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Sven Hannawald springt Ski vor der Kulisse der Zugspitze. (Foto: Christof Stache)

Sven Hannawald: Skisprungheld stürzt vom Siegerpodest in die Depression

Nach seinem Triumph bei der Vierschanzentournee 2002 holt ein Burnout samt Depression den Skispringer Sven Hannawald ein. Wenn er nicht rechtzeitig in eine Klinik gegangen wäre, würde er heute nicht mehr leben, ist Hannawald überzeugt.

Hallo Sven, nach dem Absprung fliegt ein Skispringer etwa drei Sekunden durch die Luft. Beim Skifliegen sind es sogar acht Sekunden. Wie fühlt sich das an?

Beim Fliegen ist das Schwerelose so besonders. Als Skispringer lebt man den Traum des Menschen, fliegen zu können – ohne Motor. Wir spielen mit den Lüften, das ist unheimlich toll und speziell. Ich wollte immer so weit fliegen wie möglich.

Warst du glücklich, nachdem dein Kindheitstraum in Erfüllung ging und du alle vier Springen der Vierschanzentournee 2002 gewonnen hattest? Vor dir war das noch keinem anderen Skispringer gelungen.

Ich habe jahrelang auf das Ziel, die Tournee zu gewinnen, hingearbeitet. Es war erlösend und befreiend, es geschafft zu haben. Als Erster einen Vierfachsieg zu holen, war unglaublich. Schon als kleiner Junge hatte ich den Traum, die Tournee zu gewinnen. Im Nachhinein habe ich aber auch gemerkt, was ich dafür meinem Körper antun musste. Nachträglich würde ich trotzdem nichts ändern. Der Gewinn war mir wichtiger als eventuelle körperliche Probleme.

„Nach dem großen Erfolg war mir alles zu viel“

Zwei Jahre nach dem Gewinn der Vierschanzentournee und einer Goldmedaille bei den Olympischen Spielen in Salt Lake City 2002 hast du die Diagnose Burnout mit mittelschwerer Depression bekommen. Nach einer Behandlung in einer Spezialklinik hast du 2005 deine Karriere als Skispringer beendet. Wie kam es zu deinem Burnout und der Depression?

Ich bin sehr perfektionistisch und ehrgeizig. Nach einem Springen oder dem Krafttraining habe ich meinem Körper zwar physische Pausen gegeben, aber keine psychischen. Ich habe immer ans nächste Springen gedacht. Das war wichtig, um zu gewinnen, aber es gab keine Balance in meinem Leben. Nach dem großen Erfolg war mir alles zu viel und ich habe mich unheimlich schwergetan, weiter dranzubleiben. Mein Körper hatte dem Erfolg zu viel Tribut gezollt.

Mit welchen Symptomen haben sich der Burnout und die Depression geäußert?

Es hat mit Müdigkeit angefangen. Normalerweise schläft man und geht in den Urlaub, um sich zu erholen. Ich habe mich nach zwei Wochen Urlaub aber immer noch so gefühlt, wie zu dem Zeitpunkt, als ich in den Flieger gestiegen und hingeflogen bin.

Früher hatte ich schon zwei Tage nach Saisonende wieder ein inneres Feuer, mit dem Training anzufangen – um mir einen Vorsprung zu erarbeiten. Von Saison zu Saison wurde der Zeitraum immer größer, bis ich wieder das innere grüne Licht bekommen habe. Da war ich dann in einer mir selbst auferlegten Bringschuld: Eigentlich müsste ich mit dem Training anfangen, aber ich hatte noch gar keine Lust.

Mein „Ich muss jetzt trotzdem trainieren“-Anspruch hat eine Unruhe in mich reingebracht. Ich war komplett überfordert, weil die Unruhe und Abgeschlagenheit sich nicht zurückzogen. Wenn ich nach oder vor einem Wettbewerb in meinem gewünschten Einzelzimmer war und eigentlich meine Ruhe hatte, kam ich mit der inneren Unruhe nicht klar.

„Ich habe anderthalb Jahre lang alle möglichen Ärzte aufgesucht“

Wie bist du mit dieser Unruhe umgegangen?

Ich wurde kirre im Kopf, weil ich nicht wusste, was ich tun sollte, damit es mir endlich besser ging. Egal, was ich gemacht habe, es wurde nicht besser. Ich hatte gar nicht die Ruhe, mich auszuruhen. Stattdessen bin ich der Unruhe gefolgt und habe eher wieder mehr gemacht, um das Gefühl der Unruhe zu übergehen.

Dann habe ich mich einen Moment gut gefühlt, weil ich was gemacht habe. Der Frust war für kurze Zeit weg, aber ich war dann noch müder. Das war ein Kreislauf, der stetig nach unten ging. Ich habe dann anderthalb Jahre lang alle möglichen Ärzte aufgesucht und keiner hat was gefunden.

Nach dem Ärztemarathon bist du in einer Klinik gelandet. Den Komiker Torsten Sträter hat es viel Überwindung gekostet, sich in Therapie zu begeben. Bei dir scheint das nicht der Fall gewesen zu sein. Warum?

Das lag daran, dass ich aus dem Einzelsport komme. Ich wusste dementsprechend, dass ich zu 140 Prozent fit sein muss oder keine Chance auf einen Sieg habe. Meine damalige Verfassung hat nicht mal für den Continental Cup, also die zweite Liga, gereicht. Ich war 30 und mir war klar, dass ich noch maximal bis 33 Skispringen kann und mir somit die Zeit davonläuft. Deshalb wollte ich keine Zeit verschwenden und das Problem direkt lösen.

„Es war tränenreich“

Wie war es in der Klinik?

Viele sagen: „Oh, bloß keine Klinik! Ich hab ja keinen an der Klatsche!“ Aber ich habe das gleich so gesehen, dass die Klinik wirklich eine neutrale Oase ist, wo ich wieder den Boden unter die Füße bekommen kann. Ich hatte dort viele gute Gespräche, wo auch meine Gefühlsebene zur Sprache kam, die ich in meiner Skisprungkarriere lange wegdrücken musste.

In der Klinik konnte ich meinem Körper und meiner Seele das geben, was sie gebraucht haben – ohne Leistungsdenken. Es war tränenreich, aber hat sich unglaublich gut angefühlt. Nach fünf Wochen war ich wieder bereit für die große weite Welt. Ich habe mich wieder gespürt und Lust gehabt, etwas zu unternehmen. Es war neues, frisches Leben in mir.

Welchen Wert misst du Freundschaften im Kampf gegen Depressionen bei?

