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Klare Kante

SERIE: POLITIKBETRIEB VON INNEN
Nach rechts und links

Was gab das für einen Aufschrei! Macht Altbundespräsident Joachim Gauck „die Rechten“ salonfähig? So die einen. Oder hat er eine – notwendige – Debatte angestoßen? So die anderen. Am 16. Juni erschien Gaucks neues Buch „Toleranz. Einfach schwer“. Der Präsident a. D. gab vorab reichlich Interviews. In der ZDF-Sendung „Markus Lanz“ wurde Gauck mehr als deutlich. Er kritisierte die „Achtundsechziger-Kultur“, nach deren Deutung, wo nicht links sei, bereits der Faschismus beginne. Gauck fordert, den Begriff „rechts“ zu „entgiften“.

Ich verstehe die Entrüstung, die daraufhin losbrach. Deutschland ist nun einmal das ehemalige Nazi-Deutschland. Unsere Geschichte sollte uns gelehrt haben, die Gefahren von rechts frühzeitig wahrzunehmen. Doch nach dem NSU-Skandal, nach Lutz Bachmann in Dresden und Björn Höcke in Erfurt und schließlich dem Mord an Walter Lübcke in Hessen konnte man den Eindruck gewinnen, so manch einer in den Behörden sei auf dem rechten Auge blind. Ich kenne eine Reihe von AfD-Unterstützern, die so tun, als gäbe es keine geistigen Brandstifter oder gewaltbereite Neonazis in Deutschland. Diesen Rechten gilt es, mit klarer Kante entgegenzutreten.

KONSERVATIV IST NICHT GLEICH RECHTSRADIKAL
Nur: Wer Joachim Gauck wirklich zugehört hat, sollte verstanden haben, dass es ihm nicht darum geht, hier eine falsche Toleranz an den Tag zu legen. Im Gegenteil: Er warnt die Politik und die Zivilgesellschaft sehr eindringlich davor, Rassismus und Intoleranz nicht entschieden genug zu begegnen. Worum es Gauck vor allem geht, ist die Differenzierung. Gegenüber dem Spiegel erklärte er: „Wir müssen zwischen rechts – im Sinne von konservativ – und rechtsextremistisch oder rechtsradikal unterscheiden.“ Als ehemaliger Leiter der Stasi-Unterlagen-Behörde weiß er übrigens sehr genau, wie viel Gewalt in der deutschen Geschichte auch von links ausgegangen ist.

Und an dieser Stelle findet der Altpräsident meine absolute Zustimmung. Es kann nicht sein, dass wesentliche Debatten erst gar nicht geführt, oder dass zentrale Themen unserer Gesellschaft ausgeblendet werden, nur weil sie als „rechts“ abgestempelt werden. Nehmen wir das Thema Migration. „Fremdenfeindlichkeit finde ich absolut widerwärtig“, sagt Gauck. Aber es sei notwendig, die Fragen nach dem „Wie viel, wohin, wie lange?“ zu stellen. Auch über Rechtsverstöße von Migranten müsse gesprochen werden.

Andernfalls, befürchtet Gauck, drohe eine „Entsolidarisierung“ der Gesellschaft. Oder nehmen wir einige wenige der klassisch konservativen Themen, die auch vielen Christen wichtig sind: Den Lebensrechtlern etwa gilt jeder Mensch als heilig und schützenswert. Auch die Ungeborenen, die Menschen mit Behinderungen, die Alten und Kranken. Wer diese Gruppe als „rechtsextrem“ diffamiert, macht es sich leicht: Er bricht den Diskurs ab und muss sich die leidige Frage nach dem Wert oder Unwert des Lebens nicht mehr stellen. Und so entsteht eine der absurdesten ethischen Verdrehungen der Neuzeit: Die einen selektieren menschliches Leben noch vor der Geburt, und die anderen sind die angeblichen Nazis. Oder schauen wir uns diejenigen an, die die Ehe zwischen Mann und Frau sowie die daraus potenziell entstehende Familie für schützenswert halten. Sofort werden sie gelabelt: Ewiggestrige, Homophobe, Reaktionäre. Und erneut endet damit der Diskurs, noch bevor die Argumente ausgetauscht sind. Echte Toleranz darf sich nie darauf beschränken, nur innerhalb der eigenen Blase, der „Echokammer“, wie es in Zeiten der sozialen Medien genannt wird, zu gelten. Wer andere moralisch diskreditiert oder pauschal abstempelt, wer sich selbst von vornherein zu den Guten und die anderen zu den Bösen zählt, der ist weder tolerant noch verhält er sich sonderlich demokratisch.

Wer hingegen Glaube, Tradition und Heimat für bedeutungsvoll, wer Anstand, eine gute Erziehung und ein differenziertes Schulsystem für unabdingbar hält, wer Europa für eine Wertegemeinschaft mit christlichen Wurzeln versteht – der ist konservativ. Ihn in eine „rechte Ecke“ zu stellen oder als Nazi zu verunglimpfen, ist ein Unding – mag es auch noch so angesagt sein.

