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Arbeiten bis zum Umfallen: Sind Sie in Gefahr, arbeitssüchtig zu werden?

Anhand welcher Symptome erkennen Sie Ihre Arbeitssucht? Erste Anzeichen und fünf Tipps, um der Arbeitsfalle zu entkommen.

Erfüllung, Entfaltung und Lebensgrundlage auf der einen Seite. Überforderung, Burnout und Workaholismus auf der anderen: Arbeit hat nicht nur zahlreiche Formen und Facetten, sondern auch vielfältige Ausprägungen und Konsequenzen. Doch was, wenn aus dem, was eigentlich die Existenz sichert, eine Sucht wird? Woran merkt man, ob man betroffen ist? Oder noch besser: Was kann jeder tun, um diesen Zustand rechtzeitig zu vermeiden? Die Bedeutung von Arbeit hat im persönlichen Wertesystem jedes Individuums unterschiedliche Gewichtung: So arbeiten die einen, um zu leben, also den Lebensunterhalt zu finanzieren. Andere wiederum leben, um zu arbeiten.

Das ist alles per se weder gut noch schlecht und auch nicht in jedem Fall selbstbestimmt gewählt. Für jeden Menschen hat Arbeit daher eine andere Sinnhaftigkeit. Arbeit ist etwas Gutes, viel arbeiten ist in unserer Gesellschaft ebenfalls und größtenteils positiv besetzt. Nicht zwingend geht das mit Überforderung oder sogar einem möglichen Burnout einher. Wer oft und viel tätig ist, kann das durchaus lustvoll tun und erfährt dadurch Erfüllung. Selbst wenn die Gefahr von Workaholismus bei denen lauert, die überdurchschnittlich viel tun, ist dieser Begriff eher positiv konnotiert. Erst die Steigerung dessen führt zur eigentlichen Arbeitssucht und die Grenze zu einer Erkrankung rückt näher. Was kennzeichnet Arbeitssüchtige? Es sind Menschen, die typisches Suchtverhalten zeigen, also immer mehr von einer Sache brauchen, um über den Tag zu kommen. So sind sie in der damit verbundenen Dauerschleife gefangen: Ihr gesamtes Selbstwertgefühl fußt auf ihrer Arbeit, daher sind sie nicht mehr in der Lage, sich von ihr abzugrenzen, arbeiten zwanghaft und leben einen ausgeprägten Perfektionismus.

Wo lauert der Workaholismus?

Die Menschen in der modernen Gesellschaft arbeiten viel mehr als die Generationen davor in früheren Jahrhunderten. Mit der Aufklärung kam ein modernes Versprechen auf, das sich über die industrielle hin zur digitalen Revolution bis zur Globalisierung erstreckte: Die Menschen werden von der Arbeit befreit. Bis heute ist es eine Zusicherung geblieben. Tatsächlich wurden zwischenzeitlich grobe, manuelle oder repetitive Arbeiten an Maschinen oder in die IT-Welt ausgelagert. Erstaunlich allerdings bleibt, dass sich der Mensch – kaum hat er sich der körperlich schweren Arbeit entledigt – die Unfreiheit mit Arbeitssucht wieder zurückholt.

Arbeitssucht ist eine Form von Abhängigkeit. Man kann nicht mehr ohne Arbeit sein und entwickelt ein hohes Verlangen nach der Tätigkeit und der entsprechenden Anerkennung dadurch. Leistungssucht ist ein Teil dessen, man will sich selbst etwas beweisen. Workaholismus wird als ein exzessives Bedürfnis nach Arbeit beschrieben. In diesem Zustand verlieren wichtige, andere Lebensbereiche an Bedeutung. So brechen allmählich soziale Kontakte ab und der Zwang, sich über die Arbeit zu definieren, steigt weiter. Die Spirale setzt sich in Gang und wie bei jeder Sucht muss zur Befriedigung die Dosis ständig erhöht werden. Das kann schlussendlich in Krankheiten münden. Wer permanent mehr als 50 Stunden pro Woche arbeitet, kommt dem Workaholismus bereits sehr nahe.

