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Wenn Männer ausrasten – und was ihre Wut wirklich verrät! Ein Psychologe klärt auf

Bei Kleinigkeiten unkontrolliert ausflippen? Viele Männer reagieren genau so. Ein Psychologe erklärt, wie solche Wut entsteht und wie Männer lernen können, ruhig zu bleiben.

Warum fällt es vielen Männern so schwer, ihre Wut gesund auszudrücken, ohne sie zu unterdrücken oder unkontrolliert auszuleben?

Es ist wichtig zu unterscheiden, dass wir Männer, genau wie Frauen auch, eine angemessene Wut haben und eine unangemessene Wut. Eine angemessene Wut ist eine Wut, die zur Situation passt. Jedes Gefühl, jede Emotion hat eine Funktion. Wenn wir hilflos sind oder uns ohnmächtig fühlen, dann passt die Wut in der Regel zur Situation. Das heißt, wenn wir schon dreimal Nein gesagt haben und Menschen dies übergehen, dann kann es sein, dass wir wütend werden. Oder wir haben bereits eine halbe Stunde an einer Sache rumgefriemelt und dann fällt wieder alles auseinander, dann kann es sein, dass ich irgendwann genervt oder wütend werde. Das ist dann angemessene Wut.

Und was ist dann unangemessene Wut?

Das ist eine Wut, die eigentlich gar nicht aus der Situation stammt, sondern sie piekst eine Wunde bei mir an, die ich von früher habe. Wenn ich ausraste, weil die Partnerin einfach nur meine Lieblingsschokolade im Supermarkt vergessen hat oder ein Mitarbeiter einen Fehler gemacht hat, dann passt dies nicht zur Situation, dann könnte sich eine Kindheitswunde dahinter verbergen.

Wie sieht dann eine reife Reaktion auf die Wut? Wegatmen oder mit Techniken beruhigen?

Das ist eine kurzfristige, aber auf die Dauer unbefriedigende Lösung, denn auf die Dauer behandeln wir so nur die Symptome. Wenn wir Glück haben, erleichtert es den Moment, aber das Problem werden wir damit nicht los. Es ist wie mit einem Rückenleiden. Ich kann mir bei Schmerzen die Bandscheiben operieren lassen, doch wenn ich nicht genügend Muskeln, zu viel Übergewicht oder ’ne schlechte Haltung habe, dann ist das Risiko groß, dass die Beschwerden wiederkehren. Das Gleiche gilt auch für die Wut.

Plötzlich schwillt der Kamm an, kocht das Gemüt wieder über …

Richtig. Wir haben hier so eine Kurve. Und irgendwann, egal wie erwachsen ich im Kopf bin, wenn die Emotion zu hoch ist, schaltet die Ratio aus. Und dann wird dieses innere Stoppschild „Ah, ich will ruhig bleiben und ich wollte es doch mal anders machen“ überfahren. Es ist gut, wenn Menschen sich Hilfetechniken für die Akutsituationen aneignen, doch auf lange Sicht macht es Sinn, einfach das Risiko fürs unkontrollierte Explodieren zu senken.

Welche Erfahrungen oder Kindheitsprägungen begünstigen besonders, dass Männer später Schwierigkeiten mit unangemessener Wut haben?

Wenn die Wut der Signalgeber für eine Wunde ist. Eine Wunde könnte sein: Das, was du willst, ist immer egal. Es könnte aber auch sein, dass mir ständig gesagt wurde: Mach das so, lass das sein, ich habe dir doch gesagt, du kannst das nicht … Manche Menschen werden dadurch unterwürfig und sagen immer „Ja und Amen“. Andere kriegen dann Probleme mit Autoritäten. Das heißt, wenn ihnen dann heute jemand sagen will, was sie zu tun haben, rasten sie aus. Die Wut, die heute ausbricht, privat, aber auch im gesellschaftlichen Raum, hängt oft mit Wunden von früher zusammen.

