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Liebe gibt es nicht umsonst

Partnerschaft ist schwierig und manchmal eine Zumutung. Holger Kuntze weiß, wie Beziehung trotzdem gelingen kann.

Gibt es den perfekten Partner?
Natürlich. (lacht) Es gibt Paare, die zueinander finden und über Jahrzehnte im besten Einvernehmen glücklich und zufrieden sind. Doch die Wahrscheinlichkeit, den perfekten Partner zu finden, ist sehr gering. Warum sollten Sie oder ich gerade den Einen unter 8 Milliarden Menschen finden, der perfekt zu uns passt? Die Realität ist die, dass wir uns in einen Menschen verlieben, der sich dann auf dem Weg zur Liebe und zur langjährigen Beziehung in einer Form zeigt, die uns in unserem Ich-Sein herausfordert. Partnerschaft ist eine Wachstumschance. Paare müssen sich genau dieser Herausforderung stellen.

Der Titel Ihres Buches lautet: „Lieben heißt wollen.“ Welche Intention verbirgt sich dahinter?
Die Vorstellung dessen, was eine Partnerschaft ist, wird heute extrem von Hollywood-Bildern und Werbekitsch geprägt. Wenn wir heute in den Fünfzigerjahren leben würden, wo viele aus Duldsamkeit und Angst in einer Partnerschaft blieben, hätte ich vermutlich ein Buch mit dem Titel „Liebe heißt frei sein“ geschrieben. Ich will mit „Lieben heißt wollen“ darauf hinweisen, dass wir Verliebtheit mit Liebe verwechseln. Das Dilemma unserer Zeit ist: Wir haben keine Idee mehr davon, was Liebe wirklich ist.

Ziemlich ungeschminkt schreiben Sie: „Beziehung ist anstrengend. Beziehung ist eine Zumutung.“ Geht es nicht auch etwas netter?
(lacht) Ich habe aber auch geschrieben, dass diese Zumutung fantastisch ist! Ich will mit dem Stachel locken. Ich will die Lüge entzaubern: „Beziehung gelingt immer und ist immer schön.“

Wovon hängt Ihrer Überzeugung nach die Qualität einer Beziehung ab?
Meine Beobachtung ist: Auch hier setzen wir aufs falsche Pferd. Menschen wünschen sich Leidenschaft wie im Film: Wir sind unterwegs mit dem Cabrio, trinken Champagner und haben Sex miteinander. Nach einer gewissen Zeit wird dieser Verliebtheitszustand in eine stetige Beziehung geführt. Dann bezieht man eine Wohnung, eröffnet ein gemeinsames Konto, macht sich Gedanken über die Familienplanung. Das Spiel „gelingende Partnerschaft“ gewinnt man aber nicht mit dieser blinden Zweidimensionalität von Spaß und Regeln. Gelingende Beziehung braucht eine dritte Dimension.

Die da wäre?
Empathische, loyale Freundschaft. Diese Freundschaft besteht darin, dass ich den anderen dabei unterstütze, dass er der sein kann, der er sein möchte. Es geht darum, dass ich ihm Aufmerksamkeit und Zeit schenke und sie nicht verrechne. Die Beziehungsdimension haben Paare leider oft nicht auf dem Radar. Die Beziehungsqualität von Paaren hängt wesentlich davon ab, dass Männer und Frauen nicht sich selbst als die Nächsten betrachten, sondern ihr Gegenüber. Dort, wo der andere schaut, was dem Gegenüber dient, geschehen in Beziehungen Wunder.

Sie unterscheiden zwischen Verliebtheit und Liebe …
Verliebtheit geht einher mit dem lauten Botenstoff Adrenalin. Dieses Hormon haut richtig rein. Liebe hingegen basiert auf den leisen Botenstoffen Serotonin und Oxytocin. Verliebtheit und Liebe sind physiologisch völlig unterschiedliche Zustände. Körperlich kann Verliebtheit kein Dauerzustand sein. Der Körper regelt diesen Ausnahmezustand nach unten. Wenn Sie drei Jahre am Stück verliebt wären, würden Sie an Stresssymptomen erkranken.

