Mutbürger

SERIE: POLITIKBETRIEB VON INNEN

 

Uwe Heimowski fragt: „Wie kann die Politik aufgebrachte Menschen erreichen?“ Der Bundestagsvizepräsident a. D. Wolfgang Thierse antwortet: „Gar nicht.“

Ein gediegenes Zimmer im Schadowhaus in Berlin. Parkettfußboden, Stuckdecken, alte Meister an den Wänden. Die deckenhohen Bücherregale sind gestapelt voll. Die Themen reichen von Literatur über Politik, Religion, Philosophie bis zur Kunstgeschichte. Wir sitzen im Büro von Wolfgang Thierse, Bundestagsvizepräsident a. D. Ein Ostdeutscher, SPD-Mann der ersten Stunde in der ausgehenden DDR. Der bekennende Katholik ist ein kluger Intellektueller und nüchterner Analytiker, einer, der Argumente abwägt – mit seiner Meinung aber nicht hinterm Berg hält. Thierse kann Klartext sprechen. „Demokratie lebt vom Streit“, erklärt er, „vom Austausch von Argumenten, klar in der Sache, freundlich im Ton.“

Und schon sind wir mitten im Thema. Die Demonstrationen von Chemnitz liegen erst wenige Tage zurück. Nach dem Tod eines Mannes, der vermutlich von einem Flüchtling erstochen wurde, hatten AfD, Pegida und Pro Chemnitz gemeinsam mit einigen Hooligan-Gruppen 8.000 Menschen mobilisiert, eine Gegendemonstration brachte 3.000 Teilnehmer auf die Straße. Es war zu Ausschreitungen gekommen, Hitlergrüße wurden gezeigt, wütende Parolen skandiert, einige Medien berichteten, dass es am Rande der Demo regelrechte „Hetzjagden“ auf Migranten gegeben hätte. Im Vorfeld waren zahlreiche manipulierte Nachrichten über den Hergang des Mordes in den sozialen Medien kursiert.

HEIMAT GEBEN UND HEIMAT BEWAHREN
Wir nehmen die Geschehnisse zum Anlass, um über die Verrohung in der Sprache, den Mangel an sachlichen Gesprächen oder die kollektive Ablehnung von Institutionen zu sprechen, die sich in Begriffen wie „Altparteien“ oder „Lügenpresse“ spiegelt. „Was kann man dagegen tun?“, frage ich. Thierse greift sich in den Rauschebart, reibt sein Kinn eine Weile, bevor er antwortet: „Den Konflikt in der Bevölkerung, der durch die Zuwanderung entstanden ist, würde ich auf eine Formel bringen: Wir müssen den Fremden eine Heimat geben, ohne dass den Menschen hier ihre Heimat fremd wird. Das allerdings ist ein langer und schwieriger Prozess. Die Integration der Vertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg hat zwanzig Jahre gedauert, verbunden mit vielen Konflikten – und das waren Deutsche. Die Integration der sogenannten Gastarbeiter ist bis heute nicht abgeschlossen, wie insbesondere die letzten Monate gezeigt haben. Vor uns liegt eine schwierige und komplexe Aufgabe. Ein Feld, das Menschen anfällig macht für schnelle und einfache Antworten.“

Wie Politik die aufgebrachten Menschen denn erreichen könne, will ich wissen. Seine Antwort ist schnörkellos: „Gar nicht.“ Ich bin ein wenig verwirrt. Thierse sieht es mir an und erklärt mir, was er meint. Die Politik und auch der Rechtsstaat müssten klare Zeichen setzen. Das sei dringend geboten. Aber als öffentlicher Gesprächspartner seien sie für viele Menschen untauglich. Es käme gar nicht erst zu einem Austausch von Argumenten, da die Gegner darauf aus seien, den Konflikt eskalieren zu lassen. „Wer kann dann die Menschen erreichen“, frage ich nach, „die Kirchen vielleicht?“ Der Alt-Bundestagspräsident schüttelt den Kopf. „Es ist wichtig, dass sich Christen mit Gottesdiensten und Friedensgebeten beteiligen, das haben wir ja bei der friedlichen Revolution erlebt, aber sie erreichen nur noch wenige Menschen.“ Das gelte generell für Institutionen wie Vereine oder Parteien, gerade im Osten Deutschlands.

ES IST DIE STUNDE DER MÜNDIGEN BÜRGER
Mich überkommt eine gewisse Resignation. „Heißt das, wir müssen diese Eskalationen einfach hinnehmen?“ Thierse widerspricht energisch. „Nein, ganz und gar nicht. Aber es ist falsch, die Lösung allein von den Autoritäten zu erwarten. ‚Die da oben‘ können das Problem nicht lösen. Natürlich müssen Politik und Kirchen ihren Teil tun. Politik muss die Probleme der Menschen lösen, für bezahlbaren Wohnraum oder angemessene Bedingungen in der Pflege sorgen. Aber die Menschen wirklich überzeugen? Das können nur diejenigen, die als Gesprächspartner ernst genommen werden: Familie, Freunde, Arbeitskollegen – gegen Hass müssen die Bürger vorgehen.“

Mir gehen die Rufe der Demonstranten durch den Kopf: „Wir sind das Volk, wir sind das Volk.“ Thierse hat Recht. Das Volk ist gefragt. Die Bürger. Die schweigende Mehrheit. Auch wir müssen auf die Straße gehen. Nur wenn wir uns zu Wort melden, wird deutlich, dass es eine Minderheit ist, die lautstark den Ton angibt. Das Motto des Chemnitzer Konzerts gegen rechte Gewalt, wegen der Teilnahme der linksextremen Punkband „Feine Sahne Fischfilet“ nicht unumstritten, war da passend gewählt: „Wir sind mehr.“ 65.000 Menschen kamen in die Stadt.

Diese Zeichen sind wichtig, sie haben eine starke Symbolkraft. Aber sie ersetzen eben nicht das andere: das Gespräch, den wiederholten, nicht nachlassenden Diskurs. Wer überzeugen will, muss Geduld und Mut mitbringen und zuhören lernen. Er muss Fragen stellen und eigene Fehler zugeben. Und er muss glaubwürdig sein, weil er in der gleichen Straße wohnt, dieselben Nachbarn hat, einen ähnlichen Beruf ausübt. Ein Staat lebt von seinen Bürgern. Er lebt vom Vertrauen, und das entsteht im Gespräch. Nur wer sich darauf einlässt, der gestaltet wirklich die Demokratie. Hier, auf dem Sofa im Gespräch mit Wolfgang Thierse, wird mir das wieder neu bewusst, und draußen, im Dialog mit den Menschen, muss es sich bewähren.

Uwe Heimowski (54) vertritt die Deutsche Evangelische Allianz als deren Beauftragter beim Deutschen Bundestag in Berlin. Er ist verheiratet mit Christine und Vater von fünf Kindern.

Liebe gibt es nicht umsonst

Partnerschaft ist schwierig und manchmal eine Zumutung. Holger Kuntze weiß, wie Beziehung trotzdem gelingen kann.

Gibt es den perfekten Partner?
Natürlich. (lacht) Es gibt Paare, die zueinander finden und über Jahrzehnte im besten Einvernehmen glücklich und zufrieden sind. Doch die Wahrscheinlichkeit, den perfekten Partner zu finden, ist sehr gering. Warum sollten Sie oder ich gerade den Einen unter 8 Milliarden Menschen finden, der perfekt zu uns passt? Die Realität ist die, dass wir uns in einen Menschen verlieben, der sich dann auf dem Weg zur Liebe und zur langjährigen Beziehung in einer Form zeigt, die uns in unserem Ich-Sein herausfordert. Partnerschaft ist eine Wachstumschance. Paare müssen sich genau dieser Herausforderung stellen.

