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Zwischen Zumutung und Zumüdung

Wenn die Predigt mal wieder nicht enden will oder du plötzlich mit deinen Gedanken wieder beim Fußballbundesliga-Spitzenspiel auf dem Platz stehst.

Als Jugendliche haben wir uns immer köstlich amüsiert, wenn mal wieder ein (meist älterer oder gesundheitlich herausgeforderter) Gottesdienstbesucher während der Predigt eingeschlafen ist. Später als Pastor habe ich das dann ganz anders gesehen – nämlich von vorne. Und glaube ja nicht, ein Prediger bekommt das nicht mit, wenn Leute einschlafen.

ERLÖSENDE KOLLEKTE
Nun scheint es landauf, landab tatsächlich eine sonntägliche Herausforderung zu geben, nämlich: Wie überstehe ich die Predigt, ohne zu schnarchen? Leider sind einige (viele?) der Sonntagsreden in unseren Gemeinden eine – man muss es wohl so hart formulieren – Zumutung. Oder zumindest eine Zumüdung. Allerdings muss man auch sagen, dass es besonders für Viel-Prediger nicht immer ganz einfach ist, fast jeden Sonntag die Leute vom Hocker zu reißen. Zumal die meisten Leute es nicht mehr gewohnt sind, länger als bis zur nächsten Werbung zuzuhören. Und die Gabe des Entertainments gehört auch nicht unbedingt zum üblichen Anforderungsprofil bei Neueinstellungen. Besonders schwierig ist das, wenn Kinder mit im Gottesdienst sitzen. So wie die kleine Frieda, die während der Predigt immer unruhiger wird. Schließlich hält sie es nicht mehr aus und fragt ihren Vater: „Papi, wenn wir dem Pfarrer die Kollekte jetzt schon geben, können wir dann früher gehen?“ Man könnte an dieser Stelle nun lang darüber nachdenken, was man in der Ausbildung der Prediger alles anders machen müsste. Zum Beispiel wäre es sicherlich sinnvoll, der (praktischen) Predigtausbildung mehr Raum und Zeit zu geben. Schließlich ist die Predigt der Teil des Pastorendaseins, von dem idealerweise am meisten Leute profitieren.

WIRD DIE PREDIGT ÜBERBEWERTET?
Außerdem könnte man überlegen, ob die Bedeutung der sonntäglichen Predigt für das Leben des Gottesdienstbesuchers nicht völlig überbewertet wird. Mir ging es ja selbst oft so, dass ich am Donnerstag nicht mehr wusste, über was ich am vergangenen Sonntag gepredigt hatte. Natürlich könnte man auch darüber sinnieren, ob der Predigtschlaf an sich nicht etwas sehr Wertvolles ist. Was gibt es denn Besseres, als mit dem Wort Gottes einzuschlafen und wieder aufzuwachen? Oder man stimmt in das allgemeine Lamenti mit ein, dass früher sowieso alles besser war. Besonders als man die Predigten akustisch nicht so gut verstand. Und außerdem sind die Ansprüche der Gottesdienstbesucher im Laufe der Jahre so gestiegen, da hält man ja sowieso nicht mehr mit. Deshalb heißt die Devise: Zurück zum Wort. Wenn die Leute das nicht aufmerksam verfolgen können, dann stimmt was nicht mit ihnen. Doch wie wäre es, wenn dem gemeinen Predigthörer einige Hilfen an die Hand gegeben werden, wie er mit den plötzlichen Ermüdungserscheinungen am Sonntagmorgen umgehen könnte? Der geneigte Leser möge sich die für ihn passenden Ratschläge selbst aussuchen.

14 TIPPS FÜR AUFGEWECKTE PREDIGTHÖRER:

FÜR BIBEL-TREUE:
Nimm deine eigene Bibel mit. Sollte der Prediger einen Bibelvers erwähnen, schlage ihn nach und überprüfe, ob er auch richtig zitiert wurde.

FÜR ERMUTIGER:
Überlege dir doch, was du der Pastorin, dem Pastor trotz-dem Nettes sagen könntest. Z. B. einen Bibelvers … „Herr Pfarrer, sie sollten nicht so oft predigen müssen“ ist übrigens nicht so hilfreich.

FÜR EXTROVERTIERTE:
Bestätige die Aussagen des Predigers mit kräftigen „Amen!“- oder „Preach it!“- Ausrufen. Das hilft auch den anderen, wach zu bleiben.

FÜR GEISTLICHE:
Bete für den Menschen auf der Kanzel. Oder deine Platznachbarn. Oder die Gemeinde. Oder den Weltfrieden. Oder die baldige Wiederkunft Jesu.

FÜR GEMEINSCHAFTSSUCHENDE:
Frage deinen Sitznachbarn, ob er mit dir eine Runde „Schiffe versenken“ oder „TicTacToe“ spielt. Ballsportarten sind nicht so gut geeignet.

FÜR HACKER:
Spiele doch an den besonders langweiligen Stellen einfach ein bisschen Werbung ein.

FÜR HILFSBEREITE:
Setz dich immer neben die, die am müdesten aussehen. Dann kannst du sie stützen, wenn sie einschlafen.

FÜR INNENARCHITEKTEN:
Zähle doch mal die einzelnen Teile der Kirchenfenster und überlege dir, wie man den Innenraum etwas aufhübschen kann.

FÜR KÜNSTLER:
Übe dich im Porträtieren des Predigers. Falls dir diese Kunst zu hoch ist, packe deinen Kritzelblock aus.

FÜR QUIZ-MILLIONÄRE:
Schlage den hinteren Teil des Gesangbuches auf und präge dir die biographischen Daten von Paul Gerhardt & Co ein. Dieses Wissen könnte dich bei der Millionenfrage retten.

FÜR KINDERLIEBE:
In den Kindergottesdiensten werden männliche Mitarbeiter mit Kusshand genommen. Dabei wird selten nach der Motivation gefragt …

FÜR MOVO-LESER:
Erinnere dich an diesen Artikel und überlege, welche Tipps man noch ergänzen könnte.

FÜR MUTIGE:
Selber Predigen macht schlau – und demütig. Wirf dein Talent in den Ring.

FÜR TECHNIKFREAKS:
Nimm die Bibel auf dem Tablet oder dem Handy mit. Dann kannst du nebenher gleich deine Mails beantworten, die nächste Woche planen oder schonmal den Backofen mit der Pizza anfeuern.

Stefan Bitzer (www.stefanbitzer.de) aus Reutlingen war zehn Jahre lang Pastor und fragt sich, ob er nach dem Artikel noch mal zum Predigen eingeladen wird oder werden will.

Was sind Ihre Predigterfahrungen? Welche witzigen, aber auch ernstgemeinten Tipps hätten Sie auf Lager? Beteiligen Sie sich unter www.movo.net.