Wie können Männer der Wut auf die Spur kommen?

(schmunzelt) Wenn jemand zu mir ins Coaching käme mit dem Thema, würde ich ihn bitten, mir die letzten 3, 4 oder 5 Situationen zu erzählen, wo die Person explodiert ist. Den Mustern kommt man am besten von außen auf die Spur, von außen kann man Menschen praktische Selbsthilfe geben.

Welche konkreten Schritte empfehlen Sie, um festgefahrene emotionale Muster bei sich selbst zu erkennen und im besten Fall aufzulösen?

Das kommt ein bisschen drauf an. Wenn ich in der Lage bin, die Dinge kognitiv einzuordnen, mir sagen kann, dieses oder jenes, was mir die Wut diktiert, ist doch eigentlich nicht so, dann habe ich schon viel gewonnen. Aber für einige Menschen ist dies noch kein Weg. Für sie wäre es hilfreich, den Weg durch die Kindheit noch zu durchschreiten.

Dafür empfehlen Sie einen Fünf-Schritte-Prozess …

(lacht) Sie haben sich eingelesen.

Ja!

Im ersten Schritt gilt es herauszufinden, welche Prägung habe ich eigentlich mitbekommen. Aus meiner Sicht gibt es elf verschiedene Kindheitsprägungen. Das ist dann wie beim Arzt, ich muss erst mal rausfinden, was kaputt ist. Ist es das Knie, die Sehne, der Knochen. In einem zweiten Schritt will ich die Ursprungssituationen für meine Prägungen finden, denn wenn ich weiß, was ich damals aufgesammelt habe, kann ich es auch heute loslassen. Im dritten Schritt geht es darum, die Ursprungssituation zu entmachten. Entmachten heißt, ich weiß noch, dass es passiert ist, aber es wiegt emotional nicht mehr so schwer, ich lasse es los. Viertens braucht es dann eine Arbeit an den inneren Glaubenssätzen. Als fünftes folgt die Verhaltensänderung. Erst, wenn ich mich anders verhalte, dann werde ich auch ein anderes, heileres Leben leben können.

Gibt es typische Warnsignale im Alltag oder im Berufsleben, an denen Männer merken können, dass ihre Wut nicht von heute stammt?

Wenn Männer das Gefühl haben, alle um sie herum sind wahnsinnig, dann sollten sie einmal schauen, ob sie nicht vielleicht doch einen Anteil haben, weil die Wahrscheinlichkeit klein ist, dass alle am Rad drehen. Das heißt nicht, dass sie sich gleich schlecht oder gar schuldig fühlen müssen. Und doch kann es gut sein, sich die Frage zu stellen: Was ist mein Anteil? Ansonsten realisieren viele Menschen aus meiner Sicht sehr schnell: ‚Oh Mann, jetzt bin ich wieder ausgerastet und ich wollte es doch eigentlich nicht und das ist doch eigentlich auch nicht notwendig.‘

Wie könnten Partnerschaften, Familien oder Kollegen profitieren, wenn Männer lernen, gesünder mit ihrer Wut umzugehen?

Wenn sie das hinbekommen, dann haben Kollegen und Mitarbeiter weniger Stress, weil sie weniger unter diesen starken Gefühlsausbrüchen leiden, dann haben Ehepartner oder Kinder weniger Angst vor den unangemessenen Ausbrüchen. Wenn Männer sich der Herkunft ihrer Wut stellen, zahlt sich das für alles aus.

Wenn Sie Männern einen einzigen praktischen Tipp geben könnten, um heute besser mit ihrer Wut umzugehen, welcher wäre das?

Wenn ich nichts anderes sagen darf, dann sage ich: Schlaft so gut wie möglich!

Warum?