Der Titel Ihres Buches lautet: „Lieben heißt wollen.“ Welche Intention verbirgt sich dahinter?
Die Vorstellung dessen, was eine Partnerschaft ist, wird heute extrem von Hollywood-Bildern und Werbekitsch geprägt. Wenn wir heute in den Fünfzigerjahren leben würden, wo viele aus Duldsamkeit und Angst in einer Partnerschaft blieben, hätte ich vermutlich ein Buch mit dem Titel „Liebe heißt frei sein“ geschrieben. Ich will mit „Lieben heißt wollen“ darauf hinweisen, dass wir Verliebtheit mit Liebe verwechseln. Das Dilemma unserer Zeit ist: Wir haben keine Idee mehr davon, was Liebe wirklich ist.

Ziemlich ungeschminkt schreiben Sie: „Beziehung ist anstrengend. Beziehung ist eine Zumutung.“ Geht es nicht auch etwas netter?
(lacht) Ich habe aber auch geschrieben, dass diese Zumutung fantastisch ist! Ich will mit dem Stachel locken. Ich will die Lüge entzaubern: „Beziehung gelingt immer und ist immer schön.“

Wovon hängt Ihrer Überzeugung nach die Qualität einer Beziehung ab?
Meine Beobachtung ist: Auch hier setzen wir aufs falsche Pferd. Menschen wünschen sich Leidenschaft wie im Film: Wir sind unterwegs mit dem Cabrio, trinken Champagner und haben Sex miteinander. Nach einer gewissen Zeit wird dieser Verliebtheitszustand in eine stetige Beziehung geführt. Dann bezieht man eine Wohnung, eröffnet ein gemeinsames Konto, macht sich Gedanken über die Familienplanung. Das Spiel „gelingende Partnerschaft“ gewinnt man aber nicht mit dieser blinden Zweidimensionalität von Spaß und Regeln. Gelingende Beziehung braucht eine dritte Dimension.

Die da wäre?
Empathische, loyale Freundschaft. Diese Freundschaft besteht darin, dass ich den anderen dabei unterstütze, dass er der sein kann, der er sein möchte. Es geht darum, dass ich ihm Aufmerksamkeit und Zeit schenke und sie nicht verrechne. Die Beziehungsdimension haben Paare leider oft nicht auf dem Radar. Die Beziehungsqualität von Paaren hängt wesentlich davon ab, dass Männer und Frauen nicht sich selbst als die Nächsten betrachten, sondern ihr Gegenüber. Dort, wo der andere schaut, was dem Gegenüber dient, geschehen in Beziehungen Wunder.

Sie unterscheiden zwischen Verliebtheit und Liebe …
Verliebtheit geht einher mit dem lauten Botenstoff Adrenalin. Dieses Hormon haut richtig rein. Liebe hingegen basiert auf den leisen Botenstoffen Serotonin und Oxytocin. Verliebtheit und Liebe sind physiologisch völlig unterschiedliche Zustände. Körperlich kann Verliebtheit kein Dauerzustand sein. Der Körper regelt diesen Ausnahmezustand nach unten. Wenn Sie drei Jahre am Stück verliebt wären, würden Sie an Stresssymptomen erkranken.

Was ist dann für Sie Liebe und was nicht?
Verliebtheit ist eine WhatsApp-Nachricht. Liebe ist ein Roman. Verliebtheit ist die Illusion, den perfekten Partner gefunden zu haben. Liebe hingegen weiß, dass es auch mal schwieriger miteinander werden kann. Verliebtsein ist die Blindheit vor den Unterschieden. Liebe ist der Blick auf die Unterschiede und die Anerkennung der Differenzen. Liebe ist eine Entscheidung, die der Verliebtheit folgt. Liebe ist Verzicht, um etwas Größeres zu gewinnen, etwas, was ich nur durch die Liebe und den Verzicht erreichen kann. Liebe ist kein Investment, sondern ein Geben und Schenken, ohne etwas zu erwarten, ohne das Versprechen einer Rückzahlung. Liebe ist Dauer, und Dauer ist eine Qualität.

Ein Leser schrieb uns: „Das Kribbeln ist seit Jahren weg. Ich frage mich jetzt, ob ich noch die richtige Partnerin habe.“ Was würden Sie ihm antworten?
Ich würde ihm sagen: Das Kribbeln beantwortet nicht Ihre Frage! Das Abhandensein des Kribbelns ist normal und richtig. Schauen Sie dagegen darauf, was Sie mit Ihrer Partnerin haben, und machen Sie sich die Unterschiede von Verliebtheit und Liebe klar. Wenn Sie permanent Bacardi-Werbung im Kopf haben, wo es ums Kribbeln geht, glauben Sie der falschen Erzählung. Doch die Frage ist falsch. Klar ist: Ich will keine fehlerhaften und zerstörerischen Beziehungen aufrechterhalten. Wir müssen über das Miteinander ins Gespräch kommen, aber: Das Kribbeln kann nicht der Maßstab sein.

Unser Verstand denkt: „Solange ich keine Zuneigung und Liebe fühle, kann ich nicht zugeneigt und liebevoll handeln.“ Denkt er richtig?
Der Verstand denkt immer richtig, es ist nur falsch. (lachen) Eine Daumenregel, mit der ich arbeite, lautet: Sie müssen nicht alles glauben, was Sie denken! Es geht nicht darum, wie ich denke und fühle, sondern darum, wie ich handle. Wenn Sie sich der Verstandesbotschaft anschließen, passiert keine Veränderung. Veränderung geschieht nur durch Handeln. Überspringen Sie daher Ihre Gedanken und Gefühle und gehen Sie in die Handlung. Wenn es Ihnen keinen Spaß macht, machen Sie es mal ohne Spaß.

Welche falsche Dynamik im Blick auf die Veränderung des Partners gilt es zu durchbrechen?
Die wesentliche Veränderung beginnt bei mir selbst. Sehe ich den Partner nur in seiner Fehlerhaftigkeit, die mir vielleicht nicht passt? Kommen Sie raus aus der Schmollecke: „Wenn nur mein Partner anders wäre, wäre alles gut.“

Im Laufe der Jahre entdecken Mann und Frau Differenzen in ihrer Beziehung …
Und das ist sehr gut so. Differenz ist die Realität aller Beziehungen. Darin verbergen sich viele Chancen, um die Beziehung zu vertiefen und zu erweitern.

Wie könnte ein erster Schritt hin zu einer verbindenden, tiefen Liebe aussehen?
Sich dieser Dimension von loyaler, empathischer Freundschaft zu öffnen.

Letztes Jahr titelte DIE ZEIT: Lasst euch nicht gleich scheiden! Andrea Hanna Hünniger stellte in dem Beitrag die These auf: Die Ehe lebt vom Aushalten. Würden Sie sich der Aussage anschließen?
„Aushalten“ ist ein schlechtes Wort. Mein Ansatz ist: Finden Sie als Paar einen realistischen Blick dafür, was sie miteinander haben. Sehen und wertschätzen Sie Ihre Qualitäten, und finden Sie zu Lösungen für die Dinge, die nicht gut sind.

