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Geschichtsstunde: Wie ein spanischer Mönch Menschenrechte für Indios erkämpfte

Der Mönch Bartolomé de Las Casas ist Militärgeistlicher der spanischen Eroberer Südamerikas. Als er ein Massaker an den Indios miterlebt, bricht Las Casas mit seinem bisherigen Leben.

„Sie wetteten darauf, wer einen Menschen mit einem einzigen Schwertstreich durchschlagen könne. Die Christen entrissen den Indianern ihre Weiber, bedienten sich ihrer und misshandelten sie. Neugeborene packten sie von den Brüsten ihrer Mütter und schleuderten sie gegen die Felsen. Sie bauten breite Galgen, an die sie zu Ehren des Erlösers und seiner zwölf Apostel immer dreizehn Indianer aufhingen und bei lebendigem Leib verbrannten. Dies habe ich mit eigenen Augen gesehen.“

In Mutters Bäckerei in Sevilla herrscht helle Aufregung, als Papa Pedro und Onkel Francesco im Juni 1496 zurückkehren. Von Christoph Kolumbus‘ zweiter Seereise. Sie waren dabei! In „Hispaniola“, dem heutigen Haiti, hatte Kolumbus 550 versklavte Einheimische an Bord geladen, die Hälfte starb bei der Überfahrt. Jetzt schenkt der berühmte Kapitän der Familie Las Casas einen 14-jährigen „Indianer“. Der Junge ist gleich alt wie Bartolomé. Die beiden freunden sich an.

Zur Strafe Hände abhacken

1502 reist Bartolomé selbst nach Haiti, weil jungen Siedlern dort Landbesitz und Goldfunde versprochen werden. Entsetzt sieht er mit an, wie lokalen Scouts, die ohne Gold aus den Bergen zurückkehren, die Hände abgehackt werden. Statt Bergbau und Landwirtschaft betreibt Bartolomé lieber Theologie und wird 1507 zum Priester geweiht.

Als Feldkaplan spanischer Truppen nimmt er an der Eroberung Kubas teil und hört 1511, wie ein Missionar dem zum Tode verurteilten Indio-Häuptling Hatuey anbietet, noch auf dem Scheiterhaufen getauft zu werden. „Komme ich dann in den Himmel?“, fragt der Todgeweihte. „Ja.“ „Zu den anderen derartig grausamen Christen? Nein, dann will ich lieber in die Hölle.“

Schlimmes Massaker sorgt für Sinneswandel

Als Bartolomé de Las Casas eins der schlimmsten Massaker am Volk der Taínos miterlebt, hört er am ersten Adventssonntag 1511 den Dominikanermönch Antonio de Montesinos predigen. „Mit welchem Recht haltet ihr die Indios in einer so grausamen Knechtschaft? Mit welcher Befugnis habt ihr dieses Volk in ungezählter Menge gemartert und gemordet?“ Der Militärgeistliche der spanischen Eroberer ist tief getroffen.

Bei der Vorbereitung einer eigenen Predigt zu Pfingsten 1514 liest Bartolomé einen Vers aus dem Buch Jesus Sirach 34,25-27: „Kärgliches Brot ist das Leben der Armen und wer es ihnen raubt, ist ein Blutsauger. Den Nächsten mordet, wer ihm den Lebensunterhalt entzieht und Blut vergießt, wer ihm den Lohn raubt.“ Ab jetzt ist ihm klar: Er wird als Priester niemandem die Beichte abnehmen und die Sündenvergebung zusprechen, der Sklaven hält. Die Konquistadoren und Plantagenbesitzer sind empört.

Für Rechte von Sklaven kämpfen

Las Casas „schenkt“ seine eigenen Sklaven dem Gouverneur von Kuba, reist 1515 nach Spanien zurück und erwirkt in einem Gespräch mit König Ferdinand ein neues Gesetz, das ausreichende Ernährung und medizinische Versorgung für die Indios vorschreibt. Ferdinands Thronfolger Kaiser Karl V. ernennt ihn 1516 zum „Prokurator aller Indios in Westindien“.

Karl V. übereignet Las Casas 1520 per Vertrag „das Festland südlich der Inseln“ – was mangels geografischer Kenntnisse so gut wie ganz Südamerika wäre. Als Bartolomé 1521 an der Küste von „Klein Venedig“ (Venezuela) ankommt, haben aufständische Indios nicht nur viele Siedler und Sklavenfänger, sondern auch alle Mönche ermordet. Sein Plan einer friedlichen Missionierung und Koexistenz der Völker ist gescheitert.

