Hunger

Ein lauer Sommerabend unter Freunden in Berlin

Es war ein langer Tag. Markt der Möglichkeiten beim Deutschen Evangelischen Kirchentag in Berlin. Rüdiger Jope hat einen Stand betreut, ich bin durch die Hallen geschlendert. Abends treffen wir uns in einer feinen Pizzeria in der Nähe des Brandenburger Tors. Ein Abend unter Freunden. Lecker essen, dazu bleifreies Weizen und viel zu erzählen. Plötzlich summt das Handy. Mein Freund und ehemaliger Chef schickt eine SMS: Frank Heinrich, Mitglied des Deutschen Bundestags. Er ist gerade in Berlin angekommen und hat etwas Zeit. Wir laden ihn ein, bald sitzen wir zu dritt in der Runde.

HIER PIZZA, DA LEERE TELLER
Frank ist vor wenigen Stunden aus dem Südsudan zurückgekehrt. Die frischen Eindrücke sprudeln aus ihm heraus. Als Obmann seiner Fraktion im Ausschuss für Menschenrechte und Humanitäre Hilfe war er auf Einladung des World Food Programme vor Ort, um sich ein Bild von der Lage der Menschen zu machen. In Ostafrika herrscht aktuell die schwerste humanitäre Krise, die das – nun wahrlich genug gebeutelte – Afrika seit vielen Jahren erleben muss.

2011 hat sich der Südsudan unabhängig gemacht. Seit 2013 herrscht Bürgerkrieg im Land. Die Hungersnot, die durch den Krieg und eine verheerende Dürre am Horn von Afrika entstanden ist, betrifft nach Schätzungen der UNO 5,5 Millionen Menschen – das ist in etwa die Hälfte der Bevölkerung. Die Welthungerhilfe beschreibt auf ihrer Webseite die katastrophalen Auswirkungen dieser anhaltenden Krise im Südsudan: „Über 3 Millionen Menschen haben ihr Zuhause verlassen, 1,9 Millionen sind Vertriebene im eigenen Land, 1,74 Millionen sind in Nachbarländer geflohen. Sie suchen Schutz in sichereren Gebieten oder in Flüchtlingscamps. Doch die Bedingungen dort sind schlecht, es fehlt an Zelten, Wasser und Hygiene. Die meisten der Flüchtlinge sind von Nahrungsmittellieferungen abhängig. Mehr als 5.000 Fälle von Cholera-Erkrankungen wurden seit Mitte 2016 erfasst, größtenteils in der Nilregion. 1,64 Milliarden US-Dollar sind laut UNHCR nötig, um 5,8 Millionen Menschen mit dem Nötigsten zu versorgen.“

Die Bundesrepublik Deutschland ist ein wichtiges Geberland für Ostafrika. Entwicklungsminister Gerd Müller besuchte die Region im April, Außenminister Sigmar Gabriel nahm ebenfalls im April an einer Geberkonferenz mit Vertretern der UN und der EU in Brüssel teil. Weitere Konferenzen zur Verknüpfung der Geber und zur Koordinierung der Hilfsmaßnahmen sind geplant. Das Entwicklungsministerium stellt in diesem Jahr insgesamt 300 Millionen Euro zur Verfügung. Hinzu kommen 120 Millionen Euro für Humanitäre Hilfe aus dem Haushalt des Auswärtigen Amtes. Für den Südsudan hat das Außenministerium 40 Millionen Euro und für das Horn von Afrika zusätzlich noch einmal 15 Millionen Euro Hilfsgelder eingeplant. Frank zeigt uns Fotos aus dem Land. Auch ein kleines Video hat er auf dem Smartphone: Er hat ein Transportflugzeug gefilmt, das Lebensmittelkisten per Fallschirm abwirft. Danach werden die Vorräte eingesammelt, sortiert und geordnet an Flüchtlinge verteilt. Eine logistische Meisterleistung für das World Food Programme und seine Partner, die die Helfer und die Hungernden erstaunlich diszipliniert meistern.

DANKBAR GENIESSEN, AKTIV TEILEN
All das hören wir, während wir unsere Pizza entspannt im Biergartenflair der Bundeshauptstadt genießen. Dabei weht mich ein schlechtes Gewissen an. Aber nur kurz. Stattdessen meldet sich Dankbarkeit. Unbeschreibliche Dankbarkeit, in einem friedlichen, sicheren Land zu leben. Einer bewährten Demokratie, einem Rechtsstaat, einem Sozialstaat. Keine Frage: Es gibt Unwuchten auch in unserem Land. Es gibt benachteiligte Gruppen. Es gibt Ungerechtigkeiten, nicht jeder hat die gleichen Chancen. Es gibt Fragen an die Zukunft: Wie soll es mit der Rente weitergehen? Wie können die Sozialsysteme dauerhaft finanziert werden? Wie wird sich die EU entwickeln? Wie die weltweite Wirtschaft? Wie integrieren wir die Menschen, die in unser Land gekommen sind? Wichtige Fragen. Es sind Reformen notwendig, die mit viel Energie angepackt werden müssen.

Energie allerdings, die sich kaum aus Meckern speisen wird, sondern aus tiefer Dankbarkeit. Wer zu satt ist, wird faul und nörgelig. Wer dankbar ist, wird aktiv. Aktiv für Deutschland. Aktiv für Europa. Und aktiv für die Menschen in Not. Staatliche Unterstützung reicht nicht aus. Die Menschen in Ostafrika sind auf Spenden angewiesen. Wir können etwas tun. Indem wir uns informieren und indem wir spenden. Etwa hier, auf der Webseite der „Aktion Deutschland Hilft“ (www. aktion-deutschland-hilft. de). Bereits mit fünf Euro im Monat kann man Förderer werden. 25 Euro sichern das Trinkwasser für fünf Familien. Unser Pizza-Abend ist teurer. Den haben wir uns verdient. Und den gönnen wir uns auch. Aber gilt nicht auch hier, wozu Jesus die „Gesetzestreuen“ auffordert, die den Blick für Gerechtigkeit und Barmherzigkeit verloren haben: Sie sollen „das eine tun und das andere nicht lassen“ (Matthäus 23,23)? Männer, lasst uns was tun. Aus tiefer Dankbarkeit.


Uwe Heimowski (53) ist ehrenamtlicher Stadtrat in Gera. Er ist verheiratet mit Christine und Vater von fünf Kindern. Er vertritt die Deutsche Evangelische Allianz als deren Beauftragter beim Deutschen Bundestag in Berlin.

Mehr von Frank Heinrich finden Sie in dem inspirierenden Buch: FRANK UND FREI – Warum ich für die Freiheit kämpfe, das im SCM Hänssler-Verlag erschienen ist.

SEX im Gottesdienst

Das Tabu-Spiel am Sonntagmorgen

Als Mose vom Berg kommt, sagt er: „Ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht. Die gute: Ich hab ihn auf zehn runtergehandelt. Die schlechte: Ehebruch ist immer noch dabei!“ Sex im Gottesdienst: eine bizarre Landschaft aus massenhaft aufgestellten Fettnäpfchen, herumliegenden heißen Eisen, ganz viel dünnem Eis, am Rande eines Abgrundes! Man hört so selten mal was drüber. Aber bitte nicht mit unfreiwilligen Wortspielen. So wie z. B. in dem Gottesdienstprogramm, in dem ganz am Anfang steht: „Vorspiel von der Bläsergruppe.“ Wahrscheinlich verstehen manche der besonders Frommen nicht, was daran komisch sein soll, aber die Teens und die Jungs vom Stammtisch (sollten sie sich mal in einen unserer Gottesdienste verirren) werden was zu grinsen haben.

GEWÜNSCHT: DAS THEMA NICHT RTL ÜBERLASSEN
Weshalb ist Sexualität unter den drei großen Tabus der Gemeinden neben Geld und Glaubenszweifeln die peinlichste und die mit den meisten Ängsten besetzte Thematik? Warum überlassen wir dieses Thema eigentlich RTL und dem Internet und können selber bestenfalls nur in Schlagworten und mit Angstschweiß auf der Stirn moralisieren? Warum stochern wir eigentlich so im Unklaren und tun so, als wären auch wir in der Schmuddelecke gefangen? Wie wäre es, für die menschliche (und von Gott ausgedachte) Sexualität zu werben, ohne irgendwelche Hochglanzbilder-Klischees? Wie wäre es, wenn wir mal relevant, ehrlich und mit klaren Worten über Lust, Selbstbefriedigung, Ehebruch, Verführung, Libido, Zärtlichkeit, Treue und Enthaltsamkeit reden würden? Und nicht nur über Homosexualität, und dass zu einer Ehe auch die Bereitschaft zum Kinderkriegen gehört? Wenn in der Bibel in alten Übersetzungen steht: „Und er erkannte sein Weib“, dann meinen manche immer noch, dass der Mann dann „Ach du bist’s, Wilhemine“ sagte. In der Bibel steht erstaunlich viel über Sexualität. Da lesen wir von Huren, von Ehebruch, ein ganzes Buch der Bibel beschreibt Brüste und andere Körperteile. Wir deuten das im übertragenen Sinne und warnen vor Verirrungen. Schade eigentlich!