KONSERVATIV ODER RECHTSPOPULISTISCH? EIN SCHMALER GRAT!
Darüber sollten wir die andere Seite nicht vergessen: Wer in seinen Reihen duldet, dass der Mord an einem Regierungspräsidenten als „folgerichtig“ eingestuft wird, wer pauschal gegen Migranten hetzt, wer die Geschichte verfälscht oder das Dritte Reich zu einem „Vogelschiss“ verdampft, wer üble Propaganda und Lügen verbreitet, wer mit Neonazis gemeinsame Sache macht, wer bei Facebook, Twitter, YouTube oder am Rednerpult in den Parlamentsdebatten die Axt an die politische Kultur legt, der ist eben nicht konservativ, sondern rechtspopulistisch. Eine saubere Trennung zwischen konservativ, rechts und rechtsextrem ist mehr als notwendig. Rechtsextremismus darf in Deutschland keinen Platz finden. Gleichzeitig gilt: Wer jede konservative Position sofort als rechts außen diffamiert, treibt die Wähler erst recht in diese Richtung. Undifferenzierte Vorurteile und pauschale Zuschreibungen schaden der Demokratie. Danke, Joachim Gauck, für diese überfällige Debatte!

Uwe Heimowski (55) vertritt die Deutsche Evangelische Allianz als deren Beauftragter beim Deutschen Bundestag in Berlin. Er ist verheiratet mit Christine und Vater von fünf Kindern.

Mehr als ein Sternchen

SERIE: POLITIKBETRIEB VON INNEN

 

Geschlechtergerechtigkeit: Es gibt noch viel zu tun!

Meine Tochter war für neun Monate in Südafrika, internationaler Freiwilligendienst. Sie arbeitete in einem Kindergarten in Mamelodi, einem schwarzen Township in Pretoria. Das meiste ging auf Englisch, aber sie lernte auch ein paar Brocken Xhosa. Natürlich bekam sie von ihren Freunden auch einen einheimischen Kosenamen: Entle. Sie schrieb ihn uns per E-Mail, am Telefon spottete ich liebevoll: „Na, meine schwäbische Entendame.“ Sie protestierte: „Halt, Papa, da ist ein Knacklaut drin: Ent-tschakle.“ Ich versuchte mich daran, und scheiterte kläglich. Wir lachten beide.

Das nächste Mal hörte ich den gleichen Laut neulich in Berlin. Ich unterhielt mich mit einer Praktikantin im Büro eines Abgeordneten. Sie saß alleine im Büro, ich fragte, ob die Kollegen auch da seien. Ziemlich scharf und mit einem bitterbösen Blick kam ihre Antwort: „Die Kolleg-tschak-innen sind zu Tisch.“ Das hatte nun aber nichts mit einem afrikanischen Dialekt zu tun, sondern hier war ich in die Genderfalle getappt – und hatte doch glatt allen weiblichen Abwesenden mit meiner maskulin gefärbten Sprache die Existenz abgesprochen … Übrigens hatte ich bis dahin noch gar nicht gewusst, dass man das Sternchen auch mitspricht.

CHANCENGLEICHHEIT STATT SPRACHPANSCHEREI
Warum dieser – zugegeben etwas spitze – Einstieg? Aus zwei Gründen: Zum einen, weil ich die Verhunzung der deutschen Sprache so verheerend finde, und die überheblich moralinsaure Attitüde dieser Sprachpanscher-tschak-innen so belehrend und arrogant daherkommt, dass ich es wirklich nur schwer ertragen kann.

Und zweitens, weil wir uns hier in unserer westlichen Wohlfühlzone in absurden Debatten über Knacklaute und gegenderte Toiletten verlieren, die mit der tatsächlichen Diskriminierung von Frauen nur wenig zu tun haben. Meiner Meinung nach ist damit das Thema verfehlt. Weltweit sind die Gleichstellung von Frauen und Männern und die nicht vorhandene Chancengleichheit von Mädchen und Jungen ein Riesenproblem. Meine Tochter kann nach ihrem Jahr in Südafrika ein Lied davon singen.

Gender Mainstreaming, also die politisch vordringliche Behandlung von Geschlechterthemen, ist daher definitiv ein Thema, das weltweite Priorität verdient. Der Begriff wurde erstmals 1985 auf der 3. UN-Weltfrauenkonferenz in Nairobi diskutiert und zehn Jahre später auf der 4. UN-Weltfrauenkonferenz in Peking weiterentwickelt. Diese Debatten wurden geführt angesichts der brutalen Berichte von Massenvergewaltigungen während des Jugoslawienkrieges und während des Genozids in Ruanda.

Bis heute sind Frauen nicht nur die strukturell am stärksten betroffenen Opfer von Kriegen, sondern vielfältig benachteiligt. 130 Millionen Mädchen weltweit dürfen nicht zur Schule gehen, häufig, weil sie bereits im Kindesalter zwangsverheiratet wurden. In Südasien und Subsahara-Afrika wurde etwa die Hälfte aller Frauen, die heute 20 bis 24 Jahre alt sind, vor ihrem achtzehnten Geburtstag verheiratet. Die Mehrheit der Armen und der größte Teil aller Analphabeten sind weiblich. Jedes Jahr sterben etwa 300.000 Frauen an Komplikationen während der Schwangerschaft oder der Geburt, 99 Prozent von ihnen in Entwicklungsländern.

