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Nicht ganz trocken

Andrea Schmidt ist Bildungsreferentin beim Blauen Kreuz  und zuständig für die Begleitung der ehrenamtlichen Mitarbeitenden. Ein Gespräch über Kontrollverlust im Genuss.

Feiert das Blaue Kreuz auch 500 Jahre Deutsches Reinheitsgebot?
(lacht) Ich glaube, die wenigsten wissen von dem Jubiläum. Bier ist für viele ein „Grundnahrungsmittel“, und wenn das unter das Reinheitsgebot fällt, ist das grundsätzlich eine gute Sache. Für alkoholabhängige Menschen und damit für uns im Blauen Kreuz ist das Jubiläum kein Anlass für eine Feier.

Stimmt die Aussage »Alkohol macht dumm«?
Ja. Das Gehirn hat hundert Millionen Nervenzellen, und es ist erwiesen, dass Alkohol die Nervenzellen angreift, das Gehirn schneller altern lässt und zum Abbau von kognitiven Fähigkeiten führt. Bei chronisch Alkoholkranken kann das Gehirn bis zu 15 % schrumpfen. Das Zwischenhirn kann sogar teilweise zerstört werden, das sogenannte Korsakow-Syndrom ist einer Demenz ähnlich.

Macht das regelmäßige Feierabendbier schon abhängig?
In der Regel nicht. Trotzdem warnt die Gesundheitsorganisation: Alkohol ist ein Zellgift und es ist nicht gesund, jeden Tag zu trinken. Um abhängig zu werden, müssen noch weitere Faktoren hinzukommen, sodass Alkohol nicht mehr nur aus Genuss getrunken wird, sondern zusätzlich eine andere Funktion bekommt: Einsatz gegen Schlaflosigkeit, Abmilderung negativer Gefühle, Abbau von Hemmungen oder Förderung von Entspannung. Hier entsteht eine seelische Abhängigkeit, die sich unmerklich in eine körperliche verändern kann.

Wie definiert sich Sucht?
Im medizinischen Sinne ist es eine seelische und/oder eine körperliche Abhängigkeit von einer Substanz wie Alkohol, Tabletten oder Drogen (stoffgebundene Abhängigkeit), oder von einer Verhaltensweise wie Spielsucht, Kaufsucht oder ähnlichem (stoffungebundene Abhängigkeit). Beide Arten von Süchten weisen ein unabweisbares Verlangen nach einem bestimmten Erlebniszustand auf und führen beim Absetzen zu Entzugserscheinungen. Bei stoffgebundenen Süchten wirkt eine Substanz, beispielsweise Nikotin oder Alkohol, auf das Gehirn ein. Bei stoffungebundenen Süch-ten handelt es sich um Verhaltensweisen, die zwanghaft ausgeführt werden müssen.

Hat Alkohol einen zu hohen Stellenwert in unserer Gesellschaft?
Ja! Werbung gaukelt allen ohne Ausnahme vor, dass das Leben mit Alkohol wesentlich entspannter und aufregender ist: „Ohne Alkohol keinen Spaß.“ Also haben wir dieses Bild, dass wir Alkohol brauchen, um mehr in Stimmung zu kommen. Natürlich enthemmt Alkohol und es fällt leichter, sich gehen zu lassen. Wer schaut schon Fußball mit seinen Freunden ohne ein Bier? Und auch in Filmen fällt auf, dass die Charaktere bei Problemen an die Bar gehen und sich erst einmal einen Drink gönnen. Wenn es allerdings kippt und jemand die Kontrolle verliert, wird er fallengelassen. Wer seinen Alkoholkonsum nicht mehr steuern kann, gilt gesellschaftlich als Versager, der „willenlose Penner“, der sein Leben nicht in den Griff kriegt. Ich finde das paradox.

Woran kann ich erste Anzeichen von Alkoholabhängigkeit erkennen?
Das ist ein schleichender Prozess. Kein Betroffener kann im Rückblick sagen, wann genau er körperlich abhängig geworden ist. Umso schwieriger sind erste Anzeichen zu erkennen. Wenn sich die Gedanken nur noch um den Al-kohol drehen, wenn immer das Verlangen da ist, wenn sich Schuldgefühle über das Trinkverhalten einstellen und man beginnt, heimlich zu trinken, dann liegt auf jeden Fall ein missbräuchlicher Konsum vor. Wer die Kontrolle über sein Trinkverhalten verloren hat, steckt schon mitten in der Abhängigkeit.

