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Männer, lasst euch feiern! Weil wir es uns wert sein dürfen

Warum tun sich viele Männer so schwer, ihren Geburtstag zu feiern? Denn eigentlich lohnt es sich!

Alle Jahre wieder – das bekannte Weihnachtslied und der wiederkehrende Rhythmus: Da ist er wieder. Mein Geburtstag. Will ich ihn feiern? Oder lieber nicht? Wenn ja, wen will ich einladen? Und Geschenke. Ich habe doch alles. Wie will ich eigentlich den Tag gestalten? Eine Kiste Bier, Fleisch auf dem Grill – reicht. Verdammt, jetzt soll ich mich entscheiden: Wie um alles in der Welt will ich meinen Geburtstag feiern? Jedes Jahr die gleichen Fragen.

Ein verdrängtes Kracherthema

Ich bin seit Jahren Leiter einer Gruppe „DIE Männerreise – Abenteuer Identität“. Innerhalb der Mitarbeiterrunde brachte ich die Idee ein: Lasst uns mal über unsere Geburtstage und wie ich diese feiern will, sprechen. Die Mitarbeiter waren skeptisch, ob das ein lohnenswertes Thema sei. Wir wurden alle überrascht. Das Thema wurde der Kracher. Warum? Wir stellten fest, dass 80 % der anwesenden Männer in irgendeiner Art Mühe mit der eigenen Geburtstagfeier hatten. Die ganzen Fragen von oben waren da dabei. Und es gab noch viel mehr. Warum tun wir Männer uns mit dem Feiern so schwer?

Ich tat mich viele Jahre mit dem Feiern schwer, weil ich nie gefeiert wurde. Ich habe Entwertung und auch leider Gewalt in meiner Familie erlebt. Das bedeutete, dass ich viele Jahre meines Lebens die Frage in mir trug: Bin ich es wert? Bin ich es wert, beschenkt zu werden? Bin ich es wert, dass wegen mir andere Menschen zu meinem Geburtstag kommen? Zu mir, wegen mir? Ein anderes Thema war für mich auch: Das, was ich mir wünsche, ist nicht so wichtig. Immer wieder bekam ich Schlafanzüge. Ätzend. Das machte mich zu einem überzeugten Festemuffel. Zudem konnte ich mir nur schwer etwas schenken lassen.

Irgendwann mit Mitte 40 bekam ich einen Anflug. Ich sagte mir: Nicht ausweichen Karsten! Ich fing an, mir drei Monate vor meinem Geburtstag Gedanken zu machen: Wie will ich feiern? Mit wem? Wie an diesem Tag? Was wünsche ich mir? Wie soll der Tag ablaufen? Das plötzliche Thema für mich war: Ich will (klingt das komisch?) mich würdigen! Ich möchte das Leben und mich feiern (lassen). Denn – man glaube es kaum: Ich bin es wert! Die Sache bekam Füße und wurde ein richtiger Erfolg, für mich und meine Beziehungen.

Vom Feiervermeider zum Festgenießer

Und seitdem feiere ich jedes Jahr anders, mal groß oder mal klein. Diesmal lag mein Geburtstag in den Ferien. Die Freunde waren alle im Urlaub. Dann geht’s auch eine Nummer kleiner. Meine Familie weiß: Ich liebe Frühstück. Ich wünschte mir von meiner Frau, meinen Kindern und der Schwiegertochter ein üppiges Buffet. Leute, es wurde lecker. Und ich formulierte vorher einen Wunsch an jeden: Bereite dich bitte darauf vor, von dir persönlich zu erzählen. „Was habe ich in den letzten Monaten erlebt? Was waren meine Highlights und was waren wirkliche Herausforderungen für mich?“ Dafür haben wir uns gegen Ende des Frühstücks ausführlich Zeit genommen. Ihr könnt euch vorstellen: Das brauchte Zeit, aber es war wunderbar zu erleben, wie Tiefe an einer solchen Feier entsteht. Für den Nachmittag hatte ich mir von jedem 1,5 Stunde Pause fürs Schlafen und Zeit für mich haben gewünscht. Als Highlight reservierte ich abends einen Tisch für uns fünf in einem israelischen Restaurant. Meiner Frau sagte ich mit einem Augenzwinkern: Schau bitte nicht auf die Preise, es ist mein Geburtstag. Wir haben gelacht, das feine Essen genossen. Ich war glücklich. Mein Geburtstag und das Feiern hat einfach nur Spaß gemacht. Meine Feiertipps für dich:

  • Mach dir keinen Stress. Feiern ist keine Verpflichtung. Vielleicht fängst du klein an – mit einer Änderung – oder überhaupt mal wieder mit 2 oder 3 Leuten. Du darfst dich wichtig nehmen. Du darfst den Tag nach deinem Geschmack gestalten.
  • Beginne rechtzeitig mit der Planung. Mach es konkret und nimm dir Zeit dafür. Frage dich: Wie genau will ich feiern? Mit wem? Was würde ich gerne machen? Was wünsche ich mir als Geschenk? Wie soll der Tag ablaufen? Will ich vielleicht gar nicht Sitzen, sondern mich mit den Freunden bei einer Rad-, Wander-, oder Kanutour bewegen?
  • Klär die Magenfrage. Kochst du mit deinen Gästen? Stellst du einen Grill oder eine Feuerschale in den Garten? Wird es eine Mitbringparty – das kann sehr entstressen – oder lässt du dir etwas aus der Metzgerei um die Ecke liefern?
  • Du hast keinen Bock auf Smalltalk? Dann halte eine kleine Rede oder jeder darf dir etwas sagen, was er an dir schätzt. Du kannst den Spieß auch rumdrehen: du würdigst jeden Gast, erzählst, was dich mit ihm verbindet, was dich an ihm begeistert. Alternativ kannst du den Gästen auch Fragen bei der Anmeldung zukommen lassen: Was macht dich lebendig? Was sind deine Träume? Was war ein Highlight, ein Tiefpunkt in deinem letzten Jahr?
  • Die leidige Geschenkefrage. Wie wäre es, wenn du deine Freunde bittest, dass sie dir bei einem Bauprojekt im Haus oder Garten helfen. Ein Mann in unserer Männerreise lässt sich verteilt übers Jahr monatlich eine intensive Begegnungszeit mit einem Mann schenken. Oder du sammelst Geldgeschenke für ein Hilfsprojekt in der Ukraine, dem Libanon oder dem Sudan.