Um nicht missverstanden zu werden: Auch in Deutschland gibt es Diskriminierungen und Gewalt gegen Frauen. Zwei Zahlen, die das beispielhaft belegen: 2016 wurden 34.000 Anrufe beim Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ verzeichnet. Dass das nur die Spitze des Eisbergs ist und gerade viele – vor allem auch sexuelle – Übergriffe gar nicht erst gemeldet werden, hat die #MeToo-Debatte deutlich ans Licht gebracht. Zweitens: 97 % aller Opfer von Menschenhandel zum Zwecke der Zwangsprostitution sind weiblich, mehrere hunderttausend Frauen werden in unserem Land täglich gegen Geld vergewaltigt. Für einen aufgeklärten demokratischen Rechtsstaat sind diese Zahlen skandalös.

MUTIG ANPACKEN JENSEITS DER STERNCHENFRAGE
Gender Mainstreaming rückt diese Missstände zu Recht ins Bewusstsein. Kein Mensch darf wegen seines Geschlechtes benachteiligt werden, das muss ohne Wenn und Aber gelten. Die Vereinten Nationen haben darum in ihre Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung, die sogenannten Sustainable Development Goals (SDGs), unter Punkt 5 dieses Ziel aufgenommen: „Geschlechtergleichstellung – der Diskriminierung von Frauen und Mädchen will die UN weltweit ein Ende setzen.“

Im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland heißt es in Artikel 3, Absatz 2: „Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.“ Dafür braucht es ein Umdenken, von Männern und Frauen, auch ein Nachdenken darüber, wie Männer und Frauen voneinander und übereinander reden. Brot für die Welt formuliert auf seiner Website: „Geschlechtsbedingte Diskriminierung kann nur überwunden werden, wenn sich Frauen und Männer von gewohnten Rollenbildern lösen und sich gemeinsam für Geschlechtergerechtigkeit einsetzen.“ Absolute Zustimmung. Es gibt viel zu tun. Packen wir es an – und vergeuden unsere Zeit und Kraft nicht an die selbst ernannten Sprachpolizist-tschak-innen.

Uwe Heimowski (54) vertritt die Deutsche Evangelische Allianz als deren Beauftragter beim Deutschen Bundestag in Berlin. Er ist verheiratet mit Christine und Vater von fünf Kindern.

Fake News entzaubern

SERIE: POLITIKBETRIEB VON INNEN

Prüfet alles – und das Wahre behaltet.

In den vergangenen zwei, drei Jahren habe ich einige neue Wörter gelernt: Zuerst „Lügenpresse“, das später zur „Lückenpresse“ mutierte, dann „Fake News“, das es 2017 sogar als offizielle Vokabel in die 27. Auflage des Duden schaffte, und irgendwann kam dann noch der Begriff „alternative Fakten“ dazu. Sie alle könnten einer Familie entstammen, denn sie beschreiben das gleiche Phänomen: Sie stellen infrage, was uns als (vermeintliche) Wahrheit präsentiert wird.

UNSERE WELT IST KOMPLIZIERTER GEWORDEN
Wie kommt das? Nicht nur die Zahl der Informationen steigt immer weiter an, sondern auch die Möglichkeiten, eben diese zu manipulieren, werden mehr. Wir wissen einfach nicht mehr, was wir wirklich glauben können. Zu viel strömt tagtäglich auf uns ein – und die Welt ist komplizierter geworden. Wer kann die Eurokrise wirklich erklären? Wer durchschaut die tatsächlichen Zusammenhänge der Globalisierung? Das sind nur zwei von unzähligen Fragen, die kaum zu verstehen, geschweige denn – einfach – zu beantworten sind. Entsprechend wird der Ruf nach denen laut, die dennoch einfache Antworten formulieren und schnelle Lösungen versprechen. Das ist verständlich, aber es ist ein Trugschluss. Denn für komplizierte Probleme gibt es keine simplen Lösungen. Da ist schon jetzt das böse Erwachen vorprogrammiert.
Doch weil wir überfordert sind, laufen wir Gefahr, tatsächlichen Rattenfängern auf den Leim zu gehen. Denn darauf zielen die Fake News ja ab: Sie fälschen Bilder oder erfinden Nachrichten und speisen diese dann in die sozialen Netzwerke ein. Je abstruser die Fälschung, desto wahrscheinlicher ist die virale Verbreitung. Das erzeugt Aufmerksamkeit und hinterlässt unbewusste Spuren. Wir wissen: Wenn man jemanden nur mit genügend Dreck bewirft, bleibt immer etwas hängen.
Ein Beispiel: „Es ist ein düsterer Ort, an dem selbst die Kinder nichts mehr zu lachen haben. Alles ist strengen Regeln der politischen Korrektheit unterworfen, bis hin zur Errichtung von Schneemännern. Wer einen weißen Schneemann baut, muss auch einen in gelb und schwarz danebensetzen. Verstöße werden als Rassismus verfolgt und mit einer Strafe in Höhe von 5.000 Euro belegt.“ Diese Meldung über ein angebliches Dorf in Deutschland hat sich tausendfach im Netz verbreitet. Der Schweizer Tagesanzeiger hat recherchiert und herausgefunden: Die Nachricht ist komplett erfunden und wurde von sogenannten Trollen aus Russland gezielt ins Internet eingespeist, um das Thema Rassismus zu diskreditieren und so den „politisch korrekten Gutmenschen“ übel mitzuspielen. Hier versuchen undemokratische Kräfte, diese Fake News brutal für ihre eigenen Machtinteressen auszunutzen.