GESUCHT: EHRLICHE EINBLICKE
Ein Freund von mir predigte einst in einer jungen dynamischen Gemeinde über den Beistand, den Heiligen Geist, als Vorsteher, Leiter und Prostata. Hä? Ist Griechisch und bedeutet: Vorsteher bzw. Vordermann. Ein stummer Aufschrei und hinterher durchaus berede Kritik waren das Ergebnis. Gehört so etwas in die Predigt, auch noch so unverhofft, quasi ohne Vorwarnung? Ich meine: Ja! Folgende Gliederung wäre ein schöner Anfang einer ganzen Predigtreihe: Sex: Warum auch nicht?; Sex: Mehr als nacktes Fleisch?; Sex: Größer, weiter, länger? Und nein, dazu brauchen wir keine Plakate mit leicht bekleideten Mädels zum Einladen der Bevölkerung. Und auch keinen Chor der männlichen Singles oben ohne, der das erste Lied vorträgt „Noch haben wir sie nicht gesehen, noch warten wir darauf …“. Sondern Menschen, die ehrliche Einblicke geben. Das darf durchaus provokant sein – aber sollte auf jeden Fall verantwortlich, kreativ, achtsam und bestenfalls mit Humor geschehen. Und bei allem bleibt Sexualität auch persönlich, geheimnisvoll, lustvoll und wild. Spannend eben.

Meiner Meinung nach gibt es überhaupt nur eine Berechtigung, über Sex zu predigen und es zum Thema in unseren Gottesdiensten zu machen: Es ist Gottes Idee, und er hat jeden Menschen als sexuelles Wesen geschaffen und es nicht nur denen in der Hochzeitsnacht verliehen, die in formal richtigem Familienstand leben. Also mag vielleicht für viele der Höhepunkt im Höhepunkt liegen, doch gibt es doch viele andere Themen, die da mitschwingen: Lust am Körper, am Anspannung-Entspannungs- Phänomen, Freude an Schönheit, Romantik, Wildheit, Augenblickverzückung, Gemeinschaft, Berührung und vor allem Humor und Kreativität. Das wollen wir gerne hören, unabhängig vom Alter, Geschlecht und Status. Ja, es ist nicht leicht, auf den Punkt zu kommen, für jede Lage und Stellung. Und mit diesem Geschenk verantwortungsvoll umzugehen, genau wie mit all den anderen Gaben wie Geld, Kinder und Wissen. Aber es gehört zu den zentralen Themen des Menschseins.

GEBRAUCHT: MUTIGE PREDIGER UND ZUHÖRER
Nur Mut – ihr Prediger und ihr Zuhörer. Es wäre auf jeden Fall realistischer und hilfreicher als die „Informationsprogramme“ spätnachts. Und dann gönnen wir uns doch gleich auch noch Gesprächskreise, in denen ethische Themen anspruchsvoll vorbereitet und mal ungeschützt diskutiert werden. Die jahrzehntelange Ansage „Kein Sex vor der Ehe, sonst droht Schwangerschaft“ wurde leider niemandem richtig gerecht und war auch keine große Hilfe.

Stefan Bitzer (www.stefanbitzer.de) aus Reutlingen war zehn Jahre lang Pastor. Heute arbeitet er als Vorsorge- und Trauerberater. Zudem ist er Hochzeitsredner (www.rent-a-pastor.com) sowie Mentor und Coach.

Was sind Ihre Gemeinde- oder gar Gottesdiensterfahrungen mit diesem Thema? Haben Sie gute und gelingende Beispiele vor Augen? Erzählen Sie es uns hier auf www.MOVO.net oder per Mail an info@MOVO.net

Arbeit 4.0

Wie die Digitalisierung unsere Arbeitswelt revolutionieren wird

Die Digitale Transformation ist in allen Medien im Gange. Die Botschaften sind dabei immer die gleichen: Roboter und Computer werden den Menschen die Arbeit wegnehmen. Alle Menschen werden vom Staat ein bedingungsloses Grundeinkommen bekommen. Man darf sich Geld dazuverdienen – aber virtuell, weil es kein Bargeld mehr gibt. Den Geldtransfer wird die sogenannte Blockchain-Technologie ganz ohne Mittelsmänner einer Bank erledigen. Wir werden keine Autos mehr besitzen, sondern bestellen autonom fahrende (vielleicht fliegende?) Autos, die uns individuell von A nach B bringen. Der Hyperloop hat viele Züge ersetzt und macht Mobilität zeiteffizient wie noch nie zuvor. Unser Kochroboter kocht selbstständig, bestellt mit dem smarten Kühlschrank Lebensmittel nach.

DEN SPEISEPLAN BESTIMMT DIE KRANKENKASSE
Die Freizeitgestaltung und der Urlaub laufen über VR-Brillen (Virtual Reality), interaktive Speisekarten schlagen mir aufgrund meiner gesundheitlichen Daten das „richtige“ Essen vor und die Krankenkasse – es wird dann nur noch eine nötig sein – belohnt spielerische bestandene Challenges im Bereich Ernährung und Sport mit Boni. Fernsehen streamen wir auf der TV-Tapete und smarte Kleidung wird unseren Gesundheitszustand überwachen. Retinakameras werden unser Leben aufzeichnen und speichern unsere biografischen Highlights in der Cloud. Ärzte werden durch Apps, Gadgets und chirurgische Roboter für Standardprozesse ersetzt. Menschen mit Behinderungen und körperlich stark belastete Arbeiter (z.B. Bauarbeiter oder Pflegekräfte) werden durch intelligente Robotik in ihren Körperbewegungen unterstützt. Das Heben von Gewichten wird zum Kinderspiel. Und die Krönung des Szenarios wird die Implantierung von medizinischen Chips sein, die unsere Identität speichern und von Notärzten einfach abgescannt werden können – mitsamt unserer Patientengeschichte. Chips werden zu Entzündungsherden im Körper schwimmen und dort reparieren. Der Nachteil: Die Chips können örtlich orten. Das ist genauso selbstverständlich wie heute schon die Biometrik, die Ident-Nummer beim Finanzamt oder Kreditkarten, die bald der cashless society weichen werden (Das Bargeldverbot wird in Europa bald realisiert sein). Alles hinterlässt Spuren, die man nachverfolgen kann. Big Brother is watching you. Nun kann man das alles schrecklich finden oder sich entspannt zurücklehnen und für sich beschließen, dass einen das nicht trifft, denn „erleben werde ich das sowieso nicht mehr“, aber ändern kann man es nicht, aufhalten auch nicht. Als vor zehn Jahren das Smartphone kam, wurde auch nicht gefragt. Es war plötzlich da und vielleicht halten Sie es auch gerade in der Hand und lesen darauf diesen Artikel. Wenn man es also nicht ändern kann, was kann man dann machen? Sich darauf einstellen und klug damit umgehen. Was heißt das persönlich? Etliche Berufe werden im Zuge der Digitalisierung nicht mehr gebraucht. Beim erwähnten Auto braucht es keine Fahrer, Taxis oder den öffentlichen Nahverkehr mehr. Die gesamte Automobilbranche mitsamt ihren Zulieferern, Dienstleistern und Nachbarbranchen wird sich neu erfinden müssen. Das Internet of Things (das Teilen von Dingen) wird verstärkt genutzt.

DER WISSENSARBEIT GEHÖRT DIE ZUKUNFT
Wir werden zu Wissensarbeitern, Big Data ist das neue Erdöl und Cryptocoins werden zur neuen virtuellen Währung. Aber nicht nur Berufe, sondern auch die Arbeitszeiten werden sich verändern. Zeitkonten werden wie digitale Fingerabdrücke erfasst. Coworking Spaces ermöglichen es, immer und überall zu arbeiten. Die Menschen werden mehr Zeit und Möglichkeiten haben, sich nach dem Sinn zu fragen: Wer bin ich? Wo komme ich her? Wozu bin ich hier? Wo werde ich hingehen? Weniger arbeiten, dafür mehr das tun, „was ich wirklich, wirklich will“. Diese Formulierung stammt von Frithjof Bergmann, einem Philosophie-Professor, dessen Zukunftsvisionen politisch von vielen geteilt werden. Ein Drittel der Arbeit wird seiner Meinung nach von Computern und Robotern übernommen werden. Bereits heute gibt es Produktionshallen groß wie Fußballfelder, die von Robotern betrieben werden und in denen sich nur eine Handvoll Ingenieure um Programmierung und Instandhaltung kümmert. Die Arbeiter am Fließband braucht man nicht mehr. Gewerkschaften übrigens damit auch nicht, sie werden sich eine völlig neue Rolle erdenken müssen. Das zweite Drittel der Arbeit wird eben von diesen hochspezialisierten Fachexperten übernommen, die für die kongeniale Komposition der High-Tech-Maschinen, die bereits heute schlauer als Menschen sein können, verantwortlich zeichnen. Das letzte Drittel an Arbeit, das dann noch übrig bleibt, verbringen Menschen damit, das zu tun, „was sie wirklich, wirklich“ wollen.