Sind Männer grundsätzlich gefährdeter als Frauen?
Bei Alkohol kann ich mir das sehr gut vorstellen, weil Männer sich häufiger in einem sozialen Umfeld aufhalten, in dem viel getrunken wird. Sie werden deswegen aber nicht eher süchtig. Männer und Frauen greifen eher zu unterschiedlichen Suchtmitteln. Bei Frauen gibt es eine größere Anzahl an Medikamentenabhängigen. Bei stoffungebundenen Süchten wie Magersucht, Ess- oder Brechsucht oder Kaufsucht sind eher Frauen zu finden, während wiederum mehr Männer süchtig nach Glücksspielen werden. Das Suchtmittel variiert, aber die Tendenz zur Sucht lässt sich nicht am Geschlecht festmachen.

Was empfehlen Sie zur Prävention?
Prävention fängt in der Erziehung an: Kinder stark machen, ihnen zu einem guten Selbstwertgefühl verhelfen, ihnen Geborgenheit vermitteln, sie aber auch loslassen können. Auch Erwachsene können zum ersten Mal oder wieder neu lernen, Selbst-Bewusstsein zu entwickeln. Sich selbst gut kennen und annehmen können – seine Gaben und Fähigkeiten, aber auch Grenzen gut einschätzen zu können, das ist die beste Prävention.

Wie gehe ich damit um, wenn meine Kinder sich jedes Wochenende betrinken? Wie gebe ich ihnen als Vater die Unterstützung, die sie brauchen? Soll ich sie mit ihrem Verhalten konfrontieren oder eigene Erfahrungen machen lassen«?
Wenn das Kind 13 oder 14 Jahre alt ist, muss eher eingegriffen werden, als wenn es 17 oder 18 ist. Je früher Kinder Alkohol trinken, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit für eine Abhängigkeit. Ein kindlicher Organismus verträgt keinen Alkohol. Dann ist es fahrlässig, wenn Eltern nicht darüber sprechen. Das Gespräch ist das Wichtigste, auch wenn das in dem Alter sehr schwierig ist. Ohne Vorwürfe die eigene Sorge mitteilen und auf die negativen Folgen von Alkohol hinweisen. Nach Hintergründen fragen: „Was ist los? Wozu brauchst du das? Warum kannst du nicht aufhören?“ Wo kein Weiterkommen ist, kann eine Suchtberatungsstelle aufgesucht werden, um individuell zu schauen, wie mit dem Kind umgegangen werden kann. Es ist immer gut zu wissen, wo mein Kind erreichbar ist und wie und wann es wieder nach Hause kommt. Absprachen mit vielleicht genauso besorgten Eltern aus dem Freundeskreis oder Kontakte zu Bezugspersonen meines Kindes sind ebenfalls hilfreich.

Wie kann ich Alkoholmissbrauch als Vorgesetzter oder Kollege ansprechen?
Jeder Vorgesetzte hat eine Fürsorgepflicht, Angetrunkene auf der Arbeit wieder nach Hause zu schicken, damit sie sich und andere nicht gefährden. Wenn es wiederholt vorkommt, ist ein Gespräch unbedingt nötig. Auch Kollegen können oder sollen das Gespräch nicht scheuen. Wer sich in seinem Verhalten verändert, wiederholt zu spät kommt, häufig krank ist, Absprachen nicht mehr einhält, unzuverlässig wird und unkonzentriert wirkt, der könnte ein Suchtproblem haben oder andere Schwierigkeiten. Ein kollegiales Gespräch, das nicht vage bleibt, sondern konkrete Situationen benennt, kann zu einer großen Hilfe werden. Schweigen aus der Angst heraus, jemanden zu verletzen, hilft niemals. Ohne Grund hört niemand auf zu trinken. Ohne Druck passiert nichts. Dort, wo man merkt, dass man mit dem Leben und dem Suchtverhalten nicht mehr klarkommt, beginnt die Einsicht,  dass sich etwas ändern muss.

Vielen Dank für das Gespräch!

Melanie Eckmann fällt inzwischen auf, wie oft der Protagonist in ihrer Lieblingsserie einen Drink zu sich nimmt.

 

Alkoholmissbrauch – Wo bekomme ich Hilfe?

  • „ALKOHOL? KENN DEIN LIMIT!“

Über den Umgang von Eltern mit suchtgefährdeten Kindern kann bei der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) kostenlos die Broschüre „Alkohol – Reden wir darüber. Ein Ratgeber für Eltern“ bestellt werden (www.bzga.de).

 

  • HOTLINE: 01805 – 313031

Die anonyme und bundesweite Sucht & Drogen Hotline ist ein Angebot für alle, die Fragen und Probleme zum Thema Sucht haben (www.sucht-und-drogen-hotline.de).

 

  • Blaues Kreuz – Wege aus der Sucht

www.blaues-kreuz.de