Großen Erfolg feiern

Die einzige Kopie des Bordbuchs von Christoph Kolumbus‘ Seereise 1492 besitzt – Bartolomé de Las Casas! Er beginnt, die verharmlosenden Berichte des gefeierten „Entdeckers“ zu kommentieren und eine „Geschichte der indigenen Völker Neuspaniens“ zu schreiben. 1521 zerstört Hernán Cortés das Aztekenreich, 1532 unterwirft Francisco Pizarro die Inkas in Peru.

Bartolomé kennt beide Völkermörder persönlich, reist nach Tenochtitlan und Machu Picchu und plädiert in seiner Schrift „Kurzgefasster Bericht von der Verwüstung der westindischen Länder“ für vieles, was wir heute „Menschenrechte“ nennen. Endlich: 1542 erlässt Kaiser Karl V. das gesetzliche Verbot, Einheimische zu versklaven, und ernennt 1543 Las Casas zum „Bischof von Chiapas“ in Mexiko. Damit ist er zwar hochgeehrt, aber auch politisch kaltgestellt.

1546 kehrt er nach Spanien zurück, erwirkt ein gesetzliches Ende aller Eroberungsfeldzüge in Südamerika und stirbt am 18. Juli 1566 in Atocha bei Madrid. Als Chronist des Völkermords und erster Historiker und Theologe, der Sklaverei als Sünde und Verbrechen brandmarkte, wurde der „Apostel der Indios“ noch bis in die 60er-Jahre des 20. Jahrhunderts von spanischen Rechten als „größenwahnsinniger Paranoiker und Beleidigung Spaniens“ bezeichnet.

Andreas Malessa ist Hörfunkjournalist in der ARD, Theologe, Buchautor satirischer Kurzgeschichten, Referent und Moderator auf Veranstaltungen mit religiös-kulturellen, kirchlichen und sozialethischen Themen. Aktuell sind von ihm erhältlich die Titel „111 Bibeltexte, die man kennen muss“ (emons) und „Am Anfang war die Floskel“ (bene!).

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Bordell Deutschland: 90 Prozent aller Prostituierten verkaufen sich unter Zwang

Deutschland hat sich zur Drehscheibe des Menschenhandels entwickelt. Das Nordische Modell, ein Sexkaufverbot, soll dem Einhalt gebieten.

Von Uwe Heimowski

Seit 2001 ist Prostitution in Deutschland eine legale Dienstleistung. Davor galt sie als sittenwidrig und war eine Straftat. Bestraft wurden die (meist weiblichen) Prostituierten – ihre Kunden, die „Sexkäufer“, blieben unbehelligt. Um die Frauen aus der Kriminalisierung zu holen und ihnen die Chance zu geben, sich bei den Sozialversicherungen anzumelden, beschloss der Bundestag – damals mit rot-grüner Mehrheit – das Prostitutionsgesetz („Gesetz zur Regelung der Rechtsverhältnisse der Prostituierten“).

Die entwürdigende Situation vieler Frauen, die in der Prostitution arbeiten, habe ich einige Jahre hautnah miterlebt. Von 1990 bis 1995 arbeitete ich bei der Heilsarmee in Hamburg, drei Jahre davon leitete ich eine AIDS-Beratungsstelle. Viele infizierte Frauen waren Prostituierte – ohne Krankenversicherung, ohne funktionierendes soziales Umfeld. Die Verelendung dieser Frauen kann man sich kaum vorstellen. Um dieser Frauen willen war ich ein leidenschaftlicher Befürworter des Prostitutionsgesetzes.

Deutschland wird zum „Bordell“

Doch schon bald zeigte sich: Das Gesetz half den Frauen nicht. Nur eine Handvoll meldete ein Gewerbe an. Und was weder der Gesetzgeber noch die Befürworter des Gesetzes geahnt hatten: Deutschland entwickelte sich unter dem Deckmantel der Legalität zur Drehscheibe des Menschenhandels.

Das Magazin „Der Spiegel“ titelte schon 2013: „Bordell Deutschland. Wie der Staat Frauenhandel und Prostitution fördert.“ Schonungslos wurden die Missstände in unserem Land aufgedeckt. Experten gehen davon aus, dass zwischen 80 und 90 Prozent der geschätzt 400.000 Prostituierten in Deutschland Opfer von Menschenhandel oder Zwang sind. Seither befinden wir uns in einem Dilemma: Frauen sollen geschützt werden, doch erreicht die liberale Gesetzgebung genau das Gegenteil.

Sexkaufverbot hilft

Wie kann man dieses Dilemma auflösen? In Schweden erlebte die Debatte bereits 1999 einen Paradigmenwechsel. Das schwedische Parlament – damals als erstes Parlament der Geschichte mehrheitlich mit Frauen besetzt – beschloss ein Sexkaufverbot, bei dem nicht mehr die Frau, sondern der Sexkäufer bestraft wurde.