Führungskräfte und Selbstständige besonders betroffen

Die Ursachen für Arbeitssucht sind oft in übertriebenem Engagement zu finden. Häufig betroffen sind vor allem Führungskräfte und Selbstständige, die sich derart ins Zeug legen und anhand von Erfolgen und Ergebnissen, Zuspruch und weiteren Aufträgen oder Projekten eine hohe Befriedigung erleben. Bleibt das eine vorübergehende Phase und findet man einen entsprechenden Ausgleich, ist das durchaus positiv zu sehen.

Risikoreich wird es allerdings dann, wenn dieses hohe Engagement eng mit dem persönlichen Wertesystem und der Manifestation des Selbstwertgefühls verknüpft ist. Wer seinen eigenen Wert an die Arbeitsleistung koppelt, ist schneller von Arbeitssucht betroffen. Aus dem Zwang, alles perfekt machen zu wollen, um sich selbst und anderen gegenüber wertvoll zu erscheinen, geht die Fähigkeit verloren, Wesentliches vom Unwesentlichen zu trennen. Um überhaupt noch alles zu erledigen, gibt es Sonderschichten in der Nacht und Mehrarbeit am Wochenende. Dass jemand überhaupt zu so einer Form der Sucht neigt, erklären Therapeuten anhand von Erziehung, Vererbung, der persönlichen Lebensgeschichte und der sozialen Umstände, auch Einflüsse der Gesellschaft spielen eine Rolle. Doch anhand welcher Symptome erkennen Sie Arbeitssucht?

Drei Symptome von Arbeitssucht

Sie denken immer mehr, auch außerhalb der Arbeitszeit, an Ihre Arbeit. Sie überlegen sich, wo Sie noch mehr Zeit für Ihre Arbeit beschaffen können, und opfern dafür Freizeit, Hobby und soziale Kontakte. Sie entwickeln einen hohen Grad an Perfektionismus und verlieren die Fähigkeit, Prioritäten zu setzen. Sie spüren, dass Sie im Grunde zu viel arbeiten.

Sie machen eine saubere Planung und stellen fest, dass Sie immer mehr Zeit mit Arbeiten verbringen, als Sie es sich vorgenommen haben. Aus Zeitgründen schieben Sie übergeordnete Aufgaben vor sich her, was Sie noch mehr unter Druck setzt.
Sie vergessen Termine und können sich das nicht erklären. Sie ärgern sich über Ihre Umstände und erleben Schuldgefühle oder erste Anzeichen von Depression.

Sie entwickeln körperliche Entzugssymptome, wenn Sie sich nicht der Arbeit widmen können (WLAN-freie Zonen, Krankheit, Urlaub mit der Familie usw.). Sie haben Schwierigkeiten, Entscheidungen zu treffen, und erhöhen das Arbeitspensum, um allem und allen gerecht zu werden. Sie verfolgen verbissen Ziele oder Pläne, die Sie um jeden Preis durchsetzen wollen.

Fünf Tipps, um der Arbeitssucht zu entgehen

Wenn Sie erkennen wollen, ob Sie gefährdet sind, dann braucht es im ersten Schritt Ehrlichkeit sich selbst gegenüber. Zeigen sich regelmäßig erste Symptome? Es ist ein Unterschied, ob Sie in einem Projekt vier Wochen fast rund um die Uhr arbeiten oder ob Sie über einen Zeitraum von mehreren Monaten oder Jahren die entsprechenden Verhaltensweisen an den Tag legen. Beginnen Sie mit einer verbindlichen Arbeitsplanung für sich selbst:

  1. Weihen Sie Freunde und Familie ein und erlauben Sie, explizit darauf angesprochen zu werden, wenn Sie zu viel arbeiten.
  2. Seien Sie sehr rigide mit Freizeitterminen, also nehmen Sie den Fußballabend mit Ihren Freunden und die Geburtstagsfeier Ihres Kindes genauso pflichtbewusst wahr wie Ihre Geschäftstermine.
  3. Schalten Sie mobile Geräte am Abend aus und schaffen Sie sich Zeitinseln, in denen Sie nicht arbeiten.
  4. Lernen Sie, Vertrauen zu anderen zu haben – das schafft die Möglichkeit, zu delegieren.
  5. Lernen Sie, Ihr Selbstwertgefühl nicht ausschließlich von der Arbeit abhängig zu machen.