BEDINGUNGSLOSES GRUNDEINKOMMEN FÜR ALLE
Klar ist, dass viele soziale und ehrenamtliche Berufe, die wenig oder gar kein Einkommen erzielt haben, auf einmal aufgewertet werden. Das bedingungslose Grundeinkommen wird vielen Berufen endlich die Aufmerksamkeit und Sorglosigkeit bringen, die sie verdient haben. Viele andere Berufe werden untergehen und nicht mehr gebraucht werden. Bereits heute lässt sich schon erahnen, welche Berufe davon betroffen sein werden: Sämtliche Berufe, die heute noch mit Excel arbeiten, die eine automatisierte Software präziser, schneller und besser erledigen kann; Berufe, die routinemäßig körperliche Kraft brauchen, werden von Maschinen übernommen; Berufe, die menschliches Spezialistentum, Emotionen und Beurteilungsvermögen brauchen, werden überleben. Die einen sagen, dass eine tolle Zeit anbrechen wird. Die anderen sind besorgt, sich in eine selbst gewählte Unmündigkeit zu begeben. Bereits heute arbeiten wir digital. Unsere Smartphones sind voll von Alltags-Apps, die uns das Leben leichter machen. Und wir lieben es. Unsere sozialen Netze wie Facebook, Twitter, Xing und LinkedIn ermöglichen uns unbegrenzte Kommunikation. Das nutzen auch Unternehmen und lassen ihre Mitarbeiterkommunikation darüber laufen. Virtuelle Teams arbeiten über Ländergrenzen hinweg an Projekten und kommunizieren über E-Mails, Chats, Telefon- und Videokonferenzen.

BEÄNGSTIGEND ODER FREUDIG?
Alles wird agil und bewegt sich auf Augenhöhe. Die klassische, starre Hierarchie hat ausgedient. Das verunsichert Führungskräfte, die noch nach der alten Schule leiten und sich auf einmal zur „Chef-Wahl“ aufstellen lassen sollen. Die Arbeit in flachen Hierarchien wird erstarken, und innovative Designs bringen Team Spirit hervor. Gleichzeitig ergibt sich aber für soziale Unternehmen die Möglichkeit, sich wieder auf die Kernkompetenzen zu besinnen.

MEINE TIPPS FÜR DEIN DIGITALES LEBEN IM NEW WORKZEITALTER:

  • Überlege dir, was du wirklich willst. Das gilt nicht nur für die Digitalisierung, sondern grundsätzlich für dein Leben. Macht es dir ausreichend (nicht immer!) Spaß, womit du dein Geld verdienst?
  • Wie digital ist dein Leben? Kannst du noch ohne oder bist du permanent online? Leg dein Handy bei Qualitätszeiten mit deiner Familie oder deiner Frau beiseite. Erziehe deine Kinder auch dazu.
  • Öffne dich den Neuen Medien und bewege dich online. Viele Teams arbeiten verteilt an völlig anderen Orten und in anderen Zeitzonen. Die vielfältigen Online-Collaboration-Tools lassen sich aber auch – meist kostenfrei – privat nutzen, z. B. zu Projektplanungen, für Events etc.
  • Die sozialen Netzwerke wie Facebook kannst du auch wunderbar zur Pflege von Freundschaften einsetzen. Das ersetzt keinesfalls ein richtiges Treffen, aber für die Zeit zwischen euren Treffen kann man sie gut nutzen. Wenn du lieber SMS, Videochat oder WhatsApp magst, kannst du natürlich auch dies nutzen.
  • Wenn du Unternehmer bist: Reicht dein Geschäftsmodell auch für die digitale Welt? Dein Kunde ändert sich, Kundenorientierung und seine „experience journey“ müssen dich interessieren, wenn deine agile Organisation in dem Sog der Märkte überleben soll.
  • Mach ruhig mal eine „digitale Entschlackungskur“ ein- oder zweimal die Woche, um auf dich selbst zu achten. Bete, schließ dich in dein stilles Kämmerlein und sei mal für niemanden zu erreichen. Sei aber auch wachsam für die schleichenden oder schlagartigen Entwicklungen. Überdenke, welche Konsequenzen dich betreffen werden, und entwickle deine eigenen Nischenstrategien, um dich anzupassen und auch Impulse in dein Umfeld abzusetzen.
  • In allem verbergen sich immer Gefahren, aber auch Chancen. Wichtig ist, dass du die Chance erkennst, in allem. Immer. Und: „Habe niemals Angst, etwas Neues zu versuchen. Denke immer daran: Amateure bauten die Arche und Profis die Titanic!“

Tobias Illig berät Unternehmen und Führungskräfte in Sachen Digitalisierung und ihre Auswirkungen auf Führung, agile Organisation und Zusammenarbeit (www.tobiasillig.com). Sein Buch „Die stärkenfokussierte Organisation“ behandelt den Aufbau und das Management einer starken Organisation. Tobias ist ehrenamtlich im Vorstand der deutschen Navigatoren tätig, verheiratet und betreut familiär vier Personalentwicklungsprojekte.

LINKLISTE ZU WICHTIGEN TOOLS:

www.asana.com – Aufgabenverwaltung im Team
www.meistertask.com – To-do-Liste
www.mindmeister.com – Brainstorming-Tool
www.wunderlist.com – To-do-Liste
https://job-futuromat.ard.de – Check: Wie betroffen ist dein Job von Automation?
www.zoom.us – Videochatsystem

The President first?

SERIE: POLITIKBETRIEB VON INNEN

Frank-Walter Steinmeier und die Nächstenliebe

Es wird November. Der Winter steht vor der Tür, die Nächte werden empfindlich kalt. „Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr“, schreibt Rainer Maria Rilke in seinem bekannten Gedicht „Herbsttag“. Wie Recht er hat. Wer in der kalten Jahreszeit kein Haus hat, keine Wohnung, kein Obdach – wo kommt der unter? Im Behelfsquartier oder in einer Notunterkunft. Oder nirgends: Viele Obdachlose bleiben auf der Straße.
Und das kann lebensgefährlich sein. Als 1984 in Berlin ein Mann auf der Straße erfriert, wird die Stadtmission aktiv: Sie setzt einen Kältebus ein, der direkt zu den Obdachlosen fährt. Mitarbeiter fahren zu den bekannten Plätzen, an denen Obdachlose leben, oder nehmen Hinweise aus der Bevölkerung auf, die einen Menschen auf der Straße gesehen haben. Zwei Busse der Stadtmission sind Nacht für Nacht in Berlin unterwegs. Von November bis März, von neun Uhr abends bis drei Uhr morgens. Sozialarbeiter und ehrenamtliche Helfer bieten heißen Tee an, versorgen die Menschen mit warmer Kleidung und Decken oder bringen sie, wenn gewünscht, zu einer Notschlafstelle.
Obdachlosigkeit ist bis heute ein gravierendes Problem in Deutschland. Das wäre einen eigenen Artikel wert. Hier und heute soll es aber um einen prominenten Unterstützer der Stadtmission gehen: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier.
2015 begleitete der damalige Außenminister die Streetworker im Kältebus für eine Nacht. Er schenkte Tee aus, sprach mit Obdachlosen. Sein Besuch kam nicht von ungefähr und war viel mehr als ein PR-Gag. Schon einige Jahre davor hatte er die Bahnhofsmission besucht und kräftig beim Broteschmieren geholfen. Auch in seinem Brandenburger Wahlkreis engagiert sich Steinmeier für die Arbeit der Notunterkunft.
Obdachlosigkeit beschäftigt den SPD-Mann seit Langem. Seine 1991 abgeschlossene Promotion widmete der Jurist dem Thema: „Bürger ohne Obdach – Zwischen Pflicht zur Unterkunft und Recht auf Wohnraum: Tradition und Perspektiven staatlicher Intervention zur Verhinderung und Beseitigung von Obdachlosigkeit.“

KEIN THEORETIKER
Steinmeier beließ es nicht bei der Theorie. Bei seinen Besuchen macht er sich ein eigenes Bild und packt tatkräftig mit an. Oder er greift in die Tasche: Im vergangenen Jahr wurde dem Außenminister in der Schweiz der „Europapreis für politische Kultur“ der Hans-Ringier Stiftung verliehen. Dotiert ist diese renommierte Auszeichnung mit 50.000 Euro. Steinmeier stiftete das Geld komplett an die Berliner Bahnhofsmission (übrigens ohne das ganz große Presse-Bohei). Ein wichtiger Baustein für den Bau eines neuen Beratungs- und Veranstaltungszentrums, das Anfang 2018 eröffnet werden soll. Benötigt wird es wegen der gestiegenen Zahl obdachloser Menschen.
Eher ins Private gehört Steinmeiers Nierenspende. Dennoch möchte ich es erwähnen, denn hier zeigt sich eine Haltung: Als seine Ehefrau Elke Büdenbender 2010 schwer erkrankte und eine Transplantation benötigte, zog sich der Politiker für einige Wochen von den Amtsgeschäften zurück und spendete ihr eine seiner Nieren. 2015 kommentierte er den Jahrestag der Transplantation: „Wir feiern jetzt beide gemeinsam den fünften Geburtstag.“
Warum schreibe ich das alles? Steinmeier ist kein Heiliger. Auch kein perfekter Politiker. Und für das Amt des Bundespräsidenten war er der politische Kompromisskandidat. Aber mit seiner persönlichen Integrität und Glaubwürdigkeit hat er die Möglichkeit, diesem Amt die nötige Würde zu verleihen.
Der Bundespräsident ist der erste Mann im Staat, seine Frau ist die „First Lady“. An ihnen richten sich viele Bürger aus. Die Macht des Präsidenten in Deutschland ist nach den Erfahrungen des Dritten Reiches bewusst beschränkt worden. Anders als etwa in den USA, in Russland oder der Türkei, wo die Präsidenten die Regierungsgeschäfte führen.