Es gibt scheinbar nicht den perfekten Partner. Warum plädieren Sie daher nicht fürs Trennen, sondern brechen mit Ihrem Buch eine Lanze für Partnerschaft?
Partnerschaft ist immer herausfordernd, belastend und nervig. Aber: Partnerschaft ist das schönste und tollste System eines Miteinanders von Menschen! Sie versetzt uns in Möglichkeiten von Verwirklichungen, die fantastisch sind!

Herzlichen Dank für das ermutigende Gespräch!

Rüdiger Jope ist Chefredakteur des Männermagazins MOVO.

Holger Kuntze (51) arbeitet als Paartherapeut und Paarberater. Er lebt in München und Berlin. Er ist Autor des Buches „Lieben heißt wollen“ (Kösel). www.holgerkuntze.de

Der tödlich verheiratet war

Pfarrer Jochen Klepper drehte den Gashahn auf

Die werden doch einem prominenten Schriftsteller und deutschen Soldaten nicht die Frau wegnehmen!“ Davon ist Jochen Klepper überzeugt, als er am 10. Dezember 1942 einen Termin beim Chef des NS-Sicherheitsdienstes, Adolf Eichmann, bekommt. Der schüttelt den Kopf: „Bei rassischen Mischehen wird ab sofort die Zwangs-Scheidung veranlasst. Und anschließend die Deportation des jüdischen Partners. Ich kann da keine Ausnahme machen.“

KRÄNKLICH UND ZART BESAITET
Klepper wurde geboren am 22. März 1903 als Sohn des schlesischen Landpfarrers Georg Klepper in Beuthen an der Oder. Sein Vater ist so, wie man sich um die Jahrhundertwende ein „gestandenes Mannsbild“ wünscht: stattlich, dominant, von polternder Lebensfreude. Aus dem Beuthener Pfarrhaus dröhnt zackige Marschmusik. Georg Klepper besitzt als einer der ersten im Ort ein knatterndes Automobil – was viele kopfschüttelnd missbilligen – und führt seinen Gästen die neueste Technik vor: einen elektrischen Projektor für Stummfilme! Von Mutter Hedwig erbt Jochen die künstlerische Seite: den Geschmack für elegante Kleidung, Stil-Möbel und extravagante Bilder. Als Kind hat Jochen Asthmaanfälle, ist oft krank. Das macht ihn zum besonders umhegten Sorgenkind seiner zartbesaiteten Mama. Der Junge zeichnet und singt. Er bastelt ein Puppentheater mit annähernd 300 Figuren und mag nicht mit dem derb-raubeinigen Vater auf Fuchs- und Kaninchenjagd gehen. Was in der Pubertät zu heftigen Krächen führt. Zitat: „Vater und ich haben in großen Erregungen und Leiden aneinander erfahren, was Sünde und Gnade ist.“ Dürfen Väter von ihren pubertierenden Söhnen enttäuscht sein? Ja. Gab Georg Klepper die Liebe und die Hoffnung auf, dass aus dem Muttersöhnchen noch was wird? Nein.

Ab 1917 wohnt der junge Gymnasiast Jochen Klepper bei seinem Französischlehrer in Breslau (heute Wroclaw). Zu ihm entwickelt sich ein hochkompliziertes Verhältnis von homoerotischer Zuneigung. In den Varieté-Teatern und Tanzpalästen der Stadt treten die großen Entertainer der „Roaring Twenties“ auf: Der Zirkusclown Charlie Rivel, der Jongleur Enrico Rastelli, der Sänger und Spaßvogel Otto Reutter. Jochen fühlt sich zu Künstlern und Exzentrikern hingezogen, genießt die Provokationen der Freigeister. 1922 ist er Student der Theologie in Erlangen, eilt aber direkt aus einer Römerbrief-Vorlesung in die Garderobe von Asta Nielsen, der dänischen Stummfilm-Diva. Mitstudenten erinnern sich, dass Klepper stets einen Wappenring am Finger, ein parfümiertes Taschentuch in der Hand und daheim in der Studentenbude zierliche Häkeldeckchen und Porzellandöschen hatte. Mussten seine Eltern fürchten, dass ihr Sohn schwul ist? Ja. Gab es für sie und für Jochen selbst eine Möglichkeit, dies als genetische Veranlagung oder biografsche Prägung anzunehmen? Nein.

ZWEI EINSAME IM GLÜCK
Klepper arbeitet als Redakteur beim Rundfunk, betreut Autoren wie Albert Schweitzer und Martin Buber und wohnt zur Untermiete bei einer 39-jährigen Witwe: Hanni Gerstel-Stein. Sie ist Jüdin, hat zwei kleine Töchter und ist 13 Jahre älter als Jochen. Die beiden kommen sich näher. Ihre standesamtliche Trauung am 28. März 1931 und ihren Umzug von Breslau nach Berlin-Nikolassee nennt er „Die Rettung von zwei Vereinsamten als Gang durch eine große offene Tür“. Klepper schreibt: „Ohne Gott bin ich ein Fisch am Strand / ohne Gott ein Tropfen in der Glut / Ohne Gott bin ich ein Gras im Sand / und ein Vogel, dessen Schwinge ruht. / Wenn mich Gott bei meinem Namen ruft / bin ich Wasser, Feuer, Erde, Luft.“

Seit dem 30. Januar 1933 ist Adolf Hitler an der Macht. Der fromme Radiomacher wird fristlos gefeuert. Hannis Vermögen ist aufgebraucht. Dass sie als 43-Jährige kein gemeinsames Kind mit Jochen mehr kriegen wird, ist auch klar. Zitat Jochen: „Habe das Empfinden eines unfruchtbaren Daseins. Wir sind zwei übriggebliebene Menschen.“ Hat sich der arbeitslose und kinderlose junge Mann aufgegeben? Nein. Hat er im Klagen, Bitten und Beten Trost gefunden? Ja. „Seit 1935 versuche ich mich an Kirchenliedern“, notiert er, „leicht singbare, aber literarisch und theologisch anspruchsvolle Texte sollen es sein.“

Im Herbst 1938 erscheint der Lyrik-Band „Kyrie“ mit 29 Liedern. Es wird im Laufe von 14 Auflagen für viele Christen eine Art Trostbuch. Warum? Weil er die Lieder an sich selbst „getestet“ hat. Zitat: „Die dritte Nacht ohne Schlafmittel überstanden. Das muss am Abendlied liegen.“ Albträume, real und tagsüber, haben jetzt Hanni und ihre Töchter: „Juden werden nicht bedient“, steht an Geschäften und Restaurants. Im Frühjahr 1937 erscheint Jochens Roman über Kaiser Wilhelm I. Titel: „Der Vater.“ Ein Mega-Bestseller. Nazis lesen es als Glorifzierung deutscher Geschichte. Oppositionelle lesen es als wohltuende Flucht in eine bessere Vergangenheit. Adolf Hitler verschenkt es an Staatsgäste. Jetzt hagelt es plötzlich Einladungen. Jochen Klepper liest und referiert an Universitäten, in Kirchen und Buchläden. Sein Vermögen aus Buchlizenzen beträgt rund 26.000 Reichsmark. Die Not hat ein Ende. Und auch privat erfüllt sich ein sehnlicher Wunsch: Hanni lässt sich am 18. Dezember 1938 taufen und kirchlich trauen, sieben Jahre nach der standesamtlichen Trauung. Erstmalig gehen sie als Eheleute gemeinsam zum Abendmahl. Tochter Brigitte ist sicher nach England emigriert. „Es ist Weihnachten geworden!“, jubelt Jochen.