Es ist unheimlich wichtig, Vertrauenspersonen wie Freunde und Familie zu haben, denen man sich öffnen kann. Man hat oft das Gefühl, ein Verlierer des Lebens zu sein, was aber überhaupt nicht so ist. Dementsprechend sind enge Vertraute wichtig, die einem Rückhalt geben. Meistens ist das Umfeld aber überfordert damit, alles aufzufangen und in die richtige Richtung zu arbeiten. Da gilt es dann, professionelle Hilfe zu suchen.

„Das kann nur jemand nachvollziehen, der eine Depression erlebt hat“

Der Fußball-Torwart Robert Enke nahm sich 2009 das Leben. Er hatte seit 2002 immer wieder Depressionen – hervorgerufen durch Versagensängste und Selbstzweifel. Hätte es bei dir ebenfalls so enden können?

Ja. Definitiv. Wenn ich 2004 noch mal sechs Jahre mit Skispringen weitergemacht hätte, dann wäre ich mit Sicherheit an diesen Punkt gekommen. Das kann nur jemand nachvollziehen, der eine Depression erlebt hat. Man will das ganze Psychische, was in einem rumfliegt, einfach nur loswerden. Bei mir war es nur eine kurze Zeit, wo ich das so extrem gemerkt habe. Ich bin dann zum Glück dem Rat meiner Ärzte gefolgt und in eine Klinik gegangen.

Nachdem du aus der Klinik raus warst, bist du noch einige Jahre in Therapie gegangen. Wann hast du dich wieder gesund gefühlt?

Mir hat es geholfen, mit dem Rennsport wieder eine Aufgabe zu finden. Skispringen konnte ich nicht mehr, weil mein Körper jedes Mal in der Nähe einer Schanze Stresssignale ausgesandt hat. Der Rennsport war das letzte Puzzleteil, um mich wieder glücklich zu fühlen.

Ich habe eine Aufgabe gebraucht. Davor hatte ich nichts, wo ich gemerkt habe, dass ich für etwas geschaffen bin. Ich bin morgens aufgestanden, habe den Tag genossen, gegessen und bin wieder ins Bett. Ohne Aufgabe ist es für einen Menschen einfach schwierig zu leben.

„Zeit mit meiner Familie hat Priorität“

In deinem Buch „Mein Höhenflug, mein Absturz, meine Landung im Leben“ schreibst du, dass du jetzt auf einem soliden Fundament stehst. Was ist dein Fundament?

Meine Familie. Meine Frau und meine beiden Kinder, die ich als meine Oase ansehe. Darauf baue ich jetzt alles auf. Zeit mit meiner Familie hat Priorität. Wenn Termine mit Familienzeit oder Urlaub kollidieren, sage ich sie ab oder verschiebe sie.

In einem Welt-Interview hast du gesagt, dass du gläubig bist. Welche Rolle hat der Glaube in deinem Heilungsprozess gespielt?

Und wie wichtig ist er für dich heute? Ich bin in Ostdeutschland aufgewachsen, da war Kirche kein großes Thema. Trotzdem glaube ich, dass jemand auf mich aufpasst, mir so ein bisschen auf der Schulter sitzt und gewisse Dinge zulässt oder auch nicht. Das gibt mir das Gefühl, nicht allein zu sein, sondern meinen Weg gemeinsam mit jemand anderem zu gehen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Die Fragen stellte MOVO-Volontär Pascal Alius.

 

Anlaufstellen bei Depressionen:

Grundsätzlich ist der Hausarzt der erste Ansprechpartner für die Diagnostik und Behandlung von Depressionen. Bei Bedarf überweist er an einen Facharzt bzw. psychologischen Psychotherapeuten. In Notfällen, z. B. bei drängenden und konkreten Suizidgedanken, bitte an die nächste psychiatrische Klinik oder den Notarzt unter der Telefonnummer 112 wenden. Der Sozialpsychiatrische Dienst bietet Beratung und Hilfe für Menschen mit psychischen Erkrankungen und deren Angehörige an.

www.deutsche-depressionshilfe.de
www.143.ch
www.depression.at

Symbolbild: Getty Images / E+ / VioletaStoimenova

Arzt ist überzeugt: Ein Ruhetag die Woche verbessert die Intimität in Beziehungen

In der heutigen Leistungsgesellschaft ist kein Platz mehr für Ruhe. Der Arzt Jonathan Häußer bedauert das, denn: Ein Tag ohne Arbeit verbessert Gesundheit wie Partnerschaft.

Du sollst aus dem Ruhetag keine Wissenschaft machen. So oder so ähnlich heißt es doch im dritten der Zehn Gebote. Okay, vielleicht war es auch „Gedenke an den Ruhetag und heilige ihn!“. Aber warum eigentlich? Manche behaupten ja, es sei das Gebot, das am meisten missachtet wird. Wir scheinen dem also als Gesellschaft keinen so großen Stellenwert beizumessen. Zwar sind am Sonntag viele Geschäfte geschlossen, aber so richtig Ruhe? Wer braucht das schon?

Aber seien wir mal ehrlich. Irgendwann müssen wir uns erholen. Und zumindest ich bin davon überzeugt, dass Gottes Gebote nicht dazu da sind, um uns zu drangsalieren. Am Ende geht es uns besser, wenn wir uns daran halten. Trifft das auch auf den Ruhetag zu? Ist es sogar gut für unsere Gesundheit? Vielleicht müssen wir doch aus dem Ruhetag eine Wissenschaft machen. Wir schauen uns zumindest mal an, was die Forschung dazu zu sagen hat.

Es gibt einige interessante Untersuchungen. Ein Ruhetag scheint dabei viele Bereiche zu berühren. Er wirkt sich sowohl physisch als auch psychologisch, sozial, kulturell und auf unsere Umwelt aus.

Ruhetag verbessert unser Wohlbefinden

Ein Ruhetag hilft uns, uns auf das zu fokussieren, was wirklich wichtig ist im Leben. Wer sagt schon am Ende seines Lebens: „Hätte ich mal mehr gearbeitet“? Also können wir uns die Arbeit an einem Tag guten Gewissens sparen. Meistens sind es andere Dinge, die zu kurz kommen.

Wer einen Ruhetag einhält, hat tendenziell eine bessere psychische Gesundheit. Aber Sie sollten das aus eigenem Antrieb tun und nicht, weil man es von Ihnen erwartet. Wenn man andere damit zufriedenstellen möchte, hat es eher negative Auswirkungen auf die Psyche.

