entdeckt hat er ihn mit 15 Jahren: „Vom ersten Buch an hat er mich gepackt mit seinem Tiefgang, seinem breiten Horizont, seiner Herzenswärme und seiner Klugheit. Vor allem damit, wie er an das Thema Glauben herangeht – ohne Angst vor schwierigen Fragen. Irgendwann hatte ich alles von ihm gelesen.“ Mit seinen Briefen hatte er noch einmal mehrere tausend Seiten Material. Diese auf Deutsch herauszugeben, hat ihm viel bedeutet: „Dadurch bin ich dem Menschen C.S. Lewis nähergekommen, mit allen seinen Brüchen.“

Titus Müller begleitet mich zurück zum Bahnhof. Er selbst fährt mit dem Fahrrad zurück nach Hause. Seine Frau Lena ist mit den Jungs ausgeflogen, er kann den Rest des Tages von daheim aus weiterschreiben. Ein Mensch mit viel Tiefgang. Mir bleibt auch über den Heimweg hinaus noch viel zum Nachdenken.

Debora Kuder arbeitet als freie Journalistin und lebt mit ihrer Familie in München.

Wolfgang Wittig: Drohnenfieber

Viele Männer träumen vom Fliegen. Ein faszinierendes Spielzeug verleiht diesem Traum Flügel.

Als ich auf der weiterführenden Schule war, kam ich auf dem Weg nach Hause oft an einem Modellbauladen vorbei. Fasziniert stand ich dort vor den verschiedenen ferngesteuerten Hubschraubern und träumte davon, irgendwann mal so ein Gerät fliegen zu dürfen. Diesem Wunsch entgegen standen zwei Dinge: Erstens der Preis und zweitens die Aussage des Mannes im Laden, dass das Fliegen eines Modellhubschraubers nur etwas für geübte Piloten sei und ein Absturz schnell teure Reparaturen oder den Totalschaden nach sich ziehen würde.
Zwar schaffte ich es im Alter von vierzehn Jahren durch die geschickte Kombination von Geldgeschenken zu Weihnachten, Konfirmation und Geburtstag einen erstaunlichen Betrag zusammenzusparen, statt eines Flugobjektes investierte ich das Geld jedoch sinnvoll, wie viele meiner Klassenkameraden, in einen Atari 1040 STFM – und gab mich dem Traum vom Fliegen in nächster Zeit nur noch in der sicheren Abgeschiedenheit meines Kinderzimmers mit dem Microsoft Flight Simulator hin.

DIE DROHNE IN MEINEM HAUS

Seit dem hat sich in der Welt der unbemannten Flugobjekte viel getan. Drohnen sind in aller Munde und plötzlich einigermaßen erschwinglich geworden. Einstiegsmodelle gibt es schon ab EUR 70,00 und sie sind ohne große Übung zu fliegen. Dass liegt daran, dass die meisten Drohnen in der Lage sind, ihren Flug selbstständig zu stabilisieren. Gibt man ihnen also keinen weiteren Steuerimpuls, während sie sich in der Luft befinden, bleiben sie stehen, verweilen dort, wo sie gerade sind. Teurere Modelle verfügen über ein GPS-Modul, das ihnen ermöglicht, vordefinierte Punkte abzufliegen oder zum Ausgangspunkt zurückzukehren.
In meinem Umfeld gibt es einige Männer, die eine Drohne ihr Eigen nennen. Daher dachte ich, dass es gut wäre, sie zu interviewen, ein wenig zu recherchieren und dann einen Artikel zu schreiben. Je mehr ich mich mit dem Thema auseinander setzte, desto klarer wurde mir, dass das so nicht funktionieren würde. Mit jedem Artikel, den ich las, wuchs die Unruhe in meinem Herzen und es gab nur einen Weg, sie zu stillen: Ich brauchte eine Drohne. Ich war kurzzeitig darüber erstaunt, wie sehr mir etwas fehlte, von dem ich kurz zuvor noch nicht wusste, dass es existiert.

Den vollständigen Artikel lesen Sie in der MOVO 1/2015. Jetzt bestellen.