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Tatkraft statt Apokalypse: So gelingt positive Kommunikation am Arbeitsplatz

Ist nicht geschimpft genug gelobt? Nein, sagt Kommunikationsexperte Michael Stief und betont, wie groß die Macht der Worte ist.

„People leave managers, not companies”, Menschen kündigen nicht der Firma, sondern den Managern, die dem Unternehmen eine Stimme geben. Das stellten Forscher am Gallup-Institut fest, zusammen mit einer stetigen Zunahme innerer Kündigungen und der Abnahme des Engagements. Wir verbringen ein Drittel unseres Lebens mit Arbeit. Was wir dort erleben – gerade vom Chef – hat immensen Einfluss auf unser Glück, auf Gesundheit und Tatkraft. Aber liegt das nur an den Führungskräften? Ein Teilnehmer in einem Teamtraining nannte eine andere Ursache: „Es liegt immer an der Kommunikation!“ Schon in der Bibel wird das angesprochen. Der Jakobusbriefe drückt es sogar noch drastischer aus: „So ist auch die Zunge ein kleines Glied … Siehe, ein kleines Feuer, welch einen Wald zündet’s an!“ (Jakobus 3,5).

Gelingende Führung & Teamwork durch Positive Kommunikation

Führen und Teamarbeit bedeuten: „Durch Kommunikation gemeinsame Ziele erreichen.“ Ihre Rolle verleiht daher Chefs einen immensen Hebel für die Kommunikation. Nun „rutschen“ viele Chefs in ihre Rolle hinein; ohne Führungstraining, durch Kompetenz, Engagement oder aus Not heraus. Diese sprechen dann so, wie sie es vielleicht von der eigenen Führungskraft, oder in Elternhaus, Kindergarten, Schule oder Freizeit gelernt haben. Ob diese Sprache hilfreich ist oder nicht: Gerade in Stressmomenten setzt sie sich durch – just dann, wenn es zählt.

Den Ausweg aus diesem Dilemma liefert die „Positive Kommunikation“. Dieser Zweig der Positiven Psychologie bietet zahlreiche fundierte Ansätze, wie Kommunikation für Führungskräfte, Team und Unternehmen positive Effekte bewirken. Die beiden wichtigsten Leitsätze dafür lauten:

  • Sprich die eigenen Gedanken, Emotionen, Bedürfnisse, Werte und Ziele klar, unverzerrt und authentisch an.
  • Sprich so, dass es die Bedürfnisse von Einzelnen und Team, deren physisches, soziales und mentales Wohlbefinden, deren Stärken und Aufblühen fördert.

Sprich an, was Sache ist

„Schlechtes ist stärker als Gutes“, zu diesem traurigen Fazit kommt die Forschung in zahlreichen Lebensbereichen. Auch in der Kommunikation braucht es drei bis fünf positive Aussagen, um ein „Beziehungskonto“ auszugleichen. Angst, Wut oder Verachtung ziehen es ins Minus, Interesse und Humor füllen es wieder auf. Gerade unter Druck wallen die Emotionen auf, sind Bewertungen, Übertreibungen oder Schuldzuweisungen schnell gesagt, daher: Äußere nicht jeden kruden Gedanken und jedes aufwallende Gefühl. Sage stattdessen klar, unverzerrt und authentisch, was Sache ist:

  • Sag, was geschehen ist – ohne Verzerrungen, Generalisierungen oder Auslassungen.
  • Benenne authentisch deine eigene Gefühlslage, ohne Auszuagieren.
  • Nenne Bedürfnisse und Werte, die erfüllt sind oder leiden und:
  • Sag, was du konkret in der Zukunft gerne hättest.