Was ist dann für Sie Liebe und was nicht?
Verliebtheit ist eine WhatsApp-Nachricht. Liebe ist ein Roman. Verliebtheit ist die Illusion, den perfekten Partner gefunden zu haben. Liebe hingegen weiß, dass es auch mal schwieriger miteinander werden kann. Verliebtsein ist die Blindheit vor den Unterschieden. Liebe ist der Blick auf die Unterschiede und die Anerkennung der Differenzen. Liebe ist eine Entscheidung, die der Verliebtheit folgt. Liebe ist Verzicht, um etwas Größeres zu gewinnen, etwas, was ich nur durch die Liebe und den Verzicht erreichen kann. Liebe ist kein Investment, sondern ein Geben und Schenken, ohne etwas zu erwarten, ohne das Versprechen einer Rückzahlung. Liebe ist Dauer, und Dauer ist eine Qualität.

Ein Leser schrieb uns: „Das Kribbeln ist seit Jahren weg. Ich frage mich jetzt, ob ich noch die richtige Partnerin habe.“ Was würden Sie ihm antworten?
Ich würde ihm sagen: Das Kribbeln beantwortet nicht Ihre Frage! Das Abhandensein des Kribbelns ist normal und richtig. Schauen Sie dagegen darauf, was Sie mit Ihrer Partnerin haben, und machen Sie sich die Unterschiede von Verliebtheit und Liebe klar. Wenn Sie permanent Bacardi-Werbung im Kopf haben, wo es ums Kribbeln geht, glauben Sie der falschen Erzählung. Doch die Frage ist falsch. Klar ist: Ich will keine fehlerhaften und zerstörerischen Beziehungen aufrechterhalten. Wir müssen über das Miteinander ins Gespräch kommen, aber: Das Kribbeln kann nicht der Maßstab sein.

Unser Verstand denkt: „Solange ich keine Zuneigung und Liebe fühle, kann ich nicht zugeneigt und liebevoll handeln.“ Denkt er richtig?
Der Verstand denkt immer richtig, es ist nur falsch. (lachen) Eine Daumenregel, mit der ich arbeite, lautet: Sie müssen nicht alles glauben, was Sie denken! Es geht nicht darum, wie ich denke und fühle, sondern darum, wie ich handle. Wenn Sie sich der Verstandesbotschaft anschließen, passiert keine Veränderung. Veränderung geschieht nur durch Handeln. Überspringen Sie daher Ihre Gedanken und Gefühle und gehen Sie in die Handlung. Wenn es Ihnen keinen Spaß macht, machen Sie es mal ohne Spaß.

Welche falsche Dynamik im Blick auf die Veränderung des Partners gilt es zu durchbrechen?
Die wesentliche Veränderung beginnt bei mir selbst. Sehe ich den Partner nur in seiner Fehlerhaftigkeit, die mir vielleicht nicht passt? Kommen Sie raus aus der Schmollecke: „Wenn nur mein Partner anders wäre, wäre alles gut.“

Im Laufe der Jahre entdecken Mann und Frau Differenzen in ihrer Beziehung …
Und das ist sehr gut so. Differenz ist die Realität aller Beziehungen. Darin verbergen sich viele Chancen, um die Beziehung zu vertiefen und zu erweitern.

Wie könnte ein erster Schritt hin zu einer verbindenden, tiefen Liebe aussehen?
Sich dieser Dimension von loyaler, empathischer Freundschaft zu öffnen.

Letztes Jahr titelte DIE ZEIT: Lasst euch nicht gleich scheiden! Andrea Hanna Hünniger stellte in dem Beitrag die These auf: Die Ehe lebt vom Aushalten. Würden Sie sich der Aussage anschließen?
„Aushalten“ ist ein schlechtes Wort. Mein Ansatz ist: Finden Sie als Paar einen realistischen Blick dafür, was sie miteinander haben. Sehen und wertschätzen Sie Ihre Qualitäten, und finden Sie zu Lösungen für die Dinge, die nicht gut sind.