DIE MACHT DES WORTES
Einem deutschen Staatsoberhaupt bleibt vor allem die Macht des Wortes. Dessen Bedeutung aber ist nicht zu unterschätzen. Das haben viele von Steinmeiers Vorgängern eindrucksvoll gezeigt. Denken wir an Richard von Weizsäckers Rede zum 8. Mai, in der er das Ende des Zweiten Weltkriegs einen „Tag der Befreiung“ nannte und damit einen neuen Umgang mit der deutschen Geschichte initiierte. Oder nehmen wir Roman Herzogs bekannte Rede vom „Ruck“, der durch Deutschland gehen müsse, und mit der er eben diesen Ruck auch auslöste.
Christen wissen: Das Wort ist mächtig. Worte schaffen Wirklichkeit. Worte prägen Kultur. Luthers Wortgewalt ist das eindrücklichste Beispiel. Vor allem aber wirkt das Wort, wenn es Fleisch wird. Wenn es Gestalt annimmt. Wenn Worte nicht Gerede sind, sondern aus Worten auch Taten werden.
Ein Bundespräsident ist ein Vorbild. Er hat die Macht, Worte zu wählen, Themen zu setzen – und er hat die Pflicht, sie zu verkörpern. In Tat und Wahrheit. Steinmeier tut das. Ihm gebührt dafür Anerkennung. Respekt. Solche Vorbilder brauchen wir. Heute mehr denn je.

 

Uwe Heimowski (52) ist ehrenamtlicher Stadtrat in Gera. Er ist verheiratet mit Christine und Vater von fünf Kindern. Seit dem 1. Oktober 2016 arbeitet er als Beauftragter der Deutschen Evangelischen Allianz beim Deutschen Bundestag in Berlin.

 

Was denken Sie? Stimmen Sie dem Autor zu? Wo würden Sie ihm widersprechen? Diskutieren Sie mit unter www.MOVO.net.

»Sie werden jedes Jahr ärmer!«

Die Zinsen liegen bei null. Das gute alte Sparbuch hat ausgedient. Wie kann dann das Geld heute noch für einen arbeiten? Nachgefragt bei Finanzmakler Hermann Schwietering.

 

Welche Straßen nennen Sie beim Monopoly-Spielen am liebsten Ihr Eigentum?
(lacht) Monopoly spiele ich wahnsinnig gern! Natürlich versuche ich immer, die Schlossallee und die Parkstraße zu bekommen.

Meine Großeltern lebten mir noch das Sparen vor. Was raten Sie Ihren Kindern?
Dass sie ihre Begabung und ihre Berufung leben, dass sie ihr Potenzial erkennen und etwas daraus machen und so ihren Platz im Leben finden.

Und in puncto Finanzen? Für meine Zinserträge im Jahr 2016 bekomme ich nicht mal drei Kugeln Eis. Die Inflation dazugerechnet, schmilzt der kleine Kapitalberg durch die Niedrigzinspolitik langsam ab.
Das ist richtig. Über den Daumen machen Sie derzeit im Jahr 2 % Verlust. Sie werden jedes Jahr automatisch ärmer. Was empfehle ich? Nichts aus der Hüfte. Ich müsste Ihre Ziele und Ihr Risikoprofil kennen. Das würde ich mit Ihnen erarbeiten. Aus den Zielen ergibt sich die Kurz-, Mittel- oder Langfristigkeit einer Anlage, ergänzt mit den individuellen Risikoprofilen. Sobald ich diese kenne, kann ich mich je nach Risikobereitschaft in den Anlageklassen „sicherheitsorientiert“, „ertragsorientiert“, „wachstumsorientiert“ oder „chancenorientiert“ bewegen und entsprechend empfehlen.

Das hört sich sehr komplex an.
Ist es auch, da ein komplexer Prozess in der Auswahl hinterlegt ist. Ich rate, nicht alles auf ein Produkt, sondern auf die richtige Mischung von verschiedenen Produkten zu setzen.

In der Süddeutschen Zeitung las ich: „Männer zocken, Frauen sichern ab.“ Ist an diesem Klischee etwas dran?
Nein! Ich habe schon von vielen Paaren die Risikoprofile abgefragt. Das ist eher eine Frage des Typs, den ich vor mir habe. Ist es ein gewissenhafter Mensch, dann weiß er, was er tut, dann hinterfragt er, dann steigt er tiefer ein. Einer impulsiven Person fällt es leichter, zu zocken.

Welchen Ratschlag würden Sie jeweils einem Dreißiger, Vierziger, Fünfziger geben?
Dem Dreißigjährigen würde ich einen vermögensverwaltenden Ansatz mit einer Mischung aus Aktienfonds und Renten empfehlen, wachstums- und chancenorientiert. Bei einem Vierzigjährigen würde dies auch noch funktionieren, den Aktienanteil würde ich leicht reduzieren. Bei allen spielt der erwartbare Rentenstatus eine große Rolle. Den schaue ich mir genau an. Dem Fünfzigjährigen würde ich eher zu einem mittelfristigen, ertragsorientierten Produkt raten.

Manche Männer setzen auf Aktien. Wie kann man das damit verbundene Risiko minimieren?
Indem Sie auf Fonds setzen. Ich empfehle Fonds mit dem Ansatz einer vermögensverwaltenden Strategie, um so ein Portfolio mit ausgewogenem Risiko zu strukturieren, das den meisten Marktbedingungen, die mittelfristig eintreten könnten, erfolgreich trotzen kann. Ziel ist, dass das Portfolio das investierte Kapital langfristig schützt und über den angestrebten Anlagehorizont stabile Erträge generiert. Dabei ist das eingegangene Risiko bzw. die Risikotragfähigkeit des Kunden ein wichtiger Punkt, den man im Auge haben sollte. Ich würde mir grundsätzlich aber immer ein unabhängiges Gegenüber suchen.

Also nicht allein zu Hause am Computer?
Auf keinen Fall. Die Finanzprodukte sind so komplex. Da rate ich zu einer gemeinsamen Betrachtungsweise, zum Dialog mit einer Person des Vertrauens. Wenn mir jemand den einzig wahren und richtigen Finanztipp gibt, wäre ich schon vorsichtig.

Wenn ich zu Ihnen käme, wie viel Zeit müsste ich mitbringen?
Meine Beratung setzt eine sehr enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit voraus. Ziel ist eine Begegnung in Offenheit und Vertrauen. Dort, wo ich mich öffne, öffnet sich auch der andere. Das erste Gespräch dient dem gemeinsamen Kennenlernen, der Erfassung der aktuellen Situation einschließlich der Zahlen, Daten und Fakten. Ich würde mit Ihnen einen Lebensrückblick und ein derzeitiges Fazit ziehen.

Hört sich aber mehr nach Lebens- statt nach Finanzberatung an …
(lacht) Eine Seelsorgeausbildung habe ich auch. Mir ist der ganze Mensch wichtig. Ich definiere mit den Kunden tatsächlich Lebens- und Lebensphasenziele. Im Gespräch erfassen wir Rollen – zum Beispiel die Rolle im Beruf, als Ehemann oder Vater – und Aufgaben sowie Ziele, die sich daraus ergeben. Daraus leitet sich so etwas wie die strategische Ausrichtung des Lebens mit seinen Chancen und Risiken ab.

Machen Sie diese Lebensanalyse mit jedem?
Ja, mit denen, die Millionen, aber auch mit denen, die ein kleines Geld auf dem Konto haben. Ich schaue mit den Leuten auf ihr Leben und ihre Rollen. Das eigentliche Thema Finanzplanung kommt erst nach etwa zwei Stunden aufs Tableau.

Was empfehlen Sie, damit sich ein Mann im Alter noch das Wohnen in der Turm-, Elisen- oder Theaterstraße leisten kann?
Das ist eine Frage des Lebensstils. Wichtig ist es, rechtzeitig ein Konzept zu erstellen und darin meine aktuelle sowie die später gewünschte Situation abzubilden. Stürme und Unabwägbarkeiten gehören zum Leben. Die kann man oft nicht steuern, aber ein Sturm dauert nicht viele Jahre. Und in den ruhigen Zeiten gilt es, mit Augenmaß für die Zukunft zu planen. Suchen Sie Männergespräche, nehmen Sie Auszeiten im Kloster oder Ähnliches. Wer hier nachhaltig mit seinen inneren Ressourcen umgeht, wird auch den Weg finden im Blick auf seine finanziellen Ressourcen.

