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Der Koloss von Prora - Hier wohnten die Zwangsarbeiter. (Foto: 3quarks / iStock / Getty Images Plus)

Leben als Staatsfeind: DDR sperrte Pazifisten als Zwangsarbeiter weg

Wer in der DDR den Wehrdienst verweigerte, musste als Zwangsarbeiter leiden. Schikaniert, angebrüllt, niedergemacht: Thomas Weigel erzählt, wie er diese Hölle überlebte.

Thomas, du bist Autor des Buches „Ausgangssperre – Bausoldat im Koloss von Prora“. Erklär mal jüngeren Lesern: Was ist ein Bausoldat? Was verbirgt sich hinter dem Koloss von Prora?

Der Dienst als Bausoldat war in der DDR die einzige Möglichkeit, den Dienst mit der Waffe in der Armee zu verweigern. Man arbeitete nach einer militärischen Grundausbildung auf Baustellen und in Betrieben. Der Koloss von Prora ist ein riesiges, 4,5 Kilometer langes Gebilde auf der Ostseeinsel Rügen. Es war gedacht als ein Urlaubsareal für 20.000 Menschen in der NS-Zeit. Der Koloss wird jetzt saniert, in Ferien- und Eigentumswohnungen umgewandelt. Zu DDR-Zeiten wurde der Komplex militärisch genutzt.

Du hast den Armeedienst mit der Waffe verweigert und kamst dafür von November 1986 bis April 1988 auf die wunderschöne Ostseeinsel Rügen. Wie viel Urlaub atmete diese Zeit?

Prora war berüchtigt. Bausoldaten, die von dort zurückkamen, haben den Spruch geprägt: „Drei Worte genügen: Nie wieder Rügen!“ Die Kaserne lag nur 100 Meter vom malerischen Strand entfernt. Allerdings war der Strand Grenzgebiet. Den durfte man nicht betreten. Klar gab es Möglichkeiten, die Insel im Sommer hier und dort zu erkunden, aber der hohe psychische Druck ließ kaum Erholung zu.

4:00 Uhr war Arbeitsbeginn

Wie sah der Alltag im Koloss von Prora aus?

Sehr schematisch, sehr gleichförmig, sehr eintönig. Im Sommer wurden wir um 4:00 Uhr geweckt. Um 6:00 Uhr marschierte der ganze Trupp zum LKW und wir wurden zur Baustelle gefahren. Gegen 18:30 Uhr waren wir wieder in der Kaserne. Abendessen. Mit Leuten reden. Um 21:00 Uhr hieß es Bettruhe. Das ging bei manchen von Montag bis Sonntag, bei anderen auch mal zwei Wochen durch. Sehr überschaubar von den Abläufen.

Gearbeitet hast du tagsüber auf der Baustelle Mukran. Was verbarg sich dahinter?

Mukran war damals die größte Baustelle der DDR. Der Hafen nach Klaipeda (damals Sowjetunion, heute Litauen) wurde als Fracht-, aber auch versteckter Militärhafen gebaut. Damit wollte man den Weg über das politisch unsicher gewordene Polen umschiffen.

DDR trennte Väter von ihren Kindern

Das Verhältnis zu den Vorgesetzten muss man sich wie vorstellen?

Ich und viele andere wurden als 26-jährige, bereits berufstätige Familienväter mit zwei, drei Kindern fern der Heimat eingezogen. Die Offiziere, denen wir dann Gehorsam leisten mussten, kamen z.T. aus einfachen Verhältnissen, waren 18, 19 oder 20 Jahre alt. Den Befehlen dieser „Grünschnäbel“ hatten wir Folge zu leisten. Befehlsverweigerung zog strenge Strafen nach sich.

Deinen eindrücklichen Schilderungen spürt man ab: Junge Menschen bekamen dort nichts geschenkt. Im Gegenteil: Sie wurden schikaniert, angebrüllt, niedergemacht, verletzt. Schildere mal eine typische Situation.

Täglich galt es, auf dem 120 Meter langen Gang anzutreten. Beim Raustreten wurde man vor allen beschimpft und angebrüllt. Wenn man in den Ausgang gehen wollte, wurde die Rasur aufs Peinlichste überprüft, und ob die Schuhe geputzt waren. Doch selbst, wenn alles perfekt war, suchten und fanden die Offiziere etwas zu bemängeln. Zudem gaben uns die Vorgesetzten permanent zu verstehen, dass wir Christen zu den Staatsfeinden gehörten.