Während ich als Autor diesen Artikel schreibe, fallen mir noch viele Ideen und Gedanken ein. Es ist ein lebendiges Thema. Es lohnt sich, als Mann das (Geburtstag-)Feiern wiederzuentdecken oder gar zum ersten Mal ins Leben zu bringen. Nur Mut! Das Leben ist schön und du bist einzigartig. Das gilt es zu feiern. „Lechaim“, auf das Leben! Der nächste Geburtstag kommt bestimmt.

Karsten Sewing ist verheiratet und Vater von zwei Kindern.

Feierabendfalle

Auf der Arbeit ging nichts mehr. Er beschloss, früher Feierabend zu machen und seine Familie einmal zu überraschen. Er freute sich auf eine gemütliche Tasse Kaffee mit seiner Frau. Doch dieses Mal stürmte ihm keine jubelnden Kinder entgegen. Er erntete irritierte Blicke. Die Tochter schob ein übergroßes Cello im Flur an ihm vorbei. Der Junge sprang im Fußballtrikot hinter ihr her und seine Frau hauchte ihm – den Autoschlüssel in der Hand – einen Kuss auf die Wange: „Ach, hallo, was machst du denn schon hier?“, und dann war alles ruhig. Er stand allein im Flur – „Was mache ich nur hier?“

Fremd im eigenen Heim

Als Mann fühlt man sich da manchmal wie ein Fremder. Ich habe erlebt, dass es öfter die Frauen sind, die den Familienalltag organisieren und dafür Sorge tragen, dass alles läuft. Die für uns die sozialen Kontakte pflegen, uns an Geburtstage erinnern, die Freunde am Wochenende zum Grillen einladen. Wir gehen morgens aus dem Haus, kommen abends spät nach Hause und erleben unsere Kinder oft nur noch kurz vor dem Schlafengehen. So ist es kein Wunder, dass den Frauen immer noch mehr Erziehungskompetenz zugesprochen wird als uns Vätern – und hier ist wirklich gemeint: den Frauen generell und den Vätern noch nicht einmal. Zugegeben, es ist oftmals auch schön, den Rücken freigehalten zu bekommen, denn auch das kennt jeder von uns: Du kommst von der Arbeit; die Probleme, Anstrengungen des Tages sind nicht spurlos an dir vorübergegangen. Erledigt bist du in den eigenen vier Wänden und schaffst es nicht rechtzeitig, umzuswitchen und das „Programm Familie“ abzuspulen. Sobald du die Tür öffnest, stürzen die Kinder voll Freude in deine Arme. Sie wollen von ihrem Tag erzählen. Deine Frau möchte mit ihren Fragen nach deiner Arbeit teil an dir haben und von sich erzählen. Aber dir passt das manchmal gar nicht, du fühlst dich dann überfordert und wünschst dir einen kleinen Augenblick der Ruhe.

Den Heimkommwahnsinn benennen

Wir Männer erleben hier einen großen Zwiespalt: Einerseits sind wir immer noch die Hauptverdiener und beruflich stark eingebunden, andererseits möchten wir auch gerne intensive Beziehungen zu unserer Partnerin und unseren Kindern haben. Ich denke, wir wissen schon, dass eine Zweiteilung in Woche (Arbeit) und Wochenende (Familie) eine Teilung ist und keine Lösung. Die Patentlösung wartet noch auf die Entdeckung. Was mir hilft, ist, diesen Wahnsinn des Heimkommmens erst einmal als solchen wahrzunehmen und mit der Familie zu besprechen. Ich mache mir erst einmal in Ruhe etwas zu essen, wenn ich von der Arbeit nach Hause komme. Ich nehme mir die Zeit anzukommen, dann erst bin ich mit ganzem Herzen für meine Familie da. Das Spannungsfeld, in dem wir Männer stehen, lässt sich sicherlich nicht per Knopfdruck auflösen. Es gibt nicht „die Lösung von der Stange“. Aber vielleicht lassen wir uns vom Prediger Salomo erinnern, dass es für alles eine Zeit gibt. Es gibt eine Zeit für dich und deine Frau, eine Zeit, die du mal mit deinen Kindern (alleine) verbringst und eine Zeit für dich, egal, ob du sie für deine Hobbys oder deine Freunde nutzt, oder ob du sie dir nimmst, um deine Spiritualität und deinen Glauben zu leben.

Jörg Wetjen (47) ist verheiratet und Vater einer Tochter. Er hat als Theologe diplomiert zum Thema »Männerrollen in den Erzelternerzählungen«. Er ist in Dortmund selbständiger Bildungsanbieter. In seiner Freizeit engagiert er sich für die Männerarbeit im Institut für Kirche und Gesellschaft der Evangelischen Kirche von Westfalen.