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Andrea Zogg (links) und Marco Schädler in Stefan Zweigs "Die Auferstehung des Georg Friedrich Händel". (Foto: profile productions)

„Was hab‘ ich Angst gehabt“: Plötzlich fürchtet Tatort-Kommissar Andrea Zogg um seine Karriere

Mit Anfang 50 kann Andrea Zogg immer schlechter Texte auswendig lernen. In seiner Verzweiflung hilft ihm der Komponist Georg Friedrich Händel.

Manchmal sind es bis zu 12 Millionen Leute, die sonntagabends „Tatort“ gucken. Spielte die Folge in Bern, war Andrea Zogg der Kommissar. Im „Tatort“ aus Zürich ist er mal der Bösewicht, mal der Retter. Die Staffeln der Serie „Zürich-Krimi“ heißen immer „Borchert und …“, Andrea Zogg hat darin mehr als zehnmal mitgespielt, 2011 war er für den Schweizer Filmpreis als „Bester Darsteller“ nominiert, 2020 als „Beste Nebenrolle“ im Film über den Schweizer Reformator Ulrich Zwingli und, ja, einmal gab’s sogar einen Oscar für den besten ausländischen Film. Im aktuellen Kino-Blockbuster „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ steht Andrea Zogg an der Hotelrezeption.

Auf der Bühne, am Konzertflügel, sitzt Georg Friedrich Händel (1685–1759) mit Perücke und Schnallenschuhen. Am Schreibtisch steht Schriftsteller Stefan Zweig (1881–1942) und erzählt, wie Händel tödlich erkrankt zu Boden fällt – ein Schlaganfall? Ein Herzinfarkt? Und der Notarzt sagt: „Er wird nie mehr komponieren können.“

Tatort-Kommissar singt Kirchenlieder

Schauspieler Andrea Zogg weiß, wie man mit sonorer Sprechstimme und wenigen ausdrucksstarken Gesten das Publikum auf die vorderen Stuhlkanten lockt. 70 spannende Minuten lang rezitiert er auswendig, wie G.F. Händel aus Halle in Sachsen überraschend gesund wird, sich 1741 in seiner Londoner Wohnung einschließt und in nur 23 Tagen sein berühmtestes Werk schreibt: „Der Messias.“ Seit 250 Jahren wird es von vielen Chören und Orchestern der Welt aufgeführt, meist zu Ostern, und selbst religionsferne Tatort-Gucker würden etliche Melodien daraus wiedererkennen.

Den Zuschauern stockt der Atem: Andrea Zogg kann Teile aus Händels „Messias“ richtig gut singen! In einer Art szenischer Popversion, während Pianist Marco Schädler ein furioses Medley inklusive „Stairway to heaven“ oder „Crazy Diamond“ von Pink Floyd drunterlegt. Und dann setzt er noch einen drauf: Das „Große Halleluja“ singen die Zuschauer begeistert mit.

Ein Schauspieler, der Texte vergisst

„Das war meine Auferstehung“, erzählt Andrea ganz untheatralisch nach der Show, „ich war Anfang 50 und konnte immer schlechter Texte behalten. Katastrophal für einen Schauspieler: Du bist nicht gut im Auswendiglernen?! Was hab‘ ich Angst gehabt am Filmset, was hab‘ ich mich durchgemogelt! Kleine Zettel in die Möbel oder in die Kostüme gesteckt, genuschelt, geschummelt – und dann wurde ich auch noch krank. Irgendein Virus. Da las ich Stefan Zweigs ‚Die Auferstehung des Georg Friedrich Händel‘ und dachte: Das muss man mal aufführen! Meine Frau sagte: ‚Das schaffst du nicht mehr. Eine Stunde Text? Solo?'“

Andrea Zoggs Elternhaus in einem Graubündner Dorf war nominell evangelisch, aber nicht religiös. „Meine Oma gab mir eine Kinderbibel, da fand ich nur die Bilder mit Schlangen und wilden Tieren interessant. Dann flog ich von der Schule wegen schlechtem Betragen, kam auf ein Internat und ging in den Schulchor, Händels ‚Messias‘, ein Jahr lang geprobt. Wir waren so geflasht von der Wucht der Texte und der Musik, das haben wir noch nachts in der Kneipe gesungen.“

„Nach 16 Jahren mit einem behinderten Kind waren unsere Batterien einfach leer“

Er fällt an der Schauspielschule durch die Prüfung, studiert Geschichte und Germanistik auf Lehramt, seine Schwester wird Theatermalerin an der Landesbühne Hannover und der Berliner Schaubühne. Durch ihre Vermittlung wird er doch noch angestellt, macht Karriere am renommierten Frankfurter Theater am Turm, am Schauspielhaus Wien, am Theater St. Gallen, wird fürs Fernsehen und Kino entdeckt, heiratet, bekommt drei Söhne und – zieht mit seiner Familie in jenes Schweizer Bergdorf zurück, „wo die Betreuung unseres autistisch-epileptischen Jungen besser gewährleistet ist. Nach 16 Jahren mit einem behinderten Kind waren unsere Batterien einfach leer.“