ZWANGSTOD IM ADVENT
Anfang Dezember 1942 aber kommt der befürchtete Behördenbrief: Renate „Sara“ Stein-Klepper, die jüngste Tochter, soll ihre Wohnung räumen und sich zum Abtransport bereithalten. Am selben Tag ein Anruf aus Stockholm: Reni sei die Einreise nach Schweden bewilligt. Achterbahn der Gefühle! Aufgrund seiner Popularität bekommt Klepper einen Termin bei Adolf Eichmann. Der sagt ihm ganz simpel: „Ihre Tochter darf nach Schweden, Ihre Frau kommt ins KZ und Sie können doch gerne weiterschreiben. Wir freuen uns schon auf den nächsten Roman.“ Am Morgen des 11. Dezember 1942 findet die Haushälterin einen Zettel an der Tür: „Vorsicht Gas.“ Auf dem Küchenfußboden liegen eng umschlungen Hanni und Reni Stein, daneben mit offenen Augen Jochen Klepper. Rund 75 Jahre nach diesem Suizid, der eben kein „Freitod“, sondern ein „Zwangstod“ war, stehen 13 Lieder von Jochen Klepper im evangelischen Kirchengesangbuch, 8 in freikirchlichen Liederbüchern. Neben dem robusten Dietrich Bonhoeffer verehren Christen zu Recht auch den fragilen Jochen Klepper als Märtyrer ihres Glaubens.

Andreas Malessa ist Hörfunk- und Fernsehjournalist bei mehreren ARD-Anstalten.

Vom Beruf zur Berufung

Neuen Mut für Europa

SERIE: POLITIKBETRIEB VON INNEN
Das gefährdete Projekt „Freiheit, Menschlichkeit und Frieden“

Wahrscheinlich ist es eine Generationenfrage, dachte ich. Knapp zwei Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs geboren, stehen mir die Schilderungen meiner Mutter bis heute vor Augen: die Schrecken der Flucht. Als Achtjährige musste sie Vertreibung, Hunger, Gewalt und Vergewaltigung über sich ergehen lassen. „Nie wieder Krieg!“ hat sich meiner Generation eingebrannt.

DIE ERINNERUNG WACHHALTEN
Und tatsächlich: Meine Kinder wachsen im Frieden auf. Seit 73 Jahren hat Westeuropa keinen Krieg mehr gesehen. In der jüngeren deutschen Geschichte ist das eine einmalige Zeitspanne. Wie wenig selbstverständlich dieser Frieden ist, zeigt ein Blick auf den Balkan oder in den Nahen und Mittleren Osten. Ohne die Einbindung in die Europäische Union hätten wir das nicht erlebt. Auch die Wiedervereinigung hätte es nicht gegeben, zu groß waren die Befürchtungen, ein neues „Großdeutschland“ würde den Frieden (erneut) gefährden. Dennoch beginnt das Projekt Europa zu bröckeln. Eurokrise, Flüchtlingsströme, Brexit sind die Stichworte. Europakritische, nationalistische Parteien erstarken in allen europäischen Ländern. Wahrscheinlich ist es eine Generationenfrage, dachte ich, die Erinnerung geht verloren.

Doch nun las ich am 3. Mai 2018 in der zweiten Europäischen Jugendstudie, die das Meinungsforschungsinstitut YouGov im Auftrag der TUI Stiftung erstellt hat: „Wenn morgen ein Referendum über die EU-Mitgliedschaft des jeweiligen Landes stattfinden würde, würden 71 Prozent der Befragten gegen einen Austritt stimmen, 2017 waren es nur 61 Prozent. In Deutschland sind es sogar 80 Prozent (2017: 69 Prozent).“

Das ist so überraschend wie eindeutig: Gerade bei jungen Europäern wächst die Zustimmung zur EU wieder. „Die Ergebnisse der Studie zeigen: Europa erlebt ein Comeback bei jungen Menschen. Der Brexit hat wachgerüttelt. Wir reden wieder über Stärken, Chancen und Errungenschaften. In einer Welt, die an vielen Orten in Unruhe ist“, kommentiert Thomas Ellerbeck, Vorsitzender des Kuratoriums der TUI Stiftung.

So kann man sich täuschen. Zum Glück, wie ich finde. Allerdings: Das Projekt Europa ist damit noch nicht zukunftsfest gemacht. Wer die Zukunft gestalten will, muss die Vergangenheit kennen. Um Früchte zu ernten, braucht man Wurzeln. Daher ein Blick zurück: Drei geistesgeschichtliche Traditionen haben Europa im Wesentlichen geprägt: die griechische Philosophie, das römische Recht und der christliche Glaube.

DIE TRADITIONEN KENNEN
Christliche Traditionen gehören zu Europa. Empirisch wie historisch. Dazu noch mal eine Umfrage, von Eurobarometer 2012: 72 % der Menschen in Europa bezeichnen sich als christlich, 23 % als Atheisten oder Agnostiker, 2 % als muslimisch und weniger als 1 % als Buddhisten, Sikhs, Hindus oder Juden. Auch wenn die Zahl der Muslime insbesondere seit dem starken Flüchtlingszustrom von 2015 deutlich gestiegen ist, zeigt dieses Ergebnis deutlich: Der christliche Glaube bleibt für die große Mehrheit der Europäer nach wie vor identitätsstiftend. Wie emotional dieses Thema auch in Deutschland besetzt ist, zeigt etwa die heftige Debatte um das Anbringen von Kreuzen in bayrischen Amtsstuben, die Markus Söder im Frühjahr 2018 ausgelöst hat. D

ie Bedeutung der christlichen Wurzeln zeigt die Verleihung des Karlspreises, mit dem Menschen geehrt werden, die sich um Europa und „Freiheit, Menschlichkeit und Frieden“ verdient machen. Namenspatron ist Karl der Große (768-814 n. Chr.). Er ist wohl der Erste, der den Gedanken der europäischen Einigung formuliert hat: „Karl der Große hatte Gelehrte aus ganz Europa um sich versammelt, die die Höhe der Bildung jener Zeit widerspiegelten. Zum Werk der Konsolidierung im Inneren des Reiches gehörte auch der Ausbau der Verwaltung und der Justiz sowie eine einheitliche Gesetzgebung. Karls besonderes Augenmerk galt dem christlichen Glauben, den er als entscheidende Klammer für die Einheit des Reiches betrachtete.“ (www.karlspreis.de)

Hat das Christentum auch im 21. Jahrhundert noch die Kraft, eine solche Klammer zu sein? Ich denke: Ja. Konzepte wie die individuelle Würde des Menschen oder die des Sozialstaates wurzeln in der biblischen – und damit der gemeinsamen jüdisch-christlichen – Tradition: Der Mensch ist das Ebenbild Gottes, der Staat hat die Aufgabe, ihn zu schützen.

DIE WURZELN BEJAHEN
Allerdings gehören Aufklärung und Rechtsstaatlichkeit dabei notwendig an die Seite des Christentums, damit sich dessen dunkle Seiten nicht wiederholen. Denken wir nur an den Dreißigjährigen Krieg, dessen Ausbruch sich 2018 zum vierhundertsten Male jährt. Die christlichen Konfessionen haben sich brutal bekämpft, mehr als ein Drittel der Bevölkerung Europas wurde ausgelöscht. Oder denken wir an die Rolle der Deutschen Christen im Dritten Reich und an den kirchlich legitimierten Antisemitismus. Die Stärke eines aufgeklärten Christentums dagegen ist die Selbstreflexion: Es kennt seine Werte – und sein Versagen. Diese Wurzeln dürfen nicht verkümmern. Sie zu pflegen, ist tatsächlich eine Generationenfrage. Nämlich die Frage, wie wir Älteren Glauben und Werte an die nächste Generation weitergeben.