MANIPULATIONEN GEHÖREN ZUM TAGESGESCHÄFT
Wir leben in einer Zeit, in der insbesondere über soziale Medien massiv manipuliert wird. Für Christen muss gelten: Wir dürfen nicht alles glauben, was uns vorgesetzt wird. Die Wahrheit muss zu ihrem Recht kommen. Dafür muss ich aber überhaupt erst einmal wissen, was wahr ist. Und das herauszufinden, ist anstrengend, denn es bedeutet: Prüfen, prüfen und noch mal prüfen. Das wusste schon Paulus, als er schrieb: „Prüfet alles und das Gute behaltet“ (1. Thessalonicher 5, 21). Erst danach sollten wir uns eine Meinung bilden. Und wiederum danach Informationen weitergeben oder bei Facebook teilen.
Eine hervorragende Möglichkeit, Nachrichten zu überprüfen, bietet die Seite Quellencheck.de. Der Christ und Journalist Michael Voß hat diese Seite erstellt. Auf einem Prüfpfad führt er den Nutzer Schritt für Schritt dazu, den Wahrheitsgehalt einer Nachricht herauszufinden. Auch Beispiele von Fake News oder weit verbreiteten Behauptungen finden sich auf der Seite. Da ist manches Aha-Erlebnis garantiert. Gerade in unserer Zeit sind aber nicht nur technische Hilfsmittel wie Quellencheck.de gefragt. Noch viel mehr brauchen wir Persönlichkeiten. Integre, aufrichtige Menschen. Als Journalisten, als Politiker und als Bürger. Je uneindeutiger die Informationslage, desto wichtiger ist es, dass es Menschen gibt, die sich an der Wahrheit orientieren. Menschen, die ihr Leben auf ein solides Wertegerüst stellen, und die den Mut aufbringen, Fehler auch einzuräumen, sollten sie selbst einmal Fake News aufgesessen sein.
Eine faszinierende Beobachtung aus dem politischen Raum: Obwohl nur jeder Vierte eine hohe Meinung von „den“ Politikern hat, gibt eine große Mehrheit an, dass sie die ihnen persönlich bekannten Abgeordneten sehr wohl schätzt. Man sieht: Durch eine integre Persönlichkeit und durch direkte Kontakte ändert sich die Wahrnehmung. In der Präambel des Grundgesetzes heißt es: „In Verantwortung vor Gott und Menschen.“

MACH DEN UNTERSCHIED
Das gilt allen Bürgern, nicht nur den Politikern. Wer Verantwortung übernimmt, ist der Wahrheit verpflichtet. Und damit lässt sich die Wahrnehmung verändern. Die Amerikaner nennen das „to make a difference“ – ein Einzelner kann einen Unterschied machen. Niemand muss auf Fake News hereinfallen. Und eine „alternative Wahrheit“ kann es nicht geben. Aber Alternativen zum derzeitigen Klima sehr wohl. Ein wahrhaftiger Lebensstil und ein respektvoller Umgang miteinander sind die besten Alternativen. True News und Real Life sind dann vielleicht die Begriffe von morgen.

Uwe Heimowski (53) ist ehrenamtlicher Stadtrat in Gera. Er ist verheiratet mit Christine und Vater von fünf Kindern. Er vertritt die Deutsche Evangelische Allianz als deren Beauftragter beim Deutschen Bundestag in Berlin.

Wer verdient, was er verdient?

SERIE: POLITIKBETRIEB VON INNEN

»Die da oben sahnen die fetten Diäten ab. Dem kleinen Mann auf der Straße bleibt nichts im Geldbeutel«, sagt der Volksmund. Uwe Heimowski wagt den Faktencheck.