Beziehungen leben auf

Ein Ruhetag bietet uns eine Gelegenheit, Beziehungen zu priorisieren und wieder mit unseren Familien und Freunden Kontakt aufzunehmen. Interessanterweise berichten auch Verheiratete, die einen Tag ruhen, von einer größeren Intimität in ihrer Beziehung. Zudem bietet so ein freier Tag Zeit, um anderen zu helfen.

Eine positive Einstellung gegenüber dem Ruhen ist mit einer besseren körperlichen Gesundheit und besserem Schlaf verbunden. Allerdings hat man z. B. bei orthodoxen Juden festgestellt, dass die Kalorienaufnahme insbesondere bei Übergewichtigen am Sabbat höher war.

Bei Adventisten, wo ein gesunder Lebensstil eine hohe Priorität hat, kann es hingegen dazu führen, dass man selbst diesen gesunden Lebensstil mehr und mehr annimmt. Bei der körperlichen Gesundheit kann ein Ruhetag also sowohl positive als auch negative Auswirkungen haben.

Rest der Woche positiv beeinflussen

Halten wir fest: Ein Ruhetag kann das psychische Wohlbefinden verbessern und Beziehungen bereichern. Zudem berichten viele davon, dass ein Ruhetag einen positiven Einfluss auf den Rest der Woche hat. Da die meiste Forschung aber an religiösen Menschen durchgeführt wurde, bleibt unklar, wie die Auswirkungen bei säkularen Menschen sind.

Ich habe erst vor Kurzem angefangen, bewusst einen Tag zu ruhen. Vorher hatte ich neben der Arbeit noch einige zusätzliche Projekte am Laufen und das Ganze hat sehr viel Zeit eingenommen. Auch Beziehungen sind in dieser Zeit zu kurz gekommen. Also habe ich aufgehört, sonntags zu arbeiten.

Gemeinschaft viel mehr genießen

Es fiel mir anfangs zwar schwer und ich hatte erst befürchtet, ich würde mich langweilen. Aber mittlerweile – eigentlich schon von Anfang an – gefällt es mir sehr gut. Einfach mal entspannt nach dem Gottesdienst zusammensitzen, ohne im Hinterkopf zu haben, dass man noch irgendwas erledigen muss. Ich konnte die Gemeinschaft viel mehr genießen. Und was erledigt werden muss, das muss ich dann entweder am Tag davor tun oder eben erst am Montag.

Wie Sie Ihren Ruhetag gestalten, hängt ganz von Ihnen ab. Für mich ist es zum Beispiel in Ordnung, auch am Ruhetag Dienste in der Kirche zu übernehmen. Ob ich das auch langfristig so handhaben werde, weiß ich noch nicht. Mir war es wichtig, erst mal anzufangen und ein bisschen Erfahrung zu sammeln.

Mit der zusätzlichen Zeit kann man in sich gehen und sich Gedanken machen, wie man den Ruhetag dann in Zukunft gestalten will. Ich kann Sie nur ermutigen, dem Ruhen auch in Ihrem Leben Platz zu geben. Am Ende wird es nicht nur Ihnen, sondern auch den Menschen um Sie herum guttun.

Jonathan Häußer ist Arzt und Sportwissenschaftler und fühlt sich vor allem in der Sport- und Ernährungsmedizin zu Hause. In seiner Freizeit ist er auch selbst sehr aktiv. Wenn er nicht gerade bei der Arbeit ist oder durch den Wald läuft, ist er häufig in der Gemeinde ICF Hamburg zu finden.

Opernsänger John Treleaven. (Foto: Lawrence Richards)

John Treleaven singt sich vom Fischerdorf auf die Opernbühne – dann zerstört der Alkohol beinahe seinen Traum

Für den britischen Opernsänger John Treleaven zählt nur die Kunst. Wenn es ihm zu viel wird, trinkt er ein paar Bier – bis er mit 40 lebensgefährlich erkrankt.

„Ich habe nicht gewusst, wie sehr das unter die Haut gehen würde! Aber es war eine wunderschöne Zeit!“, sagt John Treleaven im Rückblick auf die knapp vier Wochen, die er zusammen mit seinem Sohn Lawrence im Sommer 2018 in Cornwall verbracht hat. Als Sohn eines Fischers kam er in dem winzigen Dorf Porthleven vor 71 Jahren auf die Welt. Dass er eines Tages in London Gesang studieren und danach auf den großen Opernbühnen der Welt zu Gast sein würde, konnte damals keiner ahnen.

Dieser Lebensweg und der tiefe Glaube an Gott durch alle Krisen hindurch faszinierten Sohn Lawrence schon immer. Seit er angefangen hatte, Film zu studieren, stand für ihn fest: „So eine Heldengeschichte funktioniert auch im Kino. Eines Tages mache ich einen Film über meinen Vater!“ Von da an begleitete er seinen Vater immer wieder zu besonderen Auftritten, filmte Backstage, befragte Opernkollegen und Vorgesetzte.

Der rote Faden fehlt

Jede Menge Filmmaterial kam zusammen. Aber der „rote Faden“ für die Handlung fehlte ihm und es gab noch ein „Problem“, erinnert sich der heute 40-Jährige: „Mein Vater war damals noch so tief in seiner Berufswelt, dass er nicht bereit war, sich als Privatperson zu präsentieren, und er hätte aufpassen müssen, dass er nicht über gewisse Sachen spricht, die ihm hätten schaden können.“

Aber der richtige Zeitpunkt würde kommen, da war er sicher. Weil er mit seiner Produktionsfirma „indievisuals“ so ein Projekt nicht alleine stemmen konnte, holte er sich Unterstützung bei den Kollegen von MAPP Media GmbH. Zusammen mit der Dramaturgin Rebecca – die heute seine Frau und Mutter seines Sohnes ist – entwickelte er ein stimmiges Konzept.

Einzelzimmer gab es aus Kostengründen nicht

Das Kernstück des Films sollte eine gemeinsame Reise von Vater und Sohn nach Cornwall sein. Die finanziellen Mittel kamen durch die Filmförderung von Hessenfilm, die Kulturförderung Rheinland-Pfalz und eine aufwendige Crowdfunding-Aktion zusammen.

Im Juli 2018 ging die Reise los. Vater und Sohn fuhren aber nicht alleine nach Cornwall, sondern zusammen mit einer dreiköpfigen Filmcrew. Das Budget war knapp und so reisten sie zu fünft im Multivan, der bis auf den Dachgepäckträger mit Technik und Filmequipment vollgepackt war. Einzelzimmer gab es aus Kostengründen nicht.