Offiziere bestraften Einzelne hart

Die Hauptfigur deines Romans, Bernd, kommt selbstbewusst nach Rügen, wird dann aber durch Vorgesetzte gebrochen. Passierte dies tatsächlich?

Es wurden immer wieder Einzelne herausgezogen, die man dann hart bestraft hat. Dies diente als wirkungsvolles Exempel für uns alle.

Unter Bausoldaten gab es verhältnismäßig viele Christen. Schaffte das einen besonderen Zusammenhalt?

Die Gemeinschaft der Christen aus ganz unterschiedlichen Glaubensrichtungen war schon etwas Besonderes. Uns einte der gemeinsame Feind, der christliche Glaube, die Idee von einem Frieden ohne Waffen.

Nur einmal die Woche raus aus der Kaserne

Wurden Gottesdienste und Bibelrunden von den Vorgesetzten gefördert?

(lacht) Sie wurden verhindert. Es wurde ganz klar gesagt: Hier ist hoheitliches Staatsgebiet. Religion hat hier nichts zu suchen. Viele unserer Vorgänger haben für den Ausgang gekämpft. So durften wir einmal (!) die Woche abends und manchmal sonntags raus. Dies nutzten viele, um einen Gottesdienst oder Hauskreis zu besuchen. In der Kaserne waren Glaubenstreffen tabu, trotzdem haben wir uns heimlich zu Gottesdiensten und Bibelstunden verabredet.

Eine Schlüsselszene des Buches ist die, als Bernds Frau mit Tochter überraschend anreist, ihn aber nicht zu Gesicht bekommt, weil dieser von seinem Vorgesetzten absichtlich mit einer Ausgangssperre belegt wird, infolgedessen ausrastet und mit Arrest bestraft wird. Hast du Ähnliches erlebt?

Zum Glück nicht, aber ich hatte Leute in meiner Kompanie, die für Lappalien hart bestraft wurden, einer sogar mit Militärgefängnis. Es gab Fälle, in denen Besuch abgewiesen wurde. Hämisch wurde den Bausoldaten gesagt: Ihr Besuch wird Sie leider heute nicht empfangen.

„Ich habe die Tage runtergezählt“

Was waren Momente, die dir Tränen in die Augen trieben? Wo warst du nahe dran, aufzugeben?

(zögernd) Belastend war für mich die geschilderte Gleichförmigkeit, das Weggesperrt-Sein. Ich habe versucht, mit viel Lesen und dem Kennenlernen der Leute dagegenzuhalten. Doch in den letzten Monaten ging mir die Kraft aus. Ich saß nur noch im Fernsehraum und sah DDR 1 und 2. Ich habe die Tage runtergezählt. Das war etwas, was ich von mir gar nicht kannte. Ich war psychisch auf dem Nullpunkt.

Das Bausoldat-Sein war kein Pfadfinderlager. Was hat dir Kraft gegeben, diese schwere Zeit auszuhalten?

Mein Glaube, die Stille, das Gebet. Der Austausch mit anderen Christen wurde mir zur Kraftquelle.

Keine Wiedergutmachung erfahren

15.000 junge Männer entschieden sich zwischen 1964 und 1990 aus Überzeugung für diesen schweren Weg. Damit entschieden sie sich auch gegen ein Studium und die damit verbundene Karriere. Ist den Bausoldaten nach der Wende Gerechtigkeit oder Wiedergutmachung widerfahren?

Es gibt keine Rehabilitation in irgendeiner Weise. Da tun sich bei manchen im Rückblick auf den beruflichen Werdegang sicher auch schmerzliche Lücken auf. Trotz allem, die Zeit hat mich stark und fit gemacht fürs Leben. Das Bausoldaten-Sein hat auch Persönlichkeiten wie den Ministerpräsidenten von Sachsen-Anhalt, Reiner Haseloff, den mitteldeutschen Bischof Friedrich Kramer oder Ex-Minister Wolfgang Tiefensee hervorgebracht.

Ist von daher alles gut?

Sicher nicht! Ich kenne Bausoldaten, die in der Zeit zerbrochen sind, bis heute psychische Probleme haben.