Die denken doch, das ist ein Selbstbedienungsladen – erhöhen sich ihre Diäten, wie sie wollen!“, schimpfte da neulich einer. Der Mann war in Fahrt gekommen. Nach den Politikern nahm er sich die Beamten vor, die Banker, die Ausbeuter im Allgemeinen und seinen Chef im Besonderen. Diese Typen bekämen allesamt sowieso schon viel zu viel und nähmen sich immer mehr, er selber hingegen verdiene schon immer viel zu wenig und niemand störe sich daran. Saftladen!
Keine Frage: Es gibt sie, die gravierenden Ungerechtigkeiten. Wenn ein Mensch trotz 40-Stunden-Woche auf Unterstützung angewiesen ist – das ist schlicht und ergreifend entwürdigend. Oder sehen wir uns den globalen Zusammenhang an: Wenn wir, die Menschen auf der nördlichen Hälfte des Erdballs, einfach mal qua Geburt mit Nahrung, Wohnung und Sozialleistungen versorgt sind, während im Süden für viele mit dem ersten Atemzug der tägliche Überlebenskampf beginnt. Soll das gerecht sein?

AUGEN AUF FÜR DIE UNGERECHTIGKEITEN
Wir dürfen die Augen vor diesen Ungerechtigkeiten nicht verschließen. Gerade Christen sind aufgefordert, für Recht und Gerechtigkeit einzustehen: „Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach“ (Amos 5,24). Und doch möchte ich mal die Frage stellen: Regen wir uns vielleicht vor allem dann auf, wenn wir selber nicht auf der Sonnenseite stehen? Sehen wir Ungerechtigkeiten auch bei den anderen? Oder nur den eigenen (vermeintlichen) Nachteil?
Nun zum „Selbstbedienungsladen“ der Politiker. Das Einkommen von Bundestagsabgeordneten ist öffentlich und wird auf www.bundestag.de sehr transparent erklärt: „Das meist als Hauptberuf wahrgenommene Amt des Parlamentariers muss finanziell so ausgestattet sein, dass es für alle offen steht: sowohl für bisher abhängig Beschäftigte als auch für Selbstständige oder Freiberufler. Die Entschädigung muss für alle Abgeordneten gleich sein, ihre Unabhängigkeit sichern und eine Lebensführung gestatten, ‚die der Bedeutung des Amtes angemessen ist‘. Das hat das Bundesverfassungsgericht 1975 verbindlich festgelegt. Grundsätzlich gilt, dass alle gewählten Abgeordneten in der Lage sein sollen, effektiv ihre vielseitigen Aufgaben zu erfüllen. Zum 1. Juli 2016 ist die Entschädigung auf Grundlage der Entwicklung des Nominallohnindexes auf monatlich 9.327,21 Euro angepasst worden. Zur Entschädigung kommt eine steuerfreie Aufwandspauschale für die sogenannte Amtsausstattung hinzu. Diese Pauschale wird jährlich zum 1. Januar an die Lebenshaltungskosten angepasst und liegt derzeit bei 4.305,46 Euro monatlich. Davon müssen alle Ausgaben bestritten werden, die zur Ausübung des Mandates anfallen: vom Wahlkreisbüro über den zweiten Wohnsitz in Berlin bis hin zum Büromaterial.“

ZU VIEL IST RELATIV
Ist das zu viel? Es ist deutlich mehr als das Durchschnittseinkommen. Allerdings tragen die 630 Abgeordneten auch eine ganz andere Verantwortung. Sie repräsentieren mehr als 200.000 Menschen in ihrem Wahlkreis. Sie arbeiten 60 Stunden pro Woche und mehr. Sie verdienen weniger als ein Bundesrichter, und deutlich weniger als ein Manager oder ein Profifußballer. Wenn ich das vergleiche, muss ich sagen: Für meine Begriffe bekommen Bundestagsabgeordnete eine angemessene Entschädigung. Was ich allerdings kritisch sehe, sind hohe Nebeneinkünfte. Und noch eine Frage kommt mir in diesem Zusammenhang: Wer verdient eigentlich, was er verdient?
Jesus Christus hat dazu ein Gleichnis erzählt: Ein Mann geht auf Reisen. Für die Zeit der Abwesenheit vertraut er seine Talente, die Währungseinheit jener Zeit, seinen Dienern an. Einer erhält fünf Talente, ein anderer zwei, der letzte eines. Nach seiner Rückkehr erfährt der Mann von den ersten beiden Dienern, dass sie das Talent eingesetzt, damit gewirtschaftet und einen Gewinn erzielt haben. Beide werden gelobt und nun über größere Aufgaben gesetzt. Der Mann mit dem einzigen Talent hingegen hat es vergraben, weil er Angst hatte, etwas Falsches zu tun. Er wird getadelt, sein einziges Talent wird ihm wieder abgenommen. Die Botschaft ist eindeutig: Nicht wie viel jemand verdient, ist die eigentliche Frage – denn die Unterschiede in seinem Gleichnis sind ja gravierend – sondern was jemand aus seinen Talenten macht.