Die Opfer wurden also anders als beim herkömmlichen Prostitutionsverbot nicht länger zusätzlich kriminalisiert und machten, weil sie keine strafrechtlichen Konsequenzen zu befürchten hatten, entsprechend auch stärkeren Gebrauch von Hilfsangeboten. Dazu zählten Ausstiegsprogramme zur beruflichen wie seelischen Rehabilitation. Medizinisches Personal, die Behörden und insbesondere die Polizei wurden zahlenmäßig aufgestockt und regelmäßig geschult, besonders im Umgang mit traumatisierten Frauen. Zuhälterei und organisierte Kriminalität im Zusammenhang mit Menschenhandel wurden stärker verfolgt und härter bestraft.

EU empfiehlt „Nordisches Modell“

Das als „Schwedisches Modell“ bekannt gewordene und später – nach Einführung des Gesetzes in Norwegen (2008) und Island (2009) – als „Nordisches Modell“ oder auch „Equality Model“ (Gleichstellungs-Modell) bezeichnete Gesetz entfachte innerhalb der Europäischen Union eine breite, sehr leidenschaftlich geführte Debatte. 2014 verabschiedete das Europäische Parlament mit dem „Honeyball Report“ eine Entschließung, in der es den Mitgliedsstaaten die Einführung des „Nordischen Modells“ empfahl.

Die Entschließung erkennt Prostitution, Zwangsprostitution und sexuelle Ausbeutung als stark geschlechtsspezifisch und als Verstöße gegen die Menschenwürde an und erkennt einen Widerspruch gegen Menschenrechtsprinzipien wie beispielsweise die Gleichstellung der Geschlechter. Sie sei daher mit den Grundsätzen der Charta der Grundrechte der Europäischen Union unvereinbar. Nach dem Nicht-EU-Land Kanada (2014) führten auch Nordirland (2015), Frankreich (2016) und Irland (2017) ein den Sexkauf bestrafendes Gesetz ein. Israel wurde 2020 zum achten Land weltweit.

„Nordisches Modell“ bietet doppeltes Plus

Gegner des „Nordischen Modells“ kritisieren die Einschränkung der Berufsfreiheit und somit der Selbstbestimmung der freiwilligen „Sexarbeiterinnen“. Sie befürchten eine Verschiebung der Prostitution in den Untergrund und einen Anstieg der Gewalt. Evaluationen in Schweden konnten das nicht bestätigen, im Gegenteil: Die Zahl der Gewalttaten ist gesunken.

Befürworter sehen im „Nordischen Modell“ jedoch ein doppeltes Plus: Es setzt unmittelbar an der Situation der Frauen an und hilft ihnen beim Ausstieg, ohne sie zu kriminalisieren. Und außerdem: Das „Nordische Modell“ verändert mittel- und langfristig die gesellschaftliche Einstellung zur Prostitution und zum Umgang mit Frauen.

In Deutschland halte ich das „Nordische Modell“ für überfällig. 2016 wurde – auf Druck der EU – ein Prostituiertenschutzgesetz beschlossen, doch die Maßnahmen (Gesundheitscheck, Verbot, am Arbeitsplatz zu wohnen, Präservativpflicht u.a.m.) sind viel zu kleinteilig oder nicht überprüfbar. Den Frauen helfen sie nicht.

Uwe Heimowski (57) vertritt die Deutsche Evangelische Allianz als deren Beauftragter beim Deutschen Bundestag in Berlin. Er ist verheiratet mit Christine und Vater von fünf Kindern. Von ihm erhältlich: „Der politische Jesus“ (VTR) und „Das Nordische Modell: Eine Möglichkeit für Deutschland?“ (Edition Wortschatz).

Die Freiwilligen des TuS Ennepetal transportierten mit fünf Sprintern Hilfsgüter nach Polen. (Foto: Eckhard Stolz)

Hilfstransport für die Ukraine: „Ich habe 34 Stunden nicht geschlafen“

Eckhard Stolz fuhr 2.600 Kilometer in zwei Tagen, um Hilfsgüter für geflüchtete Ukrainer zu liefern – mit dem Transporter seines Arbeitgebers. Seinen Chef hatte er nicht um Erlaubnis gefragt.

Eckhard, andere legen nach einer harten Arbeitswoche die Füße hoch. Du bist dagegen 2.600 Kilometer bis zur polnisch-belarussischen Grenze gefahren, um Hilfsgüter abzuliefern. Warum?

Den Krieg in der Ukraine habe ich im Fernsehen verfolgt. Schrecklich. Mir war klar: Ich möchte helfen. Große Reden sind nicht mein Ding, ich muss immer etwas machen – was sinnvoll ist, wo den Menschen geholfen wird …

Und wie kam es dann zu dieser Hilfsgüterfahrt?