Sohn über Vater: „Er ist supercool geblieben“

Lawrence lernte seinen Vater von einer neuen Seite kennen: „Er ist supercool geblieben, die ganze Zeit. Obwohl es sauanstrengend war. Und es war krass, wie positiv mein Vater immer geblieben ist! Wir waren auf engstem Raum zusammen. Da gab es immer mal wieder Stress im Team. Aber wenn mein Vater kam, war es nicht ein einziges Mal stressig. Er hat alle so positiv beeinflusst am Set!“ Auch Vater John entdeckt bisher Unbekanntes am Sohn: „Ich konnte ihn als Profi beobachten! Das war für mich ein neues Erlebnis. Er war ziemlich schweigsam bei der Arbeit. Wir haben ihn ‚One-Word-Lawrence‘ genannt. Ich konnte täglich sehen und erleben, wie er funktioniert!“

Lawrence stand während des Drehs mächtig unter Druck. Viele Leute hatten Geld gespendet für den Film „Son of Cornwall“, da musste er liefern. Außerdem war er Produzent, Regisseur, manchmal sogar Kameramann und immer zweitwichtigste Person vor der Kamera.

„Ohne Gott wäre ich heute wahrscheinlich tot“

Wie bei einer Dokumentation üblich, gab es kein Drehbuch, sondern die Drehorte gaben das Thema vor. Diese Rechnung ging in einem besonderen Fall nicht auf, erinnert sich Lawrence: „Als wir in der Kirche in Porthleven zusammengesessen haben, wollte ich natürlich mit ihm über seinen Glauben reden. Also fragte ich ihn: ‚Wieso glaubst du so stark?‘ Dann hat er gesagt: ‚Ohne Gott wäre ich heute wahrscheinlich tot.‘ Unter Tränen hat er über seine Alkoholsucht gesprochen! Das wollten wir eigentlich erst später in der Kneipe thematisieren. Aber in diesem Moment habe ich verstanden, wie sehr der Glaube meinem Vater aus der Sucht herausgeholfen hat.“

Alkohol war für John Treleaven seit Teenagerzeiten ein „treuer Begleiter“. Es war ganz normal, mit seinem Vater in der Kneipe von Porthleven ein Bier zu trinken. Während des Gesangsstudiums und später als gefeierter Operntenor griff er auch oft zur Flasche. „Wenn es irgendwie eng wurde, wenn es mir zu viel wurde, trank ich ein paar Bier, Whiskey, egal was, und dann war das Leben für mich wieder leichter zu handhaben!“, so bringt er es heute auf den Punkt.

Mit vierzig lebensgefährlich erkrankt

Wenn ein Arzt ihm vor Augen hielt, dass der Alkohol ihm massiv schade, dann suchte er sich einen anderen. Für ihn zählte nur die Kunst. Bis er mit vierzig lebensgefährlich erkrankte. Zusammen mit seiner Frau Roxane beschloss er, einen Entzug zu machen.

Erst als sein Vater für einige Wochen in der Klinik war, verstand der damals neunjährige Lawrence, dass sein Vater alkoholkrank war. Das Familienleben war immer harmonisch verlaufen, der Alkohol hatte John immer lockerer gemacht, aber nie aggressiv. Als der Vater nach dem Entzug nach Hause kam, hatte er sich verändert. „Ich habe gesagt: ‚Papa, du warst viel lustiger, als du noch getrunken hast!‘ Da hat er mit mir geschimpft und ich fand das doof“, erinnert sich Lawrence.

„Ich kam an einen Punkt, da konnte ich gar nicht mehr anders als trinken“

John Treleaven holte sich Unterstützung in einer Selbsthilfegruppe. Er betete intensiv. Trotzdem hatte er immer wieder Rückfälle. Er sprach mit mehreren Pfarrern darüber, hoffte, dass sie ihm Hilfe anbieten könnten. Die Sätze, die er damals oft hörte, sind ihm noch in guter Erinnerung: „‚John, du bist Künstler, das ist bei denen eben so!‘ Und so habe ich meinen zerstörerischen Weg fortgesetzt. Ich kam an einen Punkt, da konnte ich gar nicht mehr anders als trinken. Manche sagen vielleicht, Gott hätte doch eingreifen und sagen können: ‚Hey John, du liebst mich doch! Hör auf damit!‘ Aber so handelt der liebende Gott nicht! Jeder hat die Freiheit, selbst zu entscheiden! Gott war immer bei mir. Ich habe ihn aber weggeschoben!“

Nicht zu trinken, war für ihn über Jahrzehnte ein täglicher Kampf. Heute ist er glücklich, dass er seit acht Jahren trocken ist. Für den pensionierten Opernsänger steht fest: „Dafür ist Gott verantwortlich. Jesus hat mich am Kreuz gerettet. Er ist für mich gestorben!“ Ähnliche Worte sprudelten aus John Treleaven vor laufender Kamera heraus, als er mit seinem Sohn in der alten Kirche in Porthleven war.

„Hoffnung geben“

Hat das Heldenbild, das Lawrence von seinem Vater hatte, nicht heftige Kratzer bekommen? „Nein, im Gegenteil! Durch die Reise ist er noch mehr zu meinem Helden geworden! Auf einer menschlichen Ebene“, erklärt Lawrence. Das hatte auch Auswirkungen auf die Kernaussage des Films. „Ursprünglich war meine Intention: Dem Zuschauer Hoffnung und Mut zu machen, seinem Traum zu folgen, weil ich mir immer gesagt habe: Wenn mein Vater es in diese Liga schaffen kann aus den Verhältnissen, aus denen er stammt, dann kann jeder seinen Traum erfüllen! Aber je mehr ich in diesen Film hineingestiegen bin, umso mehr merkte ich: Es ist ein Film, der den Glauben in den Vordergrund rückt und Menschen, die auch in schwierigen Situationen stecken, die vielleicht selber alkoholkrank sind, Hoffnung geben kann, dass sie es mit Gottes Kraft schaffen können.“

Die gemeinsame Reise nach Cornwall hat John Treleaven und Lawrence Richards noch enger zueinander finden lassen. Aus Vater und Sohn wurden Vertraute, die sich auf Augenhöhe begegnen und stolz aufeinander sind.

Sabine Langenbach ist kein Opernfan. John Treleaven hätte sie aber gerne mal live auf der Bühne erlebt. Die Journalistin, Speakerin und „Dankbarkeitsbotschafterin“ lebt mit ihrer Familie in Altena/Westfalen (sabine-langenbach.de).

Foto: Markus Bitsch & Pierre Dispensieri

Nordafrikanische Küche: Dieser Couscous vertreibt den Winter

Schon einmal Hühnerherzen gegessen? Zusammen mit würzigem Couscous und goldbraunem Grillgemüse hält der Frühling Einzug auf dem Teller.

