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Christian Seitzinger: „Deine Schwester schläft für immer“

In der Elternzeit sollte Romi mit ihren Eltern durch Neuseeland reisen.
Doch den Flug dahin trat sie nie an.

DIENSTAG, 6. JUNI 2011

Meine Frau ist am Telefon und ganz aufgeregt. Sie war nochmals im Reisebüro und nun ist die Entscheidung gefallen: Im Oktober werden wir in unserer Elternzeit für neun Wochen mit einem Wohnmobil in Neuseeland unterwegs sein. Am Tag vorher haben wir für die Flugbuchung erstmals den Namen unserer noch ungeborenen Tochter angegeben und im Reisebüro verschiedene Schreibweisen unseres favorisierten Namens ausprobiert. Am Nachmittag rufe ich dann meinen Chef an, um ihn vorab schon mal über meine Elternzeitpläne zu informieren. Er ist neidisch, findet die Idee aber großartig.

MITTWOCH, 7. JUNI 2011

Maren ist im 9. Monat schwanger. Sie war abends noch in der Badewanne, und nun liegen wir im Bett. Sie ist besorgt, weil sie das Baby eine Weile nicht gespürt hat. Sonst gibt die Kleine in der Badewanne immer Vollgas – diesmal nicht. Auch wenn es mir wie vermutlich vielen Männern schwer fällt, mich in die Empfindungswelt meiner Frau hineinzudenken, nehme ich die Sorgen ernst, suche aber dennoch nach rationalen Erklärungen – das Kind hat ja jetzt immer weniger Platz oder es schläft gerade. Und dann war sie am Tag vorher (kurz vor dem Reisebürobesuch) erst bei einem Ultraschall gewesen. Keine Auffälligkeiten. Na also. Das richtet aber gegen die Sorgen nichts aus. Wir drücken beide etwas auf dem Bauch herum, aber spüren nichts. Meine Frau will eigentlich sofort ins Krankenhaus. Ich rede es ihr aus, denn man muss nicht um Mitternacht voll Panik ins Krankenhaus, nur weil man übermäßig besorgt ist. Nebenan schläft schließlich noch der zweijährige Leopold. Irgendwann schlafen wir ein. Ich fahre morgens von Köln nach Bonn zur Arbeit. Maren plant, gleich nach dem Aufstehen zu ihrer Ärztin zu gehen.

DONNERSTAG, 8. JUNI 2011

Ich komme gerade ins Büro, als ich einen Anruf kriege und eine fremde Frau am Telefon irgendetwas von intra-uterinem Fruchttod faselt, das könne passieren und ob ich kommen könne. Ich muss nachfragen, was das bedeutet, aber die böse Ahnung kriecht sofort in mir hoch. Ich überlege, ob ich beten soll, dass das alles ein Irrtum ist. Ich fahre schnell, aber rede mir ein, jetzt nicht wie ein Irrer zu rasen. Ich rufe meine Eltern an und bitte sie, sofort zu kommen, um sich um Leopold zu kümmern. Was kann ich noch tun? Die Gedanken drehen hohl. Ich denke an die Reise. Ich rufe im Reisebüro an und versuche, die Reisebuchung noch aufzuhalten. Doch keiner nimmt den Hörer ab. Dann komme ich bei der Ärztin an. Meine Frau ist am Ende. Neben ihr kniet Leopold und malt in aller Gelassenheit. Es konnten keine Herztöne mehr festgestellt werden.

 

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