Der TuS Ennepetal [ein Fußballverein im Ruhrgebiet / Anmerkung der Redaktion] hat Kontakt zu einem ehemaligen Spieler, der an der polnisch-belarussischen Grenze wohnt und sich jetzt für die Flüchtenden einsetzt. Der Verein hatte entschieden, Hilfsgüter dorthin zu schicken. Ich wollte eigentlich nur als Unterstützung Kartons von meinem Arbeitgeber vorbeibringen, habe dann aber drei Tage beim Packen mitgeholfen.

Am vergangenen Freitagabend gegen 19 Uhr haben die mich dann gefragt: „Eckes, du kommst doch immer mit dem Sprinter?! Uns ist einer ausgefallen. Hast du Lust, in sechs Stunden zur polnisch-belarussischen Grenze aufzubrechen? Wir fahren um zwei Uhr nachts los.“ Naja, und da ich für dieses Wochenende keine Schalke-Karten hatte, war die Sache für mich klar. [lacht]

„Gefragt habe ich nicht wirklich“

Was hat deine Frau dazu gesagt, dass du spontan nach Polen fährst?

Sie fand die Aktion super! Meine Familie stand voll dahinter. Wir haben noch eine zweite Wohnung, die wir bereitstellen würden, falls Geflüchtete nach Nordrhein-Westfalen kommen.

Du bist mit dem Sprinter deines Arbeitgebers gefahren … Wie hat dein Chef darauf reagiert?

Nachdem wir den Wagen mit Hygieneartikeln und etwas Kleidung vollgepackt hatten, habe ich ihm ein Foto davon geschickt. Gefragt habe ich nicht wirklich. [lacht] Ich habe nur gesagt, dass ich dieses Wochenende nach Polen fahre. Nicht dass der denkt: Wo ist der Stolz das ganze Wochenende mit dem Auto? Aber er fand es dann auch eine klasse Idee.

„Es hat richtig Spaß gemacht“

Wie verlief die Fahrt?

Wir haben uns um zwei Uhr nachts am Vereinsheim des TuS Ennepetal getroffen, Zwischenstopps ausgemacht und dann ging es auch schon los. Fünf Sprinter mit je zwei Personen. Wir haben uns viel unterhalten und laut Musik gehört. Jeder hatte Cola und Energy-Drinks dabei, Schokolade und all so‛n Mist. Es hat richtig Spaß gemacht.

Wer war außer dir dabei?

Alles Freiwillige aus dem Sportverein. Typen, die wirklich gerne helfen. Das hast du denen abgespürt. Da hat sich jeder auf die Tour gefreut. Einer suchte noch einen Mitfahrer und hat einen Freund angerufen. Der kam dann extra aus Bremen, hat also weit über 3.000 Kilometer an dem Wochenende zurückgelegt.

Zwischendurch hat man übrigens total viele andere Kleintransporter mit deutschem Kennzeichen gesehen.

„Wir haben die enorme Hilfsbereitschaft der Polen erlebt!“

Was habt ihr am Zielort erlebt?

Am Samstagnachmittag gegen 17 Uhr sind wir an der Lagerhalle im polnisch-belarussischen Grenzgebiet angekommen. Geflüchtete haben wir nicht gesehen, weil es schon spät war und die Lagerhalle außerhalb der Stadt liegt. Wir haben aber die enorme Hilfsbereitschaft der Polen erlebt! Es waren bestimmt 10, 15 Leute da, die kamen und uns beim Ausladen geholfen haben.

Wir haben dann eine Kleinigkeit gegessen, ab aufs Klo und nach einer Stunde sind wir zurückgefahren. Um kurz vor zehn am Sonntagmorgen waren wir wieder in Ennepetal. Ich bin direkt in den Gottesdienst gegangen und danach ins Bett gefallen. Von der Predigt habe ich nicht wirklich viel mitbekommen, denn ich hatte 34 Stunden nicht geschlafen. [lacht]

Habt ihr mit der einen Fuhre schon alle gesammelten Hilfsgüter hingebracht?

Nein, wir hatten nur zwei bis drei Paletten pro Auto dabei. Vier große Lastwagen sind später mit den restlichen 120 Paletten rübergefahren. So viel wurde gesammelt. Die Leute sind echt hilfsbereit, das ist großartig!

Danke für das Gespräch, Eckhard.

Die Fragen stellte Pascal Alius.

Foto: TheoCrazzolara / pixabay

Hätten Sie es gewusst: „O du fröhliche“ ist eigentlich kein Weihnachtslied

Johannes Falk verlor sechs Kinder und beinahe sein eigenes Leben an den Typhus. Dass sein Lied „O du fröhliche“ zu einem Weihnachtsklassiker werden würde, plante er nicht.