AN DIE EIGENE NASE PACKEN
Der häufigste Grund, dass wir unsere Talente vergraben, ist dieser: Wir schielen auf die anderen. Weil die mehr haben, sind wir unzufrieden. Doch wem hilft das? Lasst uns mal schön unsere eigene Verantwortung wahrnehmen.
Mir fällt Marc ein. Ein junger Autist aus meiner Gemeinde. Vor einigen Jahren ging auf unserem Gemeindekonto ein Dauerauftrag von 5,61 Euro ein. Marc hatte ihn – mit Zustimmung seiner Eltern – eingerichtet. Als ich ihn darauf ansprach, erklärte er mir, dass das zehn Prozent von seinem Taschengeld sind. Marc war Christ geworden und fand es wichtig, den Zehnten zu geben. Wenn sich dieser junge Mann als reich genug wahrnehmen konnte, um etwas weiterzugeben, um wie viel kann ich das dann? Und du. Und die Politiker, die Banker, die Chefs sollten es ebenfalls tun. Gerechtigkeit bedeutet nicht Gleichheit. Gerechtigkeit bedeutet, meine Gaben, meine Zeit und das Geld, das ich verdiene, verantwortlich einzusetzen.

 

Uwe Heimowski (52) ist ehrenamtlicher Stadtrat in Gera. Er ist verheiratet mit Christine und Vater von fünf Kindern. Seit dem 1. Oktober 2016 arbeitet er als Beauftragter der Deutschen Evangelischen Allianz beim Deutschen Bundestag in Berlin.

Was denken Sie? Stimmen Sie dem Autor zu? Wo würden Sie ihm widersprechen? Diskutieren Sie mit unter www.MOVO.net.

 

 

»Bordell Deutschland«

Manche nennen es das »älteste Gewerbe der Welt«, sprechen von »Bordsteinschwalben« und von »käuflicher Liebe«. Uwe Heimowski ärgert dies, denn mit den schönen Worten wird die Wirklichkeit von Prostitution und Menschenhandel verschleiert.

„Sexarbeit“ wird uns von Lobbyisten in Talkshows und auf Hochglanzbroschüren als seriös, lukrativ, glamourös, die Frauen als selbstbestimmt präsentiert. Und ja, natürlich: Es gibt sie, die gut verdienenden, freiwillig arbeitenden „pretty women“ in den Escort- Services. Für den Großteil der Frauen sieht die Realität aber vollkommen anders aus. Hinter den rot erleuchteten Schaufenstern leben Frauen, etliche missbraucht, erniedrigt und ausgebeutet.

ZWANGSPROSTITUTION IN NEUN VON ZEHN FÄLLEN
Die Zahl der Prostituierten in Deutschland wächst seit Jahren. Das Geschäft mit der Ware Sex blüht und macht – zweifelhafte – Schlagzeilen: „Bordell Deutschland“ (Der Spiegel). Die genaue Zahl der „Sexarbeiterinnen“ ist nicht bekannt. Mafiöse Strukturen machen solide Schätzungen fast unmöglich. Experten gehen aber davon aus, dass mindestens 200.000 Prostituierte in Deutschland tätig sind. Die meisten davon gegen ihren Willen. Christian Zabel, Leiter Organisierte Kriminalität beim Landeskriminalamt Niedersachsen, schätzt ein, dass sexuelle Dienstleistungen in neun von zehn Fällen durch eine Zwangsprostituierte angeboten werden. Andere gehen von einem etwas geringeren Anteil aus. Doch selbst wenn es „nur“ die Hälfte wäre: Fünf von zehn Frauen werden zum Sex gezwungen. Mindestens 100.000 Frauen werden gegen ihren Willen prostituiert. Mitten in unserer Gesellschaft, ohne, dass wir groß Notiz davon nehmen. Die Verschleierung hat Methode. Milliarden werden in der Sex-Branche verdient. Das Statistische Bundesamt schätzt, dass in Deutschland jährlich 14,6 Milliarden Euro umgesetzt werden. Durch eine einzige Frau kann nach Angaben des BKA jährlich ein Gewinn von 35.000 bis 100.000 Euro erzielt werden. Dazu kommen die rasant wachsenden Umsätze in der Pornoindustrie. Geld, das die Zuhälter oder Bordellbesitzer einnehmen; bei Zwangsprostituierten kommt nur ein Bruchteil an, häufig reicht das kaum zum Leben. Soviel zur Lage – nun zur Politik. Deutschland hat eines der liberalsten Prostitutionsgesetze der Welt. Als dieses Gesetz 2002 auf den Weg gebracht wurde, war es eigentlich gut gemeint: Die Rechte von Prostituierten sollten gestärkt, ihr Gewerbe als Beruf anerkannt und Sozialversicherungen, Altersvorsorge und Gesundheitsschutz ermöglicht werden. Doch wurde die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Der „Runde Tisch Prostitution Nordrhein-Westfalen“ stellte 2014 fest, dass 99 Prozent der Prostituierten die Möglichkeit einer sozialversicherten Beschäftigung nicht angenommen haben. Wie auch, wenn sie gegen ihren Willen verschleppt wurden oder mit falschen Papieren anschaffen gehen müssen? So hat das Gesetz letztlich dazu geführt, dass Prostitution in Deutschland den Anstrich eines „ganz normalen“ Gewerbes bekam, während hinter der Fassade Zwangsprostitution und Menschenhandel ein nie gekanntes Ausmaß annehmen konnten.