Es gibt scheinbar nicht den perfekten Partner. Warum plädieren Sie daher nicht fürs Trennen, sondern brechen mit Ihrem Buch eine Lanze für Partnerschaft?
Partnerschaft ist immer herausfordernd, belastend und nervig. Aber: Partnerschaft ist das schönste und tollste System eines Miteinanders von Menschen! Sie versetzt uns in Möglichkeiten von Verwirklichungen, die fantastisch sind!

Herzlichen Dank für das ermutigende Gespräch!

Rüdiger Jope ist Chefredakteur des Männermagazins MOVO.

Holger Kuntze (51) arbeitet als Paartherapeut und Paarberater. Er lebt in München und Berlin. Er ist Autor des Buches „Lieben heißt wollen“ (Kösel). www.holgerkuntze.de

Sexverbesserer

Männer sehnen sich nach beglückendem Sex. Der fällt allerdings nicht vom Himmel.

Dieses Jahr feiern wir unseren 13. Hochzeitstag, dazu den neunten, siebten, fünften und zweiten Geburtstag unserer Söhne. Ja, wir haben immer noch Sex! Mal mehr, mal weniger, mal besseren, mal schlechteren. Im Schnitt sicher einmal pro Woche. Ich habe mich dafür entschieden, offen zu sein. Es ist wichtig, dass wir über Sex reden. Denn genau da beginnen die Probleme. Bei der fehlenden oder falschen Kommunikation. Nein, ich denke nicht an die Gespräche mit den Kumpels in der Kneipe beim Bier. Was ich meine: Kannst du mit deiner Frau über euren Sex reden? Hast du ihr gesagt, was dich antörnt? Wie oft du mit ihr schlafen willst, und welche sexuellen Dinge du mit ihr erleben möchtest? Und umgekehrt: Kennst du ihre Vorlieben und No-Gos?

Wenn es darum geht, meiner Frau zu sagen, was ich mir wünsche, spüre ich oft eine Hemmschwelle. Warum ist das so? Weil ich dann das Risiko eingehe, abgelehnt zu werden. Kein Mann wird gerne abgelehnt. Allerdings: Wer Sex als Tabuthema behandelt,bespricht einen entscheidenden Teil der Ehe nicht. Andere Dinge, wie das Familienbudget oder die Ferienplanung, diskutieren wir – dann sollten wir auch den Sex nicht dem Zufall überlassen. Das Resultat der Haltung „über Sex spricht man nicht“ ist meistens Entfremdung, schlechter Sex und Unzufriedenheit gespickt mit Vorwürfen. Wer bei gegenseitiger Schuldzuweisung angelangt ist, hat den Teamgeist begraben. Game over. Wer guten Sex will, muss also eine Sex-Kultur entwickeln. Aber wie?

Lust ist gottgegeben

Sex ist wichtig für eine glückliche Ehe. Viele ziehen diese wunderbare Erfindung Gottes in den Schmutz. Aber das macht Sex noch lange nicht zu etwas Dreckigem. Wenn ein Mann seine Lust auf Sex als etwas Negatives sieht, lacht sich der Teufel ins Fäustchen. Denn Gott hat unsere Sexualität als etwas Reines, sogar als etwas Heiliges geschaffen. Der Dreck kommt nicht mit der Lust, sondern mit dem falschen Umgang damit. Gott ist für Sex! Hätte Gott etwas gegen Sex, hätte er uns als geschlechtslose Teletubbies erschaffen. Sexuelle Lust ist gottgegeben. Lebe sie mit deiner Frau aus!

Sex braucht Lockerheit

Druck erzeugt Gegendruck und ist oft ein Zeichen von Hilflosigkeit. Wer nicht weiß, wie er seine Frau gewinnen kann, wird auf zweifelhafte Methoden zurückgreifen und seine Frau dabei verlieren. Mein Ziel ist, meiner Frau meine Wünsche offen kommunizieren zu können. Ohne ihr dabei das Gefühl zu geben, dass sie mir das alles gleich heute geben muss. Ich sehe die Ehe als ein Abenteuer: Wir haben Jahre Zeit, uns zu verbessern und Dinge auszuprobieren. Nimm es locker, wenn’s im Bett mal nicht so „flutscht“, denn du bist noch eine Weile verheiratet!