Uwe Heimowski (54) vertritt die Deutsche Evangelische Allianz als deren Beauftragter beim Deutschen Bundestag in Berlin. Er ist verheiratet mit Christine und Vater von fünf Kindern.

In den Sand gesetzt

Männer, redet!

Was sind die Klippen des Alterns? Sterben Männer anders als Frauen? Warum tut sich das „starke Geschlecht“ so schwer mit dem Vertrauen? Im Gespräch mit dem Altenheimpfarrer und Zukunftsforscher Dr. Markus Müller.

Sie arbeiten in der Begleitung von alten Menschen. Was begeistert Sie an Ihrer Aufgabe? Was ist schwierig?
Ich bin täglich unter Leuten mit einem enormen Erfahrungspotenzial. 80-, 90- und 100-jährige Menschen, die ihre Hoffnungen hatten. Menschen, die enttäuscht wurden. Menschen, die etwas wollten und die auf eine ganz bestimmte Art Dinge verarbeiten. Meine Aufgabe ist ja eigentlich nichts anderes, als ein bisschen danebenzustehen und zu helfen, das ein oder andere einzuordnen. Ich empfinde es als sehr bereichernd, vor allem da, wo es gelingt, jemandem dort zu begegnen, wo er wirklich ist. Es ist eine Generation, die wenig über sich nachgedacht hat, wenig gefragt hat:

Wer sind wir eigentlich? Eine Generation, die sich wenig reflektiert hat?
Ja! Selbstreflexion ist für diese Generation ein Fremdwort. Ich schätze es, den Menschen dabei zu helfen, sich zu fragen: Was empfinde ich eigentlich? Ein schwieriger Bereich ist das Phänomen Verbitterung. Da komme ich mit den Gewohnheiten, die sich über Jahre, manchmal Jahrzehnte aufgebaut haben, auch an Grenzen.

Das klingt spannend. Welche Rolle spielen alte Geschichten, Prägungen und Lebensverletzungen am Ende?
Die Herkunftsfamilie spielt eine wesentliche Rolle.

Im Sterben?
Absolut! Die Geschichte der Herkunftsfamilie ist einer der Hauptfaktoren, die bestimmen, wie ich älter werde und wie ich sterbe.

Sterben Männer anders als Frauen?
Ja! Ein bekannter Altersforscher hat mal gesagt, Frauen sterben sozialer als Männer. Das deckt sich mit meinen Erfahrungen. Wenn Frauen nicht sterben können, dann ist der Grund meistens, dass sie sich Sorgen machen um noch lebende Männer oder Kinder. Bei Männern erlebe ich selten die Sorge um andere Menschen. Bei Männern erlebe ich mehr den Kampf des Lebens. Ich habe jemanden begleiten dürfen, der war Trainer von Olympia-Medaillen-Gewinnern. Der konnte nicht sterben, weil er das durchbeißen und durchhalten wollte. Er hatte verinnerlicht: „Vielleicht schaffe ich es noch, diesen Tod zu bewältigen.“ (lacht) Frauen fragen mich manchmal im Sterben: „Wie geht es Ihnen?“ Diese Frage habe ich von einem Mann noch nie gehört. Ein Mann fragt: „Was kommt jetzt?“ (lacht)

Was können Männer in der Lebensmitte heute schon fürs Ende tun?
Einem 20-Jährigen würde ich die Frage stellen: „Lebst du aus Dankbarkeit oder müssen immer noch die anderen für dich sorgen?“ Mit 30 steht die Frage an: „Will ich allein oder mit Menschen durchs Leben gehen?“ Damit meine ich nicht das Heiraten, sondern die Frage: „Lasse ich mich auf andere ein oder sind andere für mich nur Mittel zum Zweck?“ Mit 40 spielen die Fragen der Gegenwartsoptimierung oder Zukunftsgestaltung eine große Rolle. Da geht es darum, die Begrenzungen des Lebens zu bejahen und trotzdem die Gestaltung der Zukunft in die Hand zu nehmen. Bei 50-Jährigen geht es darum: „Kann ich versöhnt sein oder muss ich immer Recht haben?“ Mit 60 sollten wir uns der Frage stellen: „Welche Rolle spielt Schwäche und Begrenzung? Ist Schwäche nur ein Feind oder ist es auch eine Chance?“

»MÄNNER REDEN ÜBER ALLES, NUR NICHT ÜBER SICH SELBST.«

Nochmal konkret zur Lebensmitte.
Da gibt’s die gefürchtete Midlife-Crisis. Dies ist eine ausgesprochen schwierige Angelegenheit. Wenn Männer diese zweite Pubertät nicht aktiv durchleben und anpacken, bleiben sie Kinder. Die Vierziger sind also eine große Gelegenheit, zum reifen Mann zu werden.

Was prägt die heute 30-Jährigen und was werden sie in 60 Jahren immer noch mit sich rumschleppen?
(lacht) Ich glaube, der 30-jährige Mensch steht vor der Herausforderung: Sind die anderen für mich nur Mittel zum Zweck oder gehe ich wirklich mit anderen durchs Leben, auch mit meiner Begrenzung, auch mit meiner Ergänzungsbedürftigkeit? Wer das mit 30 Jahren nicht schafft, der wird mit 80 genau an der Frage zu arbeiten haben oder dann eben nur noch aus dem Anspruch leben können. Manchmal frage ich Sterbende: Wie war das eigentlich mit 10, mit 20, mit 30 Jahren? Und dann erlebe ich: 90-Jährige kauen noch immer an ihren Kindheits- und Jugendprägungen. Da wir mir dann gesagt: „Ich musste immer um meinen Platz kämpfen“, „Es war immer mühsam mit meinem großen Bruder“ oder „Mein Vater hat auch mit 30 nie akzeptiert, dass ich jetzt diesen Beruf ausübe“. Nach meinem Dafürhalten ist die entscheidende Frage eigentlich die nach der Identität des Mannes. Ein Mann, der mit 30 nicht weiß, wer er ist, wird es auch mit 90 schwer haben, gelassen zu sein und zu sagen: Ich bin, der ich bin. Und deshalb würde ich einem 30-Jährigen die Frage stellen: Wer bist du?

Wie können wir „alt und weise“ werden? Gibt es einen Königsweg?
Weisheit heißt für mich, die großen Linien sehen zu können und die Dinge des Lebens in die großen Linien einzuordnen. Das wäre aus meiner Sicht Weisheit. Ich glaube, wir können nie früh genug miteinander lernen, Grundfragen zu stellen. Bei Männern sehe ich folgende Gefahr: Die hinterfragen alles, nur sich selbst nicht. Sie reden über alles, nur nicht über sich selbst.

„Tod“ und „Sterben“ sind brisante Themen. Wie ist es möglich, mit Männern darüber zu sprechen?
Spannende Frage. Mit 90-Jährigen ist das leicht. Da atmet das Sterben schon etwas von Verheißung. Die 60-Jährigen tun sich da extrem schwer, wobei es schwieriger ist, über das Älterwerden zu reden als über das Sterben und den Tod. Sterben und Tod kommen automatisch, aber Älterwerden, da bin ich längerfristig betroffen. Es gibt ein Buch von Silvia Aeschbach, „Älterwerden für Anfängerinnen: „Willkommen im Klub“, und ein zweites Buch „Älterwerden für Anfänger: Willkommen im Klub zum Zweiten“. Sie sagt, dass es viel einfacher ist, mit Frauen über das Älterwerden zu reden als mit Männern, weil der Körper eine ganz andere Funktion hat. Bei der Frau ist der Körper sozusagen das Kernmerkmal ihres Wesens. Der Mann sagt, der Körper ist meine Ressource – damit ich was tun kann, muss er funktionieren. Der Mann redet erst über den Körper und – so glaube ich – auch über das Älterwerden, wenn es Einbrüche gibt.