Andrea Zogg macht eine Pause. Was er und seine Frau durchgestanden haben, ist vorstellbar. Harte Medikamente, heftige Nebenwirkungen, Unfälle im Haushalt, kaum gesundheitliche Fortschritte. „Unser mittlerer Sohn ist jetzt 33 und lebt im betreuten Wohnen auf einem Bauernhof, es geht ihm gut. Der ältere und der jüngste sind beruflich bei Filmproduktionsfirmen gelandet.“

Gedächtnisprobleme verschwinden

Jetzt grinst Andrea wieder: „Ich las von Georg Friedrich Händel am Tiefpunkt seines Lebens, wie er von der Auferstehung des Jesus Christus singt und musiziert. Und dabei seine eigene körperliche, mentale und künstlerische Auferstehung in nur drei Wochen erlebt. Ich lernte den Text von Stefan Zweig und – es ging plötzlich! Ich hab‘ seither keine Gedächtnisprobleme mehr beim Drehen. Als meine Mutter mit 95 Jahren starb, bot ich dem Pfarrer an, das Stück an ihrer Trauerfeier vorzutragen. Es war die erste Aufführung, die Marco Schädler und ich in einer Kirche machten. Meine Auferstehung, wenn du so willst.“

Andreas Malessa (66) wurde bekannt als Teil des Gesangsduos „Arno & Andreas“ und gab rund 1.400 Konzerte im In- und Ausland. Nach Abitur und Theologiestudium in Hamburg zog der „überzeugte Norddeutsche“ als Wahl-Schwabe in die Nähe von Stuttgart, ist seit mehr als einem Vierteljahrhundert verheiratet, hat zwei fast erwachsene Töchter, liebt Fernreisen, gute Romane, Rotwein und kritisch mitdenkende Zuhörer.

Foto: g-stockstudio / iStock / Getty Images Plus

Wie Paare Gleichberechtigung leben: „Meine Frau verdient das Geld, ich trage es wieder fort“

Oliver ist Hausmann, während Heiko nicht an die Waschmaschine darf. Wir haben vier Paare gefragt, wie sie ihre Beziehung leben.

Was bedeutet für euch Gleichberechtigung?

Stefan: Nach dem Tod meiner ersten Frau sagten viele: Du brauchst jetzt aber dringend wieder eine Frau für deine vier Kinder. Ich habe über diesen Satz viel nachgedacht.

In der Generation meiner Eltern war es gar nicht denkbar, als Vater für vier kleine Kinder zuständig zu sein, den Haushalt zu managen. Meine erste Liebeserklärung an meine jetzige Frau Brigitte war: Ich brauch dich nicht, aber ich will dich! (allgemeine Heiterkeit)

Oliver: Ich lebe gerade den absoluten Rollentausch. Seit letztem Jahr verdient meine Frau als Sonderpädagogin das Geld und ich kümmere mich um Haushalt, Kinder und Küche.

Kathrin: Oliver war vorher täglich bis zu 14 Stunden als ITler außer Haus. Unsere Rollenteilung lebten wir zwölf Jahre klassisch. Nach vielen, vielen Gesprächen haben wir den Tausch gewagt.

Stefan: Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Punkt.

Axel: Richtig! Der Respekt gegenüber meiner Frau macht sich nicht im Sternchen fest, sondern im Handeln.

„Wir werden im Leben niemals fair und gleich behandelt“

Oliver: Das ist doch die Chance und Schwierigkeit unserer Zeit: Beide können arbeiten gehen, beide in Teilzeit arbeiten, der Mann kann zu Hause sein, die Frau darf arbeiten gehen. Dafür ist aber auch alles irgendwie im Fluss, muss ausdiskutiert, abgesprochen und organisiert werden.

Heiko: Ja, wir sind gleichberechtigt. Das Thema ist durch. Doch wir werden im Leben niemals fair und gleich behandelt. Wenn ich mich auf eine Stelle bewerbe, werde ich definitiv besser bezahlt.

Wenn sich eine Frau mit Kindern auf eine Stelle bewirbt, wird sie trotz Sternchen anders behandelt als ein Mann. Umgekehrt: Wenn du als Mann in der Wirtschaft für die Kinder kürzertrittst, kommst du hinterher auch nicht mehr in eine höhere Position.

Maja: Vielleicht müssten wir hier das Wort „gleichgerecht“ gebrauchen? Dann bekommt das Thema eine andere Würze.

„Warum ist das, was jemand zu Hause leistet, weniger wert?“

Wird die Arbeit zu Hause für die Kinder gleich wertgeschätzt wie die außer Haus?

Axel: Nein. Da passiert für mich von staatlicher Seite noch viel zu wenig. (alle nicken) Der, der zu Hause bleibt, hat hinterher die schmalere Rente. Frauen werden schlechter bezahlt und dann im klassischen Rollenmodell auch noch bestraft fürs Kümmern um die Kinder. Hier schlägt’s meinem Gerechtigkeitssinn das Zäpfle hoch!

Oliver: (leidenschaftlich) Genau daran muss sich aber etwas ändern. Warum ist das, was jemand zu Hause leistet, weniger wert, als wenn er den ganzen Tag im Büro rumsitzt?