Kein Heiligabend ohne „O du fröhliche“. Kennen alle. Rund um die Welt. Der Texter dieses Weihnachtsliedes schrieb es für verwahrloste Kriegswaisen und Straßenkinder. Protestierte gegen die Prügelstrafe, musste sechs seiner eigenen Kinder zu Grabe tragen und blieb trotzdem ein humorvoller Bildungspionier.

Ein Theologiestudent, dem seine Heimatstadt Danzig das Studium finanziert, sollte dankbar dafür sein, oder? Aber der 27-jährige Johannes Daniel Falk an der Uni im sächsischen Halle schmeißt nach vier Jahren alles hin und kehrt 1797 nicht als Pfarrer nach Ostpreußen zurück. Sondern? Schreibt lieber freiberuflich bissige Kommentare zur Tagespolitik! Kann man davon leben? Nein.

In Kontakt mit Goethe und Schiller

Papa Falk daheim an der Ostsee ist Perückenmacher. Er hatte den Jungen mit 10 aus der Schule geholt und in die Werkstatt gesteckt. Die Kundinnen und Kunden sind begüterte Leute, standesbewusste Adlige. Kaum war Johannes mit 16 zurück am Gymnasium, hatte er sich in brillanten Aufsätzen über das vornehme Getue dieser Leute lustig gemacht. Mama Constantia geht in eine fromme „Brüder“-Gemeinde, das religiöse Klima im Lande Immanuel Kants ist aber streng vernunftorientiert und „aufklärerisch“ – Johannes nimmt diese Widersprüche scharfsinnig aufs Korn.

1797 heiratet er Caroline Rosenfeld, zieht mit ihr nach Weimar um und kommt dort durch seinen väterlichen Freund Christoph Martin Wieland, den gebürtigen pietistischen Schwaben, in Kontakt zum berühmten „Dichter-Dreigestirn“ Goethe, Schiller, Herder. „Taschenbuch für Freunde des Scherzes und der Satyre“ wird 1803 Falks erstes erfolgreiches Buch in Serie, 1806 ernennt ihn Herzog Carl August zum Legationsrat. Mit 38 Jahren erhält er das erste feste Gehalt! Aber: Vier seiner Kinder sterben an Typhus, er selbst entgeht nur knapp der tödlichen Epidemie.

Vorreiter der Jugendsozialarbeit

Im Oktober 1813 besiegen Preußen und drei alliierte Staaten die französischen Truppen Napoleons bei Leipzig. Diese sogenannte „Völkerschlacht“ hinterlässt rund 100.000 getötete Soldaten, noch mehr schwerstverwundete Arbeitslose und: jede Menge Waisenkinder, Streuner, verwahrloste minderjährige Überlebenskünstler. Johannes Falk gründet mit Weimarer Bürgern die „Gesellschaft der Freunde in der Noth“ (wir würden heute sagen: einen Förderverein) und nimmt 30 Kinder in der eigenen Wohnung auf (!). Ehepaar Falk unterrichtet alle in der „Sonntagsschule“, die Jungen in der „Berufsschule“, die Mädchen in der „Nähschule“. Das wird dem Vermieter der Wohnung zu laut, kein Wunder.

Als zwei weitere Falk-Kinder im Teenageralter sterben, kaufen Johannes und Caroline den (heruntergekommenen) „Lutherhof“. Johannes kontert mit einer Schrift, deren langatmigen Titel heute keine Suchmaschine fressen würde: „Das Vaterunser in Begleitung von Evangelien und alten Chorälen wie solches in der Weimarschen Sonntagsschule mit den Kindern gesungen, durchgesprochen und gelebt wird. Zum Besten eines von den Kindern selbst zu erbauenden Beth- und Schulhauses.“ Was er 1823 nicht ahnen kann: Seine Ideen inspirieren berühmte Sozialreformer und -politiker, sein Weimarer „Rettungshaus“ wird zum Vorreiter evangelisch-diakonischer Jugendsozialarbeit bis heute.

Wie „O du fröhliche“ ein Weihnachtslied wurde

„O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Osterzeit! / Welt liegt in Banden, Christ ist erstanden / Freue, freue dich, o Christenheit. O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Pfingstenzeit! / Christ, unser Meister, heiligt die Geister / Freue, freue dich, o Christenheit.“ Kennt keiner. Nur die erste Strophe – die zu Weihnachten – ist hängen geblieben.