Angenommen, Sie kommen auf Los. Sie ziehen sofort 8.000 Euro ein. Was würden Sie damit machen?
Die würde ich langfristig anlegen. Zudem würde ich meiner Frau einen Blumenstrauß kaufen und vielleicht ein, zwei Tage mit ihr irgendwo entspannen.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

 

Rüdiger Jope

 

Hermann Schwietering lebt in Köln. Er ist glücklich verheiratet, mit Leidenschaft Vater und Großvater. Seit 25 Jahren berät er Menschen im Blick auf Finanzen. Er ist Gesellschafter von Plansecur. Er engagiert sich im Vorstand der Stiftung »Bildung.Werte.Leben« und der Stiftung »Kloster Gnadenthal«. Weitere Infos unter: www.h-schwietering.plansecur.de

 

RISIKOPROFILE:
• Sicherheitsorientiert: Erwirtschaftung stetiger Erträge aus Zinsen; Erträge auf Geldmarktniveau
• Ertragsorientiert: Erwirtschaftung stabiler Erträge; höhere Zinseinkommen; mögliche Kursgewinne
• Wachstumsorientiert: höhere Chancen und Risiken vorrangig aus Aktien und Währungen
• Chancenorientiert: hohe bis sehr hohe Chancen und Risiken aus Aktien und Währungen

Hey Boss, ich brauch mehr Geld!

Gehaltsgespräche erfolgreich angehen. Nachgefragt bei Jochen Mai.

 

Wann ist der beste Zeitpunkt, um dem Chef die Bitte um eine Gehaltserhöhung unter die Nase zu reiben?
Kurz vor dem Abschluss eines erfolgreichen Projektes oder beim Jahres- oder Mitarbeitergespräch. Allein mit dem Satz „Hey Boss, ich brauch mehr Geld!“ kommen Sie nicht weit. Nutzen Sie den taktischen Moment.

Was ist für Sie Gehalt?
Gehalt ist der Gegenwert meiner Arbeitsleistung. Ich tausche Arbeit gegen Geld, das ist die Grundregel für eine Gehaltserhöhung. Sprechen Sie lieber von Gehaltsanpassung statt von Gehaltserhöhung.

Warum?
Das mag kleinlich klingen, kann aber einen wesentlichen Unterschied machen. Eine Gehaltserhöhung klingt latent nach „mehr Geld bezahlen“ – nach einer Erhöhung ohne Grund. Bei der Gehaltsanpassung schwingt mit, dass etwas bisher nicht korrekt war und deshalb angepasst werden sollte, und dafür gibt es einen Grund.

Warum tut Mann sich mit der Forderung nach mehr Geld so schwer?
Meine Erfahrung ist: Dies ist kein spezifisches Männer-Frauen-Thema. Es ist Männern und Frauen peinlich, für sich selbst einzutreten. Ihnen ist nicht bewusst, wie viel sie ihrem Chef, ihrem Arbeitgeber wert sind. Der Arbeitgeber ist nicht die Arbeiterwohlfahrt. Wenn ich also mehr Leistung bringe, einen Mehrwert erschaffe, kann ich auch mehr Geld verlangen.

Die folgenden Sätze sollte man Ihrer Überzeugung nach beim Gesprächseinstieg vermeiden: »Es ist mir eigentlich unangenehm, aber …«
Klingt wie die Position eines Bittstellers und schränkt daher ein. Der Satz drückt aus: Ich bin mir eigentlich nicht sicher, ob ich einen Anspruch darauf habe. Das ist ein völlig falscher Ansatz. Bitte unbedingt selbstbewusster auftreten und vorher seine Hausaufgaben machen. Es muss eigentlich dem Chef unangenehm sein, dass er nicht schon längst selbst auf die Idee der Gehaltsanpassung gekommen ist.

»Ich könnte mir so um die 100 Euro vorstellen …«
Viel zu ungenau. „Um die“ ist keine konkrete Zahl. Psychologisch ist es gut, eine konkrete Zahl zu nennen.

»Ich brauche …«
Nochmal: Das Unternehmen ist nicht die Arbeiterwohlfahrt. Die gestiegenen Kinderbetreuungskosten und die Raten fürs Haus sind nicht die Probleme Ihres Arbeitgebers. Sie werden nicht dafür bezahlt, dass Sie ein besseres Leben führen, sondern für Ihre geleistete Arbeit. Sagen Sie besser: Ich habe dies geleistet, werde dies oder jenes in Zukunft tun, daher fände ich es gut, wenn ich Summe X bekäme.

Angenommen, der Chef macht mir überraschenderweise sofort ein gutes Angebot …
Im Zweifelsfall ist da noch mehr drin. Hier spielt der Chef vielleicht auch mit dem Ankereffekt und versucht, Sie einzulullen. Unbedingt weiter verhandeln.

Wie reagiere ich, wenn mich das Angebot ärgert?
Gar nicht ärgern lassen. Gegenvorschlag machen. Gezielt nachhaken. Hart verhandeln. Eine Verhandlung darf man nicht persönlich nehmen. Wenn der Chef ein schlechtes Angebot macht, darf man sich davon nicht gefangen nehmen lassen. Einen klaren und kühlen Kopf bewahren und seine Forderung wiederholen.

Ist der Einwand »Woanders verdiene ich mehr« ein gutes Argument?
Auf keinen Fall. Das führt in eine Sackgasse. Das ist eine Tür, durch die man schlecht zurück kann. Besser wäre es, wenn Sie eine Marktrecherche machen. Was verdienen Menschen in meinem Beruf, meiner Position, meiner Qualifikation in dieser Region in Unternehmen ähnlicher Größe? Damit haben Sie handfeste Argumente in der Hand.

Wie reagiere ich, wenn der Chef schweigt?
Zurückschweigen! Lassen Sie sich bloß nicht zum Labern verführen. Gute Fragen stellen wie: Sehen Sie das anders? Wenn ja, warum?

Wie sieht ein Gewinn für beide Seiten aus?
Ganz klar: Der Chef hat einen zufriedenen Mitarbeiter, der mehr Leistungen bringt, und der Mitarbeiter ist mit seinem Gehalt zufrieden. Gute Verhandlungen laufen immer auf einen Kompromiss hinaus.

Sie haben mich überzeugt, ich schicke morgen meine Frau. Wie schaffe ich den ersten Schritt?
(lacht) Am besten die Eltern schicken. (lacht) Nein! Machen Sie Ihre Hausaufgaben, d. h. notieren Sie die Punkte, die für eine Gehaltserhöhung sprechen. Eine gute Vorbereitung ist das A und O. Dann vereinbaren Sie einen Termin mit dem Chef. Über das Gehalt verhandelt man nicht auf dem Flur.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

 

Rüdiger Jope

 

KARRIEREBIBEL
Der Kommunikationsberater, Autor und Blogger Jochen Mai leitete mehr als zehn Jahre das Ressort »Management + Erfolg« bei der WirtschaftsWoche und fungierte danach einige Jahre als Social Media Manager in der Wirtschaft. Bekannt wurde Mai vor allem als Gründer und Herausgeber von Karrierebibel.de, einem der renommiertesten deutschen Job- und Karriereportale mit rund 3 Millionen Lesern im Monat. Mai ist unter anderem Dozent an der Technischen Hochschule Köln, der Deutschen Presseakademie Berlin und der Zeppelin Universität Friedrichshafen sowie Experte für Content Marketing, Social Media Marketing und Spezialist bei der Entwicklung von Corporate Blogs. Als Keynote-Speaker spricht er regelmäßig auf Fachmessen, Kongressen und Firmenevents.

Die Qual der Wahl

SERIE: POLITIKBETRIEB VON INNEN

Beobachtungen zur US-Wahl von Uwe Heimowski.

Trump, Trump, Trump – eine knappe Woche nach der US-Präsidentenwahl vom 9. November 2016 gehören drei von vier Schlagzeilen Donald Trump. Muss ich mich da auch noch äußern? Nun, wenn man eine Kolumne über den Politikbetrieb schreibt, kann man den Kopf nicht in den Sand stecken. Daher (auch) von meiner Seite ein paar Beobachtungen zum politischen Geschehen dieser Tage.