Kann es sein, dass sich hinter der Zustimmung im Osten für die AfD, Pegida & Co. auch ein gewisser Prozentsatz an Frust verbirgt, nach dem Motto: Wir haben unseren Kopf hingehalten, aber den Reibach haben die Mitläufer oder sogar die gemacht, die damals das Sagen hatten?

Wie heißt es so schön: Fett schwimmt oben! Das ist auch meine Erfahrung. Menschen, die im SED-Staat Karriere gemacht haben, haben diese in die Deutsche Einheit hinübergerettet. Ob das der AfD zugutekommt, kann ich nicht beurteilen.

Dankbar für kleine Freiheiten

Hier und dort wurde den fiesen Vorgesetzten ein Schnippchen geschlagen. Welche Aktion lässt dich heute noch schmunzeln?

(lacht) Ich freue mich heute noch darüber, dass es mir heimlich gelang, Kontakte zur evangelischen Jugend und einem Schachverein auf Rügen zu knüpfen. Dadurch war es mir möglich, Zivilklamotten außerhalb der Kaserne zu platzieren. Wenn ich Ausgang hatte, konnte ich in deren Wohnung die Uniform ausziehen, mich anschließend frei und zivil bewegen. Ich bin dankbar, dass diese „kleine Freiheit“ nie entdeckt wurde, ich nicht wie andere in Polizeikontrollen geriet und anschließend bestraft wurde.

Die Bausoldaten sind seit 31 Jahren nur noch ein Wimpernschlag der Geschichte. Warum ist es wichtig, ihre Geschichte 2021 noch zu erzählen?

Zum einen, weil erzählte Geschichte bildet und dankbar werden lässt. Zum anderen, weil diese Geschichten Mut machen, sich nicht mit Gegebenheiten abzufinden, sondern zum Aufstehen bewegen und dazu, für unsere Demokratie und die Glaubensfreiheit einzutreten. Bausoldaten waren sehr engagiert, als es um die Wende ging. Sie waren wichtig dafür, dass die neuen Länder in der Bundesrepublik ankamen

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Thomas Weigel ist Geschäftsführer vom netzwerk-m. Die Organisation verbindet christliche Jugend-, Sozial- und Missionswerke und Kirchen und begleitet jährlich über 800 junge Menschen in Freiwilligendiensten. Er lebt mit seiner Familie bei Kassel. Weigel ist Autor des Buchs „Ausgangssperre – Bausoldaten im Koloss von Prora“ (Concepcion Seidel).

Die Fragen stellte Rüdiger Jope.

Der tödlich verheiratet war

Pfarrer Jochen Klepper drehte den Gashahn auf

Die werden doch einem prominenten Schriftsteller und deutschen Soldaten nicht die Frau wegnehmen!“ Davon ist Jochen Klepper überzeugt, als er am 10. Dezember 1942 einen Termin beim Chef des NS-Sicherheitsdienstes, Adolf Eichmann, bekommt. Der schüttelt den Kopf: „Bei rassischen Mischehen wird ab sofort die Zwangs-Scheidung veranlasst. Und anschließend die Deportation des jüdischen Partners. Ich kann da keine Ausnahme machen.“

KRÄNKLICH UND ZART BESAITET
Klepper wurde geboren am 22. März 1903 als Sohn des schlesischen Landpfarrers Georg Klepper in Beuthen an der Oder. Sein Vater ist so, wie man sich um die Jahrhundertwende ein „gestandenes Mannsbild“ wünscht: stattlich, dominant, von polternder Lebensfreude. Aus dem Beuthener Pfarrhaus dröhnt zackige Marschmusik. Georg Klepper besitzt als einer der ersten im Ort ein knatterndes Automobil – was viele kopfschüttelnd missbilligen – und führt seinen Gästen die neueste Technik vor: einen elektrischen Projektor für Stummfilme! Von Mutter Hedwig erbt Jochen die künstlerische Seite: den Geschmack für elegante Kleidung, Stil-Möbel und extravagante Bilder. Als Kind hat Jochen Asthmaanfälle, ist oft krank. Das macht ihn zum besonders umhegten Sorgenkind seiner zartbesaiteten Mama. Der Junge zeichnet und singt. Er bastelt ein Puppentheater mit annähernd 300 Figuren und mag nicht mit dem derb-raubeinigen Vater auf Fuchs- und Kaninchenjagd gehen. Was in der Pubertät zu heftigen Krächen führt. Zitat: „Vater und ich haben in großen Erregungen und Leiden aneinander erfahren, was Sünde und Gnade ist.“ Dürfen Väter von ihren pubertierenden Söhnen enttäuscht sein? Ja. Gab Georg Klepper die Liebe und die Hoffnung auf, dass aus dem Muttersöhnchen noch was wird? Nein.