Sprich stärkende Worte

Der Verzicht auf „giftige Worte“ und ein klarer Selbstausdruck machen noch keine „Positive Kommunikation“. „Redet, was gut ist, was erbaut und was notwendig ist, damit es Gnade bringe denen, die es hören“ (Epheser 4,29) mahnt der Apostel Paulus und die moderne Wissenschaft bestätigt: Zu einem positiven Dialog am Arbeitsplatz gehört ein Gespräch über menschliche Grundbedürfnisse, über körperliche wie Sicherheitsbedürfnisse, soziale und individuelle sowie Selbstverwirklichung und Transzendenz. Genauso darüber, was die einzelnen glücklich macht und aufblühen lässt. Der „Glücksforscher“ Martin Seligman fasst dazu fünf weitere „Bedürfnisse“ unter dem Kürzel „PERMA“ zusammen. Ihre Erfüllung fördert Glück bei der Arbeit, „subjektives Wohlbefinden“ im Team und bessere wirtschaftliche Ergebnisse:

  • Das Erleben positiver Gefühle („[P]ositive Emotions“)
  • Flow-Erleben durch Einsatz von Stärken („[E]ngagement“)
  • Positive Beziehungen („[R]elationships“)
  • Sinnerleben („[M]eaning“)Erfolgserlebnisse („[A]ccomplishment“)

Daraus ergeben sich fünf Maximen für Positive Kommunikation am Arbeitsplatz und weitere Leitsätze:

Sprich so, dass du mehr positive Gefühle weckst als negative!

  • Signalisiere Unterstützung und psychologische Sicherheit – gerade bei Fehlern, Problemen oder Dissens.
  • Äußere Dankbarkeit – für Erreichtes, für die Person und schon dann, wenn jemand Aufgaben annimmt.
  • Gib Feedback sachbezogen und zukunftsorientiert: Was soll beibehalten, was gestoppt werden und was könnte ausprobiert werden?
  • Sprich freundlich ohne Ironie, Sarkasmus oder einen giftigen Ton.
  • Und nein, nicht geschimpft ist nicht Lob genug.

Frage nach den Stärken im Team und gib dafür die Erlaubnis und den Freiraum

  • Höre im Gespräch darauf, wobei Menschen bei der Arbeit aufblühen.
  • Kommuniziere klare und unzweideutige Ziele, um Fokussieren zu ermöglichen.
  • Sprich Konflikte aktiv und konstruktiv an, damit diese keine mentale Energie verbrauchen.
  • Verzichte auf Mikro-Management und Monologe, um Raum für den Einsatz von Stärken zu schaffen.

Stärke die Beziehungen im Team

  • Höre den Menschen im Team zu.
  • Sprich regelmäßig über Arbeit, Team, Privates und deren Befindlichkeit.
  • Drücke Mitgefühl aus in schwierigen Situationen und feiere Erfolge aktiv.
  • Kommuniziere als Vorbild nur Erwartungen, die du selbst einhältst.
  • Stoppe „Machtspiele“ oder Gerüchte und betone Respekt.
  • Sprich im Konflikt lösungsorientiert, ohne Schuldzuweisung oder Bewertung.
  • Sanktioniere unsoziales Verhalten in Wort und Tat unmittelbar und klar.
  • Vermeide negative Sprachmuster (Negativszenarien, Ärger, Abwertung, Sarkasmus).

Unterstreiche regelmäßig den Sinn von Aufgaben, Projekten und Zielen

  • Verzichte auf Befehl-und-Gehorsams-Rhetorik wie „Ich will das so“, „das haben wir immer schon so gemacht“ oder „da kann man nichts machen“.
  • Erkläre regelmäßig den Beitrag von Aufgaben oder Projekten zum großen Ganzen.
  • Betone den Nutzen für das Team, das Unternehmen und die Gesellschaft.
  • Lass kritische Rückfragen zu.

Feiere Erreichtes, Fortschritte und Bemühen ebenso wie Erfolge und Zielerreichung

  • Feiere Erreichtes und Erfolge verbal und mit kleinen Gesten.
  • Lobe Ergebnisse und Bemühen konkret anstatt die Person.
  • Bedanke dich für Anstrengung ebenso wie für Fortschritte oder Erfolge.
  • Kommuniziere Fortschritte und Erfolge regelmäßig.
  • Verzichte darauf, Erreichtes als selbstverständlich abzutun.
  • Verabschiede dich von dem Motto „Nicht geschimpft ist Lob genug“.