Stefan Häseli ist Kommunikationstrainer, Keynote-Speaker, Moderator und Autor mehrerer Bücher. Er betreibt ein Trainingsunternehmen in der Schweiz (www.stefan-haeseli.com). Als Kommunikationsexperte begleitet er seit Jahren zahlreiche Unternehmen bis in die höchsten Vorstände von multinationalen Konzernen.

Frank H. Berndt: Ausgelutscht

Ein Kennzeichen unserer Arbeitswelt ist die totale Erschöpfung. Doch Burn-out ist kein unvermeidbares Schicksal.

Michael S. (46) (Name geändert), ist kaufmännischer Leiter in der IT-Branche. Er ist ein Macher. Was er anpackt, hat Hand und Fuß. Genau das, was das stark expandierende Unternehmen brauchte. Unter seiner Ägide wurde aus GmbH eine AG. Die Gründer zogen sich zurück. Vorstände und Geschäftsführer wurden eingesetzt. Doch dann kam es in der Unternehmensführung zum Streit. Und Michael zwischen die Fronten. Er schien niemandem mehr etwas recht machen zu können. Manche seiner Berichte wurden zerpflückt, andere instrumentalisiert, um dem gegnerischen Lager eines auszuwischen. Bei Michael wuchs die Anspannung. Um Fehler und weitere Kritik zu vermeiden, arbeitete er noch akribischer und entsprechend länger. Er stand unter „Strom“.

Schließlich wurde der Machtkampf entschieden. Einer der Geschäftsführer verließ das Unternehmen. Und weil dessen Posten nicht nachbesetzt wurde, ging ein guter Teil seiner Aufgaben an Michael über. Eigentlich war es zu viel. Aber nach alledem, was vorgefallen war, traute sich Michael nicht, „nein“ zu sagen. Gleichzeitig suchte nun der verbliebene Geschäftsführer wieder den Schulterschluss zu Michael – zu ihm, seiner „treuen Seele“, seinem „zuverlässigen Arbeiter“, der „Stütze des Unternehmens“. Michael bekam nun wieder die Anerkennung, die er sich so sehr wünschte. Und als unternehmensintern eine neue Software zur Kostenabrechnung und Personaldisposition eingeführt wurde, war klar, wer sich für die Projektleitung meldete: Michael S.

WANN IST „ZU VIEL“ ZU VIEL?

Arbeit wandert – und zwar immer dorthin, wo sie gemacht wird! Das ist erstaunlich. Geradezu ein Naturgesetz. Universal gültig. Im Beruf genauso wie im Ehrenamt. Es sind immer dieselben, die einen Großteil der Arbeit schultern. Es sind immer dieselben „üblichen Verdächtigen“, die gefragt werden, die sich zuständig fühlen, die „ja“ sagen, Verantwortung übernehmen, den „Laden“ am Laufen halten. Und so kommt es, dass Arbeit am Ende immer bei einigen Wenigen hängen bleibt – eben bei denjenigen, die sie machen! Doch wann ist „zu viel“ zu viel? Wann ist bei den Leistungs-Trägern die Belastungsgrenze erreicht? Wann droht den „Säulen“ einer Organisation der Zusammenbruch?
Seit fast fünfzehn Jahren berate und unterstütze ich Unternehmen, soziale Einrichtungen und Regierungsorganisationen in den Bereichen Burn-out-Prävention und Leistungsfähigkeiten ihrer Mitarbeiter. Die Nachfrage ist groß. Denn die psychische Gesundheit der Beschäftigten ist längst zu einem ernstzunehmenden Kostenfaktor und Wettbewerbsvorteil geworden – zumal es gerade die Engagierten sind, die ausbrennen; es sind die Verantwortungsbewussten, eben die „Leistungsträger“ und „Säulen“ eines Unternehmens. Und kein Unternehmen kann es sich dauerhaft leisten, seine besten Mitarbeiter, Know-how und Innovationskraft zu verlieren.

Den vollständigen Artikel finden Sie in der MOVO 1/2015. Jetzt bestellen.