DEMOKRATISCHE WAHL ODER GLAUBENSBEKENNTNIS?
Selten hatte man bei Wahlen den Eindruck, dass die Positionen so früh so feststanden. Da ging es irgendwie nicht mehr um Meinungsbildung, nicht mehr um das Abwägen von Argumenten, sondern um ein Bekenntnis: Für oder gegen Donald Trump, für oder gegen Hillary Clinton. In Deutschland war für eine überwältigende Mehrheit klar: Trump geht gar nicht! Für die meisten meiner amerikanischen (und übrigens auch russischen) Freunde war das Gegenteil in Stein gemeißelt: No Hillary! In vielen Gesprächen habe ich versucht, zu kitzeln, den Advocatus Diaboli zu spielen, Argumente herauszulocken – es ist mir selten, sehr selten gelungen. Die Meinungen standen fest, dogmatisch wie ein Glaubensbekenntnis. Mehr noch: Ich erntete ziemlichen Gegenwind von der einen wie auch der anderen Seite, wenn ich ein paar kritische Fragen zu ihrem Favoriten stellte. Die jeweils neuesten Enthüllungen änderten wenig bis gar nichts, sie waren einfach neue Munition für das, was vorher schon feststand. Weder der sexistische „locker room trash“ Donald Trumps noch die Enthüllungen um Clintonsche Zusatzeinkünfte scheinen das eigene Lager beeindruckt zu haben. Was passiert da gerade? Brillant aufgelöste HD-Screens bringen uns zehntausende Farben in die Wohnzimmer. Die Bilder dagegen, die wir uns selber machen, werden zunehmend schwarz-weiß. Übrigens nicht nur in der Politik.

WELTUNTERGANG ODER LEGISLATURPERIODE?
In der Euphorie der 1990er-Jahre wurde „das Ende der Geschichte“ (Francis Fukuyama) verkündet. Friedrich Hegel hatte unser westliches Geschichtsbild viele Jahrzehnte geprägt. These und Gegenthese, oder politisch gesprochen: Macht und Gegenmacht führen zum Ausgleich und damit (auch im Konflikt) irgendwann notwendig zu einer Synthese. Die beiden Blöcke des Kalten Krieges waren diese Antagonisten, und nun sei das System überwunden, eine neue Zeitrechnung breche an, hieß es, eine Zeitrechnung ohne Kriege. Diese Euphorie ist lange verflogen. Heute scheint mir eine ähnliche Dynamik zu herrschen. Nur andersherum: Hysterie statt Euphorie, Frust statt Faszination, Angst statt Aufbruch. Als stehe das Ende der Welt vor der Tür. Zum Menetekel wurde sogar das Datum stilisiert: Auf „nine eleven“ folge nun mit „eleven nine“ die nächste Katastrophe. Strukturell liegt beides nicht weit auseinander. Optimisten und Pessimisten meinen beide, die Welt ein für alle Mal erklären zu können. Aber so funktioniert das Leben nicht. Es richtet sich nicht nach unseren Modellen, nicht nach unserer Begeisterung und nicht nach unserer Angst. Die Welt will täglich gestaltet sein. Barack Obama hat es auf den Punkt gebracht mit seinem Kommentar: „Egal was passiert, morgen wird die Sonne aufgehen.“ Das könnte man als Zynismus missdeuten. Oder man kann die positive Kraft begreifen, die in dieser – vermeintlich banalen – Aussage steckt: Ein neuer Tag ist eine neue Chance. In einer Demokratie gilt noch dazu: Legislaturperioden sind begrenzt. Eine Partei und ihre Kandidaten müssen sich erneut zur Wahl stellen. Nichts ist für immer. Schade manchmal, beruhigend meistens.

RESIGNATION ODER VERANTWORTUNG?
Hunderttausende Menschen gingen in den Tagen nach der Wahl auf die Straße, sie demonstrierten gegen Trump mit dem Slogan: „Not my president!“ Ähnlich waren die Reaktionen vieler Briten auf den Brexit. Manchmal braucht die Enttäuschung ein Ventil. Das ist verständlich. Es ist legitim – und in einer Demokratie auch erlaubt. Doch mit Demos alleine erreicht man keine dauerhafte Veränderung. Wer verändern will, übernimmt Verantwortung und zeigt einen langen Atem. Die „68er“ nannten das „den Marsch durch die Institutionen“. Wen die rassistischen Sprüche Trumps getroffen haben, der sollte sich aktiv für Migranten engagieren. Wer den politischen Filz der Clintons kritisiert, der sollte sich für Transparenz einsetzen und mit gutem Vorbild vorangehen, indem er sich eine eigene, unabhängige Meinung bildet. Wen der Brexit schockiert, der muss aktiv europäisch denken und handeln. Wer das politische Klima in Deutschland kritisiert, der sollte sich einer Partei anschließen und mitarbeiten. Das Schlimmste, was einer Demokratie passieren kann, ist, dass die Menschen resignieren und nicht mehr aktiv mitgestalten. In den USA las ich diesen kleinen Dialog: „Which party do you vote – democrats or republicans?“ „Cocktail Party.“ So wahr. Aber so wenig hilfreich. Vogel Strauß geht nicht. Wir überlassen das Feld den Falschen. Wenn es für mich eine Erkenntnis aus der US-Wahl gibt, dann diese: Machen wir mit! PS: Wen ich gewählt hätte? Zum Glück musste ich nicht wählen. Bleibt nur zu hoffen, dass 2017 nicht Dieter Bohlen antritt …

 

Uwe Heimowski (52) ist ehrenamtlicher Stadtrat in Gera. Er ist verheiratet mit Christine und Vater von fünf Kindern. Seit dem 1. Oktober 2016 arbeitet er als Beauftragter der Deutschen Evangelischen Allianz beim Deutschen Bundestag in Berlin.

 

Was denken Sie? Stimmen Sie dem Autor zu? Wo würden Sie ihm wider-sprechen? Diskutieren Sie mit unter www.MOVO.net.

Mutig Aufstehen

Andi Weiss besingt in seinem neuesten Album »Laufen Lernen« das Männerleben zwischen Wiege und Bahre. Grund genug, sich mit diesem Poeten einmal in einem Münchner Café zum Plaudern zu treffen.

Heute schon gelaufen?
(lacht) Ja, heute Mittag. Unser Söhnchen fand nicht in den Schlaf. Da habe ich ihn in den Wagen gepackt und 38 Mal ums Haus geschoben. Da spart man sich das Fitnessstudio.

Warum fordern Sie als jemand in der Lebensmitte Menschen auf, laufen zu lernen?
Vor zwei Jahren bin ich Vater geworden. Dabei entdeckte ich: Nicht nur Kinder, sondern auch Eltern müssen laufen lernen. Da erschließt sich einem ein ganz neues Universum. Das Leben fordert uns heraus, immer wieder ins Laufen zu kommen. Es gilt, neue Wegstrecken unter die Füße zu nehmen, sich neue Ziele zu setzen, sich bewusst zu sagen: Diesen Weg bin ich jetzt 38 Mal gelaufen, jetzt wird es aber Zeit, sich diese Strecke aus einer neuen Perspektive anzuschauen, oder aber einen anderen Weg einzuschlagen, um sich wieder herauszufordern.

Und warum tun wir Männer es dann nicht?
Weil uns Bequemlichkeit und Angst in die Quere kommen.

Mit dem Laufen verbinden viele Schweiß, Muskelkater, Atemlosigkeit. Sie gewinnen dem Laufen offensichtlich etwas Positives ab?
Ähm. Nächste Frage, bitte. Ein Freund von mir, der weiß, wie viel Sport ich treibe, sagte mir: Andi, der Titel der CD ist unglaubwürdig. (lacht herzhaft) Ehrlich: Ich bin nicht der sportliche Schwitzer. Mich interessiert aber der Lebensschweiß. Mir liegen Menschen am Herzen, die sich im Leben schon einmal eine blutige Nase geholt haben oder abends fix und fertig nach Hause kommen.

Ihre CD ist daher nicht nur ein Genuss für sportliche Männer?
Definitiv nicht.

Wie ein roter Faden zieht sich durch die Scheibe das Motto „Aufstehen nach dem Hinfallen“. Was wollen Sie damit ausdrücken?
Ich schreibe Lieder aus meinem Lebenskontext. Ich bin Familienvater, Ehemann, Vater, Freund, Nachbar, Diakon, Logotherapeut,… Und in diesem Sein scheitert man eben auch. Wir brauchen auch unter Männern, in unseren Beziehungen und in unseren Gemeinden eine Kultur des Scheiterns.

Sollen wir mehr zu unseren Schwächen und Fehlern stehen?
(leidenschaftlich) Unbedingt! Wir frönen nicht selten einer geistlichen Olympiade: „Mein Haus, mein Auto, mein Garten… Das bin ich, das kann ich, das habe ich erreicht, das ist meine Gebetserhörung.“ Gerade wir Männer sind großartig in dieser Disziplin. Und genau darin müssen wir fröhlich umdenken lernen: „Hey, es gehört auch zum Leben, dass ich Brüche und Wunden habe, dass ich begrenzt bin.“ Papst Franziskus sagt: Die Kirche soll ein Lazarett sein. Damit drückt er aus: Das Scheitern und Hinfallen gehört zum Leben, auch von uns Männern.