Dann doch eher schweigen und abwarten?
Nein! Ich erlebe, dass es einem 60-Jährigen sehr guttut, über das Älterwerden zu reden, aber das braucht ein bestimmtes Mittel. Es gibt eine Außendimension und eine Innendimension. Der Apostel Paulus redet vom äußeren Menschen, der verfällt, und vom inneren Menschen, der von Tag zu Tag erneuert wird. Deshalb frage ich gelegentlich Männer in meinem Alter: „Du, wie geht’s eigentlich deinem inneren Menschen?“ Dann ist natürlich Staunen vorprogrammiert: „Was meinst du mit innerem Menschen?“ Dankbarkeit, Ja sagen zu Begrenzungen, mit seinen Grenzen richtig umgehen. Und dann führe ich mit Männern hochinteressante Gespräche.

Wie ist es um das Vertrauen in Zeiten von „Fake News“ bestellt? Worauf können wir noch vertrauen?
Wir Männer müssen weniger das Sachvertrauen trainieren als das Beziehungsvertrauen. Wir haben ein großes Defizit im Beziehungsvertrauen, also darin, dem Menschen zu vertrauen, der mir real begegnet, Gott zu vertrauen, mir selber zu vertrauen. Durch gelebte Beziehungen komme ich nämlich mit Fake News besser zurecht. Ich sage: Männer, redet über das Leben, redet darüber, was ihr glaubt! Und Männer, die sich darüber austauschen, was sie eigentlich glauben, sind entspannter gegenüber den Nachrichten, wenn wieder irgendetwas komisch daherkommt.

Wie kann ein Mann zu einem gesunden Selbstvertrauen finden?
Gesundes Selbstvertrauen hängt wesentlich vom Zutrauen ab, das ihm durch andere gegeben wird.

Und wenn er das noch nie erlebt hat?
Männer, denen nie etwas zugetraut worden ist, haben ein extrem dürftiges Selbstvertrauen. Sie kaschieren es oft durch Leistung, Ansehen und Erfolg. Ich glaube, die Identitätsfrage ist schon im Neuen Testament wichtig und sehr offensichtlich, als Gott selber zu seinem Sohn sagt: „Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen.“ Das scheint mir das Schlüsselthema zu sein. Ich frage Männer gelegentlich: Was ist dir eigentlich schon zugesprochen worden? Frauen, vor allem ältere, erinnern sich gut an ihren Konfirmationsspruch. Männer interessanterweise seltener. Ich frage dann manchmal: „Wenn ich dir jetzt zuspreche, du bist ein Geliebter, was macht das mit dir?“ Ich spreche es ihm erst dann zu und nicht, wie wir es in der christlichen Szene oft sehr schnell und rituell machen, nach dem Motto: Wir sprechen dir das jetzt zu und dann ist die Sache erledigt. Manchmal befürchte ich, dass daraus nicht sehr viel wächst. Ich glaube, ein Mann braucht diese Reflexion und diesen Zuspruch, und ich glaube, dass das der Weg ist zu einem gesunden und mündigen Selbstvertrauen.

Herzlichen Dank, das war richtig starker Stoff!

Die Fragen stellten MOVO-Redakteur Rüdiger Jope und Ulrich Mang, Theologiestudent aus Halle/Saale.

Dr. Markus Müller studierte Heilpädagogik, Erziehungswissenschaft und Anthropologie. Drei Jahre arbeitete er am Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München. 1986 promovierte er in Behindertenpädagogik an der Philosophischen Fakultät in Fribourg/Schweiz. Von 2001 bis 2012 war er Direktor der Pilgermission St. Chrischona. Er ist verheiratet mit Doris. Die beiden haben vier Kinder. Seit 2012 arbeitet er als Heimpfarrer der Heimstätte Rämismühle bei Winterthur/CH. Sein neustes Buch trägt den Titel: „Lebensplanung für Fortgeschrittene“ (SCM Hänssler).

 

Trendsetter

SERIE: POLITIKBETRIEB VON INNEN
Von Anstand und Glauben in der Politik

Während ich diese Zeilen schreibe, ist noch vieles offen im Berliner Politikbetrieb. Eines aber steht fest: Der alte Innenminister wird nicht der neue sein. Thomas de Maizière wird der nächsten Bundesregierung nicht mehr angehören. Das möchte ich zum Anlass nehmen, mich diesem bemerkenswerten Mann einmal näher zu widmen.

AMT AUF ZEIT
„Geschasst“ worden sei er, sagten manche, „fallengelassen“ schrieben andere, „geopfert“ und „abserviert“ wieder andere. Und er selbst? Was sagte Thomas de Maizière, als er davon erfuhr, nicht weiterhin am Kabinettstisch zu sitzen? „Ein Ministeramt ist immer ein Amt auf Zeit. Das war mir immer bewusst. Ich bin sehr dankbar, dass ich dem Land in einer schwierigen Zeit dienen durfte.“

Souveräner kann man nicht abtreten. Kein Nachkarten, keine Klage, keine bittere Miene, nichts. Leicht wird dem ehemaligen Minister die Demission kaum gefallen sein. Immerhin gehörte er der Bundesregierung zwölf Jahre an. Der gesamten Regierungszeit von Kanzlerin Angela Merkel. De Maizière war Kanzleramtschef, Innen-, Verteidigungs- und erneut Innenminister. Und nun: Opfer der Koalitionsverhandlungen. Dennoch: Er verabschiedete sich mit Würde und Anstand.

2013 erschien im Siedler Verlag das Buch „Damit der Staat den Menschen dient. Über Macht und Regieren“ – Thomas de Maizière im Gespräch mit Stefan Braun. Lesenswert. Schon damals sagte er: „Ein guter Politiker zeichnet sich dadurch aus, dass er etwas erreichen will und dafür Macht anstrebt, nutzt und verteidigt. Und wenn er verliert, demütig wieder abtritt. Einen schlechten Politiker interessiert nur die Macht oder die Position als solche, nicht aber das, was man damit macht.“ Macht als Option zur Gestaltung, ein Mandat immer als ein Wahlamt auf Zeit. Wer Politik so versteht, zeigt, dass er die Demokratie verstanden hat und ein hohes Verantwortungsbewusstsein besitzt.

»MAN SOLL DEN GLAUBEN NICHT ZU SEHR AUF DEN LIPPEN TRAGEN.«

Thomas de Maizière war beileibe kein unumstrittener Minister. Spätestens seit der Flüchtlingskrise 2015 eckte er an. Er äußerte sich in der Bild am Sonntag mit zehn Punkten und einem markigen Satz zur deutschen Leitkultur: „Wir sind nicht Burka“ – worauf viele den Dresdner weit in die rechte Ecke rückten. Er befürwortete Auslandseinsätze der Bundeswehr und den Einsatz bewaffneter Drohnen – worauf er als Kriegstreiber verschrien wurde. Bei vielen Christen kam seine Entscheidung, den Familiennachzug für subsidiär Schutzbedürftige zeitweilig auszusetzen, gar nicht gut an. Politisch gibt es in der Retrospektive einige Entscheidungen zu diskutieren.