Stefan: Da bin ich ganz bei dir. Es liegt auch an mir, wie ich diese Rolle ausfülle, präge, lebe. Die Diskussion, ob mit oder ohne Sternchen, geht an mir total vorbei. Ich sage meinen Kindern: Ihr merkt hoffentlich an meinem Verhalten, dass ich mit ganz großem Respekt mit allen Menschen umgehe. Es liegt doch an uns: Wie prägen wir die nächste Generation?

„Manchmal ist es für uns Männer daher einfacher, auf die Arbeit zu gehen, weil du Not und Elend zu Hause nicht siehst“

Ein „Glaubensbekenntnis“ unserer Tage ist: Kinder, Karriere und Beziehung sind miteinander scheinbar problemlos vereinbar. Stimmt das? Muss man Abstriche machen?

Maja: Diese drei Themen sind wie ein Dreieck. Jedes Thema bringt Emotionen und Herausforderungen mit. Es ist ein großes Spannungsfeld. Ja, es funktioniert, aber auf welche Kosten? Wo mache ich Abstriche? Was bleibt auf der Strecke?

Stefan: Als ich alleinerziehend war, stand für mich die Frage im Raum: Woher bekomme ich meinen Wert? Eine Frau aus meinem Umfeld fragte mich: Stefan, woraus beziehst du jetzt deine Anerkennung?

Wenn du für den Haushalt und die Kinder zuständig bist, kommst du maximal auf null, aber nie ins Plus. Das Geschirr, die Wäsche, die Wohnung werden wieder dreckig. Manchmal ist es für uns Männer daher einfacher, auf die Arbeit zu gehen, weil du Not und Elend zu Hause nicht siehst. (allgemeine Heiterkeit)

Axel: Hoffentlich liest das Jugendamt Reutlingen nicht diesen Artikel. (allgemeine Heiterkeit)

„Die wenigsten putzen mit Leidenschaft, sondern sehen darin wie ich das notwendige Übel“

Stefan: Kinder großzuziehen ist nicht jeden Tag die Quelle großer Freude. Und die wenigsten putzen mit Leidenschaft, sondern sehen darin wie ich das notwendige Übel. Wenn du für Geld arbeiten gehst, bekommst du Anerkennung aufs Konto. Die größte Herausforderung ist die: Wo bekommen wir unsere Anerkennung her?

Axel: Widerspruch: Unterschätze mal nicht den Jubelschrei einer 16-Jährigen, die den Schrank aufmacht und ihre Lieblingshose liegt frisch gewaschen darin.

Stefan: Sind das die 95 Prozent des Teenagerlebens in eurer Familie? (alle lachen) Das verstehe ich nicht. (lacht)

Nicole: Ich bin ja bereits acht Wochen nach der Geburt unserer Tochter wieder arbeiten gegangen, da Axel noch mit 50 Prozent studierte. Das kostete mich echt Überwindung, war schwer. Heute bin ich dankbar, dass wir uns diese Herausforderung geteilt haben, diese Vielfalt heute so möglich ist. Ich wäre mit der klassischen Rolle als „nur“ Hausfrau und Mutter nicht glücklich geworden.

„Wir dürfen nicht erst an uns denken, wenn alle To-dos erledigt sind“

Wo habt ihr Dinge miteinander erkämpfen müssen? Was waren Stolperfallen?

Heiko: Familien schultern ein echtes Pensum. Als Eltern sind wir gerade in den Belastungen herausgefordert: Wo bleibt die Liebesbeziehung? Wir können uns als Team super die Bälle zuspielen, doch wo bleibt die Zeit für ein Rendezvous? Wann hatten wir als Paar unser letztes Date?

Paare kneifen den Arsch zusammen, damit alles funktioniert, doch dabei bleibt das Schöne, das Romantische, das, was einem Kraft gibt, ein Lächeln aufs Gesicht zaubert, auf der Strecke. Wir dürfen nicht erst an uns denken, wenn alle To-dos erledigt sind. Dies passiert nämlich nie.

Wie bekommt ihr beide eine gesunde Balance hin?

Maja: Wir haben uns beide mit Mitte 30 und drei Kindern nochmal für ein Studium entschieden. Das war wirklich ein Rechen-Exempel. Der Mix aus Arbeiten, Studieren, Kinder und Haushalt funktionierte nur mit ganz, ganz viel Absprache. Wir haben finanziell alles zurückgeschraubt, um unseren Traum leben zu können, und wir haben einen Deal: Die Abende gehören in der Regel uns.

Heiko: Wir achten inzwischen sehr darauf, dass wir die privaten Termine, die uns guttun, nicht mehr hinten anstellen. Wir planen im Outlook-Kalender auch private Dinge. Wir müssen darauf achten, dass die Säulen unserer Beziehung stabil sind.

Brigitte: Als Team Balance zu halten, ist eine echte Herkulesaufgabe.

Nicole: Oder ein echter Drahtseilakt.

Kathrin: Die Zeit für uns als Paar kommt auch immer zu kurz. Doch wir schöpfen auch unglaubliche Kraft aus dem Zusammensein mit den Kindern. Da passiert so viel Wesentliches.