Sie singen in einem Refrain „Ich bring dich durch den Sturm“. Welche Botschaft verbirgt sich für Männer (und Frauen) dahinter, denen sprichwörtlich das Wasser bis zum Hals steht, deren Lebensboot am Absaufen ist?
Ein Mann kam zu mir und packte ehrlich aus, wie es um ihn steht. Er sagte: „Im Beruf, in der Familie, überall muss ich der starke Mann sein, aber keiner merkt, wie es um mich herum und in mir stürmt. Aus Stolz gegenüber meiner Frau, meiner Gemeinde, meinen Freunden und aus Angst, als Schwächling dazustehen, erzähle ich niemandem von den Wellen, die mich zu überspülen drohen.“ Genau aus diesem Grund liegt all meinen Liedern die Wahrheit aus Psalm 23 zugrunde: Und ob ich schon wanderte durchs dunkle Tal, du bist bei mir. Dein Stecken und Stab trösten mich.

Das habe ich vor 35 Jahren im Konfirmandenunterricht auch schon gehört …
Es mag billig klingen, weil es inzwischen auf jeder dritten Sonnenuntergangskarte steht, aber wenn wir über den Glauben reden und diesen Trost ins Spiel bringen, haben wir alles über unseren Glauben gesagt. Gottes Gegenwart zeigt sich nicht in der Gesundheit, im eigenen Häuschen, in dem ich 38 Kinder mit biblischen Vornamen habe und zwanzig Jobs in der Gemeinde ausfülle, sondern darin, dass ich nicht allein bin in den Dunkelheiten des Lebens.

Haben Sie eine Lieblingsstelle in der Bibel, in der es ums Laufen geht?
Ja, Philipper 3,12-14. Als Logotherapeut ist es mir wichtig, nicht nur nach vorne zu schauen. Um mich zu verstehen, muss ich wissen, woher ich komme, was mich geprägt hat. Biografiearbeit ist wichtig, aber es gibt eben auch den Moment in der Begleitung und im Leben, wo es heißt: Jetzt gilt, nicht mehr zurückzuschauen, sondern zum Gestalter des eigenen Lebens zu werden. Männer sollten nach dem Scheitern mutig aufstehen.

Ihre Botschaft an die, die sich noch nicht aufraffen können?
Hab keine Angst vor Menschen und vor Gott. Liebe dich selbst und gehe Risiken ein.

Warum sollte ein Mann nicht allein laufen?
(stöhnt) Der Mann, der einsame Wolf. Das ist so ein typisches, aber eben auch trauriges und wahres Bild. Ich habe viele gute Freunde, die mir alle sagen: Eigentlich bin ich Einzelgänger. Obwohl ich viele Freunde habe, erlebe ich mich auch als Einzelgänger. Ich habe eine klasse Frau, die zugleich meine beste Freundin ist. Trotzdem scheint es typisch männlich zu sein, dass man denkt, du bekommst dies auch ohne Nachfragen und Navigation allein auf die Reihe. Wir Männer brauchen jemanden, der uns liebevoll und zugleich kritisch zurückmeldet, wo der Hammer hängt. Wir brauchen Menschen, die uns hinterfragen, alles andere ist billig. Ehrliche Männer und Frauen sind Gold wert, wenn man laufen lernen will.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

 

Rüdiger Jope

 

Mehr zu Andi Weiss und seinen Tourneedaten 2017 unter: www.andi-weiss.de

REPOWERING

Wenn Windkraftanlagen etwas übers Männerleben erzählen

Das Thema Windkraft fasziniert mich. Und es verfolgt mich – es begegnet mir in meinem Leben immer wieder auf verschiedenen Ebenen. Mein erster Kontakt mit Windkraft war ganz handgreiflich: Während meiner Zivildienstzeit, die ich am Dü-nenhof in der Nähe von Cuxhaven verbracht habe, wurde dort auf dem Gelände des Freizeitheims eine Windkraftanlage errichtet. Zunächst war da einfach die Begeisterung für so eine Baustelle mit einem Schwertransport ins unwegsame Gelände und einem Mobilkran, dessen Fahrer mit filigraner Steuerkunst zunächst die Stahlröhren des Turmes punktgenau aufeinandersetzte. Anschließend wurde in 30 Metern Höhe die Gondel montiert und zum Schluss kam das „Fummeligste“: Die Rotorblätter mussten an der Nabe befestigt werden – auch das gelang, obwohl während der Montage ein ordentlicher Wind wehte. Aus heutiger Sicht ist die Anlage ein Zwerg, aber 1991 war es schon eines der größeren Modelle auf dem Markt: Nabenhöhe 30 Meter, Rotorblätter mit 12 Metern Länge und ein 150-kW-Generator, der die Strommenge für mindestens 100 Haushalte erzeugte. Nur so zum Vergleich: Eine der aktuell größten serienmäßig hergestellten Onshore-WKA’s hat eine Nennleistung von 7600 kW, eine Nabenhöhe von 135 Metern und einen Rotordurchmesser von 127 Metern, sodass die Rotorspitzen bis 198,5 Meter in die Höhe ragen – gigantisch!

IM WIND STEHEN
Ich war und bin beeindruckt von der vergleichsweise simplen Form der Stromerzeugung und verfolgte mit, wie die Anlage am Dünenhof durch ihren windexponierten Standort zu einer der Anlagen mit der größten Stromausbeute ihres Typs wurde. Auch die Ästhetik und Eleganz der schlanken Architektur und der drei gleichmäßig kreisenden Rotorblätter trugen mit zu meiner Faszination bei. Und dann dieses Bild: Die WKA stellt sich in den Wind, sie bietet Angriffsfläche für eine unsichtbare Kraft. Sie lässt sich in Bewegung versetzen, sie erzeugt Energie. Höhe, Kraft, Bewegung, Dynamik, …

Das Bild gewann vor etwa zehn Jahren eine weitere Facette für mich: Ein Freund hatte einen bildlichen Eindruck für mich, bei dem es um eine WKA ging. Ich spürte sofort, dass dies ein Bild und auch eine Zusage für mich war. Leider war es in diesem Bild nicht eine stolze Anlage, die mit ruhig und gleichmäßig drehendem Rotor im Wind steht, sondern sie drehte sich nur langsam, knarzte und stockte. Es waren auch Monteure dort, die an der Anlage mit eher mäßigem Erfolg herumdokterten, aber sie wurden weggeschickt, von einem, der sich der Sache mit viel Zeit und Geduld annahm – und der die Anlage letztlich wieder in Schwung brachte. Das war „mein Bild“, das ich aufschrieb und an das ich mich oft erinnerte, aber ich wusste nicht, ob, wann und wie es in meinem Leben Anwendung finden würde …

DAS LEBEN IST EINE BAUSTELLE
Inzwischen habe ich so eine Ahnung, an welchem Punkt in dem Bild ich mich gerade befinde. Vor einigen Jahren rutschte ich in eine Phase, in der ich mich in meiner Arbeit total „verzettelte“, meiner Familie nicht mehr gerecht wurde, krampfhaft versuchte, es allen recht zu machen, und dadurch alles nur noch schlimmer machte. Ich musste eine Notbremse ziehen, sonst hätte mein Körper die Notbremse gezogen und mich wahrscheinlich mit einem handfesten Burnout eingebremst. Ich verordnete mir eine Auszeit und merkte schnell, dass ich danach nicht einfach auf eigene Faust weitermachen konnte. „Das Leben ist eine Baustelle“, der Titel eines Filmes aus dem Jahr 1997, bringt es gut auf den Punkt. Mein Leben ist eine Baustelle, auch wenn es mir schwerfällt, das zu akzeptieren und mit dieser persönlichen Baustelle richtig umzugehen. Dass es da Dinge zu bearbeiten gibt, war mir ja schon lange klar, aber ich habe lieber ein wenig Flatterband zur Pseudo-Absicherung am Rand der Baustelle befestigt, damit ja keiner die Baustelle betritt und mitbekommt, wie es dort aussieht.

Natürlich wurde dadurch nichts besser und der Sanierungsstau fing an, sich aufzubauen. „Baustelle“, das hatte immer einen negativen Beigeschmack für mich. Dabei sind Baustellen wichtig: Ohne Baustellen gibt es keine Veränderung und Verbesserung. Wichtig ist nur, wie ich mit meiner Baustelle umgehe, ich brauche eine gut geführte Baustelle. Und die Verantwortung für diese Baustelle hat kein anderer als ich selbst. Deshalb will ich lernen, ein guter Bauleiter zu werden. Ein guter Bauleiter muss nicht alles können und wissen, aber er muss die Fähigkeit haben, im richtigen Moment Experten mit der erforderlichen Fachkompetenz ins Boot zu holen. Das kann ganz unterschiedlich aussehen.

Dem einen reicht es, im richtigen Moment in eine gute, tragfähige Männerfreundschaft oder Zweierschaft zu investieren. Anderen mag es wie mir gehen: Für die ist eine Entscheidung für helfende Begleitung in Form von Seelsorge, Coaching oder therapeutischer Beratung dran. Auch eine längere Auszeit, Kur oder Therapie schiebt der eine oder andere vielleicht vor sich her. Wichtig scheint mir, dass wir uns nicht durch unsere inneren Kämpfe, Baustellen, Einsamkeit, Vermeidungsstrategien und Stolpersteine bis in einen Burnout oder in eine psychische Erkrankung treiben lassen. Es gilt, ein guter Bauleiter zu werden und Verantwortung für die eigenen Veränderungsprozesse zu übernehmen. Inzwischen genieße ich es sehr, Teil einer verbindlichen Gruppe von Männern zu sein, sehr intensiven und ehrlichen Austausch über unsere „Baustellen“ zu haben und gemeinsam voranzukommen. Sicher läuft noch nicht alles wie geschmiert, aber bei der knarzenden und schwergängigen WKA aus meinem „Bild“ haben sich doch viele wesentliche Punkte verändert, und sie dreht sich nun ruhiger und gleichmäßiger.