Für vier Personen.

Zutaten für den Couscous:

400 g Couscous
400 ml Geflügelbrühe
1/4 Zucchini
1 rote Frühlingszwiebel
2 Knoblauchzehen
2 EL Granatapfelkerne
1 TL Tomatenmark
1 TL Harissa (Feurige Gewürzmischung aus dem Norden Afrikas)
10 ml Olivenöl
Salz, Pfeffer, Zimt (gemahlen)

Couscous zubereiten:

Den Knoblauch schälen und fein würfeln. Die Zucchini waschen und würfeln. Das Öl in einem Topf erhitzen, Knoblauch und Zucchini hineingeben und kurz anbraten. Das Tomatenmark sowie Harissa hinzugeben und mit der Brühe ablöschen. Einmal aufkochen, den Couscous unterrühren und mit Salz, Pfeffer und Zimt abschmecken. Ungefähr fünf Minuten quellen lassen, dabei immer wieder mit dem Kochlöffel auflockern. Geschnittene Lauchzwiebel sowie Granatapfelkerne unterheben.

Zutaten für die Hühnerherzen:

500 g Hühnerherzen
2 Zwiebeln
3 Knoblauchzehen
1 TL Ras el Hanout (marokkanische Gewürzmischung)
40 ml Granatapfelmelasse (Sirup gibt’s zum Beispiel im türkischen Supermarkt)
10 ml Sojasoße
Salz, Pfeffer, etwas Öl

Hühnerherzen zubereiten:

Die Herzen säubern und trocken tupfen. Zwiebeln und Knoblauchzehen schälen und nach Belieben schneiden. Öl in der Pfanne erhitzen, darin die Herzen anbraten und mit Salz und Pfeffer würzen. Zwiebel, Ras el Hanout und Knoblauch zufügen, anschwenken und mit Granatapfelmelasse sowie Sojasoße ablöschen. Die Soße durch ein Sieb in eine Pfanne geben und auf ein Drittel reduzieren. Die Herzen auf Spießchen geben und in der Soße glacieren. Das Ganze mit Salz und Pfeffer abschmecken.

Zutaten für das Grillgemüse:

400 g Aubergine
400 g Zucchini
2 Knoblauchzehen
2 Rosmarinzweige
Salz, Pfeffer, Olivenöl

Grillgemüse zubereiten:

Das Gemüse waschen und in ungefähr fünf Millimeter dicke Scheiben schneiden. Den Knoblauch schälen und grob hacken. Das Gemüse in einer Pfanne mit Olivenöl von beiden Seiten goldbraun anbraten, Rosmarin zugeben und mit Salz und Pfeffer abschmecken.

Gedankenanstoß für das Tischgespräch zum Thema „Herz über Kopf“:

Kennst du das? Dein Herz sagt Ja, dein Kopf sagt Nein?

Rezept von Markus Bitsch & Pierre Dispensieri (markusundpierre.de). Alle Rechte bleiben bei den Autoren.

Symbolbild: Getty Images / E+ / urbazon

5 einfache Tipps: So gelingt Ihr erstes Whisky-Tasting mit Freunden

Eine gemeinsame Whisky-Verkostung ist ein echtes Event. Mit dieser Anleitung werden selbst Laien zum Genuss-Experten.

„Wow – das hätte ich echt nicht gedacht, dass ein und dasselbe Getränk so ganz unterschiedlich schmecken kann!“ Ein Freund ist sehr angetan von der gemeinsamen Whisky-Verkostung, die ich für die Männergruppe unserer Gemeinde vorbereitet habe. Und in der Tat, es gibt wohl kaum ein anderes Getränk wie Whisky. Einerseits wird die Definition, was echter Single Malt Scotch Whisky ist, sehr eng gefasst; und andererseits können zwischen zwei Sorten desselben Getränks geschmacklich Welten – ja Universen – liegen. Selbst dann, wenn man sich wie ich fast ausschließlich auf Schottland bezieht (das mache ich auch in diesem Artikel – Liebhaber von irischem Whisky oder amerikanischem Bourbon mögen mir das verzeihen). Um diese Fülle der unterschiedlichen Aromen, Geschmäcker, Mundgefühle zu erforschen, lohnt es sich, Whisky nicht einfach zu trinken. Nein, er muss verkostet werden und ein solches Tasting bedarf einiger Vorbereitung. Eine kurze, pragmatische Anleitung zu einer solchen Vorbereitung will ich hier liefern.

Whiskygenuss ist kein Alkoholismus

Aber zunächst ein Wort vorneweg. Denn immer wieder begegnet mir, wenn das Gespräch mit unerfahrenen Gesprächspartnern auf Whisky kommt, schnell das Vorurteil: „Whiskygenuss hat doch mit Alkoholismus zu tun.“ Ich will keineswegs die Gefahren des Alkohols kleinreden. Es geht immer um einen maßvollen und verantwortungsvollen Umgang. Mit einer kleinen Rechenaufgabe lassen sich die Ängste jedoch sehr schnell zerstreuen: Wenn bei einem Whisky-Tasting vier Drams (20 ml) Whisky (40%vol) verkostet werden – und mehr würde ich niemals verkosten, da die Geschmacksnerven dann ohnehin nicht mehr frisch sind –, so entspricht dies einer Menge von 25,6 g reinem Alkohol. Nur zum Vergleich: Ein Glas Rotwein (13%vol) mit 250 ml enthält bereits 26 g reinen Alkohol.

Die Ausstattung: Aufs Glas kommt es an

Natürlich ist es jedem freigestellt, seinen Whisky auf seine Art zu genießen. Anstelle von einem klobigen Tumbler-Glas und Eiswürfeln empfiehlt es sich aber doch, einige Dinge zu beachten: Zunächst ist die Raumtemperatur ideal, um die größtmögliche Aromen- und Geschmacksvielfalt im Whisky zu riechen und zu schmecken. Eis oder Kältesteine sind daher nicht nötig. Als Glas empfiehlt sich ein bauchiges Glas, welches sich nach oben hin stark „verjüngt“, also enger wird. So können sich im Bauch des Glases die Aromen entfalten, entweichen aber nicht zu schnell. Ideal sind sogenannte Glencairn-Gläser oder Tasting-Gläser mit Stiel. Aber wer diese Investition scheut, für den tut auch ein kleines Weißweinglas seinen Dienst.