Ab 1917 wohnt der junge Gymnasiast Jochen Klepper bei seinem Französischlehrer in Breslau (heute Wroclaw). Zu ihm entwickelt sich ein hochkompliziertes Verhältnis von homoerotischer Zuneigung. In den Varieté-Teatern und Tanzpalästen der Stadt treten die großen Entertainer der „Roaring Twenties“ auf: Der Zirkusclown Charlie Rivel, der Jongleur Enrico Rastelli, der Sänger und Spaßvogel Otto Reutter. Jochen fühlt sich zu Künstlern und Exzentrikern hingezogen, genießt die Provokationen der Freigeister. 1922 ist er Student der Theologie in Erlangen, eilt aber direkt aus einer Römerbrief-Vorlesung in die Garderobe von Asta Nielsen, der dänischen Stummfilm-Diva. Mitstudenten erinnern sich, dass Klepper stets einen Wappenring am Finger, ein parfümiertes Taschentuch in der Hand und daheim in der Studentenbude zierliche Häkeldeckchen und Porzellandöschen hatte. Mussten seine Eltern fürchten, dass ihr Sohn schwul ist? Ja. Gab es für sie und für Jochen selbst eine Möglichkeit, dies als genetische Veranlagung oder biografsche Prägung anzunehmen? Nein.

ZWEI EINSAME IM GLÜCK
Klepper arbeitet als Redakteur beim Rundfunk, betreut Autoren wie Albert Schweitzer und Martin Buber und wohnt zur Untermiete bei einer 39-jährigen Witwe: Hanni Gerstel-Stein. Sie ist Jüdin, hat zwei kleine Töchter und ist 13 Jahre älter als Jochen. Die beiden kommen sich näher. Ihre standesamtliche Trauung am 28. März 1931 und ihren Umzug von Breslau nach Berlin-Nikolassee nennt er „Die Rettung von zwei Vereinsamten als Gang durch eine große offene Tür“. Klepper schreibt: „Ohne Gott bin ich ein Fisch am Strand / ohne Gott ein Tropfen in der Glut / Ohne Gott bin ich ein Gras im Sand / und ein Vogel, dessen Schwinge ruht. / Wenn mich Gott bei meinem Namen ruft / bin ich Wasser, Feuer, Erde, Luft.“

Seit dem 30. Januar 1933 ist Adolf Hitler an der Macht. Der fromme Radiomacher wird fristlos gefeuert. Hannis Vermögen ist aufgebraucht. Dass sie als 43-Jährige kein gemeinsames Kind mit Jochen mehr kriegen wird, ist auch klar. Zitat Jochen: „Habe das Empfinden eines unfruchtbaren Daseins. Wir sind zwei übriggebliebene Menschen.“ Hat sich der arbeitslose und kinderlose junge Mann aufgegeben? Nein. Hat er im Klagen, Bitten und Beten Trost gefunden? Ja. „Seit 1935 versuche ich mich an Kirchenliedern“, notiert er, „leicht singbare, aber literarisch und theologisch anspruchsvolle Texte sollen es sein.“

Im Herbst 1938 erscheint der Lyrik-Band „Kyrie“ mit 29 Liedern. Es wird im Laufe von 14 Auflagen für viele Christen eine Art Trostbuch. Warum? Weil er die Lieder an sich selbst „getestet“ hat. Zitat: „Die dritte Nacht ohne Schlafmittel überstanden. Das muss am Abendlied liegen.“ Albträume, real und tagsüber, haben jetzt Hanni und ihre Töchter: „Juden werden nicht bedient“, steht an Geschäften und Restaurants. Im Frühjahr 1937 erscheint Jochens Roman über Kaiser Wilhelm I. Titel: „Der Vater.“ Ein Mega-Bestseller. Nazis lesen es als Glorifzierung deutscher Geschichte. Oppositionelle lesen es als wohltuende Flucht in eine bessere Vergangenheit. Adolf Hitler verschenkt es an Staatsgäste. Jetzt hagelt es plötzlich Einladungen. Jochen Klepper liest und referiert an Universitäten, in Kirchen und Buchläden. Sein Vermögen aus Buchlizenzen beträgt rund 26.000 Reichsmark. Die Not hat ein Ende. Und auch privat erfüllt sich ein sehnlicher Wunsch: Hanni lässt sich am 18. Dezember 1938 taufen und kirchlich trauen, sieben Jahre nach der standesamtlichen Trauung. Erstmalig gehen sie als Eheleute gemeinsam zum Abendmahl. Tochter Brigitte ist sicher nach England emigriert. „Es ist Weihnachten geworden!“, jubelt Jochen.