Sprache schafft Wirklichkeit

Ohne positive Kommunikation gelingen weder Führung noch Teamarbeit. Denn „Sprache schafft Wirklichkeit“. Die Frage ist nur: Schaffen wir eine Wirklichkeit voller Katastrophenszenarien oder voll Verbundenheit und Tatkraft. Ein starkes Beispiel finden wir in der Bibel: Nach dem Verrat klagt Jesus den Petrus nicht an, sondern fragt dreimal: „Liebst du mich?“ (Johannes 21,15-17) und beauftragt ihn: „Weide meine Schafe.“ Aus solchen Worten zieht Petrus ein Vertrauen, das die Welt verändert hat. „Im Anfang war das Wort und … Alles ist durch das Wort geworden …“ So beschreibt Johannes die schöpferische Kraft von Gottes Wort. Eine solche schöpferische Kraft liegt auch in unseren Worten: Nutzen wir sie, um eine menschenfreundliche Wirklichkeit zu schaffen – auch am Arbeitsplatz.

Michael Stief (62) ist Berater für Positive Kommunikation in Führung, Teamentwicklung und Strategie. Er unterstützt Unternehmen und Einzelpersonen produktiv, gesund und glücklich zu arbeiten und zu leben. positive-hr.de

Glücklich arbeiten statt ausbrennen – Psychotherapeut erklärt, wie das geht

„Die Arbeit hat mich krank gemacht“ – diesen Satz hört der Psychotherapeut Prof. Claas Lahmann häufig. Er erklärt, wie Arbeit gesund gelebt werden kann – und wann es sinnvoll ist, einen neuen Arbeitsplatz zu suchen.

Professor Lahmann, welche Faktoren tragen dazu bei, dass Menschen Glück und Sinn in ihrer Arbeit finden?

Es beginnt damit, dass sich die Menschen am Arbeitsplatz gesehen und wertgeschätzt fühlen. Mitarbeiter fühlen sich gesehen, wenn ihre Führungskraft sie kennt. Das muss nicht tiefgehend sein, aber echtes Interesse macht viel aus. Auch kleine Rückmeldungen helfen. Sinnhaftigkeit und Transparenz spielen ebenfalls eine große Rolle. Wenn klar ist, warum eine Aufgabe sinnvoll und wichtig ist, steigt die Motivation. Viele wissen gar nicht, welchen Beitrag sie im großen Ganzen leisten. Ein weiterer Faktor ist die Verlässlichkeit. Heißt: Die Bedingungen sollten berechenbar sein. Manche Leute kommen mit einem raueren Klima klar – solange es kon- stant ist. Wenn es sich allerdings ständig ändert, stresst das die Menschen enorm.

Hinhören und ernst nehmen

Gibt es Warnzeichen, die auf eine zu hohe Belastung hinweisen?

Es gibt einige Frühwarnzeichen. Dazu gehören Schlafstörungen, sexuelle Funktionsstörungen, Stimmungsveränderungen und sozialer Rückzug. Süchtiges Verhalten gehört auch dazu. Das zeigt sich beispielsweise darin, dass man mehr trinkt oder raucht oder vielleicht sogar wieder damit anfängt. Natürlich gibt es auch andere Gründe für diese Beschwerden – das sehen wir in der Praxis immer wieder. Wenn aber das Bauchgefühl klar sagt: „Das kommt hauptsächlich vom Job“, dann sollte man hinhören und das ernst nehmen.

Welche Verhaltensweisen halten Menschen davon ab, ihre Arbeitssituation zu verbessern?

Das wird in der Psychologie als „erlernte Hilflosigkeit“ bezeichnet. Wenn Menschen über längere Zeit das Gefühl haben, dass sie nichts verändern können, entsteht eine gleichgültige Haltung. Das kann dann zu einer Frustration oder Abstumpfung führen. Uns Männern wird häufig nachgesagt, dass wir nicht so gut auf uns selbst achten, nicht so sehr auf unsere Gefühle hören. Aber wer sich regelmäßig fragt, wo gerade die innere Ampel steht, kann da frühzeitig gegensteuern. Alternativ lässt sich das spielerisch angehen – wie mit einem inneren Wetterbericht: Wie ist das Wetter in mir heute? Zieht eine Regenfront auf? Wer lernt, sich selbst wahrzunehmen, erkennt Belastungen früher und kann besser darauf reagieren.