Die Planung: Regionen beachten

Warten die Gläser auf ihren Einsatz, gilt es, das Whisky-Tasting zu planen. Der besondere Reiz einer Verkostung kann aus meiner Sicht vor allem auf zwei Wegen gestaltet werden: Entweder verkoste ich mehrere unterschiedliche Whiskyabfüllungen einer Brennerei (oder Region) oder aber ich widme mich einer möglichst vielfältigen Reise durch unterschiedliche Regionen Schottlands.

Für Einsteiger eignet sich meiner Meinung nach eher der zweite Ansatz, da hier die aromatischen und geschmacklichen Unterschiede deutlicher ausfallen. So sind sie auch für unerfahrene Nasen bzw. Geschmacksknospen deutlich voneinander zu unterscheiden.

Grob lässt sich Schottland in vier bis fünf Whisky-Regionen einteilen: die Lowlands, die Highlands, Speyside und die Inseln (evtl. könnte man auch die Insel Islay als eigene Region bezeichnen). Jede dieser Regionen hat traditionell ihre eigenen Besonderheiten bei der Herstellung des Whiskys, sodass sie sich geschmacklich deutlich voneinander unterscheiden (auch wenn es immer wieder Ausnahmen gibt). Für ein erstes Whisky-Tasting würde ich daher empfehlen, mit drei bis vier Whiskys – je einem pro Region – zu planen. Auch andere Besonderheiten, wie rauchige Noten durch die Verwendung von getorftem Malz oder der Einfluss besonderer Fässer, können bei der Auswahl von Unterschieden berücksichtigt werden.

Jung kommt vor alt, mild vor intensiv

Sind die Whiskys ausgewählt – konkrete Vorschläge folgen unten –, ist es wichtig, sich Gedanken über die Reihenfolge der Whiskys im Tasting zu machen. Dabei sind vor allem zwei Gesichtspunkte maßgeblich: Zum einen das Alter des Whiskys – das Tasting sollte grundsätzlich von jung zu alt erfolgen –, zum anderen spielen intensive Aromen wie Rauch oder Sherry eine entscheidende Rolle, wobei darauf zu achten ist, von mild hin zu intensiv zu verkosten. Wer einen Whisky vor dem Tasting noch nicht kennt, sollte sich unbedingt in Datenbanken im Internet über diesen informieren. Dann kann er besser nach den oben genannten Kriterien eingeordnet werden.

Im Zweifelsfall ist aus meiner Sicht immer das stärkere Aroma wichtiger als das Alter. Konkret heißt das: Auch ein 14-jähriger Whisky kann sinnvollerweise vor einem 10-jährigen verkostet werden, wenn der jüngere Whisky starke Aromen wie Torfrauch oder Sherry enthält.

Chips nein, dunkle Schokolade schon

Für meinen Geschmack genauso entscheidend wie die Whiskys selbst, ist die richtige Gestaltung des Rahmens bei einem Tasting. Für einen schönen Tasting-Abend mit Freunden – alleine macht es nicht nur weniger Spaß, sondern ist auch für den Geldbeutel deutlich belastender (bei ca. 30-40 € pro Einsteigerflasche) – sollte unbedingt ausreichend Zeit zur Verfügung stehen. Snacks wie Chips oder Erdnüsse gehören für mein Empfinden nicht zu einer Whisky-Verkostung, denn sie schmälern die Fähigkeit, Aromen und Geschmacksnuancen wahrzunehmen, doch beträchtlich. Was schon eher geht, ist dunkle Schokolade, aber auch da scheiden sich die Geister. Was auch bei Puristen nicht fehlen sollte, ist ein stilles, möglichst geschmacksneutrales Wasser. Dieses kann zwischen den Whiskys getrunken werden und dient außerdem zum Verdünnen, falls ein Whisky deutlich mehr als 40%vol Alkohol enthält.

Recherche ist das i-Tüpfelchen

Außerdem bereite ich mich auf jeden Whisky auch inhaltlich vor: Ich recherchiere Hintergrundinformationen zur Brennerei und ihrer Region, zur Form der Brennblasen (denn die beeinflussen das Aroma erheblich) und schaue mir eventuell Verkostungsvideos auf YouTube an. So habe ich nicht nur den nötigen Background zum entsprechenden Whisky, sondern die Verkostung selbst wird zu einer Art Kultur- und Bildungsevent.

Beispiel-Tasting für Einsteiger

Zum Schluss ein konkreter Vorschlag für ein Tasting mit drei Whiskys für Einsteiger – dabei kann bei jedem Schritt der Verkostung zwischen zwei Whiskys ausgewählt werden:

Milder Start: 
Auchentoshan 12y (Lowlands, dreifach destilliert, sehr mild) Glenkinchie 12y (Lowlands, mild, grasig-frisch, ein idealer Sommerwhisky)

Fruchtige Mitte: 
Glenfarclas 10y (Speyside, fruchtig-würziger Whisky mit Sherrynoten) Aberlour 12y (Speyside, eine Geschmacksexplosion mit viel Sherry)

Rauchiger Abschluss
Bowmore 12y (Islay, rauchig, süß mit Sherry) Caol Ila 12y (Islay, stark rauchig, medizinisch in der Nase, aber süß im Geschmack)

Für deine eigenen Erfahrungen bei einem Whisky-Tasting mit Freunden wünsche ich „slàinte mhath“ (gute Gesundheit).

Michael Born (35) ist verheiratet mit Regine und hat zwei Söhne. Er ist Pfarrer in Laufenburg und Mitglied im Leitungsteam von churchconvention.

Symbolbild: Getty Images / E+ / Oleh_Slobodeniuk

Ob Tod, Umzug oder Jobwechsel: Warum Abschiednehmen so wichtig ist

Wenn wir Lebensabschnitte nicht angemessen beenden, kann uns das dauerhaft emotional belasten, sagt der Berater Rainer Wälde. Dabei reicht zum Loslassen oft schon ein Brief.

„Es gibt drei wichtige Regeln beim Filmemachen: Du sollst nicht langweilen, du sollst nicht langweilen, und du sollst nicht langweilen!“ Dieses Zitat stammt von Billy Wilder. Er hat das Drehbuch für etliche Filmklassiker geschrieben und oft auch die Regie geführt: „Emil und die Detektive“, „Eins, Zwei, Drei“ und „Manche mögen’s heiß“. Was mich an seiner Biografie besonders fasziniert: Billy Wilder empfiehlt, die Hälfte der Energie und Aufmerksamkeit in das Ende zu stecken – getreu dem Motto „Ende gut, alles gut“. Auch in der Biografie-Arbeit finde ich dies einen wichtigen Ansatz: Nach Möglichkeit sollten wir in Beziehungen und Projekten versuchen, ein stimmiges Ende zu finden. Doch in der Lebenspraxis fällt genau dieser Abschluss vielen Menschen besonders schwer. Hier spielen unsere Emotionen eine zentrale Rolle: Enttäuschungen führen dazu, dass unsere Seele Achterbahn fährt und wir Mühe haben, aus diesem Auf und Ab der Gefühle an der nächsten Haltestelle wieder gesund auszusteigen.