Johannes Falk schreibt 1816 ein „Allerdreifeiertagslied“ für „seine“ Heimkinder. Die Melodie hat er von einem fieberkranken Jungen aus Italien gehört (später wird man herausfinden, dass es „O sanctissima, o pi-issima, dulcis virgo Maria“ hieß). Ein bayerischer Mitarbeiter Falks, Heinrich Holzschuher, dichtet 1826 noch zwei weitere „Weihnachts“-Strophen dazu und macht es damit – unwillentlich – zu einem reinen Weihnachtslied. Aber da ist der „Waisenvater von Weimar“ bereits seit dem 14. Februar 1826 tot. Mit 58 an einer Blutvergiftung gestorben. Caroline und der ehemalige „Zögling“ Georg Renner überführen das private Waisenheim als „Falk’sches Institut“ in kommunalen Besitz. Die Schriften des „Freundes von Scherz und Satyre“ aber zeigen bis heute, dass kindliche Herzensfrömmigkeit, empathisches Sozialengagement und scharfsinnig intellektuelle Zeitkritik kein schlechter Dreiklang sind.

Andreas Malessa ist Hörfunkjournalist in der ARD, Theologe, Buchautor satirischer Kurzgeschichten, Referent und Moderator auf Veranstaltungen mit religiös-kulturellen, kirchlichen und sozialethischen Themen. Im Frühsommer sind von ihm die Titel „111 Bibeltexte, die man kennen muss“ (emons) und „Mann! Bin ich jetzt alt?!“ (adeo) erschienen.

Klare Kante

SERIE: POLITIKBETRIEB VON INNEN
Nach rechts und links

Was gab das für einen Aufschrei! Macht Altbundespräsident Joachim Gauck „die Rechten“ salonfähig? So die einen. Oder hat er eine – notwendige – Debatte angestoßen? So die anderen. Am 16. Juni erschien Gaucks neues Buch „Toleranz. Einfach schwer“. Der Präsident a. D. gab vorab reichlich Interviews. In der ZDF-Sendung „Markus Lanz“ wurde Gauck mehr als deutlich. Er kritisierte die „Achtundsechziger-Kultur“, nach deren Deutung, wo nicht links sei, bereits der Faschismus beginne. Gauck fordert, den Begriff „rechts“ zu „entgiften“.

Ich verstehe die Entrüstung, die daraufhin losbrach. Deutschland ist nun einmal das ehemalige Nazi-Deutschland. Unsere Geschichte sollte uns gelehrt haben, die Gefahren von rechts frühzeitig wahrzunehmen. Doch nach dem NSU-Skandal, nach Lutz Bachmann in Dresden und Björn Höcke in Erfurt und schließlich dem Mord an Walter Lübcke in Hessen konnte man den Eindruck gewinnen, so manch einer in den Behörden sei auf dem rechten Auge blind. Ich kenne eine Reihe von AfD-Unterstützern, die so tun, als gäbe es keine geistigen Brandstifter oder gewaltbereite Neonazis in Deutschland. Diesen Rechten gilt es, mit klarer Kante entgegenzutreten.

KONSERVATIV IST NICHT GLEICH RECHTSRADIKAL
Nur: Wer Joachim Gauck wirklich zugehört hat, sollte verstanden haben, dass es ihm nicht darum geht, hier eine falsche Toleranz an den Tag zu legen. Im Gegenteil: Er warnt die Politik und die Zivilgesellschaft sehr eindringlich davor, Rassismus und Intoleranz nicht entschieden genug zu begegnen. Worum es Gauck vor allem geht, ist die Differenzierung. Gegenüber dem Spiegel erklärte er: „Wir müssen zwischen rechts – im Sinne von konservativ – und rechtsextremistisch oder rechtsradikal unterscheiden.“ Als ehemaliger Leiter der Stasi-Unterlagen-Behörde weiß er übrigens sehr genau, wie viel Gewalt in der deutschen Geschichte auch von links ausgegangen ist.

Und an dieser Stelle findet der Altpräsident meine absolute Zustimmung. Es kann nicht sein, dass wesentliche Debatten erst gar nicht geführt, oder dass zentrale Themen unserer Gesellschaft ausgeblendet werden, nur weil sie als „rechts“ abgestempelt werden. Nehmen wir das Thema Migration. „Fremdenfeindlichkeit finde ich absolut widerwärtig“, sagt Gauck. Aber es sei notwendig, die Fragen nach dem „Wie viel, wohin, wie lange?“ zu stellen. Auch über Rechtsverstöße von Migranten müsse gesprochen werden.