Arbeitsplatz oder Eigenanteil?

Bleiben wir in dem Wetterbild: Wenn sich die Arbeit dauerhaft wie drückende, schwüle Luft anfühlt – was raten Sie der betroffenen Person, die nicht sofort kündigen kann?

Diese Frage wird mir sehr häufig gestellt. Diese Menschen erleben eine festgefahrene Situation. Sie sehen zwar, dass ihre Arbeit sie belastet, haben aber das Gefühl, kaum Handlungsspielraum zu haben. Häufig stehen praktische Gründe im Vordergrund: Sie brauchen das Einkommen, können nicht einfach umziehen, leben vielleicht in einer strukturschwachen Region oder haben familiäre Verpflichtungen. In solchen Situationen arbeite ich mit verschiedenen Ansätzen. Einer davon ist, gemeinsam mit den Betroffenen differ-enziert zu schauen, wie viel von dem erlebten Stress tatsächlich vom Arbeitsplatz ausgeht – und wie viel sie selbst mitbringen. Wir haben mittlerweile Sprechstunden eingerichtet, über die Firmen ihren Mitarbeitenden schneller psychotherapeutische Unterstützung ermöglichen können. Es kam bereits vor, dass ich mehrere Mitarbeitende aus derselben Firma begleitet habe. Dabei war eine Person stressfrei, während die andere mit identischen Aufgaben deutlich überlastet und gestresst war. Da wurde mir klar, wie stark die persönliche Haltung und der Umgang mit Belastung eine Rolle spielen. Es gibt allerdings Arbeitsplätze, die ganz klar gesundheitsschädigend sind.

Ein stabiles Wertesystem

In welchen Fällen raten Sie, den Job zu kündigen?

Ob man bleiben sollte oder nicht, hängt stark vom eigenen Empfinden ab – davon, wie belastbar man sich selbst einschätzt. Ein klares Warnsignal ist, wenn man den Eindruck hat, dass eine vorgesetzte Person gezielt schikaniert. Es gibt leider toxische Führungskräfte, die andere kleinmachen, um sich selbst zu erhöhen. Weitere Dinge sind Beschimpfungen und auch körperliche Gewalt. In solchen Fällen spreche ich mit den Betroffenen offen darüber, warum sie sich das noch antun. Es gibt Fälle, in denen ein Wechsel nicht sofort möglich ist. Dann arbeite ich mit ihnen daran, wie sie sich vorübergehend stabilisieren und schützen können, bis sich eine Alternative ergibt.

Spielt der persönliche Glaube eine Rolle, wenn es darum geht, gesund und zufrieden im Arbeitsleben zu bleiben?

Ja, auf jeden Fall. Wenn man es etwas abstrakter betrachtet, spielt ein stabiles Wertesystem eine große Rolle. Menschen, die so ein inneres Koordinatensystem haben, sind insgesamt zufriedener – das wissen wir aus der Palliativmedizin, aus der Psychotherapie und auch aus der Arbeitspsychologie. Dieses Wertesystem kann unterschiedlich aussehen: Für manche ist es religiös geprägt, für andere eher spirituell oder philosophisch. Aber wer solche inneren Fixpunkte hat, kann mit Belastungen oft besser umgehen und zeigt mehr Resilienz. Vor Kurzem war ich beim Verband evangelischer Kindertagesstätten in Bayern. Dort habe ich sofort gemerkt: Hier ist etwas anders. Ich spürte die Grundhaltung und Werteorientierung. Es war beeindruckend, wie sehr das die Atmosphäre prägte. Das war für mich ein spannender Kontrast zu anderen großen Arbeitgebern, beispielsweise im Gesundheitswesen, und hat mich sehr beeindruckt.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Tim Bergen.

Prof. Dr. med. Claas Lahmann ist ärztlicher Direktor der Klinik für psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Universitätsklinikum Freiburg. Neben seiner klinischen Arbeit forscht er zu stressbedingten Erkrankungen und somatoformen Störungen. Er hat ein Buch mit dem Titel „Wie Arbeit glücklich macht“ (Rowohlt Verlag) geschrieben.