EFFIZIENTER WERDEN
Repowering – dieser Begriff ist gerade ein wichtiges Stichwort in der Windkraft-Szene. Es bedeutet, dass bei älteren bestehenden Anlagen die Turbinen durch leistungsfähigere und effizientere ersetzt werden. In manchen Fällen wird sogar an einem vorhandenen Standort eine alte Anlage komplett rückgebaut und durch eine neue, größere ersetzt. Die aktuellen Turbinen sind so konzipiert, dass sie ruhiger und langsamer laufen und trotzdem effizienter arbeiten. Ich wünsche mir persönliches Repowering, auch wenn das heißt, dass ich an mir arbeiten muss, und dass in einigen Lebensbereichen Dinge ersetzt und erneuert werden müssen – wenn es hinterher ruhiger und effizienter läuft, dann ist es das wert.

Und was ist aus „meiner“ ersten WKA am Dünenhof geworden? Sie hatte im wahrsten Sinne des Wortes einen Burnout: Der Generator ist in Brand geraten und wurde komplett zerstört. Aber auch sie hat ein Repowering erfahren und hat von einer baugleichen Anlage mit geringerer Laufleistung ein neues Turbinenhaus geerbt – und so steht sie weiter als Landmarke im Wind.

 

Jan Schulte arbeitet als selbstständiger Architekt in Lemgo, ist verheiratet mit Sandra, gemeinsam haben sie drei Söhne und einen Hund.

 

Weiterführende Links:
www.live-gemeinschaft.de/fuer-maenner/die-maennerreise/
www.duenenhof.org

Wer verdient, was er verdient?

SERIE: POLITIKBETRIEB VON INNEN

»Die da oben sahnen die fetten Diäten ab. Dem kleinen Mann auf der Straße bleibt nichts im Geldbeutel«, sagt der Volksmund. Uwe Heimowski wagt den Faktencheck.

Die denken doch, das ist ein Selbstbedienungsladen – erhöhen sich ihre Diäten, wie sie wollen!“, schimpfte da neulich einer. Der Mann war in Fahrt gekommen. Nach den Politikern nahm er sich die Beamten vor, die Banker, die Ausbeuter im Allgemeinen und seinen Chef im Besonderen. Diese Typen bekämen allesamt sowieso schon viel zu viel und nähmen sich immer mehr, er selber hingegen verdiene schon immer viel zu wenig und niemand störe sich daran. Saftladen!
Keine Frage: Es gibt sie, die gravierenden Ungerechtigkeiten. Wenn ein Mensch trotz 40-Stunden-Woche auf Unterstützung angewiesen ist – das ist schlicht und ergreifend entwürdigend. Oder sehen wir uns den globalen Zusammenhang an: Wenn wir, die Menschen auf der nördlichen Hälfte des Erdballs, einfach mal qua Geburt mit Nahrung, Wohnung und Sozialleistungen versorgt sind, während im Süden für viele mit dem ersten Atemzug der tägliche Überlebenskampf beginnt. Soll das gerecht sein?

AUGEN AUF FÜR DIE UNGERECHTIGKEITEN
Wir dürfen die Augen vor diesen Ungerechtigkeiten nicht verschließen. Gerade Christen sind aufgefordert, für Recht und Gerechtigkeit einzustehen: „Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach“ (Amos 5,24). Und doch möchte ich mal die Frage stellen: Regen wir uns vielleicht vor allem dann auf, wenn wir selber nicht auf der Sonnenseite stehen? Sehen wir Ungerechtigkeiten auch bei den anderen? Oder nur den eigenen (vermeintlichen) Nachteil?
Nun zum „Selbstbedienungsladen“ der Politiker. Das Einkommen von Bundestagsabgeordneten ist öffentlich und wird auf www.bundestag.de sehr transparent erklärt: „Das meist als Hauptberuf wahrgenommene Amt des Parlamentariers muss finanziell so ausgestattet sein, dass es für alle offen steht: sowohl für bisher abhängig Beschäftigte als auch für Selbstständige oder Freiberufler. Die Entschädigung muss für alle Abgeordneten gleich sein, ihre Unabhängigkeit sichern und eine Lebensführung gestatten, ‚die der Bedeutung des Amtes angemessen ist‘. Das hat das Bundesverfassungsgericht 1975 verbindlich festgelegt. Grundsätzlich gilt, dass alle gewählten Abgeordneten in der Lage sein sollen, effektiv ihre vielseitigen Aufgaben zu erfüllen. Zum 1. Juli 2016 ist die Entschädigung auf Grundlage der Entwicklung des Nominallohnindexes auf monatlich 9.327,21 Euro angepasst worden. Zur Entschädigung kommt eine steuerfreie Aufwandspauschale für die sogenannte Amtsausstattung hinzu. Diese Pauschale wird jährlich zum 1. Januar an die Lebenshaltungskosten angepasst und liegt derzeit bei 4.305,46 Euro monatlich. Davon müssen alle Ausgaben bestritten werden, die zur Ausübung des Mandates anfallen: vom Wahlkreisbüro über den zweiten Wohnsitz in Berlin bis hin zum Büromaterial.“

ZU VIEL IST RELATIV
Ist das zu viel? Es ist deutlich mehr als das Durchschnittseinkommen. Allerdings tragen die 630 Abgeordneten auch eine ganz andere Verantwortung. Sie repräsentieren mehr als 200.000 Menschen in ihrem Wahlkreis. Sie arbeiten 60 Stunden pro Woche und mehr. Sie verdienen weniger als ein Bundesrichter, und deutlich weniger als ein Manager oder ein Profifußballer. Wenn ich das vergleiche, muss ich sagen: Für meine Begriffe bekommen Bundestagsabgeordnete eine angemessene Entschädigung. Was ich allerdings kritisch sehe, sind hohe Nebeneinkünfte. Und noch eine Frage kommt mir in diesem Zusammenhang: Wer verdient eigentlich, was er verdient?
Jesus Christus hat dazu ein Gleichnis erzählt: Ein Mann geht auf Reisen. Für die Zeit der Abwesenheit vertraut er seine Talente, die Währungseinheit jener Zeit, seinen Dienern an. Einer erhält fünf Talente, ein anderer zwei, der letzte eines. Nach seiner Rückkehr erfährt der Mann von den ersten beiden Dienern, dass sie das Talent eingesetzt, damit gewirtschaftet und einen Gewinn erzielt haben. Beide werden gelobt und nun über größere Aufgaben gesetzt. Der Mann mit dem einzigen Talent hingegen hat es vergraben, weil er Angst hatte, etwas Falsches zu tun. Er wird getadelt, sein einziges Talent wird ihm wieder abgenommen. Die Botschaft ist eindeutig: Nicht wie viel jemand verdient, ist die eigentliche Frage – denn die Unterschiede in seinem Gleichnis sind ja gravierend – sondern was jemand aus seinen Talenten macht.

AN DIE EIGENE NASE PACKEN
Der häufigste Grund, dass wir unsere Talente vergraben, ist dieser: Wir schielen auf die anderen. Weil die mehr haben, sind wir unzufrieden. Doch wem hilft das? Lasst uns mal schön unsere eigene Verantwortung wahrnehmen.
Mir fällt Marc ein. Ein junger Autist aus meiner Gemeinde. Vor einigen Jahren ging auf unserem Gemeindekonto ein Dauerauftrag von 5,61 Euro ein. Marc hatte ihn – mit Zustimmung seiner Eltern – eingerichtet. Als ich ihn darauf ansprach, erklärte er mir, dass das zehn Prozent von seinem Taschengeld sind. Marc war Christ geworden und fand es wichtig, den Zehnten zu geben. Wenn sich dieser junge Mann als reich genug wahrnehmen konnte, um etwas weiterzugeben, um wie viel kann ich das dann? Und du. Und die Politiker, die Banker, die Chefs sollten es ebenfalls tun. Gerechtigkeit bedeutet nicht Gleichheit. Gerechtigkeit bedeutet, meine Gaben, meine Zeit und das Geld, das ich verdiene, verantwortlich einzusetzen.

 

Uwe Heimowski (52) ist ehrenamtlicher Stadtrat in Gera. Er ist verheiratet mit Christine und Vater von fünf Kindern. Seit dem 1. Oktober 2016 arbeitet er als Beauftragter der Deutschen Evangelischen Allianz beim Deutschen Bundestag in Berlin.

Was denken Sie? Stimmen Sie dem Autor zu? Wo würden Sie ihm widersprechen? Diskutieren Sie mit unter www.MOVO.net.