Andernfalls, befürchtet Gauck, drohe eine „Entsolidarisierung“ der Gesellschaft. Oder nehmen wir einige wenige der klassisch konservativen Themen, die auch vielen Christen wichtig sind: Den Lebensrechtlern etwa gilt jeder Mensch als heilig und schützenswert. Auch die Ungeborenen, die Menschen mit Behinderungen, die Alten und Kranken. Wer diese Gruppe als „rechtsextrem“ diffamiert, macht es sich leicht: Er bricht den Diskurs ab und muss sich die leidige Frage nach dem Wert oder Unwert des Lebens nicht mehr stellen. Und so entsteht eine der absurdesten ethischen Verdrehungen der Neuzeit: Die einen selektieren menschliches Leben noch vor der Geburt, und die anderen sind die angeblichen Nazis. Oder schauen wir uns diejenigen an, die die Ehe zwischen Mann und Frau sowie die daraus potenziell entstehende Familie für schützenswert halten. Sofort werden sie gelabelt: Ewiggestrige, Homophobe, Reaktionäre. Und erneut endet damit der Diskurs, noch bevor die Argumente ausgetauscht sind. Echte Toleranz darf sich nie darauf beschränken, nur innerhalb der eigenen Blase, der „Echokammer“, wie es in Zeiten der sozialen Medien genannt wird, zu gelten. Wer andere moralisch diskreditiert oder pauschal abstempelt, wer sich selbst von vornherein zu den Guten und die anderen zu den Bösen zählt, der ist weder tolerant noch verhält er sich sonderlich demokratisch.

Wer hingegen Glaube, Tradition und Heimat für bedeutungsvoll, wer Anstand, eine gute Erziehung und ein differenziertes Schulsystem für unabdingbar hält, wer Europa für eine Wertegemeinschaft mit christlichen Wurzeln versteht – der ist konservativ. Ihn in eine „rechte Ecke“ zu stellen oder als Nazi zu verunglimpfen, ist ein Unding – mag es auch noch so angesagt sein.

KONSERVATIV ODER RECHTSPOPULISTISCH? EIN SCHMALER GRAT!
Darüber sollten wir die andere Seite nicht vergessen: Wer in seinen Reihen duldet, dass der Mord an einem Regierungspräsidenten als „folgerichtig“ eingestuft wird, wer pauschal gegen Migranten hetzt, wer die Geschichte verfälscht oder das Dritte Reich zu einem „Vogelschiss“ verdampft, wer üble Propaganda und Lügen verbreitet, wer mit Neonazis gemeinsame Sache macht, wer bei Facebook, Twitter, YouTube oder am Rednerpult in den Parlamentsdebatten die Axt an die politische Kultur legt, der ist eben nicht konservativ, sondern rechtspopulistisch. Eine saubere Trennung zwischen konservativ, rechts und rechtsextrem ist mehr als notwendig. Rechtsextremismus darf in Deutschland keinen Platz finden. Gleichzeitig gilt: Wer jede konservative Position sofort als rechts außen diffamiert, treibt die Wähler erst recht in diese Richtung. Undifferenzierte Vorurteile und pauschale Zuschreibungen schaden der Demokratie. Danke, Joachim Gauck, für diese überfällige Debatte!

Uwe Heimowski (55) vertritt die Deutsche Evangelische Allianz als deren Beauftragter beim Deutschen Bundestag in Berlin. Er ist verheiratet mit Christine und Vater von fünf Kindern.

Ethik 4.0

SERIE: POLITIKBETRIEB VON INNEN

 

Moralische Maßstäbe für das Zeitalter der Digitalisierung

Meine Tochter Melissa lächelt mich an. Sie ist erst wenige Tage alt. Als frisch gebackener Vater platze ich fast vor Stolz. Bis meine Frau trocken kommentiert: „Das ist ein Reiz-Reaktionsschema, du hättest ihr auch einen Smiley hinhalten können.“ Es gibt Momente, wo man sich fragt, ob es vernünftig war, eine Pädagogin zu heiraten … Natürlich hatte Christine recht. Nur: Ersetze die persönliche Zuwendung dauerhaft durch ein „technisches“ Hilfsmittel oder beschränke sie auf die rein materielle Versorgung und das Kind wird nicht lange überleben (wie die sogenannten „Kasper Hauser-Versuche“ im Mittelalter gezeigt haben). Dieses kleine Erlebnis wirft eine ethische Fragestellung auf: Wo kann Technik den Menschen ersetzen – und was kann nur der Mensch dem Menschen geben?

Die sogenannte „Digitale Revolution“ wird häufig mit der „Industriellen Revolution“ des 19. Jahrhunderts verglichen. Und tatsächlich, es gibt viele Parallelen: Die Erfindung der Maschinen führte zu einem kompletten Wandel der Gesellschaft. Die Großfamilie löste sich auf. Entschiedene Erleichterungen für den einzelnen Arbeiter gingen mit der Verelendung der Arbeiterklasse und der Ausbildung einer armen Bevölkerungsschicht Hand in Hand. Mit dem technischen Fortschritt wurde das 19. Jahrhundert auch zum Sozialen Jahrhundert. Große Konzepte wurden entworfen. Neue Parteien und Gewerkschaften entstanden, Sozialversicherungen und Bildungsprogramme wurden entwickelt.