CHRISTLICHE FREIHEIT MACHT MÜNDIG
Menschlich jedoch ist Thomas de Maizière – und ich wiederhole mich gerne – ein Muster an Anstand. Und für meine Begriffe ist er damit kein Muster ohne Wert, kein Auslaufmodell, kein Soldat alter Schule, sondern im Gegenteil: Er könnte ein Trendsetter sein. Ein Vorbild. Einer, der junge Menschen inspiriert. „Frage nicht, was dein Land für dich tun kann – frage, was du für dein Land tun kannst.“ Dieses berühmte Zitat von John F. Kennedy – es hätte von de Maizière stammen können. Und es könnte Schule machen in einer Zeit, in der Männer sich nach Werten sehnen und nach Vorbildern suchen.

Als eine der Wurzeln seines Lebens und Wirkens nennt Thomas de Maizière in dem Gesprächsband den christlichen Glauben. „Mir ist wichtig, dass es Gott gibt, über mir, uns allen. Dass es letzte Dinge gibt, über die ich nicht entscheide. Etwas anderes ist aber auch wichtig: Man soll den Glauben nicht zu sehr auf den Lippen tragen. Das wirkt erstens in einer säkularen Gesellschaft leicht ein bisschen aufdringlich, und zweitens hat die Frage, ob man die Rente mit 67 einführt, mit dem christlichen Glauben nichts zu tun. Natürlich kann ich sagen, das ist nachhaltig, und Nachhaltigkeit ist gut und ein Prinzip der Schöpfung und so. Aber wirklich gläubig sein heißt für mich mehreres: Das Allererste ist ganz schlicht, aber tiefgehend: der Glaube an Gott und die Auferstehung. Das hat viele Dimensionen: dass das Leben nach dem Tod nicht zu Ende ist; dass wir eine Verantwortung über unser Leben hinaus haben; dass es den Unterschied zwischen den letzten und den vorletzten Dingen gibt; dass wir uns nur mit den vorletzten Dingen beschäftigen und die letzten Dinge in Gottes Hand sind.“ Und weiter: „Für mich als Protestant kommt in besonderer Weise noch hinzu, was wir die ‚Freiheit des Christenmenschen‘ nennen. Dietrich Bonhoeffer hat mich sehr geprägt – ich habe ihn viel gelesen. Der Auftrag des Christenmenschen, des freien Christenmenschen ist es, Freiheit in die Welt zu bringen. Das ist sehr protestantisch. Freiheit – das heißt für mich auch, mit Freiheit mündig umzugehen und sich zu freuen, dass es Unsicherheit gibt, weil es keine Freiheit gibt ohne Unsicherheit. Das ist für mich ein zentraler Punkt. Und dann gehört für mich dazu, dass man sich nicht zu wichtig nimmt. Wenn es Dinge gibt, die wichtiger sind als das eigene Leben, dann wird man im Erfolg nicht übermütig und in der Niederlage nicht zu verzweifelt.“ In der Niederlage nicht zu verzweifeln, sondern Größe zu zeigen: Das können wir von Thomas de Maizière lernen.

Uwe Heimowski (53) ist ehrenamtlicher Stadtrat in Gera. Er ist verheiratet mit Christine und Vater von fünf Kindern. Er vertritt die Deutsche Evangelische Allianz als deren Beauftragter beim Deutschen Bundestag in Berlin.

 

6 Biertipps für laue Sommernächte

Ein Besuch auf der „Braukunst Live!“ 2018 in München

#1
Für besonders heiße Sommerabende ist das KILLER CUCUMBER ALE von Steamworks Brewing aus Kanada zu empfehlen. Das leichte Bier mit Gurke und relativ viel Kohlensäure ist der absolute Durstlöscher für Juli-Abende am Stausee, oder wenn es im Hauskreis mal besonders hitzig zuging. Es ist allerdings von den Geschmackswelten deutscher Biere relativ weit entfernt. www.steamworks.eu

#2
Vertrauter schmeckt da das ZILZ aus Freising. Beworben mit „Kein Radler, kein Pils“ ist dies ein Bier, das angenehm leicht nach Zitrone schmeckt – für alle, die keine Lust haben, Bier mit Limo zu mischen. Felix Albrecht hat echte Zitrone zu den Zutaten hinzugefügt, was den Vorteil hat, dass sich dieser Geschmack völlig natürlich in das Bier einfügt und ihm eine frische Note gibt. Auch etwas für Menschen, die sonst nicht so auf Zitrone stehen, und sicher etwas, mit dem sich kein Gastgeber auf einer sommerlichen Party oder einem Gemeindefest schämen muss. www.zitronenbier.de

#3
Weiter geht es mit Dunklem aus der Pfalz. BrauArt Sausenheim hat dort das CASCADIAN DARK ALE erfunden. Ein Ale mit kräftigem Röstmalzaroma, ganz schön viel Hopfigkeit sowie einem Hauch von Kaffee und Schokolade. Wer es dunkel und kräftig mag, sollte es probieren. www.brau-art.de

#4
Obwohl kein Bier, darf hier einer auf keinen Fall fehlen: DER HEILAND. Es begab sich aber zu der Zeit, da drei Jungs aus der Holledau, einem der ältesten Hopfenanbaugebiete der Welt, sich zusammentaten, dass sie ihre Schätze öffneten, die da waren dunkles Starkbier, Karamell und Rum, und siehe, es wurde der „Heiland“ geboren. Der Doppelbock-Likör ist etwas erfrischend anderes in der Welt der Liköre und sicher eine angenehme Abwechslung für den Pfarrer, wenn auf dem Geburtstagsbesuch sonst nur die süßen Sahneliköre kreisen. Man kann ihn pur trinken, die Erfinder liefern aber auch eine Reihe von Cocktailrezepten mit, die den Heiland wiederum auch für hippe Fresh XGemeinden zu einem Must-have im Spirituosenregal werden lassen. www.heiland-liqueur.de

#5
Biblisch geht es gleich weiter mit APOSTELBRÄU und Chuck’s Barrel, das man wohl getrost als Männer- Bier bezeichnen kann. Ein Starkbier, welches im Jack Daniels-Whiskyfass gereift ist – und das schmeckt man auch im rauchigen Abgang. Trotz der innovativen Brau-Idee hat dem Autor das Original-Dinkelbier derselben Brauerei besser geschmeckt. Probieren muss wohl jeder selbst. www.apostelbraeu.de

#6
Zum Schluss der absolute Favorit des Autors: HOLY COWL von Craft Werk, der Craft Beer Tochter von Bitburger, ist inspiriert von belgischen Klosterbieren. Ganz ohne extravagante Zutaten (Wasser, Gerstenmalz, deutscher und belgischer Hopfen sowie Hefe) haben die Macher von Craft Werk einen hervorragenden herb-süßen Geschmack geschaffen, der schon mehrere Medaillen abgeräumt hat. Doch Vorsicht! Ganz geistlos geht es hier nicht zu, die 9,0 % vol. merkt man dem Bier nicht an. Allerdings: Was belgische Mönche abkonnten, schaffen deutsche Protestanten schon lange – ein Bier zum Niederknien. www.craftwerk.de

Steve Kennedy Henkel ist Vikar in der Erlöserkirche in München.

 

Weitere Infos: www.braukunst-live-muenchen.de

 

»Wir sind ein Ärgernis«

Die Tafeln unterstützen täglich Menschen mit Lebensmitteln – und begegnen so der sozialen Ungleichheit. Im Gespräch mit Jochen Brühl, dem Vorsitzenden des Tafel- Dachverbands, über Ehrenamt, Einsamkeit und eine offene Tür.