AUFSTEHEN GEGEN DEN MENSCHENHANDEL
Im März 2016 stellte die Bundesregierung nun zwei neue Gesetzesentwürfe vor: Ein Prostituiertenschutzgesetz und ein „Gesetz zur Umsetzung der Richtlinie […] des Europäischen Parlaments und des Rates […] zur Verhütung und Bekämpfung des Menschenhandels und zum Schutz seiner Opfer“. Im Prostituiertenschutzgesetz werden einige dringend erforderlichen Maßnahmen zum Schutz der Frauen auf den Weg gebracht: Ein Verbot „menschenunwürdiger Geschäftsmodelle“ (z.B. Flatrate-Sex oder sogenannte „Gang-Bangs“, letztlich nichts anderes als Gruppenvergewaltigungen), regelmäßige Gesundheitsberatungen, und damit verbindlichen Kontakt zu staatlichen Institutionen, oder eine Kondompflicht für „Sexkäufer“. Im Entwurf zur Umsetzung der EU-Richtlinie zum Menschenhandel ist u.a. eine Bestrafung von Freiern vorgesehen, die wissentlich und willentlich Betroffene von Menschenhandel missbrauchen. Das sind Maßnahmen, die helfen können, das Ausmaß von Zwangsprostitution einzudämmen. Doch es gibt weiterhin Handlungsbedarf. Einige Forderungen hat der Verein „Gemeinsam gegen Menschenhandel“ formuliert: Viele der Opfer sind unter 21 Jahre alt, daher ist eine Heraufsetzung des Schutzalters auf 21 Jahre notwendig. Auch müssen Aussteigerprogramme und Schutzhäuser für Frauen besser ausgestattet werden. Oder wir machen es so: Das französische Parlament hat am 6. April eine „Freierbestrafung“ beschlossen, ein generelles Verbot von Sexkauf, bei dem die Sexkäufer bestraft werden und nicht die Frauen, wie es in Schweden bereits seit einigen Jahren praktiziert wird.

DEN FRAUEN IHRE WÜRDE LASSEN
Was kann Man(n) tun? Wie können wir politisch Einfluss nehmen? Etwa, indem wir Briefe an Abgeordnete schreiben. Muster dafür finden sich auf www.gemeinsamgegen- menschenhandel.de. Und vor allem sollte Mann etwas nicht tun. Wenn wir die Mechanismen hinter dem Sexgewerbe verstehen, sollte einleuchten: Wer Dienstleistungen von Prostituierten in Anspruch nimmt oder Pornos konsumiert, der verletzt die Würde von Frauen. Also: Finger weg! Wie überall gilt auch hier: Die Nachfrage bestimmt das Angebot. Es liegt an uns Männern, diesen „(Sklaven-)Markt“ trockenzulegen.

Uwe Heimowski (52) ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des Bundestagsabgeordneten Frank Heinrich. Zum 01.10.2016 übernimmt der Stadtrat und Vater von fünf Kindern die Aufgabe des Beauftragten für die Deutsche Evangelische Allianz beim Deutschen Bundestag. Mit seinem Buch „Der verdrängte Skandal – Menschenhandel in Deutschland“ (Brendow) lädt er zum Handeln ein.

Was denken Sie? Stimmen Sie dem Autor zu? Wo würden Sie ihm widersprechen? Diskutieren Sie mit unter www.MOVO.net.

Kultur der Gnade

Ein Bundestagsabgeordneter scheitert. Eine Woge der Häme schwappt durch die Sozialen Netzwerke. Nachdenklich erinnert Uwe Heimowski daran: „Wer von euch im Glashaus sitzt, der werfe den ersten Stein.“

Berlin, 2. März 2016, Eilmeldung auf Spiegel-On-line: „Vorwurf des Drogenbesitzes: Grünen-Politiker Volker Beck legt Ämter nieder. Bei dem Grünen-Abgeordneten Volker Beck sind bei einer Polizeikontrolle offenbar Drogen gefunden worden.“ Die BILD will zu diesem Zeitpunkt bereits wissen, dass es sich um Crystal Meth handelt, die Staatsanwaltschaft spricht zurückhaltender von 0,6 Gramm einer „betäubungsmittelsuspekten Substanz“. Beck legt sofort alle Ämter nieder.

Kaum ist die Nachricht raus, beginnen die Kommentarspalten in den sozialen Netzwerken zu glühen. Ich will das hier nicht wiedergeben. Zu hasserfüllt, gehässig, schadenfroh und selbstgerecht ist das meiste, was ich da gelesen habe. Sollte sich bestätigen, dass Volker Beck Crystal Meth bei sich hatte, kann das fatale Folgen haben. Man mag ja die Freigabe von Cannabis diskutieren (ich bin übrigens dagegen), aber Crystal Meth ist eine ganz andere Liga. Dieses Gift ist noch brutaler als Heroin und Kokain. Es macht rasant schnell abhängig und hat massive Folgen für Körper und Psyche. Crystal Meth zerstört Menschen. Diese Droge hat in der Tasche eines Abgeordneten nichts, einfach gar nichts verloren. Politiker stehen in der Öffentlichkeit, sie haben auch als Vorbild eine Verantwortung, und nichts darf den Gedanken auslösen: „Wenn der das darf, darf ich das auch“. Darum ist es richtig, dass der Bundestagspräsident Volker Becks Immunität aufgehoben und die Staatsanwaltschaft ein Verfahren eingeleitet hat. Eines muss man Beck dabei zugutehalten: Er hat nicht geleugnet, nicht verschleiert, sondern noch am selben Tag seine Ämter zurückgegeben.