In die eigene Wiese investieren

Da schießt einem dieser Gedanke durch den Kopf: „Mit einer anderen Frau hätte ich mehr und besseren Sex.“ Wer diese teuflische Hintertür öffnet, stiehlt sich aus der Verantwortung. Er reduziert die gemeinsame Sexualität auf das Verhalten einer Person („Sie ist schuld!“). Dieser Mann ist zu faul, sich selbst zu hinterfragen und etwas zu ändern. Die Wiese auf der anderen Seite des Zauns ist nicht grüner! Meine Wiese hat so viel Qualität, wie ich Zeit und Energie in sie investiere. Je mehr ich mich auf meine Frau fokussiere, desto weniger reizen mich andere Frauen. Ich kriege den Fokus auf meine Frau nur scharf, wenn ich aufhöre fremdzugehen! Keine weiteren „mit der wär’s perfekt“-Gedanken. Keine weitere Lustbefriedigung durch andere Frauen (z.B. Porno oder Fremd-schauen). Und keine Gefühle für andere Frauen pflegen – egal, wie viel Bewunderung sie schenkt!

Team im Alltag, Team im Bett

Ich erwische mich ab und zu dabei, wie ich mir Sex verdienen möchte. Und dann bin ich enttäuscht, wenn’s nicht funktioniert. Sex taugt nur selten als Belohnungs-System. Vielmehr ist Sex eine logische Konsequenz einer funktionierenden Teamarbeit. Die Herausforderung ist, dass wir Männer nicht den ganzen Tag anwesend sind. Aber wir können trotzdem da sein. Ich kann meiner Frau tagsüber eine SMS schreiben, kurz anrufen, nachfragen. Zeigen, dass ich an sie denke und mich für sie interessiere. Sie wird merken, dass sie mehr als ein Körper ist, der am Feierabend die Lust des Ehemannes befriedigen muss. Ich bin überzeugt: Wer tagsüber mit seiner Frau kommuniziert, wird eher eine Verbindung mit ihr haben und muss diese nicht mühsam nach dem Arbeitstag herstellen. Team im Alltag, Team im Bett.

Den Motor am Laufen halten

Frustriert bemerkt sie: „Du berührst mich nur, wenn du mit mir ins Bett willst!“ Das blöde an dieser Aussage ist, dass sie oft wahr ist. Ein Freund erklärte mir, dass sich tägliches Küssen (mindestens sechs Sekunden am Stück), positiv auf die Beziehung auswirkt. Die körperliche Verbindung muss aufrechterhalten bleiben. Es muss nicht immer eine lange Rücken- oder Fuß-Massage sein: Zärtliche Berührungen zwischendurch halten den Motor am Laufen.

Sex planen und entwickeln

Damit unsere Beziehung sich gesund entwickelt, brauchen wir ein Ziel. Wohin wollen wir uns entwickeln? Wie soll unser Sex in zehn Jahren sein? Und welche Schritte müssen wir dafür gehen? Sex ist ein Lebens-Projekt, das man aktiv gestalten muss! Denn die Sexualität entwickelt sich immer in die eine oder andere Richtung: Wer investiert, wird profitieren. Wer es dem Zufall überlässt, wird unter Umständen in einem fremden Bett zu sich kommen. Setze dich mit deiner Frau zusammen. Plant zusammen Auszeiten, kinderfreie Stunden und schafft Raum, damit sich eure Sexualität entwickeln kann.

Reto Kaltbrunner ist Pastor des ICF St. Gallen und Gründer des ICF Mens World. Sein Herz schlägt höher, wenn Menschen eine Begegnung mit Gott haben und Männer in ihre göttliche Identität hineinfinden.