Welche Mahlzeit kochen Sie sich am liebsten?
Wichtig ist weniger, was ich mir koche, sondern mit wem. Ich lebe in einer christlichen Lebensgemeinschaft mit 13 Menschen. Alle haben ihr eigenes Schlafzimmer, ihr Arbeitszimmer, jeder hat sein eigenes Bad, aber wir teilen eine Küche und ein gemeinsames Esszimmer. Zusammen zu essen macht einen großen Wert für mich aus. Denn Essen brauche ich ja nicht nur, um nicht umzufallen, essen ist auch eine Kommunikationsplattform.

Können die Tafeln das auch sein?
Tafeln sind auch Orte der Begegnung, ja. Orte, an denen sich Menschen treffen, die sich sonst nicht treffen würden: Der pensionierte Richter vom Amtsgericht und die Hartz IV beziehende Alleinerziehende, die hier miteinander ins Gespräch kommen.

Hartz IV reicht also nicht aus zum Leben?
Hartz IV reicht aus zum Überleben. Aber jeder, der als Nicht-Betroffener versucht, Dinge schönzureden, sollte sich das sehr gut überlegen. Von Armut betroffen zu sein, bedeutet, nicht in den Urlaub zu fahren, nicht ins Kino zu gehen, das Kind vielleicht nicht in den Musikunterricht schicken zu können, Scham davor zu haben, Menschen zu sich nach Hause einzuladen. Ich warne davor, dass man sich allein aus wissenschaftlich distanzierter Position heraus dazu äußert.

Wie können die Tafeln Solidarität mit diesen Menschen erzeugen?
Die Tafeln sind Sichtbar-Macher. Tafeln erinnern mit dem, was sie tun, daran, dass in unserer Gesellschaft Menschen abgehängt sind. Es gibt Lobbyisten für Diesel-Fahrzeuge und für was auch immer, aber wo sind die Lobbyisten für Ausgegrenzte und Abgehängte? Die Tafeln sehen sich neben der praktischen Soforthilfe auch als Ärgernis und Provokation.

Erleben Sie auch Frust und Aggression vor Ort?
Menschen, die sich bei der Tafel Unterstützung holen, sind oft beschämt. Sich einzugestehen, gescheitert zu sein, ist schwer. Tafel-Kunden sind außerdem keine homogene Gruppe. Natürlich gibt es da auch mal das Gefühl, dass jemand anderes einem etwas wegnimmt. Deswegen geben Tafeln sich Regeln, deshalb schulen wir unsere Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, wie sie mit schwierigen Situationen umgehen können.

Inwiefern ersetzen die Tafeln den Sozialstaat?
In Deutschland sind ca. 4 Millionen Menschen auf Hartz IV angewiesen und 12 Millionen Menschen von Armut bedroht – die Tafeln unterstützen 1,5 Millionen von ihnen mit Lebensmitteln. Das ersetzt nicht den Sozialstaat. Tafeln geben ein Zubrot und schaffen Handlungsspielräume.

Der Staat verlässt sich darauf.
Es gibt einen unglaublichen Überfluss an Lebensmitteln, und es gibt Menschen, die nicht genug zum Leben haben. Diese Brücke haben wir gebaut. Aber wir sind auf keinen Fall da, um den Staat zu entlasten. Es ist Aufgabe der Gesellschaft und der Politik, Tafeln überflüssig zu machen. Ich wünschte mir, die Tafeln müsste es nicht geben.

Was erwarten Sie von der Politik?
Zuerst einmal genau hinzusehen. Die Frage ist doch: Lädt der einzelne Politiker Vertreter von sozialen Organisationen regelmäßig zu einem runden Tisch ein und fragt, was zu machen ist? Hat er einen Sinn für diese Diskussionen? Fragt er die Leute, die sich Tag für Tag ehrenamtlich engagieren: Was passiert bei euch? Wenn Politiker in Talkshows von „einfachen Leuten“ sprechen, wen meinen sie dann?

 

»WO SIND DIE LOBBYISTEN FÜR AUSGEGRENZTE UND ABGEHÄNGTE?«

 

Was treibt Sie an, der Armut offensiv zu begegnen?
Als Christ brauche ich nur auf Jesus zu schauen. Der Messias kommt in einem nach Kot und Urin stinkenden Gebäude zur Welt. Er weiß, wie es sich anfühlt, ganz unten angekommen zu sein. Maria, Josef und die Hirten sind gesellschaftlich gleichzusetzen mit Tafelkunden. Jesus hat erlebt, wie es Menschen geht, was ihre Nöte sind. Er ist zu ihnen gegangen. Für mich ist Jesus der, der mich beauftragt, dem Einsamen, dem Alten, dem Pflegebedürftigen zur Seite zu stehen.

Was hält uns davon ab?
Wir können alle immer unglaublich gut Probleme beschreiben und definieren. Doch ich wünsche mir, dass wir endlich die Motivation finden, die Gesellschaft miteinander zu gestalten. Das bedeutet nicht, dass wir in allen Themen der gleichen Meinung sein müssen. Es ist wichtig, dass man sich kritisch mit Themen auseinandersetzt. Aber am Ende muss immer der Mensch, der in Not ist, der Hilfe braucht oder einsam ist, im Fokus stehen.

Ein Beispiel?
Gastfreundschaft ist so ein Thema. Zu sagen: Ich mache mich auf den Weg mit den Menschen, die um mich herum sind. Jemanden zum Essen einladen, um mit ihm Leben zu teilen. Zu verstehen, wie es ihm eigentlich geht. Sich aus der eigenen Komfortzone bewegen. Ruhig mal zur Elternpflegschaft gehen oder auf dem Schulfest grillen und andere Meinungen und Ideen kennenlernen.

Wie kann ich einen Blick für die Einsamen bekommen?
Für mich ist das eine Frage der Haltung. Wahrzunehmen und wertzuschätzen, wie Menschen leben, zuzuhören und zu verstehen, wie es ihnen geht. Wenn ich das nicht tue, habe ich oft schon eine vorgefertigte Position. Mir hat es sehr geholfen, nicht zu bewerten oder zu beurteilen, wenn Menschen in einer bestimmten Lebenssituation sind.

Was beeindruckt Sie an Ihren ehrenamtlichen Helfern?
Mich beeindruckt eine Frau bei der Tafel Ludwigsburg, die ich damals mitgegründet habe. Sie ist über 80 Jahre alt und geht viermal pro Woche zur Tafel. Sie hilft Menschen, ohne sie zu bevormunden. Sie hilft und wirkt durch ihre zupackende Art. Es berührt mich wirklich sehr, wenn Menschen ohne große Worte einfach für andere da sind. Von diesen Menschen lerne ich, was Engagement, was Courage heißt.

Warum bleiben Sie nicht zu Hause auf der Couch?
Das darf ja auch mal sein. Aber es ist wichtig, sich immer wieder aufzumachen, die Tür der Aufmerksamkeit, der Wertschätzung zu öffnen und Menschen einfach zuzuhören. Jesus hat sich immer mit Menschen auseinandergesetzt. Er hatte zwar einen Standpunkt, aber er war auch Teil einer Gesellschaft und hat sich in die Lebenswirklichkeit anderer Menschen begeben, um herauszufinden, wie sie fühlen und denken. Wenn ich nur mit den Menschen rede, die so denken wie ich, verändere ich diese Welt nicht.

Vielen Dank für das Gespräch!

 

Die Fragen stellte Tobias Hambuch.