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Mehr Vatersein wagen – Kinderarzt startet ungewöhnliche Männergruppe

Ein Kinderarzt beobachtet wachsende Verunsicherung bei Eltern – und sieht vor allem ein Problem: Väter fehlen oft als klare Bezugsperson. Mit einer besonderen Gruppe will er das ändern – und stößt auf großen Bedarf.

„Vielen Kindern fehlt das klare männliche Pendant,“ begründet Dr. Ralf Brügel, weshalb er im März 2022 in Schorndorf eine Väter-Gruppe gegründet hat. In der Geburtsstadt von Gottlieb Daimler ist der 54-Jährige seit 2006 Kinderarzt in eigener Praxis. Mit seiner Kollegin beschäftigen die beiden drei angestellte Ärztinnen. Der Vater dreier erwachsene Töchter repräsentiert damit drei Kassensitze. Hatte der eingefleischte Fan des VfB Stuttgart 2006 noch 750 Kinder pro Quartal abgerechnet, sind es heute 4000.

Verunsicherte Eltern

Eltern seien heute oftmals verunsicherter als vor 20 Jahren, erklärt sich der Kinderarzt, der aktuell eine zweijährige Zusatzausbildung in Kinder- und Jugendpsychotherapie macht, die gestiegene Zahl. Auch, um den Eltern mehr Gelassenheit einerseits und Klarheit andererseits zu vermitteln, hält er die Väter-Gruppe für wichtig. „Anfangs hatten wir 30 Interessenten, aber das regulierte sich schnell auf maximal zehn Teilnehmer und ein gewisses Stammpublikum je Abend herunter,“ sagt Brügel. Denn wer teilnimmt, braucht Mut und Bereitschaft, bei sich selbst genau hinzuschauen, sich dem Urteil der Gruppe auszusetzen und den Fragen des Gestalttherapeuten, der die Gruppe von Anfang an mitleitet. Dabei setzen sich die Teilnehmer fast zwangsläufig mit dem eigenen Vater und der eigenen Kindheit auseinander und reflektieren die Werte, die sie ihren Kindern weitergeben möchten. Brügel: „Oft stellen die Männer fest, dass ihre Vorstellungen von Erziehung kaum deckungsgleich sind mit den Vorstellungen der Mütter.“ Das mache aber nichts, sondern sei gutes Material, um mit der Partnerin ins Gespräch zu kommen. Hier klärten sich oft Missverständnisse, die im Alltag zwischen den Eltern zuvor zu Machtkämpfen geführt hatten. Der Kinderarzt gibt ein Beispiel: „Was die Mütter bei den Vätern oft für Leichtsinn halten, ist in Wahrheit deren Verständnis davon, dem eigenen Nachwuchs mehr Selbstbewusstsein zu vermitteln und weniger korrigierend einzugreifen.“ Beides seien lohnenswerte Ziele.

Seiner Intuition folgen

In der Gruppe gewinnen die Väter mehr Sicherheit, ihrer männlichen Intuition zu folgen. Und sie korrigieren Glaubenssätze, dass bspw. ihre Frauen mehr Ahnung von Erziehung hätten als sie selbst. Der Kinderarzt, der einst über ein psychiatrisches Thema promoviert hat: „Auch viele Mütter erziehen eher aus der Vermeidung heraus, es eben nicht so zu machen, wie sie es in ihrer Kindheit erlebt haben.“ Das sei aber noch kein Plan und zu viel Fürsorge verhindere, dass das Kind wichtige Erfahrungen macht, die seinen Selbstwert prägen.

Der Arzt, der regelmäßig an Kindergärten und Schulen Vorträge hält zum Umgang mit Smartphone und Social Media, profitiert selbst von den Gesprächen in der Väter-Gruppe und der Gemeinschaft, die er hier erlebt. Manches aus dem privaten Alltag kläre sich schon beim Zuhören und Befindlichkeiten würden ihm bewusst, um wahrzunehmen, was ihn irritiert, ängstigt oder wütend macht. Ursprünglich hatte Brügel, der dem Vorstand des ortsgrößten Sportvereins angehört, Sportreporter oder Sozialarbeiter werden wollen. Doch dem Vater, einem selbstständigen Architekten, schienen beide Berufe nicht solide genug. Und nachdem der Sohn ein 1,0-Abitur gemacht hatte, spürte er die Erwartung seiner Eltern, etwas „Seriöses“ zu studieren und entschied sich für Medizin.

Konflikte wagen

„Aus heutiger Sicht ist mir bewusst, dass ich meinen Eltern gefallen wollte und den Konflikt scheute,“ lacht der Kinderarzt, der während des Studiums viermal ohnmächtig wurde, weil er kein Blut sehen konnte. Entsprechend wählte er die Fachrichtung, die auch Psychotherapie hätte werden können. „Den Teil hole ich jetzt mit meiner Weiterbildung und der Väter-Gruppe nach,“ resümiert der 54-Jährige, der seit der Pandemie jeden Freitag ein Video auf seiner Facebookseite veröffentlicht, in dem es um Kinder, Erziehung und Gesundheit geht. Von Tochter zu Tochter sei er übrigens selbst ein besserer Vater geworden, weil er souveräner wurde.

Diese Erfahrung gibt er heute den jungen Vätern und in seinen Videos weiter: Die Kinder mehr machen lassen, dem Leben vertrauen, sich selbst mehr zeigen. Auf seine im März 2022 initiierte Väter-Gruppe in Schorndorf gehen mittlerweile drei weitere Gründungen zurück, davon zwei im selben Rems-Murr-Landkreis sowie eine in Ludwigsburg, die jeweils einen kirchlichen oder sozialen Träger haben. Brügel: „Die haben alle gemerkt, dass der Bedarf groß ist und man mit dem Angebot Männer zwischen 26 und 42 Jahren erreicht, die sonst nie zu diesen Institutionen kämen.“

Leonhard Fromm leitet als Gestalttherapeut mehrere Männer- und Väter-Gruppen. Feste wie Geburtstag, Weihnachten, Ostern oder Silvester sind dort immer wieder Thema – und wie unbefriedigend diese ablaufen. der-lebensberater.net, kinderarztpraxis-schorndorf.de