„Ohne Humor hätten wir einander erschossen“

Axel: Vor ein paar Monaten hatten wir den Eindruck: Wir sollten ein paar Kilo verlieren. Doch wie passt dies in den vollen Alltag? Wir haben uns für einen Lauf über neuen Kilometer angemeldet. Damit hatten wir ein Ziel, mussten trainieren. Das hat dann dazu geführt, dass wir zweimal die Woche auch mal nach 21 Uhr die Tür hinter uns zumachten und gemeinsam stramm spazieren gingen.

Wir sind miteinander gegangen bei Wind und Wetter. Wir hatten plötzlich 90 Minuten, in denen uns keiner reinquatschte. Mir ging es dann schon so: Hey, ich würde gerne mit dir mal was besprechen, wann gehen wir laufen? Jetzt ist leider der Lauf vorbei …

Stefan: (lacht) Ich empfehle euch als Paar einen Schrittzähler. Wir finden es auch sehr hilfreich, miteinander Erwartungen zu klären. Uns ist zum Beispiel das Thema Geld nicht so wichtig. Geld ist schön zu haben, aber hat nicht die Priorität in unserer Beziehung. Wir brauchen nicht den Urlaub auf den Malediven, sondern genießen den abendlichen Spaziergang, eine gemeinsame Tasse Kaffee.

Brigitte: Und wir teilen einen großen Humor.

Stefan: Sehr richtig! Ohne diesen hätten wir einander schon erschossen. (alle prusten vor Lachen los)

„Ich habe von meiner Frau ein Waschverbot bekommen“

Ihr habt euch scheinbar aus den Stereotypen rausgewagt. Welchen Wandel findet ihr gut? Wo denkt ihr, war es früher vielleicht angenehmer?

Brigitte: Ich finde es toll, dass Stefan einkauft. Er liebt es.

Stefan: Meine Frau verdient das Geld, ich trage es wieder fort. Das ist doch ein guter Wandel. Vor allem kommen jetzt vernünftige Sachen ins Haus. (allgemeine Heiterkeit)

Heiko: Ich habe von meiner Frau ein Waschverbot bekommen. (alle lachen) Ich glaube immer noch, dass ich sehr gut waschen kann (vehement), aber um des lieben Friedens willen bin ich hier einen Schritt zurückgetreten.

Maja: Wir streiten wirklich wenig, doch beim Thema Waschen hat es schon zweimal heftig geknallt: Wie erkläre ich meinem Mann zum wiederholten Male, dass man dunkle und helle Wäsche trennt oder dies oder jenes Kleidungsstück nicht in den Trockner stecken sollte?

Ich habe es ihm erklärt, ein Bild hingehängt … Und er macht es trotzdem. Das Thema Waschen ist eines der wenigen Reizthemen bei uns.

„In puncto Stereotypen haben wir beide eine 180-Grad-Wendung hingelegt“

Heiko: Ich gehe wie Stefan einkaufen. Ein hilfreiches Tool für uns als Paar ist Outsourcing. Allerdings hat meine Frau gesagt: Heiko, du kannst alles outsourcen, das Putzen, das Hemdenbügeln, nur nicht unsere Beziehung.

Oliver: Als ich die Aufwärmfragen „Wer macht was?“ fürs Interview las – einkaufen, waschen, kochen, Kinder für die Schule fertig machen, die defekte LED-Leuchte auswechseln… –, dachte ich mir: Was macht Kathrin eigentlich noch? (alle lachen) Steuererklärung macht Kathrin immer noch nicht.

Das Auto entkrümeln steht auch auf meiner To-do-Liste. Lohnt sich aber nicht, da es nach einer halben Stunde Autofahrt wieder aussieht wie vorher. (zustimmendes Nicken der Männer) Bügeln mache ich nicht, finde ich totale Zeitverschwendung. (Stefan klatscht Beifall)

In puncto Stereotypen haben wir beide eine 180-Grad-Wendung hingelegt. Dieser Wandel funktioniert aber nur in einer tragfähigen Beziehung, indem man Dinge gemeinsam priorisiert und die Bereitschaft mitbringt, sich anzupassen, zurückzunehmen, Solidarität zu leben.

Nach zwölf Jahren voll im Job war es für mich dran: Wenn nicht jetzt, wann dann? Der Wechsel hat für uns als Paar und die Kinder die Chance eröffnet, die Rollen von Mann und Frau nochmal ganz anders und neu wahrzunehmen.

„Wer ist der fremde Mann im Wohnzimmer?“

Jetzt musst du aber ohne die Anerkennung der Kollegen und Kolleginnen auskommen …

Oliver: Mein Höhepunkt der letzten Woche war ein Besuch mit allen vier Kindern beim Ohrenarzt. Als die Ärztin mich sah und sagte: „Respekt, ich habe zwei Kinder, sie kümmern sich um vier!“ – Das hat mir dann doch etwas gegeben!

Stefan: Ich koche immer bei der Aussage: Mein Mann ist IT-ler, ich bin nur Hausfrau. Ich habe das nie gesagt. Ich habe mich immer so vorgestellt: Ich leite ein mittelständisches Familienunternehmen.