Die Frau von Heinz Rühmann antwortet – die eigene Nachbarin nicht

Dazu zwei kurze Beispiele aus meinem Leben: Unser Nachbar starb, gerne erinnern wir uns an den letzten gemeinsamen Abend auf der Terrasse. Am nächsten Tag schreibe ich einen ausführlichen Kondolenzbrief und erinnere die Hinterbliebenen an die gemeinsamen Erlebnisse. Ich drücke empathisch unsere Trauer aus. Doch leider bekomme ich keine Reaktion. Keine kurze Karte, kein Wort – Funkstille. Ich kann den Schmerz und die Trauer verstehen, doch ohne Rückmeldung bleibt etwas offen zwischen uns, eine emotionale Verbindung unbeantwortet.

Beispiel Zwei: Kurz vor seinem Tod bin ich einer der letzten Journalisten, der Heinz Rühmann in seinem Haus am Starnberger See interviewen darf. Es ist eine sehr berührende Begegnung. Der bekannte Schauspieler wirkt in unserem Gespräch ausgesprochen introvertiert und bescheiden, ganz anders, als ich ihn von der Leinwand her kenne. Als ich Monate später von seinem Tod erfahre, schreibe ich seiner Witwe einen persönlichen Brief und bedanke mich für die letzte Begegnung. Niemals hätte ich erwartet, dass seine Frau Hertha Droemer antwortet. Bei hunderten von Briefen habe ich dafür vollstes Verständnis. Doch einige Wochen später schreibt sie mir sehr bewegend eine Karte per Hand und dankt für die Anteilnahme.

Eine Freundschaft, die keine ist

Seinen letzten Film „In weiter Ferne, so nah!“ drehte Heinz Rühmann ein Jahr vor seinem Tod. Und dieser Titel passt sehr gut zu den Beziehungen, die durch Umzug oder Trennung abbrechen. Auch sie bleiben emotional in der Luft hängen, bis sie aktiv beendet werden. Doch genau dies ist der kritische Punkt: Aus meiner eigenen Biografie kann ich von zahlreichen Beispielen erzählen, die über Jahre offenblieben. Einer meiner besten Freunde trennte sich von seiner Frau, wechselte die Arbeitsstelle und zog weg. Durch unsere langjährige Freundschaft konnte ich mich in seinen Schmerz einfühlen und auch die Scham spüren, die seine gescheiterte Ehe bei ihm auslöste. Immer wieder suchte ich das Gespräch, besuchte ihn in seinem neuen Zuhause, doch die Scham überwog. Der Austausch war nicht mehr frei, wurde immer mehr zum Smalltalk, sein Herz war blockiert. Er versprach, mich zu besuchen, doch kam nie. Über Jahre hinweg startete ich etliche Versuche. Ich wusste, dass er regelmäßig an unserer Wohnung vorbeifuhr, wenn er seine Eltern besuchte. Doch er hielt nie an.

Unsere tiefe Freundschaft hatte sich in eine Einbahnstraße verwandelt und mein Schmerz blieb. Ich sah mich in einer emotionalen Sackgasse und suchte nach einer Lösung. Ich hatte immer noch diese offene Beziehung wie einen Strang in der Hand. Um neue Beziehungen eingehen zu können, musste ich dieses lose Ende loswerden und zu einem guten Ende bringen. Beim Überlegen kam mir das Symbol eines Gedenksteines in den Sinn: Warum nicht einen schönen Kieselstein auswählen, den ich im Garten ablege und der mich an unsere vergangene Beziehung erinnert? Wie bei einem Grabstein markiert er das Ende unserer Freundschaft. Gleichzeitig bin ich frei, ihm jederzeit wieder offen zu begegnen.

Wo hängen Beziehungen in der Luft?

An dieser Stelle möchte ich Sie ermutigen, die ungeklärten Enden in Ihrer Biografie anzuschauen. Wo hängen bei Ihnen Beziehungen in der Luft und verhindern damit einen Neubeginn? Nehmen Sie sich etwas Zeit und ziehen Sie sich an einen ruhigen Ort zurück. Schreiben Sie einmal die Namen derer auf, wo noch eine „Beziehung offen“ ist. Hören Sie in sich hinein und überlegen Sie, was für Sie ein gutes Abschluss-Ritual sein könnte. Vielleicht brauchen Sie noch ein letztes Gespräch oder einen Brief, in dem Sie Ihre Dankbarkeit für die gemeinsame Zeit ausdrücken. Ich bin mir sicher, dass Sie im Herzen spüren, welche Form angemessen ist.

Es kann aber auch sein, dass Sie ohne eine Erklärung die Beziehung einseitig beenden und für sich ein passendes Abschluss-Ritual finden, ohne den anderen darüber zu informieren. Diese Entscheidung bringt Ihnen auch Klarheit, wie Sie bei einer weiteren Begegnung frei und offen mit diesem Menschen umgehen. Bei meinem langjährigen Freund gab es nach 16 Jahren Funkstille dann wieder den ein oder anderen Kontakt. Er wollte gerne mit mir beruflich zusammenarbeiten und versuchte auf unterschiedlichen Kanälen, das zu erreichen. Durch meine vorher getroffene Entscheidung war ich innerlich jedoch ganz klar und lehnte freundlich, aber bestimmt ab.

Trauer ist da, aber nicht dominant

Ich habe sowohl meine Mutter als auch meine erste Frau sehr früh verloren. Beide starben jung an Krebs. Heute bin ich 59 und es gibt sehr viele Gründe für mich, das täglich zu feiern. Ich weiß, dass diese positive Haltung zum Leben nicht allen Menschen beschieden ist, die früh und oft mit der emotionalen Wucht der Trauer konfrontiert worden sind. Und deshalb bin ich nicht nur dankbar dafür, dass ich lebe, sondern auch dafür, dass ich dieses Leben genießen kann. Die Angst, wieder einen geliebten Menschen leiden sehen zu müssen und wieder einer so immensen Trauer ausgesetzt zu sein, ist durchaus präsent in meinem Leben. Sie ist die begleitende Bassnote. Diese Sorge dominiert mich aber nicht. Ich lebe im Hier und Heute und atme und freue mich, dass es mir gut geht und ich kreativ sein kann. Ich bin glücklich darüber, mit vielen Menschen zu tun zu haben und Tag für Tag viele neue interessante Menschen kennenzulernen. Was mich immer wieder durch die Tiefen der Trauer trägt, sind andere Menschen – Menschen, die keine guten Ratschläge geben, sondern einfach nur für mich da sind. Die mir zuhören, an deren Schulter ich weinen kann und die mich in den Arm nehmen. Das Zusammensein mit ihnen bietet mir einen geschützten Raum für Phasen, in denen ich trauere oder in denen ich unter hoher Belastung stehe.