ZWANGSTOD IM ADVENT
Anfang Dezember 1942 aber kommt der befürchtete Behördenbrief: Renate „Sara“ Stein-Klepper, die jüngste Tochter, soll ihre Wohnung räumen und sich zum Abtransport bereithalten. Am selben Tag ein Anruf aus Stockholm: Reni sei die Einreise nach Schweden bewilligt. Achterbahn der Gefühle! Aufgrund seiner Popularität bekommt Klepper einen Termin bei Adolf Eichmann. Der sagt ihm ganz simpel: „Ihre Tochter darf nach Schweden, Ihre Frau kommt ins KZ und Sie können doch gerne weiterschreiben. Wir freuen uns schon auf den nächsten Roman.“ Am Morgen des 11. Dezember 1942 findet die Haushälterin einen Zettel an der Tür: „Vorsicht Gas.“ Auf dem Küchenfußboden liegen eng umschlungen Hanni und Reni Stein, daneben mit offenen Augen Jochen Klepper. Rund 75 Jahre nach diesem Suizid, der eben kein „Freitod“, sondern ein „Zwangstod“ war, stehen 13 Lieder von Jochen Klepper im evangelischen Kirchengesangbuch, 8 in freikirchlichen Liederbüchern. Neben dem robusten Dietrich Bonhoeffer verehren Christen zu Recht auch den fragilen Jochen Klepper als Märtyrer ihres Glaubens.

Andreas Malessa ist Hörfunk- und Fernsehjournalist bei mehreren ARD-Anstalten.

Neuen Mut für Europa

SERIE: POLITIKBETRIEB VON INNEN
Das gefährdete Projekt „Freiheit, Menschlichkeit und Frieden“

Wahrscheinlich ist es eine Generationenfrage, dachte ich. Knapp zwei Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs geboren, stehen mir die Schilderungen meiner Mutter bis heute vor Augen: die Schrecken der Flucht. Als Achtjährige musste sie Vertreibung, Hunger, Gewalt und Vergewaltigung über sich ergehen lassen. „Nie wieder Krieg!“ hat sich meiner Generation eingebrannt.

DIE ERINNERUNG WACHHALTEN
Und tatsächlich: Meine Kinder wachsen im Frieden auf. Seit 73 Jahren hat Westeuropa keinen Krieg mehr gesehen. In der jüngeren deutschen Geschichte ist das eine einmalige Zeitspanne. Wie wenig selbstverständlich dieser Frieden ist, zeigt ein Blick auf den Balkan oder in den Nahen und Mittleren Osten. Ohne die Einbindung in die Europäische Union hätten wir das nicht erlebt. Auch die Wiedervereinigung hätte es nicht gegeben, zu groß waren die Befürchtungen, ein neues „Großdeutschland“ würde den Frieden (erneut) gefährden. Dennoch beginnt das Projekt Europa zu bröckeln. Eurokrise, Flüchtlingsströme, Brexit sind die Stichworte. Europakritische, nationalistische Parteien erstarken in allen europäischen Ländern. Wahrscheinlich ist es eine Generationenfrage, dachte ich, die Erinnerung geht verloren.

Doch nun las ich am 3. Mai 2018 in der zweiten Europäischen Jugendstudie, die das Meinungsforschungsinstitut YouGov im Auftrag der TUI Stiftung erstellt hat: „Wenn morgen ein Referendum über die EU-Mitgliedschaft des jeweiligen Landes stattfinden würde, würden 71 Prozent der Befragten gegen einen Austritt stimmen, 2017 waren es nur 61 Prozent. In Deutschland sind es sogar 80 Prozent (2017: 69 Prozent).“

Das ist so überraschend wie eindeutig: Gerade bei jungen Europäern wächst die Zustimmung zur EU wieder. „Die Ergebnisse der Studie zeigen: Europa erlebt ein Comeback bei jungen Menschen. Der Brexit hat wachgerüttelt. Wir reden wieder über Stärken, Chancen und Errungenschaften. In einer Welt, die an vielen Orten in Unruhe ist“, kommentiert Thomas Ellerbeck, Vorsitzender des Kuratoriums der TUI Stiftung.