Von kirchlicher Seite wurden vor allem die Prinzipien der katholischen Soziallehre prägend, die auch bei der Entstehung des Grundgesetzes 1949 Pate standen: Personalität, Subsidiarität und Solidarität. Maßstäbe, die auch einer Ethik 4.0 im Zeitalter der Digitalisierung Struktur geben können.

PERSONALITÄT 4.0: MENSCHENWÜRDE UND MENSCHENRECHTE
Im Mittelpunkt der Soziallehre steht das Individuum. Der Mensch als Geschöpf Gottes, mit unverletzlicher Würde ausgestattet. In diesem Sinne fragt die Soziallehre nicht danach, was technisch möglich ist, sondern: Wo dient Technik dem Einzelnen? Digitalisierung bietet Chancen: Sie kann Dienstleistungen zur Verfügung stellen, die Selbstbestimmung und Selbstständigkeit eines Menschen fördern. Sie bietet medizinische Therapien, die noch vor wenigen Jahren undenkbar waren, sie stellt moderne Kommunikationsmittel zur Verfügung. Aber sie kann eben auch zur Vereinsamung führen, wenn technische Hilfsmittel die menschliche Zuwendung ersetzen. Schon heute leiden viele alte Menschen an Deprivation (Vernachlässigung). Die Erfahrungen mit demenzkranken Menschen zeigen, dass dieser Zustand sich durch menschliche Zuwendung deutlich verbessern lässt.

SUBSIDIARITÄT 4.0: FREIHEIT ZUR VERANTWORTUNG
Nach dem Subsidiaritätsprinzip ist die jeweils kleinste Einheit zu berücksichtigen, bevor die höhere Ebene „hilft“ (subsidere = stärken, helfen). Unser föderales Gemeinwesen ist so aufgebaut: Familie vor Staat, Kommune vor Land oder Bund.

Für die Pflege von Menschen heißt das: In der Entscheidungsfindung sind immer zuerst der Patient selber, dann seine Familie, schließlich die Einrichtung und erst dann der Staat zu befragen. Der Staat wird übergriffig, wenn er ohne Einwilligung Daten auswertet, Tests durchführt oder – wie zurzeit diskutiert – Organe verwertet. Andererseits muss die Politik (der Staat) einheitliche Pflegestandards entwickeln, etwa in der Ausbildung, der pflegerischen Qualität oder bei den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen wie der Vergütung. Digitalisierung kann hier deutlich entlasten. Ein Hebekran kann helfen, den Patienten regelmäßig zu wenden, ein intelligenter Teppich meldet Stürze, Messgeräte liefern Megadaten zur Evaluierung – und vieles mehr. Die Vereinfachung von bestimmten Tätigkeiten und in der Verwaltung kann zu einer Freisetzung des Personals führen. Die Regel dabei sollte lauten: Technik kann den Menschen ergänzen, ersetzen kann sie ihn nicht.

SOLIDARITÄT 4.0: TEILE UND ZAHLE
Auch wenn der Begriff abgenutzt wirkt: Solidarität ist ein Kerngedanke des Sozialstaates. Sie ist das Grundprinzip der Krankenkassen, der Arbeitslosen- und Rentenversicherung. Die Jungen und Gesunden zahlen ein, die Kranken und Alten werden durch die Solidargemeinschaft versorgt.

Der demografische Wandel und steigende Gesundheits- und Pflegekosten bringen dieses System zunehmend an seine Grenzen. Digitalisierung bietet in vielen Bereichen die Möglichkeit, Kosten zu sparen.

Aber darin liegt auch eine Gefahr: Wenn an die Stelle sinnvoller Einsparungen die Gewinnmaximierung tritt. Mit Gesundheit und Pflege lässt sich viel Geld verdienen – aber sie sind mehr als (nur) ein Geschäftsmodell. Digitalisierung darf nicht auf Kosten des Personals und damit des Patienten erfolgen. Bei allem technischen Fortschritt wird gelten: Unsere Zukunft ist zwar digital, aber nicht virtuell, für die Menschen ist sie real, Tag für Tag. Um sie menschlich zu gestalten, bietet die Soziallehre einen sinnvollen Orientierungsrahmen.

Kommen wir zu meiner Tochter zurück. Ein Smiley mag kurzfristig ein Reiz-Reaktionsschema auslösen – echte Zuwendung ersetzt er aber nicht.

Uwe Heimowski (54) vertritt die Deutsche Evangelische Allianz als deren Beauftragter beim Deutschen Bundestag in Berlin. Er ist verheiratet mit Christine und Vater von fünf Kindern.