Wenn ich zusätzlich zu meinen Prägungen auch noch schlecht geschlafen habe, dann senkt der Schlafmangel meine Emotionsregulationsfähigkeit. Alle Emotionen verstärken sich, werden schlimmer, wenn ich nicht geschlafen habe. Genügend Schlaf ist ein riesiger Hebel. Schlafe ich besser, dann habe ich weniger Risiko unkontrolliert auszuflippen.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Die Fragen stellte Rüdiger Jope, Chef-Redakteur des Männermagazins MOVO.

Ramón Schlemmbach ist klinischer Psychologe (M.Sc.) und einer der führenden Experten für emotionale Kindheitsprägungen im deutschsprachigen Raum. Über 700.000 Menschen folgen ihm auf seinen verschiedenen Social Media-Kanälen, seine Expertise ist in Podcasts und TV-Sendungen gefragt.
ramon-schlemmbach.de

Glücklich arbeiten statt ausbrennen – Psychotherapeut erklärt, wie das geht

„Die Arbeit hat mich krank gemacht“ – diesen Satz hört der Psychotherapeut Prof. Claas Lahmann häufig. Er erklärt, wie Arbeit gesund gelebt werden kann – und wann es sinnvoll ist, einen neuen Arbeitsplatz zu suchen.

Professor Lahmann, welche Faktoren tragen dazu bei, dass Menschen Glück und Sinn in ihrer Arbeit finden?

Es beginnt damit, dass sich die Menschen am Arbeitsplatz gesehen und wertgeschätzt fühlen. Mitarbeiter fühlen sich gesehen, wenn ihre Führungskraft sie kennt. Das muss nicht tiefgehend sein, aber echtes Interesse macht viel aus. Auch kleine Rückmeldungen helfen. Sinnhaftigkeit und Transparenz spielen ebenfalls eine große Rolle. Wenn klar ist, warum eine Aufgabe sinnvoll und wichtig ist, steigt die Motivation. Viele wissen gar nicht, welchen Beitrag sie im großen Ganzen leisten. Ein weiterer Faktor ist die Verlässlichkeit. Heißt: Die Bedingungen sollten berechenbar sein. Manche Leute kommen mit einem raueren Klima klar – solange es kon- stant ist. Wenn es sich allerdings ständig ändert, stresst das die Menschen enorm.

Hinhören und ernst nehmen

Gibt es Warnzeichen, die auf eine zu hohe Belastung hinweisen?

Es gibt einige Frühwarnzeichen. Dazu gehören Schlafstörungen, sexuelle Funktionsstörungen, Stimmungsveränderungen und sozialer Rückzug. Süchtiges Verhalten gehört auch dazu. Das zeigt sich beispielsweise darin, dass man mehr trinkt oder raucht oder vielleicht sogar wieder damit anfängt. Natürlich gibt es auch andere Gründe für diese Beschwerden – das sehen wir in der Praxis immer wieder. Wenn aber das Bauchgefühl klar sagt: „Das kommt hauptsächlich vom Job“, dann sollte man hinhören und das ernst nehmen.

Welche Verhaltensweisen halten Menschen davon ab, ihre Arbeitssituation zu verbessern?

Das wird in der Psychologie als „erlernte Hilflosigkeit“ bezeichnet. Wenn Menschen über längere Zeit das Gefühl haben, dass sie nichts verändern können, entsteht eine gleichgültige Haltung. Das kann dann zu einer Frustration oder Abstumpfung führen. Uns Männern wird häufig nachgesagt, dass wir nicht so gut auf uns selbst achten, nicht so sehr auf unsere Gefühle hören. Aber wer sich regelmäßig fragt, wo gerade die innere Ampel steht, kann da frühzeitig gegensteuern. Alternativ lässt sich das spielerisch angehen – wie mit einem inneren Wetterbericht: Wie ist das Wetter in mir heute? Zieht eine Regenfront auf? Wer lernt, sich selbst wahrzunehmen, erkennt Belastungen früher und kann besser darauf reagieren.

Arbeitsplatz oder Eigenanteil?

Bleiben wir in dem Wetterbild: Wenn sich die Arbeit dauerhaft wie drückende, schwüle Luft anfühlt – was raten Sie der betroffenen Person, die nicht sofort kündigen kann?

Diese Frage wird mir sehr häufig gestellt. Diese Menschen erleben eine festgefahrene Situation. Sie sehen zwar, dass ihre Arbeit sie belastet, haben aber das Gefühl, kaum Handlungsspielraum zu haben. Häufig stehen praktische Gründe im Vordergrund: Sie brauchen das Einkommen, können nicht einfach umziehen, leben vielleicht in einer strukturschwachen Region oder haben familiäre Verpflichtungen. In solchen Situationen arbeite ich mit verschiedenen Ansätzen. Einer davon ist, gemeinsam mit den Betroffenen differ-enziert zu schauen, wie viel von dem erlebten Stress tatsächlich vom Arbeitsplatz ausgeht – und wie viel sie selbst mitbringen. Wir haben mittlerweile Sprechstunden eingerichtet, über die Firmen ihren Mitarbeitenden schneller psychotherapeutische Unterstützung ermöglichen können. Es kam bereits vor, dass ich mehrere Mitarbeitende aus derselben Firma begleitet habe. Dabei war eine Person stressfrei, während die andere mit identischen Aufgaben deutlich überlastet und gestresst war. Da wurde mir klar, wie stark die persönliche Haltung und der Umgang mit Belastung eine Rolle spielen. Es gibt allerdings Arbeitsplätze, die ganz klar gesundheitsschädigend sind.

Ein stabiles Wertesystem

In welchen Fällen raten Sie, den Job zu kündigen?

Ob man bleiben sollte oder nicht, hängt stark vom eigenen Empfinden ab – davon, wie belastbar man sich selbst einschätzt. Ein klares Warnsignal ist, wenn man den Eindruck hat, dass eine vorgesetzte Person gezielt schikaniert. Es gibt leider toxische Führungskräfte, die andere kleinmachen, um sich selbst zu erhöhen. Weitere Dinge sind Beschimpfungen und auch körperliche Gewalt. In solchen Fällen spreche ich mit den Betroffenen offen darüber, warum sie sich das noch antun. Es gibt Fälle, in denen ein Wechsel nicht sofort möglich ist. Dann arbeite ich mit ihnen daran, wie sie sich vorübergehend stabilisieren und schützen können, bis sich eine Alternative ergibt.

Spielt der persönliche Glaube eine Rolle, wenn es darum geht, gesund und zufrieden im Arbeitsleben zu bleiben?

Ja, auf jeden Fall. Wenn man es etwas abstrakter betrachtet, spielt ein stabiles Wertesystem eine große Rolle. Menschen, die so ein inneres Koordinatensystem haben, sind insgesamt zufriedener – das wissen wir aus der Palliativmedizin, aus der Psychotherapie und auch aus der Arbeitspsychologie. Dieses Wertesystem kann unterschiedlich aussehen: Für manche ist es religiös geprägt, für andere eher spirituell oder philosophisch. Aber wer solche inneren Fixpunkte hat, kann mit Belastungen oft besser umgehen und zeigt mehr Resilienz. Vor Kurzem war ich beim Verband evangelischer Kindertagesstätten in Bayern. Dort habe ich sofort gemerkt: Hier ist etwas anders. Ich spürte die Grundhaltung und Werteorientierung. Es war beeindruckend, wie sehr das die Atmosphäre prägte. Das war für mich ein spannender Kontrast zu anderen großen Arbeitgebern, beispielsweise im Gesundheitswesen, und hat mich sehr beeindruckt.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Tim Bergen.

Prof. Dr. med. Claas Lahmann ist ärztlicher Direktor der Klinik für psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Universitätsklinikum Freiburg. Neben seiner klinischen Arbeit forscht er zu stressbedingten Erkrankungen und somatoformen Störungen. Er hat ein Buch mit dem Titel „Wie Arbeit glücklich macht“ (Rowohlt Verlag) geschrieben.