DRUCK, DRUCK, DRUCK
„Jede Gesellschaft hat ihre typischen Drogen“, sagte mir vor kurzem ein Drogenfahnder von der Kripo in Thüringen. „Crystal Meth passt ideal zur Leistungsgesellschaft.“ Auch das bewegt mich in diesem Zusammenhang. Gerade Politiker stehen unter einem enormen Leistungs- und Erwartungsdruck. Da ist die hohe Arbeitsbelastung, mit regelmäßigen 16-Stunden-Tagen. Da sind die vielen Entscheidungen mit ungewissen Auswirkungen (um nur ein Stichwort zu nennen: Militäreinsätze), die sehr häufig auch noch unter enormem Zeitdruck zu treffen sind. Da ist die ständige Beobachtung durch die kritische Öffentlichkeit. Dazu kommen permanente Angriffe auf die Privatsphäre, die durch Twitter und Facebook eine nie dagewesene Schärfe gewonnen haben. Der Begriff „Shitstorm“ ist das Synonym für dieses Phänomen. Was sich da Tag für Tag über Personen des öffentlichen Lebens ergießt, ist schlimmer als ein Kübel Fäkalien. Wir müssen uns fragen: Ist dieser Druck zumutbar? Kann das auf Dauer gut gehen? Und damit verbunden die Frage an die Christen: Können wir hier einen Unterschied in der Gesellschaft machen? Sollten wir nicht in der Form und in der Sache dazu beitragen können, eine „Kultur der Gnade“ zu »etablieren?

In der Form: Indem wir Politiker segnen, wertschätzend von ihnen reden und ein Vergehen ein Vergehen nennen, ohne den Menschen, der es begangen hat, zu verdammen und zu beschimpfen. In der Sache: Der christliche Glaube weiß um die Gnade. Menschen sind fehlerhaft: „Sie sind allzumal Sünder“ (Römerbrief, Kapitel 3). Menschen brauchen die Erlösung. Darum ist Christus für uns gestorben. Ein Christ ist kein besserer Mensch, sondern ein begnadigter Sünder. Eine Kultur der Gnade ist ehrlich. Sie weiß um das Scheitern und ermöglicht daraus den Neuanfang. Und sie erhebt sich nicht über den anderen.

DIFFERENZIEREN STATT VERDAMMEN
Ich sage es geradeheraus: Viele Christen tun das glatte Gegenteil. Sie verurteilen. Sie hetzen. Sie frohlocken, wenn dem Gegner ein Schaden widerfährt. Das darf nicht sein. „Wer von euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein“, sagt Jesus. Wir sind nicht besser. Machen wir uns nichts vor. Wir sitzen im Glashaus. Stichworte? „Missbrauchsskandal“ reicht schon … Eine Kultur der Gnade verdammt niemals eine ganze Person. Sie differenziert. Ein Drogenfund in der Tasche ist fatal. Aber muss man wegen eines privaten Vergehens das politische Werk einer Person in Frage stellen? War Margot Käßmann eine schlechte Bischöfin, weil sie mit Alkohol am Steuer erwischt wurde? Wird nicht Helmut Kohl immer der Kanzler der Einheit bleiben – und das, obwohl er schwarze Kassen geführt hat (immerhin ohne sich persönlich zu bereichern)? König David war ein Ehebrecher und Mörder, und doch wird er „Mann Gottes“ genannt und war der größte König Israels.

Unrecht ist Unrecht, daran gibt es nichts zu beschönigen. Gnade, die alles durchgehen lässt, ist „billige Gnade“ (Dietrich Bonhoeffer). Wahrheit, Reue und Umkehr sind Bestandteile einer Kultur der Gnade, wenn sie eben keine billige Gnade sein soll. Gnade darf niemals zum Alibi werden, um einen Lebensstil zu rechtfertigen, der Unrecht tut und Menschen Schaden zufügt. Christen haben eine Stimme, um Unrecht auch Unrecht zu nennen. Aber Christen haben über Menschen nicht zu richten. Das ist Gottes Sache. Unsere Aufgabe hingegen ist es, die Kultur der Gnade zu pflegen.

Uwe Heimowski (51) ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des Bundestagsabgeordneten Frank Heinrich, Stadtrat, Vater von fünf Kindern, Ehemann und Gemeindereferent. Sein neustes Buch trägt den Titel „Ich lebe!“ (neukirchener aussaat). Es ist ein mutiges Plädoyer für die Würde des Menschen.

Was denken Sie? Stimmen Sie dem Autor zu? Wo würden Sie ihm widersprechen? Diskutieren Sie mit unter www.movo.net.