So kann man sich täuschen. Zum Glück, wie ich finde. Allerdings: Das Projekt Europa ist damit noch nicht zukunftsfest gemacht. Wer die Zukunft gestalten will, muss die Vergangenheit kennen. Um Früchte zu ernten, braucht man Wurzeln. Daher ein Blick zurück: Drei geistesgeschichtliche Traditionen haben Europa im Wesentlichen geprägt: die griechische Philosophie, das römische Recht und der christliche Glaube.

DIE TRADITIONEN KENNEN
Christliche Traditionen gehören zu Europa. Empirisch wie historisch. Dazu noch mal eine Umfrage, von Eurobarometer 2012: 72 % der Menschen in Europa bezeichnen sich als christlich, 23 % als Atheisten oder Agnostiker, 2 % als muslimisch und weniger als 1 % als Buddhisten, Sikhs, Hindus oder Juden. Auch wenn die Zahl der Muslime insbesondere seit dem starken Flüchtlingszustrom von 2015 deutlich gestiegen ist, zeigt dieses Ergebnis deutlich: Der christliche Glaube bleibt für die große Mehrheit der Europäer nach wie vor identitätsstiftend. Wie emotional dieses Thema auch in Deutschland besetzt ist, zeigt etwa die heftige Debatte um das Anbringen von Kreuzen in bayrischen Amtsstuben, die Markus Söder im Frühjahr 2018 ausgelöst hat. D

ie Bedeutung der christlichen Wurzeln zeigt die Verleihung des Karlspreises, mit dem Menschen geehrt werden, die sich um Europa und „Freiheit, Menschlichkeit und Frieden“ verdient machen. Namenspatron ist Karl der Große (768-814 n. Chr.). Er ist wohl der Erste, der den Gedanken der europäischen Einigung formuliert hat: „Karl der Große hatte Gelehrte aus ganz Europa um sich versammelt, die die Höhe der Bildung jener Zeit widerspiegelten. Zum Werk der Konsolidierung im Inneren des Reiches gehörte auch der Ausbau der Verwaltung und der Justiz sowie eine einheitliche Gesetzgebung. Karls besonderes Augenmerk galt dem christlichen Glauben, den er als entscheidende Klammer für die Einheit des Reiches betrachtete.“ (www.karlspreis.de)

Hat das Christentum auch im 21. Jahrhundert noch die Kraft, eine solche Klammer zu sein? Ich denke: Ja. Konzepte wie die individuelle Würde des Menschen oder die des Sozialstaates wurzeln in der biblischen – und damit der gemeinsamen jüdisch-christlichen – Tradition: Der Mensch ist das Ebenbild Gottes, der Staat hat die Aufgabe, ihn zu schützen.

DIE WURZELN BEJAHEN
Allerdings gehören Aufklärung und Rechtsstaatlichkeit dabei notwendig an die Seite des Christentums, damit sich dessen dunkle Seiten nicht wiederholen. Denken wir nur an den Dreißigjährigen Krieg, dessen Ausbruch sich 2018 zum vierhundertsten Male jährt. Die christlichen Konfessionen haben sich brutal bekämpft, mehr als ein Drittel der Bevölkerung Europas wurde ausgelöscht. Oder denken wir an die Rolle der Deutschen Christen im Dritten Reich und an den kirchlich legitimierten Antisemitismus. Die Stärke eines aufgeklärten Christentums dagegen ist die Selbstreflexion: Es kennt seine Werte – und sein Versagen. Diese Wurzeln dürfen nicht verkümmern. Sie zu pflegen, ist tatsächlich eine Generationenfrage. Nämlich die Frage, wie wir Älteren Glauben und Werte an die nächste Generation weitergeben.

Uwe Heimowski (54) vertritt die Deutsche Evangelische Allianz als deren Beauftragter beim Deutschen Bundestag in Berlin. Er ist verheiratet mit Christine und Vater von fünf Kindern.