Durch schlimme Phasen der Trauer hindurch trug mich aber auch meine Wut und Aggression. Gerade nach dem Tod meiner ersten Frau haderte ich mit Gott. Ich klagte und schrie ihn an, wollte nichts mehr mit ihm zu tun haben. Irgendwann später merkte ich jedoch: Gott hatte sich davon nicht beeindrucken lassen. Er war immer noch da. Er hatte meine Klagen und Schreie ausgehalten. Gott ist keiner, der auf nette Worte angewiesen wäre, den man schonen muss. Er erträgt einen zornigen Christen. Auch das trägt mich immer wieder durch Phasen des Leidens.

Feiern gehört zum Abschied dazu

Es klingt paradox, ist für mich aber eine der wichtigsten Erfahrungen: Zur Kunst des Abschiednehmens gehört auch die Kunst des Feierns. Heute habe ich oft das Gefühl, dass Feste für viele Menschen keine Bedeutung mehr haben, dass sie sie nicht bewusst begehen. Meine zweite Frau Ilona und ich kommen aus Süddeutschland – dort wird gerne groß gefeiert. Feste sind dort im Leben der Menschen stark verankert und man lässt sie sich auch etwas kosten. Unsere Hochzeit feierten wir auf einem Schiff – dieses Schiff war für uns ein Symbol dafür, dass wir von nun an gemeinsam unterwegs sein würden, aber auch ankommen wollten (zum Beispiel in der Kirche, in der wir getraut wurden). Viele Freunde waren mit dabei und natürlich unsere Familien. Mir als Witwer war es besonders wichtig, für unseren Neuanfang einen ungewöhnlichen Rahmen zu finden, einen neuen Akzent zu setzen und nicht einfach irgendwo in einem Restaurant zu feiern.

Auch meine Geburtstage feiere ich ganz bewusst. Ich lade jedes Jahr Freunde dazu ein – und zwar jedes Jahr andere. Besonders reizvoll finde ich es, Menschen bei mir zu Gast zu haben, die sich nicht kennen. Dabei ist mir immer auch bewusst, dass es gut sein kann, dass wir uns zum letzten Mal sehen. In einem Jahr lud ich Freunde aus der Fernsehbranche ein: einen Regisseur, einen Kameramann, einen Produktionsleiter und zwei Redakteure. Jeder Gast hatte die Aufgabe, seine Lieblingsszene aus seinem Lieblingsfilm mitzubringen, sie zu zeigen und anschließend zu erklären, was ihm an diesem Film und dieser Szene so gut gefällt. Wir hatten einen dramatischen Spannungsbogen an jenem Abend: Von der Untergangsszene aus dem Film „Titanic“ bis zu einer Szene aus der Comedy „Calendar Girls“ war alles dabei. Ich kann Ihnen versichern: Es war einer der schönsten Geburtstage, die ich je erlebt habe. Denn wir lernten uns alle von einer ganz anderen und ungewohnten Seite kennen.

Mit den Mitarbeitern unserer Akademie feiern wir ebenfalls regelmäßig ein Fest, meist zu Beginn eines neuen Jahres. Wir laden dann alle zu einem guten Essen ein, schauen zurück auf das, was gut gelaufen ist im vergangenen Jahr, und sprechen über das, was im neuen Jahr wohl alles auf uns zukommt und uns herausfordern wird. Diese Feste sorgen dafür, dass wir uns nicht nur als Kollegen und Kolleginnen wahrnehmen, sondern uns auch als Menschen nicht aus dem Blick verlieren. Auf diesen Festen spüren wir, dass wir miteinander verbunden sind und uns aufeinander verlassen können. Sie tragen uns durch das Jahr, doch diese Feste markieren immer auch ein Abschiednehmen: vom alten Jahr, auch von dem, was nicht gelungen ist. Erst im gelungenen Abschied entsteht die Kraft für einen mutigen Neuanfang.

Ein Neuanfang kann gelingen

Zum Abschluss noch zwei Beispiele aus dem beruflichen Kontext: Vor Jahren hat mich der Bericht eines Mitarbeiters berührt. Er beschrieb, wie ihm sein Chef nach der Kündigung einen ausführlichen Brief geschrieben und sich die Zeit genommen hat, ihm persönlich für die Jahre der Zusammenarbeit zu danken. Dies war für ihn so bemerkenswert, weil dies in den meisten Firmen unüblich ist und schlichtweg vergessen wird. Am Anfang investiert das Unternehmen sehr viele Ressourcen, um den Mitarbeiter zu gewinnen, am Ende läuft der Abschied dann häufig sehr geringschätzig ab. Im Gespräch mit Handwerkern und kleinen Unternehmern ermutige ich die Chefs, für ein „gesegnetes Ende“ zu sorgen, selbst dann, wenn man sehr unglücklich über die Verabschiedung des Mitarbeiters ist. Mitunter erleichtert dies auch den Neubeginn.

Vor wenigen Tagen erzählte mir die Chefin eines großen Unternehmens, wie traurig sie war, einen ihrer LKW-Fahrer zu verlieren. Zumal sie mit ihm sehr zufrieden war. Doch eine andere Firma bot ihm mehr Gehalt, und weg war er. Sie zögerte einen kurzen Moment, dann strahlte sie mich an: Bei der neuen Stelle hat es ihm nicht gefallen, er hat sich an die guten Zeiten im vorherigen Betrieb erinnert und gefragt, ob er zurückkommen kann. Na klar, sagte sie. Der Neuanfang gelang.

Rainer Wälde hat das Abschiednehmen früh erlebt: Mit 11 Jahren starb seine Mutter an Krebs, mit 37 Jahren seine erste Frau. Heute leitet er mit seiner zweiten Frau Ilona die Gutshof Akademie bei Kassel. Sein Herz schlägt für Sinnstifter, die ihre Lebenserfahrung der nächsten Generation weitergeben. rainerwaelde.de