Die Frage, die wir uns als Paar, als Gesellschaft stellen müssen, ist doch die: Welchen Wert messen wir den Kindern, den Aufgaben zu Hause bei? Zudem müssen wir uns fragen: Bin ich glücklich? Habe ich eine erfüllende Beziehung? Kennen meine Kinder mich noch aus dem Alltag oder fragen sie: Wer ist der fremde Mann im Wohnzimmer?

„Männer und Frauen, die sich selbst um die Kinder kümmern, werden stigmatisiert“

Heiko: Und wir brauchen als Gesellschaft ein neues Modell. Wie wäre es, wenn die Person, die zu Hause bleibt, auch ein adäquates Gehalt bezieht für die Leistung, die sie für die Gesellschaft erbringt? (Applaus aus vier Städten) Hier läuft meiner Überzeugung nach manches falsch. Da liegt der Hase doch im Pfeffer.

Männer und Frauen, die sich selbst um die Kinder kümmern, werden stigmatisiert nach dem Motto: Die arbeiten nicht bzw. wir müssen als Wirtschaft und Politik dafür sorgen, dass endlich beide Elternteile in Arbeit kommen.

Brigitte: Gerade Männern, die sich noch stark über Arbeit definieren, signalisiert man damit: Haushalt und Kinder sind keine Arbeit.

Stefan: Bin ich nicht! (allgemeine Heiterkeit) Ganz im Ernst. Ich führe Trauergespräche vor Beerdigungen. Da ziehen Leute Bilanz. Wenn mir eine Frau über ihren verstorbenen Mann sagt, er aß gerne Süßigkeiten, dann ist das doch eine dürftige Bilanz eines Männerlebens. Als Männer und Frauen sollten wir uns fragen: Was ist wertvoll? Und dann von dieser Maxime aus unser Leben gestalten.

„In einem Arbeitszeugnis würde man schreiben: Hat sich stets bemüht!“

Die Erziehungswissenschaftlerin Margrit Stamm provozierte kürzlich im SPIEGEL mit dieser Aussage: Etwa jede dritte Mutter wehrt sich gegen zu viel männliches Engagement. Sie nörgelt, wie er sich mit dem Kind beschäftigt, oder gibt ihm vor, was er im Haushalt wie zu erledigen hat. Steckt in dieser Aussage ein Körnchen Wahrheit?

Heiko: Ich habe damit kein Problem, nur meine Frau. (alle lachen)

Nicole: Wenn ich von der Schicht komme, hilft es mir, erst mal tief durchzuatmen. (Axel schlägt die Hände vors Gesicht – allgemeine Heiterkeit)

Axel: In einem Arbeitszeugnis würde man schreiben: Hat sich stets bemüht! (alle lachen)

Kathrin: Bevor ich aus der Familienarbeit „ausgestiegen“ bin, habe ich mir dazu erstaunlich viele Gedanken gemacht. Doch dann konnte ich sehr schnell loslassen. Oliver macht das auch gut!

„Verantwortung abzugeben, ist abgegebene Verantwortung“

Oliver: Nur beim Thema Schule mischt sie sich als Lehrerin doch immer wieder ein. (allgemeine Heiterkeit) Jeder hat seine Art, die Dinge zu tun. Wir müssen uns davon lösen, den anderen zu erziehen, wie wir ihn gerne hätten. Es geht in die Hose, wenn ich dem anderen meinen Stil überstülpe. Verantwortung abzugeben, ist abgegebene Verantwortung.

Stefan: Brigitte legt Wert auf Ordnung in der Küche. Das ist mir schon auch wichtig. (alle lachen) (gespielt energisch:) Ja, vielleicht nicht ganz so ausgeprägt. Ein paar Mal hat sie dann schon zum Lappen gegriffen, bevor sie ihre Jacke überhaupt aus hatte. Ich hatte einen dicken Hals. Ich habe dann meine Verletzung zur Sprache gebracht, dass wenigstens meine Bemühungen gesehen werden. (Kathrin lacht)

„Kommunikation ist der Schlüssel“

Euer Kompromiss sieht jetzt wie folgt aus?

Stefan: Sie nimmt nicht den Lappen, wenn sie zur Tür reinkommt, sondern wischt, wenn überhaupt nötig, nach, wenn ich draußen bin. (alle lachen) Zudem schreibt sie mir jetzt, wann sie da ist. Dann ist der Espresso fertig und die Küche tipptopp.

Maja: Ich würde das gerne unterstreichen. Kommunikation ist der Schlüssel, um die Andersartigkeit des anderen lieben zu lernen. Eine nörgelnde Frau, ein nörgelnder Mann bringt keine Veränderung hervor.

„Ohne meine Frau wäre unsere Ehe unerträglich“

Was beglückt euch im Miteinander?

Heiko: Unsere Liebessprache ist es, Zeit miteinander zu haben, zusammen zu lachen, eine gute Flasche Wein, Zeit im Schlafzimmer.

Stefan: Meine Lieblingspostkarte trägt die Aufschrift: „Ohne meine Frau wäre unsere Ehe unerträglich.“ (allgemeine Heiterkeit) Humor gehört unbedingt dazu!

Nicole: Kleine glückliche Momente im Alltag und dass wir die Chance haben, aus der Vergebung heraus immer wieder neu miteinander anfangen zu dürfen.

Kathrin: Gespräch, Gespräch und nochmals Gespräch, und dass wir uns zu 100 Prozent aufeinander verlassen können.

Herzlichen Dank für eure Offenheit und die humorvollen 1 ½ Stunden!

Rüdiger Jope ist Chef-Redakteur des Männermagazins MOVO.

»Und führe uns nicht in Versuchung …

Auch wer glücklich verheiratet ist, kann eine Frau treffen, die ihn sofort fasziniert. Dann kommt es darauf an, kühlen Kopf zu bewahren und sich klarzumachen, was auf dem Spiel steht. Unser Autor, der anonym bleiben möchte, hat genau das erlebt.

Ich bin aufgeregt wie ein Pennäler vor dem ersten Date. Dabei kenne ich sie gar nicht. Wir hatten vor ein paar Jahren beruflich miteinander zu tun, seither haben wir zwei- oder dreimal telefoniert. Schon lange wollten wir uns treffen, jetzt konnte ich es auf einer Geschäftsreise einbauen.

GELEGENHEITSBEGEGNUNG AUF EINER DIENSTREISE
Ich erinnere mich an unser erstes Telefongespräch im Spätherbst. Während wir redeten, wich draußen die Dämmerung der Nacht. Ich saß im Halbdunkel und spürte eine tiefe Verbundenheit – trotz der Entfernung und obwohl ich zum ersten Mal mit ihr sprach. Plötzlich ging es auch um ganz private Dinge. Wir verabredeten uns auf ein nächstes Telefonat, zu dem es allerdings erst zwei Jahre später kam. Auch hier plötzlich ein tiefes Verstehen. Und mein spontaner Wunsch, sie einmal persönlich zu treffen. Klar, ich bin schon lange verheiratet, wir haben Kinder und unsere Ehe ist wirklich sehr innig. Wir teilen auch im stressigen Alltag viel Zeit miteinander, reden mehr als die meisten Paare um uns herum. Auch sexuell läuft es ganz gut.
Warum will ich mich dann mit dieser anderen Frau treffen? Ich weiß, sie ist Single, etwas jünger als ich. Ist sie attraktiv? Ich kenne nur ein Foto aus dem Internet – und ihre Stimme. Eine sehr angenehme, dunkle Stimme. Nicht direkt erotisch, aber irgendwie beruhigend.
Also durchaus gefährlich, dessen bin ich mir bewusst. Aber ich bin neugierig. Ich lerne gerne andere Menschen kennen, vor allem solche, die in einer ganz anderen Umgebung leben als ich. Ich frage gerne und habe dabei schon viel gelernt.
Jetzt stehe ich also im Hotelbadezimmer vor dem Spiegel und schaue mich prüfend an. Für mein Alter sehe ich noch ganz ordentlich aus. Ich sollte zum Frisör, und die Ringe unter den Augen waren auch schon weniger. Dann ruft der Portier an, eine junge Dame warte auf mich.
Sie sieht genauso aus wie auf dem Bild. Ich bitte sie, kurz im Licht stehenzubleiben, damit ich sie anschauen kann. Ein Kompliment, „Sie sehen aus wie auf dem Foto – nur jünger“, geht mir leicht über die Lippen. Sie errötet. Schon im Auto – sie hat in einem kleinen Restaurant etwas weiter weg reserviert – biete ich ihr das „du“ an. Sie ist erleichtert. Es fühle sich an, sagt sie, als träfe sie einen alten Freund.
Unsere Zuneigung ist also gegenseitig. Klar, sonst hätte sie einem Treffen ja nicht zugestimmt. Der Abend ist sehr bereichernd. Wir reden, als würden wir uns schon ewig kennen, hätten uns aber Jahrzehnte nicht gesehen. Haben wir uns in einem früheren Leben schon mal getroffen? Sie glaubt an die Reinkarnation, und ich halte den Gedanken nicht für abwegig.

EIN ERKÄMPFTES NEIN
„Unsere Zeit ist so kostbar, möchtest du noch zu mir kommen?“ Ihre Frage, als sie mich zum Hotel zurückfährt, macht mich kurz schwindelig. Aber ich bin wirklich müde, und es ist mir einfach zu gefährlich, mit einer fremden Frau nach Hause zu gehen. Ich lehne dankend ab und bin froh, kurz nach Mitternacht im Hotelzimmer zu sein. War die Abschiedsumarmung zu lange? Wir könnten ja zusammen frühstücken …
Um kurz nach eins kommt eine Kurznachricht: Mit Frühstück sieht es schlecht aus, alle Cafés öffnen zu spät. Ich sehe die Nachricht erst am Morgen, als ich aufstehe. Dann lassen wir es, schreibe ich zurück. Ich habe einen vollen Tag vor mir, und Hektik nach einem so schönen Abend will ich nicht. Noch während ich frühstücke, kommt die Nachricht, dass sie mich noch zum Bahnhof begleiten will. Eine halbe Stunde bleibt uns, wir schlendern durch die Stadt, und ich fühle mich reich beschenkt.
Zu Hause erzähle ich meinem besten Freund von der Begegnung. Er schaut mich an. „Deine Gedanken sind wohl gerade oft bei ihr, oder?“ Ja, das sind sie. Vor allem nach dem Telefonat ein paar Tage später, wo sie als erstes sagte: „Es ist schön, deine Stimme zu hören.“ Da ist er wieder, der Schauer über meinem Rücken. Das geht ein paar Tage so, in denen ich jede Mail und jede Kurznachricht von ihr hundert Mal lese. Obwohl ich weiß, dass das nicht gut ist. Auch wenn ich mir immer wieder einrede, da sei doch nichts außer Sympathie. Männer sind ja ziemlich gut darin, sich die Wirklichkeit zurechtzubiegen. Aber tief in mir drinnen weiß ich genau, wie gefährlich dieses Spiel ist.
Ich werde immer unruhiger. Doch dann treffe ich eine Entscheidung: Ich will nicht untreu sein. Schon gar nicht in Gedanken. Ich will nicht so viele Ehejahre und das Vertrauen in mich in die Tonne treten. Ich breche den privaten Kontakt zu dieser Frau ab – auch wenn es schmerzt, und auch wenn wir beruflich weiter miteinander zu tun haben werden. Mit meiner Frau muss ich das noch bereden. Falls der Durchhaltewillen nicht ausreicht, werde ich mir Hilfe holen bei Männern, die solche Versuchungen kennen. Davon kenne ich eine ganze Menge. Und ich werde das „Vaterunser“ noch bewusster beten: „Und führe uns nicht in Versuchung …“

N.N. (Der Name des Autors ist der Redaktion bekannt)

 

Damit der Trott nicht scheidet

Gelingende Beziehungen fallen nicht vom Himmel, sondern müssen erkämpft werden. Gerade auch von Männern. MOVO im Gespräch mit dem Paarberater Bernhard Kuhl.

Wann landen Paare bei Ihnen auf dem Sofa?
Ein Sofa kann ich nicht bieten. Meistens ist den Paaren auch nicht nach gemütlicher Runde zumute. Oft sind sie mit ihren Gedanken oder konkreten Schritten schon aus der Partnerschaft ausgebrochen. Da sind zwei Stühle, die man auseinanderrücken kann, schon besser.

Von wem geht in der Regel die Initiative für einen Besuch bei Ihnen aus?
Von dem, der in der Krise immer noch einen Funken Hoffnung hat. Bei „kleineren“ Konflikten sind das tendenziell eher die Frauen, wenn es um „alles oder nichts“ geht, versuchen manchmal auch die Männer zu retten, was häufig nicht Gelingende Beziehungen fallen nicht vom Himmel, sondern müssen erkämpft werden. Gerade auch von Männern. MOVO im Gespräch mit dem Paarberater Bernhard Kuhl. mehr zu retten ist. Sie kapieren oft erst zu spät, dass man was tun sollte.

Was sind Ihrer Erfahrung nach Gründe für die Beziehungskrisen?
Es hat immer etwas mit Kommunikation zu tun. Reden, Hören, Interpretieren, … Da sind die Fallen schon gelegt. Dann sind natürlich die Persönlichkeitsstrukturen oder auch die familiären Hintergründe ein Grund für die Anfälligkeit einer Beziehung. Nicht jeder hat z. B. gelernt, mit Konflikten umzugehen oder die Verantwortung für sein eigenes Handeln zu übernehmen.

Was empfehlen Sie Paaren, damit sie nicht erst bei Ihnen auf zwei Stühlen landen?
Gute und ehrliche Gesprächspartner suchen, mit denen man ganz normal über dies und jenes in der Beziehung reden kann. Davon ausgehen, dass Missverständnisse und daraus resultierende Konflikte normal sind. Ab und zu mal ein Eheseminar besuchen, um in die Beziehung zu investieren. Sich in ein gemeinsames Projekt investieren.

Gibt es so etwas wie einen typischen blinden Fleck bei uns Männern?
Viele Männer haben ausgeprägte Abwehrtendenzen. Entweder sie leugnen ein aufkommendes Problem ganz oder sie verharmlosen es. Und wenn sie es endlich akzeptiert haben, scheint für gelingende Beziehungsarbeit die Frau verantwortlich. Viele Männer reduzieren eine gelingende Beziehung auf „guten“ Sex. Wenn sie an dieser Stelle zufrieden sind, dann sind sie eher passiv.

Was würden Sie den Männern nach mehr als 20 Jahren Beratungsarbeit gerne mal um die Ohren hauen?
Kapiert endlich, dass ihr als scheinbar sachbetonte Spezies mehr von euren Gefühlen bestimmt seid, als ihr meint! Geht diesen Gefühlen auf die Spur und lernt schätzen, was außer scheinbarer „Coolness“ oder Sachlichkeit noch in euch steckt.

Warum würden Sie sagen: Es lohnt sich, füreinander zu kämpfen, sich zusammenzuraufen?
Es ist ein großer Fehler, zu glauben, dass in einer neuen Beziehung alles besser läuft. Auch deren Gelingen ist mit Arbeit verbunden. Meistens lassen sich Konflikte auflösen und auch in der alten Beziehung neue und gute Wege erlernen. Wenn Kinder „im Spiel“ sind, lohnt es sich allemal. Sie leiden immer mit.

Trotz des guten Willens gehen auch Ehen unter Christen in die Brüche. Gibt es für Sie ein „gutes Scheitern?“
Es gibt Konstellationen, die sind so destruktiv, dass es sinnlos ist, immer weiter zu kämpfen. Dieses Scheitern dann aber als „gut“ zu bezeichnen, fällt mir schwer. Es bleibt notvoll. Gut ist dann höchstens, dass das gemeinsame Leiden ein Ende hat.

Gehen Männer mit dem Scheitern anders um als Frauen?
Männer haben die Tendenz, sich schnell mit einer neuen Frau zu trösten (wenn dieser „Trost“ nicht schon der Grund des Scheiterns war). Frauen wirken oft stärker, versuchen die neue Herausforderung kraftvoller anzunehmen. Die Gefühle (auch die der Männer) sind dabei so vielfältig wie die Menschen. Trauer, Wut, Verzweiflung, Antriebslosigkeit – die Gefühlspalette ist vielfältig und nicht vorhersehbar. Wobei die Kompensationen meist unterschiedlich sind: Männer lenken sich eher ab und suchen schnell emotionalen Trost bei einer anderen Frau oder in der Sucht, anstatt auf ihren Anteil im Konflikt zu sehen. Frauen sind meist „stark“, packen das Leben (oft alleine mit den Kindern) mutig an. Hier hilft ihnen, dass sie oft schon vorher mit Freundinnen im Gespräch waren und ihre Emotionen eher benennen können.

Führt der „zweite Frühling“, die zweite große Liebe, wirklich ins Glück?
Manchmal ja. Das hängt immer vom durchgestandenen Prozess ab und von der Verarbeitung. Deshalb sollte man nach einer Trennung gut bearbeitet haben, welche eigenen Anteile zum Konflikt geführt haben. Sehr oft aber wiederholt sich das, was in der ersten Beziehung schon schieflief. Auch zweite und dritte Beziehungen zerbrechen häufig.

Was raten Sie Männern vor dem Start in eine neue Beziehung?
Das Scheitern sollte bearbeitet werden, indem man mit einem Therapeuten, Coach oder Seelsorger die „Knackpunkte“ der ersten Beziehung angeschaut und Stolperfallen erkannt hat.

Wie wird die neue Partnerin nicht zum Trostpflaster?
Indem ich aus der Opferrolle herausgehe. Dies fängt mit der nötigen Selbsterkenntnis an, dass auch ich meine Anteile am Scheitern hatte. Wenn „die anderen“ schuld an meiner Lage sind, dann suche ich auch bei „anderen“ meine Rettung. Als Opfer suche ich Trost, als Teil des Problems packe ich meine Konfliktanteile an. Wobei das mit dem Trost so eine Sache ist. Wenn Gott sagt, dass er uns trösten will, wie einen seine Mutter tröstet, dann gibt es ja eine Stelle, an der wir mit unserem Bedürfnis nach Trost sehr ernst genommen werden.

Wie kommt man seinen blinden Flecken auf die Spur, wie übt man neue Verhaltensweisen ein, wie wird die neue Beziehung nicht nur eine Fortsetzung des alten Musters?
Indem man sich zu öffnen lernt. Blinde Flecken entdecken in der Regel nur die anderen. Wenn diese mir liebevoll gespiegelt werden, dann kann ich beschließen, neue Dinge zu tun oder alte nicht mehr zu tun. Ohne einen Coach, Mentor oder Seelsorger an der Seite gelingt das nur schwer.

Wie wichtig ist in diesem Zusammenhang Vergebung?
Vergebung ist immer gut. Es reinigt die Seele, wenn man loslassen kann, was man als Schuldvorwurf dem anderen gegenüber in der Hand zu halten meint. Das Recht auf Vergeltung mag zwar im ersten Moment ein Gefühl der Überlegenheit erzeugen, aber es bindet mich an negative Erfahrungen. Deshalb sollte der Moment kommen, in dem ich das Versagen des anderen freigebe und mich von der negativen Bindung daran lossage.

Welche Rolle spielt für Sie der christliche Glaube im Zusammenhang von Scheitern und Neuanfang?
Vergebung ist zwar auch im säkularen Bereich ein hilfreiches Therapeutikum, es ist aber gerade für Christen mit einer enormen Kraft untermauert. Gott will unser „gutes Recht“ in seine Hand nehmen. Er ist der gerechte Richter. Insofern gebe ich nicht nur etwas ab, sondern ich gebe es an jemanden ab. Der ist auch im Scheitern bei mir. Das schafft ungeahnte, neue Perspektiven nach vorne.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

Bernhard Kuhl (60) ist Lebens- und Eheberater (DAJEB), Mediator und Leiter der Beratungsstelle FREIRAUM (www. freiraum-muecke.de) in Mücke bei Gießen. Er ist verheiratet mit Doris, Vater von drei erwachsenen Kindern